Manuskripte

SWR3 Gedanken

11JUL2020
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Ich sitze beim Frisör und biege mich vor Lachen.

Die Kundin neben mir erzählt gerade das Neueste. Sie sagt: „Mein Bruder, der Daniel, der wohnt ja jetzt mit seiner Freundin zusammen. Mit Klara.“ „Ach, wirklich?“ „Ja, und jetzt hat mir Daniel ein Foto vom Schlafzimmer geschickt. Rosa Bettwäsche, rosa Boxspringbett, rosa Tapete, alles in rosa.“ „Echt?“ meint die Frisörin, „dann weiß man ja wer bei denen die Hosen anhat.“ Da fangen die beiden an zu kichern und meine Frisörin und ich müssen auch schon grinsen. Dann sagt meine Frisörin: „Na, das war aber bestimmt nicht seine Entscheidung… alles rosa.“ Jetzt kriegen wir uns alle nicht mehr ein vor Lachen.

Aber warum eigentlich? Lachen wir auf Daniels Kosten, weil er sich scheinbar nicht durchsetzen kann? Wahrscheinlich schon. Im ersten Moment war die Sache mit dem rosa Schlafzimmer einfach nur lustig, aber später ist mir aufgefallen, dass ich gar keine Ahnung habe von Klara und Daniel. Vielleicht ist rosa ja nicht die Lieblingsfarbe von Klara, sondern die von Daniel und er hat sich mit dem Schlafzimmer bei ihr durchgesetzt. Dann habe ich im Frisörladen in die völlig falsche Richtung gedacht.  

Bei meinem Mann und mir gibt es auch so einen Punkt, wo viele denken: „Aha, da hat sich der Mann aber nicht durchsetzen können.“ Mein Mann hat meinen Nachnamen angenommen und gerade am Anfang haben wir uns einige blöde Sprüche dazu anhören müssen. Das war ganz schön verletzend. Denn mein Mann und ich haben es uns mit der Entscheidung nicht leicht gemacht. Wir haben offen darüber geredet und dann haben wir uns zusammen für meinen Namen entschieden.

Daran habe ich beim Frisör nicht gedacht. Aber jetzt ist mir klar, dass es Klara und Daniel womöglich genauso geht, wie meinem Mann und mir damals. Dass Leute sich ein Urteil erlauben, obwohl sie keine Ahnung haben.

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10JUL2020
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Erst Rassist und dann eine 180-Grad-Wende und jetzt Kämpfer gegen rechts. Das hat Derek hinter sich. Derek ist ein weißer US-Amerikaner. Er ist heute 27 und bis zu seinem Studium war er eigentlich immer nur mit Leuten zusammen, die rassistisch denken. Für ihn war es normal Menschen in Rassen einzuteilen und andere zu unterdrücken, weil sie die falsche Hautfarbe haben oder Juden sind. Derek ist von seinen Eltern extrem rechts erzogen worden. Sie haben ihn sogar von der Schule genommen, weil es dort einen schwarzen Lehrer gab.  

Nach dem Schulabschluss zieht es Derek irgendwie an eine kleine Uni in Florida, obwohl er dort gar nicht hinpasst. Dort studieren junge Leute aller möglichen Nationen zusammen, nicht nur Weiße. Mathew ist einer der Studenten dort und Mathew ist strenggläubiger Jude – also eigentlich das Schlimmste für Derek.

Die beiden lernen sich kennen und Mathew kriegt schnell raus, dass Derek ein Rassist ist, ihn also hasst, einfach weil er jüdisch ist.

Genau an dem Punkt macht Mathew etwas Verrücktes: er lädt Derek zum Essen ein, und das nicht nur einmal. Und was genauso verrückt ist: Derek nimmt die Einladung an. Jede Woche, immer freitagabends, essen die beiden zusammen. Und Woche für Woche verändert sich etwas bei Derek.

Obwohl die beiden nie über Politik reden, denkt Derek langsam anders. Irgendwann brechen die ganzen Theorien in seinem Kopf zusammen. Er denkt nicht mehr rechts, jetzt denkt Derek frei.

Irgendwann entschuldigt er sich öffentlich für das, was er früher gemacht hat. Und er fängt wieder zu kämpfen an, dieses Mal aber gegen rechts. Derek ist heute einer der (!) amerikanischen Helden gegen Rassismus.

Aber in der Geschichte gibt es auch noch einen anderen Helden: Mathew. Der ist mindestens genauso wichtig. Nur weil er offen war und Derek in seine Küche geholt hat und zugelassen hat, dass die beiden sich überhaupt kennen lernen, nur deswegen konnte Derek sich ändern.

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09JUL2020
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Es gibt mitten in der Corona-Pandemie etwas, was mir richtig Angst macht: wenn ich mir vorstelle wie sich das Coronavirus auf Lesbos ausbreitet oder in einem anderen Flüchtlingslager in Griechenland. Die Menschen dort können sich kaum wehren.

Sie leben viel zu eng aufeinander, da kann niemand wirklich Abstand halten. Von regelmäßigem Händewaschen ganz zu schweigen.

