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12APR2026
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„Singen laut!“ Seit letzter Woche verlangt unser Enkel von seinen Eltern, dass sie ihm vor dem Einschlafen ein Lied laut vorsingen müssen. Zuerst haben es meine Schwiegertochter und mein Sohn mit leisen Schlafliedern probiert, aber der zweijährige Junge hat da ganz andere Vorstellungen. Er fordert: „Singen laut!“.

Ich musste schmunzeln, als unser Sohn uns das per WhatsApp mitgeteilt hat. Erreicht hat mich seine Nachricht nach unserer gemeinsamen Osterfreizeit.  Nach vielen Jahren Unterbrechung waren wir mit einigen Freunden und der ganzen Familie auf eine Osterfreizeit in die Berge gefahren. Mehrere Familien, alle Altersklassen sind hier zusammengekommen, in einem großen Schullandheim einfach untergebracht. Gemeinsam kochen, gemeinsam essen und je nach Wunsch und Laune hinaus in die herrliche Natur und Schneelandschaft.

Als Pfarrer war ich da auch gefragt. Es war der Wunsch aller Teilnehmenden, dass ich sie nach dem Frühstück und nach dem Abendessen durch die Passions- und Ostergeschichte in der Bibel führe und dass wir gemeinsam Lieder singen. Da gehörte auch „Gott ist gut. Wir singen laut dazu“. Auch andere neue und ältere geistliche Lieder, die sie selbst früher als Kinder und Jugendliche gesungen haben.

Gemeinsames Singen tut uns Menschen unendlich gut. Aufeinander hören, miteinander die Stimme erheben, Gott loben, auch in Liedern daran erinnern, was Jesus Christus für uns getan hat, das ist heilsam, aber auch erfrischend und macht Freude. Und gerade lautes gemeinsames Singen ist wie ein tiefes Durchatmen, das der Seele Ruhe und Glück schenkt.

Das will unser Enkel offensichtlich auch zuhause fortsetzen. „Laut singen“, fordert er.

Laut singen, tut den meisten Menschen gut. Das ist sogar wissenschaftlich untersucht und bestätigt. Am besten mit anderen zusammen. Es schafft Entspannung. Die eigene Stimme laut werden zu lassen, sie in Einklang mit anderen zu bringen, sich etwas von der Seele singen zu können, das schenkt auch neue Kraft. Kürzlich habe ich gelesen, dass es die eigene Identität und das Selbstwertgefühl stärkt. Es ist also noch viel wirksamer, als nur beruhigende Musik zu hören.

„Singen, laut!“ fordert mein Enkel von seinen Eltern. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wie gerade Kinder uns an die wichtigen und wesentlichen Dinge des Lebens erinnern.

Gott, der Schöpfer, ist wie ein Vater oder wie eine Mutter, sagt Jesus und heißt es in der Bibel. Gott kennt unsere Bedürfnisse. Er hat viele Gaben in uns angelegt, die uns im täglichen Leben helfen. Für mich gehört dazu auch das Singen. Gerade geistliche Lieder, alte und neue, stärken uns selbst und unseren Glauben und schenken beim gemeinsamen Singen eine wohltuende Gemeinschaft.

Daran hat mich diese Woche unser Enkel erinnert. Er hat die Gemeinschaft beim Singen als wichtig und wohltuend erlebt. Das will er jetzt auch zuhause haben.

„Laut singen!“ das möchte ich gerne auch Ihnen heute mit auf den Weg geben. Im Auto zum Beispiel, da sehe ich morgens auf der B27 manchmal jemanden bei seinem Lieblingshit im Radio mitsingen. Vielleicht kennen Sie noch Lieder, auch geistliche Lieder aus ihrer Jugend. Einfach mal laut singen. Vielleicht gibt es in ihrer Kirchengemeinde auch einen Chor. Da kann man gemeinsam laut singen.

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“, heißt es in Psalm 98. Und vielleicht können auch Sie beim Singen das eine oder andere Wunder erleben. Das wünsche ich ihnen von Herzen und einen gesegneten Sonntag.

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29MRZ2026
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Auferweckung – ein Kinderspiel?

Die Fastenzeit neigt sich dem Ende entgegen. Ostern. Das Fest der Auferweckung Jesu. Doch was so leicht gesagt wird, wiegt schwer. Auferweckung, Auferstehung: Wie lässt sich das verstehen?

Eine Spur legt die biblische Geschichte von Lazarus – mitsamt einer ganzen Ladung von Fragen, die sich heute stellen. Lazarus ist krank und deshalb holen die Leute Jesus. Der soll helfen. Aber Jesus lässt sich ewig Zeit. Erst nach Tagen macht er sich auf. Was ist das für ein Freund, denke ich da. Als Jesus endlich ankommt, liegt Lazarus schon vier Tage im Grab.

Die erste Merkwürdigkeit: Jesus ignoriert den Tod. Die Geschichte von Lazarus geht einfach weiter. Denn Jesus lässt sich das Grab zeigen. Lazarus liegt in einer Höhle, die mit einem Stein verschlossen ist. Solche Gräber kann man noch heute in Israel sehen.

Noch eine Merkwürdigkeit: Genau von so einem Grab wird auch erzählt, wenn es um Jesu Tod und Auferweckung geht. So, als wollte der biblische Text mal probieren, wie das geht mit der Auferstehung. Wie sich das anfühlt.

Auf jeden Fall rollen jetzt die Leute, die mit Jesus zum Gab gegangen sind, den Stein weg. Jesu ruft in die Höhle hinein: „Lazarus, komm heraus!“ Das erinnert mich an ein Kinderspiel. Verstecken. Einer dreht sich um und zählt laut. Und in der Zeit verstecken sich alle andere. Dann wird gesucht. Und wenn man dann jemand in seinem Versteck gesehen hat, dann ruft man: Komm raus, Lea oder Finn oder Kevin oder Luise, ich hab dich gefunden.

Noch eine Merkwürdigkeit: Auferstehung – ist das wirklich ein Kinderspiel? Zumindest der biblische Text legt das nahe. Ganz leicht wird Lazarus ins Leben zurückgeholt. Er wird einfach gerufen. Und dann kommt er schon aus seinem Grab. Keine großen Zaubersprüche, kein Spektakel, kein Simsalabim. Es reicht, den Toten bei seinem Namen zu nennen. Das macht lebendig. Eine Erfahrung, die ich so ähnlich  kenne. Da geht es mir schlecht und jemand sagt meinen Namen, spricht mich an. Redet nicht über mich, sondern mit mir. Das macht lebendig. Holt aus dem eigenen Gedankenkarussell heraus. Wenn mich jemand anspricht, dann öffnet er mir neue Perspektiven, und manchmal gewinne ich einen neuen Blickwinkel auf die Dinge, die mich belasten. Angesprochen werden, das ist wie Auferstehung mitten im Tag.

