Manuskripte

SWR3 Gedanken

Es war toll für mich, als ich mir von meinem ersten Gehalt auch mal was gönnen konnte: Ein gescheites Sofa zum Beispiel oder eine ordentliche Küchenmaschine. Dinge, die als Studentin finanziell eben nicht so drin gewesen waren. Oder mal ausgiebig shoppen gehen, ohne so sehr aufs Geld zu achten. 

Mittlerweile ist das anders. Meine Zeit ist mir oft zu schade, um meinen Samstag im Einkaufszentrum zu verbringen. Und das ständige mehr Kaufen und mehr Haben, machen mich nicht glücklicher. 

Deshalb habe ich ausgemistet und aufgeräumt. Zuerst in der Wohnung. Dann im Keller. Jeden Tag ein Stück. Es kam einiges zusammen: Klamottenfehlkäufe, darunter Dinge, die ich nie getragen habe; Küchenutensilien, die ich nur selten benutzt habe, Zeitschriften, Bücher und Dekosachen, die ich nicht mehr verwende. Das Ergebnis war faszinierend: Alles fühlte sich leichter und luftiger an. 

Schlimm fand ich nur, all die Sachen auf einem Haufen zu sehen. Sachen, die eigentlich noch gut waren. Ich hatte echt ein schlechtes Gewissen. Sie in die Tonne zu werfen, war für mich keine Option. Also habe ich sie verschenkt, weiterverkauft und einer Freundin mit auf den Flohmarkt gegeben. 

Durch die Aufräumaktion ist es mir gelungen Ordnung und Platz zu schaffen. Und o Wunder: Ich vermisse nichts. Die Herausforderung ist jetzt, den Ist-Stand zu bewahren und nicht gleich wieder neue Sachen zu kaufen. Ich finde aber, das habe ich selbst in der Hand! 

Für zukünftige Anschaffungen habe ich immer im Hinterkopf: „Bringt es mir Freude? Inspiriert es mich?“. Mir hilft das, mir klar zu machen, wie ich leben will und was mein Stil ist. 

Ich wünsche mir, dass es mir immer besser gelingt, bewusster zu leben. Und ganz konkret heißt das für mich: auf die eine oder andere Sache verzichten, bewusst kaufen und vor allem nicht jeden Trend mitmachen. Kurzum: glücklich zu sein, nur mit dem was ich wirklich brauche.

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Ich stehe auf. Instagram hat 15 neue Meldungen für mich. Ich habe sie mir nicht ausgesucht, sie werden mir einfach angezeigt. Nach dem Frühstück steige ich ins Auto und lasse mich zu meiner Arbeit navigieren. Die Route habe ich mir nicht ausgesucht, sie wird mir einfach angezeigt. Ich folge ihr. Im Büro erhalte ich per App die Nachricht, dass mein Saugroboter die Wohnung fertig gereinigt hat. Ich habe ihn nicht angestellt, er ist einfach von selbst losgefahren. Nach vier Stunden am Schreibtisch sitzen, vibriert meine Smartwatch und fordert mich auf, mich mal wieder zu bewegen. Ich habe sie nicht darum gebeten. Als ich am Abend noch ein paar Fakten zu meinem nächsten Urlaubsziel recherchiere, vertraue ich voll und ganz auf die Vorschläge der Suchmaschine. 

Das ich den ganzen Tag mehr mit Robotern zu tun hatte, als mit Menschen, wird mir erst so richtig bewusst, als ich mich am nächsten Abend mit meinem Freund Thomas unterhalte. Thomas ist IT-Experte und er hat mich aufgeklärt. 

Von morgens bis abends sagen oder empfehlen mir Algorithmen, was ich tun soll oder entscheiden sogar Dinge für mich, die mein reales Leben ganz konkret beeinflussen. 

Obwohl ich vom technischen Fortschritt grundsätzlich begeistert bin, bin ich total erschrocken darüber, wie sehr künstliche Intelligenzen mich manipulieren. Muss ich wirklich die angezeigten Meldungen auf Instagram lesen und unbedingt die vorgeschlagene Route fahren? Oder muss ich mich zum Sport zwingen lassen, wenn ich mich abends eigentlich lieber ausruhen würde? 

