Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Das Osterfest ist sperrig, und es erschließt sich in seiner Bedeutung keineswegs von allein. Der kirchlich-institutionelle Rahmen, der in früheren Zeiten noch dafür sorgte, dass Menschen relativ selbstverständlich Ostern feierten, bricht mehr und mehr weg. Aber entscheidender noch für die grassierende Sprachlosigkeit, wenn es um Ostern geht, dürfte sein, dass der Zweifel nagt. Ist denn eigentlich zu glauben ist, was angeblich zu glauben ist: Dass Gott sich im Kreuzestod Jesu mit der sündig gewordenen Menschheit versöhnt. Bis heute ist diese Interpretation verbreitet. Aber man darf fragen, ob die grassierende Sprachlosigkeit in Glaubensdingen nicht auch ihr gutes Recht hat: Ein Gott, der das Opfer seines Sohnes fordert, ist nicht zu glauben, weil er nicht akzeptabel ist. Er ist eben moralisch nicht akzeptabel. Dieses Deutungsmuster bricht mehr und mehr weg, und wo es wegbricht, entsteht eine Leerstelle.

Soll nach dem Abschied dieses Sühne fordernden Gottes noch geglaubt werden können, so ist neu nach dem Kern des christlichen Glaubens zu fragen. Und da muss, auch wenn heute Ostern ist, zuerst noch ein Blick auf Weihnachten fallen. Denn der Osterglaube steht und fällt mit dem Glauben an die Menschwerdung Gottes. Ist dem aber so, so taucht die alte Frage auf: Cur deus homo? Warum wurde Gott Mensch? Die Antwort lautet: Der ewige Gott nimmt Fleisch an und macht sich so, in einem Menschen, in einzigartiger Weise offenbar. Er offenbart sich, sein Wesen - wird in allem uns gleich, damit der Mensch ihn erfährt. Zu betonen ist: Wer dies glaubt, der geht ein Risiko ein. Denn ein Glaube kann wahr, er kann aber auch falsch sein. Christlich an Gott zu glauben meint dies aber: Gott ist Mensch geworden in Jesus von Nazareth. Nicht die Sühne steht aber im Zentrum des Glaubens. Vielmehr ist in der Logik des christlichen Glaubens Gott Mensch geworden, damit der Mensch endgültig wissen kann, wie Gott ist - und wichtiger noch: wer dieser Gott für uns sein will. Das alttestamentliche Volk Israel hatte sich bereits zu den entscheidenden Merkmalen Gottes durchgerungen: Gott ist barmherzig und will Gerechtigkeit in den hiesigen Verhältnissen. Keinen anderen als diesen Gott vertritt auch Jesus von Nazareth. Und als es zum Konflikt um die richtige Interpretation Gottes kommt, hält er den Kopf hin. Lieber lässt er sich für diesen Glauben umbringen, als dass er ausweicht. Bestialisch gequält, stirbt Jesus schließlich mit einem Verlassenheitsschrei auf den Lippen. Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen. Er stirbt in eine unendliche Fraglichkeit hinein. Ist da noch einer, der rettet? Antwortet endlich der, der sich auf dem Ölberg so entsetzlich ausgeschwiegen hatte? 

Ostern zu feiern bedeutet, daran zu glauben, dass Gott diesen so grauslich Hingerichteten nicht im Tod gelassen hat, sondern ihn zu einem neuen Leben auferweckt hat. Und Ostern zu feiern bedeutet, dass Gott damit ein Zeichen gesetzt hat: Dass in diesem Menschenschicksal unsere Erlösung geschehen ist. Damit ist freilich noch ein Gedanke vorausgesetzt. Im Glauben der Christinnen und Christen ist Jesus nicht nur einer der vielen Menschen, und er ist damit auch nicht nur ein Gescheiterter unter den vielen Gescheiterten, die im Ringen um die gute Sache oder auch im Ringen um den wahren Gott ihr Leben verloren. Auch hier ist das Risiko nicht zu verschweigen, wenn man dies glaubt - aber: Der christliche Glaube sagt, dass der Sohn Gottes selbst da war und Gottes vorbehaltloses Da-sein-wollen für alle Menschen konkret, konkret erfahrbar hat werden lassen. Gottes auferweckendes Handeln am Gekreuzigten bestätigt deshalb nicht nur die Praxis Jesu, sondern auch den Anspruch, den er mit seiner Person erhob. Freilich können wir auch nur dann sagen, dass Gott selbst handelnd in der Person Jesu tätig war, wenn dieser Glaube riskiert wird: Dass Jesus in einer einzigartigen Beziehung zu dem stand und steht, den wir alle als Vater anreden dürfen. Man kann die Rede von der Auferweckung Jesu entmythologisieren, sie als ihrer Entstehungszeit geschuldet den Archiven der Kulturgeschichte übergeben. Aber man muss wissen, was man tut. Denn worum es im Kern des Auferweckungsglaubens geht, ist doch: Es gibt eine Rettung der biographisch gewachsenen Identität des Menschen über den Tod hinaus gibt. 

