Manuskripte

SWR3 Gedanken

Ich habe fünf Cousinen. Und zu jeder ist mein Verhältnis anders. Aber mit einer von meinen fünf Cousinen, fühl ich mich besonders verbunden. Mit Katharina. Wir sind wie Schwestern aufgewachsen. Der gleiche Kindergarten, die gleichen Schulen. Wir kennen uns einfach gut. Wenn ich meine Cousine treffe, dann passt das nicht nur gut, sondern dann lebe ich auch irgendwie auf.

In der Bibel gibt es auch zwei solche Cousinen, die verstehen sich auch so gut, wie Katharina und ich. Die eine ist Maria, wie sie gerade mit Jesus schwanger ist. Und die andere ist Elisabeth, Marias ältere Cousine. Bei den beiden braucht keine viel reden, die Eine spürt sowieso, wie es der anderen geht.

In der Bibel ist an einer Stelle genau dieser Effekt ganz gut beschrieben: sie verstehen sich ohne Worte.

Es ist so: Maria ist ungewollt schwanger geworden, alles ist neu für sie und jetzt hat sie auch noch das Gefühl, dass alle über sie reden. Deswegen flüchtet sie sich zu ihrer Cousine, die weiter weg wohnt. Als die sie unter der Haustür begrüßt, braucht Maria gar nichts groß zu sagen. Elisabeth weiß gleich Bescheid: dass Maria schwanger ist sowieso, aber auch, dass ihr Baby von Gott kommt und Maria deswegen eine Menge vor sich hat.

Maria ist total erleichtert: endlich jemand, der sie versteht. Sie fängt spontan an, ein Lied zu singen, so gut tut ihr das. Maria singt: „Mein Gott, wie ich mich freue. Eigentlich ist mein Ego gerade so klein mit Hut, aber jetzt weiß ich: mit Gott werde ich noch richtig glücklich.“

Wie befreiend, das sein kann, wenn man eine Cousine hat. Oder einfach jemanden, der einen versteht – ohne große Worte.

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Es gibt Tage, an denen liebe ich mein Dorf.

Zum Beispiel wenn meine Tochter ihren Puppenbuggy beim Brötchen holen in der Bäckerei vergisst. Und es dann ein paar Stunden später bei uns an der Haustür klingelt. Es ist Evi aus der Bäckerei. Sie sagt: „Ihr habt euren Puppenbuggy vergessen. Wo soll ich ihn abstellen?“

An solchen Tagen mag ich es im Dorf zu leben. Weil Evi mich kennt, weiß wo ich wohne und mir dann auch noch nach Feierabend unsere Spielsachen hinterherträgt.

Logisch, es gibt auch Tage, an denen nervt mich mein Dorf. Zum Beispiel wenn meine Tochter in der Öffentlichkeit einen Riesen-Trotz-Anfall bekommt oder wenn ich ungeduscht und ungeschmickt bin und trotzdem dringend was einkaufen muss. Da ist das anstrengend, dass dich jeder kennt und dass einen manche auch ganz schön beobachten.

Im Dorf zu leben bedeutet für mich mehr, als nur im Grünen zu wohnen, wo es ruhiger ist. Es spielt schon eine Rolle, dass ich immer wieder die Gleichen treffe und dass man sich kennt. Gut, ich könnte drei, vier Kilometer mit dem Auto fahren und woanders Brötchen kaufen. Dann wäre ich freier und nicht so beobachtet. Aber das will ich nicht.

Mir gefällt es, dass man im Dorf mit vielen Leuten Kontakt hat und viele kennt. Ich glaube es ist dann manchmal leichter, dass man sich ein bisschen um den Anderen kümmert und einander hilft.

So wie Evi aus der Bäckerei.

Ich liebe mein Dorf.

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„Irgendwie habe ich Gott wie einen vergesslichen Opa behandelt.“ Den Satz habe ich von einem Pfarrer gehört. Der hat mit diesem seltsamen Vergleich erklärt, wie sein Verhältnis zu Gott früher war. Heut ist das anders.

Der Pfarrer hat gesagt: „Früher habe ich Gott behandelt wie einen alten Opa, der in meinem Leben immer dann da ist, wenn ich ihn brauche. Das heißt, wenn es mir schlecht gegangen ist, habe ich gebetet. Wenn es mir gut gegangen ist, habe ich ihn, wie so einen Opa im Rollstuhl aus meinem Leben hinausgeschoben. Dabei habe ich Gott ja eigentlich wie einen vergesslichen Opa behandelt, weil ich gedacht habe: ich hole ihn einfach wieder rein und er merkt es gar nicht, wie lange er aus meinem Leben draußen war. Ich tu einfach so, als ob ich Gott grad gestern besucht habe.“

Der Vergleich ist heftig. Und es ist auch nur ein Vergleich. Natürlich hat der Pfarrer nichts gegen alte Opas und Gott ist kein Mensch wie du und ich. Gott ist sicher völlig anders als ich mir das vorstelle. Aber trotzdem, der Vergleich mit dem Opa, der hat was in mir angestoßen. Ich kenn das, dass ich mit Gott manchmal nicht aufrichtig umgehe und ich denke, dass es Gott vollkommen egal ist, wie oft ich ihn in mein Leben schiebe. „Vollkommen egal“ in dem Sinne, dass er mich eh immer nimmt wie ich bin und dass er auch dann für mich da ist, wenn ich ihn nicht ständig auf dem Schirm habe.

Aber ich glaube: Gott ist eben nicht wie ein vergesslicher Opa, sondern wie ein Jungspund, der jeden Tag tausend Ideen hat, wie er in mein Leben kommen kann. Also kann ich ihn auch jedes Mal „wie neu“ behandeln.

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