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SWR3 Gedanken

Auf dem Katholikentag in Münster haben wir einen Flashmob ausprobiert. Ich war echt gespannt, ob es klappt. Wir haben dazu aufgerufen, um 14.30 Uhr an unseren Stand zu kommen, und gemeinsam das Lied „Ein bisschen Frieden“ zu singen.

Kurz vor halb drei waren dann tatsächlich 80 Leute an unserem Stand. Mein Kollege hat die Gitarre geschnappt, und dann ging´s los: „Ein bisschen Frieden“ von Nicole aus voller Kehle mit einem Grinsen im Gesicht. Anschließend klatschen alle und jubeln. Noch ein Tschüss und dann gehen alle wieder ihrer Wege.

Die Idee zu dem Flashmob hatten wir, weil am Abend das Finale vom Eurovision Song Contest war. Und außerdem hat das Motto des Katholikentags dazu gepasst: „Suche Frieden“.

Was mich begeistert hat, war die Stimmung nach dem Flashmob. Es war irgendwie „friedensbewegt“. Es hätte auch gut gepasst wenn jemand gesagt hätte: „Los jetzt. Das mit dem Frieden, das muss doch irgendwie zu machen sein!“ Es lag sowas wie Aufbruch in der Luft und ich war plötzlich zuversichtlich, dass wir Menschen doch nicht ganz so schlecht sind. Klar, die großen Probleme der Welt kann ich nicht lösen. Ich will mich aber auch nicht machtlos und untätig in die Ecke setzen. Natürlich kann ich was machen. Ich kann ein bisschen dazu beitragen, dass es besser wird. Ganz konkret: ich versuche im Alltag, so wenig Plastik wie möglich zu benutzen. Das fängt beim Einkaufen an und hört bei den Spielsachen für die Kinder auf. Und mein Mann und ich fahren Fahrrad. Unter der Woche steht unser Auto fast immer und wird nur für lange Strecken bewegt. Ich glaube schon, dass auch diese scheinbar kleinen Schritte was bewirken. Hauptsache, ich bin mir bewusst, dass das was ich tue, sich auf die Welt auswirkt. Und dann muss ich anders leben. Im Kleinen.

Den großen Frieden, den kann ich alleine nicht schaffen. Aber ein bisschen Frieden – das müsste eigentlich drin sein.

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Arnaud Beltrame ist ein Held. Der französische Polizist hat sich bei einem Terroranschlag in Südfrankreich gegen eine Geisel eintauschen lassen. Arnaud Beltrame ist angeschossen worden und später gestorben. Zu Recht ist er sofort als Held bezeichnet und gefeiert worden.

Der Bischof von Rouen hat allerdings einen wichtigen Hinweis gegeben. Er hat gesagt: „Es ist unerträglich, sofort davon zu sprechen, dass ein Tod fruchtbar ist. Wir sollten erst die Zeit der Trauer abwarten. Wir sollten zu unseren Tränen stehen, bevor wir sofort einen `Sieg´ verkünden.“

Der Satz hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich finde ihn richtig und gut. Arnaud Beltrame ist tot. Gestorben unter dramatischen Umständen. Aber gerade dann sollte Zeit sein, zu trauern. Wenn wir trauern, geht es darum, zu begreifen, was passiert ist. Es geht darum, die Gefühle zu sortieren. Bevor der Polizist öffentlich als Held gefeiert wird, müssen alle erstmal um ihn weinen dürfen. Allen voran natürlich seine Familie.

Dem Bischof geht es wohl ähnlich wie mir, wenn er von `Sieg´ spricht. Ich finde, dass Arnaud Beltrame vereinnahmt wird. Er ist für mich kein Sieger, denn Sieger klingt nach Krieg. Und er hat durch seine Aktion gezeigt, dass er sich eben nicht auf den Krieg einlässt.

Ich weiß, dass Frankreich eine ganze Reihe von Attentaten zu verkraften hat. Vielleicht muss es dann um Kampf, Verteidigung, um Sieg und um Helden gehen. Dass es in Westeuropa nötig ist, so zu sprechen, erschreckt mich trotzdem.

Arnaud Beltrame hat sicher gewusst, was auf ihn zukommen kann. Dass er sich so selbstlos für jemand anderes dem Tod ausgesetzt hat, macht ihn für mich aber nicht in erster Linie zum Helden. Sondern zu einem Mann des Friedens.

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Für mich gibt es fast nichts Spannenderes als Familien und ihre Geschichte. Ich bin zum Beispiel quasi mit drei Eltern groß geworden. Mama, Papa und eine Tante, die uns sehr geprägt hat. Ich hatte eine Bilderbuch-Kindheit mit Hof, Tieren und viel Freiheit. Nachdem mein Opa gestorben ist, hat es dann geknallt. Der Klassiker, es ging ums Erbe. Inzwischen können alle Beteiligten immerhin wieder miteinander reden.