Und wenn doch Auferweckung ist?

Auferstehung ist ein Skandal. Denn Auferstehung sagt ja: Das Leben hier und jetzt ist nicht alles. Es steht noch was aus. Die Versprechungen von Konsum und Glück und Geld, die sind nur ein Teil der ganzen Wahrheit. Es gibt mehr als das neue Hemd, das neue Handy, das neue Haus, das bessere Dies und Das. Auferstehung hält den Gedanken daran wach, dass Leben mehr ist als das alltägliche Leben.

Im Grunde genommen ein ganz simpler Gedanke. In meinem Leben muss ich mich oft entscheiden. Beziehung, Wohnort, Beruf, Kinder oder nicht, Ferien hier oder dort, Geld dafür oder doch für etwas anderes. Und mit jeder Entscheidung sterben unzählige Möglichkeiten, die ich halt nicht wahrnehme. Wenn ich nach Budenheim ziehe, dann kann ich nicht zugleich nach Worms oder Bad Urach ziehen. Wenn ich eine Ausbildung als Schreiner anfange, kann ich kein Altenpfleger sein. Wenn ich Himbeerjoghurt kaufe, dann habe ich eben keinen mit Heidelbeeren. Jede Entscheidung, jede Handlung verabschiedet unzählige andere Möglichkeiten. Leben ist Abschied nehmen. Für den Augenblick sterben alle Alternativen.

Auferstehung hält den Gedanken an diese ungelebten Möglichkeiten wach. Weil sie Abschied nimmt vom Tod. Sicher: Der Tod ist die Grenze des Lebens. Nach dem Tod gibt’s keine Möglichkeiten mehr. Auferstehung aber sagt: Nicht so schnell. Das Leben ist noch nicht erschöpft.

Der Gedanke macht mir Mut. Er hilft mir, mit dem umzugehen, was in meinen Leben nicht so ganz gelungen ist. Wo ich mich entschieden habe, aber falsch. Auch da, wo ich zu anderen Menschen nicht gut war. Auferstehung sagt dann: Du hast noch eine Chance. Kannst nochmal anfangen. Dich versöhnen. Das Leben neu probieren. Auch schon vor dem Tod. Du kannst eine klitzekleine Auferstehung auch schon heute erleben: Indem du dich neu entscheidest. Nochmal auf jemanden zugehst. Die zugeschlagene Tür wieder öffnest.

 

Joh 11 in Auszügen

In jener Zeit sandten die Schwestern des Lázarus Jesus die Nachricht: Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank. Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lázarus. Als er hörte, dass Lázarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt. Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen. Als Jesus ankam, fand er Lázarus schon vier Tage im Grab liegen. Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen. Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag. Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. Jesus war im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lázarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen! Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn. 

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Vor einigen Wochen war ich in Jerusalem und in Bethlehem. Die Sonne auf der Haut, die laue Luft ... Die Tage haben sich nach Vorfrühling angefühlt mitten im Januar. Aber schon da hat deutlich spürbar Spannung in der Luft gelegen. Einer der Händler in den kleinen Geschäften in Bethlehem meinte zu mir: „Wir haben Angst vor dem, was noch auf uns zukommt!“ Es hat sich was zusammengebraut, das war spürbar – aber was es wirklich heißen würde, das haben wir in dem Moment noch nicht geahnt.  

Vor mehr als 2000 Jahren war das ganz ähnlich. Auch da lag Spannung in der Luft in Jerusalem. Die religiösen und die politischen Anführer haben damals Pläne geschmiedet, wie sie Jesus gefangen nehmen können, wenn er in die Stadt kommt. Und Jesus hat geahnt, dass sich Unheil über ihm zusammenbraut. Die Bibel erzählt, wie Jesus auf dem Weg dorthin in ein kleines Haus in Bethanien einkehrt: Ein Tisch; Menschen, die zusammensitzen. Aber auch hier draußen vor der Stadt ist zu spüren: Es liegt Spannung in der Luft. In Jerusalem gärt es. Machtspiele, Angst, religiöse und politische Konflikte. Und mitten hinein in diese aufgeladene Stimmung platzt eine fremde Frau hinein in die Runde. Sie kommt mit einem Glas voll kostbarem Salb-Öl. Ohne viele Worte. Die Männer, die zusammensitzen, beobachten verblüfft, wie diese Frau einfach auf Jesus zugeht, ohne zu fragen, ob sie das denn wohl darf. Sie handelt einfach. Sie zerbricht das Gefäß und sie gießt das kostbar duftende Öl über Jesu Kopf. Ein verschwenderischer Moment. Die Frau tut einfach das, was ihr Herz ihr in diesem Moment sagt. Ich denke, sie hat die Bedrohung gespürt. Und wenn sich alles zuspitzt, dann gewinnen die kleinen Zeichen Bedeutung. Und die Kosten werden egal.

Im Haus in Bethanien in der Runde um Jesus regt sich sofort Widerspruch. „Was soll diese Verschwendung?“ sagen einige. Man hätte das teure Öl verkaufen und das Geld sinnvoller einsetzen können. Effizienter. Sozialverträglicher. Vernünftiger.

Solche Fragen kenne ich gut. Wir leben in einer Zeit, in der vieles knapp erscheint: Ressourcen, Geduld, Hoffnung. Wenn ich auf die aktuelle Situation im Nahen Osten schaue, auf Gewalt, auf Angst und verhärtete Fronten, dann frage ich mich oft: Was bringt da noch ein Zeichen der Liebe? Was bewirkt ein einzelner, mutiger Akt inmitten so viel Leid? Die Frau in Bethanien rechnet nicht. Sie liebt. Sie ehrt. Sie handelt, weil sie spürt: Jetzt ist der Moment. Und Jesus verteidigt sie. „Sie hat ein gutes Werk an mir getan“, sagt er. Er nennt es nicht Verschwendung, sondern gut. Und er sagt sogar: „Wann immer die gute Nachricht verkündet wird, dann wird man auch von dieser Frau erzählen.“

Es gibt Momente, in denen die kleinen Zeichen Gewicht gewinnen. Und es gibt Frauen, die einen Unterschied machen, weil sie das wagen – allen Spannungen und Befürchtungen zum Trotz. Mitten in einer Welt, die sich auf Gewalt vorbereitet, setzt sie ein Zeichen der Zärtlichkeit. Mitten in einer angespannten politischen Lage setzt sie auf Nähe. Mitten in Berechnung und Taktik wählt sie Großzügigkeit. Die Frau in Bethanien bringt mich zum Nachdenken. Mit dem Öl und der Salbung tut sie Jesus nicht einfach nur etwas Gutes. Sie nimmt das vorweg, was nach seinem Tod zu tun sein wird – wenn Jesus gesalbt und begraben werden wird. Aber die Liebe und die Würde sind stärker als der Hass und der Foltertod, den Jesus sterben wird. Die Frau zerbricht ihr Gefäß. Mich ermutigt das, auch in schweren Zeiten, etwas von der Selbstsicherung zu zerbrechen: Den Panzer der Ironie. Die Gewissheit, immer recht zu haben. Die Angst, mich angreifbar zu machen. Liebe ist nie effizient. Sie ist nicht berechnend. Sie ist oft überreich. Und manchmal wirkt sie wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber sie verändert alles.

