Manuskripte

17JUL2020
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Emojis. Das sind kleine Bildchen, die kurz und bündig eine Botschaft transportieren. In Kurznachrichten oder Emails kommen sie häufig vor. Das bekannteste Emoji ist der Smiley, ein gelber Kreis mit einem lachenden Strich-Gesicht. Da ist die Botschaft eindeutig und klar: Freude, große Freude.

Aber nicht immer ist die Bedeutung der Emojis so eindeutig, ich habe da schon ein paarmal danebengegriffen. So wollte ich vor kurzem ausdrücken, dass ich erstaunt bin und habe mit einem Emoji geantwortet. Aber das hat wohl nicht gepasst. Prompt ist die Reaktion gekommen. „Was soll das? Warum bist du so entsetzt? Habe ich etwas falsch gemacht?“ Ich war irritiert und habe geschrieben, dass ich im Gegenteil positiv überrascht, gewesen sei. Meine Freundin hat mich dann aufgeklärt, dass ich das falsche Emoji benutzt habe, besser wäre ein anderes gewesen.

Gar nicht so einfach, die richtige Bedeutung solch eines kleinen Zeichens zu erkennen und einzuordnen. Seit dieser Erfahrung bin ich vorsichtiger geworden und benutze nur noch wenige Emojis. Denn ich möchte richtig verstanden werden und auf keinen Fall möchte ich jemanden mit einem falschen Emoji verletzen.

„Sagt einfach ›Ja, Ja‹ oder ›Nein, Nein‹. Jedes weitere Wort kommt vom Bösen.“ Diesen Tipp gibt Jesus in der Bergpredigt. Da ging es nicht um Kurznachrichten, sondern um die Versprechen, die man anderen gibt. Die sollen eindeutig sein. Aber ich finde, das gilt genauso für die Kurznachrichten heute. Ich habe meine Erfahrungen gemacht und bin dadurch weiser geworden. Wenn ich wirklich etwas Wichtiges zu sagen habe, dann schreibe ich nicht, dann rufe ich an. Und falls ein Telefonat nicht möglich ist, dann nehme ich mir die Zeit und schreibe ganze Sätze. Das dauert zwar länger, aber es ist klarer.

Und ganz ehrlich: Ich freue mich viel mehr über einen eindeutigen Satz als über ein gelbes Grinsegesicht. Oder über einen kurzen, knackigen Anruf als über ein Emoji, das ich nicht verstehen kann. Missverständnisse klären sich besser im direkten Kontakt und ein echter Kuss fühlt sich besser an als ein Smiley, der ein Herzchen bläst. Eindeutigkeit ist wichtig. Ein Nein ist ein Nein, ein Ja ein Ja und wenn ich jetzt sage „ich wünsche Ihnen einen guten Abend“ dann kommt das von Herzen.

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16JUL2020
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„Mit dem ist nicht gut Kirschen essen“: Das Sprichwort kommt aus einer Zeit, in der die Kirschen richtig teuer waren und nur die Reichen und Vornehmen sich die edle Frucht leisten konnten. Diese haben sich dann ab und an zum gemeinsamen Kirschenessen getroffen. Hat sich jedoch jemand zu diesem Essen eingeschlichen, uneingeladen mitgegesssen, so wurde er mit Kirschsteinen bespuckt und mit den Stielen beworfen. Mit dem war also nicht gut Kirschen essen. Ebenso wenig wie mit den Reichen, die anderen den Spaß verdorben haben.

Wo ich wohne, stehen viele alte Kirschbäume. Vor kurzem haben sich Äste und Zweige unter der Last der reifen Kirschen gebogen. Ich war dort öfter mit meinen Kindern unterwegs. Wir haben Kirschen genascht und dann „Kirschkernweitspucken“ gespielt. Wenn ich gewonnen habe, dann haben sich meine Kinder geärgert und für eine Weile war mit ihnen nicht mehr gut Kirschen essen.

Das hat mir dann leidgetan. Ich möchte nämlich lieber mit jemanden gut Kirschen essen, also gemeinsam unter dem Kirschbaum stehen, vergnügt spielen und hinterher am Tisch sitzen und erzählen. Auch und gerade mit meinen Kindern, wenn ich gewonnen habe im Kirschkernweitspucken.

