Manuskripte

SWR3 Gedanken

Mit diesen Gedanken feiere ich Zahlen. Genauer gesagt: Zahlenfolgen. Denn die 110 und die 112 haben heute Geburtstag. Auf den Tag genau vor 46 Jahren wurden sie deutschlandweit als Notrufnummern eingeführt. Seither können Menschen in Not diese Nummern wählen und innerhalb kürzester Zeit erhalten sie Hilfe. Ich selbst habe sie auch schon mal gewählt und war unglaublich dankbar, dass innerhalb kürzester Zeit ein Krankenwagen kam. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass es eine Nummer gibt, die man in der Not wählen kann.

Leider funktioniert das so nicht überall und auch nicht in jeder Lebenslage. Denn es gibt Menschen, die inmitten von Hunger, Armut und Gewalt leben und keine Chance haben, einfach eine Nummer zu wählen, damit ihnen geholfen wird. In solchen Ländern schafft man es entweder, das Familienmitglied aus eigenen Kräften ins Krankenhaus zu schleppen, oder es stirbt einfach. Man schafft es, sein brennendes Haus aus eigener Kraft zu löschen oder es brennt eben ab. Allein den Gedanken daran finde ich furchtbar. Und es macht mir bewusst, was für ein Glück ich habe, dass ich hier lebe. Und welch ein Segen, dass es in Deutschland diese Notrufnummern gibt.

Mit ihrem heutigen 46. Geburtstag sind die 112 und 110 allerdings noch jung, im Vergleich zur Nummer der Telefonseelsorge. Denn diese wird im Oktober sogar schon 63 Jahre alt. Ihre Nummer lautet  0800/111 0 111. Am anderen Ende der Leitung hören Menschen zu, die helfen. Sei es nur durchs Zuhören oder durch einen guten Rat. Auch in speziellen Notsituationen, wie häuslicher oder sexueller Gewalt, Depressionen. Suizidgedanken oder bei Mobbing.Bei der Telefonseelsorge arbeiten alle ehrenamtlich.

Und allein dort gehen in Deutschland pro Jahr fast zehn Millionen Anrufe ein. Es müssen unglaublich viele Menschen sein, denen seit der Gründung der Telefonseelsorge geholfen wurde. Und mit diesem Gedanken, feiere ich heute nicht nur die Nummern, sondern vor allem die Menschen, die den Hörer abnehmen, wenn man eine dieser Nummern wählt.

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Als ich einen Einkaufswagen ziehe, bin ich überrascht. Er ist nicht angekettet. In seinem Schloss steckt ein Euro. Ich drehe mich kurz um, kann aber meinen Vorgänger nicht ausmachen. Schließlich gehe ich einkaufen. Als ich den Wagen zurückbringe, überlege ich einen Moment, den Euro einzustecken, entscheide mich aber dagegen. Vielleicht freut sich der Nächste genauso wie ich über den unerwarteten Fund. Ich lasse den Euro stecken und schiebe den Wagen hinein, bleibe aber ein paar Schritte entfernt stehen, um zu sehen, was weiter geschieht.

Tatsächlich kommt kurz darauf eine junge Frau. Ich sehe die überraschte Freude in ihrem Gesicht, als sie den Euro entdeckt. Sie blickt sich kurz um. Dann schiebt sie den Wagen hinein, nimmt den Euro aus der Halterung und steckt ihn in ihre Tasche. Anschließend steckt sie ein Plastikmärkchen hinein, zieht den Wagen und geht einkaufen. Damit habe ich nicht gerechnet.

Eine ältere Dame neben mir lacht plötzlich auf: „Tja, so ist das im Leben. Die einen geben`s weiter, die anderen nicht“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Offensichtlich hat sie die Situation mitbekommen. Die alte Dame geht zu ihrem Auto, doch ihre Worte hallen in mir nach: „Tja, so ist das im Leben. Die einen geben`s weiter, die anderen nicht.“ Automatisch fallen mir Erbangelegenheiten ein, Immobilien, Schmuck, Bücher, Dinge von persönlichem Wert. Aber auch Werte, Moralvorstellungen, Verhaltensweisen und auch der Glaube. Alles Dinge, die man weitergeben kann. Aber eben nur kann. Als Gebender kann man immer nur das Angebot machen. Was der Nächste, daraus macht, ist seine Sache.

