Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Woche vom 12.02.2012 bis 18.02.2012




Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Speyer, Katholische Kirche

Ein Vorbild für heute

Sonntag, 12. Februar 2012     [Druckversion]

Sie hat mich von Anfang an fasziniert - die Gestalt des vor sechs Jahren im Speyrer Dom selig gesprochenen Priesters und Ordensgründers Paul Josef Nardini. Vor kurzem konnten wir seinen 150. Todestag feiern. Was ist Besonderes an diesem Seelsorger, der mitten in der Zeit der Industrialisierung und der damit einhergehenden sozialen Probleme wirkte und nur 40 Jahre alt wurde? Er kam als junger Pfarrer nach Pirmasens, intellektuell begabt, musisch gebildet, feinfühlig. Und er sah die entsetzliche Not und Armut, die dort herrschten. Er schreibt, dass er dort „eine Armut getroffen (habe), die ihm in der Seele wehtut und jedes fühlende Menschenherz zum Mitleid hinreißt und zur Hilfe auffordert." Und dass er selbst „hier nie glücklich und zufrieden leben (könne), wenn er sich nicht sagen könnte, das Seinige nach möglichster Kraft zur Linderung der Armut beigetragen zu haben."  Nardini macht sich die Not der Menschen zueigen und wird in kurzer Zeit zum sozialen Apostel von Pirmasens. Man nannte ihn den „Vater der Armen." So ist er als leidenschaftlicher Seelsorger und als sozialer Vordenker und Kämpfer in die Geschichte eingegangen.
Und heute? Das besondere Gedenken an Nardini konfrontiert uns neu mit dem sozialen Notstand unserer Zeit. Durch die Nachrichten vermittelt erscheint solcher Notstand für viele oftmals weit weg. Und trotzdem finden wir ihn auch vor unserer Haustüre. Kann ich ihn, wie Nardini, mir „nicht aus dem Sinn schlagen", weil er himmelschreiend ist, weil ich nicht gleichgültig wegsehen kann und darf? Oder habe ich mich an manches schon zu sehr gewöhnt? Gewöhnung und Gleichgültigkeit aber haben zersetzende Kraft - sie trennen den Menschen vom Menschen.Das Wirken Nardinis war in eine bestimmte Zeit gestellt und an konkrete Umstände gebunden, die heute nicht mehr dieselben sind. In unseren Breiten muss dank eines flächendeckenden sozialen Systems, das freilich seine blinden Stellen hat, niemand mehr verhungern. Und dennoch leiden viele Menschen in der gleichen Weise wie damals: Leiharbeiter verdienen nicht nur geringeren Lohn für gleiche Arbeit, sondern müssen auch mit einer beständigen Unsicherheit und Mobilität leben. Was bedeutet das für das familiäre Leben, für Partnerschaft und die Kinder? Was bewirkt die ständige Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes? Wir haben Gott sei Dank eine im europäischen Vergleich niedrige Arbeitslosenquote, aber wir haben viele Menschen, die von ihrem Verdienst kaum leben und ihre Familie ernähren können. Kinder und Jugendliche müssen mit und in prekären Familienverhältnissen leben; Zeit und Geld für eine adäquate Betreuung sind knapp. Sinn- und Perspektivlosigkeit erzeugen quer durch alle Schichten Gewalt- und Zerstörungsbereitschaft, Flucht in Süchte oder gar in extreme Haltungen.Oftmals stehen wir ratlos vor diesen Schwierigkeiten und Herausforderungen. Aus der Aussichtslosigkeit kann Verzweiflung werden, aus der Verzweiflung Lethargie. Hier hilft ein Blick auf Nardini. Der Beginn seines Lebens versprach alles andere als Erfolg: Als uneheliches Kind geboren wuchs er in einer kleinbürgerlichen, ärmlichen Pflegefamilie auf, da der Vater Frau und Kind im Stich gelassen hatte. Im Verlauf seines Lebens musste er viele Hindernisse und auch Anfeindungen  überwinden. Gegen alle Anfechtung und Ausweglosigkeit kämpfte Nardini aber im Vertrauen auf Gott, dessen Werkzeug er sein wollte. Der Glaube an Gott gab seinem Leben den entscheidenden Sinn. Schon als Zwanzigjähriger schreibt er in sein Tagebuch: Christus „ist der Brennpunkt meines Herzens; es mag mich ... Not, Bedrängnis, gefahrdrohende Unschlüssigkeit ankämpfen, nicht will ich durch Trübsinn und Traurigkeit seine freudige Liebe in mir unterdrücken." Befragt nach der Kraft für seinen Dienst antwortete Nardini: „Ich weiß nur das eine: ‚Wo ich bin, bin ich ganz.'"

Das ist das Besondere an Nardini: Wo er war, war er ganz. Er konnte nicht wegschauen, er konnte sein Herz nicht verschließen. Er konnte, wie er selbst schreibt, sich „das leibliche Elend, von dem so viele ... so hart gedrückt sind, nicht aus dem Sinn schlagen." Er war ganz da mit Herz und Hand. Solche Vorbilder brauchen wir auch heute.

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