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SWR3 Gedanken

Angestrengt beißt er die Zähne zusammen. Der Kiefer tut ihm weh vom vielen Zähneknirschen. Er kann es immer noch nicht fassen. Ein Kind. In nur wenigen Wochen wird seine Verlobte ein Kind bekommen. Und er ist sich sicher: „Ich bin nicht der Vater des Kindes!“ Er weiß nicht, was er fühlen soll. Im Kopf, im Herzen fühlt er nichts. Ihm ist eher schlecht, speiübel. Wenn er an seine Verlobte denkt.

Klar, er ist nicht mehr der Jüngste. Kann von Glück reden, dass er mit seinem bescheidenen Aussehen, seinem bescheidenen Leben noch eine Frau gefunden hat... Und auch wenn er nie viel gehabt hat, eines ist ihm immer geblieben: Sein Wort. Ein Mann, ein Wort, hat er immer gesagt. Immer ist er zu dem gestanden, was er mal zugesagt hat. Aber jetzt? Soll er sie immer noch heiraten? Hat sie ihn nicht für dumm verkauft? Mit einem anderen Betrogen?

Sollte er nicht weglaufen? Sie nie wieder sehen? Aus und vorbei? Sicher, sie hat ihm gesagt, dass es für sie keinen anderen Mann gegeben hat. Aber wer soll ihr das denn glauben? Aber kann er sich darauf verlassen? Kann er ihr glauben? Für die Familien ist es auf jeden Fall ein Skandal.

Und trotzdem: Irgendwie liebt er sie noch immer. Du alter Narr! Sagt er sich. Von wegen „Wunderkind, Friedensbringer“ wie Maria zu ihm gesagt hat. Immanuel soll er das Kind nennen. Was ja heißt: Gott ist mit uns. Gott mit uns? Wirklich? Josef weiß es nicht. Er kann nur warten. Bis sich die Dinge klären. Und hoffen. Dass sich alles zum Guten wendet. Dass es tatsächlich ein Immanuel wird, dieses Kind. Sein Kind. Gott mit uns. Ein Mann, ein Wort.

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Gott sei Dank, der November ist vorbei. November, du bist ein Arschgesicht! Hat sogar der Dichter Fritz Eckenga mal gesagt. Dunkle, nassgraue Tage, Nebel, Husten und Schnupfen. Aber November ist vorbei. Und jetzt ist Dezember. Und der Dezember- der steht für „Trost“.

Trost- weil der Dezember voll ist von Kerzen und Lichtern. Man muss nur durch die Straßen laufen, überall Lichter. Hell leuchtende Weihnachtssterne, bunte Lichterketten, und ja, manchmal auch blinkende Weihnachtsmänner und Rentiere. Ich mag das. Und auch drinnen kann ich gar nicht genug davon haben. Auf dem Tisch, am Adventskranz mit seinen großen, bunten Kerzen. Daneben noch jede Menge Teelichter, in allen Farben. Und auf dem Fensterbrett. Ein helles Licht für die da draußen, wenn es dunkel wird. Alle Jahre wieder. Meine Tochter und ich lieben es, in dieser Zeit auf der Straße Fenster zu gucken: Die hell erleuchtet sind, in warmen Licht, einladend und irgendwie tröstlich.

„Ohne die Dunkelheit könntest Du keine Sterne sehen.“ Hat mal jemand gesagt. Und damit gemeint: Auch wenn Dunkelheit Angst macht und unheimlich ist, wer niemals dunkle Zeiten und düstere Aussichten erlebt hat, weiß gar nicht, was für ein Wunder das ist, wenn es hell wird. Wenn es am Ende des Tunnels wieder hell wird.

Es gibt ja Zeiten, die kann man nur überstehen und durchstehen. Der Prophet Jesaja hat in der finstersten Zeit, die sein Volk durchzustehen hatte, mal gesagt: „Das Volk, das im Finstern wandert, sieht ein großes Licht. Und über denen, die da wohnen, scheint es hell.“ Gott sei Dank. Der November ist vorbei. Der Dezember... bringt Trost. Und Weihnachten bringt Licht und Wärme.

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Ein marodes Holzboot. Irgendwo draußen auf dem Mittelmeer. Das Boot ist alt, und eigentlich nicht mehr seetüchtig. Wenn die Wellen gegen die Planken schlagen, knackt das Holz. Wie eine Nussschale schlingert das Boot durchs Wasser. Viel zu viele Menschen sind an Bord.  Das Holzboot droht jeden Moment unterzugehen. Obwohl voller Menschen, ist es beinahe totenstill. Vor Angst sind die Menschen wie erstarrt. Plötzlich ein Geräusch. Erst ein schmerzerfülltes Stöhnen. Ein leises Wimmern. Und dann: Ein Schrei. Immer lauter. Durchdringend. Voller Leben. Mitten in der größten Seenot wird ein Kind geboren. Als die Retter das Boot erreichen, sind beide, Mutter und Kind, noch durch die Nabelschnur verbunden. Einer der Helfer, so berichten es die Zeitungen später, fragt sich völlig schockiert: Wie groß muss die Not der Frau gewesen sein, dass sie so kurz vor der Geburt auf ein marodes Holzboot steigt?

