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Dr. Paul Metzger

Von Dr. Paul Metzger, Bensheim, Evangelische Kirche

W-ELT

Freitag, 01. Juli 2016     [Druckversion]

„Das ist ja mal ein cooles Ding. Da gibt es jetzt einen Gürtel, der ist voll elektronisch.“ Meine Frau runzelt die Stirn. Immer wenn ich von einer neuen Spielerei in der Zeitung lese, dann hat sie Angst, dass ich die gleich kaufen will. Sie schluckt den Tee und sagt: „Du hast doch schon viele Gürtel!“

„Ja, aber nicht so einen. Das ist ein kein gewöhnlicher Gürtel, das ist ein W-ELT.“ „Eine ganze Welt?“ „Nein. Ein W-ELT. Ein Kunstwort. Eine Zusammensetzung aus Belt, also das englische Wort  für Gürtel und einem W vorne, statt einem B. Also W- ELT“

„Und wofür steht das W?“
„Habe ich noch nicht rausgekriegt“, sage ich. „Entweder steht es für wearable, also tragbar“
„Alle deine Gürtel sind tragbar“, platzt meine Frau rein.
„Oder für wireless, also kabellos.“
„Keiner deiner Gürtel hat ein Kabel.“
„Ist ja schon gut. Das W steht wahrscheinlich für Wellness. Weil der Gürtel so viele Daten messen kann.“
„Und dann fühlst du dich gut? Wenn der Gürtel deinen Bauchumfang ganz genau messen kann? Können deine alten das nicht? Wenn du wieder ein Loch weiter stellen musst?“

Ich seufze. Meine Frau macht mir immer die schönsten Neuigkeiten kaputt.

„Oder zeigt dir der Gürtel an, wenn ein Engel vor dir steht? Oder wenn Gott dich anfunkt?“
„Wie meinst du denn das?“
„Das wäre doch eine neue Erfindung. Ein Empfangsgerät für Gott. Damit wir ganz sicher sein können, wenn Gott sich nähert oder plötzlich vor uns steht. Ein Gürtel, der uns anzeigt: Achtung, jetzt hast du es mit Gott zu tun. Gott will was von dir. Dann müssten wir nicht mehr nur unseren Gefühlen vertrauen.“

„Gott ist doch ein Gefühl“, sage ich, „Gott ist doch die Liebe. Das steht schon so in der Bibel.“
„Ja, und die Liebe? Kann dein Gürtel die Liebe messen?“
„Nein“, sage ich, „das kann er nicht.“
Meine Frau wendet sich wieder ihrer Zeitung zu. Ich blättere weiter und denke: „Sie hat ja Recht, ich sollte vielmehr auf mein Bauchgefühl vertrauen. Gerade bei einem Gürtel.“

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Verbindung

Donnerstag, 30. Juni 2016     [Druckversion]

„Utes Telefon wurde getrennt.“ Ich schrecke von meiner Zeitung auf. Wer hat das gesagt? Ich bin ganz allein in der Küche. Die Kinder sind schon weg. Die waren es nicht. „Utes Telefon wurde getrennt.“

Wieder diese Stimme. Sie klingt ganz traurig. Ich weiß: Sie kommt aus der kleinen Box, die meine Frau gekauft hat. Das ist unser neues Küchenradio. Eigentlich ist es gar kein Radio. Es ist ein Lautsprecher, der mit einem Handy verbunden ist. Mit Bluetooth. Die kleine Box überträgt Musik aus dem Handy in die Küche.

Richtig traurig wiederholt die Box den Namen meiner Frau: „Utes Telefon wurde getrennt.“

Wahrscheinlich weil ihr Telefon weg ist. Sie ist nämlich gerade gegangen und hat ihr Handy mitgenommen. Die Verbindung ihres Handys mit der kleinen Box wurde getrennt. Und jetzt ist die Box traurig.

„Quatsch“, denke ich, „ein Lautsprecher kann nicht traurig sein.“ Menschen und Tiere können was empfinden, aber doch keine Box. Vielleicht empfindet Gott auch was, wenn wir weggehen, frage ich mich. Vielleicht ist er dann auch traurig.

