Manuskripte

08FEB2020
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Neulich habe ich mit meiner kleinen Enkeltochter Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Dabei habe ich gehofft, dass ich nicht gewinne. Denn es ist viel schöner zu sehen wie sie sich über den Sieg freut, als selber zu gewinnen.

Eine Witwe in unserer Gemeinde hat bei einer Tombola den Hauptgewinn gezogen, eine Reise nach Österreich. Und wir konnten ihr aus vollem Herzen sagen: Das freut uns so für dich.

Der Satz: Ich freue mich für dich, ist ein großer Schatz. Er vermehrt die Freude in unserem Leben durch das Glück anderer. Schade, dass man ihn so selten hört.

Der Volksmund sagt: Vorfreude ist die schönste Freude. Aber ist die Mitfreude nicht noch größer? Unmittelbar teilzuhaben an der Freude eines anderen.

Nicht umsonst heißt es in der Bibel: Freut euch mit den Fröhlichen.Aber warum fällt uns das oft nicht leicht.

Wir haben 18 Jahre im Rheinland gelebt. Und dort gibt es die Redensart: Mer muss och jönne ko?nne. Übersetzt für alle Nichtrheinländer: Man muss auch gönnen können.

Ja mit dem Gönnen ist das nicht immer leicht. Es will schon gekonnt sein. Wenn es dem anderen besser geht als mir, dann muss ich erst mal schlucken. Womit hat er das verdient, worüber ich mich auch gefreut hätte. Dann kommt leicht Neid auf oder sogar Missgunst, das Gegenteil von gönnen.

Solange der andere weniger hat oder es ihm schlechter geht, fällt das Gönnen leicht. Dann kann ich großherzig sein und freue mich mit ihm oder ihr über ein kleines Glück oder einen Erfolg.

Es hängt also viel davon ab wie ich mich selbst wahrnehme. Wenn ich begreife, wieviel Gutes ich habe, wie reich ich gesegnet bin, dann kann ich mich leichter mit anderen freuen, wenn ihnen Gutes widerfährt oder ihnen etwas gelingt.

Es lohnt einen neuen Blick einzuüben. Den Blick für die Fülle meines Lebens, statt den Blick, der nur den Mangel sieht. Der Mangelblick sieht nur, was ich nicht habe, was mir vermeintlich mangelt. Der Fülleblick nimmt wahr, wie reich mein Leben gefüllt ist mit Gutem: liebe Menschen, Gesundheit, warme Wohnung, Essen, Reisen usw.

Je bewusster und dankbarerer ich auf das Gute in meinem Leben schaue, umso leichter kann ich mich über das Gute des Nächsten mitfreuen. Und damit wiederum mache ich mein Leben reicher. Reicher an Freude. Und darauf will ich nicht verzichten!

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07FEB2020
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„Da bin ich nicht gut getroffen“. Dass sagen viele, wenn ihnen ein Foto von sich gezeigt wird. Mit ihrem eigenen Aussehen sind viele nicht zufrieden und deshalb auch nicht mit dem Foto von sich. Und das Bild, das wir von uns selbst haben, ist nicht leicht zu verändern. Zumal wir diese Sicht ja oft schon in der Kindheit übernommen haben. Irgendetwas hat sich da eingeprägt und man wird es nicht mehr los.

Ich habe mal gehört: Als eine Frau nach einer Schönheitsoperation den Verband von ihrem Gesicht abgenommen bekam war ihre erste Reaktion gegenüber dem Arzt: Sie haben ja überhaupt nichts verändert. Diese Frau hat nicht die neue Realität gesehen, sondern nur das, was sie schon immer gesehen hat. Sie war auf ihr negatives Selbstbild fixiert.

Auf der anderen Seite wundere ich mich über manche Partnerwahl. Was hat er oder sie bloß an dieser Person gesehen? Mir fällt es dann schwer, die entsprechende Schönheit zu entdecken. Macht Liebe blind oder macht Liebe den andern schön? Ich denke beides ist möglich. Liebe kann im Geliebten Schönheit sehen, die andere nicht erkennen.

Wenn sich jemand selbst nicht schön findet, fehlt es dann vielleicht an Liebe zu sich selbst?
Nun möchte wohl niemand umgeben sein von selbstverliebten, eingebildeten Zeitgenossen. Aber wer unzufrieden mit sich selbst ist, verbreitet auch nicht gerade eine gute Stimmung.