Diese Geschichte hat mich lange beschäftigt. Noch ist zwar nicht Weihnachten. Aber für mich ist sie eine Weihnachtsgeschichte. Denn der, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, ist auch in Armut und Not hineingeboren worden. In einem zugigen Stall weit weg der Heimat. Mit der Geburt Jesu sollte aller Welt verkündet werden: Gott ist da. Mitten in der größten Not und Gefahr. In Angst und Verzweiflung leuchtet etwas auf, entsteht trotz allem neues Leben. Damals im Stall und heute auf der Flucht, auf dem Meer. Und nicht nur an Weihnachten.
„Fürchtet Euch nicht! Haben die Engel damals gesungen. Fürchtet euch nicht. Denn Euch ist heute ein Kind geboren...“

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Was war Ihr schönstes Geschenk an Weihnachten? – Meines war eine kleine grüne Schachtel. Innen mit weißem Stoff ausgelegt. Darauf lag ein klitzekleines Fahrrad. Aus grünem Draht gebogen. Etwas krumm an der einen oder anderen Stelle, aber mit vielen liebevollen Details. Mit einer Klingel. Und einer kleinen Lampe vorne. Es war von meinen Eltern. Ich sollte ein Fahrrad bekommen. Ein echtes, das ich mir selber aussuchen durfte. Und als Symbol dafür gab es zu Weihnachten dieses von meinem Vater selbstgebastelte Rädchen. An das echte Fahrrad, das ich später bekommen habe, kann ich mich längst nicht mehr erinnern. Aber dieses kleine grüne Rädchen in der Schachtel, das werde ich nie vergessen. Das war mein schönstes Geschenk.

Am heutigen Nikolaustag gibt es auch Geschenke. Der Tag erinnert an Nikolaus, den Bischof von Myra aus dem vierten Jahrhundert. Weil er alles verschenkt hat. Er hat alles, was er hatte, mit denen geteilt, die nichts oder nur sehr wenig hatten. Deshalb stellen Kinder heute ihre Stiefel und Schuhe raus. Damit Nikolaus etwas reinlegt. Ein Geschenk, das Freude macht. Auch wenn man schon so ziemlich alles hat.

Heute denke ich besonders an die, die noch nicht einmal ein paar Stiefel haben, die sie rausstellen könnten. Und ich hoffe, dass noch jemand an sie denkt. Und ihnen vielleicht ein Geschenk samt Stiefel hinstellt. Denn Geschenke sollen vor allem eins: Sie sollen zeigen: ich hab mir Gedanken um dich gemacht. Ich hab mir überlegt, was du wirklich brauchen kannst und was dir gut tut. Manchmal ist das materiell ja gar nicht viel. Der kleine grüne Drahtesel ist für mich eines der schönsten Geschenke gewesen - wegen der Liebe und der Geduld, die da drin gesteckt haben. Solche Geschenke wünsche ich Ihnen auch. Nicht nur heute.

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Es gibt Menschen, die sind wie ein Kielschwert. Ein Kielschwert hängt unten am Kiel eines Bootes. Es gibt einem Boot Stabilität, damit es nicht abtreibt oder Schlagseite bekommt.

Man sieht es nicht. Und doch liegt es an diesem Kielschwert, dass das Boot aufrecht und sicher ans Ziel kommt. Es gibt Menschen, die sind für Andere wie ein Kielschwert.

Eine meiner Lieblingsserien handelt von zwei völlig ungleichen Polizisten. Der eine ein fürsorglicher, treusorgender Familienvater, fast schon ein bisschen spießig. Der andere ein rüpelhafter, ungehobelter Kerl. Wer ihn näher kennt, kann ihn jedoch auch verstehen. Er hat seine Frau und sein Kind bei einem Unfall verloren. Seitdem kann man ihm richtig dabei zusehen, wie er in Verzweiflung und Trauer abrutscht.

Trotz allem ist er ein unglaublich guter Ermittler. Aber das hilft ihm nichts. Sein Partner ist irgendwann heftig von ihm genervt. Was auch wiederum verständlich ist, denn ständig muss er dafür sorgen, dass nicht alles aus dem Ruder läuft.

