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Markus Eckert

Von Markus Eckert, Welzheim, Evangelische Kirche

Tiere

Samstag, 25. Juni 2016     [Druckversion]

Wir haben einen Zwerghamster und ein Aquarium mit Schleierschwänzen. Obwohl ich keine Haustiere mag. Aber der Kinder zuliebe habe ich zugestimmt. Jetzt aber bin ich der Einzige, der sich um die Viecher wirklich kümmert. Ich mache den Käfig und das Aquarium sauber und gebe ihnen Futter und Wasser.

Und jeden Abend, wenn ich Kiki unsere Hamsterdame besuche und ihr etwas zu essen gebe, dann setze ich mich ein bisschen zu ihr, lasse sie auf meine Hand krabbeln und streichle sie. Ich mag Kiki. Ich frage sie, wie es ihr geht und sie schaut mich dafür aus ihren niedlichen schwarzen Augen an und schnuppert an mir. Aber ehrlich gesagt, das war es auch schon. Mir reicht das vollkommen.

Anderen geht es anders. Die brauchen ihre Tiere. Vielleicht, weil sie von den Menschen enttäuscht sind. Wer ist schon so treu wie ein Hund? Und wer wärmt so zuverlässig Füße und Herz wie eine Katze? Und wer kann schon so gut zuhören? Und freut sich tierisch über Futter und Streicheln?

Ein Kollege betet im Gottesdienst immer für die Tiere. Die Tiere beim Bauern und die Haustiere. Selbst wäre ich nie auf die Idee gekommen. Aber, es stimmt, wenn ich mir Sorgen um die Welt und die Menschen mache, dann gehören die Tiere dazu. Sie sind mehr als nur das Schnitzel auf dem Teller oder die lebendige Kuscheldecke. Sie sind Mitgeschöpfe, sie haben sozusagen den gleichen Ursprung wie wir und deshalb sollte man auf sie aufpassen und sie schätzen. Und vielleicht sogar für sie beten. Auch wenn man so ein Tiermuffel ist wie ich.

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Ruhe

Freitag, 24. Juni 2016     [Druckversion]

Die Welt ist kompliziert. Deshalb sind einfache Sätze gerade sehr beliebt: zB:Wir schmeißen die Flüchtlinge raus und dann hat die liebe Seele ihre Ruhe. Oder:Wir bauen wieder eine große Mauer und dann hat die liebe Seele ihre Ruhe. Oder: Wenn alle nur wieder mehr Kinder bekommen, dann hat die liebe Seele ihre Ruhe.

Die Liebe Seele will ihre Ruhe haben. Aber hat sie das? Die Redewendung stammt aus der Bibel. Jesus erzählt ein Gleichnis. Ein reicher Kornbauer hat mehr als genug Ernte eingefahren. Hat sich zusätzliche Scheunen gebaut und sagt sich also: Jetzt hast du einen großen Vorrat für viele Jahre; Liebe Seele, habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“

Aber noch in der Nacht stirbt er. Und Gott fragt ihn: Na, was machst du jetzt mit deinem Reichtum?

Ich gebe zu, eine ziemlich gruselige Geschichte, aber ich finde, so passiert das. Man schafft und spart, führt notfalls Krieg, damit man sich endlich mal sicher fühlen kann. Aber mit der Ruhe ist es bald wieder vorbei. Ich kann den Bauern zwar gut verstehen. Wie schön, wenn die liebe Seele wirklich ihre Ruhe haben könnte. Ruhe und Sicherheit. Aber erkaufen kann man sich das anscheinend nicht.

Jugendliche, mit denen ich diese Geschichte angeschaut habe, die hätten da viele Vorschläge für den Bauern. Die sagen zum Beispiel: Wer viel hat, kann ja auch was abgeben. Das passt ganz gut zu dem, was Jesus ganz zum Schluss der Geschichte sagt, nämlich Macht euch Schätze im Himmel und nicht auf der Erde. Oder anders gesagt: Mit Geld und Besitz oder mit einfachen Antworten hat die liebe Seele keine Ruhe, sondern nur, indem man sich um seine Seele kümmert.

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Miteinander

Donnerstag, 23. Juni 2016     [Druckversion]

Ein 14jähriger Schüler steht neben einer 80jährigen Diakonisse, ein Langzeitabeitsloser steht neben einer Erzieherin und alle geben sich die Hand. Ich mag das. Und ich erlebe es immer wieder beim Abendmahl in unserer Kirche. Alle stehen zusammen und die Grenzen, die in der Gesellschaft sonst so bestehen, die gibt es nicht.

Allerdings: in dem Kreis stehen auch die, die homosexuelle Mitarbeiter meiden oder die, die sich klar ausländerfeindlich geäußert haben. Auch die stehen in diesem Kreis.

