Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Lied im GL Nr. 617 

MIRA 399443 Ich steh vor dir, Schola der Kleinen Kirche Osnabrück, 2009:

Nahe wollt der Herr uns sein,

nicht in Fernen thronen.
Unter Menschen wie ein Mensch
hat er wollen wohnen.
Mitten unter euch steht er,

den ihr nicht kennt.
Überall ist er uns nah,

menschlich uns zugegen.
Unerkannt kommt er zu uns
auf verborgnen Wegen.

„Nahe wollt der Herr uns sein", so beginnt die erste Strophe des Kirchenliedes von Huub Osterhuis, einem holländischen Dichter und Theologen . „Nahe wollt der Herr uns sein",  das ist für mich auch eine Hauptaussage des Evangelisten Markus. Bei ihm geht es darum, dass Gott uns nahe kommt, wenn er in Jesus von Nazareth Mensch wird. Bei Markus wird Jesus gar nicht so göttlich dargestellt. Er ist vor allem Mensch. Zwar heilt er und tut Wunder, hat also eine göttliche Seite. Aber er wird auch als jemand geschildert, der nicht schon von vornherein weiß, was zu tun ist. Bei einer Predigt in einem überfüllten Haus decken Männer das Dach ab, um ihren gelähmten Freund zu Jesus hinunter zu lassen. Jesus ist erst einmal von ihrem Glauben beeindruckt. Erst dann vergibt er dem Gelähmten die Sünden und heilt ihn später auch. In einer fremden Gegend muss eine Frau erst darum kämpfen, dass er reagiert und endlich ihre Tochter heilt. Einen Blinden, der nach ihm ruft, fragt er: Was willst Du? Ganz normale Gesprächssituationen werden da von Jesus berichtet. Und schließlich sein Ende: Im Markusevangelium habe ich nicht den Eindruck, dass Jesus schon weiß, dass alles noch gut ausgehen wird. Er ist auch in Leid und Tod ganz Mensch. Es gibt keinen Ausweg für ihn, er ist ratlos und verloren. Näher konnte Gott uns nicht mehr kommen, noch mehr mitten unter uns kann Gott nicht sein.
Für Huub Osterhuis ist Gott in Jesus, wie er sagt, „unser aller Bruder" geworden. Das hat Folgen für uns: Jesus ist uns Menschen mit gutem Beispiel vorangegangen. Im Lied werden wir in der vierten Strophe aufgefordert: „Tut einander Gutes nur, so wie er geduldig." Da höre ich heraus, dass Jesus uns auch heute nahe ist, wenn wir seinem Beispiel folgen, und dass er uns in den Menschen begegnet, denen wir Gutes tun. Aber - darauf verweist die letzte Strophe noch einmal - wir können seine Nähe nicht erzwingen. Wir dürfen uns darüber freuen, dass Gott unsere Nähe sucht und wir können darum bitten. Wann und wo er uns nahe ist, das bleibt - vorläufig - sein Geheimnis.

MIRA 399443 Ich steh vor dir, Schola der Kleinen Kirche Osnabrück, 2009

Tut einander Gutes nur,
so wie er geduldig;
bleibt um seinetwillen euch
nichts als Liebe schuldig.
Freuet euch, von Sorgen frei;
tragt vor ihn die Bitte,
dass er uns ganz nahe sei,
wohnt in unsrer Mitte.
Mitten unter euch steht er,
den ihr nicht kennt.

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