Manuskripte

SWR3 Gedanken

„Was ist für Sie Heimat?“ Als ich das neulich gefragt worden bin, hat mich das total verwirrt.
Klar, ich habe auch bemerkt, dass das Wort Heimat zur Zeit Hochkonjunktur hat – von den Trachtenvereinen über die neuen Rechten bis hin zum Innenministerium. Aber für mich klingt Heimat nach wie vor nach „der Förster im Silberwald“, „Schwarzwaldmädel“ oder anderen Kitschfilmen aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Für die meisten Menschen hat der Begriff Heimat dagegen inzwischen Sehnsuchtscharakter. Das gab es allerdings schon öfter in der Geschichte. Immer dann, wenn die Gegenwart besonders viele Veränderungen mit sich bringt und Menschen Orientierung suchen. Kein Wunder, dass dieser Begriff so viele unterschiedliche Vorstellungen in den Köpfen der Menschen hervorruft .

Heimat ist dann plötzlich das Symbol für Geborgenheit, Vertrautsein, sich-nicht-erklären-müssen, akzeptiert werden, aufatmen usw.

Und wenn ich das jetzt so aufzähle, dann weiß ich auch endlich, was für mich Heimat ist: Mein Glaube.
Ich glaube, dass ich mich Gott gegenüber nicht erklären muss, dass ich mich Gott völlig anvertrauen kann und dort Rückhalt habe, auch wenn sich alles um mich herum verändert.

Und gerade weil ich mich von Gott unbedingt akzeptiert weiß, bekomme ich von dort die Kraft, mit Veränderungen umzugehen. Ja, ich kann sagen: mein Glaube ist meine Heimat, egal, wo ich lebe.

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„Vielleicht sollte ich auch mal Lotto spielen“. Adrian schaut versonnen aus dem Fenster.„Und wenn du gewinnst?“ frage ich ihn, „Was machst Du dann damit?“

Ich bin erstaunt über diese Idee. Lotto spielen! Noch nie habe ich von ihm gehört, dass er gerne mehr Geld hätte.

„Wenn ich gewinne?“, Adrian schaut mich an, „Dann spende ich alles! Ich gebe so gern. Und ich würde so gerne noch viel mehr geben. Für Kinder, für die Umwelt, für Tiere, für arme Menschen, für die AIDS-Hilfe …“ Er strahlt.

Ich lache vergnügt in mich rein. Typisch Adrian: Von seiner Rente kann er seine Miete bezahlen, sein Essen, Kleidung und – Blumen. Er liebt Blumen, am liebsten frisch vom Markt. Dafür reicht sein Geld, aber große Sprünge machen kann er damit nicht. Trotzdem ist Adrian einer der zufriedensten Menschen, die ich kenne.

Für einen kleinen Moment erlaube ich mir eine Phantasie: Adrian als Lottogewinner. Ich stelle mir vor, wie er sich zuallererst 10 Blumensträuße kauft und damit seine Wohnung schmückt. Und dann setzt er sich an seinen Tisch, ein Glas Wein neben sich, einen Stapel Überweisungsträger vor sich.

Ich sehe ihn einen nach dem andern ausfüllen. Große und kleine Summen an große und kleine Initiativen. Ich sehe Adrian Geld verteilen, bis ihm die Hand vom Unterschreiben schmerzt. Eine schöne Vorstellung.

Ich schaue Adrian an. Eine Weile reden wir noch über seine Freude am Leben, ein sehr gleichförmiges, bescheidenes Leben. Dann verabschiede ich mich.

Beim Rausgehen fällt mein Blick auf das Sideboard. Zwei Überweisungsträger liegen darauf. Ich erkenne die Logos, Katastrophenhilfe und ein Kinderbildungsprojekt. Adrian hat kleine Summen eingetragen. Aber ich bin mir sicher, er hat mit einem Strahlen unterschrieben. Ein strahlender Gewinner.

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„Blessings, Klaus“, steht da als Grußformel auf der Postkarte. Ein früherer Kommilitone hat mir geschrieben. Mit wenigen Zeilen hat er mich auf den aktuellen Stand gebracht. Jetzt weiß ich wieder, was er macht, wie es ihm geht und was ihn gerade besonders beschäftigt.

Als Grußformel am Ende schreibt er nicht „Viele Grüße“, auch nicht „herzliche“ oder „liebe Grüße“ oder „lass mal von dir hören“ – nein, er hat „Blessings, Klaus“ geschrieben.

Blessings – Segen – wünscht er mir. Dieser englische Gruß rührt mich an. Blessings, das klingt so unbeschwert, ja alltäglich. Ganz anders als das feierliche und gewichtige deutsche ‚Viel Segen‘.

Blessings – das klingt so, als könnte man es eigentlich jederzeit verwenden und anderen wünschen. Und damit ist der Kern des großen Wortes Segen genau getroffen. Wenn ich jemandem Segen wünsche, sage ich damit, dass ich ihn oder sie Gott anvertraue. Dass ich darauf baue, dass Gott diesen Menschen begleitet, schützt, liebt.

Gerade wenn ich selbst nicht bei der betreffenden Person sein kann, soll Gott durch Segen ihr nahe sein. Gerade wenn ich nicht weiß, wann ich die Person das nächste Mal sehe, spreche ich mit Blessings aus, dass ich sie in Gottes Hand weiß.

Klaus vertraut darauf, dass mich Gottes Segen begleitet, bis wir uns hoffentlich bald mal wiedersehen – ein gutes Gefühl, das ich gerne weitergebe.Bis zum nächsten Mal also: Blessings, Ute

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