In einer Zeit, in der die Bilder von Hass und Gewalt, von Unterdrückung und von Folterungen uns fassungslos machen, in der wir ohnmächtig vor Nachrichten stehen, erinnert mich diese Geschichte daran: Gott wirkt nicht zuerst durch Macht, sondern durch Hingabe. Nicht durch Lautstärke, sondern durch leise, entschiedene Gesten. Vielleicht ist heute ein guter Tag, um ein Gefäß zu zerbrechen, ein Wort der Versöhnung zu sagen, jemandem zuzuhören, statt sofort zu widersprechen. großzügig zu sein mit Zeit, mit Aufmerksamkeit, mit Vertrauen. Was wie Verschwendung aussieht, kann in Gottes Augen ein gutes Werk sein. Und wer weiß – vielleicht wird man sich eines Tages auch an unsere mutigen Gesten erinnern. Nicht, weil sie groß waren. Sondern weil sie nach Liebe geduftet haben. Ich wünsche Ihnen einen duftigen und gesegneten Sonntag.

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15MRZ2026
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Jetzt im Frühjahr geht es wieder los: Die Weidesaison startet! Und wenn ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs bin, stehen sie plötzlich da: Schafe auf einer Wiese am Straßenrand. Meistens passiert nicht viel. Die Tiere grasen, heben kurz den Kopf und kauen dann weiter. Ab und zu sehe ich auch den Schäfer. Und ich bemerke dann, dass er eine ganz schön verantwortungsvolle Aufgabe hat. Der Schafshirte darf das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Und gleichzeitig muss er auf jedes einzelne Tier aufpassen! Er geht einfach mit den Schafen mit und bleibt aufmerksam – auch wenn es unscheinbar wirkt.

Genauso erzählt die Bibel von Gott – das Bild vom guten Hirten ist ja eines der bekanntesten Bilder in der Bibel. Es ist ein tröstender Vergleich: Jesus Christus ist derjenige, der sich um seine Schafe kümmert, sie beschützt und dafür sorgt, dass alles Lebensnotwendige da ist.

Doch der Vergleich sagt noch viel mehr aus: Ein Hirte ist ja einer, der immer wieder für andere in den Dreck geht. Der Hirtenberuf ist unglamourös, staubig, und man muss bei jedem Wind und Wetter ausharren. Er bedeutet harte Arbeit, wenig Freizeitausgleich, und enge Nähe zu den Tieren. Wenn Jesus sich selbst als Hirte sieht, dann wählt er bewusst ein Bild, das Mühe und Dreck betont.

Christen glauben, dass Jesus in der Art, wie er geredet und sich verhalten hat, gezeigt hat, wie Gott ist. Glanz und Glamour sind ihm nicht wichtig. Stattdessen ist Gott dort, wo Menschen wortwörtlich im Dreck sind. Da wo sie übersehen, verachtet und gebrochen sind. Gott bleibt eben nicht dort, wo es sauber und vorzeigbar ist.

Die Bibel beschreibt immer wieder genau das: Jesus berührt die Unberührbaren. Er beugt sich nach unten zu den Ausgestoßenen. Jesus teilt das Schicksal der Verachteten bis ans Kreuz. Der gute Hirte bleibt nicht sauber. Er begibt sich hinein in das, was kaum auszuhalten ist: Schuld, Angst, Krankheit, Einsamkeit. In dem Hirten zeigt sich Gott, der mitgeht, mitleidet und dreckig wird!

 

Das Bild vom guten Hirten gibt es schon im ersten Testament. Manche haben die Sätze aus Psalm 23 noch aus der Schule im Ohr „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Besonders markant ist der letzte Vers: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“. Wörtlich steht dort eigentlich: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir nachjagen mein Leben lang.“ Das ist kein sanftes Hinterhergehen, sondern Gott bewegt sich entschlossen auf die Menschen zu. So zeigt sich Jesus als Hirte: Er bleibt, auch wenn man ihn nicht spürt. Wenn jemand die Orientierung verliert, geht er nach. Er ist da, auch wenn es dunkel wird.

Jesus als der gute Hirte bemerkt, wenn es mir nicht gut geht und läuft unbeirrbar nach und bleibt fest und unerschütterlich an der Seite. Mir gibt das viel, dass Jesus fest versprochen hat, bei mir zu bleiben. – auch wenn ich von seiner Nähe gerade im Alltag nichts spüre.

Und dann gibt es noch die Geschichte in der Bibel, wo der Hirte das Schaf sucht, das der Herde abhandengekommen ist. Der gute Hirte holt das Verlorene nach Hause!

Psalm 23 beschreibt, dass der gute Hirte nicht von der Seite der Schafe weicht. Und so ist auch Jesus selbst in unserem Leben immer da. Er läuft uns hinterher und er bleibt bei uns! Jesus ist kein Hirte, der irgendwo darauf wartet, bis wir uns mühsam zu ihm durchgekämpft haben. Er ist der, der uns entgegenkommt.

Jesus will auch uns nach Hause bringen – nämlich ganz nah zu Gott. Das passiert in normalen Situationen, mitten im Alltag.

Ab und zu zweifle ich und denke, dass ich die nächste Herausforderung bei der Arbeit niemals schaffe. Doch dann spüre ich, dass Jesus da ist, dass er neben mir geht, auch wenn ich es nicht sehe. Und ebenso ist er da, wenn ich mich schäme oder innerlich wie leer und abwesend bin.

Jesus ist der Hirte, der von sich sagt: „Ich kümmere mich und sorge für euch.“ Er kommt in mein Leben – mitten in den Lärm, die Stolpersteine, und an die kaputten Ecken. Er steckt nicht die Nase weg, sondern er taucht ein mitten in den Alltag. Genau so ist Jesus: Er läuft mit durchs Leben und verliert selbst bei einer großen Herde nicht den Überblick.

