Manuskripte

SWR3 Worte

Wenn Du Dich satt gesehen hast an dem schönen Kind in der Krippe,     geh noch nicht fort. Mach erst seine Augen zu Deinen Augen, seine Ohren zu Deinen Ohren und seinen Mund zu deinem Mund. Mach seine Hände zu Deinen Händen, sein Lächeln zu Deinem Lächeln und seinen Gruß zu Deinem Gruß. Dann erkennst Du in jedem Menschen Deinen Bruder, Deine Schwester. Wenn Du ihre Tränen trocknest und ihre Freude teilst, dann ist Gottes Sohn wahrhaftig geboren: Und Du darfst Dich freuen. 

-von Marisa Roos

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Am Heiligen Abend löste eine verirrte Maus im Elektrizitätswerk einen Kurzschluss aus. Lichter und Kerzen erloschen, Millionen Watt, plötzlich alles dunkel und still in der Stadt. Da auch die Radio- und Fernsehgeräte nicht gingen, musste man „O du fröhliche" selber singen; Dr. theol. Rösch musste, ähnlich den Propheten, anstatt vom Blatt aus dem Herzen reden, Und irgendwo entzündete jemand ein Kerzenlicht und sagte zu seinem Kind: „Fürchte dich nicht!" 

Otto Heinrich Kühner 

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Wann fängt Weihnachten an? Wenn der Schwache dem Starken die Stärke vergibt, wenn der Starke die Kräfte des Schwachen liebt,
Wenn der Habewas mit dem Habenichts teilt, wenn der Laute bei dem Stummen verweilt und begreift was der Stumme ihm sagen will,
Wenn das Leise laut wird und das Laute still,
Wenn das Bedeutungsvolle bedeutungslos, das scheinbar Unwichtige wichtig und groß,
Wenn mitten im Dunkel ein winziges Licht Geborgenheit, helles Leben verspricht,
Und Du zögerst nicht,
Sondern Du,
gehst
so wie Du bist,
darauf zu,
dann,
ja dann
fängt Weihnachten an. 

von Rolf Krenzer

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Es ist ein merkwürdiges und doch einfaches Geheimnis der Lebensweisheit aller Zeiten, dass jede kleinste selbstlose Hingabe, jede Teilnahme, jede Liebe uns reicher macht, während jede Bemühung um Besitz und Macht uns Kräfte raubt und ärmer werden lässt. Das haben die Inder gewusst und gelehrt und dann die weisen Griechen und dann Jesus, dessen Fest wir bald feiern... Ihr mögt es mit Jesus halten oder mit Plato, mit Schiller oder mit Spinoza überall ist das die letzte Weisheit: dass weder Macht noch Besitz noch Erkenntnis selig macht, sondern allein die Liebe. Jedes Selbstlossein, jeder Verzicht aus Liebe, jedes tätige Mitleid, jede Selbstentäußerung scheint ein Weggeben, ein Sichberauben, und ist doch ein Reicherwerden und Größerwerden, und ist doch der einzige Weg, der vorwärts und aufwärts führt...

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Nein. Ich will nicht mehr predigen. Ich höre auf damit. Ich denke mir keine neuen Verfahren mehr aus, mit denen ich noch weiter Gott und der Welt vorspiegele hier sei etwas los das die Welt verändert. Habt keine Angst, ich sage das nicht aus Wut, ich habe nicht resigniert, ich bin nicht verzweifelt. Sondern der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Ich werde Menschen suchen die etwas tun für eine Welt in der Gott herrscht und nicht der Stärkere. Und wenn dann die Alten Gammler an ihren Stammtisch holen und mit ihnen ein Bier trinken, wenn die Generäle ihre Uniformen an Portiers verschenken, wenn die Putzfrauen nicht mehr mit dem Dreck gleichgesetzt werden, den sie wegmachen, wenn Weihnachten kein Familienfest mehr ist, sondern ein Fest der Familien, für die die im Dunkeln sind, die Jungen die ihre Mädchen auf der Parkbank lieben müssen, und die Alten, die allein vor ihren Weihnachtbäumen sitzen ... wenn die dazu geladen werden, dann will ich gern wieder Halleluja singen und predigen, ja. 

Otfried Halver

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Schenke groß oder klein, aber immer gediegen. Wenn die Bedachten die Gaben wiegen, sei dein Gewissen rein.
Schenke herzlich und frei. Schenke dabei was in dir wohnt an Meinung, Geschmack und Humor. So dass deine eigene Freude zuvor dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk, dass Dein Geschenk Du selber bist. 

Joachim Ringelnatz

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Der kahle Strauch die Spur im Schnee das Wunderblatt im grünen Klee
Sie deuten an, sie deuten an dass doch noch etwas kommen kann
Die stille Nacht das Liebespaar das Mädchen mit dem Stroh im Haar 
sie deuten an sie deuten an dass doch noch etwas kommen kann
Der Mann der träumt die schwangere Frau die dürre Zeit der Morgentau
Sie deuten an sie deuten an dass doch noch etwas kommen kann
Das Licht im Haus die offne Tür der Tisch gedeckt ein Platz bleibt leer 
Das deutet an dass doch noch einer kommen kann 

von Wilhelm Willms

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