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Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Hebamme und Nachbarin

Mittwoch, 24. August 2016     [Druckversion]

„Beim ersten Kind braucht man Hilfe, beim zweiten schafft man es allein und beim dritten hilft man der Nachbarin“. Diesen Satz habe ich von einer Familienberaterin. Ich finde sie beeindruckend, weil bei ihr die die Tiefe und die Ruhe jahrzehntelanger Erfahrung zu spüren ist. Vor allem aber weil sie die Frauen mit einer so hilfreichen Mischung aus Realitätssinn, Respekt und Zuversicht berät. Und wenn dann zum Beispiel eine Frau Angst davor hat, es nicht zu schaffen mit einem Kind, dann fallen so Sätze wie „Beim ersten Kind braucht man Hilfe, beim zweiten schafft man es allein und beim dritten hilft man der Nachbarin“. Ich finde diesen Satz so gut, weil er wahr ist, weil er zuversichtlich ist und einem Menschen mit Angst über seine Angst hinaus sehen hilft. Natürlich haben viele Frauen auch Angst, wenn sie heutzutage schwanger werden. Nicht nur wenn sie ungewollt schwanger werden oder der Mann sich aus dem Staub gemacht hat. Nein, „guter Hoffnung sein“ wird heute schon durch das viele Wissen schwer gemacht, was alles schief gehen kann bei Schwangerschaft und Geburt. Außerdem haben viele Frauen heute noch gar kein Baby in den Händen gehalten bevor sie selbst ein Kind bekommen. Die Erfahrung, dass es geht und wie es geht, müssen heute viele Frauen allein machen. Und deshalb brauchen sie auch Hilfe beim ersten Kind. Beim zweiten haben sie dann schon diese Erfahrung und sind sicherer. Und dann, so sie dann zu der eher seltenen Zahl von drei Kindern kommen sollen, dann haben sie so viel eigene Erfahrung, dass sie diese dann weitergeben können. Und das ist für mich das Schönste am Spruch der Familienberaterin: Frauen sind durch Schwangerschaft, Geburt und Kinder so nah am Leben, dass sie sich mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit helfen. Und so schließt sich ein Kreis weiblicher Lebenshilfe. Der bei der Beraterin begonnen hat und bei der Nachbarin endet.

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Ein hörendes Herz

Dienstag, 23. August 2016     [Druckversion]

„Ein salomonisches Urteil“, davon spricht man, wenn jemand, der etwas zu entscheiden hat, gerecht und menschlich entscheidet. Dieses geflügelte Wort stammt - wie so viele - aus der Bibel. Es ist interessant wie es entstanden ist. Es bezieht sich auf den sprichwörtlich weisen König Salomo. Er wurde schon jung ein König und litt unter der Last der Verantwortung. Eines Nachts erschien ihm Gott im Traum und sagte, dass er einen Wunsch frei hat. Und was wünscht sich der junge König Salomo? Nicht Geld, nicht Macht und auch kein langes Leben, sondern: ein hörendes Herz! Der junge Mann wünscht sich ein hörendes Herz, damit er ein guter König sein kann. Ich liebe diese drei Worte: ein „hörendes Herz“. Denn ein hörendes Herz ist nicht nur für Könige reserviert. Es ist ein wunderbares Bild für Menschen, die auch innerlich hören können, mit dem Herzen hören können. Die das, was sie hören bedenken und befühlen. Die beim Hören nicht nur auf das WAS achten, sondern auch auf das WIE. Macht jemand nur Sprüche? Will jemand mich rhetorisch über den Tisch ziehen? Spricht ein Mensch zwar warme Worte, aber seine Augen sind kalt? All das spürt ein hörendes Herz und mahnt zur Vorsicht. Oder: Ist ein Kind ungewöhnlich verschlossen? Oder ein anderes kaspert unaufhörlich herum, dann spürt ein hörendes Herz, dass diese Kinder Zuwendung brauchen. Oder wie das allabendliche „Hallo“ klingt, sagt einem hörenden Herzen schon wie der Tag des anderen war. Ob er reden möchte, reden muss oder es gerade nicht möchte. Und wie kommt man zu einem hörenden Herzen? Ich denke, es wird einem im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt. Durch Menschen, die auch schon mit dem Herzen hören können. Aber man kann es auch lernen – mit der Zeit, mit Geduld und vor allem mit der Liebe zu den Menschen.

