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SWR3 Gedanken

27APR2019
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Meine Freundin Uschi arbeitet in einem Projekt mit ein bisschen blauäugig und mit viel Herzblut, sagen die da mitwirken von sich selbst. Ihr Traum ist es, mit Freunden zu wohnen. Familien, Singles und Senioren, Menschen mit Einschränkungen, Alte und Junge, Leute die sich gegenseitig unterstützen und das Leben miteinander teilen.

Gegen den Trend wollen sie nicht verdienen an einer Investition, sie wollen dafür sorgen, dass in dem Projekt alle ein Leben lang zu bezahlbaren Mieten wohnen können. Wo noch vor ein paar Jahren Wohnanlagen amerikanischer Militärangehöriger standen wird neu gebaut. Es gibt Wohnungen für Singles, Wohneinheiten für Familien. Aber auch für eine WG für Menschen, die körperlich und seelisch beeinträchtigt sind.

Die wichtigste Idee aber ist: Die schönsten Räume und Flächen sind für die Gemeinschaft da! Ein großes Wohnzimmer hell und zentral gelegen, der Raum wo man Kochen und  Essen kann, aber auch Musik machen, ein Chor kann hier üben, es gibt Lesungen, Meetings für die Hausgemeinschaft, eine gemeinsame Bibliothek.

Der Garten des Hauses wird gemeinsam betrieben, Erdbeeren an der Hauswand, auf dem Dachgarten die Seele baumeln lassen. Schon lange denkt eine Gruppe darüber nach wie das gelingen kann:

einen Traum zu leben, ohne Ideologie, ohne Vorschriften, so dass alle zu ihrem Recht kommen, wenn einer allein sein will, wird er das können. Aber eben zusammen arbeiten, kochen, singen, diskutieren – soll auch möglich sein. So hört es sich an wenn meine Freundin davon erzählt: Ein bisschen der Himmel auf Erden!

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26APR2019
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Ich wohne in Mannheim. In den Quadraten. Die, die hier leben wissen – da ist es bunt. Zu unserer Gemeinde gehört auch der Jungbusch. Da ist es noch bunter. Manche meinen das nicht so nett. Aber ich finde: Zum Glück stehen in den Quadraten und im Jungbusch immer noch einige Häuser, wo auch Leute mit weniger Geld leben können. Deswegen wohnen hier noch Studierende und Hartz-IV-Empfänger direkt neben Leuten, die sehr gut verdienen.

Es gibt hier Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Ich finde das großartig! Es ist ein Gegenmodell zu einheitlichen Wohngebieten, in denen man immer nur denen begegnet, die genauso sind, wie ich selbst. Die die gleichen Nachrichten sehen und ähnlich denken wie ich.

Natürlich ist das bequem. Ich bin auch gerne mit Leuten zusammen, die meiner Meinung sind. Aber es macht auch weltfremd. Ich hoffe sehr, dass es hier so bunt bleibt. Dass ich weiterhin dauernd ganz unterschiedlichen Leute begegne. Das hat auch mit Demokratie zu tun: Dass Leute schon auf der Straße und auf den Plätzen miteinander ins Gespräch kommen oder streiten. Ich glaube nur so kann man lernen, mit Vielfalt zu leben. Und sie als Geschenk zu begreifen.

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25APR2019
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Ein Geburtstagsbesuch bei einer alten Dame: Kuchen auf dem Tisch, die Kinder sind da, sie freut sich, freut sich auch über den Besuch der Pfarrerin. Aber dann erzählt sie, dass sie hier bald wegziehen muss. Das Haus wird saniert, sie ist krank, sie kann den Lärm nicht vertragen. Und dann werden die Mieten erhöht, das kann sie nicht zahlen. Nicht nur, aber vor allem in den Innenstädten verlieren immer mehr Leute auf diese Weise ihre Wohnungen.

Jetzt kann man sagen, ist doch egal Hauptsache sie wohnen überhaupt irgendwo. Und man kann sagen, es ist nicht so schlimm, wenn es Stadtteile gibt, in denen die, mit mehr Geld wohnen und andere Stadtteile, wo die wohnen, die weniger haben. Das war schon immer so. Und das stimmt natürlich auch. Aber lange gab es in den Städten auch Wohnraum, der weniger kostete. So gab es durchmischte Wohngegenden, gerade in den Innenstädten.

