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Vor ein paar Wochen habe ich mit ein paar älteren Herrschaften zusammengesessen – alle Mitte, Ende 80. Ich habe ihnen zugehört, wie sie sich über ihr Weihnachtsfest unterhalten haben. Ein Herr hat erzählt, wie seine Kinder und Enkel zu Besuch waren. Die hatten viel Leben und Unruhe mitgebracht. „Gab es denn keine Konflikte?“, hat eine der Damen am Tisch gefragt. Der Mann hat geschmunzelt.
„Ich muss mich ja nicht mit ihnen streiten“, hat er geantwortet. „Dazu gehören immer zwei.“
Ich habe sein weises, vergnügtes Lächeln bewundert. Und einige Minuten später erlebt, wie er mit seinem gleichalten Nachbarn in eine politische Diskussion geraten ist. Den hat er keineswegs einfach gelassen! Da hat er deutlich widersprochen. Und hat seinem Nachbarn unter die Nase gerieben, wo der sich selbst widersprochen hat. Es war kein richtiger Streit. Dafür kannten die beiden sich bestimmt zu gut. Aber der Herr, der als Vater und Großvater so großzügig und weise reagiert hat – der hat hier nichts anbrennen lassen!
Nun: bei der politischen Diskussion mit seinem Altersgenossen, da ging es um gemeinsame Lebenserfahrungen, aus denen beide ganz unterschiedliche Schlüsse für die Zukunft ziehen. Aber bei den jungen Leuten in seiner Familie, da hat er sich vielleicht gedacht: Lass die mal machen. Sie müssen es leben, ich nicht mehr. So lange ich kann, stehe ich ihnen zur Verfügung, auch mit meinem Rat, wenn der gefragt ist. Aber die Jungen müssen doch ihre eigenen Erfahrungen machen! Ihre eigenen Fehler. So wie wir Alte sie doch auch gemacht haben. Und die vor uns.
Dass der alte Herr seinem Tischnachbarn so klar widersprochen hat, zeigt mir: Dem ist keineswegs alles egal! Aber gerade deshalb will er seinen Kindern und Enkeln auch Platz lassen. Raum geben, für einen vielleicht ganz neuen Weg. Und nimmt sich deshalb gern auch mal zurück.
Ja, so würde ich es auch gerne machen! Platz lassen. Die Jüngeren sich entwickeln lassen. Sie auch ihre Fehler machen lassen. Da sein, wenn ich gebraucht werde. Aber mich nicht ständig ungefragt einmischen und andere auf meine Ansicht festlegen. Ich bin alt genug, um solche Weisheit ruhig zu üben!
Jesus hat einmal gesagt: Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Aber das heißt nicht, dass wir perfekt sein sollen. Ohne Fehler. Gott macht es nämlich ganz anders. Eher so wie dieser kluge alte Herr. Gott lässt uns Platz. Sonst gäbe es ja nur Gott.
So hat es ein weiser jüdischer Rabbi vor etwa 450 Jahren gelehrt. Und diese Lehre hat einen Namen, den ich mir gut merken kann: Zimzum!
Zimzum – das heißt auf Deutsch so viel wie: Zusammenziehen. Der große jüdische Weise Isaak Luria hat seine Schüler gelehrt, dass so die Welt entstanden wäre. Gott hätte einfach Platz gemacht. Platz für etwas anderes, für andere – Raum für die Schöpfung und für die Menschen. Dafür hätte Gott sich zusammengezogen. Sich ganz in sich zurückgezogen. Damit Platz da war. Ein bisschen so, wie eine Frau ein Kind auf die Welt bringt.
Unsere Kinder und Enkel sind anders als wir. So wie wir schon anders waren als unsere Eltern und Großeltern. Und das kann man immer weiter zurückverfolgen. Bis zu Gott selbst. Wir Menschen sind anders als Gott. Genau darum gibt es uns. Zimzum.
Doch nun hat Jesus ja gesagt, wir sollen vollkommen sein, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist. Aber das Vollkommenste, das Gott gemacht hat – so diese wunderbare alte Lehre – das war, dass Gott Platz für uns gemacht hat.
Vollkommen sein wie Gott. Oder wie Jesus es selbst in der Tora lesen konnte, dem wichtigsten Teil der jüdischen Bibel, die auch Teil der christlichen Bibel ist: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott.“
Heilig. Vollkommen. Wie Gott. Wie Gott, der sich zurückzieht und anderen Platz lässt. Zimzum.
Das will ich üben. Mich einfach mal zurückhalten und Raum lassen für andere. Für Neues. Für das, was erst noch werden soll. So kann ich Gott nacheifern. Wie wunderbar – und wie weise!
Ich übe, Platz zu lassen. Aufmerksam zu hören und zu schauen, was dran ist. Die Welt gehört doch Gott. Also soll Gott seine Freude daran haben! Ich mache das so gut, wie ich es kann. Und schaue immer wieder nach den Älteren und ebenso auch nach den Jüngeren. Damit ich lernen kann. Ich habe von dem alten Herrn gelernt, dem ich neulich begegnet bin. Und ich bin sicher, seine Enkel haben auch von ihm gelernt. Raum genug haben sie dafür ja gehabt!
Ja, ich übe Zimzum. Ich übe heilig sein und vollkommen sein. Da ist noch sehr viel Luft nach oben. Aber heute habe ich viel Zeit zum Üben!
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück von der evangelischen Kirche!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43692„Mit großer Freude nimmt dich die Kirche in ihre Mitte auf.“ Jedes Mal, wenn ein Mensch getauft wird, wird dieser Satz gesprochen. Die christliche Taufe ist das Sakrament (das Ritual), mit dem ein Mensch feierlich in die Gemeinschaft der Christinnen und Christen aufgenommen wird. In der Regel als kleines Kind. Doch besonders beeindruckend ist es für mich, wenn ein erwachsener Mensch getauft wird. Vor etlichen Jahren durfte ich eine junge Frau begleiten, die sich taufen lassen wollte. Als sie Kind war, hatten ihre Eltern das nicht gewollt. Später ist sie dann Christinnen und Christen begegnet, die sei beeindruckt haben. Und sie wünschte sich, selbst Teil dieser großen Gemeinschaft zu werden. An dem Morgen, als es so weit war, saß sie in ihrem hellen Kleid ganz vorne im sonntäglichen Gottesdienst. Ein bisschen Spannung stand auf ihrem Gesicht. Als sie dann getauft war und alle Gottesdienstbesucher applaudierten, da strahlte sie. Dieses Strahlen in ihren Augen, das habe ich seitdem nie mehr vergessen.
