Manuskripte

SWR3 Gedanken

Was passiert eigentlich mit Kirchengebäuden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden? Wenn zum Beispiel zwei Kirchengemeinden zu einer Gemeinde werden. Ein erster Schritt ist dann, dass die Kirche „entwidmet“ wird. Dazu feiern die Gemeinden einen festlichen Abschiedsgottesdienst. Jetzt sind es keine Räume mehr, die nur für Gottesdienste genutzt werden. Was aber soll dann mit ihnen geschehen?

In der Regel versuchen die Kirchengemeinden, Nachnutzer für die Gebäude zu finden. Manchmal finden sie andere christliche Gemeinden wie zum Beispiel eine christlich-orthodoxe Gemeinde, die darin ihren Gottesdienst feiert. Manchmal kaufen aber auch Geschäftsleute die Gebäude, die mal Kirchen waren. In Berlin gibt es zum Beispiel eine Galerie in einem ehemaligen Gottesdienstraum. Oder in Bielefeld wurde eine Kirche zum Restaurant.

Es gibt aber auch ganz normale Privatleute, die ein Kirchengebäude kaufen, um darin zu wohnen. Ein Ehepaar zum Beispiel wohnt jetzt im ehemaligen Gotteshaus. Umgebaut haben sie erst mal gar nicht viel. Sie haben viel offenen Raum. Und sie haben auch schon gemerkt: Es ist gar nicht so einfach, so ein Kirchengebäude im Winter ordentlich warm zu bekommen und zu halten.

Wenn ehemalige Gottesdiensträume als Gebäude mit Kunst, gemeinsamem Essen und alltäglichem Leben gefüllt werden, das gefällt mir. Für mich passt das zu meinem christlichen Glauben. Der lebt ja nicht nur sonntags im Gottesdienst. Der lebt auch und gerade im Alltag, wo wir unser Leben mit anderen teilen. Und manchmal mit Musik, Skulpturen oder Bildern etwas ausdrücken, was mit Worten nicht auszudrücken ist.

Das finde ich großartig. Für mich kommt das schon ziemlich nah an das, wofür Gotteshäuser da sind: Sich selbst, anderen und Gott näherkommen und ahnen, worum es im Leben wirklich gehen könnte.

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Zu schnell gewesen. Das Auto fliegt von der Strecke. Überschlägt sich. Kracht in die Streckenabsperrung. Der Fahrer ist zum Glück unverletzt. Aber er ärgert sich. Wie bekloppt.

Szenen wie diese haben sich vor einigen Tagen bei uns im Gemeindehaus abgespielt. Dort stand nämlich eine riesige Spielzeugrennbahn mit ferngesteuerten Spielzeugautos, vier Spuren, Zeitmessung und allem Pipapo.

Wer schon mal so ein ferngesteuertes Spielzeugauto gefahren hat, weiß: Eben noch super unterwegs, fliegt das Auto ganz plötzlich von der Strecke. Das geht ganz schnell. Zum Glück geht es im echten Leben nicht so schnell. Obwohl? Auch da kann man schnell aus der Bahn geraten. „Ich wollte nur einen lustigen Spruch fallen lassen und jetzt hab ich eine Freundin verletzt. Wie krieg ich das wieder hin?“ Oder: „Ich habe mir und den anderen zu viel zugemutet – und jetzt ist das Projekt gegen die Wand gefahren.“ Das habe ich schon öfter gehört. Manche hadern lange damit. Aber hilft das weiter?

Bei uns im Gemeindehaus hatten wir neben den Spuren mehrere Streckenposten. Die haben die rausgeflogenen Autos wieder auf die Bahn gesetzt und die Fahrt konnte weiter gehen. Nach dem Motto: Rausfliegen? Weitermachen!

Eigentlich ganz einfach. Um weitermachen zu können, braucht es „Streckenposten“, Menschen, die einen wieder einspuren. Oft sind das Leute, die einem auch mal eine unangenehme Wahrheit sagen. Und es sind Freunde, denen man sich anvertrauen kann, egal, was passiert. Die zu einem halten.

Für mich ist auch Jesus wie so ein Freund. Einer, der mich wieder auf die richtige Spur setzt. Er hat sich besonders um die gekümmert, die das Leben aus der Bahn geworfen hatte. Sogar wenn sie selbst dran schuld waren. „Niemand muss liegenbleiben“, hat Jesus gesagt. Deswegen: Rausfliegen? Weitermachen!