Ich finde es nicht egal, was passiert, wenn Leute aus ihrer Nachbarschaft verdrängt werden, denn das macht Menschen einsam. Sie verlieren Nachbarn und Freunde und Freundinnen.

Die alte Dame erzählt beim Besuch: Die junge Familie von nebenan, die immer mit den Einkaufstüten geholfen hat, ist als erstes weggezogen. Aber sie braucht doch Hilfe! Wie soll es werden wenn sie jetzt wegziehen muss? Und wo wird sie landen?

In der Bibel heißt es mal: Ihr seid nicht mehr fremd, ihr seid jetzt Gottes Hausgenossen! Es ist nicht nur ein frommer Wunsch, sondern einfach vernünftig: Mit Mietern so umzugehen wie mit Hausgenossen! Da gibt es keine Luxussanierungen. Und auch keine Spekulanten. Da würde die alte Dame bleiben können. Und auch die Familie mit den Kindern. Ich finde: so sollte es nicht erst im Himmel sein!

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24APR2019
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Silvia heißt nicht Silvia. Aber ich will sie so nennen. Im vergangenen Jahr war sie im Gefängnis. Vier Wochen lang. Jemand hatte ihr Portemonnaie geklaut mit ihren Ausweispapieren drin. Dieser Jemand ist schwarzgefahren, wurde erwischt, hat Silvia die Schuld in die Schuhe geschoben.

Silvia lebte in dieser Zeit in einer Unterkunft für Wohnsitzlose. In der Unterkunft hat Silvia oft nicht ihre Post bekommen. Auch nicht die Mahnungen: Sie sollte Strafe zahlen für das Schwarzfahren. Irgendwann stand die Polizei bei ihr vor der Tür, weil sie die Strafe nicht bezahlt hat, nicht reagiert hat auf die Mahnungen.

Sie wurde verhaftet, abgeführt und ins Gefängnis gebracht. Silvia hat sich so geschämt, dass sie fast niemand informiert hat. Keiner konnte ihr helfen. Erst als sie herauskam hat sie alles erzählt. Die Scham ist tief in ihr Leben eingesickert.

Aber dann hat sie Stück für Stück wieder Mut gefasst. Sie war jeden Sonntag im Gottesdienst, oft zweimal. Sie freut sich an den Begegnungen. Dass sie da einfach ganz normal sein kann. Dass da immer jemand ist, der ihr zuhört. Sie fühlt sich angenommen, spielt mit den Kindern. Sie sucht Nähe, Umarmung, Ermutigung. Und sie hilft gerne mit, bei Festen kocht sie Kaffee und hilft in der Spülküche. Alle kennen sie und unterhalten sich mit ihr.

Jetzt hat sie tatsächlich eine Wohnung und einen Job. Strahlend sitzt sie neben der Kirche auf der Wiese und erklärt: „ich freu mich schon so, weil  morgen Montag ist. Da kann ich wieder arbeiten gehen“. Ein neues Leben – eine Auferstehung!

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23APR2019
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„Können wir da nicht was ganz anderes machen?“ Valentina, eine der Verantwortlichen in unserer Gemeinde hat eine Idee. In Mannheim ist verkaufsoffener Sonntag angekündigt. Dabei geht die biblische Idee vom wöchentlichen Ruhetag schnell verloren. Die Frau aus der Gemeinde möchte ein Zeichen setzen.

Ihre Idee: Wir machen genau dann eine Kleidertauschparty! Jede bringt Kleidungsstücke mit, die sie nicht mehr braucht und dann wird getauscht. Ohne Geld. Mit Kaffee und Kuchen. Ganz schnell findet die Idee Freunde und vor allem Freundinnen. Die einen backen Kuchen, andere kochen Kaffee. Und viele sortieren zuhause feine Teilchen aus. Es ist Sonntag, ein herrlicher Tag!

Neben der Kirche auf der Wiese Kleiderständer mit vorsortierten Klamotten. Röcke, Kleider, Hosen, Pullover, Shirts, Blusen. Aufgeregt warten wir, was jetzt passiert.

