Manuskripte

27JUN2020
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Worte, schon x-mal gehört und auf einmal rühren sie einen an. Kennen Sie das?

Mir ist es neulich mit einem Kirchenlied so gegangen: „Wer nur den lieben Gott lässt walten…“. Ein älterer Herr hat es gesungen, stellvertretend für die Gemeinde, weil wir ja wegen Corona nicht singen durften.

Ich saß da mit all den trüben Gedanken, die man in dieser Zeit haben kann. Wie lange ich liebe Freunde schon nicht mehr gesehen habe. Wie es wohl den Enkeln geht, die immer zu Hause bleiben müssen. Dass ich nicht mal meinen Geburtstag würde feiern können.

Und da höre ich den Mann im Gottesdienst singen: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit“. Die Worte sind mehr als 350 Jahre alt. Aber es braucht keine Erklärung, um sie zu verstehen. „Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit“. Ja, genau das ist es, hab ich gedacht. Je mehr man sich selber leidtut, desto höher wird der Berg aus Kummer und Sorgen.

Man braucht keine lange Predigt, um zu verstehen, was Georg Neumark kurz nach dem 30jährigen Krieg gedichtet hat. In den Kriegswirren konnte er sich nur mühsam als Hauslehrer in Kiel über Wasser halten. Aber nach dem Krieg gelang es ihm, seine musikalische und literarische Begabung zu entfalten und er wurde schon zu seiner Zeit ein angesehener Mann. Kein Wunder, dass er in seinem bekanntesten Lied gedichtet hat: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn alle Zeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“

Es dauert. Man muss Geduld haben. Man muss manches aushalten und durchstehen. Aber Gott begleitet die, die auf ihn vertrauen. Er hilft und stützt, wenn das Leben schwierig wird.

Georg Neumark hat genau das erfahren. Und deshalb rät er allen, die schwere Zeiten erleben: „Sing, bet‘ und geh auf Gottes Wegen, verricht‘ das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht“.

Der alte Herr, der das Lied im Gottesdienst so schlicht und doch irgendwie kraftvoll gesungen hat, der sah so aus, als ob er schon manches erlebt hätte in seinem Leben. Und als ob dieses Lied ihn wieder aufgerichtet hätte. Genauso bin ich dann auch nach Hause gegangen: Aufgerichtet.

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25JUN2020
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„Wie soll das jetzt weitergehen?“ Die Frage höre ich oft, wenn irgendwas die eigenen Pläne stört. Wenn das Leben durcheinanderkommt: wie jetzt, durch eine Pandemie. Aber das gibt es ja auch sonst: eine Beziehung geht zu Ende, ein Kind kündigt sich an und war nicht geplant, der Arbeitsplatz gerät in Gefahr, ein Mensch stirbt unerwartet. Auf einmal sind alle Pläne Makulatur und man muss sich fragen: Und wie geht es jetzt weiter?

Die meisten Menschen möchten Sicherheit, möchten wissen wie es weitergeht. Nur keine Ungewissheiten. Ein Mann namens Jakobus, einer der ersten Christen, hat sie schon so beschrieben: „Ihr sagt, heute oder morgen wollen wir in diese oder jene Stadt reisen, … Geschäfte machen und Gewinne erzielen“ (Jak 4, 13).

Ich finde, heute kreisen die Pläne vieler Menschen um dieselben Dinge: Reisen und Geld verdienen. Reisen und Erfolg haben. Wenn diese Pläne in Gefahr geraten, dann werden Menschen unsicher. Und Unsicherheit ist schwer zu ertragen, wenn man Pläne hat. Wenn irgendwas die eigenen Pläne einschränkt, dann wird man wütend und protestiert oder man fühlt sich total hilflos.

Jakobus kennt das. Und er fragt: „Aber was ist denn euer Leben“? Reisen? Geld verdienen? Gewinn machen? Mir ist neulich aufgefallen, dass das Wort „Leben“ in seiner Aufzählung gar nicht vorkommt. Ist Reisen denn alles? Geld verdienen, Gewinn machen? Gibt es nicht mehr, was auch Leben sein könnte?

