Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

So alt wie der Mensch ist die Erfahrung, dass das Leben endlich ist. Davon singt das heutige Lied: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“. Es stammt in einer frühen Form bereits aus dem 11. Jahrhundert. Und ich kann mir gut vorstellen, wie es im romanischen Kreuzgang eines Klosters gesungen wird.
In drastischen Bildern wird die Nähe des Todes beschrieben. In jedem Moment bedroht er die menschliche Existenz. Zugleich wird im Lied aber auch die Frage gestellt: woher in dieser Not kann einem Menschen Hilfe kommen? Was oder wen suchen wir?

Mitten wir im Leben sind
Mit dem Tod umfangen.
Wen suchen wir, der Hilfe tu,
Dass wir Gnad erlangen? -
Das bist du, Herr, alleine...

Martin Luther ist das Lied geradezu zugeflogen. Er hat seine eigenen Fragen darin wiedergefunden. Nach dem, was dem Leben letzten Halt gibt. Sein Freund, der Kantor Johann Walter war es, der die Melodie dazu komponierte. Und von Johann Sebastian Bach schließlich stammt der schlichte Chorsatz.
So ist aus einem ursprünglichen Begräbnislied ein „Lobgesang“ der Erlösung geworden. Weil es von der Hoffnung spricht, dass der Tod nicht Endstation, sondern Ausgang ins Leben ist.

Mitten in dem Tod anficht
Uns der Höllen Rachen.
Wer will uns aus solcher Not
Frei und ledig machen?
Das tust du, Herr, alleine...

Auf der Bühne des Lebens ist der Tod stets präsent. Und manchmal kommt er einem sehr nahe. Es ist dann, als träte er, der sonst immer hinter dem Vorhang steht, auf einmal nach vorne. Der plötzliche Verlust eines mir nah stehenden Menschen. Eine Diagnose, die Schlimmes befürchten lässt. Ein schwerer Unfall. Ja, es stimmt: „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“.

Das Lied bleibt bei dieser Feststellung aber nicht stehen. Angesichts der Todes- und Höllenerfahrungen, die in ein Leben einbrechen können, stellt es die Frage „Wohin sollen wir denn fliehen, da wir mögen bleiben?“
Und dreimal lautet die Antwort: „Zu dir, Herr Christ, alleine.“ Ich will also darauf vertrauen, dass sein Leben auch meines umfängt. Dass mein Tod in seinem Tod aufgehoben ist.

Dass mir das zum Trost wird, das habe ich nicht in der Hand. Darum kann ich nur bitten. Und so heißt es am Ende des Liedes auch: „Lass uns nicht entfallen von des Glaubens Trost!“ Oder anders gesagt: lass uns darauf vertrauen können, dass ich mitten im Tod vom Leben umfangen bin.  

Vergossen ist dein teures Blut,
Das gnug für die Sünde tut.
Heiliger Herre Gott,
Heiliger starker Gott,
Heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott,
Lass uns nicht entfallen von des rechten Glaubens Trost.
Kyrieleison.

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Musikangaben:

CD:  Ein Choralbuch für Johann Sebastian Bach, Aus: Die kompletten Werke, MM4195-2, Hännsler Verlag 2000

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