Wie kommt man da in ein gesundes Gleichgewicht? Ich glaube: Selbstliebe ist nichts Unchristliches. Schließlich war es Jesus, der gesagt hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Am leichtesten fällt die Liebe zu sich selbst, wenn man sich geliebt weiß. Wenn ich einem lieben Menschen viel bedeute, wertet das mein Leben stark auf.

Und wenn ich Gott unendlich viel bedeute, kann das eine noch stärkere Wirkung haben.

Jeder Mensch bedeutet Gott unendlich viel. Soviel, dass er zur Kontaktaufnahme Jesus Christus geschickt hat. Die Kontaktanzeige findet sich in der Bibel, wo es heißt: Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.

Diesen Kontakt kann man aufnehmen, indem man sich im Gebet an Jesus wendet.
Wenn ich ihm sage, was mich beschäftigt, trete ich in Kontakt mit ihm. Und wer sich ihm so anvertraut, kann überrascht werden von der Liebe Gottes.

Gott vergibt und verurteilt nicht. Er versteht und verachtet niemanden. Er macht einen Neuanfang möglich und nagelt einen nicht auf das Alte fest. Wer sich so von Gott geliebt weiß, kann in den Spiegel schauen und sagen: Ich bin schön, denn Gott mag mich so.

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06FEB2020
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Es gibt ein Weihnachtsgeschenk, das mich jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert begleitet. Kein Schmuckstück nur ein Stück Papier, aber dessen Inhalt hat sich in meinem Kopf und in meinem Herzen festgesetzt. Auf dem Gabentisch lag damals ein Kuvert. Zunächst vermutete ich natürlich Geldscheine darin. Aber als ich ihn geöffnet hatte hielt ich einen schlichten Zettel in der Hand. Darauf stand: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Was hatte es damit auf sich?
Es war der Losungsspruch für den Tag meiner Geburt.

Seit knapp drei Jahrhunderten wird für jeden Tag des Jahres ein Bibelwort ausgelost. Zusammengestellt in einem Büchlein kann man die sogenannten Losungen dann für das jeweilige Jahr kaufen. Christen auf der ganzen Welt starten so mit diesem Impulsvers in den Tag. Meine Mutter hatte sich nun erkundigt, welcher Vers am Tag meiner Geburt dort stand. Und das war genau dieser Satz aus dem Psalm 139: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin.

Was macht das mit einem Heranwachsenden, der sich noch mit Selbstzweifeln herumschlägt und sich oft unsicher und ungenügend fühlt? Nun, ich habe angefangen mich selbst anders zu sehen. Ich habe mir erlaubt diese Sicht von König David zu übernehmen. Dieser bedeutendste König Israels ist nämlich der Verfasser des Psalms 139.

Seitdem denke ich mir. Auch wenn ich weder zum Model tauge noch zum König, bin ich doch in Gottes Augen auch wunderbar gemacht. Jeder Mensch ist ein Wunder. Und wer ein Neugeborenes bestaunen kann, bekommt leicht eine Ahnung davon.

Aber wenn jemand eine Niederlage erlebt oder verletzt wird, dann verliert er leicht aus dem Blick, dass er oder sie etwas Besonderes ist. Gerade wenn jemand sich unzulänglich fühlt. Vor seinen eigenen Ansprüchen oder denen anderer, gerade dann ist es hilfreich sich wieder bewusst zu machen. Unabhängig von meinem Aussehen, meiner Intelligenz oder Sportlichkeit bin ich ein Unikat Gottes. Das gibt meinem Leben Bedeutung und ein gesundes Selbstbewusstsein. Ich weiß, Gott bin ich wichtig.

Jetzt habe ich von mir geredet. Aber wie wäre es, wenn sie auch die Sicht von König David für ihr Leben übernehmen und sagen würden: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Dann könnte ein neues Licht auf ihr Leben fallen. Vielleicht schon heute.

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16NOV2019
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Unsere Enkeltochter ist vor zwei Monaten in die Schule gekommen. Nach der ersten Woche Unterricht ist sie nach Hause gekommen und hat mitgeteilt: Ich habe eine neue Freundin. „Und wie heißt die?“, haben wir gefragt. Als sie dann den Namen ihrer Klassenlehrerin genannt hat, haben wir uns erst mal gewundert und dann gefreut.

Was für ein Start, wenn die Erstklässlerin ihre Lehrerin so schätzt, dass sie sie als ihre Freundin bezeichnet. Wie offen und bereitwillig wird sie bei dieser Lehrerin lernen.

