Manuskripte

SWR3 Gedanken

22OKT2020
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Meine Kirchengemeinde besitzt eine Minigolfanlage. Der Hammer. Und ich finde: Vom Minigolfspielen kann man echt was fürs Leben lernen. In beidem geht es besser, wenn man lernt, mit den unterschiedlichsten Typen klar zu kommen.

Beim Minigolf sind es die verschiedenen Bälle. Bei uns gibt es zum Beispiel einen, der ist ganz glatt und hart, aus Stein oder so. Ein anderer ist auch ganz glatt, aber weich, aus Gummi. Wieder ein anderer ist auch aus Gummi, aber mittelhart. Und mit Noppen. Jeder Ball bringt andere Eigenschaft mit. Der eine hüpft zum Beispiel gut, der andere gar nicht. Wer gut Minigolf spielen kann, weiß, welcher Ball gut zu welcher Bahn passt. Denn jedes Hindernis auf der Bahn bringt andere Herausforderungen mit sich. Und dafür gibt es jeweils den passenden Ball. Richtige Checker haben deswegen einen ganzen Koffer voll mit verschiedenen Bällen.

Meine Kirchengemeinde ist so gesehen auch ein richtiger Checker. Da gibt’s nämlich ebenfalls die unterschiedlichsten Typen. Weiche und mittelharte, glatte und raue. Als Pfarrer begegnen mir die unterschiedlichsten Aufgaben und Herausforderungen. Manche kann ich mit dem, was ich kann und weiß, gut meistern. Andere liegen mir nicht so. Aber es gibt Typen, die können gerade das besonders gut, was mir schwerfällt.

Weil wir uns in der Gemeinde zusammentun, kriegen wir alles viel besser hin. Wir ergänzen uns einfach gut. Ich muss nämlich gar nicht alles können. Es genügt, anderen so zu vertrauen, dass sie weitermachen, wo ich mit meinem Latein am Ende bin. Das fällt mir vielleicht nicht immer leicht. Aber ich glaube, es lohnt sich, hier mutig zu sein. Denn zusammen kommen wir mit dem Leben besser klar.

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21OKT2020
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Die 90er. Das Jahrzehnt meine Teenie- und Jugendzeit. Ich denke immer daran, wenn ich diesen Satz höre: „Es ist 1996.“ Sofort rattert der Liedtext in meinem Kopf weiter: „Meine Freundin ist weg und bräunt sich in der Südsee.“ Ach, was haben wir diesen Song damals gefeiert. „Jein“ von „Fettes Brot“. Sofort bin ich in Gedanken bei all den Teeniepartys von damals. Oder ich denke daran, wie ich mit den Öffis losgezogen bin, um die Maxi zu kaufen. Das lösen die drei Wörter bei mir aus: „Es ist 1996.“ Gute Erinnerungen.

Ich habe mehrere Ohrwürmer wie Jein von Fettes Brot. Solche Lieder, die mit mir durchs Leben gehen. Von einigen meiner Ohrwürmer kenne ich sogar nur die Texte, die Melodien nicht. Einer davon ist zum Beispiel von einem Songwriter, der „David“ genannt wird. „Der Herr ist mein Hirte“, so fängt der an. Und wenn ich den Satz höre, denke ich gleich: „Mir wird nichts mangeln. Auch wenn ich wandere im finsteren Tal, bist du bei mir.“ Psalm 23 ist das. Dieser Psalm begleitet mich auch schon lange durchs Leben. Er ist mir wichtig geworden, als es mir mal nicht gut ging. Er tröstet mich und gibt mir Halt, wenn mich das Leben mal, bildlich gesprochen, durchs finstere Tal führt.

Psalm 23 war mal ein Lied. So wie die anderen Psalmgebete in der Bibel auch. Die Melodien sind uns verloren gegangen. Aber die Texte haben wir noch. Und die sind für viele richtige Ohrwürmer. Ob mit oder ohne Melodie. So wie Psalm 23 oder zum Beispiel auch das Vaterunser. Sie haben über die Jahrhunderte schon so vielen geholfen, gestützt, sie durchs Leben begleitet. Mich begleiten sie auch.

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20OKT2020
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„Niemand möchte von zuhause weg.“ Mike Ehrmantraut, der ehemalige Cop, sagt das in der amerikanischen Serie „Better Call Saul“. Die Tage habe ich sie mal wieder geschaut. Mike sagt den Satz auf der Suche nach einer Familie: „Niemand möchte von zuhause weg.“

Daran musste ich denken, als Moria gebrannt hat. Das Lager auf Lesbos. Im neu errichteten Lager sind noch immer tausende Menschen. Noch immer auf viel zu wenig Fläche, ohne medizinische Versorgung, ohne warmes Wasser, ohne ausreichende Nahrung. Warum? Denn: „Niemand möchte doch einfach so von zuhause weg.“ Da ist die Familie, da sind die Freunde. Da ist Heimat, zuhause einfach. Das gibt Halt. Man kann sich gegenseitig unterstützen. Zusammen lachen und weinen.

