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SWR3 Gedanken

In den letzten zwanzig Jahren sind dreiviertel aller Insekten in Deutschland verschwunden, ganze Arten. Irgendwie kann ich mir das gar nicht  richtig vorstellen. Ich fürchte, die wenigsten Leute stört das in ihrem Alltag. Manche witzeln, dass es doch sehr angenehm sei, dass weniger Fliegen und andere Viecher im Sommer auf den Autoscheiben kleben. Man vermisst eben nur das, was man liebt. Mitten in der Stadt ist das schwierig mit den Tieren. Selbst Mücken gibt es hier nicht so viele und die vermisse ich wirklich nicht.

Aber ich liebe es, wenn in den Blumen auf meinem Balkon alle möglichen Gottesgeschöpfe auftauchen, Tag- und Nachtwesen, zarte bunte taumelnde Schmetterlinge, schwere düster gemusterte Nachtfalter, dicke brummelige hungrige Hummeln, und sirrende Wespen. Die sitzen auf Blüten, tauchen mit dem ganzen Körper in süße Mahlzeiten oder strecken nur den Rüssel vor und saugen Leckereien aus Blütenkelchen.

Und dann kommen auch die Vögel: ein lautstarkes Amselpaar, Mauersegler fliegen pfeilschnell durch die Häuserschluchten und pfeifen schrill. Ein Rotschwänzchen zwitschert wie eine knarzige Tür und ein scheues Rotkehlchen versteckt sich vorsichtig zwischen Hortensie und Rose und guckt aus dunklen Kulleraugen.

Ich liebe diese kleinen Erscheinungen und verbringe gerne Pausen vom Schreibtisch damit, die Tierchen zu bewundern. Oder – wenn ich guter Laune bin - gegenanzuzwitschern. Ich meine mit dem Kennenlernen, der Bewunderung, und der Liebe zu den Tierchen entstehen Ideen, wie ich sie schützen kann. Vielleicht gelingt es ja doch, neue Lebensräume zu schaffen. Dazu ist keine Fensterbank und kein Balkon zu klein und jeder kann mitmachen!

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Für mich ist das Meer wie Gott. Wenn ich im Sommer darin schwimme, umhüllt und trägt mich das warme Wasser. Wenn ich tauche, gelange ich an Orte, deren Tiefe unergründlich ist. Lege ich mich auf den Rücken, ist es, als könnte ich schweben zwischen Meer und Himmel. Ich fühle mich geborgen.

Und doch ist das Meer so weit, dass ich es nie fasse. Auch bedrohlich und fremd. Es schenkt Leben und es nimmt Leben. Es ist nicht mehr so leicht, das Meer einfach zu genießen, wenn ich am Mittelmeer stehe und weiß, dieses Meer ist ein Massengrab.

Das ist nicht zufällig. Es wird als Grenze missbraucht, um Menschen, die vor Krieg und Verfolgung, vor Armut und Hunger fliehen, abzuwehren. 2015 überlebte jeder 38. die Fahrt über das Mittelmeer nicht. In diesem Sommer, seit Juni, ertrinkt jeder 6., bei dem Versuch sich zu retten. Weil der Innenminister Salvini in Italien die Häfen geschlossen hat. Weil Seenotretter zu Kriminellen gemacht werden. Selbst ein Schiff von Frontex der EU-Grenzschutzbehörde darf nicht mehr in den Hafen. Das Seenotrettungsflugzeug von seawatch ist beschlagnahmt. Das ist die Organisation, die die Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer ehrenamtlich organisiert. Diese Beschlagnahmung soll verhindern, auch nur zu zählen, wie viele Geflüchtete da sind und wie viele umkommen. Geschweige denn je ihre Geschichten zu erfahren.

Demonstranten in Italien rufen ‘Meno Salvini – piu salvati!’ -

‘Weniger Salvini – mehr Gerettete.’ Und erklären: ‚Wir schämen uns dafür, dass die Stimme Italiens in der Welt als Stimme der Unmenschlichkeit gehört wird. Wir lassen es nicht weiter zu, dass dies die einzige Stimme bleibt.’

Wenn bei uns Politiker Witze über Abschiebung machen, dürfen Christen nicht länger schweigen! Macht den Mund auf, auch Geflüchtete sind Kinder Gottes!

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Einen Sommerlieblingshit hat bestimmt jeder. Meinen hab ich entdeckt als ich etwa zehn Jahre alt war, auf einer alten Platte meines Vaters. Da waren lauter  Hits der 68er drauf und mitten darunter: ‘Sittin on a dock of the bay.’

