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Ich möchte Ihnen eine Weihnachtsgeschichte von Edzard Schaper erzählen.

Im Grenzland zwischen Estland und dem kommunistischen Russland lebt der fromme Torfstecher Semjon in einer armseligen Hütte. Er ist Witwer und ernährt sich und seine vier Kinder durch den Verkauf von Torf und Fischen.

Als Semjon im Dämmer des Heiligen Abends nach Hause kommt, den Schlitten bepackt mit einem Tannenbaum und kleinen Geschenken, stellt er fest, dass das Feuer im Ofen erloschen und in der Hütte nichts zum Feueranmachen zu finden ist. Ein Grenzsoldat hat sich am Vortag eine Pfeife  anzünden wollen und aus Versehen die ganze Streichholzschachtel mitgenommen. Eine dramatische Situation: Weil kein Feuer gemacht werden kann, ist es dunkel und eiskalt, es gibt nichts Warmes zu essen, der kleine Tannenbaum bleibt ohne Licht. Semjon beschließt, bei den heimischen Grenzposten Streichhölzer oder ein Feuerzeug zu holen, und ermahnt die Kinder, die Hütte nicht zu verlassen. auch wenn es länger dauern sollte. Sie versprechen es, frierend und voller Sehnsucht.

Der Vater geht in die eisige Nacht hinaus. Unaufhörlich fällt Schnee und flimmert vor seinen Augen. Bald kann er sich nicht mehr orientieren und ist so müde, dass er sich in den Schnee setzt und einschläft. Nun erlebt er in Traumbildern, wonach er sich sehnt: Er sieht sich Feuer machen und die Kerzen am Baum anzünden. „Ach, warm, warm würde es zu den Kindern hinauf auf den Ofen wehen!“ Und dann würde er die Geschenke austeilen und sagen: „Der Herr hat es gegeben, ihr gesegneten Kinder, … in dieser Nacht, in der er auf die Welt gekommen ist!“

Der Lichtstrahl eines russischen Scheinwerfers streift über das Gelände, entdeckt den dasitzenden Mann und schließt sich um ihn wie „eine riesige Hand“. Aber er wacht davon nicht auf, sondern träumt weiter:

Er sieht eine hohe Lichtgestalt auf sich zukommen und erkennt in ihm freudig Jesus Christus, den Herrn. „Er kommt! Er kommt! Es ist ja auch seine heilige Nacht…“  Christus ist von loderndem Feuer umgeben, und als Semjon daran seinen Kerzenstumpf anzünden will, wird es ihm gütig gewährt. Nun will er mit dem gewonnenen Licht möglichst schnell nach Hause.

Doch der Stiefel eines russischen Soldaten stößt ihn in die Seite, man hat ihn aufgespürt. Semjon versucht davonzueilen, nur von dem Wunsch erfüllt, die  „Kinderchen“ nicht länger warten zu lassen. Da rinnt „ihm eine feurige Lohe über den Rücken“:  er wird erschossen.

Im Stürzen sieht Semjon wieder die Lichtgestalt des Christus vor sich: „Gib mir das Licht!“, hört er, „… ich will es dir wieder anzünden, aber nicht hier, hier brennt es nicht mehr.“ Semjon stirbt, heißt es im Text,  „in unermesslichem Glück“ – denn er ist in dieser Nacht dem Heiland begegnet.

 M u s i k

 Die Kinder 

Die Lage der verlassenen Kinder ist herzzerreißend: Stunde um Stunde warten sie am Fenster auf die Heimkehr des Vaters. Plötzlich schreit eines von ihnen auf und zeigt mit dem Finger nach draußen. „Der Vater! …Da, da! …er winkt, er kommt, er hat noch jemand mitgebracht…!“  Alle vier sehen es: im rieselnden Schnee zwei undeutliche Gestalten, die zu ihnen her blicken und ihnen Zeichen machen.

Das ist die Wende: Die vier Kinder verlassen das Haus. Vertrauensvoll stapfen sie hinter den Gestalten her, die manchmal stehenbleiben und sich nach ihnen umsehen. Die Kinder sind todmüde, Kälte und Schnee setzen ihnen zu, doch nichts kann sie aufhalten. Sie sind sich sicher: Der Vater hat sie gerufen und geht vor ihnen her.

 

 

Zuletzt verschwinden die Gestalten und der Boden ebnet sich. Plötzlich sind da Menschen: Die Kinder haben, ohne es zu wissen, die heimische Grenzstation erreicht, wo feiernde Wachsoldaten gerade um den Weihnachtsbaum stehen. Wie Schlafwandler berichten die Kinder verworren von dem Erlebten und starren dabei unverwandt in die Kerzenflammen. Für sie ist es das Licht des Vaters , das er vor ihnen hergetragen und das sie gerettet hat.

Die Soldaten versorgen die Kinder,  „als wären es ihre eigenen“. Staunen und nachträgliches Entsetzen sind groß: Ein ganzes Rudel Wölfe ist ihnen gefolgt und lagert in der Nähe. Und in dieser Nacht wird es so extrem kalt, dass die Kinder in ihrer Moorhütte nicht überlebt hätten.

 Diese Geschichte enthält, meine ich, die zentrale weihnachtliche Botschaft:

In Jesus kommt  Gott zu den Menschen. Sein Licht „leuchtet in der Finsternis“ (Johannesevangelium 1,5).

Der Torfbauer Semjon ist - von außen gesehen – eines der vielen sinnlosen Opfer von Gewalt und Krieg. Doch seine leidvolle Situation wird für ihn zur Sternstunde: Er begegnet Christus. An der äußersten Grenze, im Sterben, erfährt er ihn als ganz nahe  und geht geradezu „glückselig“  in den Tod – hin zu Ihm. - Seine Kinder erleben diese göttliche Nähe auf ihre Weise: Indem sie dem Vater und seinem geheimnisvollen Begleiter folgen, vertrauen sie dem starken Ruf der Liebe – und so gelangen sie aus der Todeszone zurück ins Leben. 

Ich wünsche uns, dass wir „das große Leuchten“ der Liebe Gottes auch in unserem Leben entdecken -  und das nicht nur“ zur Weihnachtszeit“.

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Verheiratet ist er -  der Mann, auf den sich die Päpste seit jeher berufen: Simon, der  Fischer,  eher bekannt unter seinem Beinamen Petrus.  Mit seiner Frau wohnt er  in  Kafarnaum, einem kleinen Ort in Israel,  und zwar im Haus der Schwiegereltern (vgl. Matthäus 8,14-15). Als Fischer lebt  er  in bescheidenen Verhältnisse  nicht in Armut.  

Als Jesus in sein Leben tritt, ändert sich alles für ihn.  Dieser  Wanderprediger  wendet sich  ja  ganz bewusst an die sogenannten einfachen Leute,  an Fischer, Handwerker und Bauern. Er erzählt Geschichten, die mitten aus dem Alltagsleben gegriffen sind und doch  etwas ganz Neues bringen.  Was er von  Gott als dem  barmherzigen Vater sagt, wie er Kranke heilt - so etwas ist  noch nie da gewesen.

Simon ist  begeistert. Zusammen mit seinem Bruder Andreas und  anderen jungen Männern verlässt er die Fischerboote und schließt  sich Jesus an.

Was wohl seine Familie dazu gesagt hat? 

Simon ist   tatkräftig und redegewandt, so wird  er bald Anführer und Sprecher der Jünger.  Um große Worte ist er nie verlegen. Als Jesus fragt, was seine Freunde von ihm halten, hat er das richtige Bekenntnis gleich auf der Zunge: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" (Mt 16,16). Damit trifft er so ins Schwarze, dass Jesus ihm nun den Namen gibt, unter dem er  bekannt ist: „Du bist Petrus" (Matthäus 16,18), das heißt: der Fels, das Fundament.