Ich hab direkt danach gedacht, nur bei uns ist es so schrecklich. In allen anderen Familien läuft es super.

Aber ich habe festgestellt, das stimmt gar nicht. Es gibt sogar eine Redensart, die heißt:  „Unter jedem Dach ein Ach“. Das beruhigt mich, wenn ich ehrlich bin.

„Unter jedem Dach ein Ach“. Ich hab zum Beispiel rund um Beerdigungen wirklich erfahren, dass der Satz stimmt. Wenn mir Familien in Trauergesprächen ihre Geschichte erzählen, kann ich manchmal den Schmerz viel besser nachvollziehen. Es kriselt eben überall: Mama kann die Schwiegertochter nicht leiden, die Tochter hat die Firma nicht übernommen, der Ehemann geht ständig fremd. Nirgends läuft es perfekt. Die Frage ist nur, wie die Familien damit umgehen.

Ich hab mich entschieden, den Kontakt zu meiner Tante abzubrechen. Das hat weh getan, aber es war auch befreiend.

Das Befreiendste war für mich aber erstmal überhaupt dieser Satz „Unter jedem Dach ein Ach.“ Dass ich eben mit der schweren Familiensituation nicht alleine bin. In jeder Familie ist es schwierig. Das zu erkennen ist entlastend und ein erster Schritt um Lösungen zu finden, wie ich besser damit leben kann.

 

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David Hogg hat überlebt. Im Februar hat ein ehemaliger Schüler in Florida 17 Menschen erschossen und genauso viele verletzt. David Hogg war mittendrin. Er hat währenddessen ein Video gedreht. Man sieht, wie ein verängstigter Schüler in die Kamera flüstert: „Mr. President, schauen Sie, was hier passiert. Stoppen Sie das!“ Jetzt, einige Monate nach dem schrecklichen Amoklauf setzt sich David Hogg dagegen ein, dass jeder in den Vereinigten Staaten eine Waffe zu Hause haben kann. Für ihn führt das dauerhaft zu weiteren Schießereien.

David ist erfolgreich. Alle Medien kennen ihn und berichten über seine Aktionen. Viele loben, andere schimpfen, wieder andere lachen. Jedenfalls erreicht er auch allerhöchste Kreise. Selbst Präsident Trump und seine Leute twittern über ihn. Natürlich nichts Gutes. Aber David lässt sich nicht unterkriegen. Egal, was wer sagt, alles macht auf ihn und seine Kampagne aufmerksam. Unter dem Hashtag „Never again“ – „nie wieder“ ist eine richtige Bewegung entstanden, die schärfere Waffengesetze fordert.

Ich bewundere David Hogg sehr. Dafür, dass er nach dem Amoklauf die Kraft hatte, aufzustehen und den Mund aufzumachen. Dass er öffentlich davon erzählt, was da passiert ist und wie sich das auf jeden einzelnen auswirkt. Einige seiner Mitschüler können keine Sekunde mehr alleine sein. Andere bleiben einfach im Bett. Niemand kann besser als David beschreiben, warum es nicht sein kann, dass jeder eine Waffe braucht und vor allem haben darf. Waffen tragen einfach nicht dazu bei, friedlich zusammen zu leben. Irgendwer wird sie immer nutzen, um zu drohen, um Angst zu machen, um zu töten. Ich bin unendlich froh, dass es Menschen wie David Hogg gibt. Die sich hinstellen, denen Drohungen egal sind. Und die davon erzählen, dass sie am eigenen Leib erfahren mussten, wie wertvoll das Leben ist.

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Ein junger Mann steht vor mir, streckt mir einen kleinen Holzengel entgegen und sagt: „Hier für Sie. Sie sollen auch einen haben. Er soll sie begleiten.“ Ich bin platt. Ich habe eine Veranstaltung moderiert und bin froh, dass es gut gelaufen ist.

 

Der junge Mann heißt Martin und ich komme mit ihm ins Gespräch. Er erzählt mir, dass er seit seiner Kindheit blind ist. Martin ist krank. In seinem Kopf wachsen Tumore. Gutartig zwar, aber die machen natürlich was kaputt. Vier große Operationen hat er schon hinter sich.

Martins Motto heißt: „Lass dich nicht unterkriegen.“ Und so hat er nach einer der Operationen beschlossen, seine Kraft nicht nur für sich, sondern auch für andere einzusetzen. Er hat die Ausbildung zum Hospizbegleiter gemacht und ist für Menschen da, die bald sterben. Auch die bekommen einen Engel von ihm. Die Engel macht Martin selbst. Ein Lehrer hat ihm gezeigt, wie er auch blind die Säge führen und Holz bearbeiten kann. Seine Eltern unterstützen ihn dabei.

