Manuskripte

SWR3 Gedanken

Eine Strafe Gottes - für was auch immer. Es gab schon immer Leute, die so was nach globalen Katastrophen behauptet haben. Es gab sie, als vor fast 40 Jahren plötzlich Menschen an Aids erkrankten. Es gab sie, als ein Tsunami in Indonesien eine viertel Million in den Tod gerissen hat und jetzt gibt es sie natürlich auch wieder. Das ist nicht nur zynisch gegenüber dem Leid der Betroffenen. Für mich haben diese Leute auch eine ziemlich seltsame Vorstellung von Gott. Für sie ist Gott offenbar ein Oberlehrer, der es nötig hat, hin und wieder den Rohrstock rauszuholen. Um Menschen kollektiv für ein angebliches Fehlverhalten zu bestrafen.

Es stimmt, dass es diese Vorstellung in der Bibel gibt. In der Geschichte von der großen Flut etwa, die alles wegrafft, weil die Menschen so schlecht waren. Wenn ich aufmerksam die Bibel lese merke ich aber auch, dass es darin nicht nur dieses eine Bild von Gott gibt. An der Bibel ist schließlich rund 1000 Jahre geschrieben worden. Für mich heißt das, dass Menschen zu unterschiedlichen Zeiten Gott eben ganz unterschiedlich wahrnehmen. Und dass wir deshalb nie sagen können: Schau, genau so ist Gott und nicht anders.

Für mich als Christ ist aber das Bild wichtig geworden, das Jesus von Gott gezeichnet hat: Das eines Gottes, der die Menschen liebt. Der auch dem letzten Verirrten nachgeht, weil er keinen aufgeben will. Der sich den Kranken und Gescheiterten besonders nah weiß. Warum also sollte dieser Gott dann Katastrophen schicken, die die Alten und Kranken besonders treffen? Für mich ist das einfach absurd.

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„Wenn jeder an sich selber denkt ist an alle gedacht.“ Diesen Spruch habe ich schon immer gehasst. Eine zynische Umschreibung für rücksichtslosen Eigennutz. Hauptsache ich hab meine Schäfchen im Trockenen. Wer nach mir kommt, der hat Pech gehabt. Klar, solche Leute gab‘s schon immer, aber im Moment fallen gerade die besonders unangenehm auf, die sich unsolidarisch und asozial verhalten. Durch Hamsterkäufe etwa oder unnötige Parties.

Und dennoch glaube ich, dass das nicht die Mehrheit ist. Ich höre und lese auch von den vielen jungen Leuten, die gerade unerwartet viel Zeit haben und ein Teil dieser Zeit für andere investieren wollen. Schulen und Unis haben dicht gemacht und viele von ihnen kommen gerade nicht weiter. Und statt rumzuhängen engagieren sie sich. Nicht alle, klar, aber immerhin viele von ihnen. Helfen etwa mit, wo sich Menschen nicht mehr raus zum Einkaufen trauen, weil sie besonders gefährdet sind. Sie sind die andere Seite, leben Solidarität. Christen nennen es auch Nächstenliebe.

Ich glaube, wie eine Gesellschaft wirklich tickt wird erst dann so richtig deutlich, wenn es mal eng wird. Wenn eine heftige Krise plötzlich alle betrifft. Wenn Solidarität mit den Schwachen mehr denn je zuvor gefragt ist. Ja, wenn sie sogar lebenswichtig wird.

Und ich hoffe und bete, dass unsere Solidarität auch dann noch anhält, wenn die Gefahr irgendwann vorüber ist. Denn dann werden sie all jene dringend brauchen, die ihr Geschäft und ihre Existenz verloren haben. Wie großartig wäre es, wenn der Satz dann lauten würde: „Wenn jeder auch an den anderen denkt, erst dann ist wirklich an alle gedacht.“

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Bis vor kurzem hab ich mich gefreut, dass ich eines der begehrtesten Dokumente der Welt besitze. Meinen dunkelroten Reisepass. Weil er mir, falls ich das will, die Grenzen von 189 Ländern dieser Erde öffnet. Nur den Bürgern aus Japan und Singapur stehen noch ein paar mehr Länder offen.

Doch jetzt, wo fast überall die Grenzen dicht sind, nützt mir mein kostbarer Reisepass für erste nicht mehr viel. Das wertvolle Dokument ist mit einem Schlag ziemlich wertlos geworden. Das ist genau die Erfahrung, die Menschen machen, deren Pass sich am unteren Ende dieser Rangliste wiederfindet. Die geringste Reisefreiheit genießen nämlich die Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Ihr Pass ist auch sonst kaum etwas wert. Zufall ist das nicht.

Natürlich gibt es gute Gründe, dass die Grenzen auch für Menschen wie mich gerade dicht sind. Und sie vermitteln mir zumindest ein vages Gefühl davon, wie es all den Flüchtlingen gehen muss, die schon so lange vor dichten Grenzen stehen und nun noch weniger Chancen haben, hindurch zu kommen. Ihre Situation hat sich nochmal dramatisch verschlimmert, denn wir haben hier jetzt andere Sorgen.

Auch wenn das menschlich verständlich sein mag, aus dem Blick verlieren möchte ich diese Menschen in Not trotzdem nicht. Denn bei allen Einschränkungen und Ängsten im Moment genügt ein kurzer Blick über meinen Tellerrand, nach Norditalien etwa oder auf die Insel Lesbos, um zu wissen: Es geht mir hier trotz allem noch vergleichsweise gut.

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