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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Manchmal reicht ein Klick – und wir glauben, wir wüssten Bescheid. Über Länder, über Konflikte, über Menschen. Ich dachte das auch über Israel. Seit dem 7. Oktober 2023 hat mich der Nahostkonflikt stark beschäftigt – vor allem in den sozialen Medien. Irgendwie habe ich mir dort aus der Ferne mein Bild gebastelt.
Und dann war ich dort: sieben Tage in Israel. Um biblische Orte zu besuchen – aber auch die Schauplätze des schrecklichen Angriffs vom 7. Oktober.
In Israel wurde mir sehr schnell klar: Es gibt ein Israel vor dem 7. Oktober – und eins danach. Wie tief dieser Angriff die Seele des Landes getroffen hat, hatte ich aus der Distanz niemals erfassen können. Im Gespräch mit Menschen habe ich das unmittelbar gespürt. Diese Menschen haben mir neue Perspektiven eröffnet und manches zurechtgerückt. Ich habe ein paar Antworten gefunden – und viele neue Fragen wieder mit nach Hause genommen.
Eine Begegnung hat sich mir besonders tief eingeprägt. Ganz im Norden von Israel habe ich die Eltern eines Mädchens namens Alma getroffen. Alma ist bei einem Raketenangriff auf einem Spielplatz ums Leben gekommen. Eine unfassbar schreckliche Katastrophe für Almas Familie.
Aber bei Almas Eltern war kein Hass zu spüren. Mich hat zutiefst beeindruckt, mit welcher Würde und mit welchem Respekt vor dem Leben ihre Eltern gesprochen haben. Da war ein Wille zu spüren, dem Hass nicht das letzte Wort zu lassen. Nicht im Schmerz hart zu werden, sondern weiter die Verbindung mit Menschen zu suchen. Über Grenzen hinweg.
Meine Sicht auf Israel hat sich durch diese Reise grundlegend verändert. Vollständig ist sie längst nicht. Ich lebe nicht in der Region. Und ich müsste mindestens auch mit Menschen im Westjordanland, im Gazastreifen, im Libanon oder in Syrien sprechen. Deshalb bewundere ich Israelis und Palästinenser, die trotz aller Gegensätze den Dialog nicht aufgeben und weiter an ein friedliches Miteinander glauben.
Mittlerweile habe ich mich aus den sozialen Medien zurückgezogen. In Israel habe ich gelernt: Das Leben ist so viel komplexer als schnelle Klicks.
Der jüdische Philosoph Martin Buber hat gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Begegnung mit vielen Fragen. Dem Willen, einander zuzuhören. Und vielleicht sogar mit dem Mut, innerlich in die Schuhe des Anderen zu schlüpfen.
So wie ich das bei Almas Eltern erlebt habe. Es scheint mir der einzige Weg, Brücken zu bauen. Und vielleicht – ganz leise – ein kleines Stück Frieden zu schaffen.
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Ich liebe diese Momente in Gesprächen, in denen es ehrlich wird. Momente, in denen jemand sagt, was wirklich da ist.
Mit Jens passiert genau das. Er lebt seit vielen Jahren mit einer psychischen Erkrankung. Wer ihn nur oberflächlich kennt, merkt davon vielleicht nichts. Aber im Gespräch zeigt er eine Ehrlichkeit, die mich jedes Mal berührt – und herausfordert.
Neulich sagt er zu mir: „Ich muss wissen, ob Gott einen Plan für mein Leben hat. Denn wenn er einen hat, dann ist dieser Plan ziemlich beschissen.“
Das ist ehrlich. Kein frommes Gerede. Keine Rücksicht auf religiöse Erwartungen. Ich höre seine Enttäuschung, seine Wut, seine Verzweiflung. Und während ich mit ihm leide, bewundere ich ihn für diese radikale Ehrlichkeit. Er tut nicht so, als wäre alles irgendwie schon gut. Er sagt: So fühlt es sich an.
