Manuskripte

„Warum“ fragen Menschen, die vom Unglück verfolgt werden. Warum passiert das alles gerade mir?
Und wer an Gott glaubt, fragt auch: Warum schickt mir Gott solches Unglück? Ich glaube, das ist besonders bitter, wenn jemand so denken muss. Gerade, wenn es schlimm kommt, fühlt er sich auch noch von Gott verlassen.

Hiob war so ein Mensch. Ein frommer Mensch, erzählt die Bibel. Aber das hat ihn nicht vor großem Unglück bewahrt. Die Hiobsbotschaften, die über ihn kommen, sind bis heute sprichwörtlich. Erst verliert er seinen Besitz, dann seine Kinder. Und am Ende– wird er selbst schwer krank. Dann sitzt er da, klagt und will sich nicht trösten lassen. „Ich bin doch nur ein unbedeutender kleiner Mensch“, klagt er. „Warum ziehst du mich vor dein Gericht?“ (Hiob 14, 1-3) Hiob fragt also: Womit habe ich das verdient, Gott? Ich habe doch nichts Böses getan.

Mir fällt auf: Er beklagt sich nicht bei anderen. Hiob klagt Gott direkt an. „Warum ziehst du mich vor dein Gericht?“ Sein Bild von Gott gerät ins Wanken. Ist er vielleicht gar nicht so lieb, wie ich geglaubt hatte? Ist er eher unberechenbar und grausam?

Solche Fragen werden im biblischen Buch über Hiob 42 Kapitel lang diskutiert. Wahrscheinlich war das ein gelehrter, weiser Mann, der Hiobs Gespräche mit seinen Freunden aufgeschrieben hat. Sie kommen zu keinem Ergebnis. Gott ist unbegreiflich, heißt es am Schluss. Er lässt sich nicht von Menschen auf irgendein Handeln festlegen.

Ist das ein Schluss ohne Hoffnung für Menschen, die Unglück trifft? Vielleicht doch nicht. Heute wird in den evangelischen Gottesdiensten über einen Abschnitt aus dem Hiobbuch gepredigt, den ich anders verstehe. Da äußert Hiob nämlich seine Hoffnung. Vielleicht hat er die bisher noch nicht gesehen, weil er doch so gern gelebt hat. „Ach,“ klagt er, „Wird denn ein toter Mensch wieder leben?“ und dann träumt er: „Ich würde gern warten bis zu dem Tag, an dem du mich wieder holtest!“ und was hofft Hiob für diesen Tag? „Dann würdest du rufen und ich dir antworten. Du hättest Sehnsucht nach deinem Werk – nach mir!“ (Hiob 14, 15) Was für eine große Hoffnung: Gott hat Sehnsucht nach mir. Ich bin für ihn wichtig!

„Wenn ich gestorben bin, dann wirst du mich rufen und ich kann neu leben“. Ist das die letzte Hoffnung eines Verzweifelten? Wenn das Leben ganz und gar hoffnungslos scheint, dann bleibt nur noch das? Vielleicht ist es ja doch mehr. Als Jesus gestorben ist – auch er hatte geklagt: „Warum hast du mich verlassen, Gott?“ – da hat Gott ihn auferweckt. Neues Leben beginnt nach dem Tod. Das ist eine Hoffnung, wissen kann ich es nicht. Aber ich hoffe, ich kann daran festhalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29777

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht„ (1. Mose 8, 22). So gibt die Bibel Gottes Versprechen an die Menschheit wieder. Eine große Flut war über die Menschen gekommen als Folge ihres unmäßigen, zerstörerischen Lebens. Nur ein paar wenige sind damals davongekommen, erzählt die Bibel. Und denen verspricht Gott: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Mit diesem Versprechen beginnt die Menschheitsgeschichte neu. Bis heute verlassen sich Juden und Christen darauf. In den evangelischen Gottesdiensten wird heute darüber gepredigt.

Ich gebe zu: Es gab und gibt Katastrophen, Tsunamis und Vulkanausbrüche, Überschwemmungen und Waldbrände, und vor allem schreckliche Kriege. Millionen sind seither umgekommen. Haben sich gegenseitig umgebracht. Aber nie ist die Erde insgesamt in Gefahr gewesen. Immer ist die Sonne wieder aufgegangen, Und immer gab es wieder Ernten und das Leben ging weiter. Trotz allem.

