Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Üsküdara heißt ein populäres türkisches Lied. Üsküdar ist ein Stadtteil von Istanbul auf der asiatischen Seite. Die Melodie ist weit über die Türkei hinaus bekannt. Vor einiger Zeit schon habe ich dieses Lied kennengelernt. Jetzt durfte ich es bei einem Konzert ansagen, und da habe ich natürlich darüber recherchiert. Ich war erstaunt, wie sich ein einfaches Lied in kurzer Zeit länder- und kulturübergreifend entwickeln kann.
Musikwissenschaftler sagen, dass das Lied im 19. Jahrhundert entstanden ist. Es soll auf eine Schulhymne an einer englischen Schule in Istanbul zurückgehen. Es gibt die Vermutung, dass schottische Soldaten die Melodie als Militärmarsch gespielt haben. Mit Schottenrock und Dudelsack sorgten sie natürlich für Aufsehen. Die Schotten waren im sogenannten Krimkrieg als militärische Unterstützung gegen Russland im damaligen Osmanischen Reich im Einsatz. Die Melodie sei bald darauf ein türkisches Volkslied geworden. Die erste Tonaufnahme stammt von 1902 von einem 12-jährigen armenischen Sänger. Der Junge lebte in Antep, einer an der Straße von Aleppo nach Armenien gelegenen Stadt. Antep beherbergte damals vor 150 Jahren zu gleichen Teilen Kurden, armenische und griechische Christen, Muslime und Juden. Sie lebten friedlich zusammen, heißt es. Soweit meine Recherche.
Heute wird in der Wiege dieses Liedes, wegen machtpolitischer Bestrebungen, Blut vergossen. Ethnische und religiöse Trennungen werden vorgenommen. Ich möchte an die traditionell musikalischen Zentren erinnern: Antep in der Türkei und Aleppo in Syrien, heute in Schutt und Asche. Das Lied Üsküdara transportiert für mich dabei eine Botschaft. Es ist für mich ein wunderschönes Beispiel, wie das Zusammentreffen von verschiedenen Kulturen, in diesem Fall schottisch, türkisch und armenisch eine Melodie hervorbringen kann, die zum Weltkulturgut wird und heute in unzähligen Sprachen beheimatet ist. Die Melodie erklingt heute nicht nur als Begleitmusik zu einem türkischen Hüfttanz, sondern wird weltweit bei Hochzeiten und anderen Festen gespielt. In Deutschland gibt es seit vielen Jahren „Die Klingende Brücke“, eine Singbewegung. „Üsküdara“ ist eines der europäischen Lieder im Repertoire. Der Text ist nur eine unspektakuläre Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Mann. Hindernisse, Sehnsucht und Erfüllung. Aber genau das vereint Menschen über religiöse, ethnische und nationale Grenzen hinweg.

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Den Nikolaus gab es wirklich. Vor 1700 Jahren. Es war die Zeit der konstantinischen Wende. Das Christentum war damals eine noch sehr junge Religion. Nikolaus war da ungefähr dreißig Jahre alt. Der römische Kaiser Konstantin hat den Christen erlaubt, ihre Feste und Gottesdienste öffentlich zu feiern. Davor waren sie unterdrückt. Jesu Botschaft war bis dahin den Mächtigen suspekt. Nächstenliebe passte nicht in eine Welt, in der ein paar Wenige reich und die Meisten arm oder versklavt waren. Schon erstaunlich: Die neue Freiheit hat dafür gesorgt, dass sich die Lehre des Jesus von Nazareth rasant verbreitet hat. Nikolaus wurde in dieser Wende-Zeit zum Bischof gewählt. Wahrscheinlich war er ein kluger Kopf, ein beispielhafter Christ und eine anerkannte, wohlhabende Persönlichkeit. „Niklaus ist ein guter Mann, dem man nicht g’nug danken kann“ heißt es in einem Kinderlied. Aber dieses Bild des netten, großzügigen Bischofs, greift meiner Meinung nach zu kurz. In der jungen christlichen Gesellschaft gab es noch einiges zu klären, theologisch, politisch und sozial. Nikolaus hat sich eingemischt: Er nahm als Bischof teil an den ersten offiziellen Zusammenkünften der Christen, den Konzilen. Die versuchten zu klären, was zum Glauben gehört und was nicht. Nikolaus hat sich wahrscheinlich auch wirtschaftspolitisch engagiert, denn Wundergeschichten erzählen, dass er Hungersnöte abgewendet hat. Er muss sozialpolitisch aktiv gewesen sein, denn viele Legenden erzählen davon, dass er armen Kindern geholfen hat. Dass er dafür gesorgt hat, dass sie eine Ausbildung bekommen. Nikolaus hat nicht nur Almosen verteilt, sondern Armut und Kriminalität auch strukturell bekämpft. So deute ich die Legende, dass er einem armen Mann für seine drei Töchter Geld gegeben haben soll, damit sie heiraten konnten. In dieselbe Richtung gehen Wundergeschichten, dass er ermordete Jungs wieder zum Leben erweckt oder unschuldig Verurteilte gerettet haben soll.
