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28OKT2021
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Seit Jahren steigt die Zahl der Singles. In Deutschland lebt mittlerweile fast ein Viertel der gesamten Bevölkerung allein. Es sind verwitwete, ledige, geschiedene und getrenntlebende Alleinstehende. Im Volksmund: Singles. Eine große und ganz vielfältige Gruppe von Menschen. Und oft genug bleiben sie unsichtbar. Im vergangenen Bundestagswahlkampf etwa ging es, wenn über Lebensformen diskutiert wurde, vor allem um Paare und Kinder, um Ehegattensplitting und Familienkonstellationen. Kaum zur Sprache kam, wie es den Menschen geht, die alleine leben und ihr Leben gestalten. Vielleicht noch als Alleinerziehende oder als Menschen im Rentenalter.

Warum die nur so selten in den Blick kommen? Leider auch in der Kirche? Ich habe schon den Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft eine Idealvorstellung von Leben gibt. Sie lautet: Ich muss mit jemandem zusammenleben; alleine zu leben, das ist irgendwie nicht gut. In der Bibel heißt es beispielhaft: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“ (Gen 2,19) Allein zu leben, das gilt oftmals als Mangel. Da fehlt doch was, wenn man keinen hat, mit dem man das Leben teilt und sich austauscht.

Ich finde das falsch. Aus zwei Gründen. Zum einen ist jeder Mensch wichtig und wertvoll, ist ein Ebenbild Gottes. Auch das ist biblisches Wissen. Nicht erst Partnerschaft oder Beziehung machen den Menschen komplett. Vor Gott ist jeder Mensch vollständig. Zum zweiten: Viele Menschen, die alleine leben, bringen sich in die Gesellschaft ein. Dafür braucht es keine Partnerschaft. Meine Großtante lebte allein, war Lehrerin und hat Hunderten von Kindern einen guten Start in die Schule geschenkt. Wie viele andere stand sie in ihrem Beruf ihre Frau. Ihre Lebenssituation war nachrangig.

Außerdem weiß wohl jeder Mensch, der in einer Partnerschaft oder Familie lebt, dass es ganz schön wichtig ist, auch einmal allein zu sein. Sich zurückzuziehen und Dinge mit sich selbst auszumachen. Trotz Beziehung also auch Single zu bleiben. Ich finde deshalb haben Singles ein Recht darauf, dass ihr Bedürfnisse zur Sprache kommen: in der Gesellschaft und den Kirchen.

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27OKT2021
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Armut, radikale, ums Leben bringende Armut, das kennen heute viele nur aus den Nachrichten und aus den Ländern im globalen Süden. Sicher, auch bei uns, im reichen Westen, gibt es Armut. Kinder sind leider ein Armutsrisiko, Altersarmut eine reale Gefahr. Trotz aller sozialer Sicherungssysteme. Aber zumindest die gibt es heute. Und damit eine Chance, dass alle Menschen ein halbwegs auskömmliches Leben führen können. Dass zumindest kein Hunger herrscht.

Heute vor 30 Jahren sprach Papst Johannes Paul II. den deutschen Priester Adolph Kolping selig. Ein Mann, der im 19. Jahrhundert gegen die Armut ankämpft. In einer Zeit, in der es noch keine Renten- und Krankenversicherung gibt. Die kommt nämlich erst Ende des 19. Jahrhunderts.

Adolph Kolping wird 1813 in Kerpen bei Köln geboren. Sein Vater ist Schäfer und Kleinbauer, seine Mutter kümmert sich um die Großfamilie. Kolping wird Schuster und kommt mit 16 Jahren als Geselle nach Köln. Der Schäfersohn kennt die Armut, aber was er in der Großstadt an Lebensbedingungen antrifft, das übersteigt all seine Erfahrung. Menschen leben wie Sklaven, Kinder arbeiten in Fabriken, Familien hausen in erbärmlichen Slums. Kolping entschließt sich, Priester zu werden. Damals fast der einzige Beruf, der auch die Sozialarbeit umfasst. Kolping geht dafür noch aufs Gymnasium, ein Theologiestudium schließt sich an.