Irgendwann ist es ihm dann auch zu viel und er geht zu seinem Vorgesetzten. „Ich will einen anderen Partner haben, sagt er. Einer, der mich nicht so zum Wahnsinn treibt.“

Aber sein Chef schüttelt den Kopf. „Ich gebe dir keinen anderen Partner. Weil er dich braucht. Du bist für ihn das Kielschwert. Du bist das, was ihm Halt und Sicherheit gibt. Du sorgst dafür, dass er keine Schlagseite bekommt und nicht in seiner Trauer versinkt. Deshalb habe ich Euch zusammengetan. Pass gut auf ihn auf.“

Ich weiß noch nicht, wie die Geschichte ausgeht... Aber ich weiß: Ich habe mich schon oft gefreut, wenn ich solche Kollegen an meiner Seite hatte. In stürmischen Zeiten. Ich glaube auch, dass Gott sie geschickt hat. Und wie jener Chef immer wieder dafür sorgt, dass ich nicht abdrifte. Vielleicht haben Sie ja auch solche Kollegen an der Seite. Die Ihnen helfen, stürmische Zeiten zu überstehen. Ohne dass Sie das groß merken.

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Vorsichtig streicht sie mit den Fingern über den gewölbten Bauch. Sie kann es immer noch nicht fassen. Aber wirklich, da ist ein Kind ... und bald schon soll es auf die Welt kommen. Ein Junge soll es werden. Ihr Herz fängt an zu klopfen. Ihr Gesicht ist rot, der Schock steckt ihr immer noch in den Knochen. Schwanger. Einfach so. So nicht geplant. Diese Gesichter!

Ihre Familie war entsetzt, schämte sich, war wütend. Viele böse Worte sind gefallen. Und erst ihr Verlobter... der war am Anfang wie vom Donner gerührt, dann nur noch verletzt. Es hat ihr fast das Herz gebrochen. Und was soll sie bloß machen mit dieser Ansage: ... Ihr Kind soll  mal ein berühmter Mensch werden. Ein König, ein Friedensstifter... so ein Quatsch.

Klar, sie wünscht sich nur das Beste für ihr Kind. Ihren Sohn. Und sie ist auch ein bisschen stolz darauf, schwanger zu sein mit so einem Kind. Sie kann es kaum glauben wenn sie an ihr ärmliches Zuhause denkt, an das wenige Geld, das sie jeden Monat haben. Aber was war das schon im Vergleich zu diesem Kind in ihrem Bauch. Was für ein Geschenk!

Jeden Tag wartet sie. Dass dieses Kind auf die Welt kommt. Und mit jedem Tag, sie weiß gar nicht wie, wächst auch ihre Hoffnung und ihr Mut. Dass alles gut wird. Das Entsetzen der Anderen, die Wut und die Scham, die werden keine Rolle mehr spielen.

Und irgendwann, wenn dieses Kind da ist, werden auch die Wunden und Verletzungen heilen. Maria streicht vorsichtig mit den Fingern über ihren Bauch. Wie um sich zu vergewissern. Uns spürt einen sanften Tritt von innen. Wie eine Antwort. Es wird alles gut. Nicht nur in ihrer Familie.

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Heute beginnt die Adventszeit. Und mit ihr viel zu oft Hektik und Stress. Dabei ist ja eigentlich das Gegenteil gemeint mit Advent. Nämlich mal runterkommen, zu sich kommen, nachdenken. Ich versuch’s darum diesmal anders. Auf meiner Weihnachts-Checkliste stehen keine großen Einkäufe, sondern 24 Ideen, für die Tage bis Heiligabend. Mal schauen, ob das klappt...

Tag eins und zwei: Statt was zu bekommen, etwas abgeben. Dritter, vierter und fünfter Tag: Keine Weihnachtsgeschenke kaufen, dafür ganz viel Zeit mit Freunden und Familie verbringen. Viel und gerne lachen. Sechster Tag: Nachsichtig sein, und Recht auch mal Recht sein lassen. Siebter: Zuhören. Achter Tag: Der Eile den Hahn abdrehen. Und ganz langsam machen. Neunter Tag: Für andere eintreten. Ihm oder ihr was Gutes tun. Zehnter Tag: Einen Tanz wagen. Und den Rhythmus des Lebens spüren. Elfter Tag: Tagträume sammeln wie kostbare Perlen in einem Glas. Zwölfter: Sich wie ein Kind auf etwas freuen. Tag Dreizehn und vierzehn: Einer unerfüllten Sehnsucht nachgehen. Und mindestens drei Menschen umarmen! Tag fünfzehn und sechzehn: Sich Schuld eingestehen. Etwas wieder gut machen. Siebzehn: Aufräumen und dabei ganz viel Ballast abwerfen. Achtzehnter Tag: Etwas kochen, das die Seele wärmt. Neunzehnter und zwanzigster: Zum Essen jemanden einladen, mit dem man schon immer sein Brot teilen wollte. Tränen freien Lauf lassen. Einundzwanzigster: Einen Wunschzettel schreiben. Mit Herzenswünschen. Zweiundzwanzigster: Jemanden einmal so richtig ansehen. Dreiundzwanzigster: Vor Vorfreude ganz hibbelig und aufgeregt werden. Vierundzwanzigster Tag, Heiligabend: Jetzt Nichts mehr tun und den Tag einfach nur genießen. Es ist Weihnachten.

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