Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04JUN2024
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Alles ist auf diesen einen Tag ausgerichtet. Die vergangenen 8 Wochen waren harte Arbeit. Kein Alkohol, wenig Kohlenhydrate, viel Gemüse und wenig Zucker. Jede Woche standen mehrere Trainingsläufe auf dem Plan. Keine Ausreden. Wetter egal, Stress egal, viele Termine egal – das Training war gesetzt. Heute will ich liefern. Das Adrenalin strömt durch meinen Körper. Der Startschuss ertönt, und losgeht die wilde Fahrt. Es läuft bestens. Nach 10 km freue ich mich über eine neue persönliche Bestzeit. Leistung abgerufen.

Wenn das nur immer so gut funktionieren würde. Es gibt so viele Lebensbereiche, in denen ich einen gewissen Performance-Druck spüre. Im Geschäft möchte ich die gesteckten Ziele erreichen. Für meine Kinder möchte ich der bestmögliche Vater sein. Für meine Frau ein richtig guter Ehemann. In meinem Hobby will ich meinen Freunden zeigen, dass ich es draufhabe. Vor allem will ich nicht negativ auffallen. Bloß nichts Falsches sagen, bei der Klamottenwahl daneben liegen, irgendeinen dummen Fehler machen, mich blamieren. Sowas kann ich mir einfach nicht leisten. Alle anderen bekommen das doch auch hin, oder?

Wie ist das eigentlich in der Kirche? Ist das auch nur was für Menschen, die ihr Leben im Griff haben? Irgendwie denke ich bei der Kirche tendenziell an eine Ausstellung von Heiligen.

Die Bibel bringt dieses Bild schnell zum Wanken. Dort begegnet man keinen High-Performern und Überfliegern, sondern ganz normalen Menschen. Noah war betrunken, Abraham war steinalt, Isaak war ein Träumer, Jakob war ein Lügner, Josef wurde missbraucht, Mose war ein Mörder, Gideon hatte Angst, David hatte eine Affäre und so weiter.

Ziemlich witzig finde ich auch, dass die Jünger von Jesus jedes Mal schläfrig werden, wenn Jesus sie mit zum Beten nimmt. In der Regel betet Jesus allein. Zweimal sind die Jünger dabei. Zweimal werden sie müde. In der ersten Situation äußert Petrus im Halbschlaf noch eine seiner halbgaren Ideen. Aber er wusste nicht, was er da sagte - steht dann da, in der Bibel. Verpeilter Typ, dieser Petrus.

Ich liebe diese unverblümte Ehrlichkeit der Bibel. Sie macht das Ganze für mich umso glaubwürdiger. Da begegnen mir keine Helden. Die Menschen der Bibel sind ganz normal. Mir kommen die Jünger damit sehr nah. Genau wie ich performen sie nicht immer. Im Gegenteil: sie stellen komische Fragen, kriegen´s oft nicht auf die Reihe und scheitern an ihren eigenen Ansprüchen.

Und Jesus? Der kommt mit solchen Frauen und Männern gut zurecht. Bei ihm zählen andere Werte als die richtige Performance. Bei Jesus darf ich müde und verpeilt sein. Scheitern und Fehler machen ist erlaubt. Das zu wissen, entspannt mich dann auch etwas mit meinem Performance-Druck.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40012
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