Manuskripte

SWR3 Worte

 Es ist auch heute, drei Jahre nachdem man mich bis auf weiteres für gesund erklärt hat, noch nicht vorbei. Und wahrscheinlich wird es niemals vorbei sein. Aber es ist trotzdem okay wie es ist. Den Plan fürs Leben gibt es so oder so nicht. Weder ich noch er noch sie wissen, was morgen ist. Mein Damoklesschwert mag scharf geschliffen sein und am seidenen Faden hängen, aber es bedroht mich nicht mehr nur, es schenkt mir auch etwas. Es schenkt mir Achtsamkeit. Es hat mich Dankbarkeit gelehrt und Demut. Zukunft ist kein selbstverständliches Wort mehr, es ist das schönste Wort überhaupt, weil es alles möglich macht.

Judith End, die mit 25 Krebs bekommen hatte:

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 Das Leben lächelt mich wieder an und ich lächle zurück. Ich kann stark sein trotz Schwäche. Ich kann schön sein, trotz Narben. Ich kann fröhlich sein, trotz Trauer und ich liebe, liebe, liebe es, auf dieser Welt zu sein. In jeder Minute, mit jedem Atemzug. Und wehe, du machst mir das kaputt, Gevatter Tod mit deinen hinterhältigen Krebsmonstern. Ich warne dich, all die guten Kräfte in diesem Universum sind auf meiner Seite, sonst wäre ich gar nicht mehr hier. Ich bin hier. Was für ein schöner Schlusssatz. 

Judith End, die mit Ende 20 eine Krebserkrankung überstanden hat:

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Ich habe keinen zweiten Körper im Kofferraum und deshalb versuche ich ihn zu lieben, so gut es geht. Weil mein Körper aussieht, wie er aussieht, lebe ich, und die Tränen, die fließen, wenn einer, den ich gern habe, vorsichtig die Hand auf meine Narben legt, sind heiss und fühlen sich schön an, nach Heilung und Trost und Liebe zu allem Lebendigen und Toten. Dann bin ich in Ordnung.

Judith End, die Mitte Zwanzig eine Krebserkrankung überstanden hat: 

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Und so ein Gummibusen ist im Grunde eine feine Sache. Man kann ihn im Schwimmbad einem Baby zu Bötchenspielen geben, wenn er schon beim Untertauchen aus dem Bikini springen musste. Man kann ihn mit seinen Kindergartenfreunden durchs Zimmer werfen, und die empörte Mama muss das Schweinchen in der Mitte geben, weil sie so dumm war, ihre Brust einen Moment vor der Badezimmertür zu vergessen. Und man kann ihn vor dem Anschnallen auf die Heizung legen, dann wird einem das Herz ganz von allein ein bisschen warm.

Judith End, die mit 25 Jahren Krebs hatte, über ihren künstlichen Busen

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Ich bin nicht gestorben an meinem Krebs. Ich hatte Glück. Ich durfte bleiben und wachsen. Ich kann ihn auch heute noch nicht immer akzeptieren, meinen Körper. Manchmal sehe ich mich an und sehe Vergänglichkeit. Immer öfter aber sehe ich einen Körper, der schön ist, genau so, wie er ist. Und auch wenn er nicht immer stark ist, wenn er gezeichnet ist, so ist er doch der beste, den ich habe, weil er der einzige ist, den ich habe.

Judith End, die mit 25 Jahren Brustkrebs hatte, über ihr Verhältnis zu ihrem Körper

 

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 Ich will noch einmal tanzen, mit fliegenden Haaren. Ich will noch einmal die Sonne fühlen auf meinem gesunden Körper. Ich will mich noch einmal verlieben dürfen, in einen sexy Barkeeper. Nein, mein kleines Kind, Liebe meines Lebens, ich lasse dich nicht allein. Wenn er kommt, der Tod, lasse ich ihn nicht hinein. Auf gar keinen Fall darf ich ihm einen Stuhl hinstellen. Ich schlage ihn mit seinen eigenen Waffen, indem ich noch ein bisschen hässlicher bin als er mit meinen kortisongefütterten Pausbacken, indem ich ihn ein bisschen mittanzen lasse und ihn dann auf der Tanzfläche vergesse und verhungern lasse, wenn die Musik am schönsten ist, indem ich mich festhalten lasse von Menschen die mich lieben, sodass er mich schon herausschneiden muss aus tausend kräftigen Armen, wenn er mich kriegen will.

Die 25jährige Judith End während ihrer Krebserkrankung:

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Mit 25 Jahren ist man unsterblich, und ich war es auch. Bis zu dem Tag an dem der Tod unaufgefordert durchs Fenster meiner Studentenbude einstieg und blieb... ich hatte Krebs. Krebs die Volkskrankheit. Krebs, die Sache die Oma Hansen und Opa Müller zur Strecke gebracht hat. Krebs der große Gleichmacher, weil es jeden treffen kann. Jeden? Aber doch nicht mich! Nicht mich, weil das Beste doch noch kommen sollte! ...
Aber warum eigentlich nicht auch mal mich? Warum nicht einmal selbst einer der anderen sein, denen schlimme Dinge passieren? Ich bin auch eine andere. 

Judith End - „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!"

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