Kolping weiß, dass er nicht für alle da sein kann. Und so setzt er sich besonders für die ein, deren Situation er aus eigener Erfahrung kennt: Gesellen. Junge Männer, die einen Beruf erlernt haben und dann losziehen und eine Arbeitsstelle suchen müssen. Kolping gründet Gesellenvereine, baut Gesellenhospize, in denen die jungen Männer auf ihrer Wanderschaft übernachten können, er stiftet Gemeinschaft. Bis heute wirkt seine Arbeit.

Was mich fasziniert: Glauben heißt bei Kolping Handeln. Sich ganz konkret für die Menschen einsetzen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Nicht groß rumreden oder schön predigen, sondern anpacken. Das finde ich stark. Weil es zeigt, wie sehr Glaube die Welt zum Guten verwandeln kann.

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26OKT2021
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Irgendwie war es gefühlt schon immer da, das Telefon. In meinem Elternhaus stand es auf der Anrichte. Noch mit Wählscheibe. Und einem grauen Kabel. Wer telefoniert hat, für den gab es keine Privatsphäre. Jeder im Haus konnte hören, was man so sagte. Zum Handy von heute war es noch ein ganz schön weiter Weg. Vor allem, wenn man in die Anfangstage des Telefonierens zurückgeht. Bis ins Jahr 1861. Heute vor genau 160 Jahren stellt nämlich Johann Philipp Reis das erste Fernsprechgerät im Physikalischen Verein zu Frankfurt am Main vor. Es war der Vorläufer des modernen Telefons. Reis entwickelte das erste funktionierende Gerät, das Sprache über elektrische Leitungen übertragen konnte. Auch der Name Telephon ist eine Erfindung von Johann Philipp Reis.

Heute ist das Telefon allgegenwärtig. In der Innenstadt, auf einem Bahnhof, im Bus, in Konzerten und beim Sport. Immer hat irgendwer ein Handy in der Hand. Manchmal nervt das gewaltig. Da sitze ich im Restaurant und nebenan muss jemand die Speisen erst fotografieren, bevor er essen kann. Da fahre ich mit dem Zug und garantiert telefoniert jemand lautstark mit seinem Büro oder seiner Familie. Da gehe ich durch die Stadt und sehe nur Menschen, die auf ihr Handy starren. So, als ginge es nicht mehr ohne.

Aber zugleich bin ich auch unendlich dankbar für das Telefon. Es ist mehr als nur eine technische Erfindung und mehr als der Gegenstand, ohne den viele sich ihr Leben heute kaum mehr vorstellen können. Es ist auch ein Gerät, das Menschen miteinander verbindet. Ich kann mit dem Telefon spielend leicht Entfernungen überwinden. Kann meine Geschwister anrufen, die weit entfernt leben. Ich kann zu alten Freunden aus dem Studium Kontakt halten. Ich kann heute sogar Videoanrufe mit unseren Kindern machen.

Ich bin einfach nur dankbar, dass es das Telefon gibt. Bin dankbar für Menschen, die Ideen und Erfindergeist haben. Die damit Menschen zusammenbringen. Denn egal, ob es der graue Apparat mit Wählscheibe ist oder ein Handy, auf dem ich rumwischen kann, es tut einfach gut, verbunden zu sein.

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25OKT2021
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Herbstfarben. Das sind Farben, die lassen mein Herz aufgehen. Ich mag es zwar auch, wenn alles grün ist. Gerade im Frühjahr nach einem langen Winter. Aber wenn der Herbst kommt, dann geht mir das wirklich nahe. Gerade wenn die Sonne scheint und die unzähligen Rot-, Gelb- und Brauntöne so richtig zum Strahlen bringt. Der Herbst, das ist einfach eine Jahreszeit für die Seele.