Kein Wunder ist der Heilige Nikolaus einer der bekanntesten Heiligen. In mittelalterlichen Klosterschulen gab es den Brauch, dass die Kinder am Nikolaustag einen „Kinderbischof“ wählten. Der verteilte dann Geld- und Sachspenden an Bedürftige. Kleine Theaterstücke wurden öffentlich aufgeführt, um christliche Werte in der Bevölkerung bekannt zu machen. Es gab damals nämlich noch keine Schulpflicht. Die meisten Leute konnten weder lesen noch schreiben. Der gewählte kleine Bischof Nikolaus durfte nach dem Prinzip der „verkehrten Welt“ das Verhalten der Erwachsenen tadeln und sie daran erinnern, was es heißt, gute Christen zu sein.

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Lasst uns froh und munter sein! Bald ist Nikolausabend da! Das bedeutet: Stiefel oder Teller bereitstellen, um sie morgen mit kleinen Geschenken gefüllt vorzufinden. Es heißt, der Heilige füllt sie auf seinem Weg durch die Nacht.
Bei uns zu Hause kam früher der Heilige Bischof am 6. Dezember persönlich vorbei. Mit Knecht Ruprecht als Helfer. Der trug einen Sack mit Mandarinen, Schokolade, Lebkuchen und Nüssen. Aber er hatte auch eine Rute dabei. Als Kind musste ich dem Nikolaus Gedichte aufsagen oder ihm ein Lied vorsingen. Dafür wurde ich dann mit Süßigkeiten, Obst und Nüssen belohnt. Strafen gab es nie. Aber Knecht Ruprecht, in manchen Gegenden heißt er auch „Krampus“ oder „Percht“, stand in seinem dunklen Gewand und seiner Rute mitten in unserem Wohnzimmer. Das war bedrohlich.
Als Erwachsener bin ich selbst verkleidet mit Bischofsmütze, Hirtenstab und Bischofsgewand bei befreundeten Familien als Nikolaus aufgetreten. Dann wurde das goldene Buch aufgeschlagen, darin stand, ob das Kind brav oder ungezogen war. Es gab immer beides. Lob und Tadel, Kritik und Anerkennung. Ich habe dabei oft in verängstigte große Kinderaugen geblickt. Ich habe versucht nicht zu streng, sondern nachsichtig und wohlwollend zu sein.
Aber wozu dieses Theater? Warum diese manchmal offene, manchmal versteckte Drohung mit Strafen? Wenn ich heute darüber nachdenke, fällt mir die Arbeitsteilung auf: der liebe Bischof und der grimmige Bösewicht. Der eine ist nährend und fürsorglich, der andere erscheint streng und bestraft womöglich. Gut und Böse, fein säuberlich getrennt. Brauchen wir solche Inszenierungen als pädagogische Hilfsmittel, Belohnung und Bestrafung, Zuckerbrot und Peitsche?
Ich bin überzeugt: Hochstilisierte Heilige auf der einen und Horrorfiguren auf der anderen Seite brauchen wir nicht. Keiner von uns ist nur gut oder nur böse. Der Bischof Nikolaus war das sicher auch nicht. Für mich ist der heilige Nikolaus trotzdem ein Vorbild. Für mich verkörpert er einen Menschen, der beides in sich vereint, streng und trotzdem fürsorglich. Klare Grenzen setzen und trotzdem auch Milde walten lassen. Nikolaus zeigt mir, dass eine christliche Gesellschaft ein soziales Gewissen braucht. Dass wir wach und sensibel bleiben, wenn in einer reichen Gesellschaft Kinder- oder Altersarmut immer mehr Menschen betrifft. Spenden und helfen ist gut, gerechte soziale Systeme entwickeln ist besser.

