Manuskripte

SWR3 Gedanken

“Eile hindert nicht den Tod und Bedächtigkeit hindert nicht das Leben.“ Soll heißen: so sehr ich auch renne, dem Tod entkomme ich nicht. Und wenn ich auch langsam bin, lebe ich, wenn nicht sogar bewusster. „Eile hindert nicht den Tod und Bedächtigkeit nicht das Leben.“ Ein afrikanisches Sprichwort. Ja, in Afrika, da kann man so Sprüche noch machen, da lassen sich solche Lebensweisheiten ja auch noch leben, könnte man sagen – aber bei uns? Bei uns auch! Morgen ist der zweite Advent. Die Adventszeit ist eigentlich dazu da die Eile aus unserem Leben zu nehmen. Denn sie ist eine Vorbereitungszeit. Auf Weihnachten natürlich, aber eine Schippe tiefer gegraben geht es um die Vorbereitung auf mich selbst. Auf meine Ankunft bei mir selbst. Ich kann nichts richtig feiern, Weihnachten oder was auch immer, wenn ich nicht bei mir bin, wenn ich nicht zur Ruhe komme, nicht zur mir selbst komme. Wenn ich nicht in mir bin, kann ich mich auch nicht auf andere Menschen einlassen. Nicht mit ihnen zusammen sein oder gar feiern. Und wenn ich nicht bei mir selbst angekommen bin, dann kann ich schon gar nicht meine Fühler nach dem ganz anderen, dem Heiligen ausstrecken. Nach dem was an Weihnachten eigentlich gefeiert wird. Dass da ein Gott Mensch geworden sein soll. Das ist schon im Kopf kaum auszuhalten und wie dann im Herzen, wenn das so voll oder hektisch betäubt ist?

„Eile hindert nicht den Tod und Bedächtigkeit hindert nicht das Leben.“ Ein afrikanisches Sprichwort – wie geschaffen für den deutschen Advent. Denn was ich auch tue, mein Tun ist begrenzt. Aber wenn ich es bewusst und bedächtig tue, wird Leben daraus!

 

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Die Zeit rast, und zack, schon wieder ist fast eine Arbeitswoche vorbei. Oft, zu oft vergehen die Tage wie im Flug. Warum eigentlich empfindet man den Alltag als so rasend schnell? Und je älter man wird, umso schneller scheinen die Jahre ins Land zu ziehen. Woran liegt das? Wissenschaftler haben eine Erklärung dafür gefunden: Sie haben festgestellt dass einem die Zeit, die man mit Tätigkeiten verbringt, die man kennt und bei denen nichts Neues passiert, kürzer erscheint. Solche immer gleichen Routinearbeiten könne man sich im Gedächtnis als eine gerade Linie vorstellen. Im Gegensatz dazu Neues und Unbekanntes als Zacken und Umwege. Die gerade Linie der Routine nehmen wir unbewusster, automatischer und schneller wahr. Die Zacken der neuen Erfahrungen und ungewohnten Tätigkeiten empfinden wir bewusster und langsamer.

Je älter wir werden, desto mehr Erfahrungen und Dinge gibt es, die wir kennen und routinemäßig erledigen. Und desto schneller scheint eben die Zeit zu vergehen. Den Menschen, die darunter leiden, Menschen, die die Zeit ab und zu anhalten, festhalten wollen, raten die Wissenschaftler „Rüttle dein Leben wach!“! Mach Umwege und Zacken in Dein Hirn. Soll heißen: Stopp den Alltag immer wieder, unterbrich ihn, damit Du Dein Leben nicht irgendwann als Nulllinie erinnerst. Sondern als gefüllte Zeit. Mit Dingen, die dir gut getan haben und Menschen, mit denen du gern zusammen warst.