Und tatsächlich sofort kommen die ersten Leute. Jugendliche erklären ihnen, wie es funktioniert. Ganz unkompliziert kommen sie zusammen: Junge und alte, vor allem Frauen, Leute mit offensichtlich mehr und andere mit sehr wenig Geld, beraten sich gegenseitig. Wählen Lustiges aus oder Klassisches. Und alle sind hochzufrieden: Ich hab meinen Schrank aussortiert, Fehlkäufe, Sachen die mir definitiv nie mehr passen werden. Und jemand anderes freut sich drüber, aber wie! Eine alte Dame beobachtet wie ihr Kleid, an einer jungen Frau aussieht, erzählt ihr wo sie das kostbare Stück herhat, wie sie es getragen hat, von einem Fest, von dem Mann an ihrer Seite.

Jetzt feiert dies Kleid eine Auferstehung. Die alte Dame und die junge Frau strahlen einander an. Dieser Sonntag war bei uns ein Fest! Genauso hatte Valentina es sich gewünscht!

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22APR2019
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Ich treffe ihn im Café der Diakonie. Sagen wir, er heißt Rainer: Rainer fragt mich immer wieder: Wissen Sie nicht irgendwie eine Wohnung für mich? Ich weiß leider nix und kenne gerade auch niemand, der etwas zu vermieten hätte. Aber ich weiß warum er sucht und es so schwierig für ihn ist: Er lebt von Hartz IV, verdient ein bisschen etwas dazu mit einem 1-Eurojob.

Jahrelang konnte er nicht arbeiten, schon früh ist er abgerutscht in die Drogensucht, das hatte viele Gründe. Aber letztes Jahr endlich war er so weit:

‚Jetzt mach ich einen Entzug. Nach mehr als zwanzig Jahren.‘ Ein halbes Jahr war Rainer weg. Erst dachte er, er schafft es nicht, wenn er wieder in das gleiche Umfeld zurückzieht. Aber dann erklärt er mir: „Die haben mir hier so geholfen, dass ich genau weiß, dass ich es schaffe!“ „Die“ das sind die Leute im Diakoniepunkt, einer Einrichtung für Bedürftige direkt neben unserer Kirche.

Hier kann man gebrauchte Kleider kaufen, Brot von gestern, alte Schallplatten und Bücher. Seit Monaten hilft er hier. Ein paar Wochen habe ich ihn nicht gesehen. Bei unserer nächsten Begegnung ist es anders, ich frag ihn: was ist denn nun mit Ihnen und der Wohnung: er strahlt von einem Ohr bis zum anderen: „jetzt hawwisch änni, s‘wa abba auch zeit“.

Nicht genau da wo er es sich gewünscht hätte, aber eben, in seiner Stadt. So dass er hier weiter arbeiten kann. „Da fühlt ma sisch endlich widda wie’n Mensch!“ Es ist Ostern! Rainer ist auferstanden.

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21APR2019
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Ostermorgen –Wir sitzen in einer riesigen Kirche. Mittendrin. Die Kirche steht auf der Chicagoer Southside, mitten im afroamerikanischen Ghetto. Ein sozialer Brennpunkt. Hier toben Bandenkriege und Polizeigewalt. Jedes Jahr gibt es Tausende von Schießereien, Hunderte Tote. Hier sterben mehr Amerikaner als im Irak- und Afghanistaneinsatz der USA zusammen.

Viele Menschen sind arm und arbeitslos. Viele sind drogenabhängig und verzweifeln am Leben. Auf den Straßen kann man nicht spielen. Die Eltern fürchten sich vor verirrten Kugeln, die die Kinder treffen könnten. Aber dann diese Kirche, mitten im Stadtteil: 3.000 Leute passen hier rein, rappelvoll ist sie an diesem Morgen.

Eine afroamerikanische Gemeinde: Junge Leute, alte Leute. Sie kümmern sich um Obdachlose, um Leute, die aus dem Gefängnis kommen. Sie stehen auf gegen die Rassendiskriminierung, immer geht es darum einander Mut zu machen.

Studierende aus Mannheim haben sich auf den Weg gemacht, um hier zu erleben, was Ostern bedeutet. Was heißt Auferstehung in einer Situation in der das Leben so bedroht ist; in der fast jede Familie einen Toten zu beklagen hat, der Opfer der Gewalt wurde.

In der Jugendliche lernen müssen, sich so zu verhalten, dass sie lebend nachhause kommen, wenn sie der Polizei begegnen.

Ostern ist hier anders: Trotziges Aufstehen gegen die Mächte des Todes. In der Gemeinschaft die Kraft zum Leben finden. Singen, Beten, Predigen – lautstark. Gegen die Verzweiflung. Jesus lebt – und ihr sollt auch leben!

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