Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04JUL2020
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Die Bibel ist ein schon auch schwieriges Buch. Sie ist eher eine Sammlung von vielen Büchern, die auf den ersten Blick gar nicht zusammenpassen. Man weiß nur wenig über ihre Verfasser. Manche Texte sind mehrfach bearbeitet worden. Wenn man alles, was in der Bibel geschrieben steht, dem Buchstaben nach wörtlich nimmt, entstehen große Probleme. Es braucht Übung, um richtig mit der Bibel und ihrem Inhalt zu hantieren.

Wer nur so mit Bibelzitaten um sich wirft, macht sich mir jedenfalls verdächtig. Es stimmt schon: Man findet immer ein passendes Zitat, vor allem, wenn es aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Origenes, Bibelkundiger aus dem 3. Jahrhundert, hat deshalb betont: Wenn man einen Vers, eine Bibelstelle auslegt, muss man immer die ganze Bibel im Hinterkopf haben. Man muss prüfen, ob das, was man aus der einzelnen Stelle herausliest, auch zusammenpasst mit dem, was da als Ganzes steht.

Das ist ein Grund, weshalb ich zurückhaltend bin, in meinen Beiträgen ständig die Bibel zu zitieren. Da habe ich die Sorge, das Bibelwort könnte wie ein Aufkleber wirken: „Schaut her, ich habe einen passenden Beweis gefunden für das, was ich sagen will.“ Meiner Meinung nach kann es nur andersherum gehen: Ein Gedanke der Bibel beschäftigt mich so sehr, dass ich dazu etwas sagen muss. Die Bibel ist dann nicht eine Fundgrube, um zusätzlich Autorität zu gewinnen. Nein, sie ist die Quelle, aus der ich auch für die schöpfe, die sie gar nicht kennen, die keine Christen sind, die gar nicht an Gott glauben. Erst wenn die Bibel etwas zum Wohl aller beizutragen hat, will ich ihre Worte außerhalb der Kirchenmauern bemühen.

Ein Beispiel: Gott führt das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit. Bei dieser Aktion ertrinken die Ägypter im Roten Meer, während die Israeliten gerettet werden. Wer jetzt am Tod der Feinde hängen bleibt und sie bedauert, kommt nicht zum Clou dieser biblischen Geschichte: Gott will nicht, dass Menschen versklavt werden. Gott befreit. Gott rettet. Diese Gotteserfahrung durchzieht die ganze Bibel wie ein roter Faden. Sie findet sich bei den Propheten im Alten Testament. Sie steckt aber auch in der Geschichte Jesu: Gott rettet den Menschen aus dem Tod. Wir sind keine Sklaven der Vergänglichkeit. Jetzt braucht es nur noch einen Schritt, damit die Bibel heute lebendig wird: Überall, wo Menschen gefangen sind, wo andere Gewalt über sie ausüben, wo einem die nötige Freiheit fehlt, da stimmt etwas nicht im Sinne Gottes. Wer das einmal begriffen hat, der wird etwas dagegen tun.

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03JUL2020
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Gottesdienste zu feiern ist derzeit schwierig. Für etliche Christen ist das ein großes Problem, für einige das größte, das sie haben. Wenn Gottesdienste überhaupt stattfinden, lassen die durch Corona bedingten Auflagen kein echtes Gemeinschaftsgefühl aufkommen. Sitzen auf Abstand und mit Mundschutz, kein Gesang, Kommunion mit der Zange. Das ist für eine würdige Feier wenig erbaulich. Aber es geht schon irgendwie. Was mich allerdings wundert und manchmal auch ärgert: Für viele scheint es tatsächlich das Einzige zu sein, wenn sie an Kirche denken oder ihren Glauben leben.

