Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Eigentlich können wir doch zufrieden sein hier in unserem Land. Das sagen viele. Wir haben, was wir zum Leben brauchen: Essen und Trinken genug, Kleider, so viele, dass man manchmal ratlos vor dem Kleiderschrank steht und nicht weiß, was anziehen. Wenn weniger im Schrank wäre, wäre das manchmal leichter. Wir haben ein Dach über dem Kopf, eine ordentliche Wohnung. Wir leben in Frieden, seit über 70 Jahren. Niemand muss Angst haben, dass Bomben über Nacht sein Haus zerstören. Oder dass morgen die Nachricht kommt, dass der Mann oder ein Sohn im Kampf für irgendeine Sache umgekommen ist. Und wenn ich krank bin, dann gibt es immerhin eine Gesundheitsversorgung, von der man in anderen Gegenden der Welt nur träumen kann.

 

Das alles ist nicht selbstverständlich. Jeden Tag können wir Bilder sehen und Berichte hören von Menschen, die das alles nicht haben. Für uns ist das normal. Jedenfalls für die allermeisten. Wir haben allen Grund, dankbar zu sein.

Ja, aber, denken sie jetzt vielleicht. Aber das ist doch nur die eine Seite. Noch immer gibt es viel zu viel Not in der Welt. Jeder 9. Mensch hat nicht das Nötigste zu essen, sagt die Welthungerhilfe. In Deutschland haben 650.000 Menschen keine Wohnung, stand vor 3 Wochen in meiner Zeitung. Wir hören von Mord und Gewalttaten, die unfassbar sind.

Ja – das ist alles wahr. Es ist   a u c h   wahr. Und die Schlagzeilen aus aller Welt machen auch mich unruhig und machen mir Angst. Dann hilft es mir, wenn ich mich erinnere: Es gibt nicht nur Not und Elend und Gefahr, es gibt auch freundliche Begegnungen, verlässliche Beziehungen, Menschen, die ich liebe, Erfolg und Gelingen.  Ich habe viel Grund, dankbar zu sein. Und das gibt mir Kraft und Möglichkeiten etwas für die zu tun, denen es nicht so gut geht wie mir.

Anscheinend haben Menschen den Normalfall schon immer gern vergessen. Sogar beim Beten. In der Regel klagen Menschen, die beten. Bitten um Hilfe. Für das Gute im Leben danken – das vergisst man leicht. Deshalb steht schon in den Gebeten der Bibel immer wieder diese Erinnerung: „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ (Ps 103, ) Zum Loben und Danken muss man sich anscheinend einen Ruck geben, weil einem der gelingende Normalfall des Lebens gar nicht auffällt. Deshalb erinnere ich Sie und mich heute am Anfang dieser Woche: Lobe den Herrn meine Seele, sei dankbar für das Normale -  du tust dir damit selbst einen Gefallen.

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