Manuskripte

SWR3 Worte

Mal einen anderen Blick aufs Warten hat Pater Anselm Grün. Er sagt:

Warten macht das Herz weit. (…) Wenn man auf einen Freund oder eine Freundin wartet. Man blickt jede Minute auf die Uhr (…). Und wie enttäuscht sind wir, wenn statt des Freundes jemand anders an der Haustüre steht.

Warten erzeugt in uns eine prickelnde Spannung. Wir spüren, dass wir uns selbst nicht genug sind. Im Warten strecken wir uns aus nach dem, der unser Herz berührt, der es höher schlagen lässt, der unsere Sehnsucht erfüllt.

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Inger Hermann ist Reli-Lehrerin an einer Förderschule. Sie schaut mit ihrer Klasse einen Fotoband mit Gesichtern von Toten an und staunt darüber, wie die Schüler reagieren. Sie beschreibt das so:

 Fast andächtig schauen sie die Gesichter (…) an. (…)

„Die sehen ja gar nicht traurig aus.“

„Warum lächelt der ein bisschen?“ (…)

 „Bitte nochmal von vorne anschauen.“

Wir schauen die Bilder ein zweites Mal an. Da sagt Melanie: „Ich weiß, wie das ist. Die Seele ist die Drinheit vom Menschen und der Körper ist die Draußheit vom Menschen.“

Ich frage sie: „Kannst du uns das erklären?“

Melanie: „Das ist doch ganz einfach. Erst ist die Seele drin im Körper und freut sich, weil sie in der Drinheit ist. Dann kann die Seele raus und freut sich noch mehr, weil sie jetzt viel Platz hat. Darum lächeln die vielleicht.“

Ich notiere es gleich noch während der Stunde, was Melanie sagte. Melanie, klein, blass und mickrig, die nur sehr mühsam liest und kümmerlich schreibt. Aber von der Seele versteht sie offensichtlich was.

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Es gibt eine App, die heißt „Andere Orte“. Dort lassen sich auf einer interaktiven Landkarte Orte finden, die etwas Besonderes sind. Simone hat die Wutachschlucht im Südschwarzwald eingetragen und schreibt:

Der Geruch von Tannen und Waldboden, das Rauschen des Flusses, die Pflanzen, das Gestein – an diesem Ort stehe ich voller Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung. Was für eine Kraft in diesem Gebirgsbach steckt! Diesen Fluss hält nichts und niemand auf. Ich wundere mich, dass wir Menschen meinen, die Natur in unsere Bahnen lenken zu können. Sie ist mit so viel Kraft geschaffen, dass ich sie nur stumm bestaunen kann!

 

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Eine Geschichte des Schriftstellers Victor Auburtin über den berühmten „Schritt voraus“:

Es lebte ein Mann, der war ein sehr tätiger Mann und konnte es nicht übers Herz bringen, eine Minute seines wichtigen Lebens ungenützt vorübergehen zu lassen. Wenn er in der Stadt war, so plante er, in welchen Badeort er reisen werde. War er im Badeort, so beschloss er einen Ausflug nach Marienruh, wo man die berühmte Aussicht hat. Saß er dann auf Marienruh, so nahm er den Fahrplan her, um nachzusehen, wie man am schnellsten wieder zurückfahren könne. Wenn er im Gasthof einen Hammelbraten verzehrte, studiert er während des Essens die Karte, was man nachher nehmen könne. (…)

So hat er niemals etwas getan, sondern immer nur ein nächstes vorbereitet. Er war nie einer ganzen und gesunden Minute Herr, und das war gewiss ein merkwürdiger Mann, wie du nie (…)einen gesehen hast.

 

 

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Ein Zitat aus dem Buch „Dienstags bei Morrie“ von Mitch Albom:

Wir sind so beschäftigt mit unserem täglichen Kleinkram: Karriere, Familie, genügend Geld zu haben, (…) ein neues Auto zu kaufen, die Heizung zu reparieren – wir sind mit Millionen von kleinen Dingen beschäftigt, nur, um weiterzuleben. Deshalb sind wir (…) nicht gewöhnt, einen Schritt zurückzutreten, uns unser Leben anzuschauen und zu fragen: Ist das alles? Ist das alles, was ich will? Oder fehlt irgendetwas?

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Poetry Slammerin und Schauspielerin Julia Engelmann macht sich Gedanken ums Lügen:

Ja, man kann ruhig mal sagen, dass das Essen super-mega-lecker ist, wenn es eigentlich nur semi-lecker ist. (…) Das ist eine Grauzone.

Lügen ist aus meiner Sicht vor allem, wenn das, was man erzählt, drastisch andere Konsequenzen hat als das, was der Realität entspricht, wenn man daraus seinen eigenen Vorteil zieht und andere bewusst verletzt. (…)

Aus meiner Sicht ist das (…) unbegreiflich. Man baut sich doch seine eigene Bombe mit Zündschnur. Solche Geschichten gehen doch langfristig nie wirklich (…) glücklich aus. (…) Das macht doch einsam, das ist doch auch schade um die Person, die man für sich und für andere sein könnte.

(…) Wie kann man überhaupt darauf kommen, dass Lügen eine gute Idee ist?

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Was der Glaube mit der StVO zu tun hat – oder auch nicht – darüber der Münchner Pfarrer Rainer Schießler:

Ich kann Menschen zwingen, (…) sich an die StVO zu halten. Und sie strafen, wenn sie es nicht tun. Aber Glaube ist keine StVO.

Niemand kann einen anderen Menschen zwingen zu glauben – genauso wenig wie einen anderen Menschen zu lieben. Niemand. Nichts braucht so viel (…) Freiheit wie der Glaube. Glaube kommt von innen heraus. Aus dem Herzen. Weil ich erkenne, für mich selbst, dass etwas richtig ist, stimmig ist und sich gut anfühlt.

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