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Karl-Heinz Grundmann

Von Karl-Heinz Grundmann, Koblenz, Katholische Kirche

Mit Gott beginnt die Zeitrechnung

Donnerstag, 09. September 2010     [Druckversion]

Prosit Neujahr! So möchte ich heute Morgen unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger begrüßen. Denn heute ist Rosch ha-Schana, das jüdische Neujahrsfest. Gestern Abend begann für die Juden das Jahr 5771. Das Judentum ist eben älter als das Christentum. Und nach wem oder was zählen die Juden? Nach der Schöpfung der Welt  - „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" - das sind die ersten Worte der Bibel. Und der jüdische Kalender hat sich natürlich danach zu richten. Hillel II., ein jüdischer Gelehrter aus dem 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung - also nach Christus -, hat nach Studium der Bibel berechnet, dass die Schöpfung der Welt im Jahre 3761 vor Christus stattgefunden haben müsse. Deshalb also sind wir zur Zeit bereits im sechsten jüdischen Jahrtausend. Heute verstehen wir die biblischen Zahlen und auch die biblischen Geschichten ein wenig anders als Hillel. Wir tun uns schwer damit, für die Schöpfung der Welt eine bestimmte Jahreszahl anzugeben. Aber das ist auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass der Beginn der Zeitrechnung was mit Gott zu tun. In dem Moment, in dem Gott in die Geschichte eingreift, in dem er Himmel und Erde schafft, beginnt die Zeit zu zählen. Das hat der jüdischen Kalender mit dem Christlichen gemeinsam, der entscheidende Orientierungspunkt ist das Eingreifen Gottes in die Geschichte. Bei uns Christen ist das die Geburt Jesu, die Menschwerdung Gottes und die war nach unserer Zeitrechnung eben vor 2010 Jahren.
Rosch ha-Shana tov - ein gutes neues Jahr für unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und Gottes Segen für uns alle - egal ob wir uns im Jahr 5771, 2010 oder auch im Jahr 1431 befinden. In dem Jahr befinden sich nämlich zur Zeit unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und die feiern heute auch ein großes Fest. Da fängt zwar keine neues Jahr an, aber der Fastenmonat Ramadan geht mit dem Zuckerfest zu Ende. Und das wird ab heute drei Tage gefeiert. Bayram Mubarek Olsun - Alles Gute zum Zuckerfest.



Guido Groß

Von Guido Groß, Katholische Kirche

Nicht nach dem Äußeren beurteilen

Mittwoch, 08. September 2010     [Druckversion]

„Leider können wir Ihnen diese Arbeitstelle nicht geben." Diesen Satz kennen viele Menschen. Auch Karimah hat ihn schon oft gehört - aber bei ihr hat es einen ganz bestimmten Grund. Die junge Frau studiert Medizintechnik an einer Fachhochschule in Rheinland - Pfalz. Sie ist intelligent und hoch motiviert. Mit Ferienjobs versucht sie ihr Studium selbst zu finanzieren. Wenn sie bei einem Vorstellungsgespräch in einer Bäckerei oder in einem Altenheim eine Absage bekommt, wird der wahre Grund meist nicht offen ausgesprochen. Aber Karimah kennt ihn. Die junge Frau trägt nämlich ein Kopftuch. Vor zwei Jahren hat sich die Muslimin dazu entschieden. Aus freien Stücken. Niemand hat sie dazu gezwungen. Es ist auch niemand da, der sie hier in Deutschland zwingen könnte. Denn ihre ganze Familie lebt in Marokko. Ihre Mutter und ihre Schwestern tragen ihr Haar offen. Karimah ist die einzige in ihrer Familie, die ein Kopftuch trägt. An ihrer Hochschule ist das kein Problem. Doch außerhalb ist das oft anders. Da wird sie immer wieder merkwürdig angeschaut. Oder sie erlebt bei der Arbeitssuche eine Pleite nach der anderen. Karimah findet das sehr schade, denn sie fühlt sich hier in Deutschland sehr wohl. Umso mehr schmerzt sie das Gefühl, ausgegrenzt zu werden und nicht dazu zu gehören. Karimah hat einfach das Pech, dass das Kopftuch in Deutschland kein neutrales Symbol mehr ist. Über 90 Prozent aller Deutschen denken beim Thema Kopftuch automatisch an die Unterdrückung der Frau - natürlich nur bei den muslimischen Frauen, nicht bei ihren Großmüttern oder bei christlichen Ordensfrauen. Karimah fragt sich, was sie dafür kann, dass das Kopftuch zu einem Symbol der Unterdrückung geworden ist. Sie wünscht sich, dass Menschen nicht bestimmte Dinge über sie denken, nur weil sie ein Kopftuch trägt. Das ist angesichts der Berichterstattung über kopftuchtragende Frauen sicher nicht ganz einfach. Aber eigentlich ist es etwas, was selbstverständlich sein sollte und sich jeder Mensch von ganzem Herzen wünscht: als Mensch geachtet und respektiert zu werden - unabhängig von seinem Äußeren.