Ich möchte das auch heute den Weltuntergangspropheten entgegenhalten, die meinen: Es hat doch keinen Sinn sich einzusetzen zum Beispiel für die Bewahrung der Schöpfung, für gesunde Luft, organischen Ackerbau und artgerechte Tierhaltung und faire Preise für die Erzeuger. So wie der Mann, die mir neulich geschrieben hat: „Kaufen wir also einfach die teureren Bio-Lebensmittel“, stand in seiner Mail – „aber wer garantiert uns dann, dass auch mehr bei den Bauern ankommt? Die größere Gewinnspanne landet doch beim Handel. Da müssten wir also direkt beim Bauern kaufen. Das aber - wenn jetzt jeder zum Hofladen kutschiert - macht die Ökobilanz auch ganz schnell kaputt. Es ist nicht so einfach, wie Sie uns weismachen wollen.“

Und das ist wohl wahr, finde ich. Einfach ist es nicht, wenn die Welt ein guter, lebenswerter Ort bleiben soll. Aber es kann ja auch nicht sein, dass wir sagen: Es ist zu schwierig. Man kann nichts machen, also lassen wir es.

Ich denke, man muss anfangen, da wo es geht. Und am besten geht es, wenn jeder bei sich selbst anfängt. Je schwieriger etwas scheint, umso stärker muss die Zuversicht werden, dass es sinnvoll ist, sich ins Zeug zu legen. Genau das macht Gott, erzählt die Bibel. Er stärkt die Zuversicht.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Ich muss gar nicht die Welt retten. Für ihren Bestand sorgt Gott. Aber ich kann tun, was mir möglich ist, damit sie ein guter Ort für alle bleibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29673

Ordnungen schaffen stabile Verhältnisse. Dafür sind sie da. Die Straßenverkehrsordnung zum Beispiel. Wenn alle sich daranhalten und aufmerksam sind, gibt es weniger Unfälle. Hausordnungen wohl auch. Wenn alle ihre Fahrräder da abstellen, wo sie hingehören, wenn alle in der Mittagszeit wenig Lärm machen – dann klappt es besser mit der Hausgemeinschaft. So gesehen sind Ordnungen etwas Gutes. Sie gelten für alle, das scheint gerecht. Man weiß, wo man dran ist und woran man sich halten kann – und muss.

Aber es gibt Situationen, da machen Ordnungen einem das Leben schwer. Kinder zum Beispiel oder ältere Menschen haben es oft schwer, sich an Ordnungen zu halten. Ordnungen können nämlich Menschen auch sehr bedrücken und das Leben einengen, wenn es sich gerade regen will.

So ist es einem Mann gegangen, der gerade erst wieder auf die Beine gekommen war. Die Bibel erzählt seine Geschichte (Joh 5, 1-16), heute wird in den evangelischen Gottesdiensten darüber gepredigt.

Ein Leben lang konnte der Mann nicht gehen. Und Jesus hat ihn geheilt. Aber kaum steht er auf seinen wackligen Beinen, seine Liege unter dem Arm und will das Leben ausprobieren, da kommen die Ordnungsfanatiker und sofort kriegt er wieder auf die Mütze. Es war nämlich Feiertag, als der Mann gesund geworden ist. Und die Leute sagen ihm: „Arbeiten ist heute verboten! Du darfst dein Bett nicht herumtragen!“ Schon wieder weisen sie ihn zurecht. Machen Druck mit ihrer Ordnung. . Schon wieder kriegt der Mann das Gefühl: Ich kann es ihnen nicht recht machen. So einen wie mich wollen sie nicht. Als ich krank war, hat sich keiner um mich gekümmert. Und jetzt denken sie, ich bringe ihre Ordnung durcheinander. Die Ordnung ist ihnen wichtiger als ich.

Wie das wohl ist für einen, der noch wacklig auf den Beinen ist? Wie das wohl ist für eine Mutter mit kleinen Kindern, die Lärm machen und Dreiräder und Fahrräder nicht gleich aufräumen? Natürlich sind Ordnungen wichtig. Im Straßenverkehr müssen sich auch Kinder daranhalten, dass man nicht bei Rot über die Straße gehen kann.