Was Simon da gesagt hat,  ist in der Tat der Grundstein, das Zentrum des christlichen Glaubens:  In Jesus  begegnet Gott den Menschen, in seiner Person kommt er ihnen ganz nahe. Dieser Glaube verbindet alle christlichen Kirchen, er ist der gemeinsame Grund, auf dem sie stehen. 

Spätere Päpste und Theologen haben sich oft auf  das Wort von „Petrus dem Fels" berufen, um damit Machtansprüche durchzusetzen. Sie ließen außer Acht, dass Simon gleich nach dieser Szene eine Abfuhr einstecken muss, wie sie schärfer nicht sein kann.  „Weg mit dir, Satan," fährt Jesus ihn an, „ geh mir aus den Augen!" (Matthäus 16,23). Jesus hatte von seinem bevorstehenden Tod gesprochen und Petrus hatte sich heftig dagegen gewehrt.  Für ihn ist  der Messias  doch  ein  siegreicher Volksheld, der  Israel von den Römern befreien wird.  Was sollen da Leiden und Tod?

An Gott glauben kann zum Problem werden, wenn es im Leben nicht so läuft, wie wir es uns wünschen. „Bleib mir mit Gott weg!", sagt eine Kranke heftig, „ich merke nichts von ihm!"  Kriege, Hunger, das ungeheure, nicht enden wollende Leiden in der Welt bleiben die größte Anklage gegen  Gott. - Petrus muss miterleben, dass es auch für seinen Meister  keine Ausnahme gibt: Jesus stirbt  am Kreuz. Bis in den Tod hinein  bleibt  er Gott und den Menschen treu.  

Papst Franziskus

Nach katholischem Verständnis sind die Päpste Nachfolger des Apostels  Petrus. Was würde der einstige Fischer aus Israel sagen, wenn er sähe, was sich um sein Grab angehäuft hat: ein riesiger Dom, Paläste, Museen - ja, ein ganzes Staatsgebilde. Aus einer verfolgten Minderheit hat sich im Lauf der Jahrhunderte eine katholische Großmacht entwickelt - mit all den finsteren Seiten einer solchen Verweltlichung.

Mit der Wahl des Namens  „Franziskus" bezieht  sich der jetzige Papst auf einen Heiligen, der gerade gegen diese fragwürdige Entwicklung ein Zeichen gesetzt hat. Franz von Assissi - er lebte im Mittelalter - hat demonstrativ auf sein reiches väterliches  Erbe verzichtet und stattdessen ein Leben in radikaler Armut und Nächstenliebe gewählt. . Schon immer hatte es  solche Nachfolger Jesu gegeben, doch mit ihm ist eine große alternative Bewegung  entstanden - in einer zu reich und mächtig gewordenen Kirche.

Papst Franziskus bekennt sich noch am Wahltag zu einer „armen Kirche - zu einer Kirche für die Armen". Und er macht selbst ernst damit: Seit seinem Amtsantritt wohnt er nicht im Vatikanpalast, sondern im Gästehaus. Er wechselt in seinem Zimmer schon mal selbst eine Glühbirne aus und stellt  sich täglich zum Essensempfang an - wie andere auch. Er fährt nur  in bescheidenen Autos,  benutzt  aber noch lieber Bus und Bahn. Wie schon in Argentinien besucht  er vorrangig arme Stadtviertel und Slums und wäscht am Gründonnerstag strafgefangenen Frauen und Männern die Füße. Vor Jugendlichen in Rio de Janeiro erklärt er: „Ich habe weder Gold noch Silber, aber ich bringe das Wertvollste, das mir gegeben wurde: Jesus Christus." 

Seine erste Reise unternimmt  der Papst nach Lampedusa,  der süditalienischen Insel, wo immer wieder verzweifelte, oft halb verhungerte Bootsflüchtlinge aus Nordafrika landen - in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Er wirft einen Blumenkranz ins Meer - zum Gedenken an die rund 20 000 Menschen, die hier bisher ertrunken sind. Jedem der  anwesenden Flüchtlinge reicht er die Hand und feiert mit Einheimischen und Afrikanern Gottesdienst - die Hälfte der Teilnehmer sind Muslime.

Papst Franziskus sieht es als einen Skandal an, dass vor unseren Augen Menschen zu Grunde gehen und wir das einfach geschehen lassen. Es ist wahr: Kommt im Zoo ein Lieblingstier des Publikums  zu Tode, geht ein Aufschrei  durch die  Medien, Schlagzeilen und Leserbriefe empören sich. Dass aber fast täglich Menschen an den Rändern Europas sterben, regt uns anscheinend wenig auf. „Globalisierte Gleichgültigkeit" nennt das der Papst. 

Alle Konfessionen und Religionen sieht Papst Franziskus verbunden durch ihre gemeinsame Aufgabe: Sie sollen helfen, die Welt humaner zu machen, aber auch, „den Durst nach dem Absoluten" - nach Gott - „wach zu halten". Auch nicht-religiöse Menschen sind für ihn „Verbündete", wenn sie sich einsetzen für die Menschenwürde, für ein friedliches Zusammenleben und  für die Bewahrung der Schöpfung. 

Ich glaube, der Fischer und Apostel Petrus wäre mit diesem Programm  sehr einverstanden.

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Teil 1: Der Morgen als Geschenk

Bei meinem ersten Aufenthalt auf der Insel Sylt  gefiel mir gleich, wie die Einheimischen sich am Morgen begrüßten: „Moin! Moin!" , klang es im Bäckerladen und auf der Straße. Das wirkte auf mich und meine Miturlauber sehr sympathisch, und es dauerte nicht lange, bis wir uns selbst so  begrüßten und jemand von uns sogar eine  „Moin" -Tasse kaufte.

Ein Morgengruß ist etwas Schönes, vorausgesetzt, er ist ehrlich gemeint.  Dann drückt er  aus, dass mir der andere  wohlgesonnen ist  und möchte, dass ich einen möglichst  guten Tag erlebe.
Der Morgen ist tatsächlich eine besondere Tageszeit, weil er jedes Mal  einen  intensiven Wechsel bedeutet.  Zuvor in Nacht und Schlaf versunken, tauchen wir aus dem Dunkel auf, sehen uns und unsere Umgebung im Licht. Träume enden, das Bewusstsein und  die Vernunft übernehmen  wieder die Führung.   

Ein Gebet aus Westafrika begrüßt den Morgen mit Jubel: 

Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel.
Die Nacht ist verflattert und ich freue mich am Licht.
Deine Sonne hat den Tau weggebrannt
vom Gras und von unseren Herzen.(...)

Ein neuer Tag, der glitzert und knistert,
knallt und jubiliert von deiner Liebe.
Jeden Tag machst du. Hallelluja, Herr!

Nicht jeder wird hier mitjubeln können.  Auf viele Menschen  legt sich schon beim Erwachen eine drückende Last:  die Anforderungen des Tages, Existenzsorgen, Konflikte, Schmerzen und Krankheit.

Und doch gilt: Jeder Tag beschert mir aufs Neue eine Spanne Leben, lässt mich atmen, weckt mir die Sinne.  Heute bin ich nicht  mehr derselbe wie gestern und kein Tag gleicht dem anderen. Er lässt sich nicht wiederholen, sondern ist ein nie wiederkehrendes Angebot, ein Geschenk.   

Der Schriftsteller  Otto Betz sagt das so: 

Weißt du, dass das Heute dein Leben ist?
Wenn du das Heute verachtest,
dann verachtest du auch dein Leben.
Lege jeden Augenblick auf die Waagschale,
um herauszufinden, wie kostbar  er ist.,

Jetzt, in diesem Moment, wirst du geboren,
bekommst du Dasein geschenkt
wird dir Lebensatem eingeblasen
jetzt gehen deine Augen auf,
damit sich die ganze Welt dir öffnet
jetzt wirst du angerufen (...)
Jetzt ist die Zeit, auf die es ankommt,
horch gut auf das, was sich jetzt begibt:
Es ist dein Leben!

