Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Dein Reich komme“ beten Christen im Gottesdienst, bei Beerdigungen, bei Trauungen und Taufen. Dein Reich komme – so heißt die zweite Bitte im Vaterunser.

Was soll das sein, das Reich Gottes? Jesus hat davon erzählt. Wenn die Welt zu Gottes Reich wird, dann haben alle, was sie zum Leben brauchen. Die, die schon immer darauf gehofft und darum gebetet haben. Aber auch die anderen, die nichts davon gewusst haben oder nichts damit zu tun haben wollten (Mt 20, 1-12). Alle werden an einem Tisch sitzen und es wird sein wie ein großes Fest: Die Reichen und die Armen, Frauen und Männer, armselige Gestalten und stattliche Persönlichkeiten. Die, die nie eine Chance hatten und die, die mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden. Alle an einem Tisch – kein Katzentisch für die Kinder. Kein Dienstbotentisch in der Küche. Und diese neue Welt Gottes, die wächst bereits, hat Jesus erzählt. Mitten unter uns. Überall da, wo Menschen auf ihn hören und versuchen, so zu leben, wie er es vorgemacht hat. Da wächst Gottes neue Welt. Zuerst ein unscheinbares Samenkorn. Und irgendwann ein großer Baum. Unter seinem Schatten können sich alle versammeln und gut leben.
Was für ein schönes Bild. Ich hoffe sehr auf diese „neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petr 3,13)

Immer wieder haben Menschen sich gefragt, wie das möglich sein soll. Und sie haben nichts anderes denken können, als dass dazu ein totaler Umbruch nötig sein wird. Die alte, verdorbene Welt muss zuerst einmal zu Grunde gehen und mit ihr die bösen Menschen. Dann erst kann etwas Neues beginnen. Auch Jesus hat manchmal so geredet. Anders war es für die Menschen zu seiner Zeit einfach nicht denkbar. Sie konnten sich anscheinend nicht damit abfinden, dass alle mit am Tisch sitzen würden. Deshalb haben sie aussortiert: Die einen ja, andere aber nicht. Viele wissen bis heute ganz genau, wer bestimmt nicht dabei sein wird, in Gottes neuer Welt, sondern vorher untergehen in selbst verschuldetem Unheil.

Jesus hat aber auch vom Wachsen geredet und davon, dass seine Nachfolger wie Sauerteig die ganze Welt anstecken werden mit Frieden und Gerechtigkeit. Darauf verlasse ich mich. So wird es kommen und Gottes neue Welt wird dann Tote und Lebende verbinden. Ich werde das wohl nicht mehr erleben. Aber ich freue mich trotzdem darauf. Und Sie wissen ja: Auch wenn morgen die Welt unterginge – ich will heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Oder eigentlich: begießen, was schon gepflanzt ist, damit Gottes neue Welt wachsen kann.

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Was ist Ihnen heilig? Sagen sie nicht: Heilig – so was gibt es für mich nicht. Ich bin nicht religiös. Jeder hat etwas, das einem so wichtig ist, dass man nichts darauf kommen lässt: Für manche ist das der Mittagsschlaf. Für andere die Familie, der Beruf, der Sport, das Hobby. Irgendwas ist jedem heilig.

Im Vaterunser beten wir Christen „geheiligt werde dein Name“. Der Name Gottes also soll heilig sein unter den Menschen. So, dass sie darauf nichts kommen lassen. Dass sie keinen Grund haben, verächtlich von ihm zu denken oder zu reden.

Geheiligt werde dein Name. Der Name bringt auf den Punkt, was die Identität, das Besondere ausmacht. Gott kann man nicht sehen. Deshalb ist sein Name besonders wichtig, damit man sich etwas vorstellen kann. Welchen Namen hat Gott?

Einmal hat Gott sich selber vorgestellt , erzählt die Bibel. Dem Mose stellt er sich vor, als der ihn gefragt hat, wie er ihn nennen soll. Da bekommt er zur Antwort: „Ich bin, der ich bin“ (2. Mose 3, 14) Ist das ein Name? Nein, jedenfalls nicht wie Anna oder Peter. Ich bin der ich bin, das bedeutet: Gott ist kein Mann und keine Frau. „Ich bin, der ich bin“ bezeichnet sein Wesen. Der Name sagt, wie Gott ist. Nicht, was er ist. Er oder sie ist da für seine Menschen.

Aus lauter Ehrfurcht haben Menschen diesen Namen gar nicht zu nennen gewagt. Sie haben stattdessen „Vater“ gesagt, wie im Vaterunser. Aber auch „Mutter“ oder „Quelle des Lebens“, oder „Herr“, oder „Barmherziger“ und meistens einfach „Gott“. „Gott im Himmel“ sagen heute noch viele wenn sie sehr erschrocken sind oder Angst haben, manchmal auch wenn sie sich ärgern. Vielleicht hilft ihnen das ja, ihre Emotionen in den Griff zu kriegen. So hat sich Gott ja vorgestellt: Ich bin für dich da, wenn du jemanden brauchst, an den du dich halten kannst.