Diese Ehrlichkeit finde ich auch in alten biblischen Texten, zum Beispiel beim Apostel Paulus. Er ist kein unerschütterlicher Glaubensheld, sondern ein Mensch, der ringt. Da gibt es etwas in seinem Leben, das ihm große Not macht. Drei Mal bittet er Gott, dass diese Not verschwindet. Ehrlich, beharrlich und ohne Beschönigung. Aber das erhoffte Wunder bleibt aus. Stattdessen bekommt Paulus eine Antwort, die irritiert:
„Meine Kraft ist in der Schwäche mächtig.“
Das klingt zunächst widersprüchlich. Gerade da, wo etwas nicht funktioniert? Wo wir scheitern, wo wir uns ohnmächtig fühlen? Genau dort soll Kraft liegen? Das widerspricht dem, was ich gelernt habe. Ich soll stark sein. Deshalb will ich Schwäche loswerden. Oder zumindest gut verstecken.
Oh, wie gerne würde ich hier öfter ein Wunder erleben. Beten - und die Schwäche ist weg. Jens und ich wissen beide, so einfach ist es nicht. Aber vielleicht gibt es hier auch ein anderes Wunder zu entdecken: die Ehrlichkeit, die eigene Schwäche nicht länger zu verdrängen. Schwäche anzunehmen – und darin Kraft zu finden.
Ein wenig spüre ich diese Kraft im Gespräch mit Jens. Seine Ehrlichkeit macht es mir leichter, selbst ehrlich zu sein. Sie befreit mich von meinem Versteckspiel. Und zugleich tut es Jens gut, mit seinen Fragen und Zweifeln nicht allein zu bleiben.
Zwei Menschen, die ehrlich reden, einander zuhören und Lasten teilen – das fühlt sich für mich an wie ein tragfähiger Plan. Und ich habe das Gefühl, dass auch Jens schon ein bisschen weniger sauer auf Gott ist.
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Manchmal beginnt alles mit einem gestoßenen Zeh. War das jetzt Karma? Dieses alte, ziemlich eingängige Prinzip: Auf Gutes folgt Gutes, auf Schlechtes folgt Schlechtes. Eine Welt, die sich selbst ausgleicht. Früher hieß das bei mir zuhause:
„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.“
Heute bin ich älter und nicht mehr ganz so überzeugt. Denn das Leben hält sich erstaunlich selten an einfache Rechnungen. Menschen, die sich anständig verhalten, werden krank. Andere gehen rücksichtslos durchs Leben – und kommen scheinbar ungeschoren davon. Wenn es Karma gibt, dann arbeitet es ziemlich unzuverlässig.
Interessant finde ich: Diese Sehnsucht nach klaren Regeln ist alt. Schon vor zweitausend Jahren haben Menschen Jesus gefragt: Was müssen wir tun, damit Gott zufrieden ist? Was ist der richtige Weg? Welche Leistung zählt?
Die Frage dahinter ist vertraut: Sag mir, was ich tun soll – dann weiß ich, woran ich bin. Dann habe ich wenigstens ein bisschen Kontrolle. Die Antwort von Jesus ist überraschend unspektakulär. Kein Regelwerk, kein Maßnahmenkatalog. Stattdessen sagt er sinngemäß: Vertraut Gott. Glaubt an den, den er gesandt hat. An Jesus also.
Vertrauen statt Berechnung. Beziehung statt Punktesystem. Ein Gott, der sich nicht durch gutes Verhalten lenken lässt, sondern sich auf Beziehung einlässt. Das ist sperrig. Und ehrlich gesagt klingt das auch ein bisschen riskant. Aber genau darin liegt für mich die Stärke dieses Gedankens. Denn Vertrauen trägt nicht nur an den Tagen, an denen alles gut läuft. Sondern gerade dann, wenn nichts mehr aufgeht.
Wie nach meiner Schulter-Operation. Ich liege allein auf meinem Krankenlager. Die Gedanken kreisen mal wieder darum, warum es gerade mich getroffen hat. Plötzlich klingelt es an der Haustür. Über einen großen Obstkorb hinweg grinst mich ein Mann aus meiner Kirchengemeinde an. Kein großer Akt. Aber er kommt genau zur richtigen Zeit. Und irgendwie fühle ich mich in diesem Moment auch ein bisschen von Gott angelächelt.
Vielleicht geht es also weniger darum, ob Karma stimmt. Sondern um die Frage, ob wir es wagen zu vertrauen. Vertrauen darauf, dass wir nicht alles selbst ausbalancieren müssen. Dass wir getragen werden – nicht nach Leistung, sondern in Beziehung.