 M u s i k 

Teil 2: Der Morgen als Gottes Zeit

Einen Sonnenaufgang zu beobachten kann ein großes  Erlebnis sein. Wir  werden Zeugen, wie das Licht wächst, wie Pflanzen und Tiere zu neuem Leben erwachen - und wir mit ihnen. Ohne unser Zutun geschieht das jeden Morgen - ein Vorgang, der mich staunen lässt.  
In den Psalmen der Bibel spielt der Morgen eine wichtige Rolle.
„Wach auf, meine Seele!  Wacht auf, Harfe und Saitenspiel!  Ich will das Morgenrot wecken," ruft  ein Beter aus - voller Freude, den Tag mit  Singen und Spielen für seinen Gott zu beginnen (Psalm 57, 9).

Häufiger scheint mir die entgegengesetzte Situation zu sein:  „Ich liege wach und ich klage (...) Meine Tage schwinden dahin wie Schatten" (Psalm 102,8.12), „ (...) mir erstarrt das Herz in der Brust". (Psalm 143,4). Letzte Hoffnung des Beters ist Gott: „Schon beim Morgengrauen komme ich und flehe; ich warte auf dein Wort" (Psalm 119, 147). „Lass mich deine Huld erfahren am frühen Morgen, denn ich vertraue auf dich" (Psalm 143, 6-8).
Solche Gebetsrufe, meine ich, veralten nicht: Wir leben zwischen Glück und Schmerz, zwischen Leben und Tod. Wir haben unser Dasein niemals total in der Hand.

„In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand Jesus auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten" , berichtet  der Evangelist  Markus (Markus 1,35). Dass  sich Jesus nachts  oder am frühen Morgen  in die Stille zurückzogen hat, erwähnt das Neue Testament öfters. Offenbar hat er diese Stunden gesucht und gebraucht, um  im Gespräch mit Gott allein zu sein.

Alle Religionen der Welt  wissen um die Bedeutung der  Morgenstunden. Noch  schweigt der Lärm des Tages, noch sind Kopf und Herz unbesetzt  und  die inneren Antennen auf Empfang gestellt. Deshalb gehört zum Tagesablauf in Klöstern ganz selbstverständlich das Gebet in der Frühe.    

Warum die Morgenzeit  so kostbar ist, bringt ein Wort des Propheten Jesaja auf den Punkt:  „Jeden Morgen weckt  Gott, der Herr mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger" (Jesaja 50, 4).
Was dieses innere Hören bedeuten kann,  habe ich bei einer blinden  Frau erlebt. Ihr ganzes Wesen ist Offenheit und Bereitschaft.

Nicht nur ihre Ohren, auch ihre Seele lauscht  aufmerksam auf alles, was auf sie zukommt: Geräusche  und  Stimmen,  Ereignisse und Menschen. Jeden Morgen  ist sie aufs Neue bereit, Gutes und Schönes wahrzunehmen und sich daran zu freuen, einerlei  ob es „nur" ein kühlender Windhauch ist, eine sympathische Stimme oder ein Meisterkonzert. Auch  die schweren  Lebensphasen nimmt sie bewusst an, vor allem die schreckensvollen Etappen ihrer Erblindung und die ständige Finsternis, die sie seit über 30 Jahren gefangen hält. „Das ist jetzt so ", sagt sie dazu und versteht  alles Schwere als eine  Aufgabe, die sie zu bewältigen hat, oft genug durch bloßes bereitwilliges Aushalten.

Die Kraft dazu kommt aus tiefen Wurzeln: Sie glaubt an einen guten und liebenden Gott, so wie ihn Jesus verkündet und vorgelebt hat. Von Ihm lesen ihre Finger häufig  in ihrer  Blindenschrift - Bibel - möglichst an jedem Morgen!  

(Lit.: Otto Betz, Vom Umgang mit der Zeit. Kevelaer 2004. S. 7 und 57 f

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Missmutig dreht der 68-jährige Mann  seinen  Stift in den Fingern: „Was gibt es an Neujahr zu feiern, möcht'  ich wissen. Da ballern die Leute Raketen in  die Luft, machen Remmi-Demmi -  und dann? Die Welt bleibt so mies, wie sie war. Für mich ist sowieso das meiste gelaufen: Rente, Sozialstation und irgendwann das Pflegeheim - so kommt's!  Neujahr feiern? Ohne mich!"
Ganz anders klingt das, was  ein Politiker zu Beginn des Jahres 1953  in sein persönliches Tagebuch eintrug. Es war Dag Hammarskjöld,  der damalige  Generalsekretär der Vereinten Nationen, der zum Jahreswechsel  notierte:      

 Für das Vergangene: Dank;  für das Kommende: Ja!"

Das schrieb ein Mann, der sich rastlos - bis zur Erschöpfung -  für Verständigung und Frieden in der Welt einsetzte,  dabei  aber ständig   Rückschläge hinnehmen  musste. Er starb gewaltsam: bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz, vermutlich durch ein Attentat. Erst nach seinem Tod entdeckte man, vor allem an Hand dieses Tagebuches, dass er ein tief gläubiger Mensch gewesen war.  Eigentlich war es Gott, an den sich seine Worte  richteten:

„Für das Vergangene: Dank,  für das Kommende: Ja!"  

Für Gutes und Schönes  dankbar zu sein,  ist, denke ich, eine sympathische menschliche Tugend, die ihren guten Grund hat.    Der Dichter Matthias Claudius beschreibt  einmal, wie er am  Neujahrsmorgen  draußen auf einem Stein sitzt und auf das gewesene Jahr zurückblickt.  Scheinbar Selbstverständliches  bringt er zur Sprache, die einfachen Worte lassen seine innere Bewegtheit  spüren:

...ich sitze da und denke dran, dass ich in dem vergangenen Jahr die Sonne so oft hab' aufgehen sehen und den Mond, dass ich so viele Blumen und Regenbogen gesehn und so oft aus der Luft Odem (Atem) geschöpft und aus dem Bach getrunken habe; und denn mag ich nicht aufstehn und nehm' mit beiden Händen meine Mütz' ab und guck hinein.

Ist es möglich, auch für Dunkles und Schweres  zu danken? Vielleicht muss man älter geworden sein, um zu erkennen: Auch  schmerzliche  Stunden können ihren Sinn in sich tragen, allerdings kann das nur jeder für sich selbst entdecken und  meist  erst im Rückblick. „Diese Erfahrung möchte ich nicht missen,"  sagen dann viele, „heute bin ich dankbar dafür".                                     

Diese Tage sind voll von guten Wünschen: „Ein glückliches  neues Jahr!" Was meinen wir damit?  Jeder weiß doch: Selbst  der liebevollste Wunsch kann nicht verhindern, dass sich auch in diesem Jahr  Schlimmes in der Welt ereignen und auch in unserem eigenen Leben nicht nur eitel Sonnenschein herrschen wird. „Wie gut, dass ich nicht weiß, was kommt!", sagt mancher  und verbirgt  dahinter seine  Angst. 

Ganz anders klingen  die Worte, die Dag Hammarskjöld, der schwedische UN-Generalsekretär, vor Jahrzehnten niederschrieb:

Für das Vergangene: Dank; für das Kommende:Ja.

Wenn man weiß, dass er wenige Jahre später einem Attentat zum Opfer fiel, erhalten diese Sätze ein besonderes Gewicht.
Bereits im Voraus, also im Blick auf eine unbekannte Zukunft  Ja zu sagen  erfordert   viel Mut und Vertrauen. Wir haben davon mehr in uns, als wir vermuten. Sonst würden wir morgens kein Bein aus dem Bett setzen und aufstehen - so anschaulich  hat es  jemand  einmal gesagt.

