Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Die Berufswahl ist eine wichtige Entscheidung. Und sie fällt nicht immer leicht. Erst recht nicht, wenn man mehrere Begabungen hat, die man zum Beruf machen kann. So ist es auch Albert Schweitzer gegangen. Viele Kirchengemeinden, Straßen und Schulen sind nach ihm benannt.

 

Albert Schweitzer ist als Arzt berühmt geworden. Aber er hätte auch etwas ganz anderes machen können. Geboren ist er 1875 im Elsass. Nach dem Abitur hat er Philosophie und Theologie studiert und in beiden Fächern seinen Doktor gemacht. Er hat an der Universität unterrichtet und war Pfarrer am Straßburger Münster. Dazu war Albert Schweitzer ein Virtuose an der Orgel und ein großer Kenner der Musik von Johann Sebastian Bach. – Beeindruckend, wie viele Wege ihm offen gestanden haben.

Mit dreißig Jahren hat er sich dann aber für einen ganz anderen Weg entschieden. Er wollte anderen Menschen helfen. Deshalb hat er Medizin studiert und ist als Arzt nach Gabun in Zentralafrika gegangen. Dort, in Lambarene, hat er zusammen mit seiner Frau ein Krankenhaus aufgebaut und bis zu seinem Tod 1965 geleitet.

Mich beeindruckt, diese klare Entscheidung, die Albert Schweitzer getroffen hat, obwohl er viele andere Wege hätte gehen können. Er hat bei seinen Besuchen in Europa zwar auch weiter Orgelkonzerte gegeben und auch weiterhin Bücher geschrieben. Aber von Beruf war Albert Schweizer Arzt. Das war für ihn die Hauptsache. Und dafür hat er 1952 auch den Friedensnobelpreis bekommen.

Natürlich gibt es nur wenige Menschen mit so vielen außergewöhnlichen Begabungen. Aber Menschen, die mehrere Interessen haben und mehrere Dinge gut können, davon gibt es viele. Die Frage, welche Begabung man zum Beruf machen soll, stellt sich nicht nur in jungen Jahren. Auch später, in der Lebensmitte etwa, denken Viele über einen Berufswechsel nach.

In so einer Situation kann man von Albert Schweitzer lernen: Egal wie man sich entscheidet, man sollte seinen Weg mit Überzeugung gehen. Albert Schweitzer hat nicht gesagt: „Ach wäre ich nur Profi-Musiker oder Professor geworden!“. Auch nicht, wenn es im Urwaldkrankenhaus in Lambarene schwierig wurde. Er hat seinen Entschluss nicht ständig in Frage gestellt, trotz der anderen Möglichkeiten.

Albert Schweitzer hat seine Entscheidung anscheinend nie bereut. Indem er anderen geholfen hat, ist er selbst beschenkt worden. Im Rückblick sagt er: „Ich war ein Glückspilz, dass ich nach Lambarene gegangen bin, denn in Lambarene habe ich gefunden, was ich suchte: Liebe, Vertrauen, Hilfsbereitschaft und nützliche Arbeit“.

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Seit ziemlich genau einem Jahr fahre ich ein Elektroauto. Es hat die Farbe weiß. Weiß, weil es keine dreckigen Abgase in die Gegend pustet. Weiß wie mein Gewissen war, weil ich fast nur Strom lade, der aus Wasser-, Wind- oder Sonnenenergie erzeugt wird.

 

Neulich beim Laden hat mich ein Parkhaus-Mitarbeiter auf das Auto angesprochen. Ich habe ihm erzählt, wie zufrieden ich damit bin und hab ihm alle Vorteile aufgezählt. Da sagt er ganz trocken: „Aber für die Batterien sterben in Afrika Menschen“.

Ich habe dann im Internet recherchiert und bin auf den afrikanischen Arzt und Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege gestoßen. Die Rohstoffe Coltan und Kobalt, die man für die Batterien von Elektroautos und für Handys braucht, kommen aus seiner Heimat. Der Gynäkologe Denis Mukwege behandelt im Kongo vergewaltigte Frauen. Im Kongo herrscht nämlich Krieg. Und sexuelle Gewalt wird von den Kriegsparteien als Waffe eingesetzt. Eine Ursache für die Gewalt ist der Kampf um Rohstoffe. Es kann also tatsächlich sein, dass wegen des Kobalts in meiner Autobatterie Menschen zu Schaden gekommen sind. Und für die Rohstoffe in meinem Smartphone vielleicht auch.

Ich finde das schlimm: Da will man etwas für die Umwelt tun und denkt, man tut das Richtige. Und dann wird man an anderer Stelle schuldig. Es scheint, die Welt wird immer komplizierter. Alles hängt mit allem zusammen. Es ist nicht leicht, alle Aspekte im Blick zu haben. Und entsprechend schwer fällt es, eine weiße Weste zu behalten.

