Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Manchmal rettet mir Charlie Brown die Nachtruhe. Charlie Brown kennen Sie vielleicht: die Hauptfigur der Comicserie Peanuts, einer, dem immer mal was misslingt, der aber trotzdem einigermaßen gelassen durchs Leben geht. Der hilft mir manchmal, wieder einzuschlafen. Ich neige nämlich dazu, mir Sorgen zu machen. Sorgen wegen allem Möglichen: die Kinder, die Enkel, die Arbeit, das anstehende Familienfest, die Urlaubsreise. Häufig Dinge, über die ich mich eigentlich freuen könnte. Aber ich mache mir Sorgen. Mitten in der Nacht. Und kann dann nicht mehr schlafen.

Dann rettet mich manchmal Charlie Brown. Von dem stammt nämlich der Satz: „Sorgen werden das Böse nicht aufhalten. Sie hindern dich nur daran, das Gute zu genießen.“ („Worrying won’t stop the bad stuff from happening. It just prevents you from enjoying the good.“)

Also: Es nützt gar nichts, wenn ich mir Sorgen mache und es hilft niemandem. Schon gar nicht mitten in der Nacht. Manchmal hilft mir diese Einsicht, wieder einzuschlafen.

Woher hat Charlie Brown seine unschlagbare Weisheit? Ich glaube, er hat sie von Jesus. Natürlich nicht direkt. Aber Charlies Erfinder, der amerikanische Zeichner Charles M. Schulz, war Christ. Und Christen haben von Jesus gehört: „Macht euch keine Sorgen um den kommenden Tag… Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.“ Das leuchtet mir ein. Wer, so wie ich, in der Nacht, die Sorgen aufhäuft, der findet keinen Weg mehr heraus aus diesem Karussell der Befürchtungen. Eines kommt zum anderen, alles hängt mit allem zusammen und eine Lösung ist nicht in Sicht. Schon gar nicht mitten in der Nacht.

Ganz anders ist es, wenn man nur auf das schaut, was jetzt gerade dran ist. Ich finde keinen Termin für zwei Wochen Urlaub, weil einfach zu viel zu tun ist? Ich könnte erstmal mit den Kollegen sprechen, ehe ich meine, das ist unmöglich. Ich fürchte, dass es nicht klappt mit den Plänen für den bevorstehenden Umzug der Kinder? Aber vielleicht haben sie ja schon längst alles geplant und geregelt – ohne Umstände und weniger kompliziert, als ich das machen würde? „Gott weiß, was ihr braucht“ hat Jesus den Leuten damals gesagt. Macht euch keine Sorgen, es werden sich Wege finden. Sorgen halten das Böse nicht auf.

Deine Sorgen hindern dich nur daran, das Gute zu genießen. Das ist die Konsequenz, die Charly Brown zieht. Deswegen geht er so bemerkenswert gelassen durchs Leben. Manchmal fällt mir das ein, mitten in der Nacht. Dann kann ich wieder schlafen. Danke Charlie Brown.

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„Wenn ein Fremder in eurem Land wohnt, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch schon Fremde gewesen. Ich bin der Herr euer Gott.“ Das steht in der Bibel. (3. Mose 19, 33-34) Aus der Bibel stammen viele Traditionen in unserem Land. Und viele sind stolz darauf und reden vom christlichen Abendland.

Die Fremden sollen wie Einheimische gelten. In den letzten Monaten wird immer deutlicher: Anscheinend schaffen wir das nicht. Die Fremden sind nicht sicher bei uns, nicht die aus anderen Nationen, nicht die mit anderem Glauben. Schon vor Jahren wurden Muslime vom Mordkommando des NSU getötet. In Halle wurde vor ein paar Wochen auf eine Synagoge geschossen, gestern Abend in Hanau auf Menschen in zwei Shisha-Bars. Menschen mit dunklerer Haut waren das und mit dunklen Haaren, Muslime.9 Menschen sind gestorben, dazu der mutmaßliche Täter und seine Mutter.

Ich schäme mich, dass das möglich war. Und ich bin traurig und denke an die Angehörigen der Getöteten. Sie haben Brüder verloren und Söhne, weil ein rechtsextremer, rassistischer, verwirrter Täter die auslöschen wollte, die für ihn nicht hierher gehören. Solches Leid und solches Verbrechen macht einen sprachlos.