Ja, Gott sei Dank: Die meisten Menschen   leben aus einem Reservoir an Grundvertrauen, das sie immer wieder ermutigt zu leben - vielen negativen  Erfahrungen zum Trotz. 
Ich glaube, ganz entscheidend dabei ist, ob wir die uns geschenkte Zeit  vor einem größeren Horizont  sehen können. Reicht mein Blick nur bis zur Grenze des Todes oder wage ich darüber hinaus zu glauben und zu hoffen?    
Ein Name für diesen unendlichen Horizont ist Gott. Christen glauben, dass er in Jesus von Nazaret  in unsere irdische Zeit eingetreten ist und sich uns Menschen in Liebe zugewandt hat. Sie glauben, dass er nicht das Ende seiner Geschöpfe will, sondern ihre endgültige Zukunft.

Von seiner Liebe her fällt Glanz auch auf den grauesten Alltag, denn wer liebt, ist Gott nahe, ob er es weiß oder nicht. An jedem Tag hat er  Gelegenheit dazu, denn - so lautet  ein einfacher  Spruch -  "Es steht immer einer neben  dir, der deine  Liebe braucht". 

Ich möchte Sie ermutigen, dass Sie Ja sagen zu Ihrem Leben und zum neuen Jahr 2013. Von Herzen wünsche ich Ihnen: „Ein gutes neues Jahr!"

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Wer den Namen „Titanic" nennt, kann ziemlich sicher sein, dass seine Zuhörer Bescheid wissen: Es handelt sich um den berühmten Luxusdampfer, der in einer Aprilnacht des Jahres 1912 auf der Fahrt von England nach Amerika mit einem Eisberg kollidierte und nach wenigen Stunden versank. Es war eine der größten Schiffskatastrophen, rund 1500 Menschen kamen dabei ums Leben. Zum 100. Gedenken an dieses Ereignis wurde ein Mann kaum  beachtet, über den man im Mai 1912 Folgendes lesen konnte:

Was wir seit mehreren Tagen fürchten mussten, ist heute durch Mitteilung des Amerikanischen Reisebureaus uns zur Gewissheit geworden.
Gott, dem Herrn über Leben und Tod, hat es gefallen, den
Hochwürdigsten Herrn Pater Josef Peruschitz (...)
beim Untergang des Dampfers „Titanic" am 15. April aus der Zeit in die Ewigkeit abzuberufen, in dem 42. Jahre seines Alters (...)   

Unterzeichnet hatten: Abt und Konvent des  Klosters Scheyern in Bayern.
Pater Josef, Priester und Benediktiner-Mönch, war von seinem Orden beauftragt worden, ein katholisches Gymnasium in den USA aufzubauen. Bevor er die „Titanic" bestieg, verbrachte er die Karwoche, in der die Christen des Leidens und Todes Jesu gedenken, in einem englischen Kloster. Wer konnte ahnen, dass er wenig später dem eigenen Tod ins Auge sehen musste!
Durch die Berichte von Überlebenden wissen wir vom Verhalten dieses Mannes und seines englischen Mitbruders, der mit an Bord war.
Die beiden Priester hatten in den ersten Tagen Gottesdienste und auf Wunsch von Passagieren auch Andachten auf dem Schiff gehalten.
Als die Katastrophe ausbrach und in ihrem ganzen Ausmaß sichtbar wurde, setzte Panik ein. Der Pater und sein Kollege halfen sofort Frauen und Kinder auf die wenigen Rettungsboote zu bringen. Wohl aus Respekt vor dem Priesteramt wurde auch ihnen ein Platz angeboten. Doch sie lehnten ab. Während die Wassermassen in das Schiffsinnere strömten, eilten sie von Kabine zu Kabine, um nach Vergessenen zu suchen. Als sich das  Heck der „Titanic"  immer steiler aufrichtete und der sichere Untergang nahe war, sammelte sich eine große Zahl  von Verzweifelten - Katholiken,Protestanten, Juden - . um die beidenGeistlichen.  Überlebende berichteten: Ihr Sterbekreuz fest umklammert,
sprachen (sie) den Passagieren Mut zu (...)
Vom Boot aus sah und hörte man ganz deutlich, wie sie  den Rosenkranz vorbeteten, und wie eine große Anzahl kniender Passagiere (...)  antwortete.(...)  Beide standen immer noch auf dem Oberdeck, als schon das Wasser über dasselbe hereinschlug. (...)
Dann erloschen die elektrischen Lichter der Titanic, so dass man nichts mehr sehen konnte; aber man hörte weder Jammergeschrei noch Schreckensrufe

Opfer bringen - überholt?
In den „Sonntagsgedanken"  möchte ich an zwei Priester erinnern, die beim Untergang der „Titanic" freiwillig an Bord blieben, um den eineinhalb- tausend  Menschen, die nicht mehr gerettet werden konnten, beizustehen und bis in den Tod zu begleiten.
Was befähigt Menschen dazu, ihr eigenes Leben zu opfern?  Niemand weiß, was in den beiden Männern vor sich ging. Sicher ist, dass sie nun Jesus Christus, ihrem Herrn, ganz nahe waren, der gesagt hatte: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Johannes-Evangelium 15,12-13).
Verständlich, wenn wir vor einem solchen Wort zurückschrecken: Wer von uns könnte diesem hohen Anspruch schon genügen?
Und wie oft  schon wurde die Opferbereitschaft von Menschen missbraucht: von Ideologen und Diktatoren, von Fanatikern und Betrügern!
Und doch: Unser persönliches  und gesellschaftliches Leben lebt ganz wesentlich davon, dass Menschen bereit sind, Opfer zu bringen. Eltern investieren viel Zeit, Geld und Energie, damit ihre Kinder gedeihen. In einer guten Partnerschaft stellt jeder das eigene Ego immer wieder auch zurück - und zwar nicht zähneknirschend, sondern dem Partner „zu Liebe".
Unsere Fähigkeit zur Hingabe, zum Opfer macht uns erst  wirklich zu Menschen: Wir können ungeahnte Kräfte mobilisieren, wenn es um etwas geht, was uns am Herzen liegt, sei es eine berufliche Aufgabe, eine Sache oder ein Mensch.
Die Eltern einer mehrfach Behinderten erzählen von den nun 40 Jahren, in denen sie sich um ihre Tochter kümmern. Vieles ist anders als in sogenannten „normalen" Familien: die Wohnung wurde nach den Bedürfnissen der Tochter eingerichtet, der Tagesrhythmus ist bestimmt von Therapie- und Arztterminen, die Abhängigkeit von Helfern aller Art ist groß. Was mich stark beeindruckte: Diese Eltern ließen keine Spur von Resignation oder Bitterkeit erkennen. Sie haben „Ja" zu diesem Kind gesagt und sehen ihre zahlreichen „Opfer" als etwas Selbstverständliches an. Die behinderte Tochter, ohne sich dessen bewusst zu sein,  „dankt" es ihnen durch sichtliche  Lebensfreude.
Ob uns ein Opfer  ärmer oder reicher macht, das hängt wohl vor allem von unserer Einstellung dazu  ab. Für Christen heißt das Schlüsselwort „Liebe". Eine Liedstrophe sagt es so:

Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält,
und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut
dann wohnt er schon in unserer Welt.

Lit.: Jens Ostrowski, Berufung Titanic. Die Reise des Benediktinerpaters Joseph Peruschitz. Füssen 2001.