Aber ich denke, man sollte deshalb nicht sagen: Wenn eh immer alles eine Kehrseite hat, dann versuche ich erst gar nicht, das Richtige zu tun. „Gut ist nur Gott, sonst niemand“, hat Jesus einmal gesagt (Lukas 18,19). Wir Menschen bewegen uns oft im Graubereich. Ich fürchte, in unserer Welt ist es nicht anders möglich. Aber trotzdem gibt es zwischen fast Schwarz und Hellgrau einen großen Unterschied.

Als Denis Mukwege im Sommer in Deutschland war, hat er gefordert: Deutsche Unternehmen sollen nur noch Rohstoffe kaufen, die unter Beachtung der Menschenrechte und unter fairen Bedingungen gewonnen werden. Die Bundesregierung soll Gesetze erlassen, die das sicherstellen. Eine Online-Resolution mit dieser Forderung kann man im Internet unterzeichnen. Ich finde: Das wäre schon ein kleiner Aufheller für die graue Weste. Und als Käufer kann man auch etwas tun: Indem man sich für faire Produkte entscheidet. Hersteller, die darauf achten, wo die Rohstoffe für ihre Smartphones herkommen, gibt es bereits.

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Etwas anzufangen, fällt mir oft schwer. Wenn ich zum Beispiel eine Predigt schreibe, dann dauert es oft lange, bis ich den ersten Satz in die Computer-Tastatur tippe. Und wenn ich einen Anfang gefunden habe, dann lösche ich ihn auch oft wieder und versuche es anders.

 

Vor kurzem habe ich gelesen: Vielen anderen Menschen geht das auch so. Vor allem Leuten, die sich etwas ausdenken, also kreativ sein müssen: Journalisten, die Texte schreiben, Unternehmensberater, die Präsentationen erstellen, Lehrerinnen, die sich Fragen für eine Klassenarbeit überlegen... viele von ihnen sind wie blockiert, wenn sie am Schreibtisch sitzen.

Das liegt am „inneren Kritiker“, sagen Psychologen. Damit meinen sie: Wir Menschen überprüfen uns ständig selbst. Wir beurteilen, ob das, was wir machen, gut ist oder nicht. Manche haben einen so starken inneren Kritiker, dass sie mit nichts zufrieden sind, was sie zustande bringen. Und deshalb bleibt das Blatt Papier lange weiß oder der PC-Bildschirm lange leer.

Das geht besonders Menschen so, die viel Freiheit bei ihrer Arbeit haben: Man kann einen Text auf zehntausend unterschiedliche Arten schreiben. Und das macht Angst: Was ist wenn, wenn es noch eine viel bessere Möglichkeit gibt, als die, die mir gerade einfällt?

Was mir in solchen Situationen hilft, ist ein Blick auf die allerersten Seiten der Bibel. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, heißt es da. Was für eine Aufgabe, das Universum schaffen! Und wie hoch ist die Gefahr, das verkehrt zu machen!

Aber die Schöpfungsgeschichte erzählt: Gott fängt einfach an. Er schafft zuerst mal das Licht. Und Gott lässt diesen Anfang einfach so stehen. Er streicht ihn nicht wieder durch oder probiert was anderes aus. Irgendwie habe ich beim Lesen der Geschichte den Eindruck, dass Gott sich auch gar nichts vornimmt. Er hat nicht die perfekte Schöpfung als Ziel vor Augen, das er unbedingt erreichen muss. Nein, er macht einfach: die Planeten, die Pflanzen und die Tiere. Und jedes Mal stellt er fest: O, das ist mir ja ganz gut gelungen. Beim Lesen kann man spüren, mit wieviel Lust Gott jeweils an das nächste Kapitel seiner Schöpfung geht. Ganz am Ende fällt ihm noch der Mensch ein. Und dann findet er die Sache richtig gut und legt sozusagen den Stift weg.

Ich denke, wer bei seiner Arbeit kreativ sein muss, findet in der Schöpfungsgeschichte gute Tipps: Ich sollte einfach mal anfangen. Nicht gleich bewerten. Mich überraschen lassen von dem, was entsteht. Und: Mit dem Ergebnis zufrieden sein.

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Jakobsmuscheln haben immer einen Riss. Im Sommerurlaub in Frankreich haben meine Familie und ich am Strand Muscheln gesammelt. Die schönen, großen Jakobsmuscheln waren am schwierigsten zu finden. Und die Paar, die wir gefunden haben, hatten alle einen Riss.

Ich glaube, so ist das auch mit dem Leben. Makellos, wie ich mein Leben gerne hätte, ist es nicht. In jedem Menschenleben gibt es Risse. Manche haben einem andere Menschen oder das Schicksal zugefügt. Aber manche Risse stammen auch von einem selbst: Neid, Zorn, Angst oder Perfektionismus können solche Risse sein. Ich denke, jeder kennt sie. Und vielleicht gibt es ja einen ganz bestimmten Riss, der mir besonders zu schaffen macht. Einen, von dem ich den Eindruck habe: Er hindert mich immer wieder daran, so zu sein, wie es gut wäre. Ein Riss, den ich nicht schließen kann, egal wie sehr ich mich anstrenge.