Und wenn ich dann das Abendmahl austeile, habe ich damit auch manchmal ziemliche Schwierigkeiten. Aber weil wir sagen, dass nicht der Pfarrer oder die Pfarrerin zum Abendmahl einlädt, sondern Jesus selber, darf auch jeder kommen. Und dann stehen wir da zusammen.

Und es ist wie ein Gegenbild zu dem, was ich sonst so beobachte: Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind stehen eben nicht zusammen, sondern sind getrennt, sprechen mehr übereinander, anstatt miteinander. Die Große Erregungsmaschine Internet und die sozialen Medien verstärken noch diesen Trend. Jeder bleibt unter Seinesgleichen. Und wird dadurch in seiner Meinung immer radikaler.

Deshalb möchte ich das doch lieber aushalten, auch mit denen zusammenzustehen, mit denen ich nicht einer Meinung bin. In der Hoffnung, dass wir eben nicht nur übereinander, sondern auch miteinander reden und wenn nötig auch streiten. Vielleicht muss ich meinen Gegnern trotzdem irgendwann aus dem Weg gehen, weil ich sie nicht mehr ertragen kann. Aber bis dahin will ich das machen, was Jesus auch gemacht hat: Er hat auch mit denen gegessen, die nicht seiner Meinung waren und hat mit ihnen geredet. Ich finde, das ist unglaublich anstrengend, aber notwendiger, denn je.

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Lachen

Mittwoch, 22. Juni 2016     [Druckversion]

Ein Verbrecher läuft hämisch lachend davon. Die Spannung ist kaum auszuhalten. Und dann steht unten an der Treppe ein Polizist und haut dem Verbrecher aber so was von auf die Mütze, dass der nur noch Sternchen sieht. Ein Kinderfilm.

Und meine Kinder lachen sich kaputt, als sie diese Szene sehen. Es ist eine lustige Szene, aber eigentlich auch eine brutale. Und ich frag mich: Moment: Darf man lachen, wo draufgehauen wird?

Klar, beim Lachen löst sich die Spannung. Gerade haben die Kinder noch mit den Kinderdetektiven mitgefiebert und dann - mit einem Schlag - ist doch alles nochmal gut gegangen. Lachen ist die Erlösung.

Und manchmal wünsche ich mir das auch in anderen Dingen, dass mit einem Schlag alles gut sein könnte. Aber das passiert nur sehr selten und noch seltener bringt ein gewaltsamer Schlag die Lösung der Probleme. Meist schafft Gewalt nur neue. Und das ist dann alles andere als zum Lachen.

Deshalb bin ich überzeugt: In unserer Welt passiert Erlösung nie mit einem Schlag, sie wird in harten Verhandlungen erstritten. Lösungen werden an runden Tischen erarbeitet. Sei es in der Politik oder auch im Familienleben.

Jesus hat es so formuliert: Seelig sind die Friedfertigen. Ich verstehe das so: Friedfertig, das ist, wenn man eher mit Geduld und Langmut an Konflikte herangeht. Und sie damit löst - auf friedliche Weise.

Was man mit einem Schlag löst, das verursacht nicht selten eine Beule - wie im Kinderfilm. Ich gebe zu, mancher Bösewicht muss gestoppt werden. Aber wenn er wieder ein Guter werden soll, dann braucht es doch wieder einen langen Atem.

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Pfarrerinnen

Dienstag, 21. Juni 2016     [Druckversion]

Die Kirche in Lettland hat das Rad der Geschichte zurückgedreht. Genau genommen die evangelische Kirche von Lettland: Frauen dürfen seit drei Wochen in Lettland keine Pfarrerinnen mehr werden. Ich finde das skandalös. Da haben sich die protestantischen Kirchen – das ist noch keine 50 Jahre her – dazu durchgerungen, Frauen den Männern im Pfarramt gleichzustellen. Und dann gibt man das wieder auf. Damit macht sich die lettische Kirche vor allem eins: Ärmer!

Ich jedenfalls habe auf meinem Weg zum Pfarrer viel von Pfarrerinnen gelernt. Vor allem auch deshalb, weil sie nicht das Alphatier spielen müssen. Während Männer sich gerne reden hören und aufplustern müssen, finde ich das bei Frauen nicht so ausgeprägt. Mir hat das geholfen, von ihnen zu lernen

Hinzu kommt: In vielen Situationen in der Gemeinde fühle ich mich als Mann auch fehl am Platz. Wie soll ich als Mann mit Frauen reden, die Probleme in der Schwangerschaft haben? Das kann ich doch gar nicht nachvollziehen.