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Neugierig kaufte ich vor Wochen  ein Buch mit Weihnachtserzählungen von Agatha Christie, der berühmten  Autorin von  Kriminalromanen.   Gleich  die erste Geschichte faszinierte mich so, dass ich sie Ihnen weiter erzählen möchte.
Der Beginn ist idyllisch: Maria, die Mutter Jesu, ist mit ihrem Kind allein im Stall von Bethlehem. Plötzlich rauschen Flügel  und in blendendem Licht steht ein unsagbar schöner Engel da. Sein Angebot:   Maria darf mit seiner Hilfe in die Zukunft des Kindes sehen. Freudig stimmt sie zu. Zuerst sieht sie in einen Garten, in dem ein Mann betet.  Es ist ihr Sohn, also ist er ein guter, frommer Mensch  geworden . Dann aber schreit sie entsetzt auf: Dieser Mann windet sich  in Todesangst , und sein verzweifeltes Gebet bleibt ohne Antwort:  Seine Freunde schlafen und lassen ihn allein. .  
Beim nächsten  Blick in die Zukunft sieht  Maria drei Männer auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung am Kreuz. Sie glaubt an einen Irrtum, als sie in einem der drei ihren Sohn erkennen muss. Doch dann gibt es keinen Zweifel mehr: Sie sieht ihn qualvoll am Kreuz hängen und hört  seinen Schrei:  „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Irgendwo ertönt die Stimme des  jüdischen  Hohepriesters: „Dieser Mann hat Gott gelästert."
In die Gegenwart  zurückgekehrt, reagiert Maria verzweifelt:  „Mein kleines, hilfloses Kind, was kann ich tun, um (...) dir das zu ersparen, was da kommen wird?"  Nun redet der blendend schöne Engel - und was er sagt, ist ungeheuerlich. Maria darf über Leben und Tod  ihres Kindes entscheiden. In ihrer Hand liegt es also, ob  ihr Sohn diesen  Erdenweg  mit seinem furchtbaren  Ende antreten oder ob ihn der Engel  unversehrt  zu Gott zurücktragen soll. Was wird Maria wählen? Die junge  Frau aus Nazaret verhält sich erstaunlich:  Entgegen ihrem ersten Reflex, ihr Kind um jeden Preis vor allem Übel zu bewahren,  denkt sie nach und ruft sich die gesehenen Bilder noch einmal zurück. Da entdeckt sie: Von Jesus, dem  leidenden Sohn, geht  in diesen Szenen eine  große  Kraft  aus: die Kraft der Liebe. Mit Trauer, aber auch mit Verständnis  blickt er auf seine Gefährten, die ihn in der  höchsten Not  so allein lassen. Seine Liebe strahlt aus und verwandelt die Menschen , so auch  einen  der Mitgekreuzigten. Dem qualvollen Tode nahe  sieht  er Jesus mit  Vertrauen,  Bewunderung und Zuneigung an - wie ist das zu erklären? 
Und die Mutter erkennt: Ihr Sohn ist kein Verbrecher, sondern  von ihm geht ein Licht aus, das von Gott kommt.
So weigert sich Maria,  ihr Kind dem Engel zu übergeben. Nein,  es soll weiter leben, auch wenn ihm Leiden und Tod bevorstehen.  „Da Gott ihm das Leben gegeben hat, ist es nicht an mir, ihm dieses Leben zu nehmen." Ein Blitzstrahl flammt auf und der Engel verschwindet -  in Hochmut und  Zorn. Es war Luzifer, der Satan, der große Versucher, der Widersacher Gottes. 

Von der Kriminalautorin Agatha Christie stammt eine Erzählung,  die  es in sich hat.  Ein Engel -  in Wirklichkeit ist es der Satan - lässt  Maria, die Mutter des kleinen Jesus,   in die Zukunft ihres Kindes  schauen.  Als  Maria  das Leiden ihres Sohnes bis hin zum Kreuz erkennen kann,   nutzt der Engel ihr Entsetzen aus für ein  teuflisches Angebot: Sie darf wählen, ob ihr Kind dieses Schicksal erleiden oder lieber vorher sterben soll. Maria widersteht  der Versuchung und entscheidet sich für das Leben des  Kindes.
Kindern möglichst  Leid zu ersparen ist wohl der natürliche Wunsch   aller  Eltern. Vor einiger Zeit sagte eine Mutter   zu mir: „Heutzutage würde ich keine Kinder mehr in die Welt setzen! Sehen Sie sich doch um:  eine kaputte Natur,  Kriege, Terrorismus.  Das kann man doch keinem mehr zumuten!"  Ganz offensichtlich aber w i r d  uns  Menschen  solches zugemutet,   wenn auch in unterschiedlicher  Härte und  Dauer. In unserer Geschichte  ist es Maria, die diesen Tatbestand erkennt und anerkennt - auch für ihr geliebtes Kind. Stärker als der Schmerz darüber, dass ihr Sohn leiden muss, ist ihr Vertrauen auf Gott, der das Ganze in seiner Hand hält. „Es ist nicht an mir, (...) den hohen Ratschluss Gottes zu verstehen", sagt sie zu dem satanischen Engel. „Es mag sein, dass ich  nur einen Teil  eines Bildes gesehen habe und nicht das ganze."
Mir scheint,  dieser Vergleich trifft sehr genau auf unsere menschliche Wahrnehmung zu: Was wir von uns selbst  und über die Welt wissen, ist immer stückhaft und unvollkommen.  So  erkennen wir   manchmal auch erst im Nachhinein, dass diese oder jene bittere Erfahrung ihren Sinn hatte, dass sie uns reifer und  verständnisvoller  gemacht hat. Allerdings gibt es Schicksale, vor denen solche Behauptungen  verstummen müssen, weil es nur noch ums Aushalten geht. Das  Evangelium, die Frohbotschaft   von Jesus,  hat auf das Leidensproblem  keine schlüssige  Antwort.  Jesus  hatte die umstürzende Erfahrung gemacht, dass Gott ganz nahe und die Liebe selbst ist. Er gab diese Liebe weiter an alle, die ihm begegneten, auch denen, die von den Machthabern ihrer Zeit nicht akzeptiert wurden. Darum musste er selbst leiden und sterben.
Auch für gläubige Menschen bleibt die Frage nach dem Warum des Leidens  theoretisch  ungelöst.  Die einzige, aber auch nie überholte  „Antwort"  ist die Praxis der Liebe. Die Mutter, die tröstet, der Partner, der die Hand des Kranken hält, der Arzt, der unentgeltlich  einen Slumbewohner behandelt - - sie alle folgen dem Weg Jesu, auch wenn sie es nicht wissen. 

Die Erzählung von Agatha Christie endet mit dem Freudenruf der einfachen Leute  von Bethlehem,  die den kleinen Jesus  von Hand zu Hand reichen: „Seht, (...) er liebt uns alle. Noch nie hat es solch ein Kind gegeben..."

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Ein freundlicher  Mensch schenkte mir in diesem Sommer zwei Freikarten für die Wagner-Festspiele in Bayreuth.  Ich fuhr mit dem Zug hin und erlebte unterwegs sehr unterschiedliche Fahrgäste.  Da  war  ein  kräftiger  junger Mann, der  unentwegt vor sich hin starrte.  Einmal  griff er nach  der Trinkflasche in seinem Rucksack, dann blieb er wieder regungslos sitzen, ohne jeden Blick für seine Umgebung. War er  geistig  stumpf, traurig oder einfach nur müde?  Erst als der Schaffner kam und mit ihm redete, erkannte ich: Dieser  Mann war blind. Seine Unbeweglichkeit war äußerste Konzentration, aufmerksam  lauschte er auf  Geräusche und Stimmen. Längst vor mir spürte er, dass der Zug bald halten würde,  stand ohne  Hast auf, ergriff Rucksack und Blindenstock und bewegte sich vorsichtig, aber  sicher zur Ausgangstür. Betroffen und etwas beschämt sah ich ihm nach. Dieser Blinde hatte nur eine kurze Wegstrecke mit mir geteilt  und mir doch etwas geschenkt.
Gelassenheit war von ihm ausgegangen. Offenbar ruhte er in sich  wie  jemand, der  sich und seine  Situation angenommen hat. Da wurde mir  wieder  bewusst: Nichts im  Leben ist selbstverständlich.  Sehen, hören, gehen können, das alles ist Geschenk. Und es gehört zur Größe des Menschen, dass er fähig ist,  auch unter Einschränkungen ein erfülltes Leben zu führen, ja, sogar im Leiden  Sinn  zu finden.  Im nächsten Zug setzte sich eine gut gekleidete Dame um die 50 neben mich. „Was lesen Sie da?", fragte sie noch halb im Stehen und nickte gönnerhaft beim Anblick des Buchtitels. Dann machte sie sich ungeniert  breit: Ich spürte ihren mächtigen Unterarm auf der Seitenlehne und hatte plötzlich  ein Stück   der Zeitung vor Augen, die sie weit auseinander gefaltet hatte.  Als wir uns Bayreuth näherten, unterhielt sie sich kurz und lautstark mit ihrem  entfernt sitzenden Partner  , packte  geräuschvoll ihre Sachen zusammen und stand  auf. Eilig heftete sie sich hinter ihren Reisegefährten, der mit seinem großen Flugkoffer bereits den Mittelgang versperrt hatte  und  von der Seite her  niemanden hereinließ.  Als der Zug hielt, erreichten beide als erste den Bahnsteig.
„Ziemlich  rücksichtslos!" , brummte  jemand neben mir. Ich nickte und dachte an den Blinden, der so leise, behutsam und gesammelt sein Reiseziel erreicht hatte. Mir fiel  aber auch die junge Mutter ein, die ich am Vortag hatte reden hören:  „Kind, das Wichtigste ist, dass du lernst dich durchzusetzen.  Später schenkt dir auch keiner was!" Wirklich?  
Ich war gespannt, welche Botschaften ich vom „Grünen Festspielhügel"  in Bayreuth erhalten würde.