Ich sehe es wieder vor mir, wenn ich den Text höre, der heute in den katholischen Kirchen gelesen wird. Heute feiert die Kirche nämlich das Fest der Taufe Jesu. Weihnachten liegt hinter uns und die Kirche macht einen großen Sprung. Vom Kind in der Krippe zum erwachsenen Jesus. Erzählt wird, wie Jesus zum Jordan hinuntergeht. Dort am Ufer steht der Täufer Johannes und tauft die Leute im Wasser des Flusses. Zu Gott umkehren sollen sie, sagt er ihnen. Das Schlechte hinter sich lassen. Bessere Menschen werden. Dann ist Jesus an der Reihe. Was nun geschieht, das beschreibt die Bibel so: Da öffnete sich der Himmel und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.
Wenn ich heute versuche, mir die Szene bildlich vorzustellen, dann sehe ich die Menschenschlange am Ufer stehen. Auch Jesus hat sich eingereiht. Einer nach dem anderen wird von Johannes getauft. Doch das, was sich wie ein großes Spektakel anhört, ein offener Himmel, eine Stimme, die herunterdröhnt, das scheint sonst keiner mitbekommen zu haben. Auch ich kann es mir nur schwer vorstellen. Jesus allerdings sieht den geöffneten Himmel, hört die Stimme, die ihn persönlich anspricht. Eine Geschichte, die regelrecht phantastisch klingt. Aber erzählt das Bild auch etwas über die Taufe der jungen Frau? Damals, an jenem Sonntagmorgen in unserer Kirche?
Kirche sei der Ort, an dem der Himmel offen ist. So hieß es mal in einem Zeitungsartikel. Sicher ein gewagter Satz, angesichts all der Schuld, die manche Kirchenleute auf sich geladen haben. Ihre Taten sind durch nichts zu rechtfertigen. Den Satz mag ich dennoch. Weil er beschreibt, was Kirche eben auch ist und was sie im besten Fall sein kann. Nicht nur ein, sondern sogar ganz viele Orte, an denen der Himmel offen ist. Segensorte. Sie können überall zu finden sein. Da ist das Übernachtungsheim für Obdachlose. Menschen, die im Leben gestrauchelt und auf der Straße gelandet sind, finden ein offenes Ohr, ein warmes Essen, eine Dusche. Dazu auch ein Bett und eine Waschmaschine für die paar Kleider, die sie noch haben. Da ist die Familienberatungsstelle der Caritas. Eltern und Kinder, zwischen denen es nicht rund läuft und die nicht mehr weiterwissen, begegnen Menschen, die ihnen zuhören. Und wenn’s klappt, dann finden sie gemeinsam einen Weg, wie es für die Familie weitergehen kann. Da ist der Chor, in dem Alte und Junge jede Woche zusammenkommen und singen. Sie begegnen sich, erleben etwas gemeinsam und manchmal, da fühlt es sich beim Singen fast so an, als würde der Himmel sich wirklich ein kleines Stück weit öffnen. Und dann ist da auch die Begegnung mit beeindruckenden Menschen. Mit Ordensleuten, Lehrerinnen, Sozialarbeitern und manchen anderen. Mit Menschen, die glauben und eine Hoffnung haben. Die aber nicht groß davon reden, sondern ihren Glauben einfach leben. Überzeugend und ansteckend für andere. Sie sind es, die jeden Ort zu einem Segensort machen können. Zu einem Ort, an dem der Himmel offen ist.
Getauft zu sein heißt: Das kannst du auch. Die Fähigkeit hast du. Sie steckt in dir. Weil Gottes guter Geist mit dir ist. Und weil du eine Ahnung davon bekommen hast, was das heißen kann: Dass der Himmel offen ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43532Ich wünsche Ihnen einen gesegneten ersten Sonntag im neuen Jahr 2026.
Geht es Ihnen auch so wie mir? Ich komme immer erst nach Weihnachten und Neujahr etwas zur Ruhe und zum Nachdenken. Auch zum gedanklichen Sortieren, was mir wichtig war. Und was ich gerne neu oder anders angehen würde.
Mir geht in diesen Tagen ein Bibelwort aus dem Epheserbrief (5,15-16) durch den Kopf. Da heißt es: Kauft die Zeit aus! Was so viel bedeutet wie: Nutzt die Zeit, so gut ihr könnt. Und überlegt, was wirklich wichtig ist und richtig vor den Augen Gottes.
Mit jedem neuen Jahr merke ich mehr, dass meine Zeit begrenzt ist und die Lebensspanne, die mir bleibt, kürzer wird. Das löst bei mir keine Panik aus, aber ich bin doch etwas nachdenklicher geworden. Auch weil die Herausforderungen gewachsen, meine eigenen Grenzen deutlicher und die noch übrigen Jahre überschaubarer geworden sind. Irgendwie möchte ich meine Zeit und meine Kraft sinnvoll einsetzen. Mit dem, was mir Gott gegeben hat, auch an Gesundheit und Wissen, möchte ich konzentrierter umgehen.
Diesmal sind mir schon drei Dinge aufgefallen, die ich anders angehen möchte.
Die erste Einsicht ist schmerzhaft: Ich sammle zu viel. Alte Fotoapparate und Objektive. Dazu Gitarren, Verstärker und Pedal-Soundgeräte, auch alte Hi-Fi-Komponenten, CDs und Bücher. Und wie vielen Sammlern geht es mir so, dass ich die schönen Dinge in Schubladen und Schränken lagere und sie gar nicht richtig nutzen und genießen kann. Weniger ist manchmal wirklich mehr. Aber mich von etwas zu trennen, fällt mir trotzdem nicht leicht. Obwohl es zu viel wird. Und obwohl es „nur“ mein Hobby ist, und auch künftig nicht zu viel von meiner Zeit auffressen sollte.
Zweitens merke ich, dass ich nicht alles schaffe, was ich gern tun würde: Ich habe so viele Ideen und es gibt so viele berufliche und ehrenamtliche Projekte, die ich auch noch anpacken könnte – dabei bin ich eigentlich mit meinen Kernaufgaben mehr als gut ausgelastet. Und es kommt auch Neues dazu. Häufig fällt es mir schwer, nein zu sagen. Manchmal geht das auch nicht. Und manchmal nehme ich mich zu wichtig, statt mich auf weniger zu konzentrieren. Ja, ich will noch strenger sortieren, nur noch das anpacken, wozu man mich wirklich braucht und was andere nicht genauso gut oder besser können. Ich will mich nicht drücken, aber ebenso wenig verzetteln, damit nicht das Wichtige zu kurz kommt.
Und drittens: Ich will mich wieder mehr um einen überschaubaren Kreis von Menschen kümmern, um Freunde, die lange zu kurz gekommen sind. Und um die in der Familie, die mich gerade besonders brauchen. Ich will Zeit für sie haben, zuhören können ohne schnell Lösungen bereit zu haben. Einfach ganz da sein für sie. Das heißt für mich: Kauft die Zeit aus!
