Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ah dieser November – mit all dem Schweren, Dunklen: allein in dieser Woche: Volkstrauertag, Buß- und Bettag und Totensonntag. Da kann man schon trübsinnig werden. Und der Tod ist ja auch eine der größten Belastungen, die es gibt. Eine seelische, aber auch körperliche Belastung, die wir Lebenden, in dieser Welt Bleibenden überleben, überstehen müssen.
Den Tod überleben – dieser Gedanke kam mir bei einer Trauerfeier, als ich gesehen habe, wie schwer es für die Hinterbliebenen oft ist, mit diesem schmerzlichsten aller Verluste umzugehen. Den Tod überleben – ein widersprüchlicher Satz. Denn Tod ist Tod und Leben Leben, denk ich doch. Aber so getrennt sind Leben und Tod gar nicht. Und ohne den Tod wäre das Leben sicher nicht so intensiv und kostbar. Darum wird mir auch so vieles erst richtig bewusst, wenn es fehlt, am heftigsten, wenn ein Mensch gestorben ist, der mir nahe steht. Da erfahre ich dann die ganze Wucht des Todes. Die Zeit scheint still zu stehen, man selbst ist wie gelähmt. Aber es gibt viel Gutes, das uns Hinterbliebenen helfen kann. Allen voran andere Menschen, die jetzt, gerade jetzt an unserer Seite bleiben. Wenn sie da sind, ganz einfach da sind. Und so weiter mit uns durchs Leben gehen. Trauerfeiern und Gottesdienste helfen, den Tod in all seiner Größe zu würdigen, ihm aber auch seine Grenze zu zeigen, ihm seinen Platz zuzuweisen außerhalb des Lebens.

Vor allem aber ist es die Liebe, die dem Tod die allumfassende Macht nimmt. Sie reicht über dieses Leben hinaus. Nicht nur der Tod berührt die Unendlichkeit, auch die Liebe. Dieses wunderbare Band aus Gefühlen, Erinnerungen und gelebtem Leben kann auch der Tod nicht zerschneiden.

Für glaubende Menschen schließlich ist der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens. Das endgültige Überleben des Todes. Ganz bei Gott geborgen – in einer anderen Daseinsform. Ganz der Mensch, der ich in diesem Leben war und doch ein ganz anderer, ganz neu, göttlich neu. Und wieder vereint mit denen, die uns hier so schmerzlich fehlen…

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„Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch ein Jahr zu leben hätten?“
Diese so abstrakte wie unangenehme Frage haben zwei Psychologinnen einer großen Zahl von Personen gestellt. Die Antworten darauf waren ziemlich einheitlich: Zwei Drittel der Befragten sagten, sie wollten mehr Zeit mit Menschen verbringen, die ihnen lieb sind. Sie würden ihr Leben ordnen, Konflikte beilegen, den Liebsten zeigen, wie gern sie sie haben. Dreiviertel der Befragten wollten endlich Dinge tun, die sie lange hinausgeschoben haben: ein Konzertbesuch, eine Sportart beginnen oder die letzte große Reise machen. Ein kleiner Prozentsatz, vor allem Jüngere, würde es so richtig krachen lassen, die Schule schmeißen, Party machen, Geld auf den Kopf hauen oder etwas tun, was man sich bisher verboten hatte. Diese Gedanken kommen einem vielleicht bekannt vor.

Was aber tun die Menschen, die tatsächlich nur noch ein Jahr zu leben haben? Davon berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Sterbehospizen. Und das sieht ganz anders aus als die Vorstellungen von Menschen, die nicht wirklich vom Tod bedroht sind. Menschen, die tatsächlich nicht mehr lange zu leben haben, reagieren so unterschiedlich darauf, wie unterschiedlich sie eben sind. Die einen wollen ganz alltägliche, scheinbar banale Dinge tun: die Sonne auf der Haut spüren, über den Markt schlendern oder Blumen riechen. Andere wollen gar nichts mehr, nichts klären, nichts abschließen, nichts bekommen, nichts mehr erleben. Und manche können gar nichts mehr tun, wegen ihren Schmerzen.

Was aber allen Todkranken gemeinsam ist, sie werden authentischer, geradliniger, kümmern sich nicht mehr um Konventionen. Es geht ihnen weniger ums Machen und mehr ums Sein. Weniger ums Wünschen und mehr ums Weglassen. Sie grübeln nicht mehr so viel, planen und sorgen sich weniger. Der Moment zählt. Was sind wir Menschen doch für eigenartige Wesen, dass wir es oft erst schaffen so zu leben, wenn wir sterben müssen.

