Manuskripte

SWR3 Gedanken

Oh, ich liebe die Vorweihnachtszeit. Alles erstrahlt in festlich dekoriertem Glanz. Lichterketten schmücken Häuser, Vorgärten und Straßen. Aus den Häusern duftet es nach frisch gebackenen Plätzchen.  In den Läden werden die Weihnachtslieder so lange in Dauerschleife gespielt, bis sie mir tierisch auf die Nerven gehen. Die Menschen rempeln sich gegenseitig im Kampf um die besten Geschenke von den Regalen weg und drängeln sich in den Warteschlangen an den Kassen vor. Nebenbei wird noch ein gehässiger Kommentar in Richtung die Kassiererin losgelassen, die ein Weihnachtsgeschenk zu langsam einpackt. Und auf dem Dorfplatz hat längst der Bieterkrieg um den besten Weihnachtsbaum begonnen.

Der Kontrast zwischen Weihnachtsdekoration und Weihnachtsgefühl macht mich jedes Jahr aufs neue sprachlos. Und irgendwie traurig.

Manche Menschen betreiben jedes Jahr einen riesigen Aufwand, alles liebevoll und friedlich aussehen zu lassen, wie es sich eben für die Weihnachtszeit gehört. Aber wenn man genauer hinschaut, dann sieht es eben oft nur so aus. Da wird in Familien gestritten, wie viel Geld man für die Geschenke ausgeben will oder was es zu essen geben soll. Da wird diskutiert, wer Oma und Opa einladen darf, manchmal auch muss. Und das sind noch wirklich harmlose Beispiele. 

Das alles hat für mich nichts mit Weihnachten zu tun. Da helfen auch die ganze hübsche Dekoration und die Lieder von Liebe und Frieden nichts.

Liebe ist ein Gefühl und eine Haltung. Und Frieden ist ein Zustand, der sich nur mit einer Haltung von Liebe und Achtung gegenüber anderen erreichen lässt. Ich wünsche mir für diese Adventszeit dass sie geprägt wird von Respekt und Liebe, von Achtung und Rücksicht. Ich wünsche mir mehr von dem Bewusstsein, dass es um das Geschenk der Liebe geht, das Gott den Menschen macht und nicht um teure Konsumartikel. Dass Weihnachten und die Adventszeit einfach mehr sind als nur hübsche Dekoration.

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Madeline Stuart ist nur 1,50m groß, hat das Down Syndrom und ist Model. Das passt nicht zusammen? Doch, eindeutig, wie die unzähligen Buchungen in ihrem Terminplan beweisen. Im September ist sie sogar bei der berühmten New York Fashion Week gelaufen.

Ich finde es total stark, dass die Modebranche nach und nach auch Menschen mit Handicap für sich entdeckt. Gerade das Modelbusiness hat den Ruf, nur auf absolute Perfektion bedacht zu sein. Jahrzehntelang schien es, als ob Menschen, die nicht mindestens 1,70 groß sind und eben nicht Size zerotragen können, in der Modewelt nichts verloren haben. Aber der Durchschnittsmensch ist eben nicht 1,70m und gertenschlank. Madeline Stuart ist auch nichts von beidem und hat zusätzlich das Down-Syndrom. Und doch begeistert ihr Auftreten die Modedesigner ebenso wie das Publikum. Für mich ist sie das beste Beispiel dafür, dass Schönheit keine Kriterien erfüllen muss. DassAttraktivität nicht bedeutet, fixen Standards zu entsprechen. Und dass keine körperliche oder geistige Beschaffenheit entscheidet, ob und wie man am Leben teilnimmt, sondern der eigene Charakter und Mut.

Was Madeline Stuart bei ihren Auftritten und auf den Fotos ausstrahlt ist die pure Lebensfreude. Auch eine New Yorker Handtaschenfirma ist von Madeline begeistert und hat sogar eine Kollektion für sie entworfen. Der Chef sagte dazu etwas, was mich berührt hat: „Wir wollen eine Marke kreieren, die Inklusion unterstützt und denjenigen Möglichkeiten eröffnet, die schon zu Beginn ihres Lebens an vermeintliche Karrieregrenzen stoßen“[1].

Vermeintliche Grenzen. Genau das ist es. Wenn man selbst etwas will, mutig und lebenslustig ist, dann kann man vermeintliche Grenzen überwinden. Das zeigt Madelines Geschichte in beeindruckender Weise.



[1]     Vgl. https://www.welt.de/vermischtes/article146040020/Model-mit-Downsyndrom-laeuft-bei-Fashion-Week.html

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Sie wollen helfen. Doch anstatt eines „Dankeschöns“ werden sie bespuckt, getreten, beleidigt und geschlagen. Das hab ich in einem Artikel über Gewalt in Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser gelesen und konnte es nicht glauben. Doch eine Krankenschwester mit der ich befreundet bin, bestätigt diese Erfahrungen.

