Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27OKT2020
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Wann ist man alt? Als ich 50 wurde, habe ich zum ersten Mal gedacht: Jetzt! Jetzt ist es soweit. Jetzt bist du alt. Anderthalb Jahrzehnte später gehe ich nun demnächst in den Ruhestand. Ist es jetzt soweit? Bin ich jetzt alt? Sicher: Die Füße tun mir oft weh, ohne Gleitsichtbrille sehe ich schlecht. Aber eigentlich freue ich mich auf das Leben, das kommt. Ist man dann alt? Oder ist man alt mit 80 oder neunzig, wenn man die Alten „hochbetagt“ nennt?

Jede zweite Frau, der heute 50 ist, wird wahrscheinlich 100 Jahre alt werden, habe ich neulich gelesen. Kann das sein, dass man 50 Jahre lang, also ein halbes Leben lang alt ist? Alt und schonungsbedürftig, nicht mehr fit genug, um mithalten zu können mit den Jungen, körperlich oder im Kopf? So, dass einen die anderen irgendwie in Watte packen, auch wenn man es gar nicht braucht, nur weil man ein bestimmtes Alter erreicht hat?

Ich glaube, das Alter kann sehr verschieden aussehen: fit und vital, ängstlich und vorsichtig, einsam und verbittert, fröhlich und dankbar, krank, dement, lebensfroh, lebenserfahren, weise. Ich bin gespannt, was kommt und wie es wird.

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“ hat der Schauspieler Joachim Fuchsberger gesagt. Da hat er wahrscheinlich recht. Aber das heißt ja nicht, dass es in jeden Fall schrecklich wird. Aber: Man braucht Mut, um dem Alter mit Zuversicht entgegen zu gehen. Woher die kommen kann? Für mich kommt sie aus dem Vertrauen auf Gott. Er hat mich bisher ganz gut begleitet in meinem Leben. Nicht alles war gut, und ich habe Fehler gemacht. Aber  Gott hat mich nicht im Stich gelassen.

Und jetzt kann ich sagen: Es war alles gut so und ich schaue erwartungsvoll in die Zukunft. Dabei verlasse ich mich auf ein Versprechen, das Jesaja, der Prophet im Namen Gottes so formuliert hat: „Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet, bis ihr grau werdet, will ich euch tragen.“ (Jes 46,4)

Grau bin ich nun schon seit ein paar Jahren und habe mich von Gott getragen gefühlt – erst recht, seit Enkelkinder da sind. Und ich hoffe sehr, dass ich besonders denen noch eine Weile dieses Gefühl weitergeben kann: Auf Gott kann man sich verlassen – immer.

Und ich selber will mich an einem Rat von Albert Schweitzer orientieren, den habe ich im Sommer auf einer Geburtstagskarte gelesen: „Niemand wird alt, weil er eine Anzahl von Jahren hinter sich gebracht hat. Man wird nur alt, wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt. Mit den Jahren runzelt die Haut. Mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele“.

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26OKT2020
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Zum Geburtstag bekommt man Blumen. Manchmal Rosen, auch jetzt im Oktober. An geschützten Stellen blühen sie ja sogar noch vereinzelt. Auf meinem Balkon zum Beispiel. Da habe ich schon seit Jahren einen Busch mit gelben Rosen. Im Sommer blüht er über und über. Und jetzt im Herbst hat er immer noch einzelne Blüten. Mein Rosenbusch blüht, auch wenn nur ich ihn sehe und ihn nicht in irgendeinem Park Hunderte bewundern.

Angelus Silesius, ein Dichter vor fast 400 Jahren hat  über Rosen ein Gedicht geschrieben.
„Die Rose ist ohne Warum. Sie blühet, weil sie blühet. Sie achtet nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet“ so fängt es an.

Der Dichter hat von Rosen gesprochen. Aber ich glaube, er hat uns Menschen gemeint. Und die Rosen als Beispiel. Wir müssen nicht auf Absicht und Wirkung hinleben. Sondern, ob in der Öffentlichkeit oder im Verborgenen, unserer von Gott gedachten Bestimmung nachleben. Wer gut reden kann, der soll es tun. Wer es nicht so gut kann, der muss nicht traurig sein. Er kann sicher etwas anderes: gut kochen vielleicht und anderen damit guttun. Oder mit Geduld Ordnung halten, wo andere Chaos anrichten. Fröhlich mit Kindern sein. Oder originelle Geschenke ausdenken. Jeder und Jede hat Fähigkeiten und Begabungen. Man muss nicht immer fragen: „Was sagen andere dazu?“ Nein! Man kann seine Begabungen ausleben: Wie die Rosen eben: die blühen, weil sie blühen.

Eigentlich erzieht man uns ja ganz anders. Wir werden gelobt und belohnt, wenn wir etwas gut machen. So lernen wir von Anfang an: Ich muss zeigen, was ich kann. Und ich bin enttäuscht, wenn es übersehen wird, was ich geleistet habe. Später lernen wir: „Klappern gehört zum Handwerk!“ Wenn man etwas geschafft hat, dann muss man auch davon reden, damit alle es bemerken. Wer sich nicht in Szene setzen kann, der wird zum Mauerblümchen, sagt man.

Ich glaube, von den Rosen kann man lernen. Sie blühen ohne warum. Sie tun es einfach. Wenn Rosen Menschen wären, würde ich sagen: Was für ein Selbstbewusstsein! Aber vielleicht ist Selbstbewusstsein sowieso nicht das richtige Wort. Vielleicht müsste man sagen: Gottvertrauen. Vertrauen zu Gott. Der hat durch den Mund seines Propheten gesagt: „Du bist in meinen Augen wert geachtet und herrlich und ich habe dich lieb“ (Jes 43, 4)

Sich darauf zu verlassen ist möglicherweise für den einen oder die andere altmodisch. Aber es befreit vom Druck und macht glücklich.  Nicht nur Geburtstagskinder.

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