Corona ist längst in den griechischen Lagern angekommen und es kann gut sein, dass es gerade jetzt irgendwo dort zu den ganz großen Ausbrüchen kommt.

Ich finde es beschämend, dass sich Europa so wenig um diese Menschen kümmert. Gut, Deutschland hat vor ein paar Monaten ein paar Kinder da rausgeholt, aber das waren viel zu wenige. Warum schafft es Europa nicht diese furchtbaren Lager endlich aufzulösen?

Ich bin eine Europäerin und ich wollte irgendetwas tun für Lesbos. Ich habe im Netz etwas entdeckt. Das war ganz leicht und es hat ohne großes Geld funktioniert.

Ich musste nur möglichst viele selbstgenähte Masken auftreiben. Die habe ich für Lesbos gesammelt. Leider kann ich selbst überhaupt nicht nähen, aber ich kenne einige, die machen das mittlerweile aus dem Eff-Eff. Meine Tante zum Beispiel oder die Freundin meiner Mutter. Die haben sich für mich nochmal an die Nähmaschine gesetzt, beziehungsweise für die Menschen in den Flüchtlingslagern.

Dann habe ich nur noch das Päckchen gerichtet und weggeschickt. Alles andere machen die Leute von „europecares“. Auf Deutsch heißt das: „Europa kümmert sich“. Hinter dem Projekt „europecares“ stecken ein paar junge Europäer, denen Europa nicht egal ist. Sie sorgen dafür, dass die Masken wirklich auf Lesbos ankommen. Außerdem sammeln sie auch noch Desinfektionsmittel und Geld. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ steht hinter „europecares“, das gibt mir ein gutes Gefühl.

Und die Postadresse, wo das Päckchen mit den Masken hinmuss, die ist im Netz leicht zu finden. Stichwort: „europecares“.

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08JUL2020
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Ich brauche keinen Fernseher, ich habe einen Storch!

Denn auf dem Strommast direkt neben unserem Haus hat im Frühjahr ein Storchenmännchen sein Nest gebaut. Seitdem habe ich einen echten Storchenkrimi am Fenster.

Ich habe alles mitbekommen: wie der Storch wochenlang Äste und Moos hergeflogen hat, wie er ein Weibchen angelockt hat und dabei ständig geklappert hat – zu jeder Tages- und Nachtzeit. Dann haben sich die beiden gepaart und ich konnte es kaum erwarten endlich das Storchenbaby zu sehen.

Störche sind richtig schöne Tiere, ich finde sie sehen erhaben aus, richtig prächtig und stolz. Und wie sie sich um ihre Jungen kümmern, so unermüdlich.

Jetzt habe ich erfahren, dass Störche aber auch richtig brutal sein können. Sie werfen zum Beispiel, wenn sie zu viele Junge haben, die Schwächsten einfach aus dem Nest.

Es ist bei den Störchen ein bisschen so wie bei den Menschen. Wir Menschen können uns auch unendlich kümmern und für andere liebevoll sorgen. Aber gleichzeitig kann jeder Mensch auch ganz plötzlich brutal werden oder gemein. Jedenfalls kenne ich das von mir, dass ich, wenn mein Ego irgendwie angekratzt ist, meine Krallen ausfahre. Dann kann es schon mal sein, ich wünsche jemand anderem was Schlechtes an den Hals, oder ich rede so richtig fies über jemanden.

Störche sind wunderbare Tiere und trotzdem sind sie brutal.

Und wir Menschen? Wir können auch wunderbar sein, aber so richtig, von innen raus, sind wir das erst, wenn wir unseren Kopf einschalten. Wenn wir uns selber stoppen können, dann wenn wir rücksichtslos sind. Wenn ich das schaffe, dass ich mich in so einem Moment kurz neben mich selber stelle und anhalte, dann ist das ein Zeichen für wirkliche innere Größe. Dann bin ich kein stolzes Tier, aber ein Mensch, der stolz auf sich sein kann.

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07JUL2020
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Wir kommen aus dem Urlaub heim und müffeln.

Mit meiner Familie war ich in den Ferien auf dem Bauernhof. Da ist die Ferienwohnung direkt neben dem Kuhstall und jeden Abend dürfen die Kinder im Stall mithelfen. Unsere Kinder sind da mit Begeisterung dabei und wir Erwachsenen erholen uns. Aber klar, auf einem echten Bauernhof, da riecht es eben.

Nur will ich nach dem Urlaub diesen Gestank nach Kühen und Gülle nicht in meiner Wohnung haben. Deswegen müssen jetzt erstmal alle duschen und die dreckige Wäsche kommt gar nicht erst ins Haus rein, die sortieren wir lieber im Hof.

Während ich so im Hof zwischen den Wäschebergen stehe, kommt mir was in den Sinn, was ich mal von einem überzeugten Veganer gehört habe. Der hat gefordert: „Jeder, der Fleisch ist oder Milch trinkt, soll die Gülle, die dabei entsteht, im eigenen Garten entsorgen.“

Die Forderung ist krass und unrealistisch, aber irgendwie auch wahr. Es ist eben nicht okay, wenn ich ohne Ende Milch trinke und mich gleichzeitig nicht dafür interessiere, wo die Milchbauern mit ihrer Gülle hinsollen und was die riesigen Mengen von Methan im Boden bewirken.