Aber kann man nicht überlegen, wo Ordnungen den Menschen nützen und wo sie das Leben eher schwer machen? Ordnungen sollen dem Leben Halt geben, aber sie sollen es nicht verhindern und vermiesen. Sie sollen das Miteinander leichter machen – für alle. Es wäre gut, glaube ich, wenn wir das berücksichtigen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29671

Wenn man viel Arbeit hat, dann drückt das die Stimmung. Die Arbeit steht wie ein Berg vor einem und man bekommt Angst. Wie soll ich da drüber kommen. Das schaffe ich ja nie. Man wird auch wütend: Wer mutet mir so einen Druck zu?

Wenn man viel Arbeit hat, dann kriegt man schlechte Laune. Und die schlechte Laune breitet sich aus unter den Kollegen. Man fängt an zu schimpfen: Und in der Familie spüren sie das auch, wenn man überlastet ist und schlechte Laune hat.

Das alles werden Sie kennen. Und ich kenne das auch. Mit schlechter Laune kriegt man aber nichts Richtiges mehr zustande. Was kann da helfen?

Vor langer Zeit hat ein weiser Mann gesagt: „Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, der ist eine Gabe Gottes“. (Sprüche 3,13) Das ist in den Weisheitssprüchen der Bibel  festgehalten und es hat mich richtig getroffen. Ein Mensch, der gute Laune hat, ist eine Gabe Gottes! Es ist Gottes Geschenk für die Kollegen, wenn einer nicht jammernd und klagend von seiner Müdigkeit erzählt und von den Zumutungen, sondern von dem schönen Wochenende und von dem Projekt, das jetzt fertig ist und gut gelungen. Wenn einer oder eine sagt: Ach, zusammen schaffen wir schon, statt zu klagen: „Aber ohne mich!“ Der oder die ist eine Gabe Gottes! Solche Menschen braucht Gott, damit wir etwas voranbringen.

Ist das eine Sache der Veranlagung, ob man ein Mensch mit „gutem Mut“ ist? Ich glaube, man kann auch etwas dafür tun. So, wie man etwas für seine körperliche Fitness tun kann, so kann man auch etwas für den „guten Mut tun.

Unsere Assistentin in Stuttgart sagt immer: „Nicht sitzen bleiben und jammern. Einfach mal anfangen mit der Arbeit, dann wird der Berg schon kleiner!“

Das ist vielleicht ein ganz guter erster Tipp. Was kann man noch tun? Essen und trinken. Gemeinsam mit anderen wenn möglich. Feierabend machen. Nicht immerzu schaffen, schon gar nicht am Wochenende. Sonntag. Dieser freie Tag – der gibt einem das Gefühl von Freiheit. Das macht Gute Laune. Und meine Erfahrung ist: Nach so einer Pause geht es hinterher viel besser.

Und dann, natürlich: Es hebt die Stimmung, wenn man zusammenarbeiten und einander unterstützen kann. Es ist nicht Schwäche, die um Hilfe bittet, sondern Stärke. Und auf einmal merkt man: Es geht. Wir schaffen das. Das macht dann – man glaubt es kaum – gute Laune.

„Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, der ist eine gute Gabe Gottes“. Ich kenne solche Menschen, Gott sei Dank. Sie Hoffentlich auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29595

„Kein Mensch kann die Zunge bändigen. Sie ist ein rastloses Übel voll tödlichen Gifts.“ (Jak 3,8) Das hat ein Gemeindeleiter an die Christenheit im ersten Jahrhundert geschrieben. Anscheinend hatten sie schon damals Probleme mit der Kommunikation. Jakobus hatte klar erkannt : Mit bösen Worten kann man eine Gemeinschaft zerstören, genauso wie mit Lügen und Verleumdungen.

Die Zunge – ein Übel voll mit tödlichem Gift. Damals war die Zunge das wichtigste Werkzeug, mit dem sich Menschen verständigen konnten. Heute haben die sozialen Medien diese Rolle übernommen. Twitter, whatsapp und facebook – damit kann man blitzschnell Aufmerksamkeit erlangen und sich verständlich machen. Und auch die stecken tatsächlich voll mit tödlichem Gift.