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Seele

Montag, 22. August 2016     [Druckversion]

Manche Dinge liegen so nah bei einander, dass mir gar nicht mehr bewusst ist, dass sie miteinander zu tun haben. So ist es mir mit den Worten See und Seele gegangen. Allein vom Klang her muss es doch klar sein, dass sie miteinander verwandt sind. Und das Wort Seele stammt tatsächlich vom Wort See ab. Weil die alten Germanen gedacht haben, dass das, was den Menschen in seinem Innersten ausmacht vor der Geburt und nach dem Tod in bestimmten Seen lebt. Ist doch interessant, dass die Seele so oft mit Wasser in Verbindung gebracht wird. „Seele, wie gleichst du dem Wasser“, hat schon der alte Goethe gesagt. Vielleicht weil die Seele so zart, so durchlässig, so spiegelnd, so spürbar und doch nicht fassbar ist, wie Wasser. Die Seele, so sagen Psychologen, ist nichts Statisches, sie entwickelt sich, kann verletzt werden, aber auch heilen.  Die Seele, so sagen die Theologen, ist die Verbindung zu Gott. Und vor allem in der sprichwörtlichen Seelenruhe kann man mit ihm in Verbindung kommen. Deshalb ist es so nötig wie wohltuend nicht nur Körperpflege zu betreiben, sondern auch Seelenpflege, neudeutsch Psychohygiene. Nicht nur ab und zu, sondern regelmäßig. Regelmäßig zur Ruhe kommen. Regelmäßig auf sich selbst schauen und dann über sich hinaus. Das Tolle und Leichte an der Seelenpflege ist, dass ich sie allein machen kann, zu zweit oder mit mehreren. Ganz wie es mir eben gut tut. Das kann bei einem Gebet in der Kirche sein oder in einer stillen Ecke meiner Wohnung. Das kann im gemeinsamen Schweigen sein, bei einem Spaziergang oder beim ausgedehnten Schauen in die Natur. Wenn ich sie sehe, höre und rieche. All das und noch viel mehr führt zur Seelenruhe. Denn jeder Mensch weiß im Innersten was seinem Innersten gut tut.

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Fuß in der Luft

Sonntag, 21. August 2016     [Druckversion]

„Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“. Nein, das ist kein Satz eines Fallschirmspringers. Dieser Satz steht auf dem Grabstein der Dichterin Hilde Domin. Wie wunderbar widersprüchlich. Die Schwerelosigkeit dieses Satzes auf einem gewichtigen Grabstein. Das Luftige und Erdenschwere so verbunden miteinander. Das tut gerade auf einem Grabstein so gut, der so schwer aussieht wie der Tod endgültig ist. Aber die Hoffnung, die darüber hinausgeht, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ist so leicht und schwerelos, dass kein Grabstein und keine Trauer sie halten kann. „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“- dieser wunderbare Satz macht aber nicht nur auf Friedhöfen Sinn. Nein, auch und gerade draußen, außerhalb von Friedhöfen, geschieht das, was er beschreibt. Dass ich getragen werde, bei allem Risiko. Allen voran in der Liebe: wenn ich aus mir heraustrete und eintrete in den Lebensraum eines anderen Menschen. Wenn ich es wage mich zu verlieren, mich fallen zu lassen und dann das Glück habe, nicht zu stürzen und aufzuprallen am Boden der harten Realität, sondern aufgefangen werde und schweben darf, schwerelos. Oder wenn ich mein Leben ändere, mich von jemandem oder etwas trenne, was Neues beginne, etwas wage. Auch dann setze ich einen Fuß in die Luft und erfahre erst später ob sie trägt. Oder wenn ich eine Therapie beginne, an Leib oder Seele, auch dann begebe ich mich in einen offenen Raum von dem ich nicht weiß, ob er mich heilen wird, halten oder erhalten wird. Genau da sind Menschen so wichtig. Um diesen wunderbaren unsichtbaren Lebensstoff zu bieten, der trägt und hält. Und wenn auch der nicht mehr hilft oder in dieser Welt nicht mehr möglich ist, dann bleibt noch die Hoffnung auf jene, in die ich dann getragen werde. Und getragen bin. Für immer.         

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