Geheiligt werde dein Name beten Christen im Vaterunser. Gott soll etwas Besonderes sein. Von ihm sollen die Menschen voller Hochachtung und Dankbarkeit reden. Das können sie nicht, wo im Namen Gottes Unrecht getan wird. Wo im Namen Gottes die einen sich zu Herrenmenschen machen und andere wie Untermenschen behandeln.

Aber wo Menschen im Namen Gottes Gutes tun, da wird Gottes Name geheiligt. „Brich dem Hungrigen dein Brot. Und die im Elend und ohne Obdach sind, führe ins Haus!“ (Jes 58, 7) Das hat zu biblischen Zeiten ein Prophet geraten. Ich glaube, genau das heißt: Geheiligt werde dein Name. Wer so betet, sollte auch so handeln.

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Vater unser im Himmel – so beginnt das Gebet, dass Jesus seinen Nachfolgern empfohlen hat. Vater unser  i m  H i m m e l  daran stören sich manche. Das ist doch Unsinn, sagen sie. Da oben ist nichts. Zwar entdecken Forscher immer wieder neue Welten im All. Aber das da oben nicht ein weißbärtiger Mann namens Gott auf seinem Thron sitzt und auf die Welt herunter schaut – das ist längst klar. Der erste Mensch im All, der russische Kosmonaut Juri Gagarin, hat das eigentlich bloß bestätigt. Er habe Gott dort oben nicht gefunden, hat er berichtet. Ich frage mich, wie er wohl drauf gekommen ist, ihn dort zu suchen.

Dass Gott im Himmel wohnt – ich sage das auch manchmal. Kindern vor allem. Auf dem Friedhof zum Beispiel, wenn eines mich fragt: „Wo ist der Opa jetzt? Ist es nicht kalt da unten im Grab und dunkel?“ Dann sage ich: „Da haben wir nur seinen Körper hinein gelegt. Den braucht er jetzt nicht mehr. Der Opa, der ist jetzt bei Gott, im Himmel. Da geht es ihm gut.“ Kinder brauchen so einen konkreten Ort, meine ich. Wenn ich nur sagen würde: „Bei Gott“ – was sollten sie sich da vorstellen?

Und ich selber? Was fange ich an mit diesem Vater unser im Himmel? Ich finde schön, was mir ein Professor für deutsche Sprache erklärt hat. Für Himmel sagt man auf schwäbisch  „Hemmel“, hat er gesagt, und das liegt ganz nah bei „Hemmed“ also dem Hemd, das man anhat. Was mir ganz nah ist und mich wärmt.

Gott im Himmel. Das heißt also nicht, dass er weit weg ist. Sondern er umgibt mich, von allen Seiten. Nicht weit weg im Himmel, sondern hier auf der Erde ist er um mich herum.

Das wussten schon die Menschen zur Zeit der Bibel. In einem Gebet heißt es da: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“ (Psalm 139). Die Alten waren gar nicht so dumm, wie wir heute manchmal meinen. Die haben gewusst, dass man nicht ohne Bilder von Gott reden kann. Aber dass Gott mehr ist als alle Bilder von ihm.

Alexander Gerst, der Astronaut der in diesen Wochen im All ist, sucht dort übrigens nicht nach Gott. Aber er hat eine Erkenntnis über unsere Welt und uns Menschen gewonnen. Er hat gesehen, wie erschreckend es ist, von oben zu sehen, dass immer mehr Regenwald gerodet wird, immer mehr Gletscher verschwinden und immer mehr Seen austrocknen. Oben wird ihm immer klar, sagt er, dass man die Steinkugel Erde „locker verpesten kann, dass sie unbewohnbar ist“. Das macht ihm Sorgen, sagt Alexander Gerst. Anscheinend sieht man von dort oben klarer und hat mehr Übersicht.
Manchmal denke ich jetzt: Solche Sorgen macht sich vielleicht auch Gott im Himmel um uns Menschen.

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Der Aufzug im Stuttgarter Rathaus ist eine Attraktion. Viele Besucher kommen nur zum Aufzugfahren ins Rathaus. Denn dort gibt es noch einen Paternoster. So einen Umlaufaufzug gibt es sonst weit und breit nicht. Ich habe gelesen, in ganz Deutschland nur noch ungefähr 200 Stück. Die offenen Kabinen fahren an Stahlseilen pausenlos, links rauf, rechts runter über mehrere Stockwerke, immer nur für eine, höchstens zwei Personen. Wie sie oben und unten die Richtung wechseln ist mir schleierhaft, aber es klappt und ganz Mutige fahren mit und kommen wohlbehalten wieder unten an. So ein Paternoster fährt ziemlich langsam. Aber er nimmt viel mehr Menschen mit als ein Aufzug, der in jedem Stockwerk anhalten muss.