(Musik)

Teil 2: Botschaft von der Liebe

Im Sommer dieses Jahres hatte ich Gelegenheit, die Oper „Parsifal"   im Bayreuth mitzuerleben. Sie  handelt von einem  jungen Mann, der zwar ordentlich  „draufhauen", kämpfen und schießen  kann, im Umgang mit anderen aber  ziemlich versagt. Keine Frage, kein  teilnehmendes  Wort  kommt über seine Lippen, als er bei dem schwer kranken Gralskönig zu Gast ist. So wird er aus dessen heiliger Welt   wieder verstoßen und braucht viele Jahre, bis er auch das andere gelernt hat: den Sinn für den Mitmenschen und seine Bedürfnisse, sich einfühlen und mitempfinden.  Bei der zweiten Begegnung mit dem König ist Parsifal  von Mitleid bewegt, agiert nun von innen heraus und kann den Kranken heilen.  Das Stück endet als Utopie: Dieser Parsifal, der seine Ichsucht überwunden und zur reinen Nächstenliebe gefunden hat, wird der neue König. Macht und Liebe sind versöhnt.  
Nur die Liebe erlöst - das  ist auch  d i e   zentrale christliche Botschaft.   Im  Gleichnis Jesu vom großen Weltgericht  (Matthäus 25, 31-46) werden die Menschen  nicht danach beurteilt,   welcher  Konfession, Religion oder Partei  sie angehört  -  ja, nicht einmal,  ob sie an  Gott geglaubt haben.  Was allein zählt ,  ist die Liebe zum Nächsten. Der Weltenrichter im Gleichnis hat sich mit den Leidenden  dieser Welt identifiziert und deshalb lautet sein  Richterspruch: „Kommt her, nehmt das Reich in Besitz, ...Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben ...Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen ..."  
Umgekehrt gilt: Nicht dadurch kann jemand sein Leben verfehlen,  dass er dieser oder jener Religion anhängt oder gar keiner, auch nicht dadurch, dass er Schwächen und Fehler hat. Die eigentliche Sünde  ist die Ichsucht, die Gleichgültigkeit und Herzenskälte gegenüber dem Nächsten. So sagt es der Richter:  „Ich war hungrig und ihr habt mir nicht zu essen gegeben...Ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht."  - An einem Vormittag saß ich im  schönen Bayreuther  Operncafé und unterhielt mich über die  Inszenierung des „Parsifal".   Plötzlich Unruhe am Nebentisch, aufgeregte Stimmen, jemand läuft zur Rezeption." Das Mädchen hat einen  epileptischen Anfall!", flüstert jemand. Das Bild brannte sich mir ein:  ein junges Menschenkind am Boden, erschrockene Helfer, die sich herabbeugen, das alles  in  einer schönen, hoch  kultivierten Umgebung.
Nein, kein Widerspruch, sondern  stimmig:  Wir Menschen  leisten Großes in Wissenschaft und Technik und schaffen Kunstwerke von höchstem Rang. Doch immer bleiben  wir Geschöpfe:  immer gefährdet und hilfsbedürftig, sterblich und voll Hunger nach Liebe.  
Parsifal  lernte das Mitleid, die Liebe zum Nächsten,  und fand so den Weg zur Erlösung. Wer diese Botschaft  für sich annimmt,  steht   aus der Sicht des Evangeliums   - ob mit oder ohne Glauben - auf der „richtigen Seite".  Denn dann ist er,  - so sagte  es Jesus -  „ nicht weit vom Reiche Gottes"  (Markus 12, 34).

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Nachts um halb drei. Eine Frau wacht auf , denn sie hat ein Geräusch  gehört. Sie tastet nach ihrem Ehemann, doch sein Bett ist leer. Beunruhigt steht sie auf, tappt auf bloßen Füßen zur Küche und macht   das Licht an. Da steht ihr Mann, auf dem Tisch neben sich einen leeren Teller und das Brotmesser,  auf der Tischdecke ganz deutlich: Krümel.  Ihr Mann hat sich ein Brot abgeschnitten -  heimlich. Denn es ist Nachkriegszeit, Hungerzeit. Brot ist rationiert und jedem steht täglich nur ein bestimmtes Maß zu. Da hilft keine Ausrede: Ihr Mann hat sie -  aus Hunger -   hintergangen. - Wie sie als Ehefrau darauf reagiert, das ist eine Liebesgeschichte im Kleinen: Sie tut so, als habe sie nichts bemerkt  und geht mit ihm zusammen wieder zu Bett. Sie hört, wie er im Dunkeln vorsichtig kaut, stellt sich aber schlafend.
Am nächsten Abend  schiebt sie ihm eine Scheibe Brot von ihrem Anteil hin und behauptet: „Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Iss du man eine mehr." Er weiß, dass sie ihm zuliebe lügt, beugt sich vor Scham tief über seinen Teller und wagt nicht mehr aufzusehen. Da tut er  ihr leid. Diese Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert hat den einfachen Titel „Das Brot". Sie schildert Verhältnisse, die es in unserem Land - Gott sei Dank - so nicht mehr gibt: Brot war Mangelware, heiß begehrt und gierig verschlungen. Eine alte Dame erzählte mir, dass sie in den Nachkriegsjahren  das ihr zugeteilte Brot ganz hinten auf einem hohen Schrank deponierte, damit sie es, wenn sie der Hunger packte, ihren Kindern nicht so leicht weg essen konnte.
Was bedeutet uns Brot heute? Die Bäckerläden sind voll, viele verschiedene Brotsorten stehen uns zur Verfügung - nicht selten kann man im Müll halbe oder ganze Brotlaibe entdecken.
In meiner Kindheit hatten wir zu Hause einen großen hellbraunen Holzteller, auf dessen Rand die Vaterunser-Bitte  eingeschnitzt war: „Unser tägliches Brot gib uns heute!"  Immer wenn Brot aufgetragen wurde, kam es uns vor Augen,  und so prägte sich mir seine Botschaft ein:  Wir brauchen Brot, wir brauchen Lebens-Mittel, - immer, jeden Tag!  Dank Kühlschrank und Gefriertruhe können wir zwar die Illusion hegen, wir könnten uns selbst versorgen. Doch spätestens die  jüngste Lebensmittelkrise, der Ausbruch der EHEC-Krankheit,  machte dramatisch klar: Jeden Tag sind wir   bedürftig und abhängig von den Gaben der Natur. Wir können die Erde und ihre Früchte nutzen, erschaffen können wir sie nicht.
Wer Brot zu essen hat, hat allen Grund  sich darüber zu freuen und es dankbar zu genießen.  Das heutige Fronleichnamsfest hat nicht zuletzt diesen Sinn: uns an das kostbare Lebensmittel „Brot"  zu erinnern und damit an all das, was wir zum Leben nötig haben.