Das gute Gefühl zum Beispiel, etwas für andere zu bedeuten? Ich denke an den kleinen Jungen, der sich aufmachen wollte zum Bahnhof, um die Oma zu besuchen. Solche Liebe kann man für kein Geld kaufen. Was ist Leben? Die Erfahrung, dass ich etwas tun kann für andere? Ich denke an Pfleger und Pflegerinnen, aber auch an Politiker, die versuchen, anderen jetzt Zukunft zu ermöglichen? So, dass alle leben können. Oder an Vermieter, die ihre Wohnungen nicht zum Höchstpreis vermieten, sondern sich freuen, wenn eine Familie sich darin wohlfühlt. Ich denke an die Frau im 3. Stock in Kurzarbeit, die sicher genügend eigene Sorgen hat. Aber sie freut sich, dass sie Zeit hat für die Kinder aus dem 2. Stock.

Soll man also lieber gar nicht planen? Ich glaube nicht, dass Jakobus das gemeint hat. Das Leben planen, das ist schon wichtig. Aber dabei immer wieder fragen: Was ist denn mein Leben? Was soll mein Leben ausmachen?

Leben ist mehr als Reisen und Geld verdienen, mehr als Handel und Gewinn. Zu solchem Leben gebe Gott uns Phantasie und Kraft.

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24JUN2020
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Der Blick in den Spiegel ist nicht immer angenehm. Vor allem frühmorgens nicht, wenn die Haare verstrubbelt sind, die Augen noch klein und müde, und überhaupt tut einem alles weh. Manchmal möchte ich am liebsten den Spiegel im Bad abhängen, so deprimiert mich, was ich sehe.

Neulich habe ich so etwas Ähnliches meiner Schwiegertochter erzählt. Und die hat gesagt: „Aber Du sagst doch, dass Gott die Menschen gemacht hat. Findest Du das höflich, wenn der hören muss: ‚So ein Mist! Das ist aber nichts geworden!‘ -- Ich finde das unhöflich.“

Meine Schwiegertochter wollte nur einen Spaß machen. Aber mich hat das bewegt. Hat sie nicht recht? Ich bin oft unzufrieden. Mit mir. Mit meinem Leben. Aber unhöflich? Unhöflich bin ich eigentlich nicht und will ich auch nicht sein. Auch nicht zu Gott, meinem Schöpfer.

Also habe ich mich zur Höflichkeit gerufen. Gott hat mich doch bestimmt nicht hässlich gemacht und mein Leben nicht langweilig und missvergnügt und bitter gewollt. Ich habe ein bisschen gesucht und bald sind mir die anderen Dinge eingefallen – die schönen. Der Rosenstock auf meinem Balkon. Anfang Juni hat er über und über geblüht. Mein Lieblingsmensch: Wie schön sind die Ausflüge mit ihm. Der neue Kollege: Erst fand ich ihn ein bisschen schüchtern. Aber er ist klug und hat gute neue Ideen, die auch mich weiterbringen.

Ich könnte noch mehr aufzählen. Und mein Spiegelbild? Wenn ich beim Friseur war, bin ich eigentlich ganz zufrieden mit mir. Und wenn ich lache, dann strahlen die Falten und machen auch andere fröhlich. Natürlich, wie die Models in den Zeitschriften für ältere Frauen sehe ich nicht aus. Aber neulich auf dem Weg zur Arbeit hat mich eine Frau angesprochen, ich kannte sie gar nicht: „Sie sehen aber toll aus. Das steht ihnen, was Sie da anhaben!“ Ich habe damals gedacht – die spinnt ja, einen einfach so anzusprechen. -- Aber vielleicht war sie ja ein Engel? Eine Botin von Gott, der mich erinnern wollte: Ich habe dich schön gemacht. Eine Freude für andere. Vergiss das nicht!

Meine Schwiegertochter hat Recht. Es ist unhöflich, ein Geschöpf Gottes hässlich und misslungen zu finden. Und unhöflich will ich nicht sein. Also werde ich in Zukunft einmal öfter zum Friseur gehen. Ich arbeite diszipliniert an einem neuen Projekt, das mir Spaß macht. Ich bemühe mich, das Gute und Gelungene in meinem Leben zu sehen. Dann kann ich die anderen anlachen, damit meine Falten sie anstrahlen.

