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SWR3 Gedanken

Dorothea und Benedikt. So heißen Freunde von uns. Sie sind miteinander verheiratet und an die Predigt ihrer Hochzeit erinnere ich mich sehr gut. Dorotheas Bruder hat die beiden getraut und er hat einen Gedanken gehabt, den ich klasse finde und der mich seitdem irgendwie begleitet. Er hat dem Brautpaar nämlich ein Gebet mit auf den Weg gegeben. Jedem der beiden eins. „Toll“, dachte ich zuerst. „Ein Gebet. Das kann ja wohl nicht alles sein.“ 

Aber dann kam es: das Gebet für Benedikt lautet einfach nur: „Dorothea“. Und das Gebet für Dorothea entsprechend: „Benedikt“. Jetzt war ich wirklich sprachlos. Genial.

Der Name Benedikt bedeutet „der Gesegnete“ und Dorothea bedeutet „Gottesgeschenk“. Jedes Mal wenn die beiden den Namen des anderen aussprechen, sollen sie sich dran erinnern, was er bedeutet. „Der Gesegnete“ und das „Gottesgeschenk“. Auf ganz einfache Weise hat der Bruder den beiden und uns allen wieder mal klar gemacht, wer wir Menschen eigentlich sind. Wir sind Geschenke Gottes und wir sind gesegnet. Das heißt für mich, dass Gott unser Leben begleitet. Und das auch, wenn wir nicht Dorothea oder Benedikt heißen. Sich das bewusst zu machen, ist ein Gebet.

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Vier minus drei - das ist ein Buchtitel und Barbara Pachl-Eberhart hat das Buch geschrieben. Sie hat 2008 bei einem Unfall ihren Mann und ihre beiden kleinen Kinder verloren. Jetzt geht die schreckliche Rechnung auf: vier minus drei gleich eins.

In ihrem Buch erzählt Barbara Pachl-Eberhart davon, wie sie das alles erlebt hat und vor allem, wie sie weiter gelebt hat. Seit 2008 ist nichts mehr wie es war. Trotzdem hat sie das Leben mit beiden Händen gepackt und so, wie sie sagt, dem Tod klar ins Auge sehen können.

Beim Unfall war ihr Mann sofort tot. Ihre beiden Kinder hat sie noch wenige Tage im Krankenhaus begleitet - in den Tod. Oder ins Leben? So nennt es die Autorin. So hat sie es erlebt. Sie sagt: „Da war eine riesige Energie, viel Licht und einfach nur Liebe.“ Sie ist sich sicher, dass es ihren dreien gut geht. Und sie malt sich in den buntesten Farben aus, was ihre Familie im Himmel wohl gerade macht. Das hilft ihr. 

Ich habe Barbara Pachl-Eberhart getroffen und bin tief beeindruckt davon, wie viel Leben sie versprüht. Ihre Augen leuchten.

Sie erzählt, dass ihr vor allem geholfen hat, gnadenlos offen zu sein. Nach dem Tod ihrer Familie hat sie zum Beispiel eine Email an alle Menschen in ihrem Adressbuch geschrieben und genau erzählt, was passiert ist, wie jeder der drei gestorben ist, was sie fühlt. Sie hat ausdrücklich darum gebeten, dass die Leute reagieren und nicht herumdrucksen oder gar nichts sagen. 

Natürlich ist Barbara Pachl-Eberhart auch tief verzweifelt gewesen.

Sie hat sich allem gestellt und es so geschafft weiter zu leben. Später konnte sie sogar diesen Satz schreiben: „Es tut so gut, das Leben in all seinen Facetten zu spüren.“

Das zeigt mir, wie unterschiedlich ihre Gefühlslagen waren. Und es zeigt, dass sie es auf diese Art und Weise geschafft hat, nach dieser Katastrophe wieder Fuß zu fassen.

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Seit acht Wochen ist unser zweites Kind auf der Welt. Ein Junge. Das erste ist ein Mädchen.

Das muss ich deshalb so betonen, weil es mich total erstaunt, wie einige darauf reagieren. Sowohl mein Mann als auch ich hören oft: „Ach wie schön, jetzt ist der Stammhalter ja da.“ Oder die Frage: „Was sagt denn Dein Vater, jetzt wo der Stammhalter geboren ist?“ 

Mich ärgert das und ich kann dann auch fast nicht mehr freundlich bleiben.