2. Teil Fronleichnam - was ist das? 

Heute feiert die katholische Kirche das Fest Fronleichnam. Das Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen und heißt übersetzt: „Leib des Herrn". Was wird da  gefeiert? Bei der Fronleichnamsprozession ziehen Menschen hinter einem Baldachin her, unter dem  ein  Priester in festlich weißem Gewand geht. In den verhüllten Händen trägt er   die sogenannte  Hostie, eine runde weiße Brotscheibe. Messdiener, Fahnen, Blumen und Musik gehören  dazu - alles zu Ehren des Heiligen Brotes, das hier über Straßen und Plätze getragen wird. Als Jesus zum letzten Mal vor seinem Tod mit seinen Freundinnen und Freunden zusammen war, nahm er Brot und Wein und deutete sie auf sich selbst. Sein ganzes Leben war ja „Brot"  und „Wein" für die Menschen gewesen: Er lebte nicht für sich selbst, sondern für seine Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes. Und so wanderte er unermüdlich durch das Land, sprach zu den Menschen, heilte viele durch seine Ausstrahlung und legte sich dabei mit den Großen der Gesellschaft an.  Seine Hingabe endete grausam und blutig: am Kreuz.
Auf diesen Karfreitag folgte die Erfahrung von Ostern. Sie war so „umwerfend", dass die Anhänger Jesu andere damit „ansteckten":  Jesus lebt und er ruft sie in seine Nachfolge.  Wo sie in seinem Namen zum Gottesdienst  zusammenkommen, feiern sie seine Gegenwart im Zeichen des Brotes, unter dieser unscheinbaren Gestalt, die so sehr zu seinem Leben passt. In einer schlichten, fast alltäglichen Handlung:   in dem gemeinsamen Mahl mit anderen   ist er zu finden.
Wenn die Kirche die Gegenwart ihres Herrn im  Brot feiert, bekennt sie sich zugleich zu ihrem eigenen Auftrag: Sie ist nicht für sich selbst da, sondern sie soll den  Menschen das Brot reichen, das Jesus ihr gegeben hat. „Gebt ihr ihnen zu essen"; sagte er zu seinen Jüngern, als er eine hungernde Volksmenge vor sich sah.
Und die Kirche tut es, wenn  auch unvollkommen und fehlerhaft:
Engagierte Christen verkünden Jesus und seine Botschaft seit über 2000 Jahren, nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch ihr Leben. Ob im unscheinbaren Alltag, ob in großen sozialen Werken:  Nächstenliebe auf den Spuren Jesu ist nicht nur ein Wort! Wo Menschen an ihre  Grenzen kommen - in Schuld und Krankheit, Alter und Tod - sagt die Kirche, sagen Gläubige das tröstende Wort Jesu weiter: „Ich bin das Brot des Lebens ... Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben" (Johannes 6, 48.51). 
Das Fest Fronleichnam lädt dazu ein, dass wir uns dieser Hoffnung  anzuvertrauen.

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Im Dezember sah ich im Hessischen Fernsehen eine Reportage, die mich ziemlich entsetzte. Ein Journalist führte unter Besuchern  eines großen Weihnachtsmarktes eine  Befragung durch, das klang etwa so:  "Wissen Sie eigentlich, wie das Kind in der Krippe heißt?"  Verlegenes Lächeln, Stottern. "Nö, das kann ich jetzt nicht so direkt sagen. Tut mir leid!" - "Wie hieß denn der Vater von Jesus?" Die beiden jungen Damen, die jetzt dran waren,  kicherten. " Mmh, vielleicht Mose?  Nee?  Da haben Sie uns auf dem falschen Fuß erwischt. " -  "Wann ungefähr hat denn Jesus gelebt?" Junger Mann und Partnerin gucken sich an. "Weißt du's?" "Ich glaub, im Mittelalter. Oder war's das 16. Jahrhundert?"  Es waren nicht nur diese Einzelnen, sondern nach Auskunft des Reporters eine erhebliche Anzahl von Passanten, die auch nicht annähernd  die richtige Antwort wussten. Der Befund gibt zu denken. Haben die Befragten wohl jemals eine Bibel in der Hand gehabt? Ja, die Bibel: Für viele Menschen ist sie die große Unbekannte, ein altertümliches Buch voll fremdartiger, unglaubwürdiger  Geschichten, insgesamt überholt, allenfalls noch zum Zitieren bei Todesanzeigen. Denigen, die das Wort "Bibel" prägten, sahen das ganz anders, denn "Bibel" heißt übersetzt  einfach "Buch". Der Titel meint also: Dies ist d a s  Buch schlechthin. Darin geht es um das, was für Juden und Christen von zentraler Bedeutung ist: um die Beziehungen zwischen Mensch und Gott. Vielleicht haben Sie eine Bibel zu Hause - womöglich ein dicker Wälzer. Wenn Sie das Inhaltsverzeichnis betrachten, entdecken Sie  Textgruppen, die man deutlich voneinander unterscheiden kann. Da sind die vielen Geschichten, die etwas erzählen: Ereignisse aus der Geschichte des Volkes Israel, dann die Evangelien, die von Jesus Christus   berichten, dann auch Vorkommnisse in den ersten Christengemeinden. Wenn Sie Sinn für Poesie haben, hat die Bibel viel zu bieten: vor allem die Psalmen, ein Schatz von Gebeten und Liedern für alle Lebenslagen. Sie können staunen über das Hohelied, eine Sammlung hoch erotischer Liebeslieder,  oder über die Weisheitsbücher, aus denen das bekannte Sprichwort stammt: "Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" (Buch der Sprüche 26,27). Eine eigene Abteilung bilden die Bücher der Propheten,  großartige Gestalten aus dramatischer Zeit. Die Bibel ist ein Sammelwerk von zahlreichen Schriften, geschrieben von den verschiedensten Verfassern. Kein Wunder also und kein Grund zur Beunruhigung, wenn uns so manches darin  befremdet: Schließlich haben rund 1000 Jahre daran geschrieben! Und doch ist die Bibel jung geblieben und  gehört zu den meist gelesenen und übersetzten Büchern der Welt - ein echtes Phänomen! In den "Sonntagsgedanken" geht es um die Bibel, das Buch, das Juden und Christen heilig ist und nicht zuletzt im Koran seine Spuren hinterlassen hat. Die Bibel ist mehr als nur ein ehrwürdiges Kulturgut. Bis auf den heutigen Tag schöpfen Menschen daraus Orientierung und Kraft für ihr Leben, weil sie von dem redet, was letztlich zählt. Januar 1945 in Berlin: Helmut Graf von Moltke, ein Gegner des Hitler-Regimes, steht nach einem Jahr zermürbender Haft vor Gericht. Roland Freisler, berüchtigter Präsident des Volksgerichtshofs, schäumt vor Wut, seine Stimme überschlägt sich, denn er hat den Angeklagten gleich  richtig eingeschätzt. "Von der ganzen Bande", schreibt Moltke seiner Frau später, "hat nur Freisler mich erkannt, und er ist auch der einzige, der weiß, weswegen er mich umbringen muss." Der Prozess ist eine Farce, denn das Todesurteil steht von vornherein fest. Moltke aber ist auch nach der Urteilsverkündung von einer unfassbaren Ruhe, ein Bibelwort ist ihm ganz nahe: "...ich bin so voll Dank", schreibt er,   " "eigentlich ist für nichts anderes Platz. (...)...  der ganze Saal hätte brüllen können wie der Herr Freisler, und sämtliche Wände hätten wackeln können, und es hätte mir gar nichts gemacht; es war wahrlich so, wie es in Jesaja 43,2 heißt: Denn so du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. - Nämlich Deine Seele." Für mich sind solche Aussagen eine starke Ermutigung, an die Wirklichkeit   und Nähe Gottes zu glauben, denn in der Todeszelle des Grafen Moltke ist kein Platz mehr für Illusionen und Wunschträume. Manchmal "müssen" wir wohl erst an Grenzen kommen, um zu ahnen, dass das Hier und Jetzt nicht die volle Wirklichkeit  sein kann.                                                                                              

 Die Bibel lädt uns ein, ja, sie wartet sozusagen darauf, dass wir ihren reichen Schatz entdecken. Die folgenden Verse schildern diese  Haltung nicht ohne ein Lächeln:  

Manchmal schweigt sie tagelang
und plötzlich kommt ein Satz, der mich trifft.
Hat sie dabei zu mir hingeschaut? (...)
Sie ist so eigensinnig, aber voller Charme. (...)
Sie hat ein Gesicht,  das man so schnell nicht vergisst.
Die vielen Falten erzählen ihre Geschichte.
Mag sie auch alt sein, sie denkt modern. (...)
Sie kennt Gott und die Welt.
Wie ein Wasserfall kann sie reden.
Nicht immer mag ich zuhören. (...)
Aber sie hat auch Geduld mit mir -
und immer Zeit. (...)
Sie ist eine ganz Besondere.