Dabei ist Gottesdienst doch viel mehr als die Versammlung am Sonntag in einem Kirchenraum. Ich denke, wer Gottesdienst sagt, sollte stets in zwei Richtungen denken: Wie kann ich Gott einen guten Dienst erweisen, weil ich ihm dankbar bin, weil ich zu ihm gehören will? Wichtiger aber könnte diese Frage sein: Wie wird es möglich, dass Gott an mir einen Dienst tut, an anderen, an der ganzen Menschheit und der Schöpfung überhaupt? Ich möchte dabei viel grundsätzlicher denken, als nur an die eine Stunde am Sonntag in der Kirche. Ein Gottes-Dienst kann dann ständig und überall stattfinden. Die junge Frau, die für ihre alte Mutter die Einkäufe erledigt. Die Altenpflegerin, die täglich ihrer Arbeit nachgeht. Was sie tun, ist auch Gottesdienst. Wenn einer, der weiß, dass er die letzten Wochen seines Lebens vor sich hat, nicht allein bleibt, wenn die Nachbarn kommen, wenn die meiste Zeit jemand bei ihm ist, der seine Hand hält, wenn’s drauf ankommt. Das ist Gottesdienst. Überall ist das so, wo eine oder einer etwas tut, und man dann merkt: Das hätte Gott gewollt, das ist ganz in seinem Sinn.

Wer dazu einen Beleg sucht, wird in der Bibel schnell fündig. Jesus hat am Sabbat Kranke geheilt, obwohl dieser Tag für das Feiern in der Synagoge reserviert war. Er hat es für falsch gehalten, das so einseitig zu sehen. Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.[1]So hat Jesus Gott verstanden und den Dienst Gottes. Bei Jesaja, dem großen Propheten des Alten Testaments, klingt das noch viel schroffer: Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht (…) Lernt, Gutes zu tun! Sucht das Recht! Schreitet ein gegen den Unterdrücker …[2]

Diese Worte sind allen ins Stammbuch geschrieben, die danach rufen, dass bei den Feiern in der Kirche doch wieder alles so sein möge wie früher. Gottesdienst ist viel mehr.

 

[1]vgl. Mk 2,27

[2]Jes 1,15-17

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02JUL2020
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Rassismus. Das Thema ist derzeit in aller Munde. Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd ist eine neue Protestbewegung entstanden. In den USA, aber auch bei uns, machen Menschen darauf aufmerksam, dass es das noch immer gibt: Menschen werden diskriminiert, weil sie eine schwarze Haut haben, weil sie anders an Gott glauben als die Mehrheit, weil sie nicht ohne Akzent Deutsch sprechen usw. Rassismus ist ein allgegenwärtiges Phänomen. Auch bei uns, nur bemerken wir das oft gar nicht.

In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 2018[1]habe ich eine ganze Reihe an Hinweise gefunden, wie schnell man rassistisch sein kann, ohne es zu wollen. Einige der Empfehlungen, was man dagegen tun kann haben mich besonders beschäftigt: 

Auch wenn für mich alle Menschen gleich sind, kann ich das nicht verallgemeinern. Ich rechne damit, dass andere wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Ich frage niemanden nach seiner Herkunft, wenn ich annehme, dass das ein Grund für eine Diskriminierung sein könnte. Am besten frage ich gar nicht danach.

Wenn ich mitkriege, dass andere sich rassistisch äußern, dann grenze ich mich deutlich ab. Ich halte im Bus oder am Stammtisch dagegen. Ich sperre sie auf meinem Facebook-Konto. Ich sage klipp und klar, dass ich das nicht toleriere.

Noch wichtiger. Wenn ich Zeuge davon werde, wie jemand schlecht behandelt wird, weil er anders ist, dann unterstütze ich ihn oder sie. Aber diskret und ich frage vorher, was wirklich hilft.

Überhaupt: Ich kann nicht davon ausgehen, dass jeder Betroffene mit mir über dieses Thema sprechen will. Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, bei dem sitzt das tief und davon zu erzählen, reißt womöglich alte Wunden auf.

Es ist wichtig, dass ich öffentlich sage, was ich zu diesem Thema denke. Aber noch wichtiger ist es, die zu Wort kommen zu lassen, die aus eigener Erfahrung davon berichten können. Bei öffentlichen Veranstaltungen, in der Politik, in unseren Kirchen.

Ich mache nie einen Witz, der das Thema Rassismus berührt. Betroffene werden das nicht lustig finden. Und es entlarvt mich als einen, der auf Kosten von anderen im Rampenlicht stehen will. 

Wenn ich das beherzige, gelingt es mir bestimmt besser, Fremdes zu akzeptieren und es mir Schritt für Schritt vertraut zu machen.