Wenn sie sich mit der Niederlage arrangiert und ich meinen Sieg ausgekostet habe, dann macht es Spaß, miteinander harmonisch und einträchtig am Küchentisch zu sitzen. Dann merken wir, dass es nicht darum geht, wer gewinnt und wer verliert, wer mehr oder weniger hat, sondern dass wir zusammengehören. Natürlich kommt es auch ab und zu vor, dass wir umeinander einen großen Bogen machen, weil wir uns gestritten haben, weil wir unstimmig sind. Aber viel lieber sitzen wir beieinander und teilen. Das Essen und das Leben. Und nach manchem Sieg im Kirschkernweitspucken lasse ich mich dann auf eine Runde Fußball ein. Obwohl ich weiß, dass ich verlieren werde und mit mir dann nicht gut Kirschen essen ist. Meist werde ich dann von meinen Kindern getröstet und anschließend sitzen wir gesellig beieinander.

So wie es in einem alten biblischen Lied heißt: Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! (Psalm 133,1) oder mit einem umgedeuteten Sprichwort: Bei denen ist gut Kirschen essen.

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15JUL2020
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Manchmal verliert man sich gegenseitig. Das klingt etwas seltsam, ist aber vor wenigen Tagen hier in meinem Ort passiert. Schafe sind aus ihrer Weide ausgebrochen. Der Besitzer war ratlos. Wo sollte er suchen? Spaziergänger haben die kleine Herde gefunden.

Aber was macht man mit freilaufenden Schafen? Mitnehmen ist schlecht möglich, Festhalten irgendwie auch nicht. Und das Anlocken scheitert, weil die Schafe nicht auf jeden hören. Sie hören am besten auf die Stimme ihres Besitzers, der sich als Hirte um sie sorgt. Er ist derjenige, der sie erkennt, der ein Schaf vom anderen unterscheiden kann. Anhand der Größe, des Verhaltens und der Beschaffenheit des Fells. Hirte und Herde kennen sich gegenseitig.

„Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die, die zu mir gehören, und sie kennen mich.“ (Johannes 10,11). Dieses Wort wird im Johannesevangelium Jesus zugeschrieben. Er hat das über die Menschen gesagt, die zu ihm gehören. Das ist mir eingefallen, als ich von den verlorenen Schafen gehört habe.

Ein Hirte und seine Schafe: das ist ein Bild, das mich anspricht. Ich fühle mich geborgen und auch verstanden. Geborgen, weil ich weiß, dass es da jemanden gibt, der mich kennt und zwar so wie ich bin. Mit meinen Stärken und Schwächen, mit meinen Sorgen und Nöten, mit meinem Glück und meiner Liebe. Es gibt einen, dem ich etwas wert bin, der mich suchen wird.

Aber umgekehrt weiß ich auch, auf wen ich mich einlasse. Ich kenne mein Gegenüber, seine Werte und Ideale und versuche danach zu leben. Zwischen all den vielen Stimmen, die auf mich eindringen, bin ich froh, die eine genau zu kennen und sie herauszuhören. Ich muss nicht jedem hinterherlaufen, mich nicht jedem Trend, jeder Stimmung anpassen. Meinen Hirten kenne ich.

Und falls ich mal verloren gehe, weiß ich, dass er mich suchen wird. So ähnlich war es mit den freilaufenden Schafen. Man hat ihn benachrichtig. So hat der Besitzer schließlich seine Schafe gefunden und sie haben seine Stimme erkannt. Da konnte er sie zurückführen auf ihre Weide. Gut zu wissen, wer zu wem gehört und wer sich auf wen verlassen kann.

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14JUL2020
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In der Bahnhofsbuchhandlung schaue ich immer die Postkarten an. Besondere Postkarten. Solche mit tollen Sprüchen, schlauen Gedanken oder humorvollen Wortspielen. Meine Favoriten sind die Karten zum Thema „Lieblingsmensch“. Das ist nämlich ein Wort, das mir ganz gut gefällt und ein Gefühl bei mir auslöst.

Lieblingsmensch. Das ist die Person, die ich sehr gerne mag, mit der ich mich verbunden weiß. Nicht nur dann, wenn alles gut läuft, sondern gerade in schwierigen Zeiten.