Alle Aussagen über die Auferweckung Jesu gewinnen erst dann Bedeutung, wenn verständlich wird, was der hinter ihnen stehende Glaube mit dem ganz konkret gelebten Leben zu tun hat. Und da sind schwere Hypotheken zu bewältigen. Die Theologie hat über Jahrhunderte die Rede von der Erlösung praktisch ausschließlich als Erlösung von der Sünde konzipiert. Erlöse uns von dem Bösen. Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünde der Welt. Und doch ist gar nicht so ganz klar, wenn man nachfragt, was genau damit gemeint sein könnte. Die Frage lautet ja nicht nur, wie Erlösung geschieht - sondern: wovon genau wir erlöst werden sollen. Von einem urzeitlichen Sündenfall, der die gesamte Menschheit in einen einzigen Sündenpfuhl verstrickt hat? Ist das nicht der Mythos, der der Kritik unterzogen werden muss?

Sicherlich, die Rede von der Erlösung bezieht sich immer auch auf das Böse. Es ist ja die vielleicht unheimlichste Erfahrung, die den Menschen sein Leben lang begleitet, dass wir immer wieder tun, was wir eigentlich nicht tun wollen. Dann nagt die Schuld, wir schämen uns, und diese Scham belastet unser Leben. Soll sich diese Schuld nicht tief eingraben, verhärten, so bedarf es der Ermutigung, zu dieser Schuld stehen zu können - kein verurteilendes Wort, sondern ein aufrichtendes Wort braucht es: Wird es gesprochen, so können wir uns selbst von der lastenden Last der Schuld lösen. Jesus hat dies immer wieder praktiziert. Wo dies gelingt, da ereignet sich Auferstehung bereits im Leben. Aber braucht es Gott hierzu? Wenn ein Mensch aufrichtet, das erlösende Wort spricht, gilt dann nicht: Was gut ist, ist gut?

Aber es gibt noch eine andere, grundsätzlichere Erlösungsbedürftigkeit. Als Menschen können wir unser Leben gestalten, jedenfalls in Grenzen. Aber wir wissen, dass alles, auch das, was gelungen und was schön ist, von der verrinnenden Zeit bedroht ist. Sich bereits jetzt erlöst glauben zu dürfen bedeutet, sich durch diese Bedrohung nicht mehr verängstigen lassen zu müssen: Jetzt leben zu dürfen, das Leben gestalten zu können, sich am Leben zu erfreuen, ja es auch mit Lust zu genießen - und sich in diesem allen aufgehoben zu wissen in dem Gott, der das alles bewahren wird ... Dies ist eines der Zentren der österlichen Erfahrung. Und ein anderes Zentrum ist: Dass Gott da aufrichtend und versöhnend eingreifen wird, wo die menschlichen Möglichkeiten am Ende sind. Niemand vermag den Toten Gerechtigkeit zu verschaffen, die Tränen abzuwischen - außer ein Gott, der allmächtig ist: Ein Gott, der den Menschen in seiner Freiheit liebt und empfindsam mit ihm umgeht. Jesus hat diesen Gott gepredigt. Von seiner Auferweckung zu reden schließt auch ein, damit zu rechnen, dass Gott nichts unversucht lassen wird, als Kraft der Versöhnung tätig zu werden.

Aber immer noch ist die Frage zu klären, wodurch denn unsere Erlösung geschehen ist und geschieht. Nicht durch eine Sühneleistung. Sondern dadurch, dass Gott sich als der offenbar gemacht der, der er für uns sein will: Der bereits im Anfang der Schöpfung sein vorbehaltloses Ja zum Menschen gesprochen hat, der sich darauf verpflichtet hat, alles in seinen Möglichkeiten Stehende zu versuchen, um die ihm Ebenbildlichen nicht ins Nichts gehen zu lassen. Wir können nicht menschlich genug über Gott reden, weil er selbst Mensch geworden ist. Von daher verhält es sich zwischen ihm und uns auch so wie in einer menschlichen Freundschaft. Wenn ich einem Menschen vorbehaltlos lächelnd begegne, wird er sich daran erfreuen - gelöst von der Angst, verzweckt zu werden, am Ende doch nur für Interessen herhalten zu sollen. Es erwärmt ihn, löst ihn aus seiner Einsamkeit. Das Problem des Menschen ist, dass er immer von einem tiefen Misstrauen begleitet wird. Und - man muss realistisch bleiben: Es gibt die tiefe Neigung im Menschen, den anderen Menschen vor den Karren der eigenen Interessen zu spannen. Der Mensch ist wahrlich kein Unschuldslamm. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass die heimliche Sehnsucht eines jeden Menschen darin besteht, einfach sein zu dürfen und das auch gesagt zu bekommen: Es ist gut, dass Du da bist. Endgültig freilich kann das nur ein Gott sagen. Keine menschliche Möglichkeit vermag dieses Ja zu verwirklichen.

Die Botschaft des Auferweckungsglaubens lautet: Gott hat uns angelächelt, im und durch das Antlitz Jesu. Und selbst das Nein zu ihm hat Gott nicht davon abgehalten, an seinem Ja festzuhalten. Deshalb können wir befreit lächeln. Dass das Leben dadurch kein Zuckerschlecken wird, muss ich nicht betonen. Spätestens dann, wenn man sich vom Schicksal anderer Menschen berühren lässt, kann einem das Lächeln schnell vergehen. Aber: Wer glaubt, wer (noch) glauben kann, muss nicht verzweifeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8053