Ich empfinde das wie einen Schlag ins Gesicht meiner Tochter. Die ist doch genauso Stammhalterin. Und für mich selbst ist es auch blöd. Ich habe zwei Schwestern. Wir sind also drei Mädels und kommen vom Hof. Nie habe ich das Gefühl gehabt, dass da der männliche Stammhalter fehlt. Und wenn es nur um den Namen geht: da sind wir inzwischen ja Gott sei Dank weiter. Mein Mann hat z.B. meinen Namen angenommen und so bin ich diejenige, die den Nachnamen an die nächste Generation weiter gibt.  

Dieser Ausdruck „Stammhalter“ ist natürlich überhaupt nicht böse gemeint. Er zeigt aber, wie tief doch der Unterschied zwischen Jungs und Mädchen in den Köpfen verankert ist. Ganz unbewusst. Und das erschreckt mich, weil ich das ganz anders sehe. 

Es hat für mich was mit dem christlichen Verständnis vom Menschen zu tun. Wir werden in der Bibel als Abbilder, als Ebenbilder Gottes bezeichnet. Das ist es!

Jede und jeder einzelne ist so unglaublich viel wert, dass es völlig egal ist, ob vertrieben, sesshaft, obdachlos, gesund, krank oder eben ob Frau oder Mann.

Genau so sehe ich das bei meiner Tochter und meinem Sohn auch.

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Der Redakteur des ZEIT-Magazins Tillmann Prüfer hat mal von sich gesagt: „Ich würde mich eher als sympathischen Agnostiker bezeichnen. Gott muss es nicht geben, kann es aber. Und wenn, dann lassen wir beide uns in Ruhe.“ Das war, bevor er nach Afrika geflogen ist.

Er wollte dort rauskriegen, wer genau sein Urgroßvater war. Er hat nur gewusst, dass sein Name Bruno Gutmann war, und dass er Missionar in Tansania gewesen ist.

Auf der Reise zum Kilimandscharo hat Tillmann Prüfer nicht nur seinen Urgroßvater kennengelernt, sondern auch seine Familie, sich selbst und Gott. 

Der Ort an dem der Urgroßvater Bruno Gutmann als Missionar aktiv gewesen ist, heißt Moshi. Obwohl Gutmann schon lange tot ist, wird er dort wie ein Heiliger verehrt. Das liegt wohl daran, dass er nicht mit der Keule missioniert hat. Er hat die Sprache des Volkes gelernt und alles aufgeschrieben: Regeln, Märchen, das ganze Rechtssystem des Dorfes. Und dann hat er ihnen von Jesus erzählt und dass der sich um die Menschen gekümmert hat. Das war neu. Bisher hatten die Menschen in Moshi vor allem großen Respekt oder sogar Angst vor Geistern und Göttern. Dieser Jesus war ihnen sympathisch. Das merkt man noch heute daran, wie in Moshi Gottesdienst gefeiert wird. Tillmann Prüfer war völlig überrascht und auch ein bisschen überfordert von dieser Art: singen, lachen und tanzen und alles mit viel Gefühl - da wird das Leben gefeiert. 

Zurück in Deutschland bleibt Tillmann Prüfer sich selbst und Gott auf der Spur. Er geht wieder öfter in den Gottesdienst - wenn es dort auch im Vergleich zu Afrika manchmal sehr trocken und eine Geduldsprobe ist. Aber er ist fest entschlossen, diesen Gott des Lebens, den er in Tansania wieder entdeckt hat, in seinem Leben festzuhalten.

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Meine Freundin Dorothea geht durch eine harte Zeit. Ihr Mann Benedikt liegt seit Anfang Januar mit einer Infektion in der Klinik. Dort hat er eine Hirnblutung bekommen und ist nach einigen OPs dem Tod gerade nochmal von der Schippe gesprungen. Beide sind Mitte dreißig. Sie wissen nicht, wie ihr Leben zukünftig aussieht. Wie lange wird die Reha und alles drumherum dauern? Wann kommt er wieder nach Hause und wie geht’s dann weiter?
Momentan sind sie einfach nur froh, dass Benedikt lebt. 

Es ist unvorstellbar für mich, wie Dorothea das schafft. Sie sagt, sie weiß selbst nicht, wie das alles geht. Irgendwoher bekommt sie die Kraft. Viele Leute begleiten sie gedanklich. Selbst mit anpacken geht kaum.

Es gibt aber doch was, was ihr hilft - ganz konkret. An dem Tag als Benedikt operiert wurde,  hat es Dorothea zuhause nicht mehr ausgehalten. Im Krankenhaus konnte sie aber auch nichts machen, außer auf der Intensivstation zu warten. Plötzlich kommt eine Krankenschwester und reicht ihr das Telefon. „Für sie.“ Dorothea wundert sich, und hört dann eine bekannte Stimme. Die gehört einer Krankenschwester von der Station, auf der Benedikt normalerweise liegt. Sie sagt: „Kommen Sie hoch. Wir haben noch ein Essen übrig. Das ist jetzt für Sie.“ 

Dorothea weiß gar nicht, was sie sagen soll. Eigentlich will sie das nicht annehmen und Hunger hat sie sowieso keinen. Aber die Schwester duldet keine Widerrede.