 

[1]vgl. https://www.zeit.de/campus/2018-05/rassismus-empfehlungen-alltag-diskriminierung-erfahrungen

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01JUL2020
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Miteinander zu sprechen und sich dann auch zu verstehen: Das ist eine Kunst. Und keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Manchmal habe ich den Eindruck: Es gibt mehr Kommunikation, die nicht gelingt. Vor allem dann, wenn man sich nicht kennt, und einem anderen seine Meinung schriftlich zukommen lässt, oder gar anonym, was ja per E-Mail oder auf den Plattformen im Internet nicht schwer ist.

Es geht aber auch ganz anders. Und davon will ich erzählen, weil es zwei Menschen glücklich gemacht hat. Ich hatte Anfang Mai einen Gottesdienst im Fernsehen. Ein Mann hat mir daraufhin einen Brief geschrieben, in dem er mich heftig kritisiert. Schon sachlich, aber ich habe dem Schreiber auch angemerkt, dass er verärgert ist. Alles höflich im Ton, bis ganz zuletzt: Da droht er damit, meinen Vorgesetzten zu informieren. Das fand ich übertrieben, habe dann aber die Telefonnummer des Schreibers ausfindig gemacht und zum Hörer gegriffen. Ich dachte mir: Es war schon manchmal gut, dass ich mich persönlich bei jemandem gemeldet habe, also nicht zurückgeschrieben, mich nicht verteidigt habe. Sondern mich zu erkennen gegeben habe: von Mensch zu Mensch. Und tatsächlich: Nach wenigen Augenblicken war das Eis zwischen uns gebrochen. Da hat schon geholfen, die Stimme des anderen zu hören. Welcher Ton angeschlagen wird. Und wir sind ganz ruhig und freundlich miteinander geblieben. An unseren Differenzen in der Sache hat das nichts geändert. Die sind geblieben. Aber wir konnten sie stehen lassen, und haben dem Gegenüber nicht abgesprochen, dass jeder es recht meint und gut machen will.

Nach ein paar Tagen kam nochmals ein Brief von ihm. Handschriftlich diesmal. Und sichtlich von einem geschrieben, dem das wegen seines hohen Alters nicht mehr ganz leicht fällt. Der Inhalt des Briefs ist sehr herzlich und persönlich. In wenigen Sätzen erzählt der ältere Herr aus seinem Leben, vor allem von den Wunden, die das Leben bei ihm hinterlassen hat. Vom Krieg, von Menschen, die er verloren hat, und von den Themen, die sein Leben bestimmt haben. Ich war tief berührt. Einen Satz aus dem zweiten Brief finde ich sehr weise. Er lautet: „Wenn ich auch nach wie vor zum Inhalt meines Briefes stehe, trotz verschiedener Meinungen, so empfand ich Ihren Anruf als ein Stück Seelsorge“. Wie schön, dass es eben auch so gehen kann, dass zwei Menschen sich verstehen. Und hinterher glücklich sind. Beide.

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30JUN2020
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Im Verkehr auf deutschen Straßen geht es aggressiv zu. Aggressiver als früher. Es gibt statistische Erhebungen, die das bestätigen. Es wir gedrängelt und gehupt, zu schnell gefahren; und in etlichen Autos sitzen wild gestikulierende Zeitgenossen, die sich furchtbar über einen anderen Teilnehmer im Straßenverkehr ärgern. Und leider bin ich manchmal auch einer von ihnen. Wie peinlich! Wie schlecht!

Warum sind wir im Straßenverkehr so enthemmt wie sonst kaum irgendwo? Und was kann ich dagegen tun? Wenn schon der gesunde Menschenverstand allein es nicht schafft, könnte unter Umständen helfen, dass ich Christ bin. Und mich deshalb bestimmten Prinzipien verpflichtet weiß. Etwa: Nicht den Splitter im Auge des anderen zu suchen, bevor ich den Balken aus meinem eigenen gezogen habe[1]. Also immer bei mir selbst anzufangen, mich nicht über andere ärgern, weil es dazu genügend Gründe bei mir selbst gibt. Noch wichtiger wäre es, mit gutem Beispiel voranzugehen. Indem ich einem Unfreundlichen freundlich begegne. Mich nicht provozieren lasse. Jesus hat bei solchen Gelegenheiten in den Sand gemalt, als man ihn zu Gewalt in einer Entscheidungssituation überreden wollte[2]. Das würde im Straßenverkehr für mich bedeuten - im wahrsten Sinn des Wortes: Einen Gang rauszunehmen, runterschalten, Weg vom Gas.