Nicht die Starken brauchen Unterstützung

Dienstag, 07. September 2010     [Druckversion]

Mehr Geld! Wer würde sich da nicht riesig freuen! So war auch eine Theologiestudentin aus Hamburg sehr begeistert, als sie erfuhr, dass ihr Büchergeld von bisher 80 auf 300 Euro erhöht werden sollte. Sie profitierte von einem Plan der Bundesregierung, dass alle Studentinnen und Studenten mit einem Stipendium mehr Büchergeld bekommen sollten. Doch ihre erste Freude wich bald einem Unbehagen. Denn die Studentin fand: Die Erhöhung war viel zu groß ausgefallen. Natürlich hatte sie genug Ideen, wie sie das zusätzliche Geld ausgeben könnte. Aber sie dachte an Studierende, die das Geld viel nötiger brauchten. Also überlegte sie, etwas gegen die geplante Erhöhung zu unternehmen. Gemeinsam mit Gleichgesinnten schrieb sie im Internet eine Petition an die Bundesregierung. Tenor: Die kräftige Erhöhung des Büchergeldes kommt ohnehin schon privilegierten Studenten zugute, also solchen mit Stipendium. Der Staat sollte mit seinem knappen Geld lieber die Studenten unterstützen, die es nötiger hätten. Innerhalb kurzer Zeit unterschrieben über dreieinhalbtausend Studierende diesen Aufruf. Alle waren bereit, auf die üppige Erhöhung des Büchergeldes zu verzichten. Mit allem hatten die Politiker gerechnet - aber nicht mit einem Protest derer, die von der neuen Regelung profitierten. Doch die Politiker ließen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen - die Büchergelderhöhung wurde beschlossen. Dennoch war die Aktion der Studierenden nicht umsonst. Denn sie machte auf die sehr unterschiedliche finanzielle Situation von Studierenden in Deutschland aufmerksam. Einige stehen super da, weil ihre Eltern ein hohes Einkommen haben, weil sie BAföG oder ein Stipendium erhalten. Andere jedoch kommen kaum über die Runden, obwohl sie parallel zum Studium jobben. Am schlimmsten sind ausländische Studenten aus Entwicklungsländern dran. Wenn junge Menschen in dieser Situation nicht einfach gedankenlos das Geld abgreifen, das ihnen der Staat schenkt, dann ist das ein sehr ermutigendes Zeichen. Denn die Startchancen und Lebensbedingungen waren noch nie gleich verteilt und werden es wohl auch nie sein. Umso wichtiger ist das Anliegen der Studierenden: Nicht die Starken brauchen die größte Unterstützung, sondern die Schwachen.

In guten und in bösen Tagen

Montag, 06. September 2010     [Druckversion]