Übermorgen ist der zweite Advent. Die Adventszeit ist eigentlich dazu da:    Es ruhiger angehen zu lassen, etwas ganz Anderes zu machen, mich aus der traumlosen Routine zu wecken, mein Leben wach zu rütteln, damit es lebendig bleibt. Damit ich wieder zu mir, zu mir selbst komme. Und über mich hinaus…

 

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 Heute ist der 1. Dezember. Und damit ist auch Weihnachten nicht mehr weit. Für nicht wenige ist der Advent auch eine gefürchtete  Stresszeit. Wer es gut mit einem meint in diesen Tagen, sagt: Tu langsam, stress dich nicht. Ist ja wunderbar und sicher auch gut gemeint, aber wie soll das denn gehn ? Es gibt wenig das schwieriger ist, als aus festgefügten Bahnen auszusteigen. Ich probiers immer mal wieder. Oft scheitere ich, weil ich mir zu viel vorgenommen habe: Wenn alles gleich ganz anders werden sollte, dann wird gar nichts anders. Das ist meine Erfahrung. Was ich gerade probiere ist, wo es geht, etwas weniger machen. Das ist auch schon nicht schlecht. Also zum Beispiel abends etwas weniger essen, das macht den Kopf klarer uns lässt mich dann auch besser schlafen. Oder, wenn es irgendwie geht, ein bisschen weniger arbeiten – das lässt Zeit für Anderes und Andere. Oder ein bisschen weniger schnell Auto fahren – runter von der Überholspur und entspannter ankommen. Oder ein bisschen früher aufstehen, um den Tag ruhiger, bewusster zu beginnen. Ihn vielleicht sogar kommen zu sehen, diesen sanften Wechsel von der Nacht zum Tag. Überhaupt, mehr sehen und mehr hören durch das Wenigere, das Langsamere, das Stillere. So könnte die Adventszeit weniger stressig sein. Mit ein wenig weniger. Heute.

 

 

 

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„Wenn sich Deine Wahrnehmung verändert, verändert sich auch Deine Wirklichkeit“. Das hört sich theoretischer an als es ist. Wahrnehmen -    das heißt wirklich zu sehen, zu hören oder zu spüren was gerade passiert. Und so versuchen, die Dinge oder die Menschen in ihrem Wesen zu erkennen. Das ist - wenn es einem auch nur ansatzweise gelingt – ziemlich schön. Braucht aber Zeit. Die Adventszeit ist eine gute Zeit dafür. Mit der vielen Dunkelheit, der Kälte und dem Gefühl nach Rückzug. Eine Zeit um die Welt ein wenig aus der Distanz zu betrachten. Und ihr genau dadurch wieder näher zu kommen. Ich weiß, das ist schwer, gerade in der stressigen Vorweihnachtszeit. Trotzdem oder gerade weil’s so unmöglich erscheint: mal versuchen die Handbremse zu ziehen. Alles einen Gang langsamer machen. Und das eine oder andere ganz bewusst. Ich mach das schon seit ein paar Jahren. Die Adventszeit nutzen als eine Zeit der Entschleunigung – der heilsamen Entschleunigung. Die Adventszeit zum Anlass nehmen um die Welt anders wahrzunehmen, sie wieder klarer zu sehen. Um mich selbst wieder wahrzunehmen, zu spüren in meinem Innersten. Wahr-nehmung – das ist nicht nur ein Wortspiel. Wenn ich mir Zeit nehme für die Dinge, für die Menschen, für mich selbst, dann kann ich sie auch besser in mich aufnehmen, sie besser verstehen. Was dann auch tatsächlich meine Wirklichkeit verändern kann. Wenn ich erkenne was wahr ist. Und das ist oft schön, manchmal hart, aber immer der erste Schritt zum Besseren.

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„Wer Warten kann hat viel getan“. So ein altes Sprichwort. Aber mit Warten verbindet man doch eher Rumsitzen und Nichtstun. Vielleicht stimmt das Sprichwort ja, wenn es mit Warten meint, die Dinge mal ruhen zu lassen. Das kann manchmal produktiver sein als immer nur dynamisch und aktiv. Wenn man mal nach der Herkunft des Wortes „warten“ schaut, dann findet man, dass es ursprünglich „auf der Warte wohnen“ heißt. Also den Überblick bekommen, Ausschau halten und bewachen. Das Wort „warten“ hat aber noch eine zweite Bedeutung: Auf etwas achthaben, pflegen. Das kennt man. Vom Auto. Wenn man das Auto warten lässt. Geschieht aber das, was beim Auto selbstverständlich ist, bei mir als Mensch denn auch regelmäßig? Lasse ich mein Leben auch regelmäßig „warten“? Und wie könnte das gehen? Am Sonntag war der 1. Advent. Die Adventszeit ist eine gute Gelegenheit zu einem Kundendienst für mein Leben. Mal checken was sich so tut an Leib und Seele, wo es nicht rund läuft, holpert oder gar Aussetzer gibt. Wenn ich das, was mich antreibt, einmal zur Ruhe kommen lasse, wenn ich mein Leben mal warten lasse, im doppelten Sinn warten lasse, dann kann sich mein Herz öffnen und sich mein Blick weiten. Dann kann ich achtsam werden. Achtsam – das könnte heißen: mich verlangsamen, mich selbst und die Welt um mich herum wahrnehmen, anders wahrnehmen, neu wahrnehmen. Nicht im Vorbeirauschen, sondern mit Zeit. Achtsam, das könnte heißen hinschauen auf das, was wesentlich ist. Auf die Körperhaltung eines Menschen, auf seine Ausstrahlung, seine Augen. Achtsam sein könnte hinhören heißen. Nicht nur auf das, was jemand sagt, sondern wie er es sagt. Auf die Zwischentöne achten. Und achtsam könnte schließlich auch heißen: Still werden. Still sein. Die innere und äußere Ruhe einmal aushalten, sie mal wieder erfahren oder genießen. Je nach dem.