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke war es auch so, dass die Vorliebe für ein Fach oft damit zusammengehangen hat, ob ich den Lehrer oder die Lehrerin gemocht habe. Selbst im Studium haben wir Vorlesungen nicht nur nach Inhaltlichen Gesichtspunkten gewählt, sondern danach, wie interessant die Professoren waren.

Bildung geschieht eben vor allem durch Vorbilder.

Natürlich braucht man auch Bildungseinrichtungen, damit das funktioniert: Kindergärten, Schulen, Universitäten. Der Bildungsstand in unserem Land hat im Wesentlichen zwei Säulen, auf denen er sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Das waren einmal die Klöster des Mittelalters, aus denen die ersten Universitäten hervorgegangen sind. Zum anderen war es als Folge der Reformation das öffentliche Schulwesen. Nachdem Luther die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt hatte, sollte sie auch jeder lesen können. Und damit die Leute lesen konnten, drängte er darauf, dass überall Schulen gegründet wurden, nicht nur für die Kinder reicher Leute, sondern für alle.

Aber in allen Einrichtungen sind immer die Persönlichkeiten entscheidend. Gute Vorbilder wecken Eifer und Motivation, lassen einen mit Freude und erwartungsvoll an die Arbeit gehen. 

Und ich finde, jeder ist in irgendeiner Weise Vorbild, ob als Lehrer oder Vorgesetzter, ob als Vater oder als Mutter. Und damit stehen wir auch in einer entsprechenden Verantwortung.

Welche Menschen achten heute erwartungsvoll auf mich, orientieren sich an mir?

Die müssen mich nicht gleich als ihren neuen Freund bezeichnen wie meine Enkelin ihre Lehrerin. Aber wenn ich für sie eine positive Herausforderung war, wenn ich einen ermutigenden Anstoß geben konnte, dann hat sich der Tag gelohnt. Solch einen Tag wünsche ich ihnen jedenfalls heute auch.

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15NOV2019
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Heute können sie den Klimawandel stoppen. Nicht für die ganze Welt, aber in Ihrer Welt. Dort wo, sie leben. Ich meine nicht den meteorologischen Klimawandel. 

Ich meine den gesellschaftlichen Klimawandel. Auch das Klima der Menschen untereinander ändert sich, finde ich. Es sind schädliche sprachliche Emissionen, die das Klima vergiften: Lästern zum Beispiel, Gerüchte, Fakenews oder Hasstiraden.

Etliche Zeitungen z.B. haben in ihrer Onlineausgabe die Kommentarfunktion eingestellt. Grund ist die nicht mehr zu bewältigende Zahl von beleidigenden Äußerungen, die gelöscht werden müssen.

Ähnliche Probleme im Umgang der Menschen untereinander hat es wohl schon immer gegeben. In einem Brief, der in der Bibel aufbewahrt ist, lese ich (Eph4, 29):

Redet nicht schlecht voneinander, sondern habt ein gutes Wort für jeden, der es braucht. Was ihr sagt, soll hilfreich und ermutigend sein, eine Wohltat für alle. 

Der Briefschreiber hat um die Wirkung giftiger Worte gewusst, wenn schlecht über andere geredet wird. Sein Ziel ist aber nicht nur, giftige Worte zu verhindern, sondern stattdessen heilsame Worte hervorzubringen. Jeder übt mit seinen Worten einen großen Einfluss aus, den wir oft unterschätzen. 

Die Menschenwürde halten wir hoch und können sie doch gleichzeitig so leicht mit Worten verletzen.

Aber statt das Miteinander durch unsere Worte zu gefährden, können wir es ja durch unsere Worte auch fördern.

Jeder nimmt jeden Tag auf seine Weise Einfluss auf die Atmosphäre zu Hause, in der Nachbarschaft und in der Firma, wo wir ja sogar vom Betriebsklima sprechen.

Wie lässt sich da der Klimawandel, wie lassen sich die schädlichen sprachlichen Emissionen stoppen? Der nötige Klimaschutz besteht nicht nur in der Vermeidung giftiger Worte. Er ist zutiefst eine Frage der inneren Haltung, der Einstellung zu den Menschen um uns herum. Wenn mir jemand viel bedeutet, werde ich ihn nicht niedermachen. Vielmehr werde ich ihn eher aufbauen, ermutigen. So wie wir es mit Kindern tun, wenn ihnen etwas misslungen ist. Je nachdem also wie ich den anderen sehe werde ich mit ihm und über ihn reden. Als Christ glaube ich, dass jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt ist. Das gilt auch für die, die mir das Leben schwer machen. Auch die besitzen ihre einzigartige Bedeutung und Würde als Geschöpfe Gottes. Wenn ich aus diesem Blickwinkel die Menschen um mich herum betrachte, gewinne ich eine neue Grundhaltung, die sich auch in der Wortwahl ausdrückt.

