Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Noch 53 Tage!“ Mit diesen Worten setzt sich Peter neben mich. „Noch 53 Tage!“ sagt er und schaut mich erwartungsvoll an. Jetzt bin ich gefordert. Peter will, dass ich nachfrage, was denn in 53 Tagen ist. Und auch wenn ich die Antwort schon kenne, tue ich ihm den Gefallen. „Was ist denn dann?“ frage ich ihn. „Na, mein Geburtstag!“

Peter ist über 60 und er hat das Downsyndrom. Ich kenne ihn schon lange und weiß, dass es zwei Dinge gibt, die ihm besonders wichtig sind: seine Mundharmonika, mit der er am liebsten vor Publikum spielt, und eben sein Geburtstag. Bereits Wochen vorher fängt er an die Tage zu zählen und jeder, der ihn kennt, bekommt erzählt, wie lange es noch dauert.

Und so sitzt er auch jetzt neben mir und strahlt wieder über das ganze Gesicht. Dass es noch knapp zwei Monate bis zu seinem Geburtstag sind, spielt für ihn keine Rolle. Ihm ist egal, was bis dahin alles passieren könnte oder was bis dahin noch alles zu tun ist. Er freut sich einfach darauf, dass sein Geburtstag kommt.

Auch ich kann mich freuen, auf das, was kommt. Und gerade wenn viel los ist oder ich mich über etwas richtig geärgert habe, blättere ich in meinem Kalender um zu sehen, wie lange es noch bis zum nächsten Grillabend mit Freunden oder zum nächsten freien Wochenende dauert. Und schon ist die Vorfreude wieder da.

Peter ist für mich zu einem richtigen Vorfreude-Vorbild geworden. Er zeigt mir, wie man sich ohne Einschränkung auf etwas freuen kann. Wie die täglichen Sorgen etwas  leichter werden, wenn es etwas gibt, auf das ich mich freue. Und dass es immer noch etwas gibt, auf das es sich zu hoffen lohnt.

Für mich erzählt Peter damit auch von Gott. Von einem Gott, der noch etwas für mich bereithält. Jetzt in meinem Leben, aber sogar darüber hinaus. Denn selbst wenn mein Leben irgendwann einmal vorbei ist und ich keine Tage mehr zählen kann, glaube ich, dass da noch etwas kommt, auf das ich mich freuen kann. Vielleicht ist es kein Geburtstagsfest, wie das, auf das sich Peter jedes Jahr freut. Aber sicherlich ein Fest, das ich in vollen Zügen genießen kann. Auch wenn ich heute noch nicht weiß, wie es konkret sein wird.

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Um eine Geige zu bauen, braucht man ganz besonderes Holz. Holz, das klingt. Martin Schleske weiß das. Er gehört zu den größten Geigenbauern unserer Zeit. Musiker aus der ganzen Welt kommen zu ihm, um sich ihr Instrument bauen zu lassen. Doch Martin Schleske ist mehr als ein Geigenbauer. Er ist auch ein tiefgläubiger Mensch. Und beides gehört für ihn unbedingt zusammen. Wenn er aus einem Stück Holz ein Instrument herstellt, dann erkennt er Parallelen zum Glauben. Man könnte sagen, sie sind moderne Gleichnisse, die ihm helfen das Leben zu verstehen.

Bevor Martin Schleske beginnt, eine Geige zu bauen, nimmt er sich viel Zeit bei der Auswahl des Holzes. Mehrere Stunden steht er in seiner Werkstatt, nimmt Brett für Brett in die Hand, klopft auf das Holz und hört, wie es klingt. Entscheidend ist dabei, dass er den Punkt findet, an dem er das Holz festhalten muss. Denn nur wenn man es an einer bestimmten Stelle hält, beginnt es zu klingen. Packt man das Holz an einem anderen Punkt, braucht man viel Kraft beim dagegen schlagen, um überhaupt einen Ton herauszubekommen. Und der klingt dann dumpf und matt.

Martin Schleske ist fest davon überzeugt, dass auch wir Menschen unterschiedlich klingen können. Wenn wir den Punkt gefunden haben, der uns und unser Leben hält, dann können wir das entfalten, was in uns steckt. Dann kommt das zum Klingen, was uns besonders macht und auszeichnet. Verlieren wir den Punkt, dann tun wir uns schwer, brauchen viel Kraft und kommen nicht mehr so recht in Schwung.

Manchmal geht es mir auch wie so einem Stück Holz, das an der falschen Stelle gehalten wird. Dann bin ich durcheinander, habe keine Lust auf gar nichts und finde mich selbst unerträglich.

Wenn ich den Geigenbauer Martin Schleske richtig verstehe, dann könnte es vielleicht helfen, mir bewusst zu machen, dass ich gehalten werde. Dass Gott mich mit einem besonderen Klang ausgestattet hat. Ich kann klingen, weil ich weiß, dass er mich trägt.