Zugegeben: Morgens, beim Blick in den Spiegel klappt das nicht immer. Aber nach dem Zähneputzen, Gymnastik und Duschen geht es schon besser.

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23JUN2020
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Joseph Pilates konnte nicht raus. Er war im 1. Weltkrieg als Deutscher in Großbritannien interniert. Anscheinend jahrelang eingesperrt. Keiner konnte wissen, wie lange das geht. In so einer Situation lassen viele sich gehen. Die Lage ist unsicher, man weiß nicht was kommt, es ist langweilig, es ist sowieso alles egal. Mit der Zeit nimmt man zu, man wird blass und träge.

Joseph Pilates und die anderen kamen lebendig, gesund und kräftig durch diese Zeit. Es wird behauptet, dass er und seine Mitgefangenen die große Grippepandemie von 1918 auch auf Grund ihrer guten körperlichen Konstitution überlebt haben.

Was Pilates dabei geholfen hat? Seine Erfahrung: „Veränderung erfolgt durch Bewegung und Bewegung heilt.“ In der Gefangenschaft hat er eine Trainingsmethode entwickelt, die heute sehr im Trend ist. An vielen Orten und im Internet gibt es Pilates-Kurse. Da kann man lernen, wie man durch einfache Übungen fit bleibt und beweglich – ohne Geräte und großen Aufwand.

Ich hatte schon viel von Pilates gehört. In meiner Zeitung gab es in den Wochen der Kontaktsperre jeden Tag eine Übung für zu Hause. Da habe ich auch diesen Grundsatz gelesen: „Veränderung erfolgt durch Bewegung und Bewegung heilt.“

Mich hat das an Jesus erinnert. Der hat ja auch zu den Kranken, denen er begegnet ist, gesagt: „Steh auf und geh!“ Einen haben sie zu ihm gebracht, der war gelähmt. Und Jesus hat wohl gespürt: Den bedrückt etwas, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Der hat sich im Grunde aufgegeben. „Steh auf und geh“, hat er dem Kranken gesagt. Nicht liegenbleiben und aushalten, würde ich heute sagen. Sondern aufstehen und gehen. Der Kranke damals hat es probiert. Wahrscheinlich ging es zuerst unsicher und wacklig. Aber es ging. Er ging. „Bewegung heilt“. Etwas Ähnliches erzählt die Bibel von einem Mann, der sein Leben in einer Heilanstalt zugebracht hat. Da lag er auf seiner Matte, ohne Aussicht auf Heilung. „Willst Du gesund werden?“ hat Jesus ihn gefragt. Und dann hat er ihn aufgefordert: „Steh auf, nimmt dein Bett und geh!“ Da hat sich der Mann aufgerappelt – und ging los. Bewegung heilt!

Natürlich weiß ich, dass das nicht immer so einfach ist. Nicht jede Krankheit kann man einfach mit ein paar Übungen kurieren. Aber man versumpft nicht in seiner Resignation. Bewegung bringt Veränderung. Vielleicht nur in kleinen Schritten. Vielleicht erstmal nur im Kopf. Aber es klappt. Bewegung heilt. Jesus hat das gewusst.

Seit ich jeden Morgen ein paar Übungen mache, erlebe ich. Es bewegt sich was.

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22JUN2020
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Sub Conditione Corona – unter den Bedingungen von Corona: nur so kann man im Augenblick irgendwas planen, hat mir neulich jemand gesagt. Ganz egal, ob Familienfest, Konzert, Urlaub oder berufliche Projekte: alles sub conditione corona. Man weiß ja nicht, was kommt. Eine zweite Welle der Infektion? Ein Medikament, ein Impfstoff sogar? Oder verschwindet der ganze Spuk, wie eine Grippewelle ja auch irgendwie verschwindet?

