Manuskripte

Anstöße sonn- und feiertags

01JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Gottes guten, heiligen Geist feiert die Christenheit an Pfingsten.

Aber was macht ihn denn aus? Wie kann man ihn fassen und begreifen? Das Johannes-Evangelium (15) sieht in ihm vor allem den „Geist der Wahrheit“ – als solcher spielt er heute im Feiertags-Evangelium der Kirche die erste Geige. 

Um diesen „Geist der Wahrheit“ zu flehen, haben wir gegenwärtig allen Grund. „Fake News“ jagen um den Erdball und verbreiten Angst und Schrecken. Corona, das tödliche Virus sei reine Erfindung, behaupten die einen. Die  Verschwörungstheoretiker lieben es eher dramatisch: Sie verkünden lauthals, dieser Winzling von Virus sei – von wem auch immer – künstlich gezüchtet und gezielt auf die Menschheit losgelassen worden, um eine Welt-Diktatur zu errichten. Wieder andere sehen Freiheit und Grundrechte in Gefahr, und alle, alle treffen sich gemeinsam bei Kundgebungen und Protesten. Ein gefundenes Fressen für Antisemiten, Rassisten, Neo-Nazis und Rechtspopulisten. Wer zu einer solchen Demo geht, sollte tunlichst schauen, neben wem er da zu stehen kommt. 

Der „Geist der Wahrheit“ macht mir Mut, der Wahrheit nachzujagen. Das bedeutet, alle Nachrichten kritisch zu prüfen, um Spinnern nicht auf den Leim zu gehen und Lügner zu entlarven. Wer zum Beispiel eine seriöse Tageszeitung liest, fällt nicht so leicht auf eine Falschmeldung oder ein Gerücht im Internet herein. In aller Regel liefert die Presse, oft als „Lügenpresse“ diffamiert, eine gründliche Recherche. Außerdem wird eine Meinung angeboten, die zur Auseinandersetzung reizt. Denn jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber kein Recht auf eigene Fakten! Zur Wahrheitsfindung empfiehlt es sich auch, andere miteinbeziehen, Personen des eigenen Vertrauens, Menschen mit Sachverstand. 

Kein Zweifel: Der „Geist der Wahrheit“ kostet einige Mühe. Aber sie ist es wert. Denn nur „die Wahrheit wird euch freimachen“,verheißt Jesus imJohannes-Evangelium (8,32). Sie bewahrt vor Irrtum, macht frei von Angst und verjagt die Gespenster.   

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30996
31MAI2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Was immer auch an Pfingsten in Jerusalem geschah – es ist schwer in Worte und Bilder zu fassen. Der Evangelist Johannes schildert das Ereignis so: „Nachdem Jesus seinen Jüngern alles gesagt hatte, hauchte er sie an sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist“ (Johannes 20,19-32).  

In Corona-Zeiten treibt´s mir da gleich Schweißperlen auf die Stirn und ich zurre unwillkürlich an meiner Maske. Anhauchen – um Himmels willen! - So versperrt uns dieses heimtückische Virus auch noch den Zugang zum Pfingstgeheimnis, das an Intimität nicht zu überbieten ist. 20.000 mal am Tag schöpfen wir Luft, damit die Lunge das Blut mit Sauerstoff sättigen und gegen das Kohlendioxid austauschen kann. In einer „Mund-zu-Mund-Beatmung“ haucht uns Gottes Geist den Atem ein. Stoffwechsel - so intensiv will Pfingsten uns mit Gott verbunden wissen. 

„Atme in uns, Heiliger Geist“, betet heute die Kirche. Möge uns diese Atemspende so beleben wie damals die Jüngergemeinde in Jerusalem. Begeistert, befeuert vom Heiligen Geist stürmte sie plötzlich heraus aus ihrem Versteck. Was da mit diesen Menschen geschah, konnten sie gar nicht mehr für sich behalten. Das sprang über auf die Leute draußen auf der Straße. 

„Atme in uns, Heiliger Geist“ – so belebt wären wir fähig, auch anderen Atem zu spenden. Den Kranken zum Beispiel, die wir lange nicht mehr besuchen durften. Sie haben trotzdem gespürt, dass wir in ihrer Nähe waren. Unser Mitleiden wirkt auf Kranke wie eine Sauerstoffdusche. 

Wenn ich mit Trauernden weine, hoffe und bete ich, dass sie Gottes guten Geist verspüren und wieder zurück ins Leben finden. Wer rastlos getrieben und überfordert ist, erfährt es wie eine Atemspende, wenn ihm jemand aufmerksam zuhört. Wie reanimiert wirken Müde und Resignierte, die in einer Beratung ihrer Erschöpfung auf den Grund kommen. Ich glaube, es ist Gottes Geist, der sie wieder aufatmen und durchschnaufen lässt. 

„Atme Heiliger Geist“ auch in unserer Kirche, so bete ich zum Schluss. Sie muss  neue Wege finden, aufbrechen hin zu den Menschen. Rüttle uns wach, dass wir unseren Glauben leben und bezeugen in dieser zerrissenen, zerstrittenen Welt. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30995