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Bedienungsanleitungen gibt es für fast alles: Kaffeemaschine, Drucker oder Smartphone. Mittlerweile stehen die Hinweise nur noch selten auf Papier, aber es gibt sie noch. Und wer Hilfe braucht, sucht einfach im Internet. Wie ging das nochmal mit dem Entkalken der Kaffeemaschine? Und was bedeutet das Symbol, das neuerdings in meinem Auto aufleuchtet?

Mit Bedienungsanleitungen kann ich Probleme leichter lösen. Und sie helfen mir, mich zurecht zu finden. Eine Besondere hat Susanne Niemeyer geschrieben. Sie ist Redakteurin, Bloggerin und Christin und schreibt Geschichten über Gott und das Leben. Ihre Bedienungsanleitung ist eine für die tägliche Arbeit. Es geht also um die Dinge, die wir jeden Tag tun – sei es im Büro oder zuhause in der Küche. Susanne Niemeyer ist überzeugt, dass genau da, mitten im Alltag, große Dinge entstehen können. Überschrieben hat sie ihre Hinweise deshalb mit den Worten: Schaffe etwas Großes! 

Liebe deine Aufgabe. Denn sie liebt dich. Du bist ihr Schöpfer. Von dir hängt ihr Aussehen ab, ihre Funktion, ihre Qualität. (…) Du schreibst die Mail. Du fegst die Treppe. Du leitest die Sitzung. (…) Nur was geliebt wird, wird gut.

Sei aufmerksam. Vergiss das Ergebnis. Wenn Du einen Erdbeerkuchen backst, schau auf das Mehl in der Schüssel. Wenn Du einen Brief schreibst, achte auf den Buchstaben e.

Tu, was du tun willst, mit ganzer Kraft. Denke an den Sprung über den Bach. Wenn du beim Absprung zögerst, gehst du mit großer Wahrscheinlichkeit baden.

Nimm dich wichtig, aber nimm dich nicht zu wichtig. Du bist es, der die Welt verändert. Vertrau gleichzeitig auf die anderen. Sie arbeiten ebenfalls daran.

Vergleiche dich nicht. Erstens bist du dann nicht mehr bei der Sache. Zweitens gibt es immer jemanden, der besser ist als du. Du musst nur lange genug suchen. Also kannst du auch gleich damit aufhören. Mach deine Sache so schön du kannst.

Fang an. Du bist eine Verwandlerin. Du bist ein Verwandler. Was immer du tust: Verwandle die Welt in einen besseren Ort. Eine freundliche Mail ist ein Anfang. Ein Apfelkuchen auch. 

(nach: Susanne Niemeyer, Soviel du brauchst. Geschichten von Mut und Manna, Herder Verlag 2016; S. 96 f.)

 

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Es gibt Zeiten, da kann einem alles zu viel werden. Jeder will was von mir und die Zeit reicht hintund vorne nicht. Mose kannte das auch. Vor über 3000 Jahren ist auch ihm die Arbeit über den Kopf gewachsen. Von morgens bis abends kommen die Leute zu ihm, erzählen von ihren täglichen Streitereien, fragen ihn, wer im Recht ist und wie sie Auseinandersetzungen lösen können. Mose kommt kaum hinterher, so viele Leute möchten seinen Rat.

Eigentlich mag er seinen Job. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, zu entscheiden, wer im Recht ist. Er merkt, er wird gebraucht und er beherrscht sein Metier. Die Menschen schätzen ihn dafür. Und gleichzeitig kostet es ihn so viel Kraft. Wenn er ehrlich zu sich wäre, müsste er zugeben, dass es schlichtweg zu viel ist.

Gut, dass sein Schwiegervater eines Tages zu Besuch kommt. Er sieht sofort, dass es so nicht weitergehen kann und gibt Mose den entscheidenden Tipp: „Mach es dir doch nicht so schwer!“ sagt er. „Alleine schaffst Du das nicht. Die Arbeit kannst Du aufteilen. Sicher finden sich andere, die jeweils für eine kleine Gruppe von Menschen Verantwortung übernehmen. Und wenn sie nicht mehr weiterwissen, bist Du ja immer noch da.“

Das sitzt. Arbeit abgeben – ob sich da überhaupt jemand findet? Ob andere das hinbekommen? Und erstmal ist es ja mehr Arbeit– wann soll er denn den anderen erklären, wie das alles geht?

Mose hat sich am Anfang sicherlich schwer getan auf seinen Schwiegervater zu hören – davon bin ich überzeugt. Schließlich ist er doch seit Jahren die Ansprechperson für das Volk. Er hat mit den Menschen so manche Schwierigkeit gemeistert. Und jetzt soll er es nicht mehr schaffen und andere um Hilfe bitten? Mose braucht Zeit, um zu merken, dass es die eigene Kompetenz nicht schmälert, wenn er etwas von seinen Aufgaben abgibt und anderen etwas zutraut.

Am Ende ringt Mose sich durch und traut dem Rat seines Schwiegervaters. Und er findet fähige Mitarbeiter. Im Nachhinein wird ihm klar, dass seine Bedenken unbegründet sind – einige, die er ausgesucht hat, blühen sogar richtig auf. Ihnen und dem ganzen Volk tut die Neuerung gut. Und auch er selbst kann wieder durchatmen.

 

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