Manuskripte

SWR3 Gedanken

Mein Kollege Tobias macht mit Schülern im Religionsunterricht gerne ein Experiment:

er holt eine Freiwillige nach vorne und bittet sie, sich Schuhe und Socken auszuziehen. Damit sie das nicht allein tun muss, macht er auch mit. Er breitet eine Decke auf dem Boden aus mit einem Haufen Glasscherben. Dann fragt er die Schülerin, ob sie sich traut, sich da drauf zu stellen. Tobias verspricht, dass nichts passiert und bietet an, als erster auf den Scherben zu stehen.

Wenn die Schülerin mitmacht, stellt sie fest, es passiert ihr tatsächlich nichts. Aber es ist ein gutes Gefühl sich überwunden zu haben. Eine Mischung aus erstaunt und stolz sein.

Tobias macht das Experiment zum Thema Glauben. Für mich ist das sehr eindrücklich. Und für die Schülerinnen auch.

Glauben heißt vertrauen. Die Schüler vertrauen darauf, dass es stimmt was ihr Lehrer sagt. Sie vertrauen und dann trauen sie sich.

Glauben braucht Mut. Es scheint nicht 100%ig sicher, dass nichts passiert. Die Schüler müssen mutig sein, um sich auf das Experiment einzulassen. Dann erfahren sie, dass sie auf Scherben stehen können.

Glauben heißt auch Leute zu kennen, die ebenfalls glauben. Die davon überzeugt sind, dass an der Sache mit Gott was dran ist. Die Schüler haben bisher erfahren, dass man dem Lehrer trauen kann. „Wenn der das macht, dann kann ich das auch.“

Bei dem Experiment mit den Scherben sichert Tobias sich ab. Die Scherben sind alle stundenlang in Wasser abgekocht und haben ihre scharfen Kanten verloren.

Diesen doppelten Boden gibt es beim Glauben nicht. Ich verlasse mich dabei auf die vielen Menschen, die erfahren haben, dass Gott in ihrem Leben dabei ist. Dass ihr Glaube sie trägt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27956

„In der Kirche bleiben oder gehen?“ Ein Gesprächsabend im Gemeindehaus. Mit dabei: Evangelische, katholische und ausgetretene Christen. Leute die nicht wissen, ob sie bleiben oder gehen. Und solche die geblieben sind.

Einige berichten davon, wie weh ihnen die katholische Kirche getan hat und wie verletzt sie waren. Bis sie endlich entschieden haben zu gehen. Andere erzählen, dass sie auch gerne gehen würden aber nicht können. Da sagt ein Teilnehmer: „Ich kann Ihnen sagen, warum Sie nicht gehen können. Katholisch sein ist ein Körpergefühl.“

Katholisch sein ist ein Körpergefühl. Ich weiß, das klingt im Zuge des Missbrauchsskandals problematisch. Um den geht es dabei aber nicht hauptsächlich.

Katholisch sein als Körpergefühl. Das ist schwer zu beschreiben, trifft für mich aber den Nagel auf den Kopf. Das Katholische ist einfach sehr sinnlich. In Gottesdiensten z.B.: sitzen, stehen, knien, Glocken, Orgel, singen, Weihrauch, Brot und Wein. Das alles kann ich mit meinen Sinnen erfassen. Ich kenne das seit ich ein kleines Kind bin und ich fühle mich wohl damit.

Nicht immer. Ich sehe die großen Probleme, die meine katholische Kirche mit sich selbst hat. Der Missbrauchsskandal, nur Männer in wichtigen Positionen, wenig offen für das, was in der Welt wirklich passiert. Da kann ich mich nicht wohlfühlen.

Aber im Gottesdienst bin ich zuhause. Oder wenn ich mit Leuten besondere Aktionen durchführe oder über den eigenen Glauben spreche. Dann wird mir wieder klar, worum es eigentlich geht: um Gott, um diese sensationelle Botschaft, dass ich schlicht und ergreifend immer geliebt bin.

Gerade wegen dieses Körpergefühls kann Kirche Menschen so sehr verletzen. Wenn so eine körperliche Verbindung verletzt oder durchtrennt wird, hab ich Schmerzen. Und gute Pflaster werden leider zu wenig angeboten.

„Katholisch sein ist ein Körpergefühl“ dieser Satz macht es mir nicht leichter. Aber seit ich ihn kenne, verstehe ich selbst besser, warum ich in dieser Kirche bin und bleibe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27955

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