Manuskripte

SWR3 Worte

Die Theologin Dorothee Sölle an ihre drei Töchter

Bitte lasst eure zimmer nicht verkommen
Wenn eure zimmer hässlich sind
werdet ihr euch selber nicht lieb und wert halten

wenn ihr euch selber nicht ehrt
werden eure Gedanken ohne spannkraft sein

wenn eure gedanken nichts anziehen,
werden eure bewegungen ungenau
wenn eure bewegungen fahrig sind,
wird eure haut nichts von den blumen lernen
wenn eure haut nichts von den blumen lernt,
wird euer herz wüst und leer sein
Wenn euer herz gleichgültig ist,
bleibt ihr unvertraut mit dem schönen
wenn ihr ohne Vertrauen lebt,
könnt ihr die hälfte des himmels nicht tragen
wenn ihr die hälfte des himmels nicht tragt,
könnt ihr über eure alte mutter nicht lachen
Bitte lasst eure zimmer nicht verkommen.

Dorothee Sölle
In: Verrückt nach Licht, © Wolfgang Fietkau Verlag, Kleinmachnow
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7580

Bischöfin Margot Käßmann sprach sich in ihrer Neujahrspredigt für eine zivile statt militärische Lösung in Afghanistan aus. Damit meint sie konkret:

Wir müssen Geldflüsse unterbinden, durch die Terrororganisationen sich finanzieren, dazu gehört vor allem der Drogenhandel. Und vergessen wir nicht: Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt.
Wenn die USA jetzt 30 000 Soldaten mehr nach Afghanistan schicken, wäre es dann nicht auch richtig, 30 000 Lehrer, Entwicklungshelfer, Mediatoren mehr dorthin zu schicken? Vorrang für Zivil würde für mich sogar eher heißen: viel mehr Entwicklungshelfer als Soldaten.

Publik Forum Nr.1, 2010
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7579

Der Schriftsteller Andre Gorz schreibt an seine Frau:

Bald wirst du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert.
Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in dich verliebt und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.

Andre Gorz,
Briefe an D. btb

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7578

Vor vielen Jahren fragte ich einen Mann an einer Baustelle:
„Wissen Sie, wieviel Uhr es ist?“ Er gab mir eine … Antwort, die mich damals ganz sprachlos machte.
„Bin ich Jesus“ sagte er in einer Art gutmütigen Spottes. …
Heute würde ich dem Arbeiter an der Baustelle offensiver antworten:
„Natürlich, würde ich sagen, sind Sie Jesus, Mann! Was wollen Sie denn sonst aus Ihrem Leben machen?
Dass Fritz Müller allein nicht reicht, das wissen Sie doch auch! Sie sind doch auch dazu geboren… um von der Wahrheit zu zeugen.
Machen Sie sich nicht kleiner als Sie sind. Mitläufer haben wir schon genug. Stellen Sie sich doch mal vor: Sie und ich und Ihre Schwiegermutter und Ihr Boss- sind Jesus. Was würde sich ändern? Es steckt doch etwas in uns… von Gott…

Dorothee Sölle
In: Leidenschaft für das Leben, ein Jahresbegleiter

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7577
Wenn die Kinder die Schule mögen
schleppen sie ihre Lieblingssachen an,
den seeigel und die Glanzbilder, den Teddybär und das winzige kätzchen
Wenn die Studenten den kurs mögen
schleppen sie ihre lieblingssachen an,
sie kündigen filme an und vorträge
sie erwähnen bücher und bringen artikel mit
sie schneiden aus der zeitung aus
und sagen hast du das gesehen

Wenn die studenten nichts bringen außer den hausaufgaben
dann weiß ich etwas läuft falsch
und wir sind nicht so weit
dass wir das leben miteinander teilen
das reich gottes kann erst kommen
wenn wir in allen schulen des landes
werden wie die kinder

Dorothee Sölle
In: Spiel doch von Brot und von Rosen, © Wolfgang Fietkau Verlag, Kleinmachnow
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7576

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.

Dietrich Bonhoeffer
In: Widerstand und Ergebung

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7575
Gott, lass uns jeden tag deine stimme hören
wie sie uns ruft es werde
komm heraus aus der arche
nimm dein Bett und geh
siehe ich stehe vor der tür
lass uns keinen tag in unserem leben
nur trivial funktionieren
keinen tag in unserem leben sein
ohne deine leuchtende stimme
ohne dein drängendes licht

Dorothee Sölle (gekürzt)
in: Loben ohne Lügen, © Wolfgang Fietkau Verlag, Kleinmachnow
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7574