Das heißt, einiges aufzugeben, damit ich mich auf anderes besser konzentrieren kann und auch ganz da sein kann für andere. Kauft die Zeit aus! – heißt es in der Bibel.
Und dort lautet der Nachsatz: Denn es sind böse Zeiten. Ich selbst bin eher ein Optimist und sehe vieles nicht so kritisch. Aber ich erlebe, dass die Sorgen unserer Zeit, manchen in meinem Umfeld doch sehr zusetzen. Umso mehr, wenn persönliche Sorgen und Nöte dazukommen. Sie erleben wahrhaft böse Zeiten.
Ich will meine Zeit nutzen, Ihnen besser beizustehen in diesem neuen Jahr, mit meiner Zeit und meinen Möglichkeiten und meinen begrenzten Mitteln. Dazu gehört für mich auch das Gebet. Mit ihnen und für sie.
Kauft die Zeit aus!
Mein Beruf ist mir sehr lieb und wichtig. Ich würde gern immer noch etwas Neues ausprobieren. Ich würde gern mehr Zeit in mein Hobbies stecken, mehr Musik hören, mehr Gitarre spielen. Da verliert man aber schnell die aus den Augen oder sie treten an die zweite und dritte Stelle, die in nächster Nähe auf einen bauen.
Wie wichtig sind beispielsweise Großeltern für ihre Enkelkinder. Auch dass sie sich Zeit für sie nehmen, ihnen zuhören, ihnen etwas weitergeben von ihren Lebenserfahrungen, von ihrem Glauben, und immer wieder die einfache und doch so wichtige Botschaft: Du junger Mensch bist mir wichtig und wertvoll. Ich freue mich über dich und ich will gerne neben Deinen Eltern auch für dich da sein.
Kauft die Zeit aus! Nützt sie mit euren Möglichkeiten.
Letzte Woche rief mich ein alter Freund an, einer aus der Schulzeit, den ich seither nur ein- oder zweimal ganz kurz gesehen hatte. Dabei hatten wir in der Schulzeit sogar die gleiche Kirche und die gleiche Jugendarbeit besucht, uns später dann aber aus den Augen verloren. Und jetzt am Telefon? Schon nach ein paar Fragen und Erinnerungen konnten wir an das Alte ganz schnell anknüpfen. Wir wollen uns bald zu treffen, im Hier und Jetzt, bei einem Kaffee, vielleicht auch zu einem gemeinsamen Vorhaben. Mal schauen, ob es gelingt.
Kauft die Zeit aus! Konzentriert euch auf das, was wirklich wichtig und Gott wohlgefällig ist: Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich gar nicht so sehr mehr Erholung brauche, sondern eher immer wieder eine neue Ausrichtung. Das wünsche ich auch Ihnen und einen gesegneten Sonntag.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43607Ich wünsche Ihnen heute, am Sonntag zwischen den Jahren - Zufriedenheit – Weihnachten ist „überstanden“ und man hat auch noch ein bisschen Abstand, bevor der Alltag im neuen Jahr so richtig wieder losgeht. Ich wünsche Ihnen – innere Freiheit, das Gefühl von Leichtigkeit: einfach etwas Ruhe und Frieden für die Seele.
Für den Alltag dann im neuen Jahr wäre das natürlich auch schön, aber da ist das mit „innerer Ruhe, Frieden und Ausgeglichenheit“ noch schwieriger, finde ich: Zum Beispiel, die eine Bekannte von mir, die hat Kinder, die zur Schule müssen, zum Sport oder zum Musikunterricht. Und jetzt in den Ferien wollen sie natürlich auch beschäftigt werden. Sie selbst arbeitet, will aber auch mal was unternehmen – ihr Mann genauso… Manchmal, sagt sie mir, sie wünschte, sie wäre Single geblieben und könnte sich einfach um sich selbst kümmern. Ein anderer Freund von mir ist Single: muss keine Familie managen - aber dafür alles andere! Er ist ja allein und kann mit niemandem die Alltagsaufgaben aufteilen – und abends, wenn er nach Hause kommt, auch mit niemanden einfach so und nebenbei - reden. Das ist auch nicht einfach – gerade jetzt, in der Weihnachtszeit
Ich vermute, das kennen wir fast alle: Die Schattenseiten im eigenen Lebensentwurf. Und auch den Gedanken: „Wenn ich nochmal anfangen könnte, dann würde ich’s anders machen…“ Und wenn die Grübelei erst mal angefangen hat, dann kommen einen auch noch Erinnerung besuchen - an Früher, an Chancen im Leben, die man scheinbar verpasst hat, aber auch an Menschen, die man schmerzlich vermisst. Oder mit denen man sich gerne einfach noch mal reden würde.
Mir passiert das mit der Grübelei besonders dann, wenn‘s mal ruhiger ist, so wie jetzt. Um dann trotzdem ein bisschen inneren Frieden zu finden versuche ich, Frieden zu machen mit mir selbst: Ja, es ist schade, dass ich den Kontakt zu einem früheren Freund verloren habe. Und trotzdem schön, dass wir eine gemeinsame Zeit hatten. Und vielleicht habe ich auch Chancen verpasst im Leben – andere konnte ich aber doch nutzen. Und das ist ein Geschenk. Nur bei der Erinnerung an schlimmen Streit - bei dem etwas in die Brüche gegangen ist, und ich kann es nicht wieder flicken – da komme ich an meine Grenzen. Ich stehe dann vor einem Scherbenhaufen und frage mich, wohin damit?
Ich kann’s nicht wieder gut machen, und ich kann auch nicht nochmal von Vorn anfangen in meinem Leben. ICH kann das nicht. Weiß nicht, wohin mit den Scherben meines Lebens – und stehe mit ihnen vor Gott. Ich will dann aufmerksam zuhören, was mir die biblischen Geschichten erzählen von einem Neuanfang und von neuen Chancen.
In der Bibel beginnt der mit einem neuen Leben: In der Weihnachtsgeschichte singen die Engel vom Frieden, als Jesus geboren ist und als winziges Kind in der Krippe liegt. Frieden auf Erden. Und Frieden auch für mich und für meine Seele.
Jetzt, in diesen Tagen, stehe ich bei der Krippe. Bei Gott, der gerade selbst ganz neu anfängt – als ein Kind. Und mich mitnimmt mitsamt den Bruchstücken meines Lebens – hinein in den Neuanfang. Was daraus werden wird? Da bin ich nicht sicher. Ich weiß, dass auch nach Weihnachten - oder im neuen Jahr, wenn der Alltag allmählich zurückkehrt - nicht alles auf einen Schlag wieder gut ist, jeder Streit vergessen, und jede Traurigkeit verflogen ist. Ich kann dem Kind nur vertrauen, von dem die Engel singen, dass es Frieden bringen wird auf Erden. Und Frieden auch für mich und meine Seele.
