Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wen haben Sie heute früh schon umarmt? An diesem 21. Januar würde das besonders gut passen. Da ist nämlich der „Weltumarmungstag“ – oder der „Tag des Knuddelns“.

Ins Leben gerufen wurde dieser ungewöhnliche Feiertag vor über 30 Jahren in den USA, von einem Pfarrer. Der wollte im kalten Januar ein wärmendes Zeichen setzen, bewusst genau zwischen Weihnachten und Valentinstag. Und er hat dazu eingeladen, vertraute Menschen in den Arm zu nehmen. Ihnen damit zu zeigen: Ich freue mich, dass es dich gibt.

Eine Umarmung ist ja eine ganz besondere Begegnung zwischen zwei Menschen. Sie funktioniert ganz ohne Worte. Sie ist nicht intim, aber sehr persönlich. Sie ist zärtlich und kraftvoll zugleich. Sie überwältigt einen nicht, sondern braucht eine Erwiderung. Und sogar die Biochemiker können nachweisen, dass eine Umarmung Glücks-Botenstoffe hervorruft und damit schlicht guttut.

Die Bibel erzählt von einem Mann, dem ist auf ganz ähnliche Art und Weise Gott begegnet. Elia hat dieser Mann geheißen. Elia hatte bombastische Erfolge gefeiert, war eher ein Typ für die ganz großen Auftritte. Aber dann ist er in eine tiefe Lebenskrise geraten und konnte nicht mehr.

Diesen verzweifelten Elia lässt Gott an seinem heiligen Berg vorbeikommen. Und dann erlebt Elia dort einen gewaltigen Sturm, ein donnerndes Erdbeben, ein verheerendes Feuer. Sturm, Erdbeben, Feuer – das waren damals die Zeichen für Gottes Nähe. Und auch Elia hat vielleicht gedacht, dass Gott ihn jetzt mit aller Macht überfällt und überwältigt.

Aber erst danach kommt Gott zu Elia. Und zwar in einem stillen, sanften Sausen [vgl. 1. Könige 19,11-13a]. So beschreibt das die Bibel. Ich stelle mir das wie eine Umarmung vor. Ohne Worte. Zärtlich und kraftvoll zugleich. Und sehr persönlich. Elia konnte dann ermutigt weiterleben.

Ich kenne viele Menschen, die das ähnlich erleben wie Elia. Dass Gott ihnen nicht in großen überwältigenden Zeichen begegnet, sondern ganz unscheinbar. Vielleicht in einem Gedanken zur richtigen Zeit. In einem vermeintlichen kleinen Zufall. Oder auch in einem vertrauten Menschen, der einen umarmt.

Wen haben Sie heute schon umarmt? Ein bisschen Zeit ist ja noch. Und vielleicht spüren Sie dabei ja auch Gottes Umarmung.

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Manchmal wird eine vermeintliche Schwäche gerade zur Stärke. Obwohl niemand damit gerechnet hätte.

Vor 25 Jahren hat Scatman John die europäischen Hitlisten gestürmt. „Scatman John“, das war der Künstlername des US-amerikanischen Sängers John Larkin – und sein gleichnamiges Lied „Scatman“ stand auch in Deutschland wochenlang ganz weit oben. John Larkin – der stets mit Schlapphut und Schnauzer auftrat – wurde sozusagen über Nacht zum Star.

Was viele damals gar nicht gewusst haben: John Larkin war Stotterer. Zeit seines Lebens hatte er große Schwierigkeiten, gesprochene Sätze ohne Stocken über die Lippen zu bekommen. Gerade als Kind und Jugendlicher hat ihm das sehr zu schaffen gemacht. Oft ist er von Mitschülern gehänselt worden. Später hätten Alkohol und Drogen sein Leben fast zerstört.

Seine Stärken hat John Larkin zunächst im Klavierspielen entdeckt. Viele Jahre lang hat er als Jazzpianist gearbeitet. So konnte er seine Gefühle ausdrücken, ohne sprechen zu müssen. Aber später hat er zu seinen Stücken dann auch gesungen. Besonders gelegen hat ihm dabei das so genannte „Scatten“. Da werden nur Silben gesungen – fast wie beim Stottern! Erst mit knapp 50 Jahren ist John Larkin auf die Idee gebracht worden, das Scatten mit moderner Tanzmusik zu mischen und daraus ein Markenzeichen zu machen. Scatman John wurde geboren. Und John Larkins Stottern hat sich plötzlich als Erfolgsrezept herausgestellt.

Das passt gut zu einem Satz, den der Apostel Paulus mal gehört hat – direkt von Gott, wie er schreibt: „[M]eine Kraft kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung.“ [2. Korinther 12,9] Vielleicht ist das ja typisch für Gott – dass er auch die schwachen Seiten von uns Menschen nutzen und stark machen kann.

In Interviews hat John Larkin offen über sein Stottern gesprochen. Er hat sich für Hilfsorganisationen rund um das Stottern stark gemacht. Und für viele Menschen mit Einschränkungen ist John Larkin zu einem wichtigen Vorbild geworden. Er hat ihnen Mut gemacht, ihre Schwäche anzunehmen und gerade mit ihr selbstbewusst das Leben zu gestalten. In seinem Hit „Scatman“ hat er das so ausgedrückt: „Jeder stottert doch irgendwie, / also hör’ dir meine Botschaft an: / Lass dich von nichts aufhalten. / Wenn der Scatman es kann, Bruder, dann kannst du es auch.“

Schon vier Jahre nach seinem internationalen Durchbruch als Scatman John ist John Larkin gestorben. Die mutmachende Botschaft hinter seiner überraschenden Karriere bleibt. Und der Satz aus der Bibel: „[M]eine Kraft kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung.“

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