Ich möchte auch weiterhin selbst entscheiden, frei und selbstbestimmt leben. Deshalb muss ich mir jeden Tag wieder klar machen, wie sehr die digitale Welt mich bestimmt. Und das will ich ja gerade nicht. Also: Augen auf und Hirn an bei allem, was ich nutze. Und vielleicht auch manchmal das eine oder andere Gerät einfach ausschalten.

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Es sieht immer alles so perfekt aus, wenn ich das Leben meiner Freunde auf den Sozialen Medien verfolge: Familienausflug am Wochenende, Bergtour mit gigantischem Gipfelblick, Lauftraining in Bestzeit, gesundes leckeres Essen schön angerichtet. 

Manchmal fühle ich mich dann richtig schlecht. Anstatt mich für meine Freunde zu freuen, frage ich mich, wann ich das letzte Mal so richtig viel Zeit mit meiner Familie hatte oder denke mit schlechtem Gewissen an die Tiefkühlpizza gestern Abend. 

Warum machen wir das eigentlich? Uns ständig mit anderen vergleichen?

Alle vergleichen sich miteinander. Egal ob es um Aussehen, Erfolg im Job, Zufriedenheit in der Familie, die Kinder und Erziehungsstile oder den Sport geht. Eine fiese Angewohnheit, die einem richtig die Laune verderben kann. 

In einem Artikel habe ich gelesen, dass das „Vergleichen“ ein psychologischer Prozess ist. Er läuft meist unterbewusst ab. Man geht durch den Tag, nimmt unterschiedliche Personen wahr und vergleicht deren Situationen oder Persönlichkeiten mit sich selbst. Man sieht dabei „nur“ was die anderen alles haben und man selbst nicht. Und dann fängt man an, sich zu kritisieren. Dadurch entstehen negative Gefühle, wie Neid oder Frust. 

Und genau darauf habe ich keine Lust mehr. Ich will damit aufhören, mich ständig mit anderen zu vergleichen. Es macht mich unzufrieden. Und ich sehe gar nicht mehr, was bei mir eigentlich alles gut ist. 

Jeder kann andere Dinge gut, ist anders aufgewachsen oder kann auf andere Möglichkeiten und Ressourcen zurückgreifen. Und jeder Mensch hat einen einmaligen Weg hinter sich. Es hilft mir, das klar zu machen, wenn ich Gefahr laufe, mich wieder zu vergleichen. Stattdessen will ich dankbar sein für das was ist. Wenn mir das gelingt, surfe ich viel gelassener über die Posts und kann mich sogar für die anderen freuen.

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Packen für den nächsten Einsatz. Gerade kam der Anruf: Das Sternenkind ist auf der Welt. In zwei Stunden wird Elisa Hiltscher auf die Familie treffen. Seit ein paar Monaten fotografiert sie ehrenamtlich Sternenkinder. Sternenkinder sind Babys, die im Mutterleib sterben und dann tot geboren werden. 

Auch wenn Elisa mittlerweile eine gewisse Routine hat, ist sie vor jedem Einsatz aufgeregt. In ihrer Wohnung packt sie ihren Rucksack: eine Decke, in die das Baby eingewickelt werden kann; außerdem Kleidung, ein Engelchen und ein Körbchen. Und natürlich die Kamera. 

Das letzte Stück geht Elisa immer zu Fuß. Dadurch hat sie Zeit, nochmal runter zu kommen, bis sie die Klinik betritt. Das ist der Moment, wo ihr Puls steigt – bis sie dann auf die Familie trifft. Sie ist behutsam, begrüßt die Eltern und das tote Kind. Dann beginnt das Shooting. Elisa weiß, was dann zu tun ist. Sie tritt hinter die Kamera und ist voll in ihrem Element. Sie will den Moment ganz den Eltern bzw. der kleinen Familie überlassen. Trotz der Kamera. Sie hält in diesem Augenblick das Leben und den Tod mit ihren Fotos fest.   