Ich denke aber auch an die vielen dunkelhäutigen Menschen, die unter uns leben. Sie fühlen sich nicht mehr sicher. Und ich verstehe das. Auch dafür schäme ich mich.

Ich frage mich, wie solche Verbrechen möglich werden. Wahrscheinlich gab es ja schon immer Vorbehalte vor Fremden. Deshalb steht es ja schon in der Bibel, dass das nicht sein soll. Aber jetzt fühlen sich die verrückten, verwirrten und verbohrten bestätigt. Früher hat man ihnen höchstens heimlich Recht gegeben. Jetzt schlagen sie zu, weil sie sich nicht mehr allein fühlen. Sie fühlen sich gewissermaßen als der bewaffnete Arm einer völkischen Bewegung. Das ist neu.

Im sogenannten christlichen Abendland muss das aufhören. Rechte und linke, deutsche und nichtdeutsche Gewalttäter müssen erleben: Wir sind nicht das Volk. Das Volk im christlichen Abendland denkt anders. Das, meine ich, sollten wir jetzt so laut und deutlich sagen, wie wir können.

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„Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad…“ das haben meine Kinder manchmal ihrer Oma vorgesungen. Das war ein bisschen frech – aber doch vor allem eine witzige Form der Anerkennung. „Meine Oma ist ‚ne ganz patente Frau“ – das ist die Quintessenz. Die Kinder hatten ihre Oma gern.

Anfang des Jahres hat ein Kinderchor das Lied mit einem neuen Text gesungen. Auch diesmal geht es darum, was die Oma so alles kann: Sie fährt SUV, sie brät jeden Tag ein Kotelett, sie verbraucht viel Sprit und geht auf Kreuzfahrt. Refrain: „meine Oma ist ne alte Umweltsau!“

Ich bin schon seit ein paar Jahren Oma. Und ich fand das Lied ungezogen. „Umweltsau!“ – sowas sagt man nicht, schon gar nicht zur Oma, habe ich gedacht. Hatte der Textdichter keine Oma, von der er das gelernt hat?

Aber ich musste doch auch denken: Haben sie nicht recht mit ihrem Lied? In meiner Generation wurden die Atomkraftwerke gebaut, preiswerte Flugreisen wurden zum Alltag, Autofahren wurde selbstverständlich und Lebensmittel und Fleisch immer billiger. Inzwischen wird klar, was wir damit angerichtet haben – nicht nur die Landwirte nehmen Schaden…

Natürlich weiß ich, wie viele ältere Leute im Garten gesundes Gemüse anbauen, im Urlaub wandern gehen, auf gesunde Ernährung achten und bescheiden leben. Trotzdem: Ein bisschen Selbstkritik könnte unserer Generation der Omas und Opas nicht schaden. Auch für die Kindererziehung übrigens. Wir hätten ihnen ja beibringen können, dass „Umweltsau“ und andere Beschimpfungen keine vernünftige Kritik sind. Dass es überhaupt manches gibt, was man aus Respekt vor anderen nicht tut. Und Respekt vor Gott haben wir ihnen vielleicht auch zu wenig vermittelt. Wer Respekt vor Gott hat, hat auch Respekt vor seiner Schöpfung und holt nicht alles raus, was geht.

Ich sehe, wie viele junge Leute sich „bio“ ernähren, wie man heute sagt. Aber gleichzeitig fliegen sie für ein Sportereignis nach Japan oder für einen Junggesellenabschied nach Prag. Und bei den Klamotten achten viele vor allem darauf, dass sie billig sind – statt darauf, wie sie hergestellt werden.

Ein Prophet im Alten Israel hat zu seiner Zeit gesehen, dass Alte und Junge dieselben Fehler machen – jeder auf seine Weise. Er hat gesagt: „Wir haben gesündigt gegen den Herrn unsern Gott, wir selbst und unsere Väter, von Jugend an bis auf den heutigen Tag“ (Jer 3, 25)

Omas, Opas und Enkel: Wir neigen anscheinend alle dazu, soviel wie möglich für uns selbst herauszuholen aus dem Leben. Ich finde: Wir sollten aufhören, uns gegenseitig zu beschuldigen. Und gemeinsam neu anfangen.

