Manuskripte

SWR3 Worte

04JUL2020
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Brunhilde Mark ist im Pflegeheim an Covid 19 gestorben. Ihre Tochter, Michaela Mark-Lutz, erzählt:

„Sie war eine Löwenoma für die Jungs. Und für mich: eine Löwenmutti. Wahrscheinlich weil sie wusste, wie wertvoll Zeit mit der Familie ist: Ihre Schwester starb, da war meine Mutter vier. […] Als Mutti 42 war, verlor sie ihre Mutter, die sie abgöttisch geliebt hatte. Sie hielt dann jene umso fester, die ihr blieben. […]

Als sie sich mit Corona infiziert hatte, sagte sie: ‚Bleibt weg!‘. Eine Löwen-Ehefrau, sie wollte ihren Mann schützen. Ich weiß bis heute nicht, ob es richtig war, auf sie zu hören. Denn sie sagte uns auch: ‚Ich vermisse Euch‘. Als sie im Sterben lag, hielt ihr eine Schwester den Hörer ans Ohr. Wir sagten ihr, wie sehr wir sie lieben.“

Michaela Mark-Lutz, Sie hielt jene umso fester, die ihr blieben. In: Die Namen hinter den Zahlen, in: DIE ZEIT, Nr. 24

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03JUL2020
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Inés de Castro ist Direktorin des Stuttgarter Lindenmuseums und hat im letzten Jahr eine besonders bewegende Reise erlebt. Sie war Teil einer Delegation, die eine Bibel zurück nach Namibia brachte. Die war nämlich unrechtmäßig von der deutschen Armee geraubt worden. Sie erzählt:

„Selbst ich als Museumschefin hatte verdrängt, welche unfassbare identitätsstiftende Bedeutung Gegenstände haben können. Diese Bibel ist ein Neues Testament in Nama-Sprache, das 1893 von der deutschen Kolonialarmee erbeutet wurde. […]

Es war eine sehr besondere Reise für mich. Es flossen Tränen, auf allen Seiten. Mir war bis dahin nicht bewusst, wie präsent das große Unrecht aus der Kolonialzeit in Namibia bis heute noch ist. Ganz im Gegenteil zu Deutschland, wo die Kenntnisse über unsere gemeinsame Geschichte mit Namibia kaum vorhanden sind. Ich war tief ergriffen von der Freundlichkeit und Dankbarkeit, die uns entgegengebracht wurde.“

Inés de Castro, Gemeinsam nach Wahrheit suchen In: Chrismon. Das Evangelische Magazin, 6/2020.

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02JUL2020
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Wie stellst Du Dir die Welt vor, wenn Du 100 Jahre alt bist? Der 10jähige Joris müsste bei dieser Frage nicht lange nachdenken:

„Sollte ich einmal hundert werden, gibt es vielleicht keine Krankheiten mehr […] und alle Menschen werden Mikrochips in den Köpfen haben gegen Vergesslichkeit, gegen Blindheit oder Taubheit. […]

Was ich mir am meisten wünsche, ist eine Welt ohne Hass und Rassismus. Ein bisschen habe ich Angst davor, dass das nicht aufhört, auch nicht in 90 oder 100 Jahren. […] Ich glaub nämlich nicht, dass es irgendwann Mikrochips gegen Hass gibt, die man einpflanzen kann. Da müssen die Menschen schon selber stark sein.