Aber erst vor kurzem habe ich gelesen, warum sich überhaupt das Laub verfärbt. Ganz simpel gesprochen: Weil das Grün verschwindet. Dann haben die anderen Farben ihren großen Auftritt. Wenn die Temperaturen sinken, die Tage kürzer werden, das Sonnenlicht abnimmt, dann schalten die Bäume langsam in einen Wintermodus. Ein wichtiger Bestandteil dieses Winterschlafs: Der grüne Farbstoff in den Blättern, Chlorophyll. Der wird jetzt aus den Blättern abgezogen und in Wurzeln, Ästen und im Stamm eingelagert. Dadurch tritt ein faszinierender Effekt ein: Das Grün geht und die gelben, roten und orangen Pigmente des Blattes kommen plötzlich zum Vorschein. Die Farbstoffe stecken immer in den Blättern, werden aber sonst vom Grün überdeckt.

Die Natur ist faszinierend und zauberhaft. Sie ist aber auch eine große Lehrmeisterin für das Leben. Schon seit Anbeginn der Menschheit lesen unsere Vorfahren im Buch der Natur. Für mich ist das Spiel von grünen und gelben oder roten Farbstoffen auch so eine Weisheit aus dem Buch der Natur. Es sagt mir: Wenn etwas zu Ende geht, wenn etwas verschwindet, dann erst kann anders sichtbar werden, ans Tageslicht treten. Etwas vielleicht ebenso Wunderbares, wie das, was nun fehlt und verschwunden ist.

Gerade im Herbst finde ich diesen Gedanken tröstlich. Denn der Herbst, das ist traditionell auch die Zeit des Abschieds. Der Sommer geht und mit ihm die Farben, die Wärme, das Licht. Aber die Biologie der bunten Blätter zeigt mir eben: Wenn etwas oder jemand geht, dann kann auch Neues, Farbiges, Anderes in mein Leben treten. Vielleicht sogar kann ich das erst dann sehen, wenn zuvor etwas zu Ende gegangen ist.

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09OKT2021
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Wie ich heiße, wo ich herkomme, wie ich lebe. Das muss ich immer wieder mal erzählen. Wenn ich mich in einer neuen Gruppe vorstelle. Wenn ich neue Bekanntschaften schließe. Da schnurrt mein Leben auf ein paar Fakten, auf einige Geschichten, manchmal auch nur auf wenige Momente zusammen. Sie stehen dann für mein ganzes Leben.

Ich ertappe mich dabei, dass ich dann gerne die hellen, die glücklichen Momente in den Mittelpunkt stelle. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es viele genauso halten. Egal, wer da sein Leben erzählt, fast immer herrschen die guten Seiten und schönen Momente vor.

Aber ganz ehrlich: Richtig spannend wird ein Leben doch erst dann, wenn auch die Niederlagen auf den Tisch kommen. Wenn von peinlichen Momenten erzählt wird. Wenn das, was schiefgelaufen und schlecht war auch zur Sprache kommt.

Denn Leben besteht aus mehr als immer nur neuen Stufen auf einer Erfolgsleiter. Leben ist von Höhen und Tiefen geprägt. Und davon, dass man eben manchmal gar nichts lernt aus vergangenen Erfahrungen. Dass man Fehler immer wieder macht. Ich weiß, dass ich manchmal schneller rede als denke. Und dann mit einer unbedachten Bemerkung andere verletze. Ich weiß das und doch passiert es mir immer wieder.

Ich finde, der ungeschönte Blick auf die eigene Biographie tut auch gut. Er macht mir deutlich, dass ich erlösungsbedürftig bin. Dass ich jemanden brauche, der mir sagt: Es ist ok. Ich trage dir nichts nach. Ich verzeihe dir. Ich mag dich – trotz allem. Trotz der Fehler und aller Schuld. Trotz der Brüche im eigenen Leben.

Ich merke: Ich bin auf die Gnade anderer angewiesen. Darauf angewiesen, dass ich angenommen bin – so wie ich bin. Und ich kann nur hoffen, dass mir das immer wieder passiert. Dass andere gnädig auf mein Leben sehen. Und das heißt auch: Ich soll und darf auch gnädig mit dem Leben anderer umgehen.