Immer mehr Patienten und deren Angehörige seien aggressiv. Verbal, zum Teil sogar körperlich. Besonders in der Notaufnahme. Dabei tun die Helfer dort was sie können, aber sie haben auch nur zwei Hände. Und einen aufgebrachten, aggressiven Menschen zu beruhigen kostet unnötig Zeit und Kraft, die sie eigentlich nicht haben.

Als ich das Thema weiter recherchiere stoße ich auf Berichte über Krankenschwestern, die in einer israelischen Nahkampftechnik ausgebildet werden. Weitere Artikel berichten über Angriffe auf Krankenhauspersonal, Schlägereien im Wartebereich und sogar eine Schießerei. [1]

Ich bin fassungslos. Was bringt einen Menschen nur dazu, gewalttätig zu werden, selbst in einer Umgebung, in der ihm Gutes widerfährt. Einer der Gründe sei Ungeduld, so heißt es, aber das allein kann es ja kaum sein. Was passiert da nur? Welche Enthemmung, welche Aggression steckt in diesen Menschen? Jemanden körperlich anzugreifen, ist  eine extreme Grenzüberschreitung.

Ich denke Menschen wie diesen fehlt eine natürliche Hemmschwelle und ein normales Unrechtsbewusstsein. Sie versuchen durch das Recht des Stärkeren ihren Egoismus durchzusetzen. Das ist völlig inakzeptabel und zurecht in Deutschland strafbar.

Mich beunruhigt es schon länger, dass der Respekt und das freundliche Miteinander bei uns immer mehr verloren gehen. Und die Gewalt in Notaufnahmen führt nun sehr brutal vor Augen, wie akut es wirklich ist. Noch legt die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft, Wert auf Respekt, Anstand und Frieden. Und ich finde, wir müssen alles dafür tun, dass das so bleibt.

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Ich finde es ganz furchtbar: Menschen, die immerzu nörgeln, stänkern und ständig mit allem unzufrieden sind. Sie gehen mir einfach auf die Nerven mit ihrem Gemecker. Und doch bin ich auch froh, dass es sie gibt, die Nörgler und Stänkerer, die ständig mit allem unzufrieden sind. Denn obwohl sie unbequem und oft auch un-angenehm sind, sind sie  wichtig. Denn Unzufriedenheit ist oft der erste Schritt zur Veränderung.

So richtig aufgefallen ist mir das erst, als ich meine kleine Tochter beobachtet habe. Sie liegt auf dem Rücken und quengelt, weil sie nicht an die Rassel ran kommt, die sie gerne hätte. Das Quengeln und Schimpfen wird immer schlimmer, wenn ich sie ihr nicht gebe. Irgendwann hört es plötzlich auf. Sie hat gelernt, dass sie sich umdrehen muss, um die Rassel zu erreichen. Von da an kann sie sich selbstständig drehen. Für sie eine deutliche Verbesserung ihres Lebensalltags. 

So lernt der Mensch, vielleicht ein Leben lang: Eine Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand führt dazu, dass er diesen verändern will. Das Nörgeln und Stänkern ist also wichtig, weil es eine Kritik an etwas ist, das man verändern will und nur so wird auch Verbesserung möglich. Unzufriedenheit mit der politischen Situation; Unzufriedenheit mit der Gesellschaft; Unzufriedenheit mit dem Zustand der Umwelt; Unzufriedenheit mit sich selbst.

Seit ich mir das bewusst gemacht habe, fällt es mir auch viel leichter, mit Nörglern und Stänkerern umzugehen, weil ich mir immer wieder denke: Hey, wer weiß, ob die Welt nicht durch genau diesen Menschen besser wird.

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„Geh sterben, du Opfer!“ Das ist der Kommentar unter einem Artikel in einem online Nachrichtenmagazin. Furchtbar! Die Art, im Internet Kommentare zu schreiben, ist leider häufig zu einer Unart geworden. Unart, ein Wort, das ebenso antiquiert scheint, wie die damit bezeichnete Verhaltensweise. Der Duden definiert „Unart“ als: „Schlechte Angewohnheit, die sich besonders im Umgang mit anderen unangenehm bemerkbar macht“.

Oh ja. Die Kommentare unter manchen Artikeln sind derart daneben, dass ich sie hier nicht zitieren möchte. Aber der respektlos-aggressive Umgang im Netz ist anscheinend schon so gängig geworden, dass es ein eigenes Wort für diese Kommentare gibt: „Hasskommentare“. Und ihre Verfasser werden mit dem englischen Wort „hater“ also Hasser bezeichnet. Zu Recht, denn was einem da manchmal entgegenschlägt ist wirklich der blanke Hass. Besonders Personen des öffentlichen Lebens bekommen diesen ab. Manchmal beleidigen sich die Hater aber auch gegenseitig. Und zwar massiv. Dabei bleibt jeder inhaltliche Wert auf der Strecke. Oft scheint es nicht mehr um die Diskussion an sich zu gehen, sondern nur darum, wie man andere verletzen kann.

