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SWR3 Gedanken

Ich laufe durch die Stadt, durch die Geschäfte. Auf dem Markt bleibe ich beim Gemüsehändler stehen, prüfe mit meinen Augen den Kopfsalat. Und muss an meinen Vater denken. Wieso muss ich an meinen Vater denken? Weil es nach ihm riecht. Ich bin irritiert.
Mein Vater ist vor fast dreißig Jahren gestorben. All die Jahre seines erwachsenen Lebens hat er ein bestimmtes Rasierwasser benutzt. Und dieses Rasierwasser hängt gerade in der Luft. An diesem Morgen, mitten auf dem Markt.
Immer noch den Kopfsalat im Blick habe ich eine Art Flashback. Bin wieder das Kind auf der Schaukel, renne juchzend durch den Garten, sehe meinen lächelnden Vater mit der unvermeidlichen Brille auf der Stirn. Spüre den Schmerz, als von ihm nicht mehr bei uns blieb als sein Hut und sein Mantel.
Jemand spricht mich an, ich kehre zurück in die Gegenwart. Sehe, wie der ältere Herr neben mir seine Kartoffeln verstaut. Es ist sein Rasierwasser, das in mir den Film meines Lebens losgetreten hat. Er lächelt mich unverbindlich an und zieht seiner Wege.
Ich kaufe einen Kopfsalat und gehe auch weiter. Die Bilder meines Vaters sind noch immer so lebendig in meinem Kopf, als sei das alles erst gestern gewesen. Ein harmloses Rasierwasser hat mir einmal mehr gezeigt, dass Liebe und Trauer kein Verfallsdatum haben.
Und so bin ich ein bisschen traurig, weil ich meinen Vater in diesem Moment so viel mehr vermisse als sonst. Und bin andererseits ein bisschen froh, dass ich all die Erinnerungen habe, in denen er noch immer bei mir ist.
Trauer hat kein Verfallsdatum. Aber die Liebe eben auch nicht. Wie es in der Bibel heißt: Die Liebe hört niemals auf.

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In den Vereinigten Staaten sieht man die Dinge ja bekanntermaßen nicht so eng wie im Alten Europa. Kein Wunder also, dass dort bereits vor über sieben Jahre zum ersten Mal ein Mensch online getauft wurde. Eine junge Erwachsene namens Alyssa. Wie darf man sich das vorstellen?
Ein stinknormales Badezimmer in Georgia mit altrosa Fliesen. Alyssa sitzt in der mit Wasser gefüllten Badewanne, über Handy ist der Priester in Florida zugeschaltet, über Skype der Rest der Welt. Gute Worte werden gemacht, schließlich wird Alyssa von ihrer Stiefmutter ins Badewasser getaucht. Und ist getauft. Alle preisen Gott und den technologischen Fortschritt. Fertig.
Vermutlich könnten sich auch bei uns Menschen für die Online-Taufe erwärmen. Im heimischen Wannenbad mit Cremezusatz getauft zu werden, klingt ja auch irgendwie ganz angenehm. Von der weltweiten Youtube-Gemeinde abgesehen, hat das Ganze auch etwas sehr Intimes. Und der heilige Geist weht bekanntlich, wo er will. Unter Umständen auch im Glasfaserkabel.
Mag alles sein. Und dennoch bin und bleibe ich ein Fan der Offline-Taufe, wie sie bei uns noch immer an der Tagesordnung ist. Wer sich bei uns auf Taufe einlässt, lässt sich auf ein Ereignis ein, das eben nicht alltäglich ist. Ein besonderer Raum, eine besondere Atmosphäre für einen besonderen Menschen. Will ich das ernsthaft eintauschen gegen die Bequemlichkeit meines Badezimmers, wo noch die Zahnpastareste im Waschbecken sind?
Eine Technologie, die Distanz überwindet, hat ihre Vorteile. Aber die ganz besonderen Momente unseres Lebens vertragen eben keine Distanz. Die Nähe, die es dazu braucht, lässt sich nicht online herstellen. Die wichtigen Momente sind und bleiben Offline-Erfahrungen. Gott sei Dank.