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08OKT2021
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Ich erlebe im Moment sehr stark: Es werden Unterschiede zwischen Menschen gemacht. Gerade in der politischen Diskussion, aber auch im Alltag. Wer was zählt. Wer ins Land kommen darf. Wer gerettet werden soll aus Krieg und Not. Es scheint so, als gäbe es unterschiedliche Arten von Menschen.

Mich erinnert das an eine Diskussion, die über 500 Jahre zurückliegt. Damals erobern die Europäer die sogenannte Neue Welt, Südamerika. Einer von ihnen ist Bartolomé de Las Casas. Der Priester ist einer der Eroberer, lebt dort wie viele andere auch: Er hat Sklaven, besitzt Ländereien, macht Geld. 1514 aber kommt die totale Kehrtwende. Las Casas entdeckt bei einer Bibellektüre: Gott ergreift immer wieder Partei für Arme und Unterdrückte. Las Casas begreift: Wenn die Bibel von den Armen redet, für die Gott sich einsetzt, dann meint sie auch die indigenen Völker der Neuen Welt. Er versteht, dass es sich bei ihnen um Menschen handelt, die allen anderen Menschen gleichgestellt sind. Dass auch sie Gottes Geschöpfe sind – wie jeder Mensch überhaupt.

Für den Dichter Hans Magnus Enzensberger ist das die wahre Ent­deckung der Neuen Welt: Dass Las Casas jedem Menschen die gleichen Rechte zuschreibt.

Las Casas setzt seine Erkenntnis in die Tat um. Er verzichtet öffentlich auf die ihm zugetei­lten Skla­ven, gibt seinen Landbesitz auf. Damals ein Skandal. Doch der Priester besteht da­rauf: Die Achtung der Rechte aller Menschen ist eine ver­nunft­ge­mäße Einsicht. Die kann jeder Mensch nach­vollzie­hen. Und für diese Einsicht setzt sich Las Casas ganz praktisch ein - bis vor den Kaiser geht er, um für die Menschen in Lateinamerika zu kämpfen. Las Casas' Einsatz mündet Jahrhunderte später in den allgemeinen Menschenrechten. Und die beharren darauf: Alle Menschen haben die gleiche Würde und darum kommt allen gleiches Recht zu.

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07OKT2021
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Das ist wohl eines der ganz großen Themen im Leben: Dass das Leben glückt und gelingt. So stehe ich jeden morgen auf. In der Hoffnung, dass es ein guter Tag wird. Ein Tag, der mich beglückt und zufrieden macht.

Davon erzählen in der Bibel auch die sogenannten Seligpreisungen. Sie buchstabieren aus, was Glück heißen kann. Sie alle fangen mit einer Formel an: "Selig sind." Das gibt’s auch heute noch. "Ich bin selig", das meint: es ist alles gut, perfekt, ich bin rundum zufrieden.

"Selig sind", das lässt sich also übersetzen mit »Glücklich sind«. Glücklich dürfen nach den Seligpreisungen vor allem die Menschen sein, die in schwierigen Umständen leben: „Selig die Armen! Selig die Trauernden! Selig, die Gerechtigkeit suchen!“ heißt es. Das ist schon merkwürdig. Denn gerade die Armen oder Trauernden haben ja eigentlich wenig Grund, glücklich zu sein.

Doch die Seligpreisungen liefern auch eine Begründung. Selig sind all diese Menschen, weil ihnen das Reich Gottes gehört. Reich Gottes steht hier für ein Leben, in dem eben Armut, Hunger, Trauer und Ungerechtigkeit an ihr Ende kommen. Doch dieses Glück fällt nicht einfach so vom Himmel. Der Zuspruch „Selig sind“ fordert auch auf, Gerechtigkeit zu suchen, barmherzig zu sein, Frieden zu stiften.

So kommen zwei Aspekte in den Blick. Zum einen: Gott sagt Menschen Glück zu. Zum anderen: Das Glück ist ungleich verteilt. Es gibt Arme, Flüchtlinge, Trauernde. Deshalb kommt es auch auf mich an. Weil Glück mehr ist als Privatsache. Glück, das sagen die Seligpreisungen, ist für alle da – und besonders für die, die sonst kein Glück erfahren.