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Auf manches Comeback könnte ich gut verzichten. Mir scheint es, dass seit einigen Jahren das Gesetz des Stärkeren so ein Comeback feiert. Manche nehmen sich, was sie wollen. Oder was ihnen nützt. Ohne Rücksprache, ohne Aushandlung – einfach, weil sie es können. Das verunsichert mich. Die Welt wirkt rauer, unberechenbarer und weniger verlässlich als noch vor einiger Zeit.
„Warum sind die Völker in Aufruhr geraten? Wozu schmieden die Nationen sinnlose Pläne? Die Könige der Welt erheben sich.“
So beginnt Psalm 2. Kein sanfter Text, kein beruhigendes Wort für zwischendurch. Eher ein Innehalten mit offenem Blick. Ein Text, der nicht beschönigt, sondern der benennt, was ist.
Schon die ersten Zeilen klingen erstaunlich gegenwärtig: Der Psalm spricht von Herrschenden, die sich zusammenschließen. Sie wollen jede Bindung loswerden. „Lasst uns ihre Fesseln zerreißen“, sagen sie. Gemeint ist eine Freiheit ohne Verantwortung. Ohne Rechenschaft. Ohne Maß.
Dann wechselt die Perspektive. Gott greift nicht sofort ein. Er droht nicht. Er lacht. Dieses Bild irritiert mich. Da sind diese machtgierigen Verantwortungsträger und Gott… lacht. Allerdings tut Gott das nicht aus Häme. Er hat eine größere Sicht. Weil menschliche Macht begrenzt ist. Weil sie sich oft überschätzt. Weil sie vergänglich bleibt – auch dann, wenn sie sich absolut setzt. Psalm 2 ist kein Text der Gewalt. Er ist eine Entlarvung.
Macht, die nur sich selbst dient, verliert den Blick für den Menschen. Für das Gemeinwohl. Für die Verantwortung gegenüber denen, die ihr anvertraut sind.
Mich begleitet dieser Psalm am Morgen. Nicht, weil er schnelle Antworten gibt. Sondern weil er daran erinnert: Die Welt hängt nicht allein an denen, die laut auftreten oder Stärke demonstrieren. Nicht an Drohungen, nicht an Inszenierungen, nicht an der Schlagzeile des Tages.
„Dient dem Herrn mit Furcht“, heißt es später. Das klingt ungewohnt. Vielleicht meint es aber etwas sehr Aktuelles: Macht braucht Haltung. Verantwortung braucht Demut. Entscheidungen brauchen das Bewusstsein für Grenzen – und für die Menschen, die davon betroffen sind.
Psalm 2 lädt ein, den Tag nicht mit Angst zu beginnen, sondern mit einem anderen Blick. Die letzte Wirklichkeit ist nicht das Chaos und nicht der Lärm. Sondern die Hoffnung, dass verantwortliches Handeln möglich ist. Mit Maß. Mit Zuversicht. Und für die Menschen.
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Die spirituelle Beraterin von Donald Trump, Paula White hat einen steilen Satz über den amtierenden amerikanischen Präsidenten gesagt: „Wer Nein zu Präsident Trump sagt, sagt damit Nein zu Gott.“ Sie behauptet also: Wer Donald Trump widerspricht, widerspricht Gott höchstpersönlich. Jede Diskussion darüber, dass beispielsweise Sozialhilfe gestrichen wird, soll damit im Keim erstickt werden.
Leider kommt das in der Geschichte immer wieder vor. Regierungen missbrauchen Gott und die Bibel, um Unrecht zu rechtfertigen. Und manche Christinnen und Christen machen mit. Das funktioniert allerdings nur, wenn man einzelne Bibelverse aus dem Zusammenhang reißt. Denn mehr als 2000 Bibelverse beschäftigen sich damit, dass Gott sich besonders um schutzbedürftige Menschen sorgt.
Das haben vor 500 Jahren auch die Bauern in Deutschland entdeckt. Sie wurden massiv unterdrückt und ausgebeutet. Die Fürsten haben das als gottgewollten Zustand dargestellt.
Doch dann übersetzt Martin Luther die Bibel ins Deutsche. Johannes Gutenberg erfindet den Buchdruck. Und plötzlich kann jeder selbst in die Bibel schauen. Und die Bauern lesen dort zu ihrem Erstaunen, dass Gott ganz und gar nicht mit sozialer Ungerechtigkeit einverstanden ist.