Das Gotteskind hat uns Menschen schon immer begleitet: Durch alle Zeiten hindurch und durch das Leben jedes Menschen. Und Weihnachten ist sein Versprechen, dass es schon immer Hoffnung gegeben hat und auch immer geben wird – auch jetzt und auch für mich. Und dass Gott sein Versprechen einlösen wird, und es Frieden wird auf Erden und in der Seele eines jeden Menschen - egal wann oder wo sie gelebt haben.
Am Sonntag heute, zwischen den Jahren, wünsche ich Ihnen deshalb Zufriedenheit – innere Freiheit, das Gefühl von Leichtigkeit: einfach etwas Ruhe und Frieden für die Seele. Denn, wenn da Scherben liegen auf Ihrer oder meiner Seele, Bruchstücke, Bedauern oder Traurigkeit – dann nimmt das Kind in der Krippe das in seine Hände. Da sind die Bruchstücke gut aufgehoben, denke ich. Damit kann ich zufrieden sein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43606Da ist ein Riss in allem …
In der Adventszeit fällt es mir besonders auf, dass die Tage immer kürzer und das Licht immer schwächer wird. Sehe, wie die Morgen länger dunkel bleiben. Bis zum 21. Dezember ist das tatsächlich so. Erst nach der Wintersonnenwende werden die Tage dann ganz allmählich länger hell.
Ich suche nach Licht in diesen Zeiten. Und da hilft mir eine Zeile von Leonard Cohen. Der Sänger schreibt in dem Lied Anthem, Hymne: „Da ist ein Riss in allem, so kommt das Licht herein“. Ein toller Gedanke. Ist ja auch so. Wenn alles dunkel ist, kann mir schon ein Lichtstrahl durch eine wenig geöffnete Tür den Weg zeigen. Wenn‘s mir nicht gut geht, dann ist auch ein Lächeln oder eine Hand auf meiner Hand ein solcher Lichtstrahl.
Cohens Lied hat schon über 30 Jahre auf dem Buckel. Und scheint mir doch für heute geschrieben. Die Kriege gehen weiter, schreibt Cohen. Die Friedenstaube eingefangen und verkauft. Politische Missstände überall. Scheitern im Privaten. Harter Tobak. Aber in all dem, so Cohen, lässt sich ein Riss finden, durch den Licht eindringt. Nur ein Riss. Kein Lichtermeer. Cohen bricht eine Lanze für das wenige, was das Leben heller macht. Das heißt auch: Ich muss mich verabschieden von der Suche nach dem strahlenden Licht, dem vollkommenen Glück. Von der Hoffnung auf eine umfassende Gerechtigkeit. Es geht nur um Licht durch einen schmalen Spalt. Heißt: Dieses Licht suchen, auch da, wo das Leben dunkel und grau ist.
Das ist ziemlich adventlich. Denn auch der Advent erzählt ja von Menschen, die nach diesem Lichtstrahl suchen. Die Sterndeuter, die einem Lichtblitz am Himmel folgen. Die schwangere Maria und Josef sind unterwegs. Ihr Kind könnte dieser Lichtblick sein. Die Weihnachtsgeschichte ist alles andere als eine Erzählung vom heilen und perfekten Leben. Sie erzählt von den Rissen, durch die Licht fällt. Und ermutigt mich, gerade in kürzeren und dunkleren Tagen nach diesen kleinen Spalten zu suchen, durch die Licht scheint. Cohen verspricht: In allem sind solche Risse zu finden.
… so kommt das Licht herein
In dunklen und kurzen Tagen fällt das Leben manchmal schwer. Aber immer wieder zeigt sich ein Riss, durch den Licht fällt. Darum geht es heute in den Sonntagsgedanken in SWR 4.
Ein berühmtes Adventslied heißt O Heiland, reiß den Himmel auf. Ist über dreihundert Jahre alt. Es packt mich heute noch. Ich denke da an eine winterliche Wolkendecke, dicht und schwer, durch die sich unverhofft ein Lichtfinger bohrt. Ein Strahl Sonne. Ein echtes Geschenk.
So ähnlich stelle ich mir die Situation von Josef vor. Aus der Weihnachtsgeschichte. Er erfährt, dass seine Verlobte, Maria, schwanger ist. Aber nicht von ihm. Dunkle Wolken. Ich könnte verstehen, wenn er jetzt in der Öffentlichkeit schmutzige Wäsche wäscht. Sie ist fremdgegangen! Aber Josef will stattdessen einen Schlussstrich ohne viel Tamtam.
Die Weihnachtsgeschichte heißt nicht umsonst Geschichte. Sie ist keine Biografie und auch keine Zeitungsmeldung. Sie soll vielmehr erklären, was es mit diesem Jesus auf sich hat. Der Autor Matthäus entfaltet in dieser Geburtserzählung alle die Themen, die für seine ganze Jesusgeschichte wichtig sind. Ein Thema: Gerechtigkeit. Josef wird als gerechter Mann geschildert. Das ist jemand, der seinen Glauben in die Tat umsetzt. Der zeigt, wie Gerechtigkeit konkret geht. Dabei klingt ein zweites Thema an: Barmherzigkeit. Josef hätte das Recht zu einer öffentlichen Scheidung. Könnte seine Frau bloßstellen. Aber Josef entscheidet sich dagegen. Will barmherzig sein mit der Frau, die er liebt.
Wie er dazu kommt? Ich stelle mir Josef wütend und enttäuscht, aber auch traurig und verletzt vor. Er braucht einen Impuls, wie es jetzt weitergeht. In der Geschichte kommt ein Engel, der ihm die Augen öffnet. Engel, das sind Gottesboten, Verbinden Himmel und Erde. Reißen sozusagen den Himmel auf. Ein Lichtblick für Josef in ziemlich dunkler Situation. Und er entschließt sich, bei Maria zu bleiben.
Die Weihnachtsgeschichte bietet keine heile Welt und auch keine kitschige Romanze. Durch Josef wird deutlich: Weihnachten erzählt von der Hoffnung auf eine kleine Veränderung, einen Riss im Leben, durch den Licht fällt. Sich die Dinge wieder öffnen. Die Welt anders wird. Ein Engel zum Beispiel. Oder auch ein Mensch, der mir Licht ist und Licht schickt. Den Himmel aufreißt, wenn es schwer wird. Mir zur Hand geht. Mir zuhört. Meine Sorgen ernst nimmt. Ein Lichtblick. Nicht nur an Weihnachten.
