Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Kalle Grundmann im Gespräch mit Dr. Herbert Fendrich, Beauftragter des Bistums Essen für Kirche und Kunst.

 Der Text aus der Apostelgeschichte 

Herr Fendrich, heute ist der Christi Himmelfahrtstag und natürlich möchte ich mit ihnen(dann) über das reden, was uns die Kunst zu diesem Tag zu sagen hat. Aber bevor wir zu den Darstellungen aus der Kunst kommen, ist es vielleicht ganz gut, wenn wir uns den biblischen Text zum Christi-Himmelfahrtsgeschehen noch mal anhören, denn das ist ja auch die Grundlage gewesen für die Darstellungen in der Kunst. Im ersten Kapitel der Apostelgeschichte heißt es: 

"Den Aposteln hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen. (…) Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen."

(Apg 1, 9-11) 

Soweit der biblische Text. Herr Fendrich ich habe Sie im Vorfeld gebeten, uns drei Christi Himmelfahrtsdarstellungen aus der Kunstgeschichte mit zu bringen. Was haben sie denn mitgebracht? 

Die Reidersche Tafel: 1600 Jahre altes kleines Elfenbeintäfelchen 

Das Erste ist etwas ganz kostbares aus der ganz frühen Zeit der christlichen Kunst. 1600 Jahre alt, ein Elfenbeintäfelchen. Gar nicht groß, 18x11 cm und wenn sie da drauf gucken, würde man  staunen angesichts des Textes, den sie gerade vorgelesen haben, was da dargestellt ist. Sie würden gar nichts wiedererkennen. 

Das heißt es gibt also einen Widerspruch zwischen dem Text und der Darstellung, die immerhin 1600 Jahre alt ist. 

Ich würde nicht Widerspruch sagen. Ein Text in seiner Sprache und Bildsprache ist etwas anderes als ein Bild mit seiner Sprache. Hier hat jemand also vor 1600 Jahren sozusagen eine erste Vorstellung entwickelt, wie man das darstellt könnte. Das ist ein ganz spannender Zeitpunkt sozusagen der Kunstgeschichte. Und auch sozusagen abweichend von dem Text, den sie vorgelesen haben, fasst dieses Bild das Geschehen am Ostermorgen zusammen mit dem Geschehen der Himmelfahrt. Sie haben vorgelesen: 40 Tage liegen dazwischen. Hier in dem Bild ist das eine Einheit. Und in einem andern Text der Bibel, dem Lukasevangelium, ist das auch genauso erzählt, als eine Einheit. Auferstehung und Himmelfahrt, Ostern und dieses Weggehen zum Vater, die Erhöhung, das ist eine Einheit und das zeigt die Elfenbeintafel.

Wenn ich darauf schaue, gibt es da noch was Besonderes: Der Jesus wird gar nicht in den Himmel emporgehoben. Sondern der läuft, der steigt. Wie ein Bergwanderer auf einer Wolke oder einem Berg in Richtung Himmel.

 Das ist sicherlich auch für unser aufgeklärtes Bewusstsein ganz befremdlich. Die Bildsprache der spätantiken Kunst ist eine sehr realistische Bildsprache. Es sieht so aus als würde Jesus sozusagen einen Berg hoch rennen und aus einer Wolke langt es sacht, eine Hand Gottes und greift und zieht ihn. Also dieses Gemeinsame, eine eigene Bewegung Jesu Christi und das Gezogenwerden, Hinaufgenommenwerden, das ist sozusagen körpersprachlich ausgedrückt.

Sehr auffällig ist auch dass – im Gegensatz zum Text – nicht eine große Himmelfahrtsgemeinde staunend, ehrfürchtig emporschaut, sondern es sind nur zwei Zeugen. Sozusagen exemplarisch dargestellt. Wobei besonders auffällig ist, dass der eine sehnsüchtig der Gestalt des himmelstürmenden Christus nachschaut. Während der andere niederkniet, die Hände vor den Kopf schlägt. Also nichts sieht. Das ist das, was die Kunsthistoriker einen Komplementärkontrast nennen. Einer sieht, einer sieht nicht. Und so wird bildlich deutlich, dass das, was wir jetzt hier im Bild sehen, etwas ist, was man eigentlich doch nicht sehen kann. Das Wort Sehen in den biblischen Ostererzählungen steht für eine Erfahrung für die wir kein besseres Wort haben als Sehen. Aber es meint nicht das Augensehen. Und das ist durch diesen schönen Kontrast gut dargestellt. 

Eine Darstellung aus dem Echternacher Codex (11. Jahrhundert)

Dann machen wir in der Kunstgeschichte einen weiteren Schritt. Sie haben uns noch etwas aus dem 11. Jahrhundert mitgebracht. Das sieht natürlich jetzt schon ganz anders aus.