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„Warum tragen christliche Nonnen ein Kopftuch?“ fragt mich eine muslimische Schülerin. Sie selbst trägt Kopftuch. „Es ist doch auch aus religiösen Gründen, oder?“ Sie meint die Frage ernst. Sie fragt sich selbst, was ihr ihre eigene Religion bedeutet. Ich versuche zu antworten.
Das Nonnengewand ist seit vielen Jahrhunderten eine traditionelle Tracht. Eine Art Uniform. Nonnen aus demselben Orden tragen dieselben Gewänder. Manche leben in einem Kloster, einem abgeschiedenen Ort, und beten dort regelmäßig. Sie gehen einem Beruf nach, als Lehrerin, Krankenschwester oder in einer anderen Tätigkeit. Oft kümmern sie sich um Hilfsbedürftige und Kranke. Manche arbeiten in der Landwirtschaft oder in einem Handwerk. Viele leben statt im Kloster in kleinen Hausgemeinschaften.
Auch die Männer, Brüder oder Mönche in den Orden tragen traditionell eine Art Uniform. Besondere Eigenschaften zeigen sich bei einer Person oft an der Frisur oder der Kleidung. Das schlichte Gewand mit Kapuze oder Kopftuch zeigt, dass die Männer und Frauen Teil einer Gemeinschaft sind. Ihre Individualität ist dabei nicht so wichtig. Es geht um das, was sie für andere tun. Alle Uniformträger stellen sich erkennbar mit ihrer ganzen Person, mit ihren Stärken und Schwächen, eben so, wie sie sind, voll in ihren Dienst. Als Soldat, als Polizist, als Mitglied der Feuerwehr. Bei Nonnen und Mönchen ist es der Wunsch, ganz und gar Jesus und seiner Botschaft zu dienen.
Heute möchten hierzulande nur noch wenige Frauen und Männer Nonne oder Mönch werden. Wenn eine junge Frau sich heute entscheidet, Nonne zu werden, ist das eine freiwillige Entscheidung. Sie muss 18 Jahre alt sein, meistens auch eine Ausbildung vorweisen können. Und selbst dann gibt es für sie noch eine Art Probezeit. Als Nonne hat sie manchmal die Wahl, in der Öffentlichkeit die Nonnentracht zu tragen, oder auch nicht. Es gibt auch Nonnen in ganz normaler Straßenkleidung. Kleider machen Leute, heißt es. Oft zeigt sich in dem, was Menschen anziehen oder welchen Schmuck sie tragen, wovon sie überzeugt sind, wie sie gerne leben möchten. Gott sei Dank sind wir in Deutschland so frei, dass jeder, wenn er es will, öffentlich seine Lebenseinstellung zeigen darf.
Die junge Muslima hat sich für die Erklärungen bedankt. „Und was bedeutet es für sie, Kopftuch zu tragen“? habe ich sie dann gefragt. Ob sie sich vorstellen kann, dass wir im Unterricht darüber reden?

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Was, schon wieder Advent? Nur noch 21 Tage, dann ist Weihnachten, und es gibt noch so viel zu tun! Die Frage ist ein Dauerbrenner: Wie kann ich mir Zeit nehmen für das, was mir wirklich wichtig ist? Der römische Philosoph Seneca hat dazu gesagt: "Befreie dich für dich selbst und sammle und bewahre die Zeit, die dir bisher entweder geraubt […] wurde oder entschlüpfte.“
Wenn das so einfach wäre! Sich befreien, sich die Zeit nehmen!
Es gibt dazu unzählige Ratgeber, Weisheiten und Sprüche. Ich habe schon viele Tipps ausprobiert: den Tag und die Woche strukturieren, Prioritäten setzen, Freiräume einplanen. Bei mir scheint das meistens nicht zu funktionieren, irgendetwas mach ich da falsch. Die Zeit läuft mir trotzdem oft davon. Auch Zimmer oder Wohnung aufräumen, weil äußeres Aufräumen auch im Inneren Ordnung schaffen soll. Bei anderen mag das funktionieren, bei mir nicht. "Sich entscheiden" soll hilfreich sein. Sich von Dingen und Menschen trennen, die einem auf längere Zeit nicht gut tun. Grenzen setzen, ein freundliches aber bestimmtes „Nein“ sagen. Das alles soll dazu führen, dass mich niemand mehr ausnutzen kann, wenn ich es nicht zulasse. Es soll mir Respekt bei anderen verschaffen, heißt es. So habe ich das aber noch nie erlebt.