Ich frage mich, wie Menschen sich gegenseitig so hemmungslos verbal angreifen und beleidigen können. Die Anonymität im Netz scheint dabeiwie eine virtuelle Burg zu wirken, aus deren Mauern die hasserfüllten Kommentare hervorgeschossen werden. Denn ich glaube nicht, dass die Menschen sich das, was sie da von sich geben, auch direkt ins Gesicht sagen würden. Dabei wünsche ich mir, dass die Verfasser sich bewusst machen, dass sie mit jedem Kommentar eine Person treffen und nicht nur ein technisches Profil. Überhaupt wünsche ich mir, dass in unserer Gesellschaft wieder mehr Wert auf Werte gelegt wird. Werte wie, Respekt, Aufrichtigkeit und Höflichkeit. Ich erwarte keine rosarote Wattebäuschenwelt, aber ein gewisses Maß an Anstand sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Im echten Leben genauso wie auch im Internet.

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„Ich komme gleich, ich muss nur noch kurz die Wäsche aufhängen!“ Echt? MUSS ich das? Was passiert denn, wenn ich die Wäsche jetzt einfach nicht aufhänge, sondern heute Abend oder morgen?

Irgendwie hat sich dieses kleine Wörtchen „MUSS“ überall in meinem Alltag eingeschlichen: Ich muss noch kurz einkaufen, ich muss ins Bett, ich muss noch kurz den Kaffee austrinken, ich muss noch schnell durchsaugen. Es stört mich, dass allein durch die Aussprache des Wörtchens „muss“ alles wie ein Zwang wirkt. Deshalb habe ich mal ein Selbstexperiment gemacht. Ich habe versucht, eine Woche lang um jeden Preis das Wort „muss“ zu vermeiden. Dabei mache ich dasselbe wie vorher auch, nur ohne den mir selbst auferlegten Zwang: Ich gehe noch kurz einkaufen, ich will ins Bett, ich möchte noch kurz meinen Kaffee austrinken, ich sauge noch schnell durch.

Der Effekt ist erstaunlich. Ich weiß nicht, ob man das psychologisch erklären kann, aber allein dadurch, dass ich das Wort „muss“ für Alltagsdinge nicht mehr verwende, fühle ich mich viel freier, leichter und eben zwangloser. Die Wäsche aufzuhängen ist keine Last, die ich irgendwie rumbringen muss, sondern ich mache es eben einfach mal so nebenbei. Sogar der Kaffee schmeckt besser, wenn ich ihn nicht trinken muss, sondern will. Außerdem bin ich mir der Dinge die ich tue plötzlich viel mehr bewusst.

Ganz einfach ist es nicht, sich die übliche Formulierung „Ich muss noch kurz“ abzugewöhnen, aber mit ein bisschen Übung klappt es echt gut. Ich bin überrascht vom Effekt meines Experiments, und beschließe das weiterhin in meinen Alltag zu übernehmen. Weil er sich dadurch einfach anders anfühlt. Besser, leichter, zwangloser.

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Ich warte. Ich warte auf den Bus, ich warte auf das Wochenende, ich warte auf das Essen, ich warte auf den Arzttermin, ich warte auf ein Paket. Worauf ich nicht alles warten muss…In unserer Zeit ist Schnelligkeit derart zur Selbstverständlichkeit geworden, dass es fast schon ungewohnt ist, auf etwas zu warten.

In schroffem Gegensatz dazu steht die Adventszeit. Denn im ursprünglich christlichen Sinn ist sie eine Zeit des Wartens: Des Wartens auf die Geburt Jesu. Und die wird eben nicht mal schnell mit Expressversand geliefert. Nein. Auf Weihnachten MUSS man warten. Und das ist gut so.

Im Alltag ist das Warten oft mit Stress, schlechter Laune und innerer Unruhe verbunden. Ganz anders das Warten im Advent. Hier kann es geradezu andächtig zelebriert werden und auch genossen. Das Fest der Geburt Jesu wird ganz langsam vorbereitet und genau das ist das Schöne. 

Sogar die Kleinsten üben das Warten. Jeden Tag dürfen sie nur ein Türchen im Adventskalender öffnen und doch erscheinen ihnen die 24 Tage bis Weihnachten endlos lang.

Und genauso soll es sein. Denn gerade durch das Warten kann ich mir der besonderen Bedeutung der Geburt Jesu bewusst werden. Dass Gott bei uns und in uns ankommen kann ist eben nicht etwas, was man machen oder irgendwie erzwingen kann. Warten hat mit Geduld zu tun. Und mit Langsamkeit. Gerade der Advent ist eine Zeit, in der ich immer mal wieder Tempo aus meinem Alltag raus nehmen kann. Sei es beim Anzünden der Kerze am Adventskranz oder beim Öffnen einer Tür des Adventkalenders. Durch diese Langsamkeit nehme ich mir Zeit für das wirklich Wesentliche: Und kann mich so öffnen für Gott und die Menschen.

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