In der Bibel wird von so einer wunderbaren Freundschaft, einer freundschaftliche Liebe berichtet. Da gab es den Hirtenjungen David und den Königssohn Jonathan, die in großer Freundschaft verbunden sind. Sie sind einander zu Lieblingsmenschen geworden. Und dass, obwohl diese Freundschaft unter keinem guten Stern stand. Saul, der König, der Vater Jonathans, wollte David töten lassen. Jonathan aber warnt seinen besten Freund und dann verabschieden sie sich voneinander. Es fällt ihnen schwer, denn so wird berichtet, sie hatten einander so lieb wie ihr eigenes Leben.

Eine tiefe Freundschaft. Lieblingsmenschen. Sie haben viel auf sich genommen und trotz der Trennung, trotz aller Distanz, hat die die Freundschaft gehalten. Bis Jonathan gestorben ist. Zu diesem traurigen Anlass hat David ein Lied geschrieben: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen als Frauenliebe ist.“

Ich verstehe gut, was David und Jonathan miteinander verbunden hat. Auch ich habe so einen Lieblingsmenschen. Eine Person, der ich vertrauen kann und die mir vertraut. Denn dies ist das Besondere an dieser biblischen Lieblingsmenschgeschichte: Dass die beiden Männer sich vertrauen, ja, sich sogar ihr Leben anvertrauen. David und Jonathan halten zueinander, stehen füreinander ein. So kann es sein bei einer Beziehung zwischen Lieblingsmenschen.

Vermutlich ist es gar nicht so selten, einen Lieblingsmenschen zu haben. Denn die Fächer mit den Lieblingsmenschkarten sind am Bahnhof oft beinahe leer. Genauso wie meine Schublade mit den Postkarten, die immer wieder geplündert wird, um eine Karte zu verschenken.

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13JUL2020
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„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. So heißt es im biblischen Schöpfungsbericht. Nicht alleine sein, sondern jemanden an der Seite haben. Das ist wichtig. Denn – das habe ich in den letzten Wochen und Monaten erfahren – der Mensch ist ein Beziehungswesen. Der Mensch braucht ein Gegenüber, jemanden, mit dem er in Kontakt ist, der ihn auch wahrnimmt.

Jedenfalls gilt das für mich. Ich bin gerne mal allein, aber nicht einsam. Ich habe gerne mal meine Ruhe, aber ich möchte entscheiden, wann.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“ hat Gott deshalb gesagt, als er die Welt geschaffen hat. So erzählt es jedenfalls die Bibel. Meine Erfahrung in den letzten Wochen hat mir gezeigt, wie weise das ist.

Ich brauche jemanden zum Reden und ich höre auch gerne zu, ich nehme gerne jemanden in den Arm und werde selbst gerne mal gedrückt. Bei der Arbeit bin ich gerne in Kontakt mit anderen.

Ich bin als Mensch ein Beziehungswesen. Andere Menschen brauche ich zum Leben. Und zwar nicht immer die gleichen, nicht nur meine Familie, sondern auch meine Freunde, die Geselligkeit im Dorf, die Zusammengehörigkeit im Verein, die Gemeinschaft im Gottesdienst. Dann fühle ich mich richtig als Mensch.

Dies nur im bestimmten Maß und unter Auflagen zu haben, hat mich in meinem Menschsein eingeschränkt. Sogar die haben mir gefehlt, mit denen ich oft gar nicht so gut auskomme. Aber auch die haben mir gefehlt. Die Diskussionen mit ihnen, die Auseinandersetzungen um Kleinigkeiten.

Ja, es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist. Es ist besser, wenn er ein Gegenüber hat und noch besser, wenn er in einer Gemeinschaft leben kann.

In der letzten Zeit ist mir auch klar geworden: Wenn ich möchte, dass ich nicht alleine bin, dann muss ich meinen Teil beitragen zur Gemeinschaft. Nur so, wenn ich Rücksicht nehme und mich an Regeln halte, kann ich gemeinsam mit anderen leben. Mal mit Abstand, mal mit Nähe. Aber Hauptsache nicht allein. Deswegen nehme ich momentan noch manche Einschränkung in Kauf. Ich weiß ja wofür: Damit ich hoffentlich bald wieder uneingeschränkte Gemeinschaft habe. Bis dahin pflege ich meine Beziehungen zu anderen immer mal wieder anders: mal mit Abstand, mal ganz nah.

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24APR2020
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Geduld ist eine Tugend. Jedenfalls wurde mir das früher immer wieder gesagt. Aber Geduld ist nicht meine Stärke. Es gibt Momente, in denen ich einfach nur ungeduldig bin, sozusagen tugendlos. Um bei der Redewendung zu bleiben.