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03OKT2021
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Was unterscheidet und verbindet

Wenn ich an die Deutsche Einheit denke, dann fallen mir vor allem Situationen ein, die mit Menschen zu tun haben. Unsere Heimatgemeinde hatte eine Partnerschaft mit einer Kirchengemeinde in Dresden. Da sind wir öfters hingefahren. Über die damals streng abgeriegelte Grenze. Haben erlebt, wie Menschen in der DDR ihren Glauben unter schwierigen Bedingungen leben mussten. Wenn wir da waren, dann hat unsere Gastfamilie abends das Radio besonders laut angemacht. Damit wir uns etwas freier unterhalten konnten. Und unsere Eltern haben uns eingeschärft, dass wir uns an der Grenze oder auf der Straße unauffällig verhalten sollten.

Später dann, nach dem Fall der Mauer, kamen uns die Leute aus Dresden besuchen. Einheit, Wiedervereinigung, hat da ein Gesicht bekommen. Plötzlich war ein Austausch möglich, ein Hin und Her.

Was mich bis heute geprägt hat: Einheit war da immer mehr als Vereinheitlichung, als Gleichmacherei, als Einheitsbrei. Gerade vor der Wiedervereinigung habe ich erfahren, Einheit ist ganz eng verbunden mit einer Vielfalt. Das Leben unserer Gastfamilie in der DDR und mein Leben und das Leben meiner Familie damals in der Bundesrepublik, es war ganz anders. Unsere Sprache, die Wohnung, die Kleidung, das unterschied sich ziemlich. Was uns aber verbunden hat, was uns Einheit geschenkt hat, das war der gemeinsame Glaube. Aber auch den haben wir unterschiedlich gelebt. Für unsere Gastfamilie in Dresden war der Glaube auch Widerstand gegen das Regime, eine Lebenskunst, er schweißte Menschen zusammen. In den Gottesdienst gehen, bei der Jugendarbeit mitmachen, sich mit anderen in der Kirche treffen, das war immer riskant und ein Statement. Das erforderte Mut. Mein Glaube war dagegen selbstverständlich, unproblematisch, erforderte viel weniger Überzeugung.

Ich habe erlebt: Zusammengehören, eine Einheit bilden und zugleich verschieden sein, vielfarbig und vielfältig sein, das geht zusammen. Gerade der Glaube zeigt das. Und so verbinde ich mit der Einheit - auch heute mit der deutschen Einheit - nicht Einheitlichkeit. Ganz im Gegenteil. Aus meinem Glauben heraus ist mir bewusst, dass Einheit und Vielfalt unbedingt zusammengehören.

Verschieden sein und zusammengehören

Heute, am Tag der Deutschen Einheit, ist der Begriff der Einheit ganz präsent. Dass Einheit und Vielfalt zwei Seiten einer Medaille sein können, darum geht es heute in den Sonntagsgedanken in SWR 4.

Schon in den Schöpfungserzählungen der Bibel findet sich das Thema der Einheit. Da wird erzählt, dass Gott einen Menschen schafft. Einen einzigen. Und schnell muss Gott aber einsehen: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.

Kennen wir ja selber. Es tut gut, sich mit anderen auszutauschen. Mit anderen zu quatschen, zu essen, gemeinsam etwas zu unternehmen. Klar, oft ist es auch gut, mal alleine zu sein. Aber eben nicht immer.

Und so lässt Gott den Menschen einschlafen, nimmt etwas aus einer Seite und schafft daraus einen zweiten Menschen.

In den meisten Bibelübersetzungen schafft Gott diesen zweiten Menschen aus einer Rippe. Im Hebräischen aber ist eigentlich von der Seite des Menschen die Rede. Gott teilt sozusagen den Menschen, macht aus dem einen Menschen zwei. Trennt die ursprüngliche Einheit auf. Der eine, ganze Mensch, er bekommt einen zweiten Menschen an die Seite gestellt. Und zusammen, in Gemeinschaft, können Menschen das Leben bestehen.

