Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Wolf-Dieter Steinmann im Gespräch mit Christian Wolff, Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig

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 Steinmann:
„Pfingsten", das heißt schon in der Bibel:
Christen werden öffentlich. Christen haben eine Mission.
Christian Wolff ist immer in diesem Sinn öffentlich Christ und Pfarrer gewesen. Jahrgang 1949. Mit einer spannenden Biographie: Bis 1991 war er Pfarrer in Mannheim. Engagiert in der Friedensbewegung, wechselte dann 92 nach Leipzig und ist dort seither Pfarrer an der Thomaskirche, der Kirche J.S. Bachs. In einem atheistisch geprägten Umfeld. Für Kirche schwierig und spannend. Was überwiegt eigentlich

 Wolff:
Also ganz sicherlich ist es mehr spannend als schwierig. Natürlich ist die Aufgabe, Menschen zu trösten, zu stärken, zu Verantwortung zu rufen, Gewissen zu schärfen, keine leichte Aufgabe. Aber wir haben hier in Leipzig die Situation, dass nach der friedlichen Revolution auf der einen Seite ein relativ offenes Klima da ist: Die Menschen sind offen, sie suchen nach einem Werteraster, das ihnen hilft, ihr eigenes Leben zu bewältigen. Ich merke das auch im Taufunterricht für Erwachsene: So sehr sie Interesse haben am Kennenlernen des christlichen Glaubens so sehr sind sie aber auch distanziert gegenüber jeglicher Form einer Vereinnahmung Sie wollen weder über noch unter den Tisch gezogen werden. Sie wollen überzeugt werden und das heißt:
Meine Aufgabe ist, den christlichen Glauben, neu zu buchstabieren,  dass Menschen, die nicht in der Tradition groß geworden sind, davon überzeugt werden, dass sie sagen: ‚Das ist sinnvoll, mich zu diesem Glauben zu bekennen.'

Steinmann:
An welchen Punkten des Lebens wird das denn am ehesten möglich?
Wo sind die Lebenssituationen, an denen der christliche Glaube anschlussfähig ist?

Wolff
In den ersten 10 Jahren waren ja hier die Menschen sehr stark beschäftigt mit diesem radikalen Veränderungsprozess, der auch ganz tief ins persönliche Leben eingegriffen hat. Und da spielt natürlich die Kirche eine wesentliche Rolle als Gemeinschaft, die auch so die Verwerfungen des Lebens auffangen kann.
Ein anderer Punkt war, dass die Kirche nun öffentlich wirken könnte. Sie musste nun auch in einer entchristianisierten Gesellschaft neu ihren Standort finden und auch lernen, ihre Position zu formulieren
.

Steinmann
Wie hat da die politische Öffentlichkeit in Leipzig darauf reagiert?

Wolff
In den ersten Jahren war es relativ selbstverständlich, dass die Kirche sich auch weiterhin einmischt in die gesellschaftspolitische Debatte. In der Friedensfrage.
Jetzt sind wir in einer Situation, in der wir klare inhaltliche Positionen beziehen.

fotos > universitaetskirche.jpgDas ist insbesondere in der Auseinandersetzung um die Universitätskirche deutlich geworden. Ebenso bei der Frage, dass eine Rektorin einer Grundschule das Einüben des Chorals „Jesus bleibet meine Freude" in den Vorbereitungen der Thomaner verboten hat, weil da ja Jesus drin vorkommt und das sei Atheisten nicht zuzumuten. An der Stelle gab es nun eine Auseinandersetzung über Wochen: 'Ja, was erlaubt sich hier die Kirche, wir leben doch in einem weltanschaulich neutralen Land. Da kann es z.B. keine Kirche geben im Bereich der Universität.'

 Steinmann:
Und was sind Eure Positionen gegen eine so laizistische verstandenes Verhältnis von Kirche und Staat?

Wolff
Einmal dass es diese weltanschauliche Neutralität überhaupt nicht gibt. Auch nicht im Grundgesetz.
Aber die inhaltliche Frage ist ja viel wichtiger. Nämlich wie wichtig und notwendig es im universitären Bereich ist, dass wir eine lebendige Auseinandersetzung haben zwischen Glauben und Vernunft, Religion und Wissen und dass der wissenschaftliche Fortschritt auch vor allem die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft es erforderlich macht, dass wir diese Debatte führen und dass es dafür auch Räume geben muss.
fotos > kirchenfenster thomaskirche.jpgUnd die Tradition dieser Universität, die ja in der Thomaskirche gegründet worden ist, ist so, dass die 1968 von den Kommunisten gesprengte Universitätskirche immer ein Ort war, der akademisch und gottesdienstlich und musikalisch genutzt worden ist.
Wir müssen uns doch einfach auch fragen:
Woher kommt es, dass in den Chefetagen unserer Gesellschaft so viel Fehlleistungen auch sind, weil in der Ausbildung auch vernachlässigt wird eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundwerten unserer Gesellschaft und das ist ohne lebendige Auseinandersetzung mit den Grundwerten der jüdisch-christlichen Glaubenstradition nicht zu machen.

Steinmann:
Es geht nicht darum zu klerikalisieren?