Das sieht ganz anders aus. Nicht mehr so realistisch. Das Blatt aus einem Codex, der in Echternach entstanden ist, in der Nähe von Trier, in Luxemburg, in einer großen Benediktiner Abtei. In der ersten Hälfte des 11. Jahrhundert großartige Buchmaler gewirkt haben. Da sieht man einen fast pyramidenartigen Aufbau, unten die Himmelfahrtsgemeinde, fast ein bisschen so wie sie der Text sie schildert. In der nächsten Stufe zwei Engel und dann sozusagen an der Spitze der Pyramide Christus halb in einem himmlischen Bereich. Und halb ragt er aber noch in diese irdische Wirklichkeit hinein. Also halb weg, halb verschwunden.

Also für mich so das Augenfälligste gegenüber der Reiderschen Tafel ist eben, dass der Jesus jetzt schwebt und nicht selbst steigt.

Die Kunsthistoriker haben natürlich für alles ja schöne Worte. Sie unterscheiden – ich darf einmal lateinisch sprechen - zwischen dem Ascensionstypus, also dem der selbstständig aufsteigt und dem Assumptionstypus, der der aufgenommen wird. Der also auf wunderbare Weise gehoben wird, schwebt. Und das ist eine solche Assumptionsdarstellung.

 

 Tafel vom Bad-Wildunger-Altar von Conrad von Soest (15. Jh.) 

Sie haben uns noch ein drittes Bild mitgebracht. Da ist jetzt das Besondere, dass Jesus noch eine Spur hinterlässt. 

Die Besonderheit ist zunächst mal auch, dass im 15.Jahrhundert der Maler Conrad von Soest schon auch wieder eine weitgehend realistische Darstellungsweise, perspektivisch-dreidimensional anlegt. Da sind kernige Gestalten unter den Aposteln unten, die Mutter Jesu mitten unter ihnen. Und der Himmel fahrende Christus ist maßstäblich viel viel kleiner dargestellt als die Apostel. So dass man perspektivisch erahnen kann: Er ist weiter weg, er entfernt sich von ihnen. Und gleichzeitig wendet sich dieser Himmel fahrende Christus den Menschen unten auf der Erde zu. Also eine Spannung zwischen sich entziehen und sich zuwenden, zwischen gehen und kommen. Wir feiern an Himmelfahrt nicht, dass Christus endlich weg ist. Er ist in einem andern Sein beim Vater, aber er ist gleichzeitig nah. Das zugleich auszudrücken, das hat Conrad von Soest versucht. Und – sie haben es erwähnt -  ein besonders schöner Einfall, der in einigen Bildern auch des späten Mittelalters gerne aufgegriffen wird: Christus hat auf dem Berg Fußspuren hinterlassen, ein Fußabdruck. Darüber kann man trefflich nachdenken. Ich denke, es soll zu allererst gezeigt werden, dass Jesus hier auf der Erde war, das ist an der Erde nicht spurlos vorübergegangen. Das hat sich eingeprägt. Dass Jesus da war, das kann man sehen. Das hat die Menschen und die Welt und die Erde verändert. Zugleich sind aber Fußspuren auch für den Christen eine Einladung. Geh in diesen Spuren weiter, also eine Einladung zu dem, was wir Nachfolge nennen. 

Also für mich jetzt ganz wichtig zusammengefasst die drei Bilder: Jesus war da, real existierend, er hat Spuren hinterlassen. Er ist  aufgestiegen oder emporgeschwebt und er ist aber, obwohl er weg ist, trotzdem noch ein Stück  da. In verschiedensten Weisen von den Künstlern dargestellt. Ich frag mal, wie ist das denn mit der heutigen Kunst, mit der modernen Kunst. Gibt es da auch Aspekte des Himmelfahrtsgeschehen, die wir dort entdecken können?

 

Tragedia civile von Jannis Kounellis (1975) 

Es gibt eine wunderbare Darstellung in Köln im Museum Kolumba, dem Erzdiözesan Museum. Eine Arbeit, die vor Goldgrund einen Garderobenständer aufgebaut hat. Da ist ein Hut noch zu sehen, eine Jacke hängt da. Etwas melancholisch, da ist jemand weg, aber er hat Spuren hinterlassen, dass er mal da war. Und wenn das noch alles an der Garderobe hängt, dann kann man auch denken, der kommt wieder. Also der Jannis Kounellis hat da etwas gemacht, was sozusagen sehr  genau den christlichen Horizont inszeniert ohne dass er das vielleicht beabsichtigt hat.

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