Was mir in letzter Zeit hilft: Ich gehe öfters zu Fuß. Ich verzichte bei Strecken, für die ich nicht länger als eine gute halbe Stunde zu Fuß brauche, bewusst aufs Auto, den Bus oder das Fahrrad. Vorausgesetzt ich muss nicht zu viel transportieren und es passt in meinen Rucksack. Ich unterbreche dadurch bewusst den oft hektischen Alltag. Wie beim Spazieren gehen bekomme ich den Kopf frei. Ganz bewusst auch bei Wind und Regen. Und wenn es nur zehn oder fünfzehn Minuten draußen sind. Ich spüre mich dabei ganz anders als zwischen Leuten im Bus, oder als Teilnehmer im Straßenverkehr, wo meine ganze Aufmerksamkeit im Außen gefordert ist. Wenn ich mir das leisten kann, beim Gehen ganz bei mir zu sein, spüre ich, dass ich sehr dankbar bin für mein Leben, so wie es ist. Das hilft mir zufriedener zu sein.
Mein Adventskalender besteht dieses Jahr täglich aus ein paar Minuten Zeit. Ganz bewusst zu Fuß gehen, dabei meditieren, beten, bewusst mich mit einem Freund oder einer Freundin unterhalten.

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Gestern hat die Adventszeit begonnen. Es war ursprünglich eine Fastenzeit. Gefastet wurde in manchen Gegenden schon ab dem 11. November. Mit der Martinsgans wurde noch fett gefeiert, dann wurde gefastet, 40 Tage lang. Fasten ist heute nicht mehr vorgeschrieben, aber der Advent bleibt eine besondere Zeit.
"Adventus" heißt auf Deutsch „Ankunft“, gemeint ist die Ankunft Jesu. An Weihnachten feiern wir seine Geburt. Eine schöne Erinnerung, aber nicht nur. Christen denken auch an die Zukunft, und erwarten, dass er wiederkommt. Er wird das Reich Gottes vollenden, „Erde und Himmel werden neu“, heißt es in der Bibel. Im Glaubensbekenntnis sagen die Christen „er sitzt zur Rechten Gottes, …; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten;“ Jesus wird also das Böse vernichten und die Menschen und die ganze Welt endgültig erlösen, so die Vorstellung. Dann könnte endlich alles so sein, wie Gott es gewollt hat. Fasten gehört dazu, um sich auf dieses Ereignis vorzubereiten.
Die ersten Christen glaubten tatsächlich, Jesus komme noch zu ihren Lebzeiten wieder. In der Bibel wird das so beschrieben: Die Menschen werden den „Menschensohn“ sehen, kommend „auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit“ (Mt 24,30).
Ist das etwas auf das ich mich freue, das ich kaum erwarten kann? Heute, über zweitausend Jahre später stelle ich mir das nicht so vor, dass Jesus spektakulär von außen wiederkommt und wir dann in einer schönen heilen Welt leben. Das ist eher Stoff von apokalyptischen Fantasy Filmen. Aber, dass „Erde und Himmel“ neu sein können, dieses Bild spornt mich an. Trotz Klimaerwärmung, Gewalt und Zerstörung und anderen katastrophalen Nachrichten: Als Christ kann ich mich nicht zurückziehen und die Hände in den Schoß legen. Das was ich selber beeinflussen und tun kann: Das ist mein Advent. Nicht aufgeben: So wenig wie möglich Treibhausgase produzieren, meinen CO2-Abdruck kleiner machen. So weit wie möglich auf Plastik verzichten. An mir selber arbeiten. Ich weiß zum Beispiel: Ich wirke manchmal überheblich. Das kann dazu führen, dass andere sich über mich ärgern. Ich wiederum fühle mich angegriffen und ruck zuck enden Gespräche mit negativen Gefühlen. Damit solche Situationen erst gar nicht mehr entstehen, muss ich an mir arbeiten.
Damit Jesus ankommen kann, braucht es Menschen, die seine Botschaft der Nächstenliebe in die Tat umsetzen. Ich bin überzeugt: Jesus kommt wieder, jedes Mal wenn Menschen seinem Beispiel folgen.

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