Thomas Weißer aus Budenheim bei Mainz von der Katholischen Kirche
Mt 1,18–24
Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immánuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43527Die Zeiten ändern sich… Ja, das ist eine Binsenweisheit. Aber sie ist drum nicht weniger wahr. Mich beschäftigt das. Gerade auch wegen der jungen Menschen, mit denen ich arbeite. Ich war vor 25 Jahren Jugendlich; und es war toll, dass ich als Teenager ziemlich unbeschwert die verrücktesten Pläne machen konnte. Und ich bin immer davon ausgegangen: ich hab mal ne gute Zukunft. Für mich war das ganz selbstverständlich - ein Gefühl, dass Teenager und junge Erwachsene heute nicht mehr unbedingt haben. Und ich glaube, viele Ältere auch nicht.
Viele Themen wiegen schwer: Die Demokratie, wie wir sie seit 80 Jahren kennen, der Frieden in Europa, das Klima in der Welt, der Eindruck, dass ganz wenige Menschen richtig viel Geld haben und ganz viele ganz wenig. Die Aussicht auf eine gute Zukunft ist brüchig geworden. Besonders die Leute um die zwanzig tun mir manchmal leid, wenn ich sehe, wie viele Sorgen sie wälzen.
Deshalb habe ich zu Beginn gesagt: Die Zeiten ändern sich. Andererseits haben sie das schon immer. Und auch früher schon hat es Zeiten gegeben, die der von heute ähnlich sind.
Heute, am dritten Advent, wird eines Menschen gedacht, der ebenfalls noch recht jung gewesen ist, als seine Welt in einen Umbruch geraten ist: Johannes der Täufer Dieser Johannes hat auch Sorgen gewälzt. Auch er hat gelitten unter der soldatischen Präsenz Roms, er hat gelitten an einer fragwürdigen Monarchie; dass die Reichen sich schamlos bereichert haben und die Armen immer ärmer geworden sind. Als Protest ging er in die Wüste, aß nur wilden Honig und trug Kleidung aus Kamelhaar.
Das haben die Menschen damals wohl sehr anziehend gefunden. Viele sind zu ihm ans Ufer des Jordan-Flusses gekommen, weil sie ihn hören wollten. Johannes hat gepredigt. Und wie! „Ändert Euer Leben, die Axt ist schon an den Baum gelegt; wer schlechte Frucht bringt, wird umgehauen! Soldaten: tut niemand Gewalt an! Finanzverantwortliche, bereichert Euch nicht unlauter! Wer zwei Hemden hat, der gebe eins ab!“
Für Johannes war klar: Mit dieser Welt wird es bald ein schlimmes Ende nehmen. Es geht so übel zu, dass Gottes Gericht unmittelbar bevorstehen muss. Johannes wollte deshalb den radikalen Umbruch: das Steuer herumreißen, um im Gericht bestehen zu können.
Eigentlich ist er damit nicht weit weg von den jungen Menschen heute. Die versuchen auch, das Steuer radikal herumzureißen: sie wollen vegetarisch oder vegan leben, gendern, lieben, wen auch immer sie wollen. Sie gehen jedenfalls mit einer radikalen Hoffnungsidee um. Aber mit einem Unterschied: Die meisten heute hoffen, dass sie ihre Hoffnung selbst wahr werden lassen können. Johannes dagegen war überzeugt, dass Gott eingreifen wird, und dass ein großes Gericht über die Welt beginnen würde; dass Gott sie erlöst von allem Unrecht.
Erlösung heute wird überwiegend ohne Gott gedacht.
In unseren Zeiten höre ich nur noch selten etwas von Gottes Gericht. Die Erwartung, dass am Ende aller Tage ein himmlisches Gericht abgehalten wird, in dem die Guten von den Bösen getrennt werden – oder gar von Himmel und Hölle die Rede ist – hat sich verflüchtigt.
Ich denke, wir wissen trotzdem noch, wovon die Rede ist, und wie sich das anfühlt: Zum Beispiel, wenn wir etwas gutes Essen, dann beschreiben wir das als himmlisch. Oder wir sagen: „Das war die Hölle!“ Für Johannes war der Gedanke noch ganz real: Wenn die Zeit am schlimmsten ist, wird Gott kommen und die Dinge wieder geraderücken.
Und das ist zu Johannes‘ Lebzeiten auch tatsächlich passiert. Aber ganz anders als Johannes es erwartet hatte. Denn statt einer himmlischen Armee und einem strengen Richter kommt ein anderer junger Mann namens Jesus zu ihm an den Jordan und lässt sich von ihm taufen.
Gottes Gericht – und das ist die krasse Offenbarung – ist nicht gewalttätig. Es ist geliebtätig. Gottes Gericht ist nicht so, dass es Menschen ausschließt und ewig bestraft. Es ist so, dass es Menschen einschließt und ewig begnadigt. Und, jetzt mal ganz ehrlich, ich würde schon gerne wissen, ob er vielleicht enttäuscht war. Erwartet hat er, dass ein Gericht kommt, in dem Gott straft und prügelt. Bekommen hat er einen Menschen, der geliebt und verziehen hat.
Und, ja – ich höre auch manche von Ihnen schon fragen: Was ist mit den richtig großen Verbrechern in der Welt? Diktatoren und Mördern? Wird Jesus nicht als Richter wiederkommen? Und die Bösen am Ende doch strafen? Wissen Sie: ich weiß es nicht. Ich vertraue darauf, dass Gott Wege der Vergebung findet, die ich nicht sehe oder begreife. Das ist aber ein Teil meines Glaubens mit 39. Als ich so alt wie Johannes der Täufer war, war ich da auch ungnädiger.
Ich glaube, dass es heute ganz wichtig ist, an Johannes und Jesus zu erinnern. Weil die Welt ungerecht, gefährdet und gefährlich ist. Und weil die Zukunft unter Gottes Perspektive mit teilen, heilen und integrieren antwortet. Trotz aller Brüche.
Das sind große Gedanken. Aber, hey, in 10 Tagen ist Weihnachten. Und da fangen große Gedanken allemal klein an.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.
Matthias Braun, Mainz, evangelische Kirche.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich das Warten völlig verlerne. Ich kann mir jede Information in Sekundenschnelle aus dem Internet ziehen. Ich muss auch wochenends oder spätabends nicht darauf warten, dass die Geschäfte wieder aufmachen, sondern kann jederzeit online meine Einkäufe erledigen. Wenn ich auf eine schriftliche Antwort warte, erhalte ich sie meist viel schneller als „postwendend“, wie man früher gesagt hat. Und selbst, wenn ich einmal auf den Bus warten muss, kann ich mir die Zeit mit Musikhören oder in sozialen Medien vertreiben.