Es gibt Sätze, die mag man immer wieder gerne hören, auch wenn sie ein wenig altmodisch klingen. Zum Beispiel dieser: „Ich will dir die Treue halten in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, ich will dich lieben, achten und ehren, bis dass der Tod uns scheidet." Vor kurzem hörte ich diesen Satz wieder einmal bei einer kirchlichen Trauung. Der Mann sprach mit fester Stimme, die Stimme der Frau zitterte ein wenig. Die Menschen in der Kirche waren ergriffen und berührt. Es ist ja auch erstaunlich, dass es tatsächlich immer noch Menschen gibt, die an die Liebe glauben. Erstaunlich vor allem deshalb, weil es so gar nicht in unsere Zeit passen will. Der Konkurrenzkampf hat fast alle Lebensbereiche erreicht. Nicht Bindung ist gefragt, sondern permanente Flexibilität. Da ist es nicht selbstverständlich, dass da zwei Menschen in aller Öffentlichkeit bekennen, sich aneinander zu binden - bis in den Tod hinein. Natürlich weiß keiner, ob die beiden ihr Versprechen werden halten können. Und - bei allem guten Willen - Braut und Bräutigam wissen natürlich auch, wie gefährdet die Liebe unter Menschen ist und wie leicht sie an der Routine des Alltags zerbrechen kann. Aber darauf kommt es gar nicht an. Viel entscheidender ist der Mut zweier Menschen, sich Liebe und Treue zu versprechen - und das ein Leben lang. Es ist der Mut, anzuerkennen, dass Menschen einander brauchen und aufeinander angewiesen sind. Sich davon zu verabschieden, dass es nur darauf ankommt, den anderen zu überholen und besser und schneller zu sein. Darauf zu vertrauen, dass freiwillige Abhängigkeit der schönste Zustand ist. Da ist es eigentlich egal, ob dieser Satz etwas verstaubt klingt. Oder ob er mit fester oder mit zitternder Stimme ausgesprochen wird. Das Versprechen, einen anderen Menschen zu achten und zu lieben und zu ehren in guten und in bösen Tagen - das ist einfach eine so große Ermutigung, dass man sie immer wieder hören kann.

Selig und von Gott verlassen

Sonntag, 05. September 2010     [Druckversion]

 „Selig und von Gott verlassen." So fasste einmal eine große Tageszeitung das Leben der Mutter Teresa zusammen. Nach ihrem Tod vor heute genau 13 Jahren, am 5. September 1997, war sie in der Rekordzeit von nur fünf Jahren vom Vatikan selig gesprochen worden. Schon zu Lebzeiten war sie wegen ihrer Frömmigkeit und praktizierten Nächstenliebe wie eine Heilige verehrt worden. Umso größer war die Überraschung, als einige Jahre nach der Seligsprechung ihre Briefe veröffentlicht wurden. Keiner hatte damit gerechnet, dass sich hinter dem Lächeln von Mutter Teresa eine so tiefe Verzweiflung und Glaubensnot verbarg. „In mir ist alles dunkel und ein Gefühl, dass ich von Gott total abgeschnitten bin." war da zu lesen. Oder: „Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer. In mir ist kein Gott. Er will mich nicht." Einmal schrieb sie sogar: „Ich habe keinen Glauben." Einige wollten sie daraufhin schon zu einer Atheistin machen. Aber das war sie nicht. Vielmehr kommt dieses furchtbare Gefühl der Verlorenheit und Gottverlassenheit gerade bei den Menschen häufig vor, die Gott ganz besonders intensiv suchen. Mystiker wie etwa der Spanier Johannes vom Kreuz im 16. Jh. haben die Dunkelheit und Einsamkeit eines Gott suchenden Menschen immer wieder beschrieben. Niemand kann erklären, warum ausgerechnet Menschen sich von Gott verlassen fühlen können, die sich zu ihm ganz besonders hingezogen fühlen. Aber Mutter Teresa gehörte wohl auch zu diesen Menschen. So schreibt sie: „Ein so tiefes Verlangen nach Gott, so tief, dass es wehtut, ein fortwährendes Leiden, und trotzdem nicht gewollt von Gott, abgewiesen, leer, kein Glaube, keine Liebe, kein Eifer." Viele Menschen wären angesichts einer solch inneren Zerrissenheit wie gelähmt. Doch für Mutter Teresa wurde dieser Schmerz zu ihrer stärksten Kraft. Sie wurde zum „Engel der Armen", holte Sterbende von der Straße, um ihnen ein Lebensende in Würde zu schenken. Sie kümmerte sich liebevoll um Kinder, die in den Slums zu verwahrlosen drohten. Damit hat sie anderen Menschen das Gefühl erspart, was sie selbst oft quälte: nämlich nicht gewollt und nicht geliebt zu sein.