Manuskripte

SWR3 Worte

Ein Engländer, der vor kurzem nach Antwerpen gekommen war,
verlässt sein Hotel zu einem Spaziergang.
Bald darauf verirrt er sich im einbrechenden Nebel...

Der erschrockene Reisende taumelt ... umher
und ruft vergebens die vorüberhuschenden Schatten der Passanten an.
Er fürchtet, über einen der vielen Kais ins Wasser zu fallen.
Plötzlich tippt ihn jemand auf die Schulter.

 „Ah", ruft der Reisende erfreut, „Sie sind meine Rettung!
Ich habe mich hier in Antwerpen verirrt und weiß nicht,
wie ich das Gigantic- Hotel wieder erreichen soll?"

 „Das Gigantic?" sagt der Passant," aber das ist ja zwei Schritte von hier.
Geben Sie mir ihren Arm, ich führe Sie hin."
In wenigen Augenblicken erkennt der Engländer das hellleuchtende Hotelportal. Er bedankt sich bei seinem Begleiter.

„Wie haben Sie in dem entsetzlichen Nebel den Weg so sicher finden können?" fragt er erstaunt.

„Oh," murmelt der andere mit erhobenem Haupt,
„das ist recht einfach: ich bin blind!"

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Übung am Morgen von Maxi Wander:

Habe mir eine Übung ausgedacht, wie um meine toten Sinne zu beleben.

Die Eigenart und Farbe eines jeden Tages mit Worten einzufangen...,

Heute duftet mein Tag nach Sonnenwiese, Wipfelrauschen, Mühlenbach, Vergissmeinnicht und Dani- Popo.

Oder der Tag beginnt mit Morgenkaffee, Sommerwolken, Eichelhäher und Jungwald.
Stimmen im Wind, Gemurmel, Plätschern wie Wasser. ...Nur eine Reihe von Wörtern, sachliche Bezeichnungen, ein Entwurf, ein Lockruf , ein Blitz. Hör doch! Merkst du nichts? Du lebst!

Aus: Maxi Wander, Leben wäre eine prima Alternative, Luchterhand 1984, S. 126, Fred Wander, Wien

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Du hörst zu, sagte der Meister,
nicht um zu entdecken,
sondern um auf etwas zu stoßen,
was dein eigenes Denken bestätigt.

Dann erzählte er die Geschichte von einem König.
Der zog einmal durch eine kleine Stadt.

Dabei entdeckte er überall Anzeichen einer verblüffenden Schießkunst.

Bäume, Zäune und Wände,
alle waren sie von Kreisen bemalt
und hatten genau in der Mitte ein Einschussloch.

Der König fragte, wo dieser Meisterschütze sei.
Der entpuppte sich bald als zehnjähriger Junge.

„Das ist doch unglaublich," sagte der König erstaunt,
„wie um alles in der Welt bringst du das fertig?"

„Das ist kinderleicht," war die Antwort. „Ich schieße zuerst und male dann die Kreise."

Und genau so, fuhr der Meister fort: Genau so ziehst du zuerst dein Schlüsse und baust dann deine Prämissen um sie herum auf.
Genau so hältst du an Deinen Urteilen und an deinem gewohnten Glauben fest.

Anthony de Mello, eine Minute Unsinn
Lit: Eine Minute Unsinn: Weisheitsgeschichten, Anthony de Mello, Verlag Herder

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Joachim Gauck, ostdeutscher Theologe und Kandidat der heutigen  Bundespräsidentenwahl in seiner Grundsatzrede:

Die angebliche Aussichtslosigkeit von Widerstand legt uns
normalerweise Wohlverhalten nah.

Erst ganz langsam und von einigen wenigen vorangetrieben... lernten wir eine Ratio, (ein Denken), das die humanen Werte hochhielt und das Ziel der Freiheit auch dann bewahrte, als der Erfolg noch in fernen Sternen stand....

Nie vergessen, wie der Papst aus Polen mit seinem „Fürchtet euch nicht" seine Landsleute ermutigte! Und ganz weit über die katholische Welt und Polen hinaus dieser Zuspruch politikmächtig wurde....

Diese und ähnliche Vorbilder inspirierten auch uns, immer wieder uns mit erstarrten Verhältnissen nicht abzufinden. Ich bin mir sicher dass unser deutsches „yes, we can" das sächsische „wir sind das Volk" war.

Aus: http://www.spiegel.de/video/video-1071933.html

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Es geschah beim Besuch einer Frau, die im Sterben lag.
Ihre Augen waren geschlossen, ihre Hände kreisten unruhig über die Bettdecke...
Ich legte meine rechte Hand auf ihre drauf. Vielleicht wollte ich mich nur bemerkbar machen, vielleicht wollte ich sie auch trösten. Was dann folgte, hat mich überrascht.
Sie zog ihre Hand unter der Meinen heraus und legte sie auf meine oben drauf. Durch diese unscheinbare Bewegung haben wir die Rollen vertauscht....
Sie war die Tröstende. Aber keiner von uns brauchte Trost in dieser Stunde. Darum drehte ich meine Hand um und formte mit meiner nach oben gerichteten Handfläche eine Kuhle.
Hier lag nun ihre rechte Hand, ruhig und leicht.

Was diese Frau brauchte, war kein Trost, der von oben kommt...
Sie wollte sich in dieser Stunde fallen lassen und dabei gehalten werden. Vielleicht sogar geborgen fühlen. Mehr nicht. Um dann in die Hände Gottes zu fallen.

Raimar Kremer

Aus:
Tröstet, Tröstet, Seelsorge in der Verkündigung, Verkündigung in der Seelsorge,  Hrsg. Doris Joachim- Storch, Raimar Kremer, Materialheft des Zentrums Verkündigung der EKHN, Frankfurt 2010, S.123

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Sieben Jahre wollt kein Schritt mir glücken.
Als ich zu dem großen Arzte kam,
fragte er: Wozu die Krücken?
Und ich sagte: ich bin lahm.

Sagte er: das ist kein Wunder.
Sei so freundlich zu probieren!
Was dich lähmt, ist dieser Plunder.
Geh, fall, kriech auf allen vieren!

Lachend wie ein Ungeheuer
nahm er mir die schönen Krücken,
brach sie durch auf meinem Rücken,
warf sie lachend in das Feuer.

Nun, ich bin kuriert: Ich gehe.
Mich kurierte ein Gelächter.

Nur zuweilen,
wenn ich Hölzer sehe,
gehe ich für Stunden
etwas schlechter.

Bertolt Brecht

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Morgenwonne von Joachim Ringelnatz
Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt, die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden".

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Morgenwonne von Joachim Ringelnatz, 103 Gedichte, 1. Aufl., 1933, Ernst Rowohlt Verlag

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