Manuskripte

SWR3 Gedanken

30SEP2020
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In meiner Schulzeit vor vielen Jahrzehnten waren es vor allem die Lauten, Schrillen, die immer aufgefallen sind. Die, die ihre Antworten und Kommentare einfach ungefragt in die Klasse brüllten. Ich hab nie dazugehört, war eher der „stille Typ“. Einer, den manche Lehrer schon deshalb öfter mal übersehen haben.

Das ist zwar alles schon Ewigkeiten her, aber auch heute sind es noch immer die Lauten, die als erste auffallen. Die mit ihrem Auftreten und ihrem Geschrei die politischen Debatten und die Kommentare in den Zeitungen dominieren. Vor allem jetzt wieder, wo eine Minderheit lautstark gegen eine vermeintliche Corona-Diktatur auf die Straße zieht. Ich finde das schade, denn ich glaube, dass in Wirklichkeit die Zahl der Menschen, die gerade still unter der aktuellen Situation leiden, noch viel, viel größer ist. Mir fällt in meinem direkten Umfeld sofort die ältere Dame aus der Nachbarschaft ein, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Aus Angst, sich anzustecken, traut sie sich kaum mehr unter Menschen. Oder die Kollegin, die ich nur noch selten im Büro antreffe, weil sie die meiste Zeit im Homeoffice sitzt. Den gemeinsamen Austausch mit ihr vermisse ich sehr. Aber ich denke auch an all die Bekannten, die mir hin und wieder gestehen, wie erschöpft und niedergeschlagen sie sind. Einfach, weil ihnen menschliche Kontakte nun bitter fehlen. Das enge Beisammensein. Die Umarmungen von lieben Bekannten und Freunden.

Wie es aussieht, wird das noch eine ganze Weile so sein. Umso wichtiger, sich nicht nur um die Schreihälse zu kümmern, sondern vor allem die Stillen und Zurückgezogenen nicht zu vergessen.

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29SEP2020
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Zehn Euro für ein Steak? So manchem dürfte da beim Einkauf an der Fleischtheke erstmal die Luft wegbleiben. Doch das ist ungefähr der Preis, den es kosten müsste. Dann nämlich, wenn wirklich alle Kosten eingepreist wären. Das katholische Hilfswerk MISEREOR weist gemeinsam mit Wissenschaftlern darauf hin. Viele Lebensmittelpreise spiegeln nämlich nicht den wahren Preis wider. Dann nämlich, wenn man alle Kosten, die ihre Produktion für die Umwelt bedeutet, mit einrechnen würde: Für das Grundwasser, das durch zu viel Nitrat verschmutzt ist. Für all die Insekten, Vögel und Kleintiere, die schon verschwunden sind. Oder für schädliche Gase, die ausgestoßen werden und unsere Atmosphäre belasten. Was mich an der Studie beeindruckt hat: MISEREOR zeigt nicht mit dem Finger auf eine bestimmte Gruppe. Da sind also weder die Bauern die Buhmänner, noch wir geizigen Verbraucher, die nicht mehr Geld für Lebensmittel ausgeben wollen. Für MISEREOR ist es ein grundlegender Fehler im System.

Trotzdem kann ich als Endverbraucher auch schon jetzt was tun und das meiste davon ist längst bekannt. Meinen Fleischkonsum reduzieren etwa. Der Trend geht definitiv wieder zum Braten nur am Sonntag. Aber auch: Viel öfter zu biologisch erzeugten Produkten greifen. Letztlich aber, sagt MISEREOR, braucht es ein anderes System. Und da sei die Politik gefragt. Ein System, in dem Bauern umweltschonend und zu gerechten Preisen produzieren können. In dem aber auch die Menschen, die es nicht so dicke haben, sich gute, gesunde Lebensmittel leisten können. Ich ahne schon: Das dürfte ein ziemlich langer Weg werden. Aber einer, wie ich finde, der sich unbedingt lohnt.

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28SEP2020
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„Ich will so bleiben wie ich bin.“ Die Melodie zu dem alten Werbeslogan hab ich gleich im Ohr. Denn die ist mindestens so eingängig wie der Slogan selbst. Und offensichtlich trifft der bei vielen auch einen Nerv. Denn mich verändern zu müssen macht nun mal Stress und stört den gewohnten Trott ganz gewaltig. Nein, wenn‘s geht, dann bleib ich auch lieber wie ich bin.

Das Dumme ist nur. Es geht nicht immer. Denn es gibt eben nicht nur Dinge, die ich selber beeinflussen kann. Das neue Outfit zum Beispiel oder die andere Frisur. Es gibt auch Veränderungen, die mich treiben, ohne dass ich das will. Der Klimawandel gehört dazu. Gegen Gluthitze im Sommer kann ich mich kaum noch schützen. Ich muss wohl neu lernen, mit ihr zu leben. Und seit diesem Jahr kommt auch noch ein Virus hinzu. Mit Verhaltensregeln, die ich nicht mag, die aber nötig und sinnvoll sind. Masketragen zum Beispiel. Oder auf eine Umarmung verzichten, obwohl ich die alte Freundin schon ewig nicht mehr gesehen habe.

Gegen all das kann ich mich auflehnen, protestieren, mich einfach nicht dran halten. Nur wird deshalb der Klimawandel nicht aufhören. Und auch das Virus wird damit nicht schneller verschwunden sein. Ich muss mich arrangieren. Ob ich will oder nicht, manchmal kann ich einfach nicht so bleiben, wie ich bin.

Der englische Heilige Thomas More hat das, was dazu nötig ist, in einem Gebet ganz passend umschrieben: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. 

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27SEP2020
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Der Baum in meinem Garten ist dieses Jahr voll von dicken, reifen Äpfeln. Dumm ist nur, dass nicht nur ich mich darüber freue, sondern auch ein paar Mitbewohner in meinem Garten. Vögel, die daran herumpicken und jede Menge Wespen. Die machen sich über die beschädigten und teils schon angefaulten Äpfel her. Das nervt.

Klar, ich könnte mir die Mühe machen, die hungrigen Mitbewohner so gut es geht von meinem Baum zu vertreiben. Aber zum einen würde das sowieso kaum klappen. Zum anderen sind die Äpfel für mich ja eine Art Gratiszugabe. Sie wachsen da einfach ohne mein Zutun. Und zu meinem Glück brauche ich sie auch nicht zu meinem Lebensunterhalt. Hab ich deswegen also mehr Ansprüche darauf als die Vögel, die sich darüber hermachen? Eigentlich nicht.

Mein voller Apfelbaum ist für mich darum ein Bild, das zeigt, was gerade schief läuft bei uns. Denn wenn der Mensch sich breitmacht und alle, die ihn stören verjagt, totspritzt oder aussperrt, dann geht das eben nicht lange gut. Dass inzwischen drei Viertel der Insekten verschwunden sind und auch immer weniger Vögel in unseren Gärten leben, kommt ja nicht von ungefähr. Leben geht auf Dauer nur mit der Natur und nicht gegen sie. Denn Leben heißt nicht, sich um jeden Preis durchzusetzen, sondern sich miteinander zu arrangieren. Heißt Geben und Nehmen. Anders klappt es nicht.

Und auch wenn mich jeder angefressene Apfel nervt. Ich freue mich auch über die, die ich jetzt trotzdem unversehrt und unverdient ernte. Und die paar, die es nun weniger sind, gönne ich den Vögeln und Insekten - wenn sie dafür auch nächstes Jahr wieder meinen Garten bevölkern.

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