Zwei Beispiele aus der letzten Zeit haben mich erschreckt. Die Politikerin Renate Künast ist immer wieder übelst beleidigt worden. Ich mag heute Morgen nicht wiederholen, wie übel man sie beschimpft hat. Ein Gericht hat jetzt entschieden, das sei zwar geschmacklos und eine drastische Beleidigung. Aber als Meinungsäußerung müsse Frau Kienast das hinnehmen. Das andere Beispiel ist Greta Thunberg. Als hysterische Göre wird sie beschimpft und einer hat gefragt: „warum geht sie nicht einfach sterben?“.

Stellen sie sich mal vor, das würde jemand an ihrem Arbeitsplatz zu Ihnen sagen oder auf facebook über Sie schreiben. Wie würden Sie reagieren? Ich wäre wahrscheinlich verletzt und wie gelähmt von diesem tödlichen Gift. Und müsste mich dafür dann wahrscheinlich wieder beschimpfen und lächerlich machen lassen.

Tödliches Gift. In den sozialen Netzen werden Menschen beleidigt und niedergemacht. So wird die Atmosphäre in unserem Land vergiftet. Kein Wunder, wenn irgendwer dann auf die Idee kommt, in die Tat umzusetzen, was zuerst nur gewalttätige Worte waren.

Was kann man tun? Jener Jakobus aus dem ersten Jahrhundert hat es auf den Punkt gebracht, finde ich. Er hat geschrieben: „Wenn ihr bitteren Neid und Eigennutz in euren Herzen tragt, dann sollt ihr euch deswegen nicht auch noch für überlegen halten und die Wahrheit damit verdrehen.“ (Jak 3, 14) Gegen solchen Neid bittet Jakobus um Weisheit für die Menschen. Weisheit, schreibt er, kommt von Gott. Und sie ist vor allem anderen auf Frieden bedacht. Deshalb ist sie gütig und sanft, unparteiisch und aufrichtig. 

Solche Weisheit könnte vielleicht helfen, wenn wir es mit dem tödlichen Gift der sozialen Medien zu tun haben. Wenn man sich selbst nicht hinreißen lässt – ich hoffe immer noch, dass das auch die anderen beruhigt. Und die Kommunikation entgiftet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29594

Manchmal sind wir ganz schön widersprüchlich. Wir Verbraucher von Nahrungsmitteln. Gesund soll es sein, was wir essen und trinken, klar. Aber billig auch. Dass das oft nur schwer zusammen geht, das wollen wir nicht wahrhaben.

Stattdessen schimpfen viele auf die Landwirte, die zuviel Pflanzenschutzmittel verwenden und ihre Tiere nicht artgerecht halten. Aber dass das mit unserer knickrigen Art beim Einkaufen zu tun hat, das will keiner hören. Die Bauern wollen auch leben, natürlich: Sie bekommen von den Discountern und Supermarktketten zu wenig für ihre Produkte, deshalb müssen sie immer schneller, immer mehr produzieren.

Ihre Produkte sind im Laden dann billig: In Deutschland ist der Anteil vom Einkommen, den Menschen für Nahrungsmittel ausgeben, am geringsten. Überall sonst in Europa muss man mehr für Lebensmittel ausgeben, habe ich gelesen. Nur bei uns im wohlhabenden Deutschland, da wollen wir so wenig wie möglich zahlen, ausgerechnet für Lebensmittel.

Ähnliche Interessenkonflikte gab es schon im alten Rom unter den Christen. Auch da gab es zwei Gruppen mit unterschiedlichen Interessen. Die hat der Apostel Paulus erinnert: „Keiner von uns lebt nur für sich selbst…denn wenn wir leben, haben wir nur einen Maßstab: ob Christus zu unserem Leben ja sagen kann.“ (Rö 14, 7f, Übersetzung Jörg Zink)

Das klingt erstmal wie eine Allerweltsweisheit: Keiner von uns lebt nur für sich selbst. Das gilt heute erst recht, meine ich. In unserer modernen Gesellschaft hängt vieles miteinander zusammen. Wie und was ich einkaufe und zu welchem Preis, das hängt mit dem zusammen, was die Landwirte verdienen können und wie sie produzieren. Und wie die Landwirte produzieren, das beeinflusst natürlich die Qualität meiner Nahrungsmittel.

Für die einen und für die anderen aber gilt: „Kann Jesus Christus dazu Ja sagen?“ Das hat jedenfalls Paulus damals den Christen zu bedenken gegeben und ich finde, auch das gilt heute noch. Für Jesus stand nie das Geld an erster Stelle, für ihn war wichtig, dass alle leben können. Gut leben können.

