Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

28JUN2020
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Felix Mendelssohn Bartholdy. Zu Lebzeiten galt er als der angesehenste und erfolgreichste Musiker seiner Zeit. Geachtet nicht nur als genialer Komponist. Sondern auch als Wiederentdecker Johann Sebastian Bachs, dessen „Matthäuspassion“, die nahezu vergessen war, er als Zwanzigjähriger aufführte.

Es gehöre zu einem Künstler, schrieb Mendelssohn einmal, „dass er Respekt vor dem Großen habe und es anerkenne und nicht die großen Flammen auszupusten versuche, damit das kleine Talglicht ein wenig heller leuchte."

Seiner Vertonung des 100. Psalms liegt die Bibelübersetzung Martin Luthers zu Grunde: „Jauchzet dem Herrn alle Welt. Dienet dem Herrn mit Freuden.“

Jauchzet dem Herrn alle Welt.
Dienet dem Herrn mit Freuden.
Kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken.

Die Wertschätzung, die Mendelssohn anderen gegenüber gezeigt hat, ist ihm aber selbst schon bald nicht mehr entgegengebracht worden. Mit dem erstarkenden Nationalismus gab es bereits im 19. Jahrhundert Stimmen, die seine Musik als „zu wenig deutsch“ empfanden.
Eine Entwicklung, die im Nationalsozialismus kulminierte, als das Mendelssohndenkmal vor dem Neuen Gewandhaus in Leipzig abgerissen wurde.
In den letzten Jahren ist der große Beitrag, den Mendelssohn für die Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts geleistet hat, neu entdeckt worden. Seine Inspiration dafür bezog er aus der Bibel, die Juden und Christen auf je ihre Weise lesen.

Erkennet, dass der Herr Gott ist.
Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst,
zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.

Wer erkennt, „dass Gott der Herr ist, der uns gemacht hat und nicht wir selbst“, der muss sich nicht zum Herren über andere erheben.

Für Mendelssohn war die Musik etwas, das über alle Grenzen verbindet: etwas Universales, das verhindern kann, dass Menschen in Parteiungen und Nationalismen auseinanderfallen.
An seine Schwester Rebecka hatte er im Jahr 1844 geschrieben: „Wer das eine Schöne wahrhaft fühlt, wen es wahrhaft beglückt, dessen Sinn wird nicht enger, nur weiter dadurch...“
Uns heute, meine ich, bleibt darum nicht nur die berührende Musik Felix Mendelssohns. Sondern auch die Weite und menschliche Toleranz eines großen Musikers.

... denn der Herr ist freundlich
und seine Gnade währet ewig
und seine Wahrheit für und für.

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CD: Felix Mendelssohn Bartholdy, Denn er hat seinen Engeln, Kirchenwerke V, Track 14, Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius,

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