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Ja, es gibt sie noch, die großen Lieben, die ein Leben lang halten. Trotz aller Beziehungskrisen und Scheidungsraten. Aber sie werden halt nicht so an die große Glocke gehängt und wenn, dann gleich so hoch auf den Sockel gestellt, dass sie so einmalig wie unerreichbar scheinen.

Darum hat es mich gefreut und auch berührt, als ich in einer Radiosendung eine ganz wunderbare, so beiläufige wie schöne Liebeserklärung gehört habe. Der Künstler Christo, der in Deutschland vor allem durch die Verhüllung des Reichstages bekannt wurde – hat in einem Interview immer wieder von seiner Frau gesprochen. Das ist ja erst einmal nichts Ungewöhnliches. Er hat aber immer im Präsens, in der Gegenwartsform von ihr gesprochen, was auch noch nichts Ungewöhnliches wäre, wenn sie nicht tot wäre.

Christos Frau Jeanne-Claude ist im November 2009 gestorben. Und ihr Mann spricht von ihr, als sei sie noch da. Er spricht von Projekten die sie noch machen, er redet von „wir", wo doch nur noch er am Leben ist.

Man könnte jetzt natürlich sagen, dass er es noch nicht verinnerlicht habe, dass seine Frau nicht mehr lebt, oder dass er es einfach nicht wahrhaben wolle. Aber wenn man weiß, dass Christo und Jeanne-Claude im selben Jahr und am selben Tag geboren wurden, dass sie wegen ihrer Liebe lange in Armut leben mussten, dass sie 47 Jahre verheiratet waren und fast alles gemeinsam gemacht haben, in der Kunst wie im restlichen Leben, dann versteht man, dass der Tod dieses Paar nicht trennen kann.

Und vielleicht passt das ja auch zu ihrer Art von Kunst. Nicht nur, weil sie jahrzehntelang all ihre Kunstwerke gemeinsam geplant, finanziert und durchgeführt haben. Sondern weil der Kern ihrer Kunst das Enthüllen durch die Verhüllung war. Dadurch, dass sie Gegenstände, Teile der Natur oder Bauwerke eine Zeitlang verhüllt haben, wollten sie auf den inneren Wert von Dingen, Bauwerken und der Natur hinweisen. – Vielleicht ist der Tod ja auch nur eine Verhüllung, die uns das so intensiv enthüllt, was uns über ihn hinaus verbindet: die Liebe.

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„Nicht wieder tun ist die beste Buße“, sagt ein deutsches Sprichwort.
Da ist was dran, aber ich glaube es reicht nicht. Es ist zwar gut, wenn ich etwas falsch gemacht habe, es nicht wieder zu tun. Oder wenn ich immer wieder denselben Fehler mache, mich bemühe, ihn weniger oder gar nicht mehr zu machen, aber das reicht nicht. Weil ich allein dadurch, dass ich mein Verhalten ändere, nur an der Oberfläche bleibe. Bei der Buße geht es aber in die Tiefe, an die Wurzel meiner Person.
Buße ist aber ein belastetes Wort. Man verbindet Strafe damit. Etwa wenn ein Bußgeld zu zahlen ist, für zu schnelles Fahren. Buße ist ein negatives Wort. Durch die Kirchen, die viel Schindluder damit getrieben haben. Wenn Kirchenmenschen andere geknechtet oder sich selbst zerfleischt haben mit perversen Bußübungen. Und damit die heilsame Wirkung von echter Buße völlig verdunkelt haben. Denn ursprünglich hatte das Wort Buße eine positive Bedeutung. Im Germanischen stand es für Nutzen und Vorteil! Und das kommt der heilsamen Wirkung von Buße schon näher. Habe ich Schuld auf mich geladen, die mich bedrückt, dann sind mehrere Schritte not-wendig, um diese Schuldlast von meiner Seele zu bekommen. Zu allererst, dass ich mir meiner Schuld bewusst werde, sie wahr-nehme. Dann, dass ich die Gründe dafür erforsche, mein Tun bereue und versuche es wieder gut zu machen. Und mir erst dann vornehme, es nicht wieder zu tun. Das ist dann aber die Konsequenz der vorherigen Schritte. Sie alle gehören zu einer Buße, die nicht oberflächlich ist und der es nicht um eine schnelle Wiedergutmachung geht, nur um das eigene Gewissen zu beruhigen. Nein, wirkliche Buße geht in die Tiefe meines Menschseins. Denn ich bin fehlbar, habe Stärken und Schwächen wie jeder Mensch. Und es gehört zum Menschsein, dass ich spüre, wenn ich etwas sehr falsch gemacht habe, es tief in meinem Inneren spüre. Das meint aber keine Selbstzerfleischung, sondern mich innerlich gerade zu machen. Martin Luther hat den sündigen Menschen den in sich selbst verkrümmten Menschen genannt. Schmerzlich in sich verkrümmt, weil der sündige Mensch darunter leidet, dass er sich selbst oder Anderen geschadet hat. Buße, wirkliche, heilsame Buße hilft mir, mich innerlich wieder aufzurichten, wieder gerade zu werden. Denn nach allem, was wir aus der Bibel wissen, will uns Gott so: innerlich aufrecht. Nicht nur am Buß- und Bettag, der uns heute daran erinnern soll…

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„Von Beileidsbekundungen am Grabe bitten wir Abstand zu nehmen.“ So liest man immer wieder in Todesanzeigen. Was mag dahinter stecken, wenn Trauernde diesen Abstand wollen?