Einige Bauern halten ihre Beschwerden und Forderungen in einer Programmschrift fest. 12 Artikel, die als eine der ersten Menschenrechtserklärungen überhaupt gelten. Es geht um die Abschaffung der Leibeigenschaft, mehr Teilhabe, Erleichterung der Arbeit, mehr Recht und Gerechtigkeit. Die Schrift verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Widerstand formiert sich und gipfelt in einer entscheidenden Schlacht bei Böblingen.
Auch wenn diese Schlacht vor 500 Jahren für die Bauern verloren ging, markiert sie einen mutigen Anfang. Der Bauernkrieg gilt bis heute als eine der größten Volksbewegungen in der deutschen Geschichte. Auch wenn es noch lange dauern sollte, der Bauernkrieg ist eine wichtige Station auf dem langen Weg unseres Landes hin zur Demokratie.
Der Gott der Bibel ist kein Steigbügelhalter für Mächtige und Reiche, die es sich auf Kosten anderer gut gehen lassen wollen. Der Gott der Bibel ist eher ein Robin Hood. Ein Beschützer der Witwen und Waisen. Die Bauern haben das damals erkannt, als sie die Bibel selber in die Hand genommen haben.
Und deshalb kann auch Kirche nie unpolitisch sein. Sie steht mit diesem Gott an der Seite der Schutzbedürftigen. Verleiht denen eine Stimme, die zu wenig oder gar nicht gehört werden. Und erinnert die Regierenden an ihre Verantwortung gerade für diese Menschen. Wenn es Gott auf die Palme bringt, kann auch Kirche nicht dazu schweigen.
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Im Urlaub habe ich mit meiner Familie einen Tag in Amsterdam verbracht. Beim Schlendern durch die Gassen traue ich meinen Augen nicht: Ist das gerade wirklich passiert?
Ein Mann fährt mit dem Fahrrad über eine mit Menschen gefüllte Brücke. Er nutzt das Gedränge, um mehrere Frauen zu begrapschen. Ich schaue zu meiner Frau und meiner Tochter. Sie sind fassungslos.
Unangenehme Blicke, anzügliche Worte und körperliche Übergriffe - das alles ist leider für Frauen viel alltäglicher, als ich es mir lange vorstellen konnte. Ich höre ständig davon. Und auch Statistiken zum Thema Gewalt gegen Frauen belegen die Erfahrungen eindeutig. Ein Armutszeugnis für die Männerwelt.
Und eines mit langer Geschichte. Gerade deshalb fällt so sehr auf, dass Jesus schon vor 2000 Jahren ganz anders mit Frauen umgegangen ist. Damals haben Männer noch nicht mal in der Öffentlichkeit mit Frauen geredet. Jesus hatte damit kein Problem. Frauen galten als Besitz und Objekt. Jesus ist ihnen auf Augenhöhe begegnet. Männer haben die Gesellschaft dominiert. Aber Jesus ging bemerkenswert offen und unbeschwert mit Frauen um.
Einmal ist Jesus bei seinen Freundinnen Marta und Maria zu Gast. Wie damals üblich kümmern sich die Frauen um die Bewirtung der Männer. Beide Frauen? Nein. Maria macht nicht mit und setzt sich zu den Füßen von Jesus. Das klingt ein bisschen nach Unterwerfung. In Wirklichkeit ist das ein echter Emanzipationsschritt.
Zu Füßen eines Lehrers durften nach den Regeln der Zeit nur Männer sitzen. Maria erobert den Platz eines Mannes – und Jesus ist damit ausdrücklich einverstanden.
Für die Ohren vieler antiker Hörer dürfte die Erzählung damit ziemlich anstößig gewesen sein: Der Rabbi und die Schülerin zu seinen Füßen – ein Skandal, eine durchaus anrüchige Situation, eine offene Infragestellung der gesellschaftlichen Ordnung! Maria verlässt die damalige Frauenrolle. Und Jesus weist sie nicht zurück, sondern begrüßt Marias Entscheidung ausdrücklich.