Bei den Schafen auf der Wiese, habe ich die Stimme des Schäfers gehört. Das war kein lautes Antreiben. Eher ein ruhiges Sprechen. Und die Tiere haben ganz gelassen darauf reagiert. Sie sind dann ganz selbstverständlich mitgelaufen.

Das hat etwas in mir ausgelöst. Und ich habe mir vorgenommen, dass auch ich bewusst auf die innere Stimme von Jesus hören will. Denn er weiß genau, wo es gut und sicher für mich ist. Jesus sagt zu mir: „Du bist nicht allein – ich gehe jeden Schritt mit dir.“

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08MRZ2026
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Aus dem Brunnen …

Ich erinnere mich noch sehr genau an diese Bergwanderung. Wir sind früh aufgebrochen, wollten bis zum Gipfel und dann wieder zurück. Im Dunklen sind wir losgegangen. Doch schon bald brannte die Sonne unglaublich auf der Haut. Zum Glück hatten wir Wasser dabei. Aber nicht genug, wie sich bald herausstellte. Der Rückweg war echt hart: Wie ausgetrocknet habe ich mich gefühlt. Und dann war da dieses kleine Rinnsal, das aus dem Felsen kam. Mit den Händen habe ich eine Schale geformt und getrunken. Köstliches Nass. Belebend. Danach fiel der Rest des Weges ziemlich leicht. Noch heute, wenn ich daran denke, hab ich diesen Geschmack von Bergwasser auf der Zunge.

Viele Menschen auf der ganzen Welt erleben noch viel existentieller, wie das ist, wenn zu wenig Wasser da ist. Sie leben in Dürrezonen: Regionen, in denen es zu wenig lebensnotwendiges Wasser für alle Lebewesen gibt. Das führt dazu, dass Obst und Gemüse nicht wachsen können. Da verdursten Pflanzen und Tiere.

Wasser ist lebensnotwendig. Davon erzählt auch eine biblische Geschichte. Da treffen sich Jesus und eine Frau. An einem Brunnen. Dem Ort, an dem es um Wasser geht. Die Frau will dort ihren Krug füllen. Die beiden kommen ins Gespräch, unterhalten sich über die Kraft des Wassers. Wasser, da sind sich die Frau und Jesus einig, ist Leben. Aber Wasser steht für mehr. Für die Frage: Wonach habe ich eigentlich Durst? Und bei beiden wird schnell klar: Durst haben, sich sehnen nach, sich etwas wünschen und erhoffen, das tun alle Menschen. Das spürt wohl jede und jeder: Dass es mehr gibt als das, was im Moment da ist. Und so sprechen die Frau am Brunnen und Jesus über diesen Durst, der mit Wasser nicht zu stillen ist. Aber sie sprechen nicht nur. Im Gespräch kommen sie sich näher. Erfahren voneinander, spüren Nähe, bauen eine Beziehung auf. Aus Fremden werden Menschen, die sich verstehen. Danach dürsten viele Menschen. Jesus und die Frau am Brunnen zeigen, wie dieser Durst gestillt werden kann. Durch aufeinander zugehen, durch Zuhören, durch Nachfragen.

 

… Leben schöpfen

Durst ist sicher eines der elementarsten Gefühle. Durst muss befriedigt werden, damit wir überleben. Menschen halten es lange aus ohne Nahrung. Doch ohne zu trinken, wird die Lage schnell lebensbedrohlich. Wenn ich also Durst habe, dann muss ich was trinken.

Was aber, wenn es beim Durst nicht um einen rein körperlichen Mangel geht? Denn wenn ich sage, dass ich Durst habe, dann kann das auch für eine Sehnsucht stehen. Es geht da um emotionale Nahrung. Um das, was für das Leben wichtig ist. Durst nach Beziehung, nach Anerkennung, nach innerer Reife.

Ich sehne mich nach einem Gespräch, nach einer Umarmung, nach einem Schritt nach vorne, danach, dass ich endlich etwas besser kann. Sehnsucht, das ist ein Wort wie für die Fastenzeit gemacht. Die vierzig Tage, die auf Ostern hinführen. Fasten heißt ursprünglich: festhalten. Merkwürdig. Denn beim Fasten will ich ja eigentlich eher was loswerden. Gewicht, Gewohnheiten, alltägliche Süchte wie Rauchen oder Social Media. Doch in der religiös geprägten Fastenzeit geht es um das Festhalten an den Geboten, die für die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern gelten. Das Gebot, kein Fleisch zu essen etwa.

Fasten hat aber auch im übertragenen Sinn mit Festhalten zu tun. Der Gedanke: Nur wer sich an etwas festhält, der kann auch etwas loslassen. Wenn ich mich nach einem echten Gespräch sehne, wenn ich danach Durst habe, dann kann icheinfacher auf die Zeit verzichten, die ich sonst im Internet verbringe. Wenn ich Sehnsucht nach einer gerechteren Welt habe, dann kann ich vielleicht leichter etwas von dem abgeben, was ich habe – aus Solidarität mit anderen Menschen. Wenn ich mich als Mensch verändern will, dann kann ich den ersten Schritt tun, um mich von alten Gewohnheiten zu lösen.

Von dem Theologen Augustinus stammt der Satz: „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“. Das verweist auf einem wichtigen Punkt: Mit meinen Sehnsüchten schaue ich auf etwas, das ich noch nicht habe. Das außerhalb von mir liegt. Und entdecke so vielleicht eher, was ich festhalten will und was ich loslassen kann. Darum geht es – auch – in der Fastenzeit.

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01MRZ2026
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Für alle, die gerne wandern gehen, habe ich heute einen Tipp: den Wildewasserweg im Stubaital in Österreich. Ein Tipp, bei dem es mir nicht nur ums Wandern geht.


Meine Frau und ich sind unterwegs immer wieder mitten auf dem Wanderweg stehen geblieben – ganz fasziniert von den vielen Wasserfällen, an denen man hier vorbeikommt: Wie in großer Höhe Wasser scheinbar einfach aus dem Stein bricht; das ist echt beeindruckend. Noch viel bemerkenswerter aber fanden wir die kleinen Bächlein, die den Wanderweg kreuzen; plötzlich auftauchen und wieder versickern und an deren Rand auch in großer Höhe kleines Grün wächst. Aber – ich will auch nicht übertrieben romantisch sein – am Ende der Etappe haben wir uns auch einfach auf das gute Essen in der Hütte gefreut.


