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Claudia Sattler

Von Claudia Sattler, Worms, Evangelische Kirche

Gute Nachbarschaft

Dienstag, 31. Mai 2016     [Druckversion]

„Ich bin kein Ehrenamtlicher, ich bin nur Nachbar“, sagt ein Mann aus unserem Ort. Dabei engagiert er sich wirklich sehr und hilft der afghanischen Familie, die jetzt neben ihm wohnt. Er hat geholfen, ihre Wohnung etwas schöner einzurichten. Tisch und Schränkchen vom Speicher, Stühle und Vorhänge von Bekannten. Jetzt repariert er die Fahrräder, wenn sie kaputt sind, oder hilft, die Briefe vom Amt zu übersetzen.

„Ich bin kein Ehrenamtlicher, ich bin nur Nachbar.“ Dieser Satz ist mir hängen geblieben. Weil er das so selbstverständlich gesagt hat. Ich bin nur Nachbar. Keine große Hilfsaktion, einfach kurze Wege von Tür zu Tür oder einmal schräg über die Straße. Nachbarschaft eben.

Ich selbst habe von Nachbarschaft schon oft profitiert. Gerade im Studium. Da habe ich unter einer Familie mit zwei Kindern gewohnt. Immer, wenn ich irgendein Werkzeug gebraucht habe, konnte ich es mir ausleihen. Und wenn ich mal mit großem Gepäck zum Zug musste, hat einer aus dem Haus mich gefahren. Dafür habe ich ab und zu auf die Kinder aufgepasst oder im Urlaub die Blumen gegossen. Das war gut für beide Seiten. Gute Nachbarschaft eben.

Bei uns im Ort erlebe ich ganz viel gute Nachbarschaft. Da kommen die Nachbarn zum Geburtstag vorbei, gratulieren und feiern mit. Man weiß, wenn jemand ins Krankenhaus gekommen ist, und holt die Post rein.

Ich bin überzeugt: die Flüchtlinge, die jetzt unter uns leben, die brauchen uns weniger als Ehrenamtliche. Sie brauchen uns in erster Linie als Nachbarn. Als Menschen um die Ecke, die ansprechbar sind. Und sei es nur für ein paar Worte zwischen Tür und Angel. Und ich glaube, das ist gut für beide Seiten.

Weil die Menschen, die zu uns kommen, natürlich auch etwas anzubieten haben. Gastfreundschaft zum Beispiel. Bei keinem Besuch bin ich bisher ohne eine Tasse Kaffee oder Tee wieder gegangen. Auch wenn ich nur einen Termin weitersagen wollte. Eine syrische Frau in unserem Ort kann sehr gut nähen, und hat das auch schon für ihre Nachbarn gemacht. Ich bin mir sicher: Wenn wir einfach nur gute Nachbarschaft pflegen, dann gibt es viel zu entdecken. Für beide Seiten.

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Gott bewegt

Montag, 30. Mai 2016     [Druckversion]

Wind kann man nicht sehen.Trotzdem würde keiner sagen: Den Wind gibt es nicht.
Wind ist unsichtbar, so wie die Luft. Aber wir können sehen, was er bewegt: Die Blätter in den Bäumen, die Wäsche auf der Leine, das Windrad auf dem Hügel.

Und genauso ist das für mich mit Gott. Gott kann ich auch nicht sehen. Und doch bin ich überzeugt: Er umgibt uns, wie die Luft. Gott ist unsichtbar. Aber ich kann sehen, was er bewegt: Menschen zum Beispiel. Menschen, die ihr Leben ändern oder über sich hinauswachsen.So wie Jeremia, von dem die Bibel erzählt.
Als Jeremia gelebt hat, ging es vielen Menschen schlecht.
Die Mächtigen spielten ihre Machtspiele und die Schwachen mussten sehen, wo sie bleiben. Jeremia hat sich hingestellt und laut auf diese Missstände aufmerksam gemacht.

Keine schöne oder leichte Aufgabe. Eigentlich wollte Jeremia das auch gar nicht. „Ich bin viel zu jung und unerfahren“, hat er gesagt. Aber sein Glaube hat ihm Mut gemacht, den Mund aufzumachen. Sein Glaube hat ihm die Angst genommen.

Manchmal kann ich nur staunen, was Gott alles bewegt. Wenn Menschen im Gottesdienst oder in der Kirche zur Ruhe kommen. 

Wenn sie dort abschalten und aufatmen können. Wenn Menschen trotz der schweren Aufgabe, die sie vor sich haben, Vertrauen haben. Und sagen: Mein Glaube gibt mir Kraft. Ich habe keine Angst, ich schaffe das! 

Dann wirkt Gott wie ein starker Rückenwind und setzt Energie frei.Manchmal erlebe ich Gott aber auch als heftigen Gegenwind. 

Denn Gott ist ja nicht nur gut fürs persönliche Wohlbefinden. Manchmal bläst mir sein Anspruch an mich ganz schön ins Gesicht. „Teile, was du hast und hilf den Anderen! Hat Jesus gesagt. Streitet nicht drüber, wer der Größte ist. 

Das liegt mir manchmal richtig quer. Und manchmal bremst es mich aus und macht mich nachdenklich. Dann muss ich irgendwann auch mal meine Richtung ändern. Und das ist oft sehr gut und heilsam gewesen. 

Der Wind weht wo er will. Und mit Gott ist es genauso. Manchmal bläst er uns heilsam ins Gesicht, ein anderes Mal gibt er den nötigen Schwung. Heute ist er uns hoffentlich ein starker Rückenwind!

 
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