So ein Riss kann aber auch etwas Gutes haben. „Da ist in allem ein Riss“, heißt es in einem Lied von Leonard Cohen, „aber gerade so kommt das Licht hinein“. „There is a crack in everything. That's how the light gets in“.

Der Heidelberger Theologe Christian Möller hat diese Verletzung den „heilsamen Riss“ genannt. Der Riss ist schmerzhaft und heilsam zugleich. Er erinnert mich daran: Ich bin nicht, wie ich sein soll. Ich bin nur ein Mensch. Mir gelingt es, manche Dinge in meinem Leben zum Guten zu verändern. Aber alle Versuche, mich selbst zu optimieren, stoßen irgendwann an eine Grenze. Egal wie sehr ich dagegen ankämpfe. Das ist schmerzhaft.

Und gleichzeitig ist der Riss heilsam. Denn er öffnet mich auch für Gott. Durch den offenen Riss kommen Gottes Gnade und Liebe in mein Leben. Gott liegt etwas an mir, trotz der Eigenschaften, die mir so sehr zu schaffen machen. Er sucht meine Nähe trotz meiner Angst, trotz meines Zorns, trotz meines Neids oder was immer es ist. Das hilft mir, mit meinem Riss zu leben und lässt mich aufhören zu kämpfen. Ich lerne: Ich bin nicht makellos – aber ich brauche es auch nicht zu sein. Ich bin ein Mensch – und ich darf ein Mensch sein. Ich stoße an meine Grenzen – und auch das darf sein. Weil Gott gnädig zu mir ist, kann ich auch gnädig zu mir selbst sein. Das ist heilsam.

Die Jakobsmuscheln, die wir am Strand in Frankreich gefunden haben, haben wir mit nach Hause genommen, trotz ihrer Risse. Eine davon liegt auf meinem Schreibtisch. Sie erinnert mich daran: „Da ist in allem ein Riss, aber gerade so kommt das Licht hinein“.

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Jetzt ist es soweit. Meine Kinder haben mich im Sport überholt. Mit meinem 16-jährigen Sohn bin ich im Urlaub im Meer um die Wette geschwommen und nicht mehr hinterhergekommen. Und meine 20-jährige Tochter hat vor kurzem das Joggen angefangen und ist jetzt schon fitter als ich, obwohl ich regelmäßig Laufen gehe.

 

Mein Alter macht sich zunehmend bemerkbar: Die Kochen tun weh, das Gedächtnis streikt ab und zu. Und eine Gleitsichtbrille muss auch her, wenn ich abends im Bett noch lesen will.

Das alles ist nicht dramatisch, aber es zeigt mir: Ich habe meinen Zenit überschritten. Und gleichzeitig starten meine Kinder voll durch, nicht nur sportlich, sondern überhaupt ins Leben. Irgendwie habe ich das Gefühl: Ich werde vom Hauptdarsteller zum Nebendarsteller.

Aber da bin ich nicht der Erste. Offenbar war das schon immer so. Auch in der Bibel: Zum Beispiel in den Geschichten von Abraham, Isaak, Jakob und Josef und ihren Frauen. Wenn man diese Vier-Generationen-Familiensage liest, fällt auf: Die Hauptdarsteller wechseln. Da wird beispielsweise ausführlich von Jakob erzählt und dem, was er alles erlebt hat. Nur in einem Nebensatz wird erwähnt, dass er einen Sohn namens Josef hat. Aber dann schwenkt sozusagen die Kamera und nimmt Josef in den Fokus: „Josef war siebzehn Jahre alt und hütete mit seinen Brüdern die Schafe“. Ab diesem Satz ist Josef die Hauptperson. Jakob kommt zwar noch vor, aber eben nur noch als Nebendarsteller. Die Geschichte ist jetzt Josefs Geschichte.

Und das völlig zu recht. Denn so viele spannende Sachen passieren nicht mehr bei Jakob. Es ist ruhiger geworden in seinem Leben. Dagegen hat der 17-jährige Josef noch alles vor sich.

So ist das auch mit meinen Kindern: Schulabschluss, Auszug von zuhause, Ausbildung und was da noch kommen wird in den nächsten Jahren – das sind doch die spannenden Dinge. Mein Leben ist dagegen vergleichsweise langweilig.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kann ich mich anfreunden mit diesem Rollenwechsel vom Haupt- zum Nebendarsteller. Schließlich habe ich diese ereignisreichen Zeiten ja auch gehabt. Es war schön. Aber Vieles davon wäre mir heute zu anstrengend und zu aufregend.

Und außerdem kann ich aus der zweiten Reihe viel besser beobachten. Es macht mir nämlich Spaß, meinen Kindern beim Durchstarten ins Leben zuzusehen – wenn auch in Zukunft durch die Gleitsichtbrille.

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