Ich kann nicht gut damit umgehen, wenn andere zu spät kommen und ich lange warten muss. Vor allem dann nicht, wenn ich mich extra beeilt habe oder wenn ich mich bemüht habe, alle Aufgaben in der vorgeschriebenen Zeit zu erledigen.

Wenn ich dann dastehe, fertig bin und warte, dann merke ich, dass Geduld nicht unbedingt meine größte Stärke ist.

Deswegen habe ich mich in den letzten Wochen gefreut, dass andere sich mit mir in Geduld geübt haben. In diesen Wochen der Krise, in denen eben nicht alles so möglich war, wie ich es gerne gehabt hätte. Aber es haben sich ja viele um Geduld bemüht und waren geduldig. Da habe ich mich anstecken lassen. Und so habe ich dann vor dem Dorfladen gewartet. Weil alle Einkaufswägen belegt waren und somit der Laden voll. Dann habe ich draußen gestanden und gewartet. Weil es mir wichtig war, niemanden durch meine Nähe und meine Ungeduld zu gefährden. Weil ich auch gemerkt habe, dass es anderen genauso ging.

„Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, offenbart seine Torheit.“ (Sprüche 14,29) So lautet eine alte biblische Weisheit.

Ich finde: Sie ist aktueller als je gedacht. Sie ist aktuell, weil so viele Menschen in den letzten Wochen geduldig waren. Sie haben gewartet mit dem Besuch beim neugeborenen Enkelkind – auch wenn es schwergefallen ist. Sie haben sich im vorgeschriebenen Abstand an der Kasse angestellt – auch wenn es dadurch anders war als sonst. Sie haben geduldig hingenommen, dass Feste verschoben wurde, auch wenn es nicht in die Planung gepasst hat.

Und ich habe gelernt. Mit all den anderen gemeinsam. Geduldig zu sein, weise zu werden. Ich hoffe bloß, dass ich diese Tugend nicht wieder verliere, wenn alles wieder so wird wie es mal war. Denn das wäre wirklich schade. Geduld zu lernen ist nämlich ein ganz schöner Fortschritt. Und rückschrittig möchte ich nun wirklich nicht sein. Aber weise sein, das gefällt mir.

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23APR2020
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Ein Regenbogen am Fenster. Mit Fingerfarben an die Scheibe gemalt. Von Kinderhänden. Und daneben geschrieben „Alles wird wieder gut!“ Solche Regenbögen zieren viele Fenster. Gemalt mit Fingerfarben an die Scheibe, mit Wasserfarben auf ein Blatt Papier, gebastelt und geklebt. Ein Hoffnungszeichen. Und dann dieser Satz „Alles wird wieder gut!“.

Das hat mir gut getan. Ist doch der Regenbogen ein Symbol für den Neuanfang. Für ein neues Leben nach einer Katastrophe. In der Bibel wird die Geschichte von Noah und der Sintflut erzählt. Noah und seine Familie und viele Tiere überleben die Krise, weil sie sich an Gottes Wort halten und sich Gott anvertrauen. Als dann das Wasser zurückgeht und Noahs Schiff auf Land läuft, da verspricht Gott, dass nie mehr eine Sintflut über die Menschen kommen soll und als Zeichen des Neubeginns setzt er den Regenbogen mit all seinen Farben an den Himmel.

Neuanfang! „Alles wird wieder gut!“ Es hat mir alles gefallen. Der Regenbogen in den Fenstern, die Bilder, das Symbol, meine Gedanken, nur das kleine Wörtchen „wieder“ hat mich gestört. Denn ich habe mich gefragt: War vor der Coronakrise alles gut? Gab es nicht auch Sachen, die mich gestört haben? Egoismus? Ellenbogeneinsatz? Neid? Unrecht?

Es war nicht alles gut. Und das was nicht gut war, das möchte ich nicht zurück.

Ich für mich möchte gerne, dass neben diesem Regenbogen steht „Alles wird anders gut!“ Ja, denn ich wünsche mir sehr, dass all das, was in den letzten Wochen gut gelaufen ist, all das, was Menschen wiederentdeckt oder neu dazugelernt haben, dass all das bleibt. Die Rücksicht auf einander an der Kasse im Supermarkt. Dass man nicht drängelt, dem Vordermann nicht den Einkaufswagen in die Ferse fährt, sondern einfach sich anstellt und freundlich schaut. Dass man den Nachbarn anruft und fragt, ob er was braucht. Dass die Kinder sich auf die Schule freuen, weil es schön ist, etwas zu lernen und dass Leute sich auf der Straße begegnen und sich grüßen, weil es gut tut, andere zu treffen.