In der Bibel erzählt Jesus die Geschichte von einem Schäfer, der ein Schaf verloren hat. Obwohl er noch 99 andere Schafe hat, geht er das eine Schaf suchen. Ich glaube, dass Gott wie dieser Schäfer ist. Obwohl er sich um ganz viele Menschen kümmern muss, legt er Wert auf jeden Einzelnen. Wenn einer verloren geht, kommt Gott und sucht nach uns. Er lässt die Verbindung nicht abreißen.

„Gut, dass die Box jetzt nicht meine Frau suchen geht“, denke ich. Da sagt die Stimme: „Verbunden mit Utes Telefon.“  Ich zucke zusammen. Dann muss ich lachen.

Meine Frau kommt in die Küche: „Warum lachst du?“ „Ach nichts Wichtiges“, sage ich, „mir ist nur gerade aufgefallen, was der Unterschied zwischen Gott und einem Bluetooth-Lautsprecher ist?“ „Und was?“ „Die Box geht dich nicht suchen!“

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Statistik

Mittwoch, 29. Juni 2016     [Druckversion]

„Die Wahrheit liegt doch in den Zahlen.“ Karl-Heinz sitzt mir gegenüber und schüttelt den Kopf. „Du immer mit deinem Gefühl! Du kannst dich doch nicht auf dein Gefühl verlassen.“

Ich kann ihn gut verstehen. Karl-Heinz arbeitet bei einer Versicherung. Er lebt mit seinen Zahlen. Für Statistik hat er sich schon in der Schule interessiert: „Weißt du, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, auf einem Schiff zu sterben?“ „Ja“, sage ich, „das kann ich dir ganz genau sagen.“ „Wirklich?“ Er runzelt die Stirn. „Für mich liegt sie bei 0,0 Prozent. Und weißt du auch warum? Weil ich nie auf ein Schiff gehe!“

Karl-Heinz schüttelt den Kopf. „So geht das nicht – du kannst nicht von dir reden. Du musst die Wahrscheinlichkeit für alle Menschen ausrechnen.“

„Mich interessieren aber nicht alle Menschen. Du und ich. Das sind die Menschen, für die ich mich jetzt gerade interessiere.“

„Nein! Guck mal! Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Statistisch gesehen ist das Flugzeug sehr sicher. Also muss man keine Angst haben.“

 „Das kann ja sein. Zahlen können beruhigen. Und immer wenn ich fliegen muss, dann sage ich mir das immer wieder. Aber meine Angst können die Zahlen nicht nehmen. Die Angst abzustürzen. Auch wenn das total unwahrscheinlich ist. Tot ist dann eben tot. Pech gehabt!“

Karl-Heinz versucht mich zu verstehen: „Du vertraust deinem Gefühl mehr als den Zahlen?“

„Genau: Ich glaube, dass ja jemand ist, der mich beschützt, der mich begleitet. Das fühle ich und darauf vertraue ich. Daran halte ich mich fest.“

„Das ist doch überhaupt nicht berechenbar.“

„Karl-Heinz! Du weißt doch, wie schlecht ich in Mathe bin. Ich verlasse mich nicht auf etwas, das ich berechnen kann. Das ist mir zu unsicher. Ich verlasse mich lieber auf mein Gefühl für Gott. Ganz ohne Zahlen. Das gibt mir Halt und Sicherheit.“

Karl-Heinz lacht. „Stimmt. Mathe war nie deine Stärke. Aber in Religion. Da warst du gut!“

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100 Jahre Leben

Dienstag, 28. Juni 2016     [Druckversion]

„Willst du 100 Jahre alt werden?“ Meine Frau liest gerade einen Artikel in der Zeitung. „Warum nicht“, sage ich, „wer will das nicht?“ „Hier steht, wie’s geht: Forscher haben das herausgefunden. Du musst dich hauptsächlich von Ziegenmilch ernähren, hart arbeiten und du musst jeden Tag aufs Meer gucken.“

„Sonst geht das nicht?“ Meine Frau schaut von ihrer Zeitung auf: „Alles hat seinen Preis.“ Ich denke das durch: Jeden Tag in Ruhe und ganz gelassen auf’s Meer gucken. Das kriege ich hin! Kein Problem. Das unterschreibe ich. Der Rest? Ziegenkäse esse ich ganz gerne. Aber nur Käse und Brot? Das ist schon nicht mehr so schön.