Der biblische Text ist allerdings auch da ziemlich eindeutig: Einheit ist gut, aber Einzigkeit tut nicht gut. Menschen brauchen Gemeinschaft. Brauchen andere Menschen. Erst wenn es eine solche Gemeinschaft gibt, dann ist die Schöpfung komplett. Das heißt aber auch: Einheit braucht Verschiedenheit. In der Schöpfungserzählung wird das dadurch deutlich gemacht, dass Gott zwei unterschiedliche Menschen schafft: Frau und Mann. Sie stehen sozusagen symbolisch dafür, dass Menschen ein Gegenüber brauchen, jemanden, der anders ist, als sie selbst.

Ich lese das so: Einheit braucht Vielfalt, Vielfarbigkeit. Das will ich nicht vergessen, heute, am Tag der Deutschen Einheit.

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26SEP2021
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Es ist ein zentraler Teil im christlichen Gottesdienst: Das Abendmahl. Eucharistie, Brotbrechen, göttliche Liturgie, Herrenmahl, heilige Kommunion, Altarsakrament. Es gibt eine Vielzahl von Bezeichnungen dafür. Im Kern geht es um die Erinnerung an das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte. Erinnert wird so auch an das Sterben und die Auferstehung Jesu. Wie genau diese Erinnerung im Gottesdienst verstanden werden muss, darüber streiten Theologie und Kirchen seit Jahrhunderten. Und trotzdem: Überall auf der Welt sind Brot und Wein zentrale Medien im christlichen Gottesdienst. Nicht umsonst gibt es eine Vielzahl von Liedern, die diesen Ritus begleiten. Wie auch »Nimm, o Gott, die Gaben, die wir bringen«.

 

  1. Nimm, o Gott, die Gaben, die wir bringen. Nimm uns selber an mit Brot und Wein. Alles Mühen, Scheitern und Gelingen wollen wir vertrauend dir, unserm Vater, weihn.

 

Während der Text von Raymund Weber erst 2009 veröffentlicht wurde, hat die Melodie schon ein paar Jahre auf dem Buckel. In seiner Schlichtheit erinnert sie an ein Volkslied. Aber ganz so alt ist die Melodie doch nicht. Sie stammt aus dem Musical »Jesus Christ Superstar«. 1970 erschienen feiert das Musical bis heute Erfolge. Hier hört sich das Lied so an.

 

Look at all my trials and tribulations, sinking in a gentle pool of wine. Don't disturb me now, I can see the answers till this evening is this morning life is fine.

 

Im Musical singen die Jünger Jesu dieses Lied. Sie sitzen zusammen, essen gemeinsam. Sie träumen davon, dass dieser Abend ewig weitergeht. Guter Wein, Gespräche, und vielleicht ein bisschen Ruhm, weil sie eben mit Jesus zusammen sind. Doch dann verändert sich im Musical die Stimmung - und folgt damit dem biblischen Text. Denn während die Apostel selig sind, spricht Jesus von Verrat. Legt sich mit Judas an. Im Musical aber träumen die Jünger Jesu, dass ihr Leben immer so weitergeht.

 

Look at al my trials and tribulations, sinking in a gentle pool of wine. What's that in the bread it's gone to my head till this morning is this evening life is fine.

 

Tim Rice, der Texter von »Jesus Christ Superstar«, lieferte dem Komponisten Andrew Lloyd Webber eine Steilvorlage für die Spannung, in der die Abendmahlsszene steht. Mit Freunden essen und trinken einerseits, andererseits aber steht über allem Verrat und der Schatten des Todes.

Raymund Weber knüpft in »Nimm, o Gott, die Gaben, die wir bringen« an diese Spannung an. Sein Text erzählt in sehr traditioneller Sprache von den Gaben, die beim Abendmahl eine zentrale Rolle spielen - und von der Hingabe Jesu am Kreuz.

 

  1. Jesus hat sich für uns hingegeben, durch die Zeit bewahrt in Brot und Wein. Nimm als Lob und Dank auch unser Leben, schließ uns in die Hingabe deines Sohnes ein.