Damals habe ich einfach nur den unfassbar coolen Sound geliebt. Und diese Zeilen: ‘Ich sitz hier in der Morgensonne - heut Abend werd' ich immer noch da sitzen. Guck zu, wie die Schiffe einlaufen und später wieder auslaufen…‘

Mein Herz war sofort voller Bilder, schon allein weil ich als Kind in Hamburg lebte. Schiffen zusehen war wie sonntags Kuchen essen.

Ich wusste weder wer Otis Redding war, nicht, dass er schon tot war als der Song herauskam und auch nichts davon was schwarze Musik ausmacht, nichts von der Hoffnung und Wut und Schmerz. Ich wusste nichts von dem Mann, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte, oder von dem Kampf der Afroamerikaner um Freiheit und Gleichberechtigung.

Ich hörte einfach eine Stimme wie eine sanfte und mitreißende Umarmung, eine Stimme, die dich rausholt aus dem hier und jetzt, melancholisch an ein Ufer setzt, du guckst über den Hafen, schaust den Schiffen zu, dem Wasser wie es kommt und geht und alles andere ist nicht so wichtig, weil du eh nix ändern kannst.

Melancholisch, aber auch befreiend, für die gemacht, die das Meer lieben und die sich einfach dahinträumen.

Dann fängt er auch noch an zu pfeifen, pfeift auf alles und ich pfeife mit; lausche auf die Wellen und weiß noch nichts; träume mich in diesen Song, in diesen Sommer und meine sehnsüchtige Seele wird weit.

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Ich packe meinen Koffer und nehme mit… Dieses Spiel haben wir früher oft gespielt, am liebsten kurz bevor wir in Urlaub gefahren sind. Auf diese Weise haben wir dauernd die Vorfreude gesteigert und meine Mutter hat uns geschickt darauf trainiert, im Kopf genau klar zu haben, was wir alles mitnehmen wollten und sollten.

Inzwischen spiele ich das Spiel gerne anders herum: Wenn ich weiß; jetzt endlich, jetzt ist es soweit: ich darf weg, in Urlaub oder zumindest aufhören zu arbeiten und mal alles loslassen, dann überlege ich mir: Ich packe meinen Koffer und was lasse ich hier? Was lasse ich los? Den bösen Computer, der nie tut, was ich will. Den Ärger mit Vorgesetzten oder Kollegen vielleicht. Die Sorge um die Kinder in der Schule, das dauernde Gefühl, nicht fertig zu werden, die endlosen Meetings, das zähe Ringen um Ergebnisse, die Zeitnot, den Gewinndruck, die Konkurrenz. Vielleicht sogar den Laptop, damit die Mails nicht immer nur einen Klick entfernt lauern. Und vielleicht gelingt es mir irgendwohin zu fahren, wo das Handy nicht geht und es kein Internet gibt und ich einfach unerreichbar bin.

Dann könnte mir gelingen, mich zu verlaufen oder mich zu langweilen, meinen inneren Kompass neu auszurichten, Gottes Stimme in mir und in der Welt zu lauschen, Menschen neu begegnen und zu sehen wie Gott sie erträumte meine Haare im Wind trocknen und einen lang ersehnten Weg einschlagen.

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Ich treffe eine Freundin auf der Straße. Sie arbeitet mit Geflüchteten und sieht strapaziert aus. Ich komme gerade aus einer Sitzung, da ging es um Wohnsitzlose. Ich frage, wie es ihr geht und sie meint: ‚die Arbeit ist wahnsinnig anstrengend. Unsere Rahmenbedingungen sind so schlecht und das soll wohl so sein. Den Leuten soll nicht wirklich geholfen werden.‘

Wo debattiert wird über die Frage, wie man mit Menschen umgeht, die versuchen, ihr Leben zu retten vor Krieg und Verfolgung oder vor Hunger und Not, wird oft in gleicher Weise geredet darüber was man mit Menschen macht, die sichtlich den Halt in ihrem Leben verloren haben. Seien es Drogenkranke oder Menschen, die öffentlich Alkohol konsumieren; seien es Obdachlose oder Alte.