Martin ist Christ. Besonders geprägt haben ihn die Worte „Fürchte dich nicht“ aus der Bibel. Das sagen Engel meistens als erstes, wenn sie zu jemandem kommen um eine Botschaft von Gott zu überbringen.

Martins Engel sind mittlerweile auf der ganzen Welt verteilt. Immer wenn er das Gefühl hat, jemand braucht Kraft oder etwas, um sich daran festzuhalten, wird ein Engel verschenkt.

Das hab ich wohl nach der Moderation auch gebraucht. Martin hat das gespürt. Sein Engel ist in meiner Handtasche immer dabei. Und wenn ich mal nicht richtig weiter weiß, sagt mir Martins Engel hoffentlich „Fürchte dich nicht.“

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Ich bin sicher, mein Opa hat Menschen erschossen. Im Zweiten Weltkrieg. Opa ist in Russland gewesen. Als Rittmeister in der berittenen Truppe war er ganz vorne an der Front mit dabei. Ich glaube nicht, dass er ein Nazi war, das passt einfach nicht zu ihm. Aber er war Teil des Systems. Und als solcher hat er geschossen, ist selbst einige Male angeschossen worden und hat Dinge erlebt, die unaussprechlich sind.

Opa hat fast nichts vom Krieg erzählt. Er hat ihn aber nicht nur in Russland erlebt, sondern sein ganzes Leben lang fast jede Nacht. Immer wenn ich bei meinen Großeltern übernachtet habe, bin ich wach geworden, weil Opa geträumt hat. Er hat sich gewehrt, laut geschrien, gekämpft.

Opa ist schon lange tot. Jetzt hab ich selbst Kinder und komme an den Punkt, wie ich unsere deutsche Vergangenheit, wie ich den Zweiten Weltkrieg mit meinen Kindern bespreche. Es leben heute kaum noch Menschen, die den Krieg erlebt haben. Wenn meine Kinder in der Schule sind, werden keine Zeitzeugen mehr da sein. Die Kinder können dann theoretisch lernen, was damals geschehen ist und was zu diesem verheerenden Krieg geführt hat. Aber sie können von niemandem mehr live hören, wie es war, direkt beteiligt zu sein. Welche Ängste da waren.

Ich bin ganz sicher, dass der Krieg an meiner und den weiteren Generationen nicht spurlos vorübergegangen ist. Auch wenn wir nicht direkt beteiligt waren, wird so ein Trauma in Familien über viele Jahrzehnte weitergetragen. Es gibt Studien, die belegen, dass sich die traumatischen Erfahrungen sogar vererben.

Ich, meine Generation, wir stehen jetzt vor der Herausforderung, das anzugehen. Darüber zu sprechen, nachzuvollziehen, was mit den Menschen im Krieg passiert ist. Und was das für unsere Familien, für unser Leben heißt. Ich denke, wir müssen jetzt hellwach, mutig und offen sein. Und wir müssen sprechen, damit sich so ein Drama und auch das Trauma nicht wiederholen.

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Meine dreijährige Tochter Mathilde steht vor mir und schimpft: „Mama, antworte mir!“ Sie hat mich voll ertappt. Ich habe nur mit halbem Ohr zugehört, zwischendurch ein „Mmhhh“ gemurmelt und weiter den Tisch abgeräumt.

 

Diese Szene gibt es bei uns im Alltag immer mal wieder. Hinterher hab ich regelmäßig ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht richtig zugehört und vor allem, nicht ordentlich geantwortet habe. Ich bin froh, dass Mathilde das inzwischen sagen kann: „Antworte mir!“

Dieses Antwortgeben ist extrem wichtig zwischen uns Menschen. Das ist mir durch die Kinder ganz bewusst geworden. Jemandem antworten hat was mit Verantwortung zu tun. Wenn ich mit einer Person spreche, dann habe ich auch Verantwortung dafür, dass das Gespräch gut läuft. Aber auch dafür, dass niemand verletzt wird und dafür, dass ich die Wahrheit sage. Andernfalls nimmt mich mein Gegenüber nicht mehr ernst und wird auf Dauer sicher nicht mehr mit mir sprechen. Wenn ich jemandem antworte, dann bin ich aufmerksam für ihn oder sie. Ich sehe die Person. Genau das finde ich so wichtig zwischen uns Menschen. Dass wir uns wirklich sehen.

Verantwortung ist für mich ein viel größeres Thema seit dem ich Kinder habe. In meiner Familie ist es mir besonders wichtig, aufmerksam zu sein und zu antworten. Und falls ich das zwischendurch aus dem Blick verliere: wie gut, dass Mathilde mich immer wieder daran erinnert.

 

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