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Einguter Freund und Mentor hat mal zu mir gesagt: „Es ist schön, wenn du das Leben als bunte Blumenwiese sehen kannst. Aber du musst immer auch an die Menschen denken, die inmitten von Disteln leben.“ Wow. Was für ein starkes Bild. Es lässt mich nicht mehr los. Vielleicht, weil es stimmt und zugleich auch nicht. Vielleicht wirkt mein Leben auf andere wie eine Art bunte Blumenwiese. Aber das liegt nur daran, dass ich gelernt habe, wie man mit Disteln leben kannund das Unkraut rupft.

Denn vielleicht ist das Leben ja wie eine Blumenwiese: Wie verschiedene Blumen wachsen Gedanken, Erfahrungen und Beziehungen auf einer Lebenswiese. Manche sind schön, manche seltsam. Manche sind eher klein und unscheinbar, andere auffällig, groß und leuchtend. Und je unterschiedlicher die Blumen, desto interessanter die Lebenswiese.

Je mehr ich mich um meine Wiese kümmere, desto höher die Chance, das sie immer schöner wird. Natürlich gibt es keine Wiese ohne Unkraut und Disteln: Die schlechten Erfahrungen und negativen Erlebnisse. Und natürlich kann ich diese mit Mut, Geduld und Nachsicht jäten, aber: Unkraut und Disteln kommen immer wieder. Umso wichtiger, dass jeder seinen eigenen Weg findet, mit dem Unkraut umzugehen. Es klein zu halten oder auszuhalten, damit man die Schönheit der eigenen Lebenswiese genießen kann.

In erster Linie muss ich mich selbst um meine Lebenswiese kümmern. Aber vielleicht findet sich sogar ab und an ein netter Nachbar oder ein professioneller Gärtner, der mir unter die Arme greift, wenn mir das Unkraut über den Kopf zu wachsen droht. Wichtig ist, dass ich mich liebevoll um meine Lebenswiese kümmere. Damit die Blumen wachsen und gedeihen. Denn letztendlich ist doch jeder sein eigener Gärtner.

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Es ist einer der Momente, die ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Dabei beginnt alles ganz harmlos: Am Straßenrand sitzt eine Obdachlose und bettelt. Ihre Haare sind verfilzt, ihre Kleidung ist schmutzig. Sie sitzt auf einem alten Pullover. Aus Mitleid werfe ich zwei Euro in den Becher, der vor ihr steht.

Danach gehe ich in eine Kirche. Ich möchte ein paar Minuten der Stille dort verbringen und für meine verstorbene Oma beten. Aus dem Augenwinkel nehme ich plötzlich wahr, wie jemand an mir vorüber geht. Es ist die obdachlose Frau, an der ich eben erst selbst vorbei gegangen bin. Sie geht zum Seitenaltar und wirft Geld in die kleine Kasse. Dann nimmt sie eine Kerze und zündet sie an. Schweigend setzt sie sich in eine der Bankreihen und schließt die Augen. Ich hab ein etwas ungutes Gefühl, dass ich sie beobachte, während sie sich in ihr Gebet vertieft. Und doch ist es ein Moment, den ich nicht bereue. Weil er so besonders ist:

Während die Frau betet, scheint plötzlich die Sonne durch das bunte Glas des Kirchenfensters. Mit einem Mal erscheint die obdachlose Frau überhaupt nicht mehr bemitleidenswert. Im Gegenteil.  Das bunte Licht lässt sie in fröhlichen Farben erstrahlen. Auf ihren Haaren tanzen helle Lichtpunkte und auf einmal fällt mir auf, wie schön ihr Gesicht eigentlich ist. Es wäre vielleicht übertrieben, zu behaupten, in göttlichem Licht erscheint alles anders, aber in diesem Moment erscheint es mir so. Ich frage mich, was diese Frau erlebt hat. Was sie auf die Straße gebracht hat  Was in ihr vorgeht und wer sie ist.

Bei diesem wunderbaren Anblick geht mir durch den Kopf, dass ich manche Menschen vielleicht einfach nur in einem falschen Licht betrachte. Dass das, was ich auf den ersten Moment bei Menschen wahrnehme, ihnen oft nicht gerecht wird.

Es ist ein stiller Moment. Doch ein erhellender. Ein Moment, in dem ich mir vornehme, Menschen, die ich kennen lerne immer zweimal zu betrachten: Einmal so, wie sie sich präsentieren und einmal in einem anderen, vielleicht bunteren und helleren Licht.