Wie kann man mit dieser Unsicherheit umgehen? Manche geben auf. Sie sagen: es hat ja keinen Sinn, etwas zu planen, ich warte mal ab und halte still. Das ist vielleicht die bequemste Lösung. Aber irgendwie versumpft man in der Resignation. Andere drängen ungeduldig auf immer weitere Lockerungen. Es ist höchste Zeit, dass das Leben wieder normal wird, sagen sie. Diese Unsicherheit ist ja nicht auszuhalten. Andere legen neue Termine fest, planen und haben Angst vor der Enttäuschung, dass sie doch wieder absagen müssen.

Aber: War das Leben nicht immer unsicher? Meine Eltern und Großeltern, die haben davon erzählt. Wie das ist, wenn einer aus der Familie in den Krieg ziehen muss und man nicht weiß, wann man sich wiedersieht und ob überhaupt. Wenn ein junger Mensch heute ein Startup gründet und nicht weiß, ob sein Geschäftsmodell tragfähig ist. Wie ist das, wenn man nicht weiß, ob es länger als ein paar Monate gut geht?

In biblischen Zeiten musste man erst recht mit dieser Unsicherheit rechnen. Jede Krankheit konnte alle Pläne durchkreuzen, die Willkür der Obrigkeit jedem Vorhaben einen Riegel vorschieben. Deshalb warnt Jakobus, ein Gemeindeleiter in jener Zeit: Ihr wisst nicht, was morgen sein wird. Deshalb sollt ihr sagen: Wenn Gott will werden wir leben und dies oder jenes tun (Jakobus 4, 15). Diese Einschränkung, die Jakobus gemacht hat, das ist die so genannte „Bedingung des Jakobus“. Wer früher gebildet war und Latein konnte, der hat gesagt: die conditio des Jakobus. Sub conditione Jacobaea.

Ist das Schicksalsglaube, also ein: Man kann ja nichts machen, es kommt, wie es kommen soll? Ich glaube nicht. Wer mit Gott rechnet, der rechnet auf seinen Beistand. Wer mit Gott rechnet, der vertraut darauf: Wie es auch kommt, Gott wird uns beistehen. Er kann uns helfen, unsere Pläne zu verwirklichen. Er kann aber auch helfen, mit Enttäuschungen und Misslingen zurecht zu kommen.

Ich finde, so kann man Pläne machen und Träume haben: das schöne Fest planen oder vom gemeinsamen Urlaub träumen. Denn auch wenn es anders kommt: Mit Gottes Hilfe werde ich einen neuen Weg finden.

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21JUN2020
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„Bis hierher hat mich Gott gebracht.“ So fängt ein bekanntes Kirchenlied an. Sie kennen das vielleicht. Mich erinnert es an den Hauptmann von Köpenick. In dem Film mit Heinz Rühmann singt das die Versammlung der „Zuchthäusler“, wie man damals gesagt hat, beim Gefängnisgottesdienst. „Bis hierher hat mich Gott gebracht.“ Ich musste darum bisher immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich das Lied singen sollte.

Vor ein paar Wochen habe ich es ganz neu gehört. Ein alter Mann hat es als Vorsänger im Gottesdienst gesungen, als wir zum ersten Mal wieder miteinander feiern konnten. „… bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit‘, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen“. Da habe ich nicht mehr an Heinz Rühmann gedacht, sondern an das schöne Wetter in den ersten schlimmen Corona-Wochen, an mein Enkelkind, das in diesen Wochen vorher geboren war, an die vielen Fotos und selbstgemalten Bilder von den anderen. Auf einmal hat mich das Lied ganz anders angerührt „bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen“.