Immer stehen da drei Fragen im Raum: Sind die deutsch? Was leisten die? Was kosten die uns?
In der Bibel gibt es einen grundsätzlich anderen Wert: ‚Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn!‘

Es ist egal, was einer leistet, es ist egal, welchen Pass einer hat und wo eine geboren wurde: der Mensch ist ein Mensch, Gottes Geschöpf, ja Gottes Kind. Kein Mensch hat das Recht, einem anderen zu erklären, dass er weniger wert sei, warum auch immer. Der Wert eines Menschen, ist aus christlicher Perspektive absolut.

Das heißt; jeder Mensch hat das Recht gerettet zu werden und: jeder Mensch hat das Recht auf Leben - mit allem was dazu gehört!

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Gehören zu Deutschland jetzt auch keine Frauen mehr? Als Horst Seehofer die Führungsriege seines Bundesinnenministeriums vorstellte, standen da um ihn herum acht Männer. Nicht eine Frau. Also, ob Frauen noch dazugehören ist eine gute Frage!

Weil es gar nicht so lange her ist, dass Frauen gar nichts zu sagen hatten in der Politik. Dieses Bild erzählt leider auch davon, dass es wieder selbstverständlicher geworden ist, dass in Deutschland Politik ohne Frauen gemacht wird. Leicht zu erkennen ist das am Mangel an Farbe im aktuellen Bundestag: die Herren tragen anthrazit bis dunkelblau oder gleich schwarz, bei den Damen findet sich Farbe in der Kleidung. Also: je weniger Farbe im Parlament, umso weniger Frauen. An vielen Stellen werden Frauen wieder ausgegrenzt aus der Macht.

Zum Glück haben viele Frauen geübt, mit so etwas umzugehen. Und zum Glück gibt es biblische Geschichten, die von starken Frauen erzählen und daher eine gute jüdisch-christliche und zugleich feministische Tradition: aufzustehen, den Kopf zu heben, und sich mit anderen verbünden, die auch ausgegrenzt werden.

In der Bibel gibt es eine lange Tradition patriarchaler Muster. Die Geschichten werden aus Männerperspektive erzählt und die Macht liegt bei den Männern.

Aber es gibt auch Frauen, die diese Situation drehen. Eine Geschichte erzählt von Esther, die ohne dass der König wusste, dass sie Jüdin ist, von ihm wegen ihrer Schönheit erwählt zur Königin wurde und dann ihr ganzes Volk rettet.

Eine andere von Judith, die dem Tyrannen Holofernes zuerst den Kopf verdreht und dann abschneidet, bevor er Frauen und Kinder als Kriegsbeute nehmen kann.

Dann sind da die Frauen um Jesus, die ihn begleiten und unterstützen. Kluge, schöne und kämpferische Frauen. Es scheint mir an der Zeit, sich an diese starken Frauen zu erinnern, und das Heft wieder in die Hand zu nehmen für Frauenrechte und für und mit allen anderen, die immer wieder ausgegrenzt werden!

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Ein Sonntag in den Ferien, da kann man und frau die wunderbarsten Sachen machen. Alles fängt an mit Liegenbleiben, den Rollo ganz runterlassen, sich auf die andere Seite rollen und weiterschlafen und irgendwann sanft in den Tag aufstehen.

Und dann frühstücken. In Ruhe mit duftenden Brötchen und Orangenmarmelade, frischen Aprikosen, weich gekochten Eiern und etwas Musik und am besten mit jemand, den du liebst, zusammen.

Und dann plaudern und Pläne schmieden und schon mal im Kopf herumreisen. Man könnte schwimmen gehen oder in den Wald, wandern, singen, meditieren, den Bach plätschern hören und mit der Amsel und dem Buchfink herumzwitschern. Oder einfach zuhause bleiben, ein Buch heraussuchen, auf dem Balkon den Wolken zusehen oder sich in den Schaukelstuhl setzen und erstmal nur sitzen und dann irgendwann langsam losschaukeln.

Oder vielleicht doch loslaufen in die sonnendurchtränkten Straßen der Stadt ein neues Café ausprobieren, ein riesiges Eis essen und den Leuten zusehen. Schweigen, plaudern, Fahrrad fahren am Fluss entlang, sich auf eine Bank setzen, die Natur genießen; noch weiter fahren; richtig Hunger bekommen und am Abend etwas richtig Gutes kochen und Freunde einladen, eine Flasche Wein aufmachen und noch eine und plaudern bis in die Nacht, Zeit verschwenden und verschenken bis sie ganz groß wird und die Seele weit und wie Füße am Steg überm See baumelt.

Und in alledem spüren: Gott ist dabei und jubelt darüber, dass wir all das Schöne was er uns schenkt, so genießen.

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