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Es gibt Tage, da bist Du so im Stress, da weißt Du nicht mehr wo Dir der Kopf steht. Ein paar Tage geht das ja, aber wenn der Stress zum Dauerzustand wird, wird’s gefährlich. Dann kann es sein, dass man den Draht zu sich selbst verliert. Und grantig wird, traurig oder gefühllos. Da ist es gut jemanden in der Nähe zu haben, der das merkt und versucht einem aus diesem Zustand raus zu helfen. Genau das macht ein Brief, der über 900 Jahre alt ist, aber genauso gut heute geschrieben sein könnte. Ein Brief des Theologen Bernhard von Clairvaux an Papst Eugen III. Bernhard von Clairvaux war der Lehrer des Papstes. Und dieser Papst war durch sein Amt dermaßen im Stress, dass ihm sein alter Lehrer folgenden Brief geschrieben hat:

 „Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen. Denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du, eingekeilt in deine zahlreichen Beschäftigungen keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest. Dass du dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz hart wird. Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit nur nicht dir selbst? Wer aber mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann er gut sein? Denke also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht, tu das immer, ich sage nicht, tu das oft, aber ich sage, tu das immer wieder einmal: Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, …(oder sei es wenigstens nach allen anderen.)“

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„Europa sieht aus als würde es brennen“. Das hat der deutsche Astronaut Alexander Gerst gesagt. Als er mit der Raumfähre ISS über Europa geflogen ist und es dort Nacht war. November-Dezember sind die dunkelsten Monate im Jahr und Europa leuchtet in diesen Monaten nachts sicher noch heller als sonst. Mit all der Weihnachtsbeleuchtung, die die Dunkelheit dieser Jahreszeit heller machen soll. Ich mag diese dunklen Monate auch nicht so sehr. Denn die Dunkelheit kann sich auch auf die Seele legen. Trotzdem ist es wichtig sie immer mal wieder auszuhalten. Die Dunkelheit um mich herum und die Dunkelheit in mir. Die Dunkelheit um mich herum kann mir helfen mich nicht zu sehr ablenken zu lassen, mehr nach innen zu schauen, mich auf weniger zu konzentrieren, aber auf das richtig. Die innere Dunkelheit kann Angst machen wie die äußere. Und man muss vorsichtig sein, sich nicht in ihr zu verlieren. Sich aber meine dunkle Seite mal anzuschauen und sich ihr eine Weile auszusetzen, das kann heilsam sein. Dabei meine ich aber nicht, dass Menschen, die in einer Depression sind, sich dieser allzu lang und ohne Beistand aussetzen sollen. Nein, Depressionen können so furchtbar schwarz sein, dass erst mal Medikamente und dann eine Therapie helfen müssen. Es gibt aber auch dunkle Seiten im Menschen, die keine Depression sind. Und sich diesen auszusetzen kann wirklich heilsam sein. Weil sie mir wesentliche Bereiche meines Menschseins zeigen:

die Stellen wo ich mich unsicher fühle, wo ich orientierungslos bin oder schwach. Wenn es mir gelingt sie anzuschauen, sie eine Weile auszuhalten, allein oder in Begleitung, dann schrecken sie mich auch nicht mehr so sehr. Weil ich dann spüre, dass auch sie ein Teil von mir sind. Aber eben nur ein Teil und der andere ist Licht. Selbst wenn es draußen dunkel ist. Einen schönen 1.Advent heute.

 

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