 

Im Musical ist der Abendmahlsaal zu sehen, zu hören ist, was die Jünger träumen und was sie bewegt. In »Nimm, o Gott, die Gaben« geht es um Brot und Wein. Sie sind Symbol für Menschen, für das Leben und den Tod Jesus. Das mündet in den Wunsch, dass Menschen verwandelt werden, dass sie, wie Brot und Wein, zum Lebensmittel für andere Menschen werden.

 

  1. Nimm uns an, sei du in unsrer Mitte, wandle unser Herz wie Brot und Wein. Sei und nah und höre unsre Bitte, neu und ganz geheiligt von deinem Geist zu sein.

 

 

 

Nimm, o Gott, die Gaben, die wir bringen (GL 188)

Text: Raymund Weber (2009)

Musik: Andrew Lloyd Webber (1970)

 

Katholischer Kirchenchor Schömberg

Ostersonntag 2018 in der Stadtkirche St. Peter und Paul in Schömberg Musikalische Leitung: Stephanie Simon

E-Piano: Laurenzia Balzer

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=AwJMUh4Knyg

 

The Last Supper

Text: Tim Rice

Musik: Andrew Lloyd Webber

 

Aus: Jesus Christ Superstar. A Rock Opera (1970)

Disc 2; Track 1 (7:10)

MCD 00501-2/DMCX 501-2

LC 1056

 

Aus: Jesus Christ Superstar (1996/2005)

Disc 2; Track 1 (7:07)

  1. LC 00309
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21AUG2021
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Gerade in den Pandemiezeiten ist viel davon die Rede: Dass alle nur noch an sich denken. An ihre Interessen und Bedürfnisse. Aber die großen Überflutungen in Deutschland in den letzten Wochen zeigen: Es gibt unglaublich viel Hilfsbereitschaft, unglaublich viel selbstlosen Einsatz für andere.

Da kommen direkt nach der Flut viele Menschen, jung und alt, stellen ohne zu zögern ihre Zeit und ihre Kraft zur Verfügung. Und wollen gar nichts dafür. Packen einfach an. Weil es nötig ist. Da liegen bis heute Trümmer in Gärten und Müll in den Straßen. Da sind Häuser unterspült und Asphalt aufgebrochen. Und überall kommen Helferinnen und Helfer, die einfach anpacken. Andere spenden Lebensmittel und alles, was sonst nötig ist. Manche haben gekocht und ihr Essen zu denen gebracht, die keine Küche mehr haben. Oder stellen ein Zimmer zur Verfügung. Spenden Geld.

Klar, davon wird kein Haus wieder aufgebaut und keine Bahnstrecke wieder instandgesetzt. Dafür braucht es staatliche Hilfe. Und zwar schnell und reichlich.

Aber davon unabhängig beeindruckt mich doch die große Hilfsbereitschaft so vieler Menschen. Sie zeigt: Gerade in Notzeiten stehen Menschen zusammen. Wissen, dass Solidarität nötig ist. Da kriegt das Wort Nächstenliebe plötzlich ein ganz konkretes Gesicht.

Wenn ich mich umsehe, dann kann ich das sogar überall entdecken: Dass Menschen sich für andere einsetzen. Wir renovieren ein bisschen – und kriegen ganz ungefragt Hilfe angeboten. Der eine hat eine Leiter, ein anderer eine Schubkarre. Und schon kommen wir besser weiter. Oder: Ich stehe an der Ampel. Ein Mann schiebt seinen Rollator langsam über die Straße. Schon wird es für Fahrräder und Autos grün. Da kommt eine Frau und begleitet den Mann. Und alle warten. Kein Gehupe, keine Ungeduld. Alle merken, dass es halt nicht schneller geht.

Solche Erfahrungen erfüllen mich mit Dankbarkeit. Lassen mich daran glauben, dass wir Menschen mehr als Egoisten sind. Sondern Wesen voller Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Das tut einfach gut – vor allem in schweren Situationen.

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