Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Heute ist ein merkwürdiger Zwischen-Tag: Karsamstag. Also nicht mehr Karfreitag, aber auch noch nicht Ostern. Jesus ist gestorben – daran haben wir Christen uns gestern, am Karfreitag, erinnert. Und jetzt? Wenn man etwas ganz Schlimmes erlebt hat – was ist dann?

In der Bibel gibt es die Geschichte von Hiob. Das ist der mit den Hiobs-Botschaften. Hiob bekommt die Nachricht, dass sein gesamter Besitz geraubt ist und seine Kinder tot sind. Schließlich wird er auch noch selbst schwer krank.

An ihm kann man sehen: Da kann man nicht mal eben zur Tagesordnung übergehen. Da steht die Welt völlig still. Das spüren auch die drei Freunde, die Hiob besuchen (siehe Hiob 2,11-13). Sie kommen von weit her. Sie sehen, wie groß Hiobs Schmerz ist. Sie weinen mit ihm. Und dann setzen sie sich zu ihm auf den Boden. Sieben Tage und sieben Nächte sitzen sie einfach nur da. Und reden kein einziges Wort. Sie sind einfach nur da und halten das Schwere mit aus.

Viele Trauernde erzählen mir: Genau das habe ich auch gebraucht, als es mir schlecht ging. Jemanden, der wahrnimmt, wie schlecht es mir geht. Der mit mir weint. Und dann einfach nur bei mir ist und mit aushält. Ein Mensch, der kleine klugen Erklärungen präsentiert, die es sowieso nicht gibt. Und der auch nicht mit frommen Bibelsprüchen zu trösten versucht.

Dieses Aushalten ist gar nicht so leicht. Auch wenn man selbst gar nicht direkt betroffen ist. Weil man da auch der eigenen Ohnmacht begegnet. Und zugibt, dass man nichts ändern kann. Aber manchmal ist das eben so. Und irgendwas zu tun, wäre dann nur Ausflucht.

Daran erinnert mich der Karsamstag heute. Dass es manchmal nicht gleich weitergeht im Leben. Dass man manchmal einfach nichts tun kann. Und dass das in Ordnung ist.

Das Schwere aushalten. Nicht gleich klug erklären. Und sich nicht in den Alltag flüchten. Oder in Vorbereitungen für die bevorstehenden Feiertage. Das ist heute am Karsamstag die Herausforderung, glaube ich. Ich hoffe, dass mir das gelingt. Und erst recht allen, die gerade etwas aushalten müssen.

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Karfreitag: Christen denken an diesem Tag daran, wie Jesus gestorben ist. Und in vielen Kirchen hängt der tote Jesus ja auch sichtbar am Kreuz. Damit können viele nichts anfangen. Manche finden es sogar abstoßend. Warum soll man sich dieses schwere Thema zumuten? Und dann auch noch so genau hingucken?

Mir hilft da eine geheimnisvolle Geschichte aus der Bibel (siehe 4. Mose 21,4-9). Lange vor Jesus schon hat die sich zugetragen. Sie erzählt, wie die Israeliten in der Wüste von giftigen Schlangen bedroht werden. Und sie beten darum, dass das aufhört.

… das kann ich gut nachvollziehen. Wenn mir Schweres begegnet, dann bete ich das auch. Dann ist auch mein Wunsch, dass Gott mir das Schwere erspart. Die Geschichte in der Bibel geht dann aber ganz anders weiter: Gott nimmt die giftigen Schlangen nicht weg. Stattdessen gibt er Mose den Auftrag, eine Schlange aus Metall zu machen und sie an einer Stange gut sichtbar in die Luft zu strecken.

Das wirkt erst mal völlig verrückt. Fast schon zynisch. Als ob Gott noch was obendrauf packt in all dem Leid. Aber, so die Geschichte weiter: Wer diese eine Schlange anschaut, wenn er von einer giftigen Schlange gebissen wird, bleibt am Leben.