Jetzt im Blick zurück, merke ich erst: die Wasserfälle und vor allem die kleinen Bächlein haben sich in meiner Erinnerung verändert. Ich sehe das schöne Naturschauspiel vor mir, und gleichzeitig fangen die Bilder an, sich in meinem Kopf mit altvertrauten Gedanken zu verbinden. Und mit alten Texten aus der Bibel. Zum Beispiel in einem Satz, der lautet: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen.“ (Röm 5,5) Dieser Satz ist mir immer ein wenig blass erschienen. Liebe wie Wasser aus einer Wasserflasche in ein Glas ausgießen? Das ist doch irgendwie ein langweiliges Bild.


Seit der Wanderung in Tirol aber ist dieser Satz für mich sehr kraftvoll geworden. Zum einen, weil so ein Wasserfall mit einer schier unbändigen Kraft den Felsen hinabschießt. So intensiv von Liebe ergriffen zu sein, genauso kraftvoll: Da reißt mich der Wasserstrom mit, dass ich mich meinem Mitmenschen zuwende; ein Ehrenamt übernehme; einen Menschen pflege – das fühlt sich bestimmt an, wie ein großer Liebeswasserfall im Herzen.


Zum anderen, weil die Bächlein einen stetigen Weg durch die karge Felslandschaft nehmen. Man weiß nicht so recht, wo sie überhaupt herkommen, aber an ihren Rändern wachsen überall ein paar Pflanzen, die das Felsgrau aufbrechen. Das hat doch auch mit Liebe zu tun: in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben, zu zeigen: hier ist Leben.
So kann ich mit dem Satz „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen“ etwas anfangen. Gottes Liebe als riesiger Wasserfall oder als stetig fließendes Bächlein. Im Grunde hat mir Gott in Tirol eine Predigt auf den Wanderweg geschrieben.
Ich habe vor vier Wochen Kontakt mit einem alten Freund gehabt. Als Kind katholischer Eltern war er lange Teil seiner Ortsgemeinde. Man wird im besten Sinn sagen können: Er war ein typischer, ganz normaler Ehrenamtlicher in der Kirche, der den Laden am Laufen und lebendig hält. Aber klar: Das Engagement hat er mehr von seiner Mutter „geerbt“ als dass er es aus eigenem Antrieb gestartet hätte.
Später hat er natürlich kirchlich geheiratet. Und natürlich hat er mich damals gefragt, ob ich nicht mitmachen könne. Wir würden uns doch lange kennen und ökumenisch fände er schön. Und natürlich habe ich ja gesagt. Obwohl ich damals schon kein gutes Gefühl gehabt hatte – es ist vielleicht anmaßend, aber ich war mir nicht sicher, ob die beiden richtig zusammenpassen würden.


Wie dem auch sei: Nach zwei Kindern und einem Hausbau ging die Ehe in die Brüche. Und mein Freund hat sich danach voller Frust von allen Gemeinschaften zurückgezogen. Keine Hobbys mehr, keine Kirchengemeinde, nur noch Arbeit. Er wurde zu dem grauen Felsen, von dem ich erzählt habe und den ich von der Wanderung in Tirol vor Augen hatte. Mit seinen zwei Kindern hat er manchmal noch etwas unternommen. Aber sonst war nichts Grünes mehr an ihm.
Vor ein paar Monaten habe ich ihn auf einem Polterabend eines gemeinsamen Bekannten getroffen. Er hat wieder geheiratet, ist noch einmal Vater geworden und ich habe ihm angesehen: er grünt und blüht wieder richtig auf. Vor vier Wochen hat mein Freund dann bei mir angerufen: Wir hätten uns doch auf dem Polterabend so nett unterhalten und meine Frau lässt fragen, ob ich die beiden trauen würde. „Aber“, hat er sicherheitshalber lachend hinterhergeschickt, „falls Du wieder ein schlechtes Gefühl hast, sag es mir gleich!“
Habe ich aber nicht. Im Sommer werden beide evangelisch heiraten. Mein Freund sagte noch: Ich war ja skeptisch, aber jetzt so, das dritte Kind getauft, die Hochzeit in Aussicht, da merkt man: Es ist schon gut, dass es so eine Gemeinschaft gibt, zu der man zurückkommen kann. Vor zwei Wochen habe ich zufällig seine Exfrau getroffen. Sie ist glücklich verheiratet. Die beiden Kinder sind abwechselnd bei den Eltern. Und sie sagt: Sie ist dankbar.


Für mich ist das eine totale Geschichte von den Gebirgsbächlein, die einfach da sind, und man weiß nicht woher. Die treu ihren Weg durchs Gestein nehmen und dafür sorgen, dass an unerwarteter Stelle wieder etwas grünen und blühen kann. Dass zwei Menschen an ihrer ersten Ehe gescheitert sind, ist trotzdem bitter. Aber fort waren die Bächlein und Wasserfälle der Liebe nicht. Sie haben sich ihren Weg gebahnt. Mein Freund ist kein grauer Fels geblieben, sondern blüht wieder. Ich freue mich sehr, sehr für ihn. Und ich freue mich auf die Trauung im Sommer.
Ich sag mal: Vielen Dank, lieber Gott, für Deine Predigt auf dem Wanderweg. So kann ich mit den Versen über Deine Liebe, die in uns ausgegossen ist, wirklich was anfangen.


Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

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22FEB2026
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Ich kann mich noch gut an die Fastenzeiten meiner Kindheit erinnern. Ich habe es mir damals schon von meiner Mutter abgeschaut, ganz gewissenhaft auf Süßigkeiten zu verzichten. Dabei bin ich gar nicht so streng religiös aufgewachsen. Einmal habe ich an einem Fastensonntag beim Bäcker einen Lutscher geschenkt bekommen. Den habe ich den ganzen Rückweg über vor mir hergetragen. Und nur zwischendurch einmal mit der Zunge probiert, wie er schmeckt.

Was ich als Kind konnte, ist mir später viel schwerer gefallen, und ich habe es gelassen. Bis ich dann viele Jahre später begonnen habe, mich intensiv mit meinem Glauben und religiösen Praktiken zu beschäftigen. Und zwar erstmal 150%ig. In der Fastenzeit hieß das für mich: kein Fleisch, keine Süßigkeiten, keinen Alkohol. Dann habe ich zusätzlich damit begonnen, mittwochs einen Obsttag einzulegen und freitags überhaupt nichts zu essen. Ich war ganz stolz, dass ich das durchhalten konnte. Es wurde wie ein Sport für mich. Ein positiver Nebeneffekt: Ich habe nach so einem Fastentag auch Kleinigkeiten, wie etwa eine trockene Scheibe Brot, ganz anders und neu genießen können. Bissen für Bissen.