Wieder zu Hause habe ich nach dem Dichter des Liedes geforscht – und rausgefunden: Es war eine Dichterin. Ämilie Juliane von Schwarzburg Rudolstadt. 1637 auf der Flucht vor den Schrecken des 30jährigen Krieges geboren. Mit 4 Jahren hat sie beide Eltern verloren. Ihre Patentante hat sie aufgenommen. Als sie 9 war ist ihr Pflegevater, von ihren eigenen beiden Kindern ist später eines noch als Säugling gestorben. Sicher war sie wohlhabend und lebte auf einem Schloss in Thüringen – aber ihr Leben war von Anfang an von Verlust und Tod umgeben. Trotzdem war ihre Erfahrung: „Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank für die erwies‘ne Treue…“

Sie hat sich auf Gottes Hilfe verlassen und genau deshalb hat sie auch nicht die Hände in den Schoß gelegt. Sie hat sich politisch und diakonisch für Ihre Mitmenschen eingesetzt. Vor allem für Frauen. Später hat diese Ämilie von Schwarzburg-Rudolstadt ein Trost-, Gebet- und Liederbuch für Frauen zu Ehe, Schwangerschaft und Geburt geschrieben. Die Arbeit der Hebammen hat sie gefördert. Sie hat allen weitergeben wollen: „durch Christi Blut hilft mir mein Gott, er hilft wie er geholfen“.

Mitten in der Corona-Zeit habe ich gemerkt, wie gut das tut: Wenn man auf das Gute schaut, das man bisher erlebt hat. Dann kann man auch die bösen Tage annehmen und hoffnungsvoll nach vorn schauen. Gott „hilft, wie er geholfen!“

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14JUN2020
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Ein Prozent der erwachsenen Deutschen besitzen fast ein Fünftel des Nettovermögens im Land – dagegen hat die ärmere Hälfte der Bevölkerung -- also 40 Millionen Menschen - nur gut ein Prozent des Vermögens. Diese ärmere Hälfte: Ich denke mir, dass sind unter anderem die, die für die ganze Familie nur einen PC haben. Daran machen die Eltern jetzt vielleicht Homeoffice. Und die Kinder haben keine Gelegenheit, beim Homeschooling dabei zu sein. Die Wohlhabenden dagegen, die können für jedes Kind einen eigenen PC kaufen. Die Lehrer wissen jetzt schon nicht, wie diese Unterschiede ausgeglichen werden sollen, die so entstehen.

In Jerusalem ungefähr im Jahr 35 soll das ganz anders gewesen sein. Lukas beschreibt in seiner Apostelgeschichte, wie es bei den ersten Christen zugegangen ist. In den evangelischen Gottesdiensten wird heute daran erinnert. Damals, schreibt Lukas, war die Gnade Gottes unter ihnen. Deshalb waren sie ein Herz und eine Seele und „es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte“ (Apg 4, 34). Denn, schreibt Lukas, wer Land oder Häuser hatte, der verkaufte seinen Besitz und sie gaben es denen, die es nötig hatten.

Wie schön! Denke ich mir, wenn es so war. Wie im Paradies. Wie schade, dass es damit inzwischen längst vorbei ist.

Aber dann erinnere ich mich: Gleich im nächsten Kapitel seiner Apostelgeschichte schreibt Lukas von einem Ehepaar, das zum Teilen nicht bereit war und seinen Besitz versteckt hat. Im übernächsten Kapitel schreibt er von den ausländischen Gemeindegliedern, die klagten, weil ihre Bedürftigen zu kurz kamen. Man hat das dann besser organisiert. Ein paar Jahre später, als es mehr Christen gab, hat der Apostel Paulus für die Bedürftigen um Spenden gebeten. Die Welt der jungen Christenheit war auch damals nicht das Paradies. Wenn man möchte, dass niemandem etwas fehlt, dann muss man das organisieren. Von allein klappt das nicht mit dem Teilen. Menschen sind keine Engel.

Aber wäre es nicht gut, wenn die Kinder der Ärmeren mitmachen könnten beim Homeschooling? Wenn die Künstler und Gastwirte ein Auskommen finden könnten, jetzt in der Krise, und nicht nur die Aktionäre eine Dividende bekämen?

Ich glaube, das muss man organisieren. Vielleicht das Steuersystem ändern, damit man die Kinder besser ausstatten kann, wenn die Eltern sich das nicht leisten können. Das ist eine Gnade, wenn das klappt, hat Lukas geschrieben. Wenn die Starken und Reichen verstehen, dass sie dafür etwas tun können. Dann hätten wir vielleicht auch im Jahr 2020 keine Spaltung in unserem Land, sondern wären ein Herz und eine Seele.