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Heute vor siebzig Jahren explodierte in der japanischen Hafenstadt Hiroshima die erste Kernwaffe im Kriegseinsatz. Über hunderttausend Menschen fanden sofort den Tod, bis heute leiden Menschen an den Spätfolgen der Verstrahlung. Die Überlebenden sind traumatisiert. Wie zum Beispiel Hideto Sotobayashi.
Der war damals 16 Jahre alt und saß im Chemieunterricht, als es so hell blitzte, als habe jemand eine Lampe eingeschaltet. Es donnert, das Gebäude stürzt ein, Hideto kann sich ins Freie retten. Er irrt durch die zerstörte Stadt, findet seinen Vater, gemeinsam suchen sie nach der Mutter. Grauenvolle Bilder begleiten ihren Weg, grauenvolle Bilder quälen Hideto Sotobayashi ein Leben lang in der Nacht.
Sie finden die Mutter, scheinbar unverletzt. Aber drei Tage später stirbt sie mit 35 Jahren. Das ist der Tag, als die zweite Atombombe die Stadt Nagasaki zerstört. Hideto lebt weiter, wird Professor für Physikalische Chemie. Wissenschaftlich kann er bald die Bombe erklären, menschlich bleibt sie für ihn bis zu seinem Tod Ende 2011 unbegreiflich.
In seinen letzten Lebensjahren erzählt Hideto Sotobayashi an unzähligen Schulen seine Geschichte. Wegen der Vergangenheit, aber noch mehr wegen der Zukunft. Noch immer lagern über 15.000 atomare Sprengköpfe irgendwo auf der Welt. Trotz des Reaktorunglücks von Fukushima vor vier Jahren, sind noch immer weit über 400 Reaktoren in Kernkraftwerken weltweit in Betrieb.
Hiroshima und Fukushima bilden eine Brücke über die Zeit, unter der Atommüll von Jahrzehnten liegt und Hunderttausende unter sich begräbt. Menschen sind dafür verantwortlich, Menschen können es beenden. Und, um noch einmal Hideto Sotobayashi zu Wort kommen zu lassen: „Es ist dringend.“

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In meinen jungen Jahren habe ich gelernt, Schreibmaschine zu schreiben. Das waren damals solche Geräte mit Kugelkopf, die jeden einzelnen Fingermuskel durchtrainiert haben. Um einen Buchstaben aufs Papier zu bringen, brauchte es ziemlich viel Kraft und Mühe.
Mittlerweile sind solche Schreibmaschinen Museumsobjekte. Wenn ich heute Texte schreibe, reicht ein sanftes Antippen, und auf meinem Bildschirm erscheinen in Sekundenbruchteilen Wörter und Sätze. Für andere Aktionen muss ich einfach nur auf einem Bildschirm wischen oder einen Touchscreen berühren. Leise Berührungen meiner Fingerkuppen reichen aus, um Überweisungen zu tätigen oder mit anderen Menschen zu kommunizieren.
Am technologischen Fortschritt ist bestimmt nicht alles Gold, was glänzt. Aber das sanfte Berühren gefällt mir gut. Ein Touch, eine zarte Berührung reicht aus, um etwas auszulösen. Und das stimmt ja nicht nur für Smartphone und Co. Das gilt auch für Menschen.
Die Bibel zum Beispiel erzählt eine Menge Geschichten vom sanften Touch Gottes. Wenn Jesus Menschen heilt, reicht oft eine leise Berührung. Oder er segnet Menschen mit sanften Händen. Mit anderen Worten: In der Begegnung mit Menschen zeigt Gott eine Menge Fingerspitzengefühl.
Manchmal ist es wichtig, jemandem herzhaft um den Hals zu fallen oder so richtig fest die Hand zu drücken. Aber noch viel öfter sind es die zarten Gesten, die Menschen berühren. Die etwas auslösen bei Menschen. Einen Kinderkopf liebevoll streicheln, einen Seniorenellenbogen sanft stützen, eine entmutigte Schulter leicht drücken. Umgang mit Fingerspitzengefühl eben.
Mein Smartphone schätzt die sanfte Berührung. Und ich auch.

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„Es muss.“ Das ist so ein Standardspruch. Man fragt einen, wie es ihm geht. Und dann kommt diese Antwort: „Es muss.“ Eine ganze Lebensphilosophie in zwei Wörtern. Und jedes Mal spüre ich Widerstand. Wieso muss es? Ist das Leben ein Zwang, dem man nun eben mal gehorcht? Lebe ich wirklich nur, weil ich muss?
In gewisser Weise schon. Mich hat ja keiner gefragt, ob ich in dieses Leben geworfen werden will. Gerade war ich noch flüssig, dann war ich ein Mensch. Mit einem Leben. Und der klaren Aufgabe, alle Tage dieses Lebens zu bewältigen. Was auch immer dieses Leben bringt.
Es bringt nicht nur Schönes. Es bringt Keuchhusten und Bluthochdruck, Stress und Streit. Längst habe ich begriffen, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. Muss man durch. Man muss. Es muss.
Ach was. Noch immer stehe ich jeden Morgen auf und denke „Es darf“. Manchmal soll es oder will es, aber meistens darf es. Manchmal gibt es Pflichten, die ich nicht abgeben kann. Manchmal gibt es Entwicklungen, auf die ich keinen Einfluss habe. Aber in all dem darf ich doch.