Daher ist es nicht übertrieben, dass sie heute den zwischenmenschlichen Klimawandel nicht nur stoppen können, sie können sogar das Klima verbessern. 

Dazu wünsche ich ihnen einen heiteren Tag unter Gottes Segen.

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14NOV2019
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Heute vor 79 Jahren hat die deutsche Luftwaffe verheerende Bombenangriffe auf die englische Stadt Coventry geflogen. Dabei sind über 4000 Häuser zerstört und über 500 Menschen getötet worden. Von der Kathedrale ist nur eine Ruine stehen geblieben. In die Restmauer hat der Domprobst spontan die Worte meißeln lassen: FATHER FORGIVE – Vater vergib.

Damit war etwas in Stein gemeißelt, was weltweit Kreise ziehen sollte, auch wenn es lange dauerte. 

Vergebung: In meiner Stadt Pforzheim habe ich erlebt, dass das wirklich möglich ist:

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges ist Pforzheim von englischen Bombern völlig zerstört worden. Drei Wochen später folgte ein Racheakt, der allem Kriegsrecht widersprach. Die Nazis haben hier fünf englische Fliegeroffiziere, die man gefangen genommen hatte, ermorden lassen. Für die Tat hatten sie Hitlerjungen angestiftet. Jahrzehnte war das Verbrechen vor Ort ein Tabu geblieben.

Nach 38 Jahren begann aber doch die Versöhnungsarbeit. Pforzheimer haben in England Kontakt gesucht zu Angehörigen der ermordeten Fliegeroffiziere. Und zu einem Gedenkgottesdienst ist tatsächlich Marjorie Frost gekommen, die Witwe des ermordeten Harold Frost. Gegen Ende des Gottesdienstes ist ein alter Mann in Tränen ausgebrochen und bekannte: Ich war einer von den Hitlerjungen. Und die Reaktion von Marjorie Frost? Sie wollte den Mörder ihres Mannes kennenlernen und sagte: Ich trage ihm nichts nach. Möge er inneren Frieden finden.

Für mich hat sie damit umgesetzt, was dort in Coventry in Stein gemeißelt ist : Vater vergib.

Und ich finde: So kann Frieden werden, wenn Menschen im Sinne Jesu vergebungsbereit und versöhnungsbereit sind.

Bis heute treffen sich in Coventry in der Ruine der Kathedrale jeden Freitag um 12.00 Uhr Menschen zum Versöhnungsgebet. Und es hat weltweit Kreise gezogen. Was in Coventry praktiziert wird, geschieht auch in 49 deutschen Städten und über hundert weiteren auf der ganzen Welt.

In dem Versöhnungsgebet heißt es unter anderem:
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,
Vater, vergib.
Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist,
Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,
Vater, vergib.
Und das Gebet schließt mit  dem Bibelwort:
Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem anderen, gleichwie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus.  

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Durch ein starkes Gewitter auf freiem Feld soll sich Martin Luther von Gott überrumpelt gefühlt haben. Dass er bewahrt blieb, veranlasste ihn zu dem Gelübde Mönch zu werden.

Zu jener Zeit verstanden die Menschen Naturereignisse oft als Reden Gottes. Heute wissen wir, Gewitter, entstehen wenn kalte und warme Luftmassen aufeinanderstoßen. Es baut sich eine Spannung auf, die sich im Blitz mit folgendem Donner entlädt. Mit Gott hat das zunächst nichts zu tun. Geschweige denn, dass Gott dadurch redet.

Für viele Phänomene, die die Menschen früher für ein direktes Einwirken Gottes hielten, haben die Wissenschaftler natürliche Erklärungen gefunden. Gott war also immer weniger nötig, um sich Unerklärliches zu erklären.

Und so meinen viele, dass mit fortschreitender Wissenschaft irgendwann nichts Unerklärliches mehr übrig bleibt und Gott dann wegerklärt ist. Schließlich verdoppelt sich das Wissen der Menschheit alle paar Jahre.