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„Deutschlands großer Rückfall“, SZ online, 7.10.2019

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11JUN2020
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An Fronleichnam macht sogar Gott einen Ausflug. So, wie viele an diesem Tag unterwegs sein werden, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Hoffentlich ist das Wetter überall so schön und sommerlich, wie es dafür sein sollte.

In katholischen Gegenden kann man neben den Wanderern und Radfahrern auch Gott dabei beobachten, wie er unterwegs ist. Damit alle aufmerksam werden, tragen die Priester die goldene Monstranz mit dem Abendmahlsbrot durch die Straßen. Vom Abendmahlsbrot hatte Jesus, der Gottessohn, ja gesagt: Das ist mein Leib. Wer also das Abendmahlsbrot durch die Straßen und über die Felder trägt, der trägt Gott selbst ins Freie – jedenfalls symbolisch.

Und Gott ist nicht allein unterwegs. Normalerweise jedenfalls. In diesem Jahr dürfen ihn wegen Corona allerdings nur höchstens 100 Menschen begleiten. Da werden sich die Gemeinden vielleicht etwas Neues überlegt haben. „In normalen“ Jahren aber wird Gott von vielen in einer prächtigen Prozession begleitet. Priester und MinistrantInnen tragen ihre schönsten Gewänder, meistens wird ein goldener Baldachin über der Monstranz getragen. Die Menschen haben ihre Sonntagskleider angezogen, Musik ist dabei, ein Posaunenchor oder der Musikverein, die Gläubigen singen. Häuser und Gärten an den Straßen sind geschmückt. Zuschauer stehen da und manche schwenken Fähnchen. Gott soll sehen, wie schön die Welt im Frühsommer ist und wie fröhlich die Menschen sind. Er hat die Welt geschaffen, glauben wir Christen alle. Und wenn man sie herausputzt und gut pflegt, dann kann man viel besser erkennen, wie gut er sie geschaffen hat. ‚Danke, Gott, dass Du es so gut mit uns meinst‘. Dieses Gefühl stellt sich ein, bei so einer Prozession an Fronleichnam – auch wenn ich als evangelische Pfarrerin nur am Straßenrand zuschaue.

Ich bin sicher, Gott sieht, wieviel Mühe sich die Menschen an diesem Tag geben, um die Welt so schön wie möglich zu machen. Aber ich glaube, man kann Gott nichts vormachen. Er sieht auch den Kummer. Er sieht die Einsamkeit vieler in diesen Zeiten, in denen man Abstand halten muss. Er sieht, wie einsam sich manche fühlen. Er sieht die Sorgen, die viele haben, weil sie nicht wissen, wie sie aus dieser Krise wieder herauskommen sollen.

Gott sieht das alles auch, glaube ich. Und deshalb ist es gut, wenn auch wir Menschen genau hinschauen. Sicher, für manche fühlt sich diese Zeit ein bisschen wie Urlaub an. Entschleunigt und weniger Stress. Aber es gibt so viele, die Hilfe brauchen. Gerade an so schönen Tagen wie heute sollten wir deshalb fragen: Wem können wir wie helfen? Damit die Menschen merken, dass Gott wirklich mitten unter uns ist und keinen übersieht.

Es gab eine Zeit, da war Gott sichtbar unter seinen Menschen. Persönlich sozusagen. Damals als Jesus unterwegs war. Von ihm hat Gott gesagt: „Dies ist mein lieber Sohn!“. Und Jesus hat das bestätigt: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“

Sein Gefolge waren die Jünger und Jüngerinnen, die mit ihm durchs Land gezogen sind. Dieses Gefolge war sicher nicht so prächtig, wie es normalerweise die Fronleichnamsprozessionen sind. Aber beeindruckend und Aufsehen erregend war es anscheinend trotzdem.

Jesus hat gezeigt, wie Gott ist. Aber ganz anders, als die Menschen sich das vorgestellt haben. Nicht himmelhoch und allmächtig, sondern ganz nah bei den Menschen. Einer von ihnen eben. So konnte er auf seinem Weg die Welt sehen, wie sie ist: Nicht immer aufgeräumt und mit Blumen geschmückt, sondern oft auch sehr alltäglich, mit Kummer und Sorgen und Leid.

