Manuskripte

SWR3 Worte

In meiner Klosterzelle habe ich auf meinem Schreibtisch ein Bild meines verstorbenen Vaters und ein Bild meiner verstorbenen Mutter. Sie erinnern mich daran, dass ich den Eltern viel verdanke. Wenn ich ihre Bilder anschaue, komme ich in Berührung mit dem was sie verkörpert und woraus sie gelebt haben. Und ich fühle mich von ihnen begleitet. Die schützende Kraft meines Vaters ist bei mir. Er stärkt mir den Rücken. Der verständnisvolle Blick meiner Mutter erinnert mich daran, auf mich acht zu geben und nicht alle Erwartungen der Menschen erfüllen zu müssen. Ich bin getragen von der Liebe Gottes und von der Liebe meiner Eltern. Die Fotos bringen etwas von ihrer Liebe in meine Klosterzelle.


Anselm Grün – Vom Zauber des Alltäglichen
Quelle: Anselm Grün, „Vom Zauber des Alltäglichen“, Kreuz Verlag, Stuttgart, 2007, S. 26



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Mein Auto fährt mich sicher an die vielen Orte, an denen ich Vorträge halten muss. Bevor ich abfahre, bitte ich Gott um Segen und um den Schutzengel, der mich auf der Fahrt beschützt.
Im Auto habe ich kein Handy. Da erlebe ich eine Art Klausur. Da bin ich ungestört. Ich kann mich den eigenen Gedanken hingeben oder meditieren. Oder ich kann unterwegs die Nachrichten hören und den Verkehrsfunk. So bin ich mitten in der Welt und kann mich doch von ihr zurückziehen. Ich sehe die Welt und bin doch geschützt in einer Klausur, die mich dieser Welt entzieht.


Anselm Grün – Vom Zauber des Alltäglichen
Quelle: Anselm Grün, „Vom Zauber des Alltäglichen“, Kreuz Verlag, Stuttgart, 2007, S. 24



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Manchmal steht bei uns im Kloster am Schwarzen Brett die Mitteilung, dass ein Bruder seinen Schlüsselbund vermisst. Für manche ist das bedrohlich, weil sie wichtige Schlüssel oder gar Generalschlüssel an ihrem Bund haben. Erst wenn sie ihn vermissen, spüren sie welche Bedeutung er für sie hat. Ohne Schlüsselbund fühlen sie sich unsicher und ungeschützt.
Für mich hat der Schlüssel eine tiefere Bedeutung. Er sperrt mir Räume auf und zu. Er öffnet mir neue Räume in meiner Seele und oft schließt er mir auch die Tür zu einem anderen Menschen auf. Ich frage mich manchmal, wie ich den Schlüssel finden kann, der mir den Zugang zu einem anderen ermöglicht, der mir bisher nur verschlossen begegnet.


Anselm Grün – Vom Zauber des Alltäglichen
Quelle: Anselm Grün, „Vom Zauber des Alltäglichen“, Kreuz Verlag, Stuttgart, 2007, S. 46


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Das Markenzeichen eine Mitbruders ist seine uralte Aktentasche. Er hat sie von seinem Vater geerbt. Sie ist mehr als ein Behälter für die Bücher und das Arbeitsmaterial. Sie erinnert ihn an seinen Vater und die Achtsamkeit mit der er sie behandelt hat. Sie erinnert ihn an das was ihm heilig ist: an die Sorge des Vaters für die Familie, an die Lebensweisheit, die der Vater im Umgang mit geschäftlichen Dingen an den Tag legte, an die Achtung, die er den Dingen gegenüber hatte. Vertreter und Anlageberater haben heute wesentlich größere Aktentaschen bei sich. Da beobachte ich auch, wie sie oft behutsam mit ihnen umgehen, wie sie stolz sind, dass da alles hineinpasst, was sie zur Beratung brauchen. Die Art wie jeder mit seiner Aktentasche umgeht, sagt immer auch etwas über ihn und seine Seele aus.

Anselm Grün – Vom Zauber des Alltäglichen
Quelle: Anselm Grün, „Vom Zauber des Alltäglichen“, Kreuz Verlag, Stuttgart, 2007, S. 12

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Jeden Tag lese ich die Tageszeitung. Ich brauche keinen Fernseher und kein Radio. Aber die Zeitung möchte ich nicht missen. Das Zeitunglesen gehört zu meinem täglichen Ritual. Die Zeitung informiert mich nicht nur über das was in der Welt geschieht. Sie bietet mir auch eine Deutung des Geschehenen an. Ich muss die Deutung der Zeitung nicht übernehmen. Aber es ist eine mögliche Deutung, die mich anregt, mir meine eigenen Gedanken zu machen. So wird die Zeitung für mich auch zum Ort der Meditation. Ich erfahre, wofür und für wen ich bei unserem Chorgebet beten soll. Und die Zeitung lädt mich ein, zu meditieren, was Gott mir durch das Geschehen sagen will.

Anselm Grün – Vom Zauber des Alltäglichen



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Im Kloster weckt uns die Hausglocke um 4 Uhr 40. Doch ich stelle meinen persönlichen Wecker ein paar Minuten später. Denn oft überhöre ich die Hausglocke. Meinen Wecker habe ich noch nie überhört. So gibt er mir die Gewissheit, dass ich rechtzeitig aufstehe. Aber er sagt mir mehr: Er lädt mich ein aufzuwachen. Wach sein, den Schlaf abzulegen, sich dem Tag zu stellen, das sind wichtige spirituelle Haltungen. Eine bestimmte Glaubensrichtung sieht den Zustand des Menschen als Schlaftrunkenheit. Er hat seine Augen vor der Wirklichkeit verschlossen. Tiefer Glaube heißt:
Aufwachen zur Wirklichkeit. Der Wecker stellt mich also täglich vor die Frage ob ich mir Illusionen über mein Leben mache, oder ob ich bereit bin aufzuwachen und mich dem zu stellen, was mir Gott zumutet.

Anselm Grün – Vom Zauber des Alltäglichen
Quelle: Anselm Grün, „Vom Zauber des Alltäglichen“, Kreuz Verlag, Stuttgart, 2007, S. 60

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Morgens, wenn es noch dunkel ist, zünde ich vor meiner Christusikone eine Kerze an. Sie gibt dem Raum ein warmes Licht, in dem ich mich geborgen fühle... Die Kerze ist für mich zum Symbol geworden für das milde Licht Gottes, das nicht verurteilt, sondern erhellt, das nicht alles mit grellem Licht ausleuchtet, sondern das mich wärmt und mir einen neuen und angenehmen Schein schenkt.
Manchmal zünde ich die Kerze auch bewusst für einen anderen Menschen an. Solange die Kerze brennt, geht mein Gebet für den anderen zum Himmel. Und ich hoffe, dass das Licht auch seine innere Dunkelheit erhellt und Wärme in seine Kälte bringt.

Anselm Grün – Vom Zauber des Alltäglichen
Quelle: Anselm Grün, „Vom Zauber des Alltäglichen“, Kreuz Verlag, Stuttgart, 2007, S. 34.
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