Manuskripte

SWR3 Worte

Die Autorin Ronya Othmann ist 1993 in München geboren. Über ihre Kindheit schreibt sie:

Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt und holte mit meiner Mutter meinen kleinen Bruder bei einem Kindergartengeburtstag ab.

Die Mütter saßen noch eine Weile im Garten und unterhielten sich. Irgendwann sprachen sie davon, wie traurig es doch sei, wenn das eigene Kind schwul werden würde –

"Also die Schwulen, die ich kenne, sind ja schon ganz nett, aber dass das eigene Kind so wird, wünscht man sich nicht." Damals wusste ich nicht, dass, was sie sagten, auch mir galt. Ich hatte noch keine Sprache dafür.

Nur eine Ahnung, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass mit mir aber alles richtig war und es die Mütter im Garten waren, mit denen etwas nicht stimmte, kann ich erst heute sagen. Und dass das, Homofeindlichkeit war.

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Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale University und ein scharfer Kritiker der aktuellen Regierung in den USA. In seinem Buch „Über Tyrannei – 20 Lektionen für den Widerstand schreibt er:

Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam! Vorauseilender Gehorsam ist eine politische Tragödie. Vielleicht wussten Herrscher zunächst gar nicht, dass Bürger bereit waren, diesen Wert oder jenen Grundsatz zu verraten. Vielleicht verfügte ein neues Regime anfangs gar nicht über die Mittel, um die Bürger auf die eine oder andere Weise zu beeinflussen.

Nach den Wahlen in Deutschland 1932, die die Voraussetzungen für die ‚Machtergreifung’ der Nationalsozialisten schufen, war der nächste entscheidende Schritt vorauseilender Gehorsam.
Weil sich … genügend Menschen freiwillig in den Dienst der neuen Führung stellten, merkten die Nazis, dass sie rasch einen vollständigen Regimewechsel in Angriff nehmen konnten.

Timothy Snyder, Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand,

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Erich Kästner war ein Pazifist. Die Nazis verboten seine Bücher, erklärten sie als ‚undeutsch‘ und verbrannten sie. 1958 in Hamburg anlässlich des 25. Jahrestages der Bücherverbrennung  sagte er:

Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf…

Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.

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Else Lasker-Schüler war eine Poetin, sie dichtete von Gott und der Liebe. 1933 wurde ein Theaterstück von ihr uraufgeführt. Darin verarbeitete sie auch die Machtübernahme der Nazis und formulierte hellsichtig.

‚Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen
Nach mittelalterlichem Vorbild.

Der Hexenglaube ist auferstanden
Aus dem Schutt der Jahrhunderte.
Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren.‘

Das Stück wurde abgesetzt und verboten. Nur drei Monate später wurde Else Lasker-Schüler zum Flüchtling und kam nie nach Deutschland zurück.

Else Lasker-Schüler, Werke in einem Band. 1992

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Carola Moosbach schreibt Gebete und Gedichte und findet Worte für Menschen denen Schlimmes widerfahren ist. Wie dieses, ein Gebet, für alle die den 11. September 2001 als Trauma erlebten:

schick mir ich weiß nicht was
einen Blick vielleicht der nicht ausweicht
Zeit viel Zeit brauche ich lichte worte und tiefe
Tränen endlich weinen können aber dann
nicht alleine bleiben

Musik schick mir dass die Wunden sich schließen das zersplitterte Herz schlägt
weiter zusammengehalten
von deiner Sternenhand sanft Gott
ganz sanft

ich geb dir einen Engel mit. Erfahrungen mit einem Symbol, Andere Zeiten,

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Yvan Goll war Jude. 1939 flüchtete er vor den Nazis zunächst in die Schweiz dann nach New York. Für seine Frau Claire schrieb er einmal:

Der Engel – für Claire

Einmal geht der Engel
Auch ganz nah an dir vorbei.
Es ist ein regnerischer Montag
Du fühlst dich älter als die Welt
Die Stiefel schlecht geputzt
Das Herz gänzlich verrostet

Aber deines Schicksals Engel geht vorbei
Dich mit Güte überschwemmend
Und einem rosa Lächeln
Halt ihn fest!
Dreh dich um!
Bevor er nur noch dem Winde gleicht!

ich geb dir einen Engel mit. Erfahrungen mit einem Symbol, Andere Zeiten,

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Der brasilianische Schriftsteller Mario de Andrade sagt:

Ich zählte meine Jahre und stellte fest, dass ich weniger Jahre übrig habe, als bis hierher bereits gelebt habe.

Ich fühle mich wie ein Kind, das eine Tüte Süßigkeiten gewonnen hat. Erst isst es sie genüsslich, aber wenn es merkt, dass da nur noch wenig übrig ist, fängt es an den Geschmack intensiver wahrzunehmen.

Ich habe keine Zeit mehr für endlose Sitzungen. Ich habe keine Geduld mehr für Leute die trotz ihres tatsächlichen Alters nicht erwachsen sind. Ich möchte mit Leuten leben.

Leuten die wissen, wie man über seine Fehler lacht,die nicht aufgeblasen sind von ihren Erfolgen,die Verantwortung übernehmen für ihre Taten.

Ich will mich umgeben mit Leuten, die wissen wie sie die Herzen berühren. Wir haben zwei Leben und das zweite fängt an, wenn du begreifst: du hast nur ein Leben.

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