Jesus hat gesehen, was los war mit den Menschen. Und er hat Wege gefunden, ihnen zu helfen. Ein Fischer namens Simon zum Beispiel, der ganz verzagt war, weil er nicht mehr genug fangen und deshalb nicht mehr genug verdienen konnte für seine Familie. Dem hat er geraten: Probier es anders. Probier etwas Neues. Auch wenn du zuerst meinst, so kann das nicht gehen. Versuch es! Und als Simon es versucht, da hat er einen großen Fang gemacht.

Oder die Frau, die ganz krumm geworden war im Laufe ihres Lebens. Wer weiß, welche Lasten sie getragen hatte. Jetzt war sie verzagt und mutlos und sah nur noch sich selbst und wie nutzlos sie war. So sehr war sie gebeugt. Keiner hat sich mehr um sie gekümmert. Aber Jesus hat sie gesehen. Und er hat sie angesprochen. Da konnte sie sich wieder aufrichten. Aufschauen. Dass Leben sehen, das noch vor ihr lag. Es gab noch Möglichkeiten, auch für sie.

Durch Jesus hat Gott sich den Menschen zugewendet – so, dass sie es sehen, hören und spüren konnten. Und Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger ausgeschickt, dass sie es genauso machen: dass sie sehen, wer Hilfe braucht. Dass sie den Menschen zuhören, ihre Sorgen begreifen. Und helfen, wo es möglich ist. Dass sie auch sehen, wo die Natur Hilfe braucht, damit sie schön bleiben kann.

Ich glaube, so ist Gott auch heute noch unterwegs. Mit und in allen, die aus seinem Geist leben. Man kann ihn allerdings nicht sehen. Aber wahrnehmen kann man ihn schon, wenn Menschen einander beistehen und einander das Leben leichter machen.

Gott ist unterwegs in seiner Welt. Auch heute. Gut, dass uns die Fronleichnamsprozessionen daran erinnern.

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06JUN2020
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Was kommt nach der Krise? Manche sagen: Dann wird alles besser. Die Welt wird sich positiv verändern. Sie reden von weniger Verkehr und Schonung der Natur, von Entschleunigung im Stress des Lebens und Konzentration auf das Wesentliche. Diese Krise ist die Chance, zu wachsen. Das kommt mir vor wie der Spruch, den meine Söhne vom Fußballtraining mitgebracht haben: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“

Wer im Haus am Stadtrand mit Garten die Krisenzeit verbringt, der kann leicht so reden. Zwischen Hygge-Couch und Homeoffice hat man Zeit, sich auf seine Möglichkeiten jenseits der alltäglichen Hektik zu besinnen.

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!“ Dieser Spruch stammt von Friedrich Nietzsche, der das in seiner Götzendämmerung (1889) geschrieben hat. Da, wo er die vermeintlichen Götzen des Glaubens und der Moral verteufelt und die Selbstoptimierung der Herrenmenschen gepriesen hat.

Gott, an den wir Christen glauben, der zeigt allerdings etwas anderes. Jesus zum Beispiel, der stand einmal einer großen Menschenmenge gegenüber. Sie alle hatten Hunger. Und Jesus hat nicht gesagt: Daran könnt ihr jetzt wachsen! Fastet und betet, damit ihr bessere Menschen werdet. Nein! Jesus hat seinen Nachfolgern gesagt: „Gebt ihnen zu essen“. Und hat seinen ratlosen Jüngern gezeigt, was in so einer Krise möglich ist. „Schaut genau hin, was ihr habt – und teilt.“ Dann werden alle satt. Dann können alle diese Krise überstehen.

Genau hinschauen, was möglich ist und solidarisch teilen – das ist es, was man in einer Krise auch lernen kann. Das wäre ein Wachstum, von dem alle profitieren. So könnte die Welt wirklich eine andere, eine bessere werden. Das hat Jesus gezeigt, im Namen Gottes, der kein Götze ist, sondern ein mitfühlender, menschenfreundlicher Gott.

