Manuskripte

SWR3 Gedanken

„Wo ist Lilli?“, fragt die fünfjährige Mia. „Lilli ist im Himmel“, antwortet Mama und streicht ihr über die Wange, „dort hat sie es gut. Sie ist wieder jung, kann springen und spielen mit all den anderen Kaninchen und Möhren knabbern, soviel sie will“. „Oh, das ist schön“, sagt Mia und wischt sich eine Träne weg „dann ist sie ja jetzt nicht mehr krank“. Aber, so fragt sie sich, wo ist er denn, dieser Kaninchen-Himmel? Sie geht in den Garten hinterm Haus. Über ihr – der Himmel. Ist da Lilli? Nichts zu sehen. Sie läuft weiter. Kommt am Spielplatz vorbei. An der riesigen Rutsche. Mit einem hohen Kletterturm. Viele Stufen geht es hinauf, dann kann man herrlich herunterrutschen.

Mia klettert hoch, reckt die Nase in die Höhe. Hier soll Lilli sein? Nichts zu hören. Sie läuft weiter. Über Wiesen. Und Felder. Langsam wird sie müde. Sie ist schon weit gegangen. Da sieht sie einen Hügel. So groß ist er nicht, aber Mia kommt er riesig vor. Das muss es sein! Denkt sie und flitzt so schnell es geht hinauf. Schaut sich um. Kann ihr Haus sehen. Den Garten. Den Spielplatz. Wo aber ist Lilli? Mia ist müde, setzt sich ins Gras. Die Sonne scheint ihr auf die Nase. Die Augen werden schwer. Aber da sieht sie… „Lilli! Wie schön, komm spielen.“ Das Kaninchen hoppelt ihr entgegen, kuschelt sich an sie. „Ich hab dich so vermisst, ich brauch dich doch, wenn ich traurig bin.“

Plötzlich steht ihre Mutter vor ihr. „Was machst Du denn hier, ich hab dich überall gesucht!“ „Ich habe den Himmel gesucht“, sagt Mia. „Und, hast du ihn gefunden, du hast ja geschlafen?“ „Ach“, Mia überlegt kurz „ja, ich habe den Himmel gefunden, Mama. Und Lilli, sie ist wirklich dort.“

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Was ist eigentlich „Stil“? Stil ist - das Ende des Besens. Oder aber auch stylish sein. Die angesagten Marken tragen. Die „IT“-Bag, die „gewisse“ Tasche am Arm. Stilsicher - sicher und selbstbewusst auftreten, wo immer ich bin. In Gesellschaft, unter Freunden. Stets witzig und schlagfertig, immer einen Spruch auf den Lippen. Ganz mein Style … So verkauft es die Werbung und manche Influencer auf You-Tube. Aber will ich das, bin ich das wirklich? Der Schriftsteller Charles Bukowski, für manchen Skandal und Stilbruch immer zu haben, meint: „Stil bedeutet, keinerlei Schutzschild … keinerlei Fassade. Stil bedeutet, völlige Natürlichkeit. Stil bedeutet, als Mensch allein unter Milliarden anderen zu sein.“

So nachdenklich formuliert der übrigens in Andernach geborene Skandalschriftsteller Bukowski. Und ich finde, er hat recht. Nichts gegen Kleidung mit Stil oder gegen Style und Witz. Aber es geht darum, „allein“, also einzigartig zu bleiben. Auch wenn ich die gleiche Jeans trage wie Milliarden anderer Menschen auf dieser Welt. Ich muss mich nicht aufstylen. Nicht verkleiden, um irgendwem zu gleichen. Ich darf ich sein. Ganz gleich, was ich anhabe. Oder auch nicht.

Die erste Geschichte der Bibel erzählt das so schön symbolisch: Gott erschafft Adam und Eva. In „völliger Natürlichkeit“, „ohne Fassade“ wie Bukowski meint. Nämlich splitterfasernackt. Und sie „schämten sich nicht“, heißt es. Warum auch. Sie sind die erste Kreation aus erster Hand. Sozusagen handmade by god. „Und siehe, es war sehr gut.“ Und das ist es noch. Auch wenn wir nicht mehr jeden Tag im Adams- und Evakostüm rumlaufen. Jede und jeder ist „allein unter Milliarden“. Sie und ich: ein Unikat. Ganz gleich, wie ich mich anziehe und auftrete. Stylisher geht’s kaum.

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Anne. Ein Mädchen. Knapp 13 Jahre alt. Lebhaft. Klug. Neugierig auf die Welt. Und die Menschen. Muss sich verstecken. Nachdem sie mit Eltern und Schwester schon ihre Heimat verlassen hat. In ein fremdes Land geflohen ist. Und dann: Das Versteck. Hinter einem Bücherregal. In einem alten Hinterhaus, nur wenige, enge Räume. Zusammen mit acht Personen. Erst noch in der Hoffnung, dass es nur eine kurze Zeit nötig sei. Zwei Jahre werden daraus. Zwei Jahre in Amsterdam, ohne die Möglichkeit, nach draußen zu gehen. In ständiger Angst, entdeckt zu werden. Gefangengenommen zu werden. Draußen herrscht Krieg – und der Tod.

