Manuskripte

SWR3 Worte

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Woche vom 01.05.2011 bis 07.05.2011




Annette Bassler

Von Annette Bassler, Mainz, Evangelische Kirche

Über die Vollendung

Samstag, 07. Mai 2011     [Druckversion]

Ich fand eine Feldblume, bewunderte ihre Schönheit, ihre Vollendung in allen Teilen, und rief aus:
"Aber alles dieses, in ihr und tausenden Ihresgleichen, prangt und verblüht,
von niemandem beachtet, ja oft von keinem Auge je gesehen!"
Sie aber antwortete: "Du Tor! Meinst du, ich blühe, um gesehen zu werden?"

Der Philosoph Arthur Schopenhauer
http://www.weg-zum-licht.de/html/gedichte_.html

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Was es ist

Freitag, 06. Mai 2011     [Druckversion]

Der Dichter Erich Fried, gestorben in Baden Baden, wäre heute 90 Jahre alt geworden. Ein Gedicht von ihm lautet:

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried, Gedichte, Reclam 1993 Stuttgart

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Gnade im Alltag erleben

Donnerstag, 05. Mai 2011     [Druckversion]

Gnade im Alltag erleben: da wird einmal nicht scharf hingesehen und nicht nach der geltenden Regel... geurteilt, sondern einfach der Fauxpas übersehen, die Fehlleistung nicht in Rechnung gestellt ... das Schielen ins Heft des Nachbarn beim Diktat nicht bewertet.
Nicht „Augen zu und durch" sondern mit einem leicht und kurz geschlossenen Auge kleine Nachsicht üben.
Das wirkt weit mehr als Strafe, sofern du das Unrechtmäßige... deines Verhaltens erkannt hast.
...
Vorschriften mögen ihren Sinn haben und brauchen allgemeine Gültigkeit. Aber zum wirklichen Leben gehören auch Menschen, die einmal freundlich ein Auge kurz zudrücken. Irgendwie leben wir alle von ein wenig Großzügigkeit, von freundlichem Nachsehen.... Wer es nie erlebt hat, wird meist selber hart. Es tut doch so gut, freundlich zu sein, oder?...

Der Theologe Friedrich Schorlemmer
Friedrich Schorlemmer, Tritt fassen, Kreuz Verlag 2010

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Lesen

Mittwoch, 04. Mai 2011     [Druckversion]

Schon als kleiner Junge musste ich immer raus auf den Acker- zum Kartoffelnlesen, zum Auslesen der Steine....
Erst also lernte ich, auf Knien im Ackerboden zu lesen, und dann mit dem Buch auf den Knien. ...
Mit dem Lesen lehrte mich Vater das Denken, das Erkunden fremder unerreichbarer Welten, ..
immer lag bei meinem Vater oder in seiner Nähe ein ziemlich zerlesenes Buch. Eine Bibel.
Dreißig Jahre später hatte ich auch ein solches zerlesenes Buch. Was war mein Neues Testament, das schon 1971 mit Leukoplast geklebt werden musste. Daran hänge ich noch immer.... Was da auseinanderfällt, hat mich zusammengehalten....
Lesen bildet und befreit...
Sage mir, was du in deinem Leben gelesen hast und ich kann dir sagen, wer du geworden bist."

Der Theologe Friedrich Schorlemmer
Friedrich Schorlemmer, Tritt fassen, Kreuz Verlag 2010

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Glückspilz

Dienstag, 03. Mai 2011     [Druckversion]

Ein Glückspilz- was ist das? Plötzlich einen wunderbaren, riesigen Steinpilz entdecken, richtig majestätisch, kräftig und schön. Und ohne Würmer. ..
Nach stundenlanger Suche im Wald. Dann dieser eine Pilz, über Nacht gewachsen. Im taufrischen Morgen grüßt er dich, als habe er auf dich gewartet.
Die schöne Überraschung macht ihn zu einem Glück. Das ist nicht zu berechnen....Es ist einfach da- oder es bleibt einfach aus.

Da gewinnst du den Ausscheid unter zwanzig Bewerbern. Du findest genau den Menschen, der zu dir passt und der dir guttut...
Da wird dir in der Prüfung gerade die Frage gestellt, auf die du vorbereitet bist....Du bist einfach ein Glückpilz.
Und ich freu mich darüber. Denn ich weiß doch, wie oft du ganz knapp am Abgrund vorbeigeschrammt bist.
Ich weiß das aus Erfahrung. Ich bin ein Pechvogel heute, ein Glückspilz morgen.

Der Theologe Friedrich Schorlemmer
Friedrich Schorlemmer, Tritt fassen, Kreuz Verlag 2010

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Dein Leben ist nicht ok?

Montag, 02. Mai 2011     [Druckversion]

Wofür wir dankbar sein sollten, es aber oft nicht mal registrieren:

Den Partner, der Dir jede Nacht die Decke wegzieht, weil es bedeutet, dass er mit keinem anderen unterwegs ist.

Das Kind, das nicht sein Zimmer aufräumt und lieber fern sieht, weil es bedeutet, dass es zu Hause ist und nicht auf der Straße.

Die Steuern, die ich zahlen muss, weil es bedeutet, dass ich eine Beschäftigung habe.

Die Kleidung, die mal wieder zu eng geworden ist, weil es bedeute, dass ich genug zu essen habe.

...Den Teppich den ich saugen muss, und die Fenster die geputzt werden müssen, weil es bedeutet, dass ich ein Zuhause habe.

Den Wecker, der mich morgens unsanft aus meinen Träumen reißt, weil es bedeutet, dass ich am Leben bin und schließlich:
die vielen nervenden E-Mails, weil es bedeutet, dass ich Freunde habe und es genügend Menschen gibt, die an mich denken.

Verfasser unbekannt
http://www.weg-zum-licht.de/html/gedichte_.html

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Brot brechen

Sonntag, 01. Mai 2011     [Druckversion]

In einer Nische der Gertrudenkapelle in Güstrow sitzt „der lehrende Christus", eine Holzplastik von Ernst Barlach. Weites Gewand...Beide Hände geöffnet...
Es ist die einladende Geste dessen, der seinen Freunden das Brot bricht und den Becher reicht...„Schmeckt und seht, wie freundlich Gott ist."
...Dieser für mich gebrochene Bissen Brot erinnert mich an meine Bedürftigkeit. Ich genieße ihn. Ich kaue ihn, bis er ganz süß wird.
Er erinnert mich an meine Unersättlichkeit, an die Gefahr, in der ich stehe, das Viele zu verschwenden, statt das Wenige zu genießen. ...
Er erinnert mich an den Hunger in einer Welt, die bisher nicht fähig ist, zu teilen und allen die tägliche Ration Brot und frisches Wasser zu gewähren.... Gib Brot weiter. Dieses ...Wenige...kann alles sein- Fülle des Lebens!

Friedrich Schorlemmer, Tritt fassen, Kreuz Verlag 2010

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