Manchmal ist es doch so im Leben, dass man das Schwere erst mal bewusst anschauen muss, um damit umgehen zu können. Und man gesteht sich ein: Ja, dieses Schwere gibt es. Daran leide ich. Und es macht mir zu schaffen.

Mit diesem mutigen Blick ist schon viel geschafft. Manchmal kann es erst danach weitergehen. Weil die Dinge nun klar vor Augen sind – und dann vielleicht auch etwas von ihrem Schrecken verlieren.

So ähnlich ist es mit dem toten Jesus am Kreuz, glaube ich. Wenn ich den anschaue, sehe ich Gewalt, Leid und Tod. Das ist schwer. Aber das gibt es nun mal, bis heute. Überall in der Welt und bei uns. Und auch mir macht es zu schaffen.

Am Kreuz sehe ich dann aber auch: Gott ist das Leid nicht gleichgültig. Er steht nicht unberührt daneben. Er hat selbst gelitten, bis in den Tod hinein. Dann bleibt er also bei denen, die leiden und sterben müssen. Er lässt sie nicht allein. Das macht einen Unterschied, finde ich.

Deshalb schaue ich heute am Karfreitag den sterbenden Jesus an. Ich bete, dass Gott mir Kraft gibt dafür. Und allen, die gerade Schweres durchmachen.

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Bei uns im Ort wird gerade ein Haus abgerissen. Auf dem Weg zum Kindergarten kommen wir fast täglich dran vorbei. Jeden Tag gehen die Arbeiten ein Stück weiter. Erst sind Fenster und Türen ausgebaut worden. Dann die Dachziegel abgedeckt. Das Dachgestühl entfernt. Am Schluss hat man nur noch die Mauern gesehen. Und dann ist der Bagger gekommen.

Die Kinder hatten da natürlich viel zu schauen. Ich auch. Und ich habe in dieser Zeit gemerkt, wie nahe mir so ein Haus-Abriss geht. Ein Haus ist eben mehr als seine Bestandteile, mehr als nur Steine und Holz. Irgendwann ist es sorgfältig geplant und gebaut worden. Dann sind Menschen eingezogen, haben dort gelebt, geliebt, gestritten, Schönes und Schweres erlebt, Geburtstagsfeiern und Wasserrohrbrüche. Viele Jahrzehnte lang.… und jetzt geht das alles in wenigen Wochen zu Ende. Das ist ein schwerer Abschied, finde ich.

Es gibt Menschen, die erleben genau das mit einem anderen Menschen. Da hat man jemanden jahrzehntelang gut gekannt, so viel erlebt miteinander. Und dann merkt man plötzlich, wie er abbaut von Mal zu Mal. Bei jeder Begegnung wird es weniger. Und der Abschied bahnt sich an. Das ist zum Weinen.

Heute ist Gründonnerstag. In den Gottesdiensten an diesem Tag geht es darum, wie Jesus ein letztes Mal mit seinen Freunden am Tisch gesessen hat – und sie mussten von ihm Abschied nehmen. Schon in den letzten Tagen und Wochen hatten sie gemerkt, dass es gefährlich wurde für Jesus. Er hatte Andeutungen gemacht, vom Sterben gesprochen. Und am letzten Abend lagen Verrat und Verhaftung in der Luft. Ein Abend zum Weinen. Wie bei jedem schweren Abschied.

Der Gründonnerstag zeigt mir aber auch: Ich bin dann nicht allein mit meiner Wehmut. Auch anderen geht es nah, wenn etwas zu Ende geht. Und es tut gut, dann beieinander zu sein.

In den Gottesdiensten heute Abend sitzen Christen zusammen, wie Jesus damals mit seinen Jüngern. Sie essen und trinken miteinander. Erinnern sich an das zusammen Erlebte. Spüren, was Kraft gibt, auch in schweren Stunden. Und sie bitten um Gottes Beistand. Gemeinsam steht man sie nämlich oft besser durch, die Abschiede.