Aber Anne Frank, wie das Mädchen heißt, bleibt lebhaft. Klug. Neugierig auf die Welt. Und die Menschen. Anne Frank ist Jüdin. "Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch aufhören, einmal werden wir auch wieder Menschen und nicht allein Juden sein.", schreibt sie in ihr Tagebuch, das sie in dieser Zeit führt. Um festzuhalten, was sie erlebt. Und nicht nur sie. Mit ihr etwa sechs Millionen Juden. Verfolgt, vertrieben, versteckt, ermordet. So wie sie selbst…

Ihr Tagebuch ist geblieben. Anne Frank. Sie schreibt, um ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen die Unmenschlichkeit. Gegen das Grauen. Und das Unrecht, das niemals vergessen werden darf. Der Krieg ist lange vorbei. Juden leben wieder in Deutschland. Gott sei Dank. Doch, Gott sei es geklagt, sie werden wieder bedroht. Nicht erst seit Halle. „Du Jude“, sagen schon länger wieder einige, die scheinbar verdrängt haben, wie es anfing, einst. „Einmal werden wir Menschen und nicht allein Juden sein.“ Gemeinsam mit vielen anderen will ich dafür eintreten. Klare Worte finden. Meine Stimme erheben. Und ein deutliches Zeichen setzen. Für Anne und alle, die zu ihr gehören.

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Klimakrise. Kriege, Flüchtlinge - „Ausländer raus-Parolen“. Novemberstimmung. Schnell ist man versucht, zu sagen: Früher war alles besser. Es ändert sich ja nie was. Alles egal. Bekannte Sprüche. – „Alles egal? Oder hast Du noch Träume?“ Heute ist ein besonderer Feiertag im November. Wenn auch ein sperriger. Schon allein das Wort: Buß- und Bettag. Länger schon kein bundesweiter Feiertag mehr, aber einer, der eine echte Chance bietet. Innezuhalten. Einen neuen Standpunkt einzunehmen, Dinge mal anders in den Blick zu nehmen. Nachzudenken. Über das, was vielleicht nicht so gut gelaufen ist. Was vielleicht sogar ein Fehler war. Fehler passieren – entscheidend ist, wie ich damit umgehe. Sich dazu Gedanken zu machen, dazu lädt der heutige Tag ein. Und jedes Jahr hat er ein besonderes Motto. In diesem Jahr eben:

„Alles egal? Oder hast Du noch Träume?“ Träume sind wichtig für das Seelenleben. Nicht nur für Tagträumer. Wer träumt, hat Hoffnung. Auf einen neuen Morgen. Auf eine bessere Zukunft. Wenn ich träume, ist mir eben nicht alles egal. Im Gegenteil. Ich habe Visionen – eine Idee, davon, wie etwas sein könnte. Darum träume ich sehr gern. Und viel. Von einer Zukunft etwa, in der meine Tochter noch einen echten Sommer, und einen richtigen Winter erleben kann. In der ein Klima herrscht, das Leben möglich macht. Und ich träume von einer Welt, in der vielleicht jeder eine so eindeutige und überzeugte Antwort geben kann wie Niklas. Vielleicht erinnern Sie sich – vor einiger Zeit – vollkommen zufällig, bei einem Videointerview mit einem Rapper zur Flüchtlingsdebatte. Da wird der Vierjährige spontan gefragt: „Sind in deinem Kindergarten denn auch Ausländer?“ – „Nein“, sagt er. „Da sind nur Kinder!“ – Und wovon träumen Sie?

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„Schatz?“ „Jaaa..“ „Welches Kleid gefällt dir besser, das Blaue mit dem spitzen Ausschnitt oder das Rote mit der Schleife?“ „Mir gefällt das Rote, aber auch das andere.“ „Dich interessiert also gar nicht, was ich anziehe…“ Ein Beziehungsklassiker. So oder ähnlich hört sich das öfter an. Bei Loriot. Aber auch im richtigen Leben... Es geht um ein Kleid. Und am Ende vielleicht um einen handfesten Ehestreit. Denn natürlich geht es nicht nur um ein Kleid…

Das kennt wohl jede und jeder. „Steht mir die Krawatte, Schatz? Die hast du mir damals geschenkt, aber ich fand sie nie sooo passend...“ Geht es hier um Kleiderfragen? Sicher. Aber auch um so viel mehr. Bin ich schön, bin ich beachtet, bin ich geliebt… Ganz gleich, ob im Roten oder Blauen oder gar mit der Karokrawatte. Nur – wer fragt das schon. Oder antwortet entsprechend: „Schatz, das Kleid ist nicht das Schönste, aber Du schon“. „Egal, was Du trägst, Du bist einfach toll, mein Mann.“ Warum sagen wir das so selten?