Äußerlich geht vieles schneller, und ich kann mich ebenso schnell an das neue Tempo gewöhnen, scheint mir. Und dennoch gibt es in mir drin Prozesse, die weiterhin viel Zeit benötigen. Die nicht mal eben schnell beschleunigt werden können, so wie ich nicht an einem Grashalm ziehen kann, damit er schneller wächst. Ich habe Sehnsüchte und Hoffnungen, auf die ich oft lange warten muss, bis sie sich vielleicht eines Tages erfüllen. Wenn mir äußerlich die Wartezeiten fehlen, nehme ich mir auch innerlich oft nicht die Zeit, mich einmal zu fragen: Was ist eigentlich meine tiefste innere Sehnsucht? Was erhoffe ich mir, worauf warte ich wirklich ganz tief in mir drin?
Die Adventszeit kann mir das Warten im ganz positiven Sinne wieder neu beibringen. Kinder warten oft besonders sehnsuchtsvoll auf Weihnachten, auf die Bescherung. Darauf, dass sie mit Geschenken überrascht werden. Ich glaube tatsächlich: Genau darum geht es. Wenn ich auf Gott warte, ist es ein Warten darauf, beschenkt und überrascht zu werden.
Wie kann ich im Advent wieder neu zu warten lernen? Mein Eindruck ist: Die eigentlichen Dinge des Lebens kann ich nicht machen, sie geschehen unerwartet. Ich kann sie nicht planen. Wenn ich unbedingt jetzt und hier jemanden kennenlernen möchte, passiert das oft nicht. Aber dann, wenn ich überhaupt nicht damit rechne, kann es geschehen. Das heißt nicht, dass ich auf besondere Dinge in meinem Leben nicht warten dürfte. Im Gegenteil: Alles, was mir begegnet und sich als wirklich wichtig entpuppt, entspricht einer tiefen Sehnsucht in mir. Wenn ich jemandem begegne, den ich lieben lernen kann, habe ich mich vermutlich tief in mir danach gesehnt. Ein inneres Warten darauf hat mich dafür geöffnet, dass es wirklich geschehen kann. Und doch geschehen die Dinge oft ganz anders, als ich sie mir ausdenke oder zurechtträume.
Ein schönes Beispiel dafür habe ich direkt nach meinem Theologiestudium erlebt. Ich hatte ein paar Monate zu überbrücken, und Pater Michael, mit dem ich damals immer wieder gesprochen habe, hat mich auf die Idee gebracht, doch nach Israel zu gehen und dort in einem deutschen Kloster am See Genezareth ein Volontariat zu machen. Das hat eine tiefe Sehnsucht in mir geweckt, einmal im Heiligen Land zu sein, ganz dicht auf den Spuren Jesu. Zufällig erfuhr ich, dass der Abt dieses Klosters an einem Abend bei uns in Frankfurt sein sollte. Also beschloss ich: Ich mache ein Bewerbungsschreiben fertig und gebe es ihm direkt in die Hand! Dann hat er mich schon einmal gesehen, und es wird leichter für mich, einen Platz zu bekommen. An dem genannten Abend stand ich mit meinem Brief in der Hand da und … habe gewartet und gewartet. Der Abt kam nicht, hat irgendwo im Stau gesteckt. Irgendwann blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Brief jemand anderem in die Hand zu drücken mit der Bitte, ihn weiterzugeben. Mein Plan war nicht aufgegangen.
Zwei Tage später war ich mit Pater Michael in Freiburg. Und plötzlich steht völlig unerwartet besagter Abt vor uns. „Darf ich vorstellen?“, sagt P. Michael, „Anna Niem – Abt Benedikt“. Und beiläufig erzählt er ihm, dass ich Orgel spiele. „Ach“, sagt der Abt, „Sie sind Organistin? Haben Sie Weihnachten schon etwas vor? Zur Mitternachtsmesse im Kloster in Jerusalem kommen immer viele einheimische Gäste, die einmal die deutschen Weihnachtslieder hören möchten. Das wird ohne Orgel bestimmt sehr traurig! Möchten Sie kommen?“
Aus meinem Volontariat am See Genezareth ist nie etwas geworden. Aber die unerwartete und doch so ersehnte Begegnung mit dem Abt hat mir drei unvergessliche Wochen im Heiligen Land beschert. Ich durfte bei den Mönchen wohnen und bekam sogar die Flüge bezahlt. Ich habe zweimal am Tag Orgel gespielt und hatte den Rest des Tages frei, um mir in aller Ruhe Jerusalem anzuschauen und die Orte zu sehen, an denen Jesus unterwegs war.
Damals war eine Sehnsucht in mir da gewesen, ein inneres Warten. Der Versuch, diese Sehnsucht auf meine eigene Weise zu erfüllen, ist schiefgegangen. Aber das innere Warten hat mich geöffnet für eine andere Möglichkeit, die ganz unerwartet wie ein Geschenk in meinen Schoß gefallen ist.
Ähnlich war es vielleicht damals mit der Geburt Jesu. Viele Menschen in der Zeit haben gewartet auf jemanden, der die Welt erlösen würde, der sie im positiven Sinne auf den Kopf stellt, der endlich Frieden bringt. Ihre Sehnsucht hat sich erfüllt. Aber ganz anders. Nicht ein kämpfender Revolutionär fällt vom Himmel, sondern ein unscheinbares Kind wird geboren, irgendwo in einem Stall. Und geht den Weg der Liebe und des Friedens.
Ich mag den Advent nutzen, um wieder neu auf meine tiefen Sehnsüchte zu hören und ihnen geduldig Raum zu geben. Was ich innerlich erhoffe, kann Wirklichkeit werden. Wenn auch ganz anders. Ich darf das Unerwartete erwarten!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43429Advent, Advent, ein Lichtlein brennt… - von wegen: EIN Lichtlein. Zum Beispiel in der Outlet-City von Metzingen, wo ich wohne – da sind die Geschäfte schon im November voll mit Weihnachtsdeko und Beleuchtung – da kann das eine arme Kerzlein an meinem Adventskranz gar nicht gegen anstinken. Zumindest in den letzten Jahren ist das so gewesen. Dieses Jahr kommt’s mir so vor, als hätte sich was verändert. Klar: die Outlet-Stores sind wieder dekoriert – aber die Stimmung in den Geschäften, die kommt mir nicht sehr weihnachtlich vor. Und auch sonst: in der Fußgängerzone, in den Wohnungsfenstern oder in den Vorgärten im Wohngebiet – ich find’s verhaltener beleuchtet als sonst. Als könnten sich die Leute nicht so recht aufraffen, ihre Lichterketten rauszukramen oder den beleuchteten, fast lebensgroßen Deko-Weihnachtsmann inklusive Schlitten, Rentier und Kunstschnee… Und so ein Ding hat doch mal viel Geld gekostet! So was stellt man doch eigentlich so früh wie möglich raus…
Kommt mir das nur so vor? – Oder schlägt da wirklich eine gewisse Lethargie bei den Leuten durch? Das täte mir leid! Ich hab‘ zwar eben ein bisschen gespottet - aber trotzdem: es täte mir furchtbar leid, wenn die Leute den Spaß an Deko und Lichterketten verlieren würden.