So wie es heute aussieht, müssten ganz, ganz, ganz viele Menschen aufstehen [...], damit Leute, die andere Leute angreifen, weil sie eine dunklere Hautfarbe oder eine andere Religion haben, nicht die Macht bekommen.“

Joris, Was war – und was ich vor mir sehe. Joris, 10, Frankfurt am Main. In: Chrismon. Das Evangelische Magazin, 6/2020

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01JUL2020
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Warum gehen Menschen in ihrer letzten Lebensphase auf eine Palliativstation oder ins Hospiz? Der Journalist Martin Haar ist dieser Frage nachgegangen und hat sich Einrichtungen angeschaut, die schwerkranke Menschen bis in den Tod hinein begleiten. Er meint:

„Darin liegt wohl das Geheimnis einer Palliativstation oder eines Hospizes: An solchen Orten verliert sich die Urangst eines Menschen, sein Schicksal alleine und verlassen tragen zu müssen. Es wächst das Vertrauen, nicht noch tiefer fallen zu können, sondern getragen zu sein. In dieser totalen Ummantelung verliert sich offensichtlich auch der Wunsch nach einem schnellen Tod, der das drohende Leid verkürzt.“

Martin Haar, in: Ein Tag auf der Palliativstation ummantelt von Fürsorge (25.3.2020)
https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.ein-tag-auf-der-palliativstation-ummantelt-von-fuersorge.f8397e96-4e5b-4ae2-8716-7656cb5635f3.html

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30JUN2020
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Alltäglicher Rassismus - durch den Mord an Schwarzen in den USA ist das Problem leider ganz aktuell. Wolfgang Benz, langjähriger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, weist auf einen alltäglichen Rassismus auch bei uns hin: den gegenüber Muslimen. Er sagt:

„Wir hören viel über einen neuen und wachsenden Antisemitismus. Wir hören relativ wenig bis gar nichts über den Stand der Muslimfeindschaft in diesem Land. […] Alltäglicher Rassismus gegenüber Muslimen gilt vielen als ganz selbstverständlich. […] Wir hätten nur einen Teil der historischen Lektion aus dem Holocaust gelernt, wenn wir gelernt haben: Nie wieder etwas Böses gegen Juden. Der andere Teil der Lektion muss doch lauten: Nie Böses, nie Gewalt gegen irgendeine beliebige andere Minderheit, seinen das Muslime, seien das Sinti und Roma oder wer sonst.“

Wolfgang Benz, Enthemmte Mitte 2: Islamfeindlichkeit in Deutschland
In: Vortrag im FORUMDIALOG am 27.02.2019 https://www.youtube.com/watch?v=fyrTPF3DQF0&feature=emb_rel_pause

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29JUN2020
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Was ist wirklich wichtig im Leben? Der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, der heute vor 120 Jahren geboren wurde, hat in seinem Buch „Der kleine Prinz“ viel darüber nachgedacht. In einer seiner Geschichten schreibt er:

„Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von
einem neuen Freund erzählt, […] fragen sie euch: Wie alt ist er? Wie viele Brüder hat er? […] Wie viel verdient sein Vater? […]
Aber sie befragen euch nie über das Wesentliche.
Sie fragen euch nie: Sammelt er Schmetterlinge? Welche Spiele liebt er am meisten? Wie ist der Klang seiner Stimme?“

Antoine de Saint-Exupéry, In: Der kleine Prinz

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28JUN2020
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Raus in die Natur und wandern – in Zeiten von Corona eine besonders gute Freizeitbeschäftigung. Die leidenschaftliche Bergsteigerin und Pfarrerin Ulrike Wilhelm beschreibt, dass wir beim Wandern auch etwas über eine angemessene Haltung gegenüber Gott erfahren können. Sie erzählt:

„Wer in den Bergen unterwegs ist, der spürt, dass die Natur nicht nur um einen herum ist, sondern dass wir Menschen selbst Natur sind: wir schnaufen, schwitzen, spüren unsere Grenzen, müssen manchmal mit Angst und Gefahren umgehen und erleben uns immer wieder als einen kleinen Teil des großen Ganzen.

Ein solches Erleben macht demütig, staunend und dankbar – damit kommen wir einer Haltung nahe, die für viele Religionen der Welt angemessen gegenüber Gott ist.“

Ulrike Wilhelm, Berge und Religion – ein spannendes Liebesverhältnis, In: Andere Zeiten. Magazin zum Kirchenjahr, Heft 2 /2019

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