Der Schriftsteller Khalil Gibran hat das einmal so beschrieben: „Zwischen dem, was gesagt, aber nicht gemeint ist, und dem, was gemeint, aber nicht gesagt ist, geht die meiste Liebe verloren.“ Um so wichtiger sind sie also – die offenen, klaren Worte. Tacheles reden. Wahrheit und Klarheit sprechen – dazu braucht es manchmal einigen Mut. Aber ich finde – man kann nur gewinnen. Lieber ein klares Wort riskieren als die Liebe verlieren. Also vielleicht etwa so: „Schatz, wir zwei sind ja sowas von unperfekt … und genau deshalb passen wir perfekt zusammen.“

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Schon wieder: Montag. Noch dazu erst Montagmorgen. Eine ganze, lange Woche liegt vor mir. Was geht die Tage? Ein Blick in den Kalender. Ohje... Wie immer voll, viele Termine, viel zu erledigen. Hoffentlich geht alles gut. Hoffentlich schaffe ich alles, was ich mir vorgenommen habe, was andere von mir erwarten. „Eine erfolgreiche Woche“ wünscht man einander. Aber was ist das eigentlich? Mit Erfolg ist das ja so eine Sache. Erfolgreich sein. Will jeder. Zumindest irgendwie. Aber was heißt das überhaupt…

John Davison Rockefeller, jener bekannte amerikanische Geschäftsmann - in seinem Bereich sehr erfolgreich - hat es so auf den Punkt gebracht: „Das Geheimnis des Erfolges ist es, gewöhnliche Dinge ungewöhnlich gut zu machen.“ Das gefällt mir. Denn: Dahinter steht die Idee, dass es die kleinen Dinge sind, die zählen. Die scheinbar unscheinbaren. Vermeintlich selbstverständlichen. Das beginnt vielleicht damit, dass der Chef den Kollegen tatsächlich in die Augen schaut beim Reden. Oder sich die Chefin in der Kantine Zeit nimmt und bei ihrem Team sitzt. Zuhört. Besonders dem einen, der manchmal vielleicht länger braucht für seine Aufgaben, aber immer zuverlässig weiß, was gebraucht wird. Die Menschen um mich herum im Blick haben, sie schätzen und achten. Auch das heißt „gewöhnliche Dinge ungewöhnlich gut machen“.

Als Christin setze ich darauf: Gott sieht in allen Menschen eine Erfolgsgeschichte. Für mich ist dieser Glaube das Geheimnis des Erfolgs. Jede und jeder ist eine einzigartige Erfindung und hat eine Sonderbegabung. Auch ich. Ganz gleich, wie „erfolgreich“ ich in dieser Woche alle meine Termine abhake.

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Heute schon getanzt? Oder zumindest ein bisschen im Takt gewippt? Zum Lieblingssong auf SWR3? Ich höre ein paar Töne aus dem Radio... Und schon geht’s los. Musik, die einen packt, in Bewegung bringt - und einfach machen lässt.

„Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen“, hat schon der alte Kirchenvater Augustin gesagt.

Klar, nicht jeder ist ein Tangogenie. Oder ein außergewöhnliches HipHop-Talent. Muss er oder sie auch nicht sein. Denn es geht ja um etwas Anderes. Tanzen bedeutet in Bewegung sein. Lebhaft, und ja, lebendig sein. Ich kann mich ausdrücken zur Musik, mir selbst Ausdruck verleihen. Meinen Gefühlen Raum geben. Das Ganze völlig kopflos. Ohne nachzudenken. Einfach nur: spüren, fließen lassen, „floaten“ im Takt der Musik.

„Lerne tanzen“, sagt ausgerechnet der ansonsten eher verkopfte Theologe Augustin. Er weiß warum. Und sagt damit: Gott möchte, dass Du lebendig bist. Du sollst Deinen Herzschlag spüren - und nicht überhören im alltäglichen Gelärme und Getrubel. Folge Deinem Bauchgefühl und Deinem Herzen. Drücke aus, was Dir auf der Seele brennt. Bleib nicht stumm und steh nicht still. Finde Deinen Lebensrhythmus und folge ihm. Das geht natürlich auch anders, auch ohne zu tanzen. Aber wer ab und an durch die Wohnung tanzt so wie ich, weiß: Es lässt sich dabei alles vergessen, was nervt. Und man kommt dem Himmel – und sich selbst – ganz nah. Also: einfach mal abtanzen und alles raus lassen. Es sieht ja keiner. Und wenn schon… himmlisch ist´s allemal.

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