Und das ganze Leben lang hart arbeiten? Das ist jetzt nicht der Traum meiner alten Tage. Meine Frau guckt mich an: „Na, wie sieht’s aus? Langes Leben ist doch nicht alles, hm?“ Ich glaube, ich weiß, wo mein Fehler liegt. Ich habe gedacht, ich könnte mir meine Lebenszeit erarbeiten, sozusagen verdienen. Aber Leben ist doch ein Geschenk. Es liegt nicht in meiner Hand. Selbst wenn ich nur Ziegenmilch trinke und arbeite. Eine Garantie auf langes Leben ist das nicht.

Meine Frau steht auf und legt die Zeitung weg. „Das Leben kommt eben von Gott und kehrt auch wieder zu Gott zurück“, sagt sie, „ich glaube, wenn ich auf Gott vertraue, dann zeigt er mir schon, wie ich richtig leben kann.“

„Und noch mehr“, sage ich. „Nicht nur wie ich lebe, sondern auch wann ich sterbe. Mein Leben liegt doch gar nicht in meiner Hand. Ich kann nicht bestimmen, ob ich geboren werde. Und wann. Und ich kann auch nicht bestimmen, wann ich sterbe.“

„Eigentlich geht es sogar um noch mehr“, erwidert meine Frau: „Wenn ich an Gott glaube, dann vertraue ich darauf, dass es mit mir weitergeht. wenn ich gestorben bin. Nach dem Tod.“

Meine Frau geht zur Spüle: „Und ewiges Leben – das heißt doch: nach dem Tod bei Gott sein. Irgendwie anders als zu Lebzeiten. Neu. Darauf hoffe ich echt. Das macht das Leben doch jeden Tag erträglicher.“ „Und man muss keine Ziegenmilch trinken“, sage ich und greife zu meiner Tasse Kaffee.

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Eine Nebenwohnung

Montag, 27. Juni 2016     [Druckversion]

„Du hast eine Nebenwohnung?“ Thomas kommt ganz aufgeregt in den Garten. Anja runzelt die Stirn: „Eine Nebenwohnung?“ Anja und Thomas sind verheiratet und jetzt hat Thomas wohl ein Geheimnis seiner Frau entdeckt und will es wissen. „Ja, eine Nebenwohnung. Was machst du denn so in deiner Nebenwohnung?“

Eigentlich wäre ich jetzt lieber unsichtbar. Eben haben Anja und ich uns noch gut unterhalten und jetzt platzt Thomas herein und wedelt aufgeregt mit einem Brief herum. „Da steht es doch. Du hast eine Nebenwohnung in Wiesbaden und musst ab September dafür Steuern zahlen.“

Thomas ist ziemlich eifersüchtig. Das habe ich schon gewusst, aber dass er sich jetzt gleich so aufregt. Das finde ich übertrieben. „Zeig mal her!“ Anja nimmt ihm das Schreiben aus der Hand und liest es. Ich kann spüren, wie die Luft sich auflädt und denke: „Liebe ist so eine Sache. Super, wenn alles klappt. Kann aber auch ganz schnell kippen.“

Thomas schaut mich herausfordernd an. „Eifersucht und Misstrauen bekommen einer Ehe gar nicht gut“, denke ich, „wenn Anja jetzt keine plausible Erklärung findet, wird das ganz brenzlig.“ Anja liest sich den Brief durch. Langsam scheint es ihr zu dämmern.

„Bedingungslose Liebe gibt es nur bei Gott und bei Eltern“, glaube ich. Deshalb wird Gott in der Bibel so oft mit Vater und Mutter verglichen. Eltern lieben ihre Kinder bedingungslos. Ohne Gegenleistung. Einfach weil sie ihre Kinder sind. Genauso ist das mit Gott. Ich glaube, dass Gott uns einfach so liebt, auch wenn wir Fehler machen und scheitern. Einfach weil wir seine Kinder sind.

Anja erinnert sich jetzt: „Das war die Wohnung meiner Eltern. Da war ich gemeldet, als ich noch studiert habe. Das ist jetzt 15 Jahre her. Ich habe einfach vergessen, mich da abzumelden.“

Ich atme aus. Thomas entspannt sich auch. Das ist ja gerade nochmal gut gegangen. Aber jetzt schaut Anja ziemlich streng: „Was hast du denn gedacht, Thomas?“ „Jetzt“, sage ich, „ist es für mich aber wirklich Zeit zu gehen!“

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