Doch am Ende dieser Zeit habe ich gespürt: Ich habe mir selbst geschadet mit diesem strengen Programm. Und war am Osterfest, auf das diese Zeit doch eigentlich vorbereiten soll, ziemlich geschwächt.

Und so habe ich angefangen, tiefer nachzudenken: Wozu fasten Menschen eigentlich? Mir war schnell klar: Zwei Dinge wollte ich nicht mehr. Es sollte kein Hochleistungsprogramm sein, das mir schadet. Und ich wollte es auch nicht aus blindem Gehorsam gegenüber kirchlichen Regeln tun, die ich noch nicht verstanden hatte. Ich war auf der Suche nach Inhalt, nach einem tieferen Sinn

Beim Nachdenken darüber, welchen Sinn Fasten und Verzichten haben, ist mir die Begegnung mit einer Freundin eingefallen. Eva stand lange Zeit vor der Entscheidung, ob sie sich einer Ordensgemeinschaft anschließen oder doch lieber in Partnerschaft leben sollte. Wir haben viel darüber gesprochen, sie hat hin- und herüberlegt. Und auf einmal sagte sie: „Egal, wofür ich mich entscheide: Es ist immer auch eine Entscheidung gegen das andere!“

Mir ist klar geworden: Im Grunde steht hinter jeder Entscheidung, die ich in meinem Leben treffe, ein Verzicht. Im Kleinen wie im Großen. Soll ich heute zu der Party gehen oder mir mal einen ruhigen und entspannten Abend gönnen? Soll ich mich für eine Ausbildung zur Bankkauffrau entscheiden oder doch lieber in einer Apotheke lernen? Entscheide ich mich für eine Sache, muss ich auf anderes verzichten. Und so ist es im Grunde etwas ganz Alltägliches zu fasten.

Nur: Wie kann ich herausfinden, was ich tun soll und worauf besser verzichten? Wie kann ich gute Entscheidungen treffen? Der heilige Ignatius von Loyola war ein Entscheidungs-Experte. Er geht davon aus: Als Gott mich geschaffen hat, hat er meine Sehnsüchte und Begabungen tief in mich hineingelegt. Und da, in meiner Tiefe, kann ich sie mit seiner Hilfe finden und erkennen. Wenn Ignatius vor einer Entscheidung stand, hat er sich alle Alternativen jeweils eine Zeitlang vorgestellt. Mit allen Konsequenzen. Und dabei in sich hineingehört: Was bewegt sich in mir, wenn ich mir vorstelle, dass ich diese oder jene Entscheidung getroffen hätte?

Eva hat es ähnlich gemacht. Sie hat nicht nur nachgedacht, sondern sich beide Alternativen gründlich vorgestellt und nachgespürt, was das in ihr auslöst. Die Vorstellung, auf Dauer in der Gemeinschaft zu leben, hat sie unruhig gemacht. Weil sie immer gespürt hat, da ist etwas anderes, das sie eigentlich leben will. Bei der anderen Vorstellung hat sie einen tiefen Frieden in sich gespürt. Und so konnte sie sich gegen das eine und für das andere entscheiden.

Für die Fastenzeit nehme ich mir mit: Viel wichtiger als das Verzichten selbst ist das, wofür mich dieses Verzichten frei macht. Manchmal verselbständigen sich Dinge in meinem Leben so sehr, dass ich gar nicht mehr merke, dass ich mich auch anders entscheiden könnte. Dann bin ich nicht mehr frei. Und so habe ich angefangen, mir jedes Jahr zu Beginn der Fastenzeit Ruhe zum Nachspüren zu gönnen und mich ehrlich zu fragen: Was hält mich in meinem Alltag eigentlich gefangen? Was nimmt viel zu viel Zeit und Energie in Anspruch, die ich lieber für etwas anderes nutzen würde? Ich merke z. B., wie mich der ständige Blick auf mein Handy manchmal regelrecht aufsaugt. Die Zeit, die dabei draufgeht, möchte ich in dieser Fastenzeit lieber dafür nutzen, Freunde real zu treffen. Oder in die Natur hinauszugehen.

Wenn ich so für ein paar Wochen frei werde von Dingen, die mich von anderem abhalten, dann merke ich: Ich kann aufatmen. Ich spüre, dass ich darin meinen Sehnsüchten näherkomme, dass ich mehr Frieden in mir finde. Und damit auch Gott näherkomme und dem, was er in mich hineingelegt hat. Und mir ist klar geworden: Die besten Vorsätze für die Fastenzeit sind die, die ich auch nach Ostern noch beibehalten möchte.

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15FEB2026
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Morgen ist ja wieder Rosenmontag. Mir als evangelischem Gewächs von der schwäbischen Alb liegt Fasching oder Fasenacht ja nicht so im Blut.  Aber immerhin – als junge Frau bin ich einmal bei einem Rosenmontagszug live dabei gewesen. In Mainz, als ich dort studiert habe. Ich bin damals also extra hin, und bin mir vorgekommen, als wäre ich auf einem fremden Planeten gelandet: überall schrille Kostüme, bemalte Gesichter, Perücken. Es war ein unglaublich buntes, aber auch lautes Gedränge, die ganze Umzugsstrecke entlang. Und vom Umzug selbst, von den Musikgruppen und den Motivwagen habe ich kaum was gesehen. Aber egal. Es war toll, dabei zu sein. Und trotzdem habe ich mich eher an den Rand des Geschehens zurückgezogen. Und bin hier, am Rand, auf noch mehr Menschen gestoßen, die nicht so recht dazu gehört haben, zu dem bunten Treiben – genau wie ich.

Ich habe da eine Frau gesehen, ohne Kostüm ganz alltäglich angezogen, die - am Umzug vorbei – wahrscheinlich nur zum Einkaufen wollte. Ein paar Gestalten haben friedlich an einer Hauswand gehockt – wahrscheinlich, weil sie schon etwas zu viel Alkohol intus hatten. Und an der nächsten Straßenkreuzung habe ich Sanitäter mit ihrem Einsatzwagen vom Roten Kreuz gesehen – bereit um zu helfen, falls sich jemand verletzt…

Jedes Jahr am Rosenmontag muss ich daran denken, an den großen Trubel mitten in der Stadt, auf den sich alle schon lange gefreut hatten, und an mich und die anderen Randfiguren, auf die weiter niemand geachtet hat.