Jesus, ein echter Gentleman, von dem wir als Männer viel lernen können. Und wie wäre das denn, wenn wir als Männer diese Geschichte zum Anlass nähmen, etwas mehr über uns selbst nachzudenken: Was habe ich für Gedanken über Frauen? Und wo kommen die eigentlich her? Wie begegne ich Frauen? Auf Augenhöhe oder eher von oben herab?
Vielleicht führen solche Fragen dann sogar dazu, dass in einer Männerrunde mal jemand Stopp sagt, wenn abwertend über Frauen gesprochen wird. Oder dass so ein Mann auf der Brücke in Amsterdam angehalten und zur Rede gestellt wird. Ich finde, das hätte dann wirklich was Männliches.
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Nur noch selten rollt sie langsam heran. Meistens hat sie sich schon meterhoch aufgetürmt, bevor sie mich erreicht hat. Einen kurzen Moment später bricht sie und entlädt sich mit lautem Toben und Tosen: Die Welle der Empörung.
Manchmal kommt die Welle von links, manchmal von rechts. Für jeden Empörungswellen-Surfer sind es traumhafte Bedingungen. Denn die Wellen rollen in einer Konstanz und Beständigkeit heran. Wir müssen nie lange warten, um unsere tägliche Portion Empörung mitzunehmen.
Durch Social Media wird das Ganze nochmal beschleunigt. Und schon merke ich, wie die Welle mich mitreißt. Ich schimpfe auf die andere Meinung. Oder gleich auf den anderen. Wie kann er es wagen, so etwas zu äußern!? Das geht einfach gar nicht. Irgendwie gibt mir dieser Ritt auf der Welle einen gewissen Kick.
Aber halt. Nochmal kurz zurück. Am Anfang stand eine Meinung, die ich nicht teile. Das ist ja erstmal nichts Ungewöhnliches. Aber im Handumdrehen spreche ich nicht mehr über eine andere Meinung, sondern über den Anderen.
Dieser Dynamik war sich schon ein Autor aus der Bibel bewusst – Jakobus. Er schreibt:
„Jeder Mensch soll schnell bereit sein zuzuhören. Aber er soll sich Zeit lassen, bevor er selbst etwas sagt oder gar in Zorn gerät.“
Die Empörungswellen mögen schneller geworden sein. Ein neues Phänomen sind sie nicht. Schon immer scheinen wir Menschen dazu zu neigen, uns von Empörung anstecken zu lassen.
Jakobus beschreibt einen möglichen Wellenbrecher. Und auch der hat mit Tempo. Schnell bereit sein zuzuhören, sich Zeit lassen, bevor man etwas sagt oder gar wütend wird.
Im Grunde wird die Dynamik hier umgekehrt. Ich nehme mir Zeit zuzuhören. Und danach nehme ich mir nochmal Zeit. Ich stelle Fragen, anstatt vorschnell meine Antwort zu geben. Ich entscheide mich, verstehen zu wollen. Und dann denke ich vielleicht sogar nochmal drüber nach. Und erst dann rede ich. In der Regel klappt das besser Face to Face als im digitalen Raum.
Zuhören heißt nicht, dass ich dem Anderen damit zustimmen würde. Das heißt schon gar nicht, dass ich die andere Meinung legitimiere. Das heißt auch nicht, dass ich mich nicht abgrenzen und menschenverachtende Aussagen klar benennen darf.
Zuhören ist etwas, dass ich meinem Gegenüber gewähre. Damit wir eine Chance haben, beieinander zu bleiben. Indem wir einander zuhören, halten wir zusammen etwas Menschlichkeit fest.
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Ich sitze an einer fürstlich gedeckten Tafel. Die Gastgeber haben sich wirklich ins Zeug gelegt. Der Tisch ist schön dekoriert. Es gibt allerlei süße und herzhafte Leckereien. Ein feiner Wein wartet darauf, verkostet zu werden. Alles ganz zauberhaft.
Das einzige Problem ist: ich will gar nichts essen. Aus gesundheitlichen Gründen tue ich das seit einiger Zeit grundsätzlich nach 18 Uhr nicht mehr. Nun ist es 20 Uhr. Ich hatte angenommen, so spät wird mir kein ausgewachsenes Abendessen mehr serviert. Die Gastgeber haben das offensichtlich anders gesehen. Hätten wir mal miteinander gesprochen.
