Manuskripte

SWR3 Gedanken

Einige haben sich fast geschämt, bedient zu werden. Ein Restaurant im Nachbarort hat eingeladen. Ein festliches Essen wollen sie ausrichten für Menschen, die sich sowas sonst nicht leisten können. Als Geschenk. Kurz vor Weihnachten. Einfach so. Also fragen sie an, bei Altenheimen, Sozialeinrichtungen und so fort. Doch niemand kann die Einladung annehmen. Schließlich fragen sie auch das Wohnheim für obdachlose Menschen in Kaiserslautern. Und die wollen. Mit einem ganzen Bus voll fahren sie hin. Junge und Alte, viele gebrochen und am Leben gescheitert. Und alle sitzen nun an festlich gedeckten Tischen, werden umsorgt und bedient und niemand muss nachher abräumen und spülen. Ganz ruhig sei es gewesen, fast andächtig, so hat es mir der Leiter des Wohnheims später erzählt.

Ich konnte gar nicht anders, als an eine Geschichte der Bibel zu denken, die ganz ähnlich geht. Da lädt ein Mann zur Hochzeit ein, doch keiner kommt. All die geladenen Gäste lassen sich entschuldigen. So schickt er seine Diener auf die Straßen und Plätze und lässt die Zerlumpten und Gescheiterten hereinholen und an seiner Tafel Platz nehmen. Eine Geschichte, die viele Bedeutungen hat, die aber vor allem erzählen will, wie Gott ist. Ein Gott nämlich, der ein riesengroßes Herz hat für alle, die vom Leben schwer gebeutelt worden sind. 

Bald ist es wieder soweit. Das Restaurant hat sie wieder eingeladen und alle freuen sich darauf. Sie werden sich bedienen lassen und für diesen einen Abend Ehrengäste sein. Wie schön, wenn Geschichten aus der Bibel wahr werden, auch, wenn es nur einmal im Jahr ist.

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Sechzig Euro. Viel Geld für einen, der nichts hat. Aber so viel kostet nun mal Schwarzfahren, mindestens. Der junge Mann, der mir im Zug schräg gegenüber sitzt, hat nichts. Kein Ticket und kein Geld. Aber nach Koblenz will er. Als die Zugbegleiterin erscheint ahne ich schon, was jetzt kommt. Die Personalien werden aufgenommen, ein Zahlungsformular ausgestellt.  Doch etwas ist diesmal anders. Ungewöhnlich lange spricht die Zugbegleiterin mit dem jungen Mann. Ich bekomme mit, dass er keinen festen Wohnsitz hat und Geld hat er auch keines. Die Frau hört ihm zu, fragt nach. Immer und immer wieder. Kein lautes oder aggressives Wort fällt zwischen den beiden. Irgendwann setzt sie sich dann zu ihm, kramt ein Formular hervor, füllt es aus. Als der Zug an der nächsten Station hält, muss der junge Mann raus. Er geht ohne Protest. Nach Koblenz ist er nicht gekommen, aber er hat jemand gefunden, dem er seine Geschichte erzählen konnte. Jemanden, der ihm an diesem Morgen einfach zugehört hat.

„Das ist schon ein armer Kerl“ sagt die nette Zugbegleiterin zu mir, als er weg ist. „Eigentlich tut er mir ja leid, aber was soll ich machen“? Die sechzig Euro wird sie wahrscheinlich nie bekommen, das weiß sie. Aber vielleicht ist das in diesem Moment auch gar nicht das Wichtigste. „Sie haben das toll gemacht“, antworte ich ihr. Im Prinzip hat sie nur ihren Job gemacht, aber so, dass es selbst mir dabei warm ums Herz wird. 

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Wenn meine Mutter mich früher bat, ein paar Kartoffeln fürs Mittagessen aus dem Keller zu holen, dann rief sie immer einen Satz hinterher: Aber nur die großen, hörst du? Brav habe ich dann vor allem die dicken Knollen aus der Kiste gekramt. Die kleinen blieben meistens bis zum bitteren Ende liegen.

Klar, meine Mutter wollte sich das Kartoffelschälen leichter machen. Aber das Prinzip gilt ja nicht nur im Kartoffelkeller. Es passt leider auch auf die Gesellschaft, in der ich lebe. Interessant sind in der Regel wirklich nur die Großen und Wichtigen. Die Kleinen, Krummen oder Unscheinbaren haben das Nachsehen. Wenn in einem Industriekonzern tausende Jobs gestrichen werden, trifft es fast immer die Arbeiter und kleinen Angestellten. Wenn in den Innenstädten Wohnungen kaum noch bezahlbar sind, dann müssen zuerst die Geringverdiener weichen.