Natürlich sollen die Landwirte mehr darauf achten, wie sie wirtschaften und ihre Tiere halten. Aber sie können das nur, wenn wir Verbraucher ihnen die teureren Produkte auch abkaufen. Das können sich dann aber nicht alle leisten, sagen Sie? Und ich als Pfarrerin hätte da leicht reden? Das mag ja sein. Aber manchmal denke ich: Wenn alle, die es sich leisten können, die teureren Bioprodukte kaufen, dann wäre schon viel erreicht. Für die Verbraucher und für die Landwirte auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29593

Wie halten Sie es mit den Engeln? In Deutschland glauben ja mehr Menschen an Engel als an Gott. Das hat eine Umfrage vor ein paar Jahren ergeben. Und wenn Eltern ihren Kindern einen Wunsch bei der Taufe mitgeben wollen, dann ist das oft: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten…“ Das ist eine schöne Vorstellung, dass ein Engel das Kind vor Gefahren behütet. Auf alten Gemälden kann man diese Vorstellung oft sehen: Blonde Engel in weißen Gewändern, die Kinder  vor einem Abgrund zurückhalten oder über eine schadhafte Brücke führen.

Es gibt aber auch Menschen, die sagen: „Das sind doch Märchen. Reiner Aberglaube. Eine Sache nur für Kinder, wie Weihnachtsmann und Osterhase.“

Ich glaube nicht, dass Engel bloß Märchenfiguren sind und auch kein Aberglaube. Die Bibel jedenfalls erzählt davon, dass auch Erwachsene Erfahrungen mit Engeln machen können..  Als die befreiten israelitischen Sklaven auf dem Weg sind in eine neue Heimat, da verspricht Gott: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Weg und dich an den Ort bringe, den ich bestimmt habe“ (2. Mose 23, 20) Ich glaube allerdings nicht, dass damals die Vorstellung war, das eine blondlockige Frau mit Flügeln den Zug der Auswanderer anführt. Von Engeln ist die Rede, das wohl. Aber es gibt ganz verschiedene Angaben darüber, wie die Engel aussehen.

Sicher, nach der Weihnachtsgeschichte könnte man denken, Engel fliegen am Himmel wie Vögel. Zu Abraham aber kommen einfach drei Männer zu Besuch mit einer ungewöhnlichen Ankündigung. Abraham hätte sich wahrscheinlich sehr gewundert, wenn die Flügel gehabt hätten. Erst später  auf Gemälden haben sie welche. Und in einer anderen Geschichte findet der junge Tobit  auf seiner gefährlichen Reise einen Begleiter, der aussieht wie ein anderer Reisender. Auch davon erzählt die Bibel, aber später heißt es, der fremde Begleiter sei ein Engel gewesen.

Wo habe ich Engel erfahren? Ich denke bis heute manchmal an die Frau, die den Anstoß dazu gegeben hat, dass ich Rundfunkpfarrerin geworden bin. Ich denke an den Busfahrer, der meinen Sohn mitgenommen hat und getröstet, als der sein Fahrgeld verloren hatte. Ich denke an die indigene bitterarme Familie in den Anden, die den anderen Sohn aufgenommen hat, als er dort im Schneesturm mit dem Fahrrad unterwegs war. Für mich waren das Engel. Es müssen ja nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.

Ich vertraue darauf, dass Gott solche Engel schickt, wenn es nötig ist. Das macht mich ruhiger und ich kann die besser gehen lassen, die mir am Herzen liegen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29592

„Oma stirbt bald!“ Mein Enkel hat mich neulich daran erinnert. Aus heiterem Himmel gewissermaßen. Wir waren auf dem Spielplatz, er war rutschen und schaukeln. Da kommt er auf einmal angelaufen, schaut mich prüfend an und dann kam es: „Oma stirbt bald. Oma ist alt!“ Mein Sohn hat mich dann aufgeklärt. Aus dem Kindergarten hat der Kleine das Thema Sterben mitgebracht. Alle Menschen müssen sterben und sind dann nicht mehr da, haben sie dort gesagt. Da hat er sich Sorgen gemacht um seine Eltern. „Stirbst du auch, Papa?“ hat er ganz ängstlich gefragt. Und der Papa hat geantwortet: „Nein, ich sterbe nicht. Alte Leute sterben.“ Das war dem Jungen wohl auf dem Spielplatz wieder eingefallen und auf einmal war ihm klar: „Oma stirbt bald!“