Vielleicht sind Sie da ja auch mit dabei heute Abend. So oder so: Ich wünsche Ihnen Kraft zum Abschied-Nehmen, wenn Sie sie brauchen.

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Manchmal braucht man Menschen, die großzügig einspringen. Ohne Angst, selbst dabei zu kurz zu kommen. So, wie es ein Bekannter neulich erlebt hat:

Mit seinem Sohn ist er einkaufen gewesen. Achtzig Euro waren es an der Kasse. Mein Bekannter wollte mit Karte bezahlen. Aber das war nicht möglich – offenbar hatte er eine Abbuchung übersehen, und das Konto war nicht ausreichend gedeckt. Die beiden haben dann einen Teil der Waren zurückgegeben und es nochmal versucht. Aber auch fünfzig Euro ließen sich nicht bezahlen. Da ist die Sache schon richtig peinlich geworden, und die Schlange hinter ihnen immer länger … Bei zwanzig Euro der nächste Versuch – Fehlanzeige. 15 Euro – wieder nichts.

Also wollte mein Bekannter dann notgedrungen alle Waren zurückgeben. In diesem Moment ist eine Frau aus der Schlange nach vorne gekommen, hat ihre Karte genommen und den verbliebenen Einkauf bezahlt.

Mein Bekannter hat sich bedankt. Und er hat auf die Frau gewartet und sie gefragt, wie er ihr das Geld zurücküberweisen kann. „Nein“, hat die Frau da gemeint, „das ist nicht nötig. Das kommt irgendwann wieder zurück.“

Diese Haltung beeindruckt mich. Da hat jemand etwas hergeschenkt für einen wildfremden Menschen und keine direkte Gegenleistung verlangt. Und wohl darauf vertraut, dass es im Leben so was wie ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Das, was ich einem anderen Menschen an Gutem tue, tut irgendwann mal jemand an mir …

Mein Bekannter hat sich nochmal bedankt bei der Frau. Und erst später, hat er erzählt, ist ihm ein Satz eingefallen, der noch viel passender gewesen wäre: „Vergelt’s Gott!“ Manche sagen diesen alten Satz noch ab und zu. „Vergelt’s Gott!“ Also: Gott möge dir zurückgeben, was du hergeschenkt hast. Jetzt – oder später.

Ich mag diesen Wunsch. Weil er so anders ist als das, was wir normalerweise machen – ich gebe dir was, aber dann erwarte ich auch eine Gegenleistung. Weil dieser Wunsch Gott so viel zutraut. Und weil er immer noch offenlässt, wie genau das Gute zurückkommt. Da kann Gott kreativ werden.

Vergelt’s Gott. Das sage ich heute dieser einen Frau an der Kasse. Und allen anderen, die großzügig herschenken.

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Zum runden Geburtstag Besuch bekommen von der Kirchengemeinde – in vielen Orten ist das Tradition. In der Regel wird dann nur den älteren Jubilaren gratuliert – ab dem 70. oder 80. Lebensjahr zum Beispiel. Diese Gemeindemitglieder rechnen auch meistens damit, dass man kommt, und freuen sich schon drauf.

Bei uns in der Kirchengemeinde fangen wir früher an mit den Geburtstagsbesuchen. Auch wer 60 Jahre alt wird, 50 Jahre, 40 Jahre oder 30 Jahre, bekommt einen kleinen persönlichen Gruß vorbeigebracht. In dem wird gratuliert und Gottes Segen gewünscht. Die Besuche machen ehrenamtliche Mitarbeitende oder ich als Pfarrer.

Die meisten Leute sind dann sehr überrascht. Viele freuen sich über die unverhoffte Begegnung. Aber regelmäßig erleben wir auch, dass Menschen im ersten Moment geradezu erschrecken: „Was, die Kirche kommt? So alt bin ich doch noch gar nicht …“Kirche – offenbar denken viele, das ist nur was für alte Menschen. Vielleicht, weil sie im Kopf haben, dass man erst dann auf andere angewiesen ist und Hilfe braucht.