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In Fernsehkrimis wird viel gemordet. Meistens gleich am Anfang und oft dann auch zwischendrin noch mehrmals. Und dann wird aufgeklärt, wer es war, meistens erfolgreich. Am Schluss kann man zufrieden sein. Ich bin froh, dass die Polizei so tüchtig ist und die Täter eingesperrt werden.

Was ich komisch finde: Die Angehörigen von Toten spielen selten eine Rolle. Was ist mit ihrem Leid? Im FernsehKrimi kriegt man das Gefühl: Wenn nur die Tat aufgeklärt ist und die Täter gefasst sind, dann ist alles wieder gut. Aber stimmt das? Die Hinterbliebenen bleiben trotzdem fassungslos allein. Was kann sie trösten?

Die Tat ist aufgeklärt, jetzt sollen sie sich dem Leben wieder zuwenden. Trost kommt nicht vor. Mir ist das vor zwei Wochen beim Krimigucken aufgefallen. Da kam im Krimi eine Beerdigung vor. Am Ende hat der Fernsehpastor Hermann Hesse zitiert. Sein wunderbares Gedicht „Stufen“ Sie kennen das vielleicht. Vom Abschied ist die Rede, vom Aufbruch und von jedem Anfang, dem ein Zauber innewohnt.

Aufgefallen ist mir: Das Wort Abschied kam nicht vor, beim Pastor im Krimi. Bei ihm hieß es stattdessen gleich Aufbruch. Obwohl er das Gedicht angeblich wörtlich vorgetragen hat. „Abschied“, das war fürs Unterhaltungsprogramm am Abend wohl zu traurig. Also lieber den Abschied überspringen und gleich Aufbruch und Neubeginn.

Wer schon einmal einen lieben Menschen begraben musste, der weiß, dass das so nicht geht. Abschied tut weh – und es dauert oft lange, bis man sich dem Leben wieder zuwenden und aufbrechen kann. Manchmal gelingt es gar nicht.

Ich glaube: Man kann nur gut Abschied nehmen, wenn man weiß, wohin der andere geht. Dass er da gut aufgehoben ist, wo er hingeht. Dass er gewissermaßen eine gute Zukunft hat. Man kann nur gut Abschied nehmen, wenn man Hoffnung hat für den anderen. Wenn ich die Kinder losgehen lasse in den Kindergarten – das geht nur, wenn ich weiß: da sind sie gut aufgehoben. Als meine später aus dem Haus gegangen sind – da habe ich für sie gehofft, für ihre Pläne und ihre Zukunft. So kann man Abschied nehmen – auch wenn es weh tut.

Wir Christen glauben, dass die Toten bei Gott gut aufgehoben sind – keine Tränen mehr, kein Leid, kein Geschrei. Ich finde, das hilft, sie gehen zu lassen. Hermann Hesse übrigens hat das in seinem Gedicht auch gesagt: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“. Das hat der Pastor im Film auch verschwiegen. Schade eigentlich. Denn erst dann kann man mit Hermann Hesse sagen: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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„Schafft Recht den Geringen und Waisen, Gerechtigkeit für die Armen und Bedürftigen!“ (Psalm 82,3) Das steht in einem Gebet in der Bibel, im Psalm 82. Gute Idee, sagen Sie jetzt vielleicht. Aber tun sie auch etwas außer Beten, die Kirchen, die Christen, die Gläubigen?

Ja, sie tun was. Schon immer und in vielen Einrichtungen und Hilfswerken. Besonders sehen kann man das seit 25 Jahren in der Zeit des Vesperkirchen. In diesen Wochen ist es wieder soweit. In 34 Gemeinden in Baden Württemberg, aber auch in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen werden für ein paar kalte Wochen Kirchen leer geräumt. Menschen finden dann dort ein Mittagessen kostenlos oder für ganz wenig Geld, ein Vesperpaket für den Abend und viel Wärme für alle, die sonst auf der Straße leben. In Stuttgart zum Beispiel werden jeden Tag ungefähr 600 Essen ausgegeben. In manchen Vesperkirchen gibt es auch einen kostenlosen Arzt und einen Friseur.