War Gott also nur ein Lückenbüßer für unser Nichtwissen? Oder ist es umgekehrt? Wenn unser Wissen sich immer schneller vermehrt, heißt das doch, dass das Nichtwissen viel größer ist als wir dachten. Konkret, wenn die Wissenschaftler ein Rätsel gelöst haben, stehen sie sofort vor einer Vielzahl neuer ungelöster Fragen. Somit vermehrt sich im Grunde das Nichtwissen in viel größerem Maße als das Wissen. Und je mehr wir wissen desto stärker ahnen wir, wie unerschöpflich das Meer des Wissens ist. Die Lücken unseres Wissens werden in Wirklichkeit nicht kleiner sondern größer.

Heute setzen wir Gott nicht wieder als Lückenbüßer ein. Eher fürchten wir uns bedroht durch die sogenannte künstliche Intelligenz der Computertechnik.

Dabei könnten uns die maßlosen Lücken unseres Wissens etwas bescheidener und zugleich vertrauensvoller machen. Sie können uns ahnen lassen, dass nur einer vollkommenes Wissen haben kann. Von Gott heißt es in der Bibel: Er zählt die Zahl der Sterne und nennt sie alle mit Namen. Groß ist unser Herr und reich an Macht; Sein Verstand ist unermesslich.

Der deutsche Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg fasste es so zusammen:
„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“. Darauf könnte man anstoßen. Und ich sage nur „zum Wohl“.

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„Ich meine es heute gut mit dir!“ – das war lange Zeit das erste, was ich morgens zu sehen bekommen habe. Ich hatte mir einen Zettel an den Badezimmerspiegel gehängt: Ich meine es heute gut mit dir! Und darunter stand auch, wer es sagt: Gott.

Ich wollte mir damit auf die Sprünge helfen und die richtige Einstellung für den Tag gewinnen. Gar nicht so selten starte ich nämlich mit Gedanken, die die Stimmung schon morgens dämpfen. Und vor lauter düsteren Erwartungen würde ich am liebsten gleich wieder ins Bett gehen

Es gibt immer mal wieder Menschen, die es tatsächlich nicht gut mit mir meinen. Und ich erlebe Stresssituationen, wo ich mich frage: muss ich mir das antun? Aber mit einem hängenden Kopf in den Tag zu gehen, macht ihn nicht besser.
Darum habe ich mir den Zettel geschrieben. Er sollte mich daran erinnern, dass Gott da ist. Und dass er, der die Übersicht hat, es wirklich gut mit mir meint.

Bereits vor über zweieinhalb tausend Jahren hat Gott durch den Propheten Jeremia seinem Volk Israel zugesagt: Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch Zukunft und Hoffnung gebe. Damals befanden sich die Juden in der Verbannung und die Aussichten waren eher düster. Hätte Gott nicht vieles verhindern und dem Volk ersparen können?

Auch ich meine manchmal zu wissen, was Gott alles hätte besser machen können. Und ich würde ihm viel leichter vertrauen, wenn er meine Erwartungen mehr erfüllen würde. Um meine Skepsis und das, was ich oft unnötig befürchte in Schach zu halten, lasse ich mich an die Zusage Gottes erinnern: Ich meine es heute gut mit dir.

Also wenn Gott es wirklich gut meint, was kann dann letztlich schief gehen? Die Befürchtung, dass etwas schief geht, oder ein Ohnmachtsgefühl, ist es ja oft, was einem so leicht den Tag vermiest.

Im zweiten Teil der Bibel heißt es: Wenn Gott für uns ist, wer kann gegen uns sein? Wer Gott an seiner Seite haben will, kann sich auf seine Seite stellen indem er der Zusage vertraut: Ich meine es heute gut mit dir.

Das eröffnet einen neuen Horizont. Es hält die Zuversicht wach, dass dieser Tag, und nicht nur dieser, ein gutes Ende nimmt. Darum der Zettel an meinem Badezimmerspiegel mit dem Gruß von Gott: Ich meine es heute gut mit dir!

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Sonntagmorgen. Stopp vor einer roten Ampel auf der Höhe eines Nachtclubs. Dort rechts stehen um diese Zeit Gestalten, denen ich ansehe, dass sie die Nacht durchgemacht haben. Dazu noch Securityleute in schwarz. Wobei ich mich in deren Gegenwart wohl auch nicht sicherer fühlen würde. Sie wirken nicht gerade Vertrauen einflößend. Neben mir sitzt unsere erwachsene Tochter. Sie ist durch das Down-Syndrom behindert.