Vom Wachstum in der Krise zu reden, das ist leicht, wenn man keine materiellen Sorgen haben muss. Aber mit 3 Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, mit Kurzarbeit und Homeschooling –da können auch alle Beteiligten schweren Schaden nehmen.

Ich glaube, wenn unsere Welt wachsen soll an dieser Krise, dann ist genau das nötig, was Jesus empfohlen hat: Genau hinschauen: auf die, die weniger privilegiert sind als ich und auf die Möglichkeiten, die es gibt. Die Möglichkeit, an dieser Krise zu wachsen ist Solidarität. Solidarität mit denen, die keine eigenen Ressourcen haben. Der Streit um den Pflegebonus, der so vollmundig versprochen wurde und den jetzt keiner wirklich bezahlen will, der zeigt, wie schwer das ist.

Solidarität wird uns allen aus der Krise helfen. Wenn das gelingt, dann werden wir wachsen.

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31MAI2020
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Begeisterung wirkt manchmal befremdlich, wenn man selber nicht zu den Begeisterten gehört. Beim Fußball, -ohne Corona- wenn wildfremde Männer einander umarmen und jubeln und in ihre Tröten blasen. Wenn Kinder etwas erlebt haben und einem dringend davon erzählen wollen. Alles geht durcheinander, die Stimmen überschlagen sich, man versteht erst einmal kein Wort. Man möchte sagen: „Nun bleibt mal auf dem Teppich“. Aber man ahnt doch: Da ist etwas Großartiges passiert.

So etwas ähnliches gab es anscheinend unter den ersten Christen (Apg 2, 1-21). Heute, an Pfingsten, 50 Tage nach Ostern, wird in den Kirchen daran erinnert.

120 waren damals beieinander und haben gefeiert erzählt die Bibel. Das Schawuoth-Fest, eine Mischung aus Erntefest und Dankfest für die Gabe der 10 Gebote. Das war sicher eine fröhliche Sache. Und da geschah es dann. Die Menschen gerieten außer sich vor Freude über Gottes Gaben. Feuer und Wind, hat man später erzählt, kamen über sie. Befeuert hat sie der Geist Gottes, wie ein Sturm hat er sie in Bewegung gebracht. Damals wussten sie: Gott zeigt sich in Wind und Feuer. Die Menschen waren begeistert, vor Freude ging alles durcheinander, alle redeten durcheinander von ihrer Freude. Und die das beobachtet haben, die haben gesehen: die sind ja ganz aus dem Häuschen. Die sind begeistert. Begeistert von Gott.

Aber wie das so ist: Man ahnt, was die Begeisterten bewegt. Aber dann kommt es einem doch merkwürdig vor und irgendwie übertrieben. So war das damals auch: „Nun kommt mal wieder runter“, haben die Beobachter gesagt, „ihr seid ja betrunken“. Soll ja vorkommen, dass man vor lauter Begeisterung kein Maß mehr kennt.

Da tritt Petrus auf, der Anführer der ersten Christen. Petrus, der sich auskennt mit Feuer und Wind und den Erscheinungsformen Gottes. Petrus, der sich auch auskennt mit den Heiligen Schriften. „Die sind nicht betrunken“, sagt er, „die sind begeistert“. Gottes Geist hat sie ergriffen. Erinnert euch doch – die Propheten, die Gottesmänner früher, die haben vorhergesagt, dass das so kommen wird. „Wenn die neue Zeit anfängt, dann wird Gott seinen Geist auf die Menschen ausgießen. Dann werden sie begeistert sein und sagen und tun was nötig ist, damit die Welt anders wird.“

Wir Christen glauben, das war die Geburtsstunde der weltweiten Christenheit. Die wenigen Menschen von damals – die waren so begeistert und haben andere mit ihrer Begeisterung angesteckt. Viel Gutes ist in der Folge passiert. Manchmal denke ich: Solche Begeisterung, die fehlt uns Christen heute. Es könnte sich mehr bewegen in der Welt.

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