Das wäre nicht möglich ohne Spenden und viele viele ehrenamtliche Helfer. Das machen ganz verschiedene Menschen, Schüler und Studenten, Berufstätige und Rentnerinnen und Rentner. Sie alle wollen es nicht bei schönen Worten und Appellen belassen, sondern ernst machen mit dieser Aufforderung aus dem alten Gebet: „Schafft Recht den Geringen und Waisen, Gerechtigkeit für die Armen und Bedürftigen!" (Psalm 82,3) Und sie sind fröhlich dabei – denn es tut gut, wenn man sieht, wie man helfen kann und dass das gar nicht so schwer ist.

Nun sagen manche: Was für ein Unglück, dass es diese Vesperkirchen gibt. Eigentlich dürfte es sie ja gar nicht geben in unserem reichen Land. Sie verdecken doch bloß die Ungerechtigkeit und die Armut. Dabei stimmt das gar nicht. In und vor den Vesperkirchen wird Armut sehr deutlich sichtbar. Da kann man Arme sehen und erfahren, warum sie arm sind und wie sie es geworden sind. Und es sind viele. So sieht man vielleicht leichter, was getan werden muss. So gesehen sind die Vesperkirche wirklich ein Segen. Da gibt es ja nicht nur ein warmes Essen – da gibt es ein Zuhause auf Zeit für Menschen, die sonst niemanden haben. Sie finden dort andere, mit denen sie sprechen können und fühlen sich nicht so allein.

Was würden Sie sagen: Sind die Vesperkirchen ein Unglück? Oder ein Segen?
Ich weiß, ungerechte Strukturen beseitigen sie nicht. Aber nicht jedem ist mit einem Arbeitsplatz geholfen oder mit einem Platz im Wohnheim. Deshalb ist es gut, dass es die Vesperkirchen gibt. Denn sie geben, was am allerwichtigsten ist: ein warmes Zuhause, wenn auch nur für ein paar Stunden. Und Menschen, die fragen: Wie geht es dir?

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„Beten Sie etwa auch das Apostolische Glaubensbekenntnis, das doch gar nicht von den Aposteln stammt? Eigentlich hat es doch ein heidnischer römischer Kaiser den Christen aufgedrückt.“ Das hat mir ein Mann geschrieben und es klang irgendwie vorwurfsvoll. Als ob man dem Glaubensbekenntnis, dieser Zusammenfassung des christlichen Glaubens auf keinen Fall vertrauen dürfte.

Gemeint hatte der Mann das Glaubensbekenntnis, das in jeder katholischen Messe und auch fast immer in evangelischen Gottesdiensten gesprochen wird. Der Wortlaut ist für alle Konfessionen in allen Kirchen gleich. Nur wo es um die Kirche geht, sagen die Katholiken „die heilige katholische Kirche“ und die Evangelischen „die heilige christliche Kirche“. Katholisch heißt nämlich eigentlich allgemein, also die „allgemeine Kirche“. Aber seit „katholisch“ zur Bezeichnung für eine der großen Kirchen geworden ist, sagen die anderen eben „christlich“.

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ So fängt es an. Dann kommt:. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,“ und dann die Zusammenfassung seiner Lebens- und Leidensgeschichte. Am Ende kommt ein Blick auf das Heute und auf die Zukunft: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“

Niemand weiß aufs Jahr genau, wann dieses Bekenntnis entstanden ist. Sicher haben es nicht die Apostel, also die Jünger von Jesus aufgeschrieben.

Zuerst gab es wahrscheinlich eine Reihe von Fragen, die man beantworten musste, wenn man getauft werden wollte. Darauf bei der Taufe zu antworten dauerte aber wohl zu lange. Deshalb entstand dann ein Bekenntnis, das alle Antworten zusammengefasst hat.

Eine fast wortgleiche Vorform von unserem Glaubensbekenntnis gab es in Rom schon ungefähr 100 Jahre, nachdem Jesus gestorben und auferstanden war. Erst Karl der Große hat dieses Bekenntnis im 9. Jahrhundert als verbindlich für sein Reich erklärt. Der war kein heidnischer und auch kein römischer Kaiser. Er wollte ein einheitliches Bekenntnis festlegen, das für alle Christen in seinem Riesenreich gleich war. Das Bekenntnis, das Christen schon seit Jahrhunderten bekannt hatten.

Ich bin froh, dass wir es haben und dass es – wie das Vaterunser – alle Christen auf der Welt miteinander verbindet. Und ja, ich bete es auch.

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