Es gibt viele ehrenamtliche Fotografinnen und Fotografen wie Elisa, die für und mit den betroffenen Eltern Erinnerungsfotos machen. Das finde ich unglaublich beeindruckend. 

Die Bilder helfen den Eltern, von ihrem toten Baby Abschied zu nehmen. Und sie helfen ihnen dabei, dem Sternenkind eine Identität zu geben und seinen Tod langfristig in ihr Leben zu integrieren. 

Die Fotos helfen den Eltern und Familien auch, grundsätzlich damit umzugehen, dass ihr Baby gestorben ist. Lebende Neugeborene werden ja auch fotografiert. Und die verstorbenen sind genauso ihre Kinder.

Diese viel zu kurze Zeit mit ihrem Baby, dieses Gefühl: Wir sind Eltern- auch wenn unser Baby gestorben ist. Das alles hält Elisa fest. Ein schönes Gefühl für sie. Und ein unbezahlbares Geschenk für die Eltern.

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Mein Bekannter Sebastian macht einen richtig guten Job. Deshalb bekommt er von seinem Chef immer mehr Aufgaben übertragen – was ihm einerseits schmeichelt, ihm andererseits zusetzt. Der Effekt, den Sebastian sich erhofft hatte, „wenn erstmal dieses Projekt geschafft ist oder wenn erstmal Weihnachten vor der Tür steht, dann…“ ist nie eingetreten. Im Gegenteil. Sebastian hatte am Ende keinen Abend, kein Wochenende oder Urlaub mehr, wo er nicht über seine Arbeit nachgedacht hat. 

Die Geschichte von Sebastian erinnert mich an einen Artikel, den ich über einen Effekt in der Wirtschaft gelesen habe: den sogenannten „Rebound-Effekt“. Das heißt: Alles, was eingespart wird, wird woanders wieder investiert. 

Beispiel: Fernseher. Die Geräte sind energiesparender als bisher und sogar billiger. Also kaufen wir uns einen mit größerem Bildschirm, weil er uns besser und günstiger erscheint. Wenn wir mit dem großen Bildschirm aber weiterhin so viel fernsehen wie bisher, verbrauchen wir auch mehr Energie. Wir sparen also weder Geld noch Energie. Was daraus folgt, ist fatal: Wir schaden unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und letztlich uns selbst. 

Genau das ist auch bei Sebastian passiert: Dass er immer mehr und schneller gearbeitet hat, hat zu noch mehr Arbeit geführt. Bei ihm hat es „Klick“ gemacht. Er hat gemerkt, dass er nicht auf Dauer Vollgas geben kann und will. Nach seiner letzten Gehaltserhöhung ist er zu seinem Chef gegangen und hat seine Stunden reduziert. Er verdient jetzt zwar ein bisschen weniger als bisher, hat aber mehr freie Zeit, in der er sich regenerieren kann. 

Sebastian zeigt mir, dass wir grundsätzlich etwas tun können, um den Rebound-Effekt aufzuhalten, als Konsumenten oder ganz persönlich: (wenn wir) die entstehende Lücke nicht sofort wieder stopfen. Wenn wir die eingesparte Energie nicht gleich wieder verheizen: Ein gleich großer Bildschirm wie der alte Fernseher hatte, tuts doch auch. Wenn wir das eingesparte Geld nicht sofort wieder für Neues ausgeben oder die gewonnene Zeit nicht direkt wieder verplanen, sondern einfach mal Pause machen.

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Emilia lacht und linst durch ihre Brille. Sie ist gerade in Ghana angekommen und genießt „Joloff“. Ein ghanaisches Gericht das aus Reis, Gemüse und Fleisch besteht. 

Emilia ist 19 Jahre alt und stark sehbehindert. Seit ihrer Geburt hat sie an beiden Augen den Grauen Star. Obwohl sie nur 5 % Sehkraft hat, haben ihre Eltern sie nie in Watte gepackt. Sie hat früh gelernt, offen über ihre Behinderung zu reden und zu sagen, was sie braucht. Weil ihre Eltern sie immer unterstützt haben, hat Emilia ihren schulischen Weg trotz ihrer Einschränkung bis zum Abitur gemacht. 