Das möchte ich haben. Denn das ist doch auch das, was Noah und seine Familie erlebt haben. Dass es nach der Krise wieder gut wurde. Anders gut. Aber gut. Vielleicht male ich auch noch einen Regenbogen und schreibe daneben: Alles wird anders gut!

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22APR2020
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„Hast du schon gehört, dass….?“ Das werde ich regelmäßig gefragt und mein Gegenüber möchte dann ganz genau wissen, ob ich schon informiert bin oder ob ich noch im Dunkeln umherirre. Oftmals merke ich dann, dass man mir Licht ins Dunkel bringen, also mich mal schnell in Kenntnis setzen möchte. Doch manches Mal ist es etwas, das ich gar nicht wissen möchte. Aus verschiedenen Gründen: Zum einen, weil es mich nichts angeht, zum anderen weil ich es dann gerne von den Betroffenen selbst erfahren möchte und zum dritten, weil es mich nicht interessiert.

„Hast du schon gehört, dass…?“ Manchmal werden damit Gerüchte eingeleitet, die ich gar nicht wissen möchte. Manchmal aber auch Neuigkeiten, die meinem Gegenüber so unter den Nägeln brennen, dass er oder sie die sofort loswerden möchte und zwar an mich. Weil ich es wissen soll. Weil wir befreundet sind, weil ich der Person wichtig bin, weil ich gerade da bin.

Gar nicht so einfach, Informationen weiterzugeben, mit anderen zu reden über Gott und die Welt, über Gefühle, über Träume und Visionen. Manche plappern gerne und viel, ohne etwas zu sagen, manche behalten ihre Neuigkeiten lieber für sich und warten ab.

„Einer schweigt, weil er nichts zu sagen weiß; ein anderer schweigt, weil er die rechte Zeit zum Reden abwarten kann.“ (Jesus Sirach 20,69) So hat ein kluger Mensch seine Erkenntnis formuliert, die bis heute im Buch Jesus Sirach in der Bibel überliefert wird.

Eigentlich steckt da alles drin, was wichtig ist. Ich soll schweigen, wenn ich nichts zu sagen habe, wenn meine Informationen nicht überprüft sind, wenn sie vielleicht auch gar nicht wichtig sind oder mein Gegenüber nicht betreffen. Aber ebenso braucht es Geduld und Lebenserfahrung. Nämlich zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt zu Reden gekommen ist.

„Hast du schon gehört, dass….?“ Diesen Satz will ich nur noch dann einsetzen, wenn ich die alte biblische Erkenntnis beherzigt habe. Also erst einmal schweigen, nachdenken, abwarten, die richtigen Worte suchen und den rechten Zeitpunkt abwarten.

Eine schöne Herausforderung für die kommende Zeit. Aber eine, die bestimmt viele Missverständnisse vermeidet. Und wenn ich dann mal sage „Hast du schon gehört, dass…“, dann hoffe ich, dass mein Gegenüber sagt: „Lass doch mal hören. Es interessiert mich wirklich.“

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21APR2020
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„Fühl dich aus der Ferne gedrückt!“ Ein Bild mit diesem Text habe ich in den letzten Wochen des Öfteren geschickt bekommen. Als Textnachricht auf mein Handy. So zwischendurch. Von lieben Menschen, die ich nicht besuchen durfte.

Am Anfang dieser Zeit habe ich das noch gut weggesteckt. Gut, dann geht man halt mal auf Distanz. Dann telefoniert oder schreibt man eben anstatt sich zu besuchen. Das ist doch kein Problem habe ich gedacht. Und ich habe mich nicht geirrt. Trotzdem lag ich falsch.

Es war nämlich schwer und leicht zugleich.