Ich finde das schade. Und ich glaube: Kirche ist auch was für jüngere Menschen. Auch die können ja Unterstützung brauchen. In der Kirchengemeinde kann man zum Beispiel mit anderen über seine Lebensfragen reden. Man kann sich Impulse holen für seinen Glauben. Oder es gibt Eltern-Kind-Gruppen für den gegenseitigen Austausch.

Und außerdem: Kirche leistet ja längst nicht nur Hilfe. Sie inspiriert auch, bietet Gemeinschaft oder feiert einfach das Leben. Bei uns in der Kirchengemeinde habe ich schon viele spannende Menschen kennengelernt. Ich habe gute Konzerte gehört. Und wenn ich manchmal mit den anderen zusammen in den Gottesdiensten sitze, spüre ich, dass Gott sich in jeder Lebenslage erleben lässt.

Unsere Geburtstagsbesuche bei den jüngeren Geburtstagskindern – meistens werden dann sehr schöne Begegnungen daraus. Oft bleibt es bei einem kurzen Gespräch an der Haustür – aber man lernt sich auf diese Weise ein bisschen kennen. Manchmal ist auch gerade eine Party im Gange und wir werden spontan hereingebeten. Und gelegentlich erzählen Menschen auch aus ihrem Leben – und wir geben ihnen Gottes Segen dafür weiter. Eben so, wie es gerade passt.

… also – lassen Sie sich überraschen, wer bei Ihnen zum Geburtstag an der Haustür klingelt. Und falls Sie noch jünger sind: Nur Mut, falls es jemand von der Kirche ist!

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„Papa, wie stirbt man?“ Das hat mich unser vierjähriger Sohn neulich gefragt. Ganz nebenbei, morgens im Badezimmer, zwischen Zahnbürste und Klo. Da war ich erst mal sprachlos. Was antwortet man da? Sollte ich überhaupt antworten? Was hilft einem kleinen Kind weiter bei solchen großen Fragen? „Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ – in der Bibel werden genau solche Situationen ein paar Mal aufgegriffen (vgl. 5. Mose 6,20a; 2. Mose 13,14a). Also haben Kinder auch zu damaligen Zeiten schon Fragen gestellt. Auch die ganz großen Fragen zu Leben und Tod. Warum denn auch nicht? Ob das den Erwachsenen gerade passt, ist da nicht so entscheidend. Aber wichtig finde ich, dann auch etwas zu sagen, auf die Themen der Kinder einzugehen.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ In der Bibel folgt dann keine kurze und knappe Antwort, die man geben soll. Stattdessen wird geraten, den Kindern eine Geschichte weiterzugeben. Die Geschichte, wie Gott seinen Menschen beisteht, sie aus einer schlimmen Lage befreit und nicht mehr loslässt. Gott lässt die Menschen nicht im Stich – egal, wie es um sie steht. Das zieht sich durch diese alte biblische Geschichte, und das sollen die Kinder wissen.

„Papa, wie stirbt man?“ Meinem Sohn ging es vermutlich nicht um medizinische Einzelheiten bei dieser Frage. Auf die bin ich dann auch nicht eingegangen. Stattdessen habe ich ihm von meinem Glauben an Gott erzählt. Dass ich glaube: Unser Leben kommt von Gott. Und eines Tages nimmt Gott dieses Leben zurück. Aber auch dann noch bleiben wir mit Gott verbunden. Er steht uns bei und lässt uns nicht mehr los. Egal, wie es um uns steht. Deshalb ist der Tod nicht das Ende.

Meine Antwort war nicht besonders wortgewandt. Wie auch, noch verschlafen und mit Zahnpastageschmack im Mund? Aber mein Sohn konnte was damit anfangen, glaube ich. Er hat gemerkt: Da geht es um mich persönlich. Und dieses Thema ist auch meinem Papa wichtig. Einmal hat er noch kurz nachgefragt, auf seine Weise weitergedacht. Dann war er für den Moment fertig mit dem Thema. Und wir waren fertig im Badezimmer.

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