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Unseren Kindern merkt man manchmal an, dass sie Pfarrerskinder sind. Vor dem Einschlafen sagte mal das jüngere unserer beiden Kinder: „Ich weiß, was wir an Ostern feiern: den Geburtstag vom Osterhase.“ - „Ne, das stimmt doch nicht“, sagte die Ältere. „Da feiern wir, dass Gott wieder aufgestanden ist.“ – Darauf der Jüngere: „Nein, nicht Gott. Das war der andere. Gott ist im Himmel!“ Und die Ältere: „Ja, der Jesus.“

Was unsere Kinder da mal kurz am Abend verhandeln, das ist nicht nur lustig. Es ist ein theologisches Thema, über das sich Menschen seit knapp 2.000 Jahren den Kopf zerbrechen. Wie ist das denn mit Gott und Jesus? Wie kann Jesus Gott sein und wie kann Gott am Kreuz sterben? Oder ist da nur der Mensch Jesus gestorben? Und lässt sich das überhaupt trennen, Jesus als Mensch und Jesus als Gott?

Diese Fragen beschäftigen mich in den kommenden Wochen wieder intensiv. Heute am Aschermittwoch beginnt nämlich die Fastenzeit. Die heißt auch Passionszeit und dauert bis Ostern, also noch 40 Tage, ohne die Sonntage. Und in der Passionszeit denken wir in der Kirche traditionell an das Leiden Jesu. Bis er eben am Kreuz gestorben ist.

Jedes Jahr beschäftige ich mich damit, wie man das verstehen soll mit Jesus. Als Mensch und als Gott. Und jedes Jahr entdecke ich neue Antworten. Manchmal sind es für mich richtig große Dinge. Wie das eine Mal. Da ist mir klar geworden, wie bedingungslos sich Jesus für alle Menschen einsetzt. Das inspiriert mich. Und ich versuche, es ein bisschen so zu machen wie er.

Mir hat das auch für die Frage nach Jesus und Gott geholfen. Denn ich glaube, dieser kompromisslose Einsatz für alle Menschen, das kommt von Gott her. Und so kompromisslos wie Jesus, hat das wohl sonst niemand gelebt. Aber wenn ich versuche, auch so zu leben, macht mich das irgendwie freier und menschlicher.

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Müssen Tote immer auf dem Friedhof beigesetzt werden? Diese Frage ist mir in letzter Zeit immer wieder begegnet. Ich hatte als Pfarrer viele Beerdigungen zu halten.

Aktuell sind die meisten Bestattungen sogenannte Urnenbestattungen. Die Verstorbenen werden zuvor feuerbestattet, also im Krematorium verbrannt. Die Asche kommt in eine Aschenkapsel, die dann dauerhaft verschlossen wird. Und die wird dann in einer Zierurne auf dem Friedhof beigesetzt.

Urnen könnten aber auch anderswo beigesetzt werden. Zum Beispiel im geliebten Garten unter einem Baum. Oder eine Urne könnte auf dem Kamin im Wohnzimmer stehen. Ich kann solche Wünsche gut nachvollziehen. Trotzdem finde ich es gut, wenn Verstorbene auf dem Friedhof bestattet werden.

Denn sogenannte anonyme Bestattungen waren eine Zeit lang recht weit verbreitet. Bei anonymen Bestattungen weiß fast niemand, wo genau die Urne beigesetzt wurde. Es gibt keine Grabsteine oder sonstige Markierungen. Nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Friedhofs, wissen, wer wo seine irdische Ruhestätte gefunden hat. Denn die nehmen diese Bestattungen allein vor.

Es hat sich dann aber gezeigt: Viele Angehörige und Freunde möchten gerne wissen, wo genau ihre Lieben bestatten sind. Wo das Grab ist. Es tut ihnen gut, einen konkreten Ort zu haben, um dort trauern zu können. Zu wissen: Genau hier ruht meine geliebte Frau. Mein geliebter Mann. Die Eltern, Großeltern. Die Nachbarin, der Nachbar. Und dieser Ort sollte für alle zugänglich sein, die so trauern möchten.

Dafür sorgt der Friedhof. Wenn eine Familie umzieht, bleibt die Urne nicht im Garten zurück. Gibt es Familienstreit, können trotzdem weiterhin alle zum Grab kommen, wenn die Urne nicht auf dem Kamin steht. Und auch Nachbarn oder Freunde können einfach so zum Grab. Das finde ich wichtig. Deswegen finde ich es gut, dass Verstorbene auf dem Friedhof beigesetzt werden.