„Niemand möchte von zuhause weg.“ Und trotzdem machen sich so viele auf den Weg. Verlassen ihre Heimat. Familie. Freunde. Weil alles besser ist als ihr Zuhause. Weil es dort Bomben hagelt. Weil sie mit dem Tod bedroht werden oder die Dürre alles dahinrafft.

So brechen viele auf. Wollen einfach nur ein Leben ohne Krieg, ohne Todesangst, ohne Unterdrückung, ohne Hunger oder Durst. „Niemand möchte von zuhause weg.“ Es sei denn, zuhause ist Leben nicht möglich.

Ich glaube an einen Gott, der das Leben schenkt. Und der will, dass Menschen leben. Deswegen frage ich mich: Wie können wir Menschen das hinbekommen, dass ein Leben ohne Krieg und Entbehrung für alle normal ist?

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19OKT2020
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Inklusion – ein großes Thema in der Schule, beim Sport oder auch beim ÖPNV. Aber wie kann das eigentlich funktionieren? Dazu habe ich ein spannendes Video gesehen. Da werden Kinder interviewt. Sie sind vielleicht in der vierten oder fünften Klasse. Immer zu zweit. Sie erzählen, warum sie befreundet sind, was sie aneinander gut finden. Ein Mädchen sagt über ihre Freundin: „Ich mag sie, weil sie so ein bisschen verrückt manchmal ist.“ Bei anderen Kindern fallen Worte wie: „Zickig.“ „Lustig.“ Und immer strahlen die Kinder über beide Ohren, kichern in sich hinein oder lachen laut.

Dann aber kippt auf einmal die Stimmung. Bei der Frage, ob die Kinder auch zusammen auf den Spielplatz gehen. „Ne, da steht Paul ja nur rum, das macht ja keinen Sinn“, sagt ein Junge über seinen Freund. Paul sitzt nämlich im Rollstuhl. Ein Mädchen im Rollstuhl sagt: „Und man kann auch nicht in den Sand fahren, weil da alles stockt. Und ich denk mir dann manchmal auch: toll…“

Der Interviewer lässt sich nicht beirren. Er fragt weiter. „Mal angenommen, ihr könntet euch ein Spielgerät ausdenken, das ihr gemeinsam benutzen könnt. Wie wäre das?“ Die Kinder reißen die Augen auf und ihre Ideen sprudeln nur so, die Stimmung steigt. Die Kinder schaukeln sich hoch, überschlagen sich vor Ideen.

Vier Wochen später werden sie wieder eingeladen. Ihre Ideen wurden umgesetzt. Jetzt können sie tatsächlich miteinander auf dem Spielplatz spielen.

Mich berührt das Video sehr. Und ich frage mich: Was kann ich als Erwachsener davon in meinen Alltag mitnehmen? Vielleicht das: Aufmerksam sein. Und wenn jemand abgehängt wird: Nachfragen, wie es anders gehen könnte. Und dann einfach machen.

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18OKT2020
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Wechselt ein Fußballer für Millionen von Euro den Verein, heißt es oft: „Das ist moderner Menschenhandel.“ Und ich denke mir immer: „Nein! Ist es nicht.“ Beim Menschenhandel haben diejenigen, die verscherbelt werden, überhaupt keinen Einfluss darauf. Sie haben auch nichts davon. Sie verdienen keine horrenden Summen und werden auch nicht mit Wohnungen und anderen Leistungen hofiert. Sie verrotten zum Beispiel in irgendwelchen Fabriken.

Modernen Menschenhandel gibt es trotzdem. Sklaven gibt es noch heute. Mal werden sie gelinkt und müssen Unmengen vermeintlicher Schulden abbezahlen. Mal werden sie schlichtweg gezwungen, für andere zu arbeiten. Vor unseren Augen. Vor meinen Augen.

Die Seite slaveryfootprint.org berechnet, wie viele Sklaven für einen arbeiten. Menschen, die ausgenutzt werden, damit ich mein Smartphone habe, meine Klamotten. Menschen, die meinen Lebensstil ermöglichen.

Ich habe gezögert, ob ich das Ergebnis wirklich wissen möchte. Denn ich schäme mich dafür. 62 Menschen werden – basierend auf Erfahrungswerten – für mich und meine Familie ausgebeutet. Unter widrigen Umständen.

Selbst in der Bibel tauchen laufend Sklaven auf. Ich weiß auch, dass die Kirchen viel zu lange überhaupt kein Problem mit Sklavenarbeit und Menschenhandel hatten. Heute ist das anders. Die Kirchen engagieren sich inzwischen mit anderen Partnern dagegen. Ich bin froh darum. Ich finde, es wird Zeit, dass Menschenhandel und Sklavenarbeit endlich beendet werden. Was ich dabei tun kann: zumindest bewusster einkaufen.

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