Im Auto sind wir weitgehend anonym. Geschützt in einer Kiste aus Blech. Anders als an der Kasse im Supermarkt. Wenn wir den anderen nicht kennen, gar nicht wissen können, warum er sich gerade so verhält, nehmen wir uns ein Verhalten heraus, das wir sonst vermeiden würden. Wir halten uns für den besseren Autofahrer, den anderen für einen Versager. Wenn wir dann noch im Stau stehen oder nicht so schnell vorankommen, wie wir uns das vorgestellt hatten, dann ist es oft vorbei mit der guten Kinderstube. Mir hilft es schon ein bisschen, wenn ich mir dessen bewusst bin. Oder wenn mich ein Beifahrer darauf hinweist, dass ich mich immer im Recht fühle und nur die anderen Fehler machen. Hinterher ärgere ich mich über mich selbst. Aber dann ist’s zu spät. Ich finde: Der Straßenverkehr ist ein gutes Lernfeld. Um geduldiger zu sein - mit mir und anderen. Um zu kapieren, dass Wut und Egoismus nicht weiterbringen. Ein Lernfeld nicht nur für Christen. Aber eines, wo Christen mit gutem Beispiel vorangehen können.

 

[1]vgl. Mt 7,3

[2]vgl. Joh 8

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29JUN2020
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Der folgende Satz hat mich ziemlich überrascht:

"Wir müssen so lange aufeinander zugehen, bis wir das Ziel erreicht haben: eine Gemeinschaft, in der wir alle einzigartig sein können und doch gleich sind." Thilo Cablitz, Pressesprecher Polizei Berlin. 

Dieser Satz könnte in einem Lehrbuch für den Religionsunterricht stehen. Weil er kurz und knapp das zusammenfasst, was die Bibel am Anfang über den Menschen aussagt. Jeder Mensch ist einzigartig und wir sind alle gleich, weil wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Gesagt hat den Satz aber der Pressesprecher der Berliner Polizei. Thilo Cablitz. Cablitz ist mitten in Berlin in einer Familie und einem Umfeld aufgewachsen, in dem Vielfalt normal war. Hautfarbe, Religion, Kultur - keine Frage. Die Mutter aus Berlin, der Vater aus dem Sudan. Mit der Schulzeit war es aus mit der Normalität, für den dunkelhäutigen Lockenkopf. Und er hat einen Namen bekommen, der deutsch genug klingt. Vor Vorurteilen hat ihn das nur wenig geschützt. Auch nicht, als er bei der Polizei seine Laufbahn angefangen hat. Schubladendenken war an der Tagesordnung. Aber nicht nur. Und im Rückblick ist es nicht das, was ihn geprägt hat. Sondern das Gegenteil. In einem jüngst veröffentlichten Artikel schreibt er: Mit all diesen Erfahrungen stand mein vielleicht naiver, aber meines Erachtens idealistischer Entschluss fest: Ich wollte Menschen helfen, sie schützen. Ich wollte Hass bekämpfen. Ich wollte den mir möglichen Beitrag leisten, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Ich wollte das verteidigen, wofür unsere demokratische Gesellschaft eigentlich steht – die unantastbare Würde aller Menschen.[1]

Vorbehalte, Ablehnung wegen der Hautfarbe, Rassismus. Das gibt es auch in Deutschland. Bis hinein in die Polizei. Das weiß Cablitz aus eigener Erfahrung. Und es gibt jetzt eine breit geführte Debatte dazu. Das ist richtig und gut so. Weil es immer falsch ist, einen Menschen zu beurteilen oder gar zu verurteilen, ohne ihn richtig kennengelernt zu haben. Ohne zu wissen, wer er ist und warum er ist, wie er ist. Vorurteile sind menschlich und normal. Aber sie greifen zu kurz und es ist falsch, an ihnen hängen zu bleiben. Darauf weist der erste Artikel unserer Verfassung hin. Und dieser deckt sich mit der grundlegendsten Aussage, die die Bibel über den Menschen macht. Dass es diese Übereinstimmung in einer so wichtigen Frage gibt, das beruhigt mich und es macht mich froh, in einem Land zu leben, in dem ein Polizist so denkt.

 

[1]Spiegel-Panorama 13.6.2020

https://www.spiegel.de/panorama/person-of-color-und-polizist-mein-leben-passt-in-keine-schublade-a-a085e059-d0c8-4e0e-a106-0b2aea08ddc7

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