Ihr großer Wunsch war es, danach ins Ausland zu gehen. Emilia hat sich inspirieren lassen von anderen Jugendlichen, die bereits einen Freiwilligendienst im Ausland gemacht haben. Sie hat recherchiert, welche Organisationen es gibt, die einem das anbieten. Emilia hat sich für eine entschieden, die sich für eine gerechte, soziale und nachhaltige Welt einsetzt. Die Organisation entsendet Freiwillige, die behindert sind oder nicht, um auch hier gerecht zu sein. Für Emilia eine große Chance. Denn weil sie so schlecht sieht, ist sie selbst täglich mit Barrieren konfrontiert. Das kann sie in ihren Dienst mitnehmen und weitergeben. 

Emilia ist jetzt für ein Jahr in Westafrika in dem kleinen Fischerdorf Ampenyi. Dort begleitet sie Kinder zur Schule, hilft im Unterricht und gestaltet Freizeitaktivitäten für Kinder  und Jugendliche. Emilia hat sich außerdem vorgenommen, Twi zu lernen; das ist die Sprache der Einheimischen dort. 

Ich ziehe meinen Hut vor Emilia. Das hätte ich mich mit 19 Jahren nicht getraut. Alleine los zu reisen, in ein fremdes Land, ohne die Sprache, den Alltag und die Traditionen der Menschen dort zu kennen. Und ohne alles richtig zu sehen. 

Emilia hat trotz Sehbehinderung keine Angst vor dem Unbekannten. Ich staune darüber, wie mutig sie ist und wie stark sie sich für andere einsetzt. Jetzt ist sie es, die andere inspirieren kann!

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Nils ist ein Freund von mir und wir haben es endlich mal wieder geschafft, uns zu sehen. Wir erzählen uns was wer inzwischen macht und was sonst so passiert ist. Irgendwann kommen wir auf das Thema Beten zu sprechen. 

Nils erzählt mir, wie er früher gebetet hat: seitdem er klein war, immer abends, zusammen mit seinen Eltern. Er kann die Gebete sogar noch auswendig. Auch während seines Studiums hat Nils noch gebetet. Aber dann, hat er damit aufgehört. Er hat gemerkt, dass es gar keinen Unterschied macht, ob er betet oder nicht. Und dass auch nichts Schlimmes passiert, wenn er es nicht tut. Deshalb betet er nicht mehr. Und er vermisst es auch nicht. 

Wozu beten?Über diese Frage von Nils habe ich noch lange nachgedacht. Ich kann diese Frage für Nils nicht beantworten. Aber mir bringt es was zu beten. 

Es gibt mir Kraft für meinen Alltag und das Gefühl: Gott ist bei allem was passiert dabei. 

Es tritt natürlich nicht immer das ein, was ich mir erhoffe. Das muss es auch nicht. Auch wenn das in dem Moment schwer auszuhalten ist. Ich glaube aber, Gott hat einen besseren Überblick als ich. Ich denke, er kommt meinen Anliegen auf seine Weise nach. Das verstehe ich dann nicht immer direkt. Zum Beispiel als meine Cousine Marietta im Sterben lag. Da habe ich Gott angefleht, dass sie wieder gesund wird. Marietta ist aber gestorben. Es war schlimm für mich. Heute schaue ich anders zurück. Ich denke:  Vielleicht war es eine Erlösung für sie. Und damit kann ich Frieden schließen, obwohl ich sie sehr vermisse. 

Ich bete nicht immer nach dem gleichen Schema. Manchmal ist es einfach nur ein Stoßgebet, nicht mehr als ein kurzes „Bitte!“ oder „Danke!“. Und manchmal ist es auch einfach nur still sein. Das Beten verändert auf jeden Fall die Perspektive auf mein Leben und es gibt mir Kraft.

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