Wolff:
Wir tragen etwas dazu bei, dass es politischer wird. Im Sinne, dass wir stärker über die Grundfragen unseres Zusammenlebens debattieren, dass wir diese schreckliche Verengung auf Finanzfragen überwinden: Wie wollen wir eigentlich zusammenleben?
Und im Übrigen sollten wir voller Selbstbewusstsein immer wieder darauf hinweisen: Städte ohne Kirchen sind nicht lebensfähig! Das haben 40 Jahre DDR gezeigt. Jeder Politiker, der in einer Kommune tätig ist, wird sehr schnell merken: Die verlässlichsten Partner für ihn sind die Kirchgemeinden. Denn nirgendwo wird so umfassend und verantwortlich das Leben in der Ganzheit gesehen.

Steinmann:
Wie sehen denn Bildungsprozesse bei Euch in der Kirchgemeinde aus, diese Lebensbildung wie gelingt das?

Wolff:
Wir haben einen musikalischen Bildungscampus „forum thomanum" gegründet, den wir um den Thomanerchor und die Thomasschule gruppieren und wir haben jetzt schon eine Kindertagesstätte mit 100 Plätzen und wir werden in diesem Jahr eine Grundschule gründen mit elementarer Musikpädagogik und sprachlich englisch und italienisch.

fotos > thomaner.jpg
Das ist etwas Wunderbares, dass wir also diesen Dreiklang "glauben- singen -lernen", dass wir den jetzt auch hier  in die Stadt kommunizieren. Und ich denke insgesamt für die Bildung ist dieser Dreiklang von größter Bedeutung. Aber wir wollen damit auch ausstrahlen auf die gesamte Bildung, dass wir sagen, ‚Leute denkt über diese drei Säulen nach: Ohne die geht's eigentlich nirgendwo.
Was ich hier entdeckt habe ist ein uraltes reformatorisches Thema, nämlich der enge Zusammenhang von Glauben und Bildung. Wir müssen in einer atheistisch geprägten Gesellschaft den Glauben so zu kommunizieren, dass er auch von einem Nichtchristen nachvollzogen und verstanden werden kann.

Steinmann:
Kannst Du ein Beispiel sagen, wie das dann aussehen könnte?

Wolff:
Ich habe an Himmelfahrt gepredigt und Himmelfahrt ist für mich das Thema ‚Globalisierung'. Der christliche Glaube ist der erste große Globalisierungsschub auf dieser Welt gewesen und nicht etwa Coca-Cola.
Als Christen haben wir eine Weltverantwortung. Wir haben aber gleichzeitig auch die Aufgabe, vor jeder Form von Verengung von Globalisierung auf die Finanzmärkte zu warnen und dem auch entgegen zu treten und wir haben uns immer wieder klar zu machen: Das kirchlich gebunden Wort für Globalisierung ist ‚Ökumene', nämlich das Zusammenleben auf dieser einen Erde.

Steinmann:
Von Leipzig aus in den Südwesten geguckt: Wie ist die Situation und die Aufgabe von Christen aus Deiner Sicht „drüben"?

Wolff:
Seit ich hier bin, bin ich der festen Überzeugung, dass wir in Westdeutschland ein Schuldbekenntnis sprechen müssen. Und zwar haben wir es zugelassen, dass die Menschen scharenweise der Kirche den Rücken gekehrt haben und wir haben weiter gemacht als ginge uns das nichts an. Haben nicht nur finanziell von der Substanz gelebt, sondern haben Mission -wenn überhaupt-, dann als eine Angelegenheit betrachtet für das evangelikale Lager. Und das ist ein sträfliches Manko.
Ich habe hier gelernt, es gibt kein Gesundschrumpfen, schrumpfen ist ein Krankheitsprozess. Deswegen ist für mich wichtig, dass wir werben für Mitgliedschaft in der Kirche, für aktive Beteiligung an einem wunderbaren Gesamtthema des Lebens, nämlich dem christlichen Glauben.
Meine Faustregel lautet so: Wir müssen fundamental und elementar von unserem Glauben reden ohne fundamentalistisch und banal zu werden. Ich sehe unter
80 % Nichtchristen mindestens 10 % die suchen. Wie oft kommt es vor, dass jemand in die Sprechstunde kommt, sich hinsetzt, seufzt und sagt: 'Dafür habe ich jetzt 2 Jahre gebraucht und dann den Wunsch hat, sich taufen zu lassen oder nach 30 Jahren, wieder in die Kirche einzutreten.
Da ist noch viel viel möglich grade auch unter den Jugendlichen. 12-14 jährige zu begleiten, ihnen die Grundlagen des Glaubens anzubieten, mit Kopf und Herz.
Und Eltern haben doch drei Ängste, was ihre Kinder angeht: dass sie kriminell werden, dass sie drogenabhängig werden und dass sie rechtsradikal denken. Alles drei widerspricht den Grundlagen des christlichen Glaubens. Also kann ich nur sagen: Wer diese Ängste hat: Schickt eure Kinder in den Konfirmandenunterricht. Wir können einen Beitrag dazu leisten, dass aus Kindern und Jugendlichen - ganz platt gesagt - was Anständiges wird.

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