Für ihn war das offensichtlich beruhigend. So musste er doch keine Angst haben um Mama und Papa. Das fand nun wieder ich gut und überhaupt finde ich es gut, ab und zu daran zu denken: Das Leben ist nicht unendlich. „Oma stirbt bald!“ Zwar bin ich nicht ernsthaft krank, auch nicht gebrechlich. Es wird hoffentlich noch eine Weile dauern, bis es soweit ist. Aber ich bin grau geworden und älter und Oma - und der Tod kommt näher, zweifellos.

Ich finde es gut, das ab und zu in den Blick zu nehmen. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden!“ (Ps 90,2) heißt es in einem Gebet in der Bibel. Und genau das ist meine Erfahrung. Es macht einen klug, ab und zu daran zu denken, dass die Restlebenszeit kürzer wird. Das motiviert einen, zu fragen, was sollte jetzt eigentlich noch kommen und zwar möglichst bald, weil die Zeit drängt. Sich an den Tod zu erinnern kommt dem Leben zugute. Eine Nachbarin, seit knapp 2 Jahren Witwe, ist mit einem netten Witwer zusammengezogen: „Auf was sollen wir denn noch warten?“, sagt sie. Recht hat sie, finde ich. Sie ist in meinem Alter und wir haben nicht mehr unbegrenzt Zeit.

Daran zu denken, hat mich auch ermutigt, meine Vorsorgeverfügung und die Patientenverfügung zu erneuern. Das sollte man alle paar Jahre machen. Dabei habe ich dann auch gleich noch mit meinen Kindern gesprochen. Jetzt wissen sie, wie ich über das Sterben denke. Vorher haben sie es höchstens vermutet. Ich sehe dem, was kommt, deshalb gelassener entgegen. Die Kinder werden dafür sorgen, dass es mir so gut wie möglich geht. Wir haben besprochen, wie das sein könnte.

Vor allem aber: „Oma stirbt bald!“ hat mich erinnert: Jetzt will ich das Leben genießen. Mit den Enkeln auf dem Spielplatz, mit Freundinnen im Konzert, mit meiner Zeitung auf dem Balkon. Ich freue mich auf das, was noch kommt – und später kann Oma dann hoffentlich dankbar sterben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29591

In der Kirche geht es demokratisch zu, ob Sie’s glauben oder nicht. Da gilt nicht nur, was der Bischof sagt oder die Pfarrerin oder der Pfarrer. In unserer evangelischen Kirche gilt: „Ältestenkreis bzw. Kirchengemeinderat und Pfarrerinnen und Pfarrer leiten gemeinsam die Gemeinde“. Gemeinsam. Das heißt, sie müssen gemeinsam beraten, was geschehen soll, jeder und jede kann Vorschläge einbringen und man muss Kompromisse schließen. So ist das in der Demokratie.

Und auch der Bischof kann nicht machen, was er will. Die Landessynode ist die gesetzgebende Versammlung der Kirchenleitung. Die Abgeordneten werden ebenfalls von den Kirchenmitgliedern direkt oder indirekt gewählt. Was in der Synode beschlossen wird, daran ist der Oberkirchenrat und ist der Bischof gebunden.

In der Kirche geht es demokratisch zu. Nach evangelischem Verständnis ist die Kirche ja nicht vor allem der Klerus, sondern „die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium gepredigt und die Sakramente gereicht werden“ (Augsburger Bekenntnis, Art 7) So haben die Reformatoren das im Augsburger Bekenntnis formuliert. Alle Gläubigen zusammen sind Kirche – deshalb ist jeder und jede ab 14 wahlberechtigt.

Wahlen gibt es in der Kirche alle sechs Jahre. In diesem Jahr ist es am 1. Advent wieder soweit. Wenn Sie evangelisch sind, können Sie sich informieren. Es wird Kandidatenvorstellungen geben und in ihrem Gemeindebrief wird auch informiert werden. Ich bitte Sie schon heute, wenn Sie evangelisch sind:  Machen Sie von ihrem Recht Gebrauch, mitzureden und Kirche mit zu gestalten.