Wichtig sind also v.a. die Großen? Die mit Geld, Macht und Einfluss? Den Blick in unsere Kartoffelkiste finde ich da durchaus vielsagend. Auf einem Kartoffelacker wächst schließlich auch alles. Große und Kleine, Wohlgeformte und Krumme und aus allen lässt sich etwas Wunderbares machen. Man muss es nur wollen. Ja, das macht mehr Mühe und es dauert etwas länger, wenn die Kartoffeln klein und krumm sind. Eine Mühe aber, die sich lohnt. Denn sie sind weder schlechter noch weniger wert. 

Darum ist es auch kein Zufall, wenn viele Geschichten der Bibel gerade nicht von den Großen und Superwichtigen erzählen, sondern von den sogenannten kleinen Leuten. Von Kranken und Traurigen, Abgerutschten und Gescheiterten. Genau von denen also, die gerne mal vergessen werden und dann unbeachtet liegen bleiben.

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„Zuerst freue ich mich jetzt auf Weihnachten, und dann freu ich mich auf …“. Es kamen noch einige Dinge, worauf sich die junge Frau freut. Die Unterhaltung mit ihrer Freundin im Zug habe ich ungewollt mit angehört. Mich hat das irgendwie angerührt, denn Vorfreude ist was Tolles. Wenn jemand sich Wochen oder Monate lang auf etwas freuen kann.

Ich kannte die beiden nicht. Aber die aufgeschnappte Unterhaltung hat mich nachdenklich gemacht. Ich hab mich dann selber gefragt: Mal ehrlich, worauf freue ich mich eigentlich und da ist mir spontan erst mal nichts eingefallen. Meinen Arbeitstag hatte ich an diesem Morgen im Kopf, habe überlegt, wie ich dieses und jenes organisiere. Mit wem ich noch telefonieren, was ich heute alles erledigen muss. Aber freue ich mich heute Morgen auch auf etwas?

Auf dem Weg zum Büro hat mich das noch weiter beschäftigt. Als Kirchenleute reden wir schließlich oft von der Freude, nur meistens nicht von unserer eigenen. Mir ist dann klarer geworden, dass es dabei gar nicht um den großen Event im Leben oder den nächsten Karibikurlaub gehen muss. Freuen kann ich mich ja auf ganz kleine, alltägliche Dinge. Auf die paar Minuten in der Mittagspause, in denen ich nicht an die Arbeit denke. In denen ich vielmehr die Strahlen der Wintersonne im Gesicht genieße, auch wenn es draußen kalt ist. Auf ein Glas Rotwein heute Abend, wenn alle Tagesarbeit erledigt ist. Oder auf das Konzert am Wochenende, für das ich schon länger Karten besorgt habe. Eigentlich gar nicht so schwer, da was zu finden. Und wenn ich mir schon am Morgen überlege, worauf ich mich heute freue, dann bekommt so ein Tag manchmal eine ganz andere Farbe.

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Am letzten Wochenende haben wir die Demokratie gefeiert. Die Demokratie in meiner Kirche. Katholische Kirche und Demokratie, zwei Worte, die irgendwie nicht so richtig zusammenpassen wollen. Und doch, vor 50 Jahren wurde in meinem Bistum der erste Katholikenrat gebildet. So heißt dieses Gremium, in dem Männer und Frauen zusammenkommen, um über die Zukunft ihrer Kirche zu beraten. Toughe Leute sind dabei, die sich nicht einfach was vorsetzen lassen, sondern mitreden, mitdenken und auch mitentscheiden wollen. Leute, die einen eigenen Kopf haben und den auch benutzen wollen. So mancher Mächtige und Wichtige musste und muss das auch heute noch erst mal schlucken. Doch das gilt ja nicht nur in der Kirche, sondern auch im Staat. Politik könnte oft so einfach sein, wenn Politiker ihre Entscheidungen nicht ständig dem Bürger erklären müssten?

Aber genau darin liegt für mich der Charme jeder Demokratie. Dass ich nicht Befehlsempfänger bin, der nichts zu melden hat, sondern ein Bürger und ein Christ, der mitdenken kann und will. Dass ich die Chance habe, meine Gedanken und Ideen einzubringen. In meinem Dorf, meiner Stadt und auch in meiner Kirche. Ich muss es nur tun. Und darum finde ich es schade, wenn immer wieder Leute maulen: Bringt ja alles nichts. Die machen ja doch, was sie wollen. Stimmt, diese Versuchung gibt’s , im Staat und in der Kirche. Doch gerade darum ist es so wichtig, den Mund aufzumachen. Mitzudiskutieren. Die eigene Sicht ins Spiel zu bringen und sich um den richtigen Weg zu streiten. In meinem Dorf oder meiner Stadt und auch in meiner Kirche.

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