 - Zitate von Moltke aus:  Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und  Aufzeichnungen des Widerstandes 1933-1945. Hgg. von H. Gollwitzer u.a. 7. Aufl.,  Gütersloh 1985. (S. 87.88.84) 

- "Das Gedicht, aus dem die Verse stammen, ist überschrieben mit: "Sie ist wie sie ist" 
  und stammt von   Egbert Ballhorn. In:  Bibel heute. Nr. 162/2005, S. 12.13)

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Heute ist Volkstrauertag. Er will an die zahllosen Menschen erinnern, die Opfer von Unrecht und Gewalt geworden sind, vor allem an die Toten der beiden Weltkriege.  Ich möchte heute an einen Mann erinnern, um den vor  knapp 50 Jahren die gesamte zivilisierte Welt trauerte: an Dag Hammarskjöld, den damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen. Am 18. September 1961 geht die Nachricht um den Erdball: Das Flugzeug der UN, mit Dag Hammarskjöld und 15 weiteren Menschen an Bord, ist  in der Provinz Katanga in Afrika  kurz vor der Landung   abgestürzt.  Man fand das Flugzeug ausgebrannt und die Toten ringsum verstreut.   Hammarskjöld  selbst lag,  äußerlich  unversehrt, etwas abseits im Gras, fast wie schlafend.  Sein Rückgrat war   mehrfach gebrochen. Ein einziger Passagier überlebte,  5 Tage lang. Was er aussagte, wurde lange geheim gehalten, wie überhaupt die Aufklärung des Absturzes deutlich verzögert und behindert  wurde, Heute steht fest, dass Hammarskjöld einem Attentat zum Opfer fiel, bei dem verschiedene Interessenten ihre schmutzigen Hände im Spiel hatten. Die Erschütterung über diesen Tod war weltweit. In den Medien erschienen Schlagzeilen und Nachrufe, die das außerordentliche Ansehen dieses  Mannes   sichtbar machten. Der Schwede Dag Hammarskjöld, Generalsekretär der UNO von 1953 bis 1961, war nach außen hin ein disziplinierter und zurückhaltender Mensch. Täglich bewältigte er ein ungeheures Arbeitspensum und brauchte nur wenige Stunden Schlaf. Anfängliche Skeptiker setzte er  bald in Staunen:  Als z.B. die Suez-Krise ausbrach, verhinderte er einen drohenden Krieg, indem er erstmals eine eigene UNO-Truppe, die so genannten Blauhelm-Soldaten, einsetzte. Zwei Jahre zuvor gelang ihm ein besonderes Meisterstück. Um  amerikanische Gefangene aus Rot- China frei zu bekommen, reiste er persönlich nach Peking. Anstatt zu protestieren oder zu drohen, führte er kultivierte, feinsinnige Gespräche mit Tschou En-Lai. Einige Monate später schickte ihm der kommunistische Ministerpräsident ein Telegramm mit der Mitteilung, die Gefangenen würden vorzeitig frei gelassen, um, wie er betonte, "mit Dag Hammarskjöld die Freundschaft aufrecht zu erhalten." Was war das Geheimnis dieses Mannes, der nicht nur außergewöhnlich   in der Ausübung seines Amtes war, sondern  auch eine ganz eigene   persönliche Ausstrahlung besaß? In seinem Nachlass fand sich ein Manuskript, dessen Veröffentlichung eine Sensation darstellte:  tagebuchartige Aufzeichnungen,  die einen bis dahin unbekannten Hammarskjöld zeigen: einen tief religiösen Menschen, der unaufhörlich mit Gott im Gespräch war und  daraus Inspiration und Kraft  schöpfte.  

(Musik

In den "Sonntagsgedanken" geht es um Dag Hammarskjöld, den ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, der  1961 durch einen mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben kam. Das Ziel, dem er  - gemäß der UNO-Charta -  dienen wollte, war das allmähliche Zusammenwachsen aller Nationen zu einer großen Menschheitsfamilie. Denn er  war überzeugt, "dass alle Menschen gemäß der radikalsten Auslegung des Evangeliums als Kinder Gottes gleich sind..."   Wie schwer dieser Grundsatz  zu verwirklichen war, das erlebte Hammarskjöld immer wieder in aller Härte.  Wirtschafts- und Machtinteressen, Angst vor dem Fremden, auch Prestigedenken  führen  immer wieder  dazu, dass zwischen Gruppen und Nationen Mauern errichtet und  Angriffe geführt werden.  Diese "Steinzeitmentalität", wie der Generalsekretär es nannte, ist nur in kleinen,  mühsamen Schritten zu überwinden. Und doch, so war er überzeugt,  gibt es nur diesen "Mittelweg, (...), auf dem wir uns langsam, aber sicher (in) Richtung einer Weltgemeinschaft bewegen, die für unsere Zivilisation die einzige Alternative zur Selbstzerstörung ist." Mir scheint, genau dies ist heute wichtig, um drängende Probleme nicht kurzatmig, sondern aus einer größeren Sicht heraus anzugehen: aus der Perspektive  einer  echten Weltgemeinschaft. In Hammarskjölds letzten Lebensjahren zogen sich Verleumdungen und Angriffe  um ihn zu wie ein tödliches Netz.  Er sah sich dabei in der Nachfolge Jesu, des Gekreuzigten. Schon früh ahnte  Hammarskjöld   seinen Tod voraus und deutete  ihn als die  Konsequenz seines Lebens.  Auf seine Initiative hin wurde  im Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York ein Meditationsraum eingerichtet.  In der  Mitte des fast leeren Raumes steht ein mächtiger Steinquader aus schwedischem Eisenerz. Nur von oben fällt Licht ein und trifft auf die polierte Oberfläche des Blocks, von wo aus es in den Raum gestreut wird. Der Generalsekretär selbst erhielt die Eröffnungsansprache. Diesen Stein    "können (wir) als einen Altar ansehen, leer, nicht weil da  kein Gott ist, ...sondern weil er jener Gottheit gewidmet ist, welche die Menschen unter vielerlei Namen und Formen verehren."  Zu dieser großzügigen Sicht passt das schöne Wort  des arabischen Dichters Rumi, das Hammarskjöld in seinem Tagebuch zitiert:  "Wer Gott liebt, hat keine Religion außer Gott."  Wie Hammarskjöld dachten und denken  - Gott sei Dank -  viele Menschen und versuchen unsere  Welt ein Stück weiter zu bringen in Richtung Verständigung und Frieden. Manche bezahlen mit ihrem Leben dafür. Hammarskjöld gab trotz aller Rückschläge nicht auf. Er hatte die Erfahrung gemacht: "Wer sich Gottes Hand überlassen hat, der steht den Menschen frei gegenüber (...). Und er mahnte sich selbst, "dieses einzig Bleibende" nicht zu vergessen: Das 'Unerhörte' - in Gottes Hand zu sein."

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