Mein Blick ist auf die Ampel gerichtet und wartet auf grün. Doch auf einmal bemerke ich rechts bei den Leuten Bewegung. Als ich hinüberschaue traue ich meinen Augen nicht. Aus offenen Gesichtern kommt ein freundliches Lächeln herüber. Dazu wird gewunken als hätten sich alte Bekannte wiedergetroffen. Ich schaue meine Tochter an. Sie grinst. Hast du denen gewunken, frage ich sie. Ja. Jetzt ist mir alles klar.

Sie hat es mal wieder geschafft. Kontakt herstellen, das Eis brechen, die Stimmung aufheitern. Mit einem Lachen und einem Winken. Sie verschenkt es anderen einfach von Herzen und ist völlig frei von Vorurteilen oder Befürchtungen.

Und die Reaktion dieser Partylöwen überrascht selbst mich, der ich ja schon manche Überraschung mit unserer Tochter erlebt habe. Diese verkaterten Typen so aus der Reserve zu locken, dass sie ein Maß an Freundlichkeit an den Tag legen, das ich ihnen niemals zugetraut hätte.

Sie wurden anders behandelt als sie es erwartet haben. Und sie haben anders reagiert als ich es erwartet habe. Der Apostel Paulus schreibt einmal: Eure Freundlichkeit lasst alle Menschen spüren. Und der Volksmund sagt, so wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Menschen verhalten sich anders und können sich verändern, wenn man ihnen mit einer unbeschwerten Freundlichkeit begegnet. Dann fühlen sie sich frei von Vorurteilen oder Unterstellungen. Sie brauchen nichts zu befürchten und sich nicht mehr so zu schützen.

Freundlichkeit breit und unbegrenzt zu verteilen zeigt Wirkung. Meine Tochter hat so gehandelt, dass alle an diesem Sonntagmorgen etwas von Gottes Güte spüren konnten. Darum möchte ich von meiner behinderten Tochter lernen, unbefangener und großzügiger Freundlichkeit zu verschenken. Auch an die, bei denen ich vielleicht gar nicht mit einer freundlichen Reaktion rechne. Es warten dann sicher noch manche Überraschungen.

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Beim Frühstück am Samstagmorgen klingelt es an der Tür. Als ich öffne steht ein Mann aus unserer Straße vor mir. Er dürfte so Mitte-Ende 50 sein. „Guten Morgen, sie sind doch Pfarrer. Ich habe eine ganz große Bitte. Ich heirate heute und meine Frau hat’s nicht so mit dem Glauben. Aber ich glaube schon, auch wenn ich kein Kirchgänger bin. Können sie mir den Segen geben?

Ich bin echt überrumpelt von dieser Anfrage und versuche mir das natürlich nicht anmerken zu lassen. Deshalb stelle ich zunächst einmal fest, dass dies ja sehr schön sei, aber auch recht kurzfristig. Und ich frage, wann und wo denn die Feier stattfinde.
Doch der gute Mann erwartet mich gar nicht auf seiner Feier. Er wünscht sich hier und jetzt unter der Tür ein Segensgebet.

Weil ich den Eindruck habe, dass ihm dieser Wunsch sehr ernst ist, lege ich nach kurzem Zögern meine Hand auf seine Schulter. In einem Segensgebet bitte ich, dass Gott ihre Liebe bewahren und wachsen lassen möge und den Eheleuten Gelingen schenke bei der Gestaltung ihres gemeinsamen Lebens. Nach dem Amen bedankt sich der Mann sichtlich bewegt und verabschiedet sich.

Zurück am Frühstückstisch frage ich mich, was war das?
Einem Mann ist der Segen Gottes für seine Ehe so wichtig, dass er sich nicht scheut, an der Haustür darum zu bitten.
Ihm ist bewusst, dass es nicht nur in seinen Händen liegt, ob die Ehe gelingt. Weil er weiß, was eine gescheiterte Ehe bedeutet und einiges an Lebenserfahrung gesammelt hat, ist ihm klar, ich kann mir selbst das Glück nicht garantieren.

Er hofft auf den Segen aus Gottes Hand und bekennt sich dazu. Wer um den Segen Gottes bittet, weiß um seine begrenzten Möglichkeiten und rechnet mit Gottes Möglichkeiten. Er bittet Gott darum, das zum Guten zu wenden, was wir nicht in der Hand haben.

Wie viel haben wir schon wirklich im Griff? Wer hat seine Ehe im Griff? Wer hat seine Kinder im Griff? Wer hat seine Gesundheit im Griff? Wer hat seinen Job im Griff?
Ein altes Sprichwort sagt: An Gottes Segen ist alles gelegen. Und um ihn dürfen bitten. Auch heute – für diesen Tag.

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