„Ich würde gerne meine Mutter im Pflegeheim besuchen“, hat mir eine Frau ihr Leid geklagt. „Aber ich darf ja nicht. Es fehlt mir so, sie zu sehen.“ Und Trauer lag in ihrer Stimme. „Meine Urenkelin ist zur Welt gekommen. Ich bin so glücklich über ihre Geburt“, hat mir ein alter Mann erzählt. „Aber ich darf sie nicht berühren. Nur durch die Fensterscheibe kann ich sie sehen. Ich freue mich so auf die erste Begegnung, wenn ich sie in den Arm nehmen kann.“ „Ich bin stolz, dass meine Oma sich an die Regeln hält“, hat mir eine junge Frau berichtet. „Normalerweise hat sie ja ihren eigenen Kopf, aber dieses Mal ist alles anders, dieses Mal hält sie sich an die Vorgaben. Ich gehe für sie einkaufen. Aber mir fehlt es, sie mal in den Arm zu nehmen und zu drücken.“

Liebe hat sich so vielfältig gezeigt. In Nächstenliebe. Im Einkauf. Im Telefonat. Im Einhalten der Regeln. Und doch hat der Liebe etwas gefehlt. Nämlich sich in den Arm zu nehmen, sich zu berühren, kurz oder lang, freundschaftlich oder verliebt, väterlich oder kumpelhaft. Egal. Die Liebe war nicht ganz vollständig.

Aber dennoch haben sich so viele Menschen daran gehalten. Weil sie weise waren. Weil ihnen vielleicht auch unbewusst die Worte des alten, biblischen Predigers in den Ohren geklungen haben. Dieser kluge Mann hat vor einigen tausend Jahren schon festgestellt, dass alles im Leben seine Zeit hat. Eben auch eine Zeit, sich zu umarmen und eine Zeit, sich zu trennen. Denn für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit.

Die Liebe kann sich so vielfältig zeigen. So schön und so kreativ. Auch in diesen Zeiten. Und trotzdem fehlt die Nähe. Die Berührung. Leider gibt es Zeiten, da muss gelten: „Fühl dich aus der Ferne gedrückt.“

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20APR2020
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„Wir vermissen Euch! Die Erzieherinnen.“ So lautet der Text auf dem Schild, das nun seit Wochen am Zaun unseres Kindergartens hängt. Neben den Ordnungsschildern, die darauf hinweisen, dass die Einrichtung geschlossen ist. Wegen Corona. Weswegen wohl sonst.

Wie schön setzt sich dieses Schild von den anderen Schildern ab. Weil es nämlich ein Gefühl vermittelt. Für die Kinder, die dort ansonsten ein und aus gehen. Wir vermissen Euch! Das heißt mit anderen Worten: Liebe Kinder, ihr fehlt uns! Ohne Euch sind wir nicht das, was wir sind. Ohne Euch können wir unseren Beruf nicht ausüben. Ohne Euch ist nichts wie es mal war.

Und neben diesem Schild und ein paar Bildern, die hüpfende Osterhasen und bunte Eier zeigen, hängt die Antwort der Kinder. „Wir vermissen euch auch! Die Kinder.“ Und auch die Kinder haben Bilder gemalt. Bunt und fröhlich, altersgemäß und individuell.

Immer wenn ich in den letzten Tagen an diesem Zaun vorbeigegangen bin, habe ich mich darüber gefreut. Ein gutes Gefühl hat sich in mir ausgebreitet. Das Gefühl, dass Menschen sich mögen, einander brauchen und sich wertschätzen. Und: Dass plötzlich das so Alltägliche etwas ganz Besonderes ist.

Ich denke, nicht nur Erzieherinnen, Eltern und Kinder haben angefangen das Alltägliche zu vermissen. Auch mir ist es so ergangen. All das, was meinen Alltag ausgemacht hat, war plötzlich weg. Und ich habe deutlich gespürt, was sonst mein Leben ausmacht. Wie reich beschenkt ich bin mit meinem Alltag, mit meinen täglichen Freuden und meinen Sorgen. Es hat eine Pandemie gebraucht, damit ich das erkenne und spüre.

Jedes Mal wenn ich in den letzten Tagen an diesem Zaun vorbeigegangen bin, habe ich mich daran erinnert. Mein Alltag ist reich an Lachen und Weinen, an Kummer und Freude, an Sehnsucht und Nähe, an Glück und Unglück. All das macht mein Leben so reich, so normal, so alltäglich. Ich habe mir vorgenommen, das Alltäglich mehr wertzuschätzen und mich daran zu freuen, dass es mir an nichts mangelt. Genauso wie es in Psalm 23 heißt: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Es fehlt mir an nichts. Genau das Gefühl möchte ich nicht mehr vergessen, wenn irgendwann diese Krankheit überwunden ist und das Leben wieder normal läuft.

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