Rosenmontag morgen, dann Faschingsdienstag und am Aschermittwoch ist dann alles vorbei. Und die Passionszeit, die Fastenzeit beginnt: die Zeit im Kirchenjahr, in der wir Christen über die letzten Wochen im Leben von Jesus Christus nachdenken. Für uns eine eher stille und gedämpfte Zeit, und ich finde den harten Wechsel sehr passend: vom bunten Treiben zur stillen Nachdenklichkeit. Weil es im Leben von Jesus genauso gewesen ist. Die Bibel erzählt davon: wie er von seinen Landsleuten eben noch gefeiert wurde als lang ersehnter Retter und Gesandter Gottes – und wie er im nächsten Moment angefeindet worden ist, unter einem Vorwand gefangen genommen wurde, verurteilt wurde und sogar hingerichtet worden ist. Wie es so weit kommen konnte, das ist es schon wert, dass man darüber nachdenkt.

In vielen evangelischen Gottesdiensten heute geht es deshalb um folgende Biblische Geschichte. Jesus ist unterwegs nach Jerusalem, dem damalige Zentrum der Macht. Er weiß genau, dass er sich dort seinen Feinden stellen muss. Und dass seine Anhänger das von ihm erwarten. Der Erwartungsdruck ist also groß, und mehr und mehr Menschen begleiten ihn und seine 12 Jünger. Ein richtiger Umzug entsteht, in Richtung Jerusalem.

Bei Jericho kommen sie an einem Mann vorbei, der abseits und eher am Rande bleibt. Er ist blind, eine Randfigur, auf die niemand weiter achtet. Aber der Blinde erfährt, dass es Jesus ist, der gerade vorbei kommt, und er fängt an zu rufen und zu schreien: Jesus, du Sohn Davids, erbarme Dich meiner! Und wird prompt angefahren, dass er den Mund halten solle. Schließlich ist er nur eine Randfigur. Der Zug um Jesus herum ist jetzt einfach wichtiger.

Ich finde, die Erzählung passt heute genau: kurz vor den Umzügen am Rosenmontag und kurz darauf dem Aschermittwoch. Weil in ihr irgendwie beides steckt: Jubel und buntes Treiben rund um Jesus auf seinem Weg – und gleichzeitig seine Reaktion darauf. Denn Jesus hört den Blinden Mann am Rande. Und unterbricht seinen umjubelten Weg. Er geht hin zu dem Menschen am Wegesrand. Zu dem, der mit dem ganzen Trubel gar nichts zu tun hat – und sich nichts von der Ankunft Jesu in Jerusalem erwartet. Und nicht gespannt ist auf das, was dort passieren wird.

Stattdessen fragt ihn Jesus: „Was erwartest Du von mir?“ „Dass Du mich gesund machst und ich wieder sehen kann.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Sieh wieder! Dein Glaube hat dich gerettet.“

Im Leben von Jesus hat es beides gegeben: Den Jubel und unmittelbar danach den harten Bruch: Anfeindungen, Verleumdung und so großer Hass, dass er in Jerusalem sogar am Kreuz hingerichtet worden ist. Warum? Weil Jesus seine Mitmenschen erreichen wollte – die, die ihm gefolgt sind auf seinem Weg genauso wie die am Rande. Weil er beides nur auf sich genommen hat, um den Menschen Gott nahe zu bringen. Und ihn ihnen den Glauben zu wecken, dass Gott gnädig ist und auch die sieht und hört, die am Rande sind – abseits des buten Trubels.

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08FEB2026
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Endlich werden die Tage so ganz langsam wieder länger. Während sie jetzt die Sonntagsgedanken hören, geht überall in Deutschland die Sonne auf. In der dunklen Jahreszeit habe ich früher den Kindern in der Grundschule eine Geschichte aus den Philippinen erzählt. Ich hatte dann immer eine Kiste mit Stroh und eine Kerze dabei. So gut kann ich mich daran erinnern. Die Kinder noch etwas müde in der ersten Stunde und doch ganz präsent im Stuhlkreis. Draußen war es noch dunkel. Und drinnen im Klassensaal auch nur wenig Licht.

Die Geschichte war schnell erzählt:

Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, wollte er einen der beiden zu seinem Nachfolger einsetzen. Er gab jedem der beiden Söhne fünf Silberstücke und sagte: "Geht und füllt die Halle unseres Schlosses. Was ihr für das Geld besorgt, um damit die Schlosshalle zu füllen, das ist eure Sache!" Da ging der älteste Sohn hin und brachte trockenes Stroh in die Halle und füllte sie damit bis oben hin.

An der Stelle habe ich immer die Kiste mit dem Stroh geöffnet, sie den Kindern gezeigt und dann die Geschichte weiter erzählt.

Bald darauf kam auch der Jüngere. Er ließ all das Stroh aus der Halle entfernen, stellte mitten in die große Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte den Raum bis in den letzten Winkel. Da sagte der König zu ihm: "Du sollst mein Nachfolger sein. Denn du hast die Halle nicht mit nutzlosem Stroh gefüllt, sondern mit dem, was die Menschen brauchen, dem lebendigen Licht!“

Jetzt habe ich die Kerze entzündet und sie in die Mitte vom morgendlichen Stuhlkreis gestellt. Unvergessen bleiben mir die Gesichter der Kinder. Vom Glanz der Kerze erhellt. Meistens war es dann einen Moment lang still und wir schauten uns nur an.

Ihr seid das Licht der Welt , sagte Jesus vor 2000 Jahren zu den  Menschen, die ihm nachfolgten. Und "Kinder des Lichts" nannten die Christen und Christinnen sich selbst voller Überzeugung in den ersten Jahrhunderten. Licht in die Welt bringen. Bin ich  wirklich so eine Lichtgestalt, von der Jesus spricht? Mit was fülle ich meine Lebensräume. Mit nutzlosem Zeug wie dem Stroh in der Geschichte aus den Philippinen?  Oder mit Licht, das den Menschen an meiner Seite gut tut?

 

Mit was also fülle ich meine Lebensräume? Ein Text aus der Bibel, der im katholischen Sonntagsgottesdienst vorgelesen wird, erinnert heute daran:

„Ihr seid das Licht der Welt. Es ist unmöglich, dass eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, verborgen bleibt. Man läßt auch nicht eine Lampe brennen und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter, so wird sie allen im Haus leuchten. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ 

Vor Tagen besuchte ich eine hochbetagte Frau im Krankenhaus. Es war ein heller Tag. Das Sonnenlicht flutete buchstäblich ihr Krankenbett. Mehr noch. Ihr Gesicht leuchtete im Glanz der Sonne. Hochbetagt, mit vielen Falten. Sie erzählte voller Dankbarkeit aus ihrem Leben. Von ihrer großen Liebe. Ihren Kindern. Enkeln und Urenkeln. Ihr Leben war nicht immer schön. Es war viel Schweres dabei. Der Krieg. Die Flucht. Das Kind, dem sie ins Grab nachschauen musste. Doch eines war immer, sagte sie mir mit feuchten Augen: Das Gefühl getragen zu sein. Von guten Menschen und mehr noch vom treuen Gott. Ich schwieg nur. So wie damals die Kinder meiner Grundschulklasse im Morgenkreis.