So gesehen, ist es eigentlich auch in Ordnung, dass wir so direkt nach unserem idyllischen Bauernhofurlaub nach Kuhstall müffeln. Wir trinken ja auch Milch, essen Eier und ab und zu Fleisch.

Und eigentlich wäre es auch richtig, wenn ich nach jedem Cappuccino, den ich trinke, ein bisschen nach Kuhstall rieche. Dann wäre mir immer bewusst, wie sehr die Viehwirtschaft die Umwelt belastet und auch wieviel Arbeit generell in der Landwirtschaft steckt. Da würde ich wohl mit Milch, Eiern oder Fleisch noch viel bewusster und sparsamer umgehen.  

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06JUL2020
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„Kinder haben eine Lobby.“ Dieser Satz passt zu heute, dem 6. Juli 2020. Denn heute vor zwanzig Jahren hat der Bundestag ein Gesetz für die Kinder beschlossen. Im Gesetzbuch klingt das so:

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Ich bin Mutter von drei Kindern und bei mir liegen die Nerven auch oft blank. Wenn ich erschöpft bin oder nicht mehr weiterweiß, dann kann es schon vorkommen, dass ich eins der Kinder mal kräftig anpacke oder sie alle drei einfach nur anschreie.

Wenn das passiert, dann denke ich an eine Geschichte von Astrid Lindgren. Die hilft mir, dass ich wieder respektvoller mit den Kindern umgehe. Die Geschichte bringt gut rüber, was in einem Kind vorgeht, wenn die Mama oder der Papa Gewalt anwendet.

Anna ist eine junge Mutter und sie lebt in einer Zeit, in der eine Tracht Prügel noch ganz normal war. Ihr kleiner Sohn hat etwas Schlimmes angestellt. Wie es so üblich ist schickt sie ihn in den Garten. Der Kleine muss dort einen Stock suchen, mit dem Anna ihn dann schlagen will.
Der Junge geht los und kommt erstmal lange nicht zurück. Irgendwann aber steht er weinend vor seiner Mama und sagt: „Ich habe keinen Stock gefunden, aber hier ist ein Stein, den kannst du ja nach mir werfen.“

Da muss Anna mit ihrem Sohn mitweinen, denn ihr ist plötzlich klar, was der Junge gedacht haben musste: „Meine Mama will mir wirklich wehtun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.“
Anna nimmt ihr Kind dann in den Arm. Und den Stein legt sie ins Küchenregal. Seitdem erinnert er sie an das, was sich Anna an diesem Tag selbst versprochen hat: Niemals Gewalt!

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05JUL2020
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Deutsche Soldaten, die im Ausland kämpfen, Panzer, Waffen, Bombenangriffe. Wenn ich das alles höre, weiß ich nicht, was ich denken soll. Da sind tausend Fragen in meinem Kopf. Einerseits stehe ich dem Militär sehr skeptisch gegenüber, andererseits weiß ich auch, dass eine realistische Politik auch ein Militär braucht.

Jetzt habe ich Andi kennengelernt.

Andi ist der Partner von meiner Freundin Katja. Ich bin gleich von ihm begeistert. Er ist ein netter Typ, ruhig, humorvoll und ausgeglichen. Auf meine Frage: „Und, was machst du beruflich?“, sagt Andi: „Ich bin Soldat. In den letzten Jahren war ich die meiste Zeit im Ausland: in Kabul, in Kunduz, am Schluss in Masar e Sharif.“

Ich bin perplex. Andi bei der Bundeswehr? Er wirkt gar nicht wie ein typischer Soldat. Oder besser so, wie ich mir einen Soldaten vorgestellt habe: ein harter Kerl, der ständig irgendwelche Kommandos gibt.

Andi erzählt, dass er Unteroffizier ist und dass er für vieles verantwortlich war, vor allem im Hubschrauber in Afghanistan. Da hat er seine Kameraden vom einen in den nächsten Einsatz geflogen oder er hat Verletzte ins Lazarett gebracht.

Ich freue mich, dass ich Andi kennengelernt habe. Ich glaube es hat sich bei mir was verändert, eben weil ich den Soldaten Andi jetzt kenne.

Ich bin immer noch kritisch und ich habe nach wie vor viele Fragen: Lohnt sich das alles? Das unendlich viele Geld, das für Rüstung ausgegeben wird? Ist es überhaupt richtig, wenn Andi und andere Soldaten in Afghanistan oder woanders kämpfen? Bringt das Frieden?

Andi sagt: „Genau diese Fragen stelle ich mir auch.“

Ich weiß jetzt, was sich bei mir durch Andi verändert hat: wir müssen an diesen Fragen dranbleiben. Denn nur wenn wir kritisch Fragen stellen, wenn wir nachdenken und miteinander reden, kann die Welt überhaupt zum Frieden finden.

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