Vielleicht möchten sie sich Floskeln fremder Leute ersparen. Oder sie wollen einfach keinen falschen Trost. Weil sie spüren, dass sich jemand die Trauer weit weg von der eigenen Seele halten will, wenn er vorschnell Trost oder oberflächliche Ratschläge gibt. Nur um sich nicht auf das Leid der Menschen einlassen zu müssen. Denn Trost, wirklicher Trost, ist ein so schwieriges wie anstrengendes Unterfangen. Und eine Frage von Nähe und Behutsamkeit. Wirklicher Trost nimmt Anteil, das heißt, er begibt sich ein Stück weit in die Sphäre des Leids hinein. Aber, und das ist die Kunst, eben nur ein Stück weit, denn Trauer, Traurigkeit und Leid können auch anstecken. Und damit ist niemandem geholfen. Jemanden trösten heißt, das Leid, die Trauer wahrzunehmen, sie zuzulassen und mitzugehen. Den Trauernden, den Leidenden spüren zu lassen, dass man da ist. Das muss nicht immer durch Worte geschehen, oft reicht es jemanden zu berühren oder einfach da zu sein. Denn es ist leider oft so, dass schwer Kranke oder Trauernde plötzlich auch noch allein sind. Bekannte und manchmal sogar Freunde ziehen sich zurück, weil sie unsicher gegenüber der veränderten Situation sind oder weil sie Angst vor der Begegnung mit Leid und Tod haben.

Dabei ist Trost doch so wichtig und so schön. Das zeigt schon die Herkunft des Wortes Trost. Es ist verwandt mit dem altgermanischen Wort für Baum und bedeutet Festigkeit und Treue.

So verstanden, heißt jemandem Trost zu spenden, ihm meine Treue und Festigkeit anzubieten, damit er sich daran anlehnen und ausruhen kann wie unter einem schönen großen Baum.

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Rund 900.000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr. Aber irgendwie kriegt man das gar nicht mit. Wenn man nicht im Krankenhaus, im Altenpflegeheim, beim Friedhof oder als Bestatter arbeitet. Und irgendwie kriegt man auch die Trauer der Angehörigen nicht mit. Bei 900.000 Verstorbenen im Jahr müssten doch auch mindestens 900.000 Menschen trauern. Wenn nicht mehr! Aber man sieht sie nicht. An der Kleidung zum Beispiel erkennt man die Trauer so gut wie nicht mehr. Nur noch selten werden schwarze Kleider als äußere Zeichen der Trauer getragen. Und man spürt die Trauer auch oft nicht. Weil viele Menschen nicht trauern können. Weil sie sich keine Zeit dafür nehmen können oder wollen. Und manche trauen sich nicht zu trauern, weil es zu weh tut oder weil andere nicht damit zurechtkommen.

Unsere Seele braucht aber die Trauer, damit wir den Menschen, den wir loslassen müssen, auch wirklich gehen lassen können. Und das braucht Zeit. Zeit zum Weinen, zum Lachen, zum Erinnern und auch zum zwischenzeitlichen Vergessen. Denn man kann und darf auch nicht dauernd trauern. Sonst wird man chronisch traurig.
Darum ist es auch gut, sich den eigenen Gefühlen zu überlassen und nicht den Vorstellungen, Erwartungen oder den Ängsten anderer Menschen. Wenn die Traurigkeit kommt, sie kommen lassen. Und wenn sie geht, sie gehen lassen. Trauer ist wie das Meer. Sie kommt in Wellen. Am Anfang eine riesige Welle, die einen mit Wucht umwerfen kann. Manchmal kommt sie von ganz unerwarteter Seite und dann ist sie auf einmal weg, Windstille als ob nichts gewesen wäre. Und dann irgendwann werden die Wellen weniger und kleiner. Aber selbst wenn man meint, dass man nun endgültig in ruhigen Gewässern ist, kann nochmal eine Welle kommen. Das ist normal, das gehört dazu, wenn man liebt. So ist die Trauer. Wie das Meer.

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