Vielleicht liegt es ja daran, dass die Stimmung schon das ganze Jahr über nicht gut gewesen ist bei uns. Gründe, um sich Sorgen zu machen, die gibt’s genug: die Regierung streitet, keiner weiß, wie es mit Russland weitergehen wird, das Leben ist teuer geworden… Manchen vergeht da vielleicht die Lust aufs Dekorieren. Und manche können sich die zusätzlichen Stromkosten nicht mehr leisten. Auch viele Städte und Kommunen sparen dieses Jahr an der Weihnachtsbeleuchtung, manchmal fällt sogar gleich der ganze Weihnachtsmarkt aus – einfach weil’s zu teuer ist.
Bei mir ist die Weihnachts-Deko auch noch nicht ganz ausgepackt. Einen Adventskranz habe ich mir aber geholt – immerhin: Advent, Advent – EIN Lichtlein brennt bei mir heute. Die Bibel habe ich auch aufgeschlagen und nachgelesen, was der Apostel Paulus über Licht und finstere Zeiten so denkt. Und habe gefunden: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ (Römer 13, 12)
Licht als eine Art Waffe gegen finstere Zeiten? Vielleicht auch gegen finstere Stimmung? Bei mir zündet das Bild von Paulus sofort - wie eine Leuchtrakete: von den Waffen des Lichts. Mein Glaube an Jesus Christus soll sie mir in die Hand geben, damit ich mich schützen kann – und ich zum Beispiel finstere Zukunftsprognosen abwehren kann oder auch die Dauerkrisenstimmung bei mir. Denn die greifen mich an - ziehen mich runter und machen meine Zuversicht kaputt.
Na ja – wenigstens würde ich mir das wünschen, dass ich die Unkerei über trübe Zukunftsaussichten abwehren könnte mit so einer Art „Waffen des Lichts“. Es wäre schön, wenn ich so ein großes Vertrauen hätte in meinen Glauben – und ich keine Angst mehr hätte vor Themen wie „Klima“, „Aufrüstung“, „wirtschaftliche Probleme“. Aber: noch habe ich Angst. Und die Krisen meiner Zeit sind noch nicht überstanden. Im Gegenteil: Wahrscheinlich wird es sogar noch finsterer aussehen für die Zukunft – bevor es dann vielleicht endlich besser werden wird.
Ich habe Angst – noch. Aber heute zünde ich auch die erste Kerze an meinem Adventskranz an. Denn wie war das bei Paulus?: Licht ist meine Waffe gegen Pessimismus und Lethargie. Die Zeiten werden auch nicht immer so finster bleiben. Irgendwann wird es Weihnachten werden, und das wird mich daran erinnern: Gott lässt seine Welt niemals allein. Da darf ich ganz zuversichtlich sein.
Wie sagt es der Apostel Paulus noch gleich? „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“(Römer 13, 12)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43420Vor Tagen habe ich frühmorgens den alten jüdischen Friedhof in Leipzig besucht. Der Ort faszinierte mich. Obwohl er neben einer Straße und Bahngleisen liegt, ist es ein stiller Ort. Schon lange finden dort keine Beerdigungen mehr statt. Und doch wird dieser Friedhof mit 5000 Grabstellen als Kulturdenkmal erhalten und gepflegt.
Die Sonne hatte noch Kraft bei meinem Spaziergang über den Friedhof. Alles war vom Licht der Sonne geflutet. Die bunten Herbstblätter im Morgentau. Aber auch die Inschriften der Grabsteine.
Für Jüdinnen und Juden ist ein Friedhof ein ganz besonderer Ort. Sie nennen ihn Haus der Ewigkeit. Jüdische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden. Auch wenn die Namensinschriften auf den Grabsteinen längst verwittert sind. Alles muss bleiben, wie es ist. Bis in die Ewigkeit hinein.
Vor einem besonders prachtvollen Grab blieb ich lange stehen. Die Inschriften auf dem Grabstein waren vergoldet. Leuchtend im Licht der Morgensonne waren sie leicht zu entziffern. Abraham und Henriette Goldschmidt konnte ich lesen. Das Ehepaar Goldschmidt lebte im 19. Jahrhundert. Er war Gemeinderabbiner und Prediger in Leipzig und sie eine bedeutende Pädagogin, die sich besonders für die Rechte von Frauen einsetzte. Dank meinem Handy tauchte ich immer mehr in die Lebenswelt der Goldschmidts ein. Auch wenn ich die beiden nicht gekannt habe, kamen sie mir immer näher und ich konnte mir ein Bild von ihnen machen.
Sich erinnern an die Menschen vor uns. Geschichten über sie lesen und erzählen. Sich Bilder von damals anschauen. Das bewahrt unsere Toten davor, vergessen zu werden. Doch genügt das?
So sehr ich mich auch an Menschen, die verstorben sind, erinnere, es macht sie nicht wieder lebendig. Ich werde sie nie mehr umarmen können.
Ich kenne so viele Menschen, die ihre Liebsten loslassen mussten und daran zerbrochen sind. Die in tiefe Depression verfallen sind und keinen Lebenswillen mehr haben. Die ruhelos nach ihren Toten suchen und in die dunkle Nacht hinein verzweifelt rufen, wo sie denn geblieben sind. Das Anschauen von Bildern und das Erzählen der Geschichten von damals macht sie nur noch trauriger.
So sehr wir uns auch an Menschen, die verstorben sind, erinnern, sie fehlen uns.
Heute wird im katholischen Gottesdienst ein Text aus der Bibel vorgelesen, der mir auch keine Antwort gibt. Jesus selbst sterbend am Kreuz verspricht einem weiteren Hingerichteten an seiner Seite noch heute mit ihm Paradies zu sein.
Der Theologe Fulbert Steffensky hielt sich nach dem schmerzhaften Tod seiner geliebten Frau auch daran fest, dass der Tod nicht das letzte Wort haben darf und dass unsere Toten eine Zukunft haben.