Dorothea hat erzählt, dass ihr selten ein Essen so gut geschmeckt hat. Genau das hat sie jetzt gebraucht. Was Warmes im Bauch, jemanden, der es ihr fertig hinstellt und klare Ansagen macht. 

Die Krankenschwester war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hat erkannt, was nötig ist. Das finde ich so toll. Und genau das sind in schwierigen Zeiten die Menschen und Momente, die Kraft schenken, um weiterzumachen.

 

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Mahdi kommt aus Syrien und lebt seit Anfang Februar bei uns in Buchen. Ich habe ihn auf einem Stadtrundgang für Flüchtlinge kennengelernt. Einen Tag zuvor ist er mit 60 weiteren Männern bei uns angekommen.

Diesen kleinen Rundgang zu wichtigen Punkten der Stadt hat der „Arbeitskreis Asyl“ organisiert. Der kümmert sich um Flüchtlinge, die in Buchen leben oder hier neu eintreffen.

Ich bin wirklich begeistert von dieser Initiative und auch davon, wie in Buchen Flüchtlinge aufgenommen werden.

Viele Leute melden sich und wollen helfen. Es werden auch viele gebraucht. Eben für solche Stadtspaziergänge, oder um die neuen Mitbürger auf Ämter oder zum Arzt zu begleiten. Oder einfach, um mit ihnen einen gemütlichen Spieleabend zu organisieren. Ein Helfer trifft sich zum Beispiel jede Woche mit Flüchtlingen, die Musik mögen. Sie singen und tanzen dann zusammen. Lieder und Tänze von hier und aus der Heimat der Vertriebenen.

Auch der Sportverein engagiert sich sehr. Er holt die Flüchtlinge zum Training oder zu den Spielen ab. So kommen sie alle ganz unkompliziert in Kontakt - ohne Berührungsängste.

Hier integrieren sich v.a. Jugendliche sehr schnell und gut. 

Natürlich gibt es auch in Buchen kritische Stimmen und Leute, die Angst vor den Fremden haben und schimpfen. Aber diese Stimmen sind leise. Gott sei Dank. Denn sie werden übertönt von vielen helfenden Händen, denen es ein Herzensanliegen ist, ehrlich und herzlich „Willkommen“ zu sagen.

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Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich verstanden habe, dass ich mal sterben werde. Da war ich sechs oder sieben. Ich weiß das deshalb noch so genau, weil mich das total umgehauen hat. Ich saß zuhause vor dem Kamin und hab geheult. Ich hab mich hilflos gefühlt und wusste gar nicht, wohin mit dieser Erkenntnis. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie es nach dem Leben weitergehen soll. Für mich war danach alles schwarz.

Meine Tante hat dann viel mit mir gesprochen. Sie hat versucht mir klar zu machen, dass der Tod zum Leben dazu gehört und dass wir alle sterben müssen. Sie hat auch von ihrem Glauben erzählt, dass es nach dem Tod weitergeht. Dass eben nicht alles aus ist. 

Ich hab bzw. hatte eine große Verwandtschaft mit vielen Großtanten und -onkeln. Plötzlich hat so eine richtige Sterbewelle eingesetzt. Viele von ihnen sind schnell hintereinander gestorben. Dann auch drei meiner Großeltern. 

Immer wenn jemand gestorben ist haben wir viel gesprochen und, was ich ganz wichtig finde, wir Kinder waren immer dabei. Wir haben uns auch die aufgebahrten Toten angesehen, wenn wir wollten. Und wir sind mit zu den Beerdigungen gegangen.

Ich habe schnell begriffen: Der Tod gehört zum Leben. Und er kann furchtbar grausam sein, wenn zum Beispiel Kinder oder einfach zu junge Leute sterben. Auch, wenn er allzu plötzlich kommt. 

Für uns Kinder hatte der Tod aber auch etwas Feierliches, denn er wurde tatsächlich gefeiert. Nicht nur auf dem Friedhof, sondern auch zu Hause: Das Haus war dann voller Leute. Es gab was Gutes zu essen und ich erinnere mich, dass die Erwachsenen immer erst mal ein Glas Sekt getrunken haben.

Ich glaube, das war das Rezept meiner Familie: dem Tod so zu begegnen, wie er selbst ist. Er gehört dazu und trifft meistens mitten ins Leben.

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