Ich kenne das auch selber. Da mache ich mir Gedanken darüber, wie ich einer Person etwas Gutes tun kann. Meiner Frau, meinem Freund, der Nachbarin. Und nicht nur einmal ist es schon vorgekommen, dass ich mit meiner Annahme zumindest knapp daneben gelegen habe.
Jesus hat das anders gemacht. Er mutmaßt nicht, was er für Menschen tun kann. Er fragt nach. Zum Beispiel einen blinden Mann, der am Straßenrand sitzt. Dieser Mann bekommt mit, dass Jesus in der Nähe ist. Und er ruft nach Jesus. Nach kurzer Zeit wird Jesus aufmerksam. Der blinde Mann wird zu Jesus gebracht.
Tja, was könnte dieser Mann nur von Jesus wollen? Sehen will er natürlich. Jesus hat schon viele Menschen gesund gemacht. Also, dann mal los, Jesus. Aber Jesus entscheidet nicht für diesen Mann, was der zu wollen hat. Er fragt nach: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Was kann ich für dich tun?
Diese Haltung fasziniert mich. Jesus tut nie etwas gegen den Willen eines Menschen. Selbst das offensichtlich Gute nicht. Jesus zwingt sich niemandem auf. Bei ihm geht es nicht nach dem Motto: Ich weiß schon, was gut für dich ist.
Jesus lebt echte Augenhöhe mit seinem Gegenüber, indem er nachfragt. Mich macht das nachdenklich. Vielleicht sollte auch ich meinen Gedanken über andere Menschen ein gesundes Maß an Misstrauen entgegenbringen. Im Guten wie im Schlechten.
Der Ausschnitt, den ich von meinem Gegenüber kenne, ist eben genau das: nur ein Ausschnitt - gefärbt durch meine Brille. Um mein Gegenüber besser zu verstehen, macht es Sinn, Fragen zu stellen. Nicht einfach Dinge anzunehmen. Neugierig und offen für den anderen zu bleiben. „Was willst du eigentlich? Was brauchst du? Ich hätte da eine Idee, wäre das hilfreich für dich?“
Mehr fragen und weniger übereinander annehmen. Ich glaube, das hätte das Potenzial, uns näher zueinander zu bringen. Und vielleicht sind es ja sogar schon die Fragen, mit denen ich meinem Gegenüber etwas Gutes tue.
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Es regnet in Strömen. Ich will am liebsten auswandern. Zumindest für einen Tag. Irgendwohin, wo die Sonne scheint. Stattdessen bin ich auf dem Weg ins Büro. Mit dem Regenschirm versuche ich mich möglichst gut vor dem Regen zu schützen. Klappt so semi-gut. Was für eine Wasserschlacht.
Meine Kollegin hat gestern schon angekündigt, dass es den ganzen Tag regnen soll. Am liebsten will ich Beschwerde einreichen. Ich schreibe ihr eine entsprechende Nachricht. Sie schickt mir ein Sonnen-Emoji zurück.
Vor mir läuft ein Mädchen durch den Regen. Es hat keinen Regenschirm dabei. Das scheint ihr allerdings gar nichts auszumachen. Sie folgt mit ihrem Blick einem kleinen Bächlein, das sich im Rinnstein gebildet hat. Plötzlich hält das Mädchen inne. Ich bin neugierig. Was hat sie da entdeckt?
Jetzt sehe ich es auch. Im Wasser treibt ein Regenwurm. Das Mädchen nimmt sich ein Stöckchen. Ganz vorsichtig hebt sie den Regenwurm aus dem Wasser und bringt ihn zur Wiese ein paar Schritte weiter. Ich werde Zeuge einer ausgewachsenen Rettungsaktion.
Mich fasziniert, was ich sehe. Kurzzeitig betrachte auch ich die Welt durch Kinderaugen. Da laden Pfützen zum Springen ein. Regenbäche verheißen Abenteuer. Überall gibt es etwas zu entdecken. Und selbst klitzekleine Dinge wie ein Regenwurm verdienen Aufmerksamkeit und Zuwendung.
Es ist wie kurz die Pausetaste drücken. Sonst haste ich oft durch den Tag. Will bloß nicht unterbrochen werde. Augen zu und durch. Manchmal werde ich kurz aufmerksam, aber keine Zeit. Oder: Bringt doch nichts. Dem ist eh nicht zu helfen. Und für alles und jeden kann ich ja nun wirklich nicht da sein.