Paternoster ist lateinisch und heißt „Vater unser“. Die Idee bei der Namensgebung für die Aufzüge war wohl, dass man früher auch das Vaterunser mehrfach hintereinander gebetet hat – wie die Perlen an einer Kette. So kommen auch die Kabinen des Paternosters immer wieder herauf und herunter.

Das Vaterunser nimmt auch viele mit. So war es von Anfang an gemeint. Christen beten nicht „Mein Vater“, sondern „Vater unser“. Das erinnert immer beim Beten daran: Ich bin nicht allein. Das Vaterunser verbindet. Ich bin verbunden mit Schwestern und Brüdern, in allen Ländern und Konfessionen. Überall wo Christen leben, betet man das Vaterunser. Orthodoxe Christen in Griechenland oder Russland zum Beispiel, Menschen in Afrika oder Amerika, wir hier in Europa, in Deutschland, in meiner Gemeinde. Die mit mir in einer Kirchenbank sitzen. Sie alle beten „Vater unser“ und wissen: Ich bin nicht die einzige. Gottes Fürsorge gilt allen Menschen. Wir sind eine Familie. Es sollte keinem meiner Brüder und Schwestern schlecht gehen.

Viele beten das Vaterunser – auch, weil es so kurz und knapp ist. Sieben Bitten nur, die aber das ganze Leben umfassen. Alle Hoffnungen und Wünsche sind darin aufgehoben. Es geht um das tägliche Brot. Darin ist alles eingeschlossen, was Menschen zum Leben brauchen. Es geht um die Schuld, die so vieles zerstört – aber auch um ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit, das Gott versprochen hat.

Wenn Sie mal in Stuttgart sind, gehen Sie mal ins Rathaus und fahren sie Paternoster! Wenn Sie es noch nie probiert haben, kostet es vielleicht ein bisschen Überwindung beim Einsteigen. Wie beim Beten. Aber es ist ganz ungefährlich. Steigen Sie ruhig ein. In den Paternoster. Vielleicht auch ins Vaterunser. Sie werden sehen: das bringt einen weiter!

 

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„Vater unser im Himmel“: so fängt das Gebet an, das Christen beten. In jedem Gottesdienst sprechen das alle gemeinsam, laut und die meisten auswendig. Aber auch sonst, wenn einem nichts mehr einfällt, wenn das Leben einem die Sprache verschlagen hat, wenn man einfach Hilfe braucht, dann kann man das Vaterunser beten. Es passt immer. Im Vaterunser ist das ganze Leben drin, finde ich.

In den letzten Monaten habe ich aber ein paarmal erlebt, dass Menschen die Worte nicht kennen. Bei einer Beerdigung war ich fast die einzige, die mit dem Pfarrer das Vaterunser gesprochen hat. Dabei habe ich gemerkt, die jungen Leute dort hätten auch gern Worte gehabt für ihre Trauer. Wenn Ihnen das ähnlich geht,  hier sind sie. „Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht n Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit.

Jesus selbst hat seinen Schülern und Freundinnen gesagt: So sollt ihr beten. Mehr braucht es eigentlich nicht. Er selbst hat ja Vater zu Gott gesagt und damit gezeigt: Ich vertraue Gott wie einem Vater.

Nun  sagen allerdings viele: „Gerade das macht mir Schwierigkeiten. Ich kann keinem Vater vertrauen, denn ich kenne eigentlich nur meinen. Und vor dem hatte ich Angst. Wie hätte ich dem vertrauen sollen?“ Das ist schlimm, wenn man so einen Vater hat. Jesus hat an einen anderen Vater gedacht: barmherzig und verständnisvoll. Einen guten Vater eben. Er hat in einer Geschichte erzählt, wie ein guter Vater ist: Da geht es um einen Sohn, der auf eigenen Füßen stehen wollte, damit der Vater ihm nicht mehr reinreden kann in sein Leben. Aber als das schief gegangen ist, hat er nur noch einen Ausweg gesehen: zurück. Zurück zum Vater. Und der gibt ihm eine neue Chance. Er sagt nicht: „Ich wusste doch, dass es so kommt. Ich hätte dir das gleich sagen können!“ Nein, der Vater feiert ein Fest vor Freude, und stattet den Jungen noch einmal neu aus. Der Sohn soll leben – gut leben. Darum geht es einem guten Vater. Um nichts sonst.

Jesus selber hat „Mein Vater“ gebetet. Er konnte Gott vertrauen wie einem Vater, dem man alles sagen kann.
Jeder, der auf Gott vertraut kann so beten. Mir hilft es, wenn ich es regelmäßig tue. Oft bin ich zu müde für eigene Worte. Dann hält das Vaterunser die Verbindung aufrecht zu Gott, der es gut mit mir meint.

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