Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

14JUL2020
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„Man muss das Unglück gespürt haben, um das Glück zu begreifen“

Das hat Reinhard Mey gesagt. 78 ist er mittlerweile und er weiß wovon er spricht. Hat er doch im Jahr 2014 einen seiner beiden Söhne verloren. Wem so etwas widerfahren ist, der kann, der darf, sowas sagen. Dass ein so großes Unglück, das Glück bewusster, begreifbarer macht.
Das soll natürlich nicht heißen, dass nur wer Unglück oder Schmerz erfahren hat, richtig glücklich sein kann. Nein, aber dass derjenige der den Schmerz kennt in andere Erfahrungsbereiche kommt als der, der von Schicksalsschlägen bewahrt blieb. Und dass, wenn man es geschafft hat den Schmerz auszuhalten und irgendwann durch ihn hindurch ist, die Freude eine ganz andere Freude ist. Denn die Empfindung von Glück und Unglück, von Freud und Leid, hängen miteinander zusammen, reichen in dieselbe Quelle.

Wer schon an einem Sterbebett gesessen hat, lebt danach anders, tiefer, intensiver. Wer selbst Leid erfahren hat oder Mitleid mit anderen Menschen hatte, der kann sich, so denke ich, auch ganz anders freuen. Eine Freude, die eine ganz eigene Tönung und Tiefe hat, die die dunklen und schmerzlichen Seiten des Lebens kennt und die gerade auch bei der Freude mitschwingen. Und die frohen, hellen Seiten durch dieses Wissen und durch diesen Kontrast noch froher und noch heller machen. Wahrscheinlich haben Freudentränen und die Tränen der Traurigkeit eine gemeinsame Seelenquelle, in der alle tiefen und intensiven Empfindungen ihren Ort haben. Einer meiner Lieblingsschriftsteller, Kahlil Gibran, hat das sehr schön in Worte gefasst, die mir immer wieder gut tun. Er schreibt:

„Je tiefer sich das Leid in euer Sein einkerbt, umso mehr Freude könnt ihr fassen. Ist nicht der Becher der euren Wein enthält das gleiche Gefäß das zuvor im Ofen des Töpfers gebrannt wurde? Und ist nicht die Laute die euren Geist besänftigt aus demselben Holz, das mit Messern ausgehöhlt wurde? Wenn ihr froh seid, schaut tief in eure Herzen und ihr werdet entdecken, dass der Grund eures vergangenen Leids nun der Grund eurer Freude ist. Und wenn ihr traurig seid, schaut wieder in euer Herz und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit darüber weint was zuvor eure Freude ausmachte. Freude und Leid sind unzertrennlich…“

 

Quellenangabe: Kahil Gibran „Der Prophet “, Seite 37, Patmos Verlag Ostfildern 2012

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13JUL2020
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Ich sitz‘ da immer mit gemischten Gefühlen, wenn ich sie im Fernsehen sehe: Die Versammlung schwarz gewandeter alter Männer mit roten oder lila Käppchen, zum Beispiel bei einer Bischofssynode im Vatikan. Auf der einen Seite denke ich: ja gut, dass da etwas passiert was in modernen Gesellschaften eher fehlt: dass die gesammelte Lebensweisheit alter Menschen aus verschiedenen Kontinenten sich über den Zustand von Kirche und Welt Gedanken macht. Andererseits sind es halt auch nur alte Männer, denen jüngere Männer und vor allem Frauen bei ihren Beratungen sehr gut täten. Zwar gibt es schon ein paar Frauen, so bei der letzten Synode, aber ohne Stimmrecht. Wie falsch und wie traurig…

Aber ich will nicht nur meckern. Bei den Weltbischofstreffen gibt es drei Dinge die mich beeindruckt haben und die ich gern auch in meinen Berufsalltag übernehmen würde.

Das erste: Der Papst leitet jede Konferenz mit einem Gebet ein. Das finde ich gut, weil es bestenfalls Herz und Hirn weitet. Den Blick von einem  selbst wegnimmt und ihn nach oben richtet und von da aufs Ganze. Das könnte gut für die Sache und für die Menschen sein.
Das zweite: Eine begrenzte Redezeit. Nach 4 Minuten wird das Mikrofon abgedreht. Das gefällt mir. Und ich kenne es ja auch aus unseren Sendungen, die nicht länger als 3 Minuten sein dürfen. Welch ein Segen wäre das auch für manche Sitzungen in denen endlos palavert wird. Und in dem auch noch der Letzte nochmal dasselbe sagen muss, was schon x Mal gesagt wurde, aber halt nur noch nicht von ihm.

Und das dritte, für mich Beste, aus diesen Welt-Bischofs-Treffen ist:

Nach 4 Redebeiträgen folgen 4 Minuten Schweigen, um das Gehörte sacken zu lassen. Welch tolle Idee, nicht nur für Konferenzen sondern auch für den Alltag, für Gespräche in Betrieben, Vereinen, Familien oder zwischen Paaren. Es müssen ja nicht unbedingt 4 Minuten sein, aber ein heilsamer Wechsel zwischen Sprechen, Hören und Schweigen. Um aufzunehmen was der andere oder die andere sagt und es wirklich wahrzunehmen. Damit aus all dem Gesprochenen und Gehörten auch was Gutes wird.

 

Quellenangabe: Sonntagsblatt 42/2019, Stefanie Stahlhofen „Umwelt, Zölibat und die Rolle der Frau“, S. 28

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