Natürlich ist da auch was dran. Ich kann nicht jedem helfen. Aber deshalb die Augen verschließen und gleichgültig an allem und jedem vorbeigehen?
Bevor ich weitergehe, spreche ich das Mädchen noch kurz an: „Hej Du, ich habe gesehen, wie du den Regenwurm gerettet hast.“ Das Mädchen schmunzelt. „Find ich richtig gut, dass du diesem kleinen Lebewesen geholfen hast. Danke.“
Ich glaube, dass auch Gott die Welt liebevoll im Blick hat. Und sie zum Guten bewegt. Mit uns zusammen. Es müssen nicht die großen Dinge sein. Manchmal ist es ein Regenwurm, der aus dem Wasser gerettet wird. Oder ein Kompliment, das ich jemandem mache.
Nach dieser Begegnung mit dem Mädchen gehe ich ein bisschen anders durch den Tag. Und ja, auch durch den Regen. Mit offenen Augen für die Menschen, denen ich begegne. Vielleicht sogar etwas mehr bereit, mich berühren und bewegen zu lassen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42191SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Vor ein paar Wochen habe ich eine Änderung in den Einstellungen meines Smartphones vorgenommen. Ich habe den Vibrationsalarm ausgeschaltet. Was nach einer Kleinigkeit klingt, hat ganz schön was verändert.
Meine Frau hatte mir diesen Vorschlag schon vor einer ganzen Weile gemacht. Ich habe das lange nicht für notwendig gehalten. Hauptsache, es klingelt nicht im unpassenden Moment laut. Dann ist doch alles in Ordnung. Oder?
Im Rückblick sehe ich mich mit meiner Familie am Esstisch sitzen. Bei uns zuhause ist das Smartphone-freie Zone. Aber ganz egal, wo ich mein Handy vorher abgelegt hatte. Der Eingang von neuen Nachrichten ist mir nie entgangen.
Es vibriert. Und ruckzuck bin ich mit meinen Gedanken ganz woanders. Nicht mehr bei der Familie, sondern bei anderen Menschen. Wer könnte sich da gemeldet haben? Ist es die Antwort auf meine so wichtige Frage für kommenden Freitag? Oder braucht jemand dringend etwas von mir? Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Flucht vom Esstisch mit einem Toilettengang plane. Nur mal ganz kurz meine Nachrichten checken.
Jetzt ist der Vibrationsalarm aus. Und ich genieße die Ruhe mehr, als ich es vorher für möglich gehalten hätte. Ich verpasse Anrufe und Nachrichten. Und die Welt ist noch nicht untergegangen. Mir hat diese kleine Änderung enorm geholfen, mich deutlich weniger vom Smartphone und den Bedürfnissen anderer steuern zu lassen.
Jesus hatte noch kein Smartphone. Aber auch von ihm wollten viele Menschen etwas. Sie kamen mit all ihren Fragen, Erwartungen und Bedürfnissen. Und tatsächlich war auch Jesus nicht die ganze Zeit erreichbar. Er zog sich regelmäßig zurück, um allein zu sein und zu beten.
Einmal war wieder richtig viel los. Jesus hatte gepredigt, mit den Leuten geredet und Menschen gesund gemacht. Und auf einmal ist er weg. Die Jünger von Jesus begreifen es nicht. Gerade läuft es richtig gut. Erfolgreich könnte man sagen. Wie kann Jesus jetzt nicht da sein? Diese Welle muss doch weiter geritten werden.
Als die Jünger Jesus finden, platzen sie sofort damit heraus: „Alle suchen dich.“ Jesus interessiert das allerdings nicht. Er enttäuscht die Erwartungen der Menschen und wohl auch die Erwartungen seiner Jünger. Weiter geht´s, an einen anderen Ort.
Auch ich enttäusche manchmal sicherlich die Erwartung nach Erreichbarkeit. Und doch gewinne ich viel mehr: ich fühle mich aufmerksamer in Begegnungen, präsenter in Meetings und konzentrierter in meinen Arbeitsphasen. Der Vibrationsalarm bleibt jedenfalls aus. Und vielleicht schalte ich als Nächstes auch noch die Push-Nachrichten aus.
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