Ich gebe zu, in mir ist es oft auch finster. So viel gibt es da, was mein Leben schwer macht. All die Enttäuschungen. Schicksalsschläge. Angst und Sorgen, wenn ich an meine und die Zukunft meiner Kinder denke. „In meine  Finsternis, meine dunkle kleine Welt, gibt Gott einen Hoffnungsschimmer“. So sagen es Menschen, die sich Gott anvertrauen. Die Geschichte aus den Philippinen vom König und seinen zwei Söhnen erinnert mich daran, welche Kraft der Schein einer Kerze haben kann.

Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer verfasste zu Weihnachten 1943 im Angesicht seines gewaltsamen Todes ein Gebet für seine Mitgefangenen. Sein Gebet ruft zu einem Blickwechsel auf, weg von den schlechten Gedanken und hin zu dem, was gut tut. Licht zu sehen und Licht zu bringen. Sich in Krisenzeiten daran zu erinnern, was man alles an Gutem im Leben schon erfahren hat. Was mir früher schon einmal geholfen hat, und wie reich mein Leben oft ist. Sein Gebet gibt mir Kraft:

Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen, hilf mir beten und meine Gedanken zu sammeln.
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe.
Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld.
Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.

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01FEB2026
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„Wer wohl in fünf Wochen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg gewinnen wird? Und neuer Ministerpräsident wird?“ Mit der Frage lässt sich gerade ganz wunderbar ein Gespräch anfangen, habe ich festgestellt. Zum Beispiel, wenn mir irgendwo eine Bekannte begegnet oder sogar, wenn ich beim Spaziergang mit meinem Hund auf andere Hundebesitzer treffe. Das Thema ist allgegenwärtig: Die Wahlplakate am Straßenrand werden gerade immer mehr. Sie werden auch immer größer und präsentieren die Kandidaten fürs Ministerpräsidentenamt – den nächsten „starken Mann“ fürs Länd’le. In Rheinland-Pfalz sieht es wahrscheinlich ganz ähnlich aus, weil hier zwei Wochen später ja auch Landtagswahl ist.

Bisher bin ich mit meiner Frage allerdings eher auf resigniertes Achselzucken gestoßen – wenn’s gut läuft. Wenn‘s weniger gut läuft, dann fängt mein Gegenüber zu schimpfen an: Über „die da oben“ und dass von denen doch eh keiner was zu Wege bringt: die Grünen, die CDU, die SPD… Alles das gleiche. AfD -  auch nur nervig... usw. „Aha“ denke ich mir dann, „offensichtlich kein starker Mann in Sicht.“ In dieser Ratlosigkeit spüre ich aber auch, dass sich viele Leute nach so jemandem sehen: nach jemandem, der einem wenigstens das Gefühl vermittelt, er hätte neue, frische und klare Ideen - und könnte sie auch alle durchsetzen.

Das ist ja nicht nur in der Politik so. Und auch ich würde gerne mal jemandem einfach hinterherlaufen – auch bei ganz banalen und nebensächlichen Dingen. Zum Beispiel wenn mir jemand verspricht: „Mach genau diese Diät, und Du wirst mühelos wieder in deine Lieblingshose passen – ohne zu Hungern natürlich….“ Oder in Blick auf meine Arbeit als Pfarrerin und die Zukunft meiner Kirche: Da wäre es schon toll, wenneiner garantieren könnte: „Genau so muss man einen Gottesdienst machen, und schon sind sonntags die Kirchenbänke wieder voll.“  Das wäre schön – ist aber nun mal völlig unrealistisch! Für nichts auf der Welt gibt es das EINE Rezept oder den EINEN starken Mann, der alles im Griff hat und den einen richtigen Weg kennt. Bei meinen Alltagsproblemen nicht, und wenn es um Macht und Politik geht, schon gar nicht. Da kann die Sehnsucht nach einem starken Herrscher an der Spitze sogar richtig gefährlich werden.

Wenn ich nur an Putin in Russland denke oder an Donald Trump, wie er sich in den USA aufführt und im Rest der Welt gleich mit... Solche Anführer sind brandgefährlich. Und um ihnen etwas entgegenzusetzen, braucht es viel Kraft. Kraft, die auch aus dem christlichen Glauben kommen kann.

Es ist eben noch nie etwas Gutes dabei herausgekommen, wenn Menschen bereit sind, irgendeinem Anführer bedingungslos hinterher zu laufen. Auch nicht in biblischen Zeiten zur Zeit des römischen Reiches. Damals hat der römische Kaiser sich für den einen „starken Mann“ gehalten, hat sich verehren lassen wie ein Gott und hat sich zum Maß aller Dinge erklärt. Aber damit ist er in den ersten Christlichen Gemeinden auf Widerstand gestoßen. Überall im Reich sind die damals entstanden. Und für ihre Mitglieder war klar: Das Maß aller Dinge ist allein Jesus Christus. Und dass sich selbst der Kaiser an Christus messen lassen muss – weil er ein Mensch ist, wie jeder andere auch.

Das ist der Maßstab, der für uns Christen bis heute gilt. Und wenn wir den an die Herrscher unserer Tage anlegen, dann bringt das Klarheit, denke ich: ob sie am Boden geblieben sind, Mensch geblieben sind – oder ob sie sich einfach „gottgleich“ durchsetzen wollen.

In vielen evangelischen Gottesdiensten ist heute ein Text aus dem Buch der Offenbarung, der Apokalypse zu hören, der damals bei den Christen in Umlauf gewesen sein muss. In diesem biblischen Buch schildert der Verfasser Johannes eine Vision von Jesus Christus. Er sieht ihn auf seinem himmlischen Thron sitzen. Und Jesus sagt dort von sich : „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Den ersten Christen hat das Kraft gegeben. Für sie war klar: Der Kaiser ist auch nur ein Mensch. Wie jeder Herrscher und wie jede Regierung – damals und heute. Und steht wie alle anderen auch vor dem Thron von Jesus Christus. Dem einzigen und wahren Maß aller Dinge.

Ein Gedanke, der auch für die Landtagswahlen bei uns gut passt, finde ich: Weil er hilft zu verstehen, warum Demokratie keine „Heilsbringer“ kennt. Stattdessen tragen in einer Demokratie alle die Verantwortung auf der Suche nach einem „starken Mann“ oder einer „starken Frau“. Stark darf eine Regierung ja ruhig sein. Bloß bitte nicht allmächtig.

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