Manuskripte

SWR3 Worte

Ein Gedicht der Autorin und Theologin Martina Kreidler-Kos: 

Heute werde ich für mich sorgen

und von Ort und Stelle gehen.

Ich werde den Platz der Ermüdung verlassen

und mich von den Straßen der Gewöhnung verabschieden.

Ich werde mir ein warmes Wort überstreifen,

dem Wind meine Locken entgegenschütteln

und Proviant für lange dabei haben.

Ich werde mein Bündel wetterfest schnüren,

allen verbleibenden Mut in die Landkarte rollen

und den geträumten Weg wirklich einschlagen.

Ich werde mich nach der Sonne richten,

meinem inneren Kompass trauen

und das neue Land in Augenschein nehmen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19955

Ein Text des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coelho: 

Es ist wieder Freitag. Du kommst nach Hause, nimmst dir die Zeitungen vor, die du während der Woche nicht lesen konntest. Du machst den Fernseher an (…). Du zappst dich durch die Programme, während du in der Zeitung blätterst (…). Die Zeitungen bringen nichts Neues, die Fernsehprogramme zeigen immer das gleiche (…). Deine Frau kümmert sich um die Kinder, opfert ihre besten Jahre, ohne recht zu wissen, warum. 

Du entschuldigst dich damit, dass das Leben nun einmal so sei. 

Nein, das ist nicht das Leben. Leben ist Begeisterung. Versuche dich daran zu erinnern, wo du deine Begeisterung vergraben hast. Nimm deine Frau und deine Kinder bei der Hand und versuche, die Begeisterung wiederzufinden, bevor es zu spät ist (…).

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19954

Eine Geschichte über den Heiligen Franz von Assisi: 

Der heilige Franz und sein Bruder Masseo trafen sich vor der Stadt zum Essen, wo eine schöne Quelle sprang, und daneben war ein breiter schöner Stein, der ihnen sehr gefiel. Auf den legten sie ihr Brot, das sie geschenkt bekommen hatten.

„O Bruder Masseo“, sagte der heilige Franz, „wir sind eines so großen Schatzes gar nicht wert“ (…). Da erwiderte Bruder Masseo: „Wie kann man da von einem Schatz reden, wo (…) es an den nötigsten Dingen fehlt? Hier ist kein Tischtuch, kein Messer, kein Fleischbrett, keine Schüssel, keine Hütte, kein Tisch (…).“ 

Da sprach Franz: „Das gerade ist es, was ich für einen großen Schatz halte: Was hier ist, ist durch Gottes Güte bereitet, wie zu sehen ist am Brot, das uns geschenkt wurde, am Steintisch, der so herrlich ist, an der Quelle, die so klar sprudelt. Und darum will ich, dass wir dies alles lieb gewinnen von ganzem Herzen.“

 

Aus dem Buch „Der Sprung in den Brunnen“ von Hubertus Halbfas.

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Ein Gedicht des Theologen und Schriftstellers Lothar Zenetti 

Einmal wird uns gewiss

die Rechnung präsentiert

für den Sonnenschein

und das Rauschen der Blätter,

die sanften Maiglöckchen

und die dunklen Tannen,

für den Schnee und den Wind,

den Vogelflug und das Gras

und die Schmetterlinge,

für die Luft, die wir

geatmet haben, und den

Blick auf die Sterne

und für all die Tage,

die Abende und die Nächte.

 

Einmal wird es Zeit,

dass wir aufbrechen und

bezahlen;

bitte die Rechnung.

 

Doch wir haben sie

ohne den Wirt gemacht:

Ich habe euch eingeladen,

sagt der und lacht,

soweit die Erde reicht:

Es war mir ein Vergnügen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19952

Jeden Dienstag besucht Mitch seinen alten Professor Morrie. Dieser ist schwer krank und weiß, dass er bald sterben muss. Mitch lernt bei jedem Besuch etwas fürs Leben. Eines Dienstags sagt Morrie zu ihm: 

„Am Anfang des Lebens, wenn wir kleine Kinder sind, brauchen wir andere zum Überleben, nicht wahr? Und am Ende des Lebens, wenn du so wirst wie ich, brauchst du andere zum Überleben, nicht wahr?“ Seine Stimme sank zu einem Flüsterton. „Aber das Geheimnis ist: Dazwischen brauchen wir die anderen ebenfalls.“ 

Aus dem Buch „Dienstags bei Morrie“ von Mitch Albom.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19951

Der österreichische Autor Arno Geiger hat ein Buch über seinen dementen Vater geschrieben. Er konnte sich nur schwer daran gewöhnen, einen guten Teil seiner Zeit plötzlich dem Vater widmen zu müssen. Er schreibt: 

Im Frühling (…) war ich fast ununterbrochen auf Lesereise. (…) Oft fühlte ich mich wie zerrissen zwischen Liebesbeziehung, Familie und Beruf, manchmal empfand ich das eine als lästig, manchmal das andere. Weder war ich eine solche nomadenhafte Lebensweise gewöhnt, noch konsequentes Zeit-Management, und das Übernehmen von Verantwortung hätte ich ebenfalls nicht zu meinen Stärken gezählt. (…) Was soll´s. Immer wieder bringen wir unser Leben in eine Form, immer wieder zerbricht das Leben die Form. 

Aus dem Buch „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19950

Der Sonntag soll ein ganz besonderer Tag sein. Darüber hat die Dichterin Mascha Kaléko ein Gedicht geschrieben. Es heißt:

Sonntagmorgen 

Die Straßen gähnen müde und verschlafen.

Wie ein Museum stumm ruht die Fabrik.

Ein Schupo träumt von einem Paragraphen.

Und irgendwo macht irgendwer Musik. (…)

 

Die Fenster der Geschäfte sind verriegelt

Und schlafen sich wie Menschenaugen aus. –

Die Sonntagskleider riechen frisch gebügelt.

Ein Duft von Rosenkohl durchzieht das Haus.

 

Man liest die wohlbeleibte Morgenzeitung

Und was der Ausverkauf ab morgen bringt.

Die Uhr tickt leis. – Es rauscht die Wasserleitung,

Wozu ein Mädchen schrill von Liebe singt.

 

Auf dem Balkon sitzt man, von Licht umflossen.

Ein Grammophon kräht einen Tango fern…

Man holt sich seine ersten Sommersprossen

Und fühlt sich wohl. – Das ist der Tag des Herrn!

 

Ein Gedicht von Mascha Kaléko

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19949