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Ein guter Freund nimmt mich mit zu einem seiner Lieblingsorte. Es ist der Österberg, inmitten der Universitätsstadt Tübingen. Von dort aus kann man auf die Stadt hinunter schauen. Der Anblick macht mich sprachlos. Vermutlich ist es derselbe Blick, den man von jedem beliebigen Berg in jeder beliebigen Stadt hat: Der Blick auf Unmengen von Häusern, die vor einem liegen wie eine kleine Spielzeugstadt. Doch an diesen Häusern erkenne ich auch Fenster. Jede Menge davon. Und mir wird klar, dass hinter all diesen Fenstern Menschen leben. Jede Menge davon. Und dass jeder dieser Menschen eigene Gedanken, Gefühle und Erlebnisse hat. Jede Menge davon.

Das alles macht mich für einen Moment sprachlos. Ich fühle mich groß, wie ich da so stehe auf dem Berg und auf all die winzigen Häuschen hinabschaue. Und zugleich fühle ich mich winzig klein, weil mir klar wird, dass ich einer von ihnen bin: Einer der winzigen Menschen hinter einer der winzigen Glasscheiben, auf die ein anderer von oben herab schauen kann. Auch ich habe meine eigenen Gedanken, Gefühle und Erlebnisse. Doch in diesem Moment weiß ich, dass sie nur einen Bruchteil jener auf der Welt darstellen.

Auf der einen Seite ist das furchtbar, weil es sich anfühlt, als seien meine Empfindungen belanglos. Bedeutungslos angesichts so vieler schwererer Schicksale, schönerer Gedanken und größerer Gefühle. Aber andererseits gibt es mir auch ein Gefühl, mittendrin zu sein. Ich, als Mensch, gehöre mit all meinen Gedanken, Gefühlen, Erlebnissen, mit meinem Leben dazu. Ich bin ein Teil der Menschheit, von der wiederum ein kleiner Teil hier gewissermaßen zu meinen Füßen liegt.

Die Menschen, das Leben, die Welt sind so viel größer, als ich es je erfassen könnte. Und in diesem Moment macht es mich glücklich, daran glauben zu können, dass es in Gott einen noch viel Größeren gibt, dem ich mein Leben anvertrauen kann. Der den Überblick behält, wenn ich ihn verliere. Und der mich trotz seiner Größe nicht klein macht.

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„Gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden“, sagt ein Sprichwort. Wow, das ist mal eine Ansage. Der Beste? Und dann auch noch jeder Tag? Das scheint mir doch ein bisschen viel Superlative. Deshalb würde ich das Sprichwort abändern: „Gib dir selbst die Chance, etwas Besonderes in jedem Tag zu erkennen.“

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, habe ich mal versucht, an jedem Tag bewusst nach etwas Besonderem zu suchen. Und siehe da: es gab tatsächlich keinen Tag, an dem ich nicht fündig geworden wäre. Einmal war  es der Geburtstag eines lieben Menschen. Einmal ein Schmetterling, der plötzlich auf meiner Hand gelandet ist. Einmal ein unerwartetes Lob von einem Arbeitskollegen. Dann der Besuch eines wunderbaren Theaterstücks. Leider gab es aber auch schmerzliche Besonderheiten: Ein Sturz. Ein Unfall. Eine Trennung. Eine Erkrankung. Trotzdem machen auch sie einen Tag besonders.

Im besten Falle kann ich ein bisschen nachhelfen, um einen Tag positiv besonders zu machen: Ein Lächeln verschenken. Einen Raum umgestalten. Einen Ausflug machen oder vielleicht eine Liebeserklärung?

Ich bin der festen Meinung, dass jeder Tag im Leben eines Menschen es verdient hat, als besonderer Tag erkannt und anerkannt zu werden. Mit all seinen positiven und negativen Seiten. Manche Tage sind besonders schön und manche leider auch besonders schrecklich. Doch wenn ich das Besondere in meinem Leben zulasse, dann lebe ich bewusster.

Und vielleicht geht es genau darum: Teil von etwas Besonderem zu sein. Teil von dem zu sein, was sich das Leben nennt. Selbst besonders zu sein. So, wie jeder Tag, den ich bewusst erlebe.

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