Wählen ist ganz einfach: die Unterlagen bekommen sie zugeschickt, die können sie zur Briefwahl zurückschicken oder am 1. Advent in ihrem Gemeindehaus in die Urne werfen.

Ich finde es wichtig für alle, dass es demokratisch in der Kirche zugeht. Nicht nur für mich als Christin. Da bin ich natürlich froh, wenn viele mitentscheiden, wann der Sonntagsgottesdienst beginnen soll, ob in ihrer Gemeinde ein Versuch mit modernerer Musik gemacht werden soll, und mitüberlegen, wie man die Jugendarbeit auffrischen kann oder den Kindergottesdienst. Aber ich finde die Kirche auch wichtig für die Kommune. Soll ein kirchlicher Kindergarten gebaut werden, oder soll sich die Kirche lieber in der Altenarbeit engagieren oder im Hospiz? Gut, dass das nicht einer oder eine allein entscheiden muss.

Ich selbst war schon zweimal ehrenamtlich im Kirchengemeinderat und kann sagen: Es macht Arbeit, klar. Aber man kann auch was erreichen. Das ist schön.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29590

So eine! Ausgerechnet so eine braucht Gott für seine Geschichte mit der Welt. Eine Hure. Eine Prostituierte! Man glaubt es nicht. Rahab hieß die Frau. Ihre Geschichte hat sich vor ungefähr 3000 Jahren ereignet. Und bis heute wird sie erzählt und an diesem Sonntag wird in den evangelischen Kirchen darüber gepredigt.

Sex sells, sagen jetzt sicher manche. Die Geschichte einer Prostituierten, das hören die Leute gern. Aber ich glaube, das spielt für die Bibel nur am Rande eine Rolle. Eigentlich geht es um etwas anderes.

Rahabs Geschichte ist voller Brüche. Helles und Dunkles, Gut und Böse liegen ganz nah beieinander. Eigentlich gar nicht zu trennen. Was für die einen an ihr gut ist, das ist für andere böse. So ist das Leben.

Rahab lebte in Jericho. Dort hat sie ihr Gewerbe ausgeübt, in einem Haus direkt an der Stadtmauer. Eines Tages kamen zwei Männer zu ihr. Eigentlich Kundschafter, sie hatten den Auftrag  herausfinden, wie ein feindliches Heer die Stadt am besten einnehmen könnte. Warum sie als erstes bei der Prostituierten eingekehrt sind, das gehört zu den bemerkenswerten Einzelheiten der Geschichte.

Schnell wurde in der Stadt bekannt, dass die Männer bei ihr waren. Wer weiß, was ihnen geblüht hätte. Aber als man sie holen wollte, hat Rahab sie versteckt und später an einem Seil die Stadtmauer hinabgelassen, sodass sie sich in Sicherheit bringen konnten. Das war gut für die beiden Männer. Aber was war mit der Sicherheit der Stadt? Dafür haben die Männer Rahab und ihrer Familie Schonung versprochen, wenn die Stadt wirklich eingenommen würde. Das war gut für Rahab – aber was war mit der Stadt?

Einige Zeit später wurde die Stadt dann wirklich erobert und geplündert. Ich bezweifle, dass die Kundschafter bei ihrem Besuch bei der Prostituierten dafür Wichtiges erfahren haben. Trotzdem: Hat sie nicht ihre Stadt verraten, weil sie die Kundschafter nicht ausgeliefert hat? War es nicht eigensüchtig, dass sie nur an ihre Familie gedacht und die gerettet hat?

Eine Geschichte wie das Leben selbst. Fragwürdig und anfechtbar . Mir sagt sie trotzdem etwas.
Erstens: Auch eine einzelne kann viel ausrichten, sogar eine Frau wie Rahab -- wenn sie sich nicht verunsichern lässt und besonnen handelt.
Und zweitens: Wo in der Bibel der Stammbaum von Jesus aufgezählt wird, da kommt Rahab vor. Als eine von vier Frauen unter vielen Männern. Mir sagt das: Gott braucht auch die, die nicht immer alles richtig machen. Auch die müssen sich nicht verstecken. Schon gar nicht vor ihm. Sie können eine Menge Gutes erreichen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29586