Er schreibt:
"Ich beharre auf einem Versprechen. Einmal wird der Tod nicht mehr sein, ist versprochen. Einmal werden Schmerzen und Seufzer geflohen sein, ist versprochen. Einmal wird Gott alles in allem sein, ist versprochen. Weil ich niemanden aufgeben will, wiederhole ich diese alten Behauptungen. Ich bin es der Liebe zu den geliebten Menschen schuldig; ich bin es vielleicht auch meiner eigenen Würde schuldig, dem Tod nicht das letzte Wort zu geben. Wo suche ich dann meine Toten, die ich nicht verloren gebe? Ich suche sie in Gott. Was aber sage ich mit diesem Satz? Ich weiß es selber nicht, aber ich werde ihn sprechen, und sei es aus Trotz."
Eigentlich ist die ganze Bibel voller Versprechen, wenn es um den Tod geht, der gnadenlos in unser Leben einbricht. Was Steffensky ausspricht - wie er sagt aus Trotz - beschreibt die Bibel in vielen Bildern.
Da ist zum Beispiel die Rede vom Hochzeitsmahl im Himmel. An diesem Ort gebe es kein Leid mehr und Tränen werden sofort abgewischt. Die Menschen hätten keine Schmerzen und auch den Krieg gebe es dort nicht mehr. Alles sei im Himmel wie neu, weil das Alte vorbei ist.
Mein Besuch auf dem alten jüdischen Friedhof. Ein Ort für die Ewigkeit. Ich habe mich dort an Menschen erinnert, die ich persönlich nie gekannt habe. Die aber den uralten Versprechen geglaubt haben. Trotz allem vielleicht, was sie erleben mussten und was ihnen zugemutet wurde.
Wenn wir uns an unsere Toten erinnern, weigern wir uns, sie selbst, ihre Liebe und ihr Leid zu vergessen. Wir verstehen besser, wer wir sind, wenn wir wissen, woher wir kommen. Und wir haben nur Zukunft, weil wir eine Herkunft haben.
Gut, dass es die Friedhöfe gibt. Orte der Ewigkeit in einer endlichen Welt. Wichtig für unsere Städte und Dörfer. Orte an denen wir sagen können: Hier sind meine Lieben begraben. Oder. Hier wurden Menschen bestattet, lange vor meiner Zeit. So wie das Ehepaar Goldschmidt. Ich kannte sie nicht. Aber ich kenne nun ihr Leid. Ich habe ein wenig von ihrer Geschichte erfahren. Sie haben darauf vertraut, dass Gott dem Tod nicht das letzte Wort überlassen wird.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43376Kennen Sie das Gefühl, wenn man wartet und die Zeit sich wie Kaugummi zieht? Wenn man nach einem schwierigen Gespräch eine Nachricht erwartet. Oder auf das Ergebnis einer Prüfung wartet. Auf eine Entscheidung, die jemand über einen trifft? Man wartet, und man weiß nicht, was kommt.
So geht es einem Mann in der Bibel. Er ist ein wichtiger Beamter am Königshof und sein Sohn ist todkrank. So ist seine allerletzte Hoffnung Jesus. Er bittet ihn, dass er seinen Sohn gesund macht. Als Jesus zu ihm sagt: „Dein Sohn lebt“, glaubt es der Vater – und auf dem Heimweg erfährt er, dass sein Sohn genau in diesem Moment gesund geworden ist.
Diese Erzählung ist eines der ersten Heilungswunder, von dem die Bibel berichtet. Und der, der Jesus bittet, ist ein königlicher Beamter. Ein Mann, der viel Geld, ein hohes Ansehen und Macht hat.
Der Beamte am Königshof ist es wohl gewohnt, dass andere seine Befehle ausführen und seinen Anweisungen folgen. Doch als er zu Jesus kommt, wendet sich für ihn das Blatt. Er selbst bittet um etwas. Und er hat das feste Vertrauen, dass Jesus helfen kann.
Ich bin fasziniert, wie Jesus hier mit einem Wort heilt. Er muss nicht vor Ort sein oder etwas Besonderes tun – ein einziges Wort von ihm reicht aus. Was Jesus sagt, das passiert auch! Wenn Jesus sagt: „Dein Sohn lebt“ – dann wird der Junge in diesem Moment gesund. Jesus sagt an anderer Stelle in der Bibel: „Steh auf, nimm dein Bett und geh“. Und der Kranke ist gesund und steht auf. Wenn Jesus sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben“, dann sind sie vergeben. Das ist das absolut einzigartige an Jesus: Das, was er sagt, tritt ein.
Dass der Sohn gesund wird, ist ein riesiges Wunder. Doch ein ebenso großes Wunder ist, dass das Wort Jesu genau das tut, was es aussagt.
Der Mann glaubt Jesus, als er sagt „dein Sohn lebt“. Und er macht sich auf den Heimweg, obwohl er nichts sieht. Der Vater sieht kein Zeichen, keine sichtbare Heilung, keinen Beweis. Er vertraut dem Wort. Auf dem Heimweg erfährt er: Sein Sohn ist genau zu dem Zeitpunkt gesund geworden, als Jesus das gesagt hatte.
Glauben, das bedeutet auf Jesus zu vertrauen– auch ohne sichtbare Beweise. Jesu Wort allein reicht.
Es ist fast eine Heilung im Vorbeigehen. Jesus begegnet dem Vater in seiner Verzweiflung, hört ihm zu, nimmt ihn ernst. Er versteht, wie sich Angst, Hoffnung und Schmerz anfühlen. So stelle ich mir echte Mitmenschlichkeit vor.
Und gleichzeitig ist Jesus mehr als ein Mensch. Er ist ganz Gott: Mit der Vollmacht Gottes spricht er einen Satz – und Leben kehrt zurück. Kein Zauber, kein Spektakel, keine Inszenierung. Nur Liebe in Macht.
Ich glaube dran, dass Jesus das auch heute noch tut: Er spricht Worte, die Leben bringen. Er sieht unser Vertrauen – auch wenn es schwach ist. Und er handelt – vielleicht nicht immer so, wie ich es erwarte, aber immer aus seiner göttlichen Liebe heraus.
Ich gebe gerne zu, dass ich auch andere Zeiten kenne. Da stehe ich an einem Punkt und bete, und bitte – aber nichts passiert. Ich hätte es dann gern sichtbar, spürbar und eindeutig. Und muss mich damit begnügen, dass Gott sagt: „Vertrau meinem Wort. Geh los. Ich bin am Handeln, auch wenn du es noch nicht sehen kannst.“
Diese Art von Glauben ist nicht blind – sondern hörend. Er hört auf die Stimme Jesu und nimmt sie ernst. Denn wer Jesus begegnet, der begegnet nicht nur einem Menschen, sondern dem lebendigen Wort Gottes, das auch heute spricht.
Wenn Jesus spricht, dann geschieht etwas – selbst, wenn meine Augen noch keine Veränderung erkennen.
Wer weiß, vielleicht gibt Jesus mir ja genau heute etwas zu verstehen. Und dann laufe ich hoffentlich los und vertraue.
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