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Jede Wohnung ist anders. Als Pfarrer besuche ich viele Leute und sehe viele Wohnungen. Und immer sehe ich andere Wohnungen. Einmal, da habe ich mich mit einem Architekten unterhalten, der hat schon viele Wohnhäuser gebaut. Und der hat mir gesagt: Die Wünsche der „Häuslebauer“ und Wohnungskäufer sind alle unterschiedlich. Die einen wollen eine große Wohnküche, andere lieber mehrere kleinere Räume für verschiedene Hobbys. Manche wollen viel Glas und freien Blick raus.

Wie unterschiedlich wir alle sind, das zeigen unsere Wohnungen. Wer immer es kann, richtet sich seinen Wohnraum so ein, dass er ideal zu den eigenen Vorlieben passt. Und so soll es auch sein.

„In Gottes Haus gibt es viele verschiedene Wohnungen.“ Das sagt Jesus einmal zu seinen Freunden. Sie hatten sich grade darüber unterhalten, wie es wohl nach dem Tod sein wird. Ob da die Seelen heimatlos durch die Welt geistern, ob sie wiedergeboren werden mit einem besseren oder schlechteren Karma, oder ob sie in der Hölle schmoren. Und Jesus sagt ihnen: „Ihr seid geborgen in Gottes Haus. Und in Gottes Haus gibt es viele verschiedene Wohnungen.“

Ich finde das einen spannenden Gedanken. Wir Menschen sind nach dem Tod bei Gott, sagt Jesus. Irgendwie. Wie in einem großen Haus. Und darin gibt es viele Wohnungen. Als ob wir auch dort, bei Gott, verschiedene Vorlieben oder Hobbys hätten.

Und noch etwas finde ich bemerkenswert. Jesus spricht nicht von einem Straßenzug oder mehreren Häusersiedlungen. Wenn wir bei Gott sind, dann sind wir zwar in eigenen Wohnungen. Aber wir sind alle unter einem Dach.

Mich tröstet das sehr: Wenn ich diese Welt verlassen muss, werde ich mit all den Menschen, die schon vor mir gegangen sind, unter einem Dach sein. So wohnt man, wenn man nah bei Gott ist.

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Es war mal wieder nötig. Sauber machen und Putzen. Mit Bürste, Tuch und Wasser. Und zwar meine Trompete. Da setzen sich nämlich mit der Zeit innen Rückstände fest, wenn man sie spielt. Und weil ich Trompete spiele, muss ich sie immer mal wieder durchspülen und mit der Bürste ran. Dann gehen diese Ablagerungen innen aber auch wieder ab. Danach kann die Luft wieder ungestört durch die Trompete strömen. Und nicht nur der Klang verbessert sich, es ist auch nicht mehr so anstrengend, die Trompete zu spielen. Und das Allerbeste: Die Trompete müffelt auch nicht mehr so.

Gesagt, getan. Als ich fertig war, waren die Ablagerungen Geschichte. Ich brauchte nicht mehr so viel Kraft beim Spielen und die Trompete hatte einen besseren Sound.

Ach, wenn es doch mit mir drinnen auch so einfach wäre, denke ich manchmal. Da lagert sich ja auch manches ab und müffelt vor sich hin. Und wenn es lange genug auf der Seele liegt, fällt mir alles so viel schwerer. Was sonst ganz entspannt wie von selbst geht, kostet dann unglaublich Kraft. Es muss nur lange genug müffeln und ich werde ein richtiger Muffel.

Deswegen nehme ich mir die Zeit, immer wieder mal auf das zu schauen, was sich auf meiner Seele so alles abgelagert hat. Was mir auf dem Herzen liegt und einfach nur so rumliegt. Gerne würde ich da auch mit Bürste und Seife ran, wie bei meiner Trompete. Aber geht halt nicht. Und so eine richtige Putzanleitung für die Seele, ja, die gibt’s halt auch nicht.

Aber zumindest drei Tipps für den Anfang habe ich in der Bibel gefunden. Erstens: Wer andere verletzt hat, kann um Entschuldigung bitten. Zweitens: Wer durch einen Schicksalsschlag aus dem Gleichgewicht geraten ist, muss sich deswegen nicht schämen. Ich kann mir Hilfe holen. Und drittens: Alles was belastet, kann ich nicht nur mit anderen Menschen teilen. Ich kann es auch Gott sagen und klagen oder um seine Hilfe bitten.

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