Und: Ich finde es bereichernd, eine Frau auf der Kanzel zu erleben, weil sie aus ihrer weiblichen Sicht andere Dinge von Gott erzählen kann. Und schließlich: Das Jahresmotto unserer Kirche in diesem Jahr heißt: „Gott spricht: ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Und beim Trösten spielt das Geschlecht eine wichtige Rolle, hat mir eine Kollegin verraten:

Die sollte nämlich einen Mann beerdigen. Als sie zur Witwe kam, war die im ersten Moment völlig überfordert. „Sie wollen meinen Mann beerdigen?“ Nach der Beerdigung dankte sie der Kollegin und sagte: Einem Pfarrer hätte ich nie erzählt, dass ich in meiner Ehe unglücklich war. Was für ein Glück, dass Sie als Frau, der Pfarrer waren!“

Das kann ich als Mann nur bestätigen. Wer Frauen aus Ämtern und Berufen ausschließt, der macht sich ärmer. Nicht nur in der Kirche.

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Tag des Flüchtlings

Montag, 20. Juni 2016     [Druckversion]

Weltweit sind z.Zt. 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die UNO-Flüchtlingshilfe hat den heutigen 20. Juni zum Weltflüchtlingstag gemacht. Vor 15 Jahren. Fast 100 Jahre vorher hat die katholische Kirche einen Gedenktag für Flüchtlinge ausgerufen. Kein Wunder, das war 1914 und da tobte der erste Weltkrieg und Flüchtlinge gab es zu hunderttausenden. Diese Flüchtlingsbewegungen veränderten das Gesicht der Welt.

Und auch heute wird das Gesicht der Welt verändert. Deutschland verändert sich. In unseren Städten sehen wir viel mehr Menschen aus fremden Kulturen und wir hören fremde Sprachen.

Allerdings: Auch die Länder verändern sich, aus denen die Menschen fliehen. Eine Million Christen sind z.B. aus Syrien geflohen. Eine ganze Bevölkerungsgruppe hat ihre Heimat verlassen. Entweder weil sie vor den Terrorakten des IS fliehen mussten oder weil sie sonst in den Militärdienst des Assad-Regimes hätten eintreten müssen. Nicht nur Flüchtlinge müssen eine große Veränderung ihrer Lebenssituation durchmachen, auch deren Herkunftsländer werden durch ihre Flucht verändert, und damit ärmer gemacht.

Mit der Flucht von orientalischen Christinnen und Christen geht viel verloren für die Länder aus denen sie fliehen, zum Beispiel die Kultur eines friedlichen Zusammenlebens.

Und trotzdem bleibt uns wohl nichts Anderes übrig, wenn wir nicht mit militärischen Mittel in diesen Konflikt eingreifen wollen, als den Flüchtlingen zu helfen. So gut es geht. Und die Kirchen sind da wohl wieder gefragt, denn in der Bibel heißt es: Gott hat den Fremdling lieb. Deshalb herzlichen Dank an alle, die das auch für sich sagen können, dass sie den Fremdling liebhaben. Heute am Weltflüchtlingstag und darüber hinaus.

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Superhelden

Sonntag, 19. Juni 2016     [Druckversion]

Sechsjährige Jungs wollen wie Superhelden sein. Mein Sohn Jann fragt mich auf dem Schulweg nach allen Superhelden aus. Und so erzähle ich. Bruce Banner wird grün und groß, wenn er wütend wird. Dann wird er zu Hulk. Und Peter Parker ist von einer mutierten Spinne gebissen worden. Seit dem ist er Spiderman und trägt wenn nötig einen eng anliegenden rotblauen Anzug und krabbelt die Wände hoch. Ich weiß echt viel über Superhelden. Und jetzt kann ich es mir doch nicht verkneifen zu fragen: „Findest Du eigentlich, dass Jesus auch so ein Superheld ist?“ „Klar“, meint Jann, „der heilt doch die Menschen!“

Man mag mich eines Besseren belehren, aber: mir ist tatsächlich kein Superheld eingefallen, dessen Superkraft darin besteht, andere zu heilen. Ein Superheld ist einer, der mit Geschick und vor allem viel Kraft seine Ziele durchsetzt oder von mir aus auch anderen Menschen hilft. Aber Superheiler kenne ich nicht.

Jesus jedenfalls haut keine Autos durch die Gegend oder vermöbelt Menschen. Er heilt. Und das ganz unspektakulär. Und er isst und trinkt mit Menschen. Er ist gesellig, versteckt sich nicht hinter einer Maske und als sein eigenes Leben in größter Gefahr ist, wendet er eben keine Superkräfte an.

Jesus ist viel menschlicher als Spiderman oder Hulk. Er hilft und heilt so gut er kann. Er gehört zu den Guten. Und zu denen wollen sechsjährige Jungs meistens dann doch auch gehören. Und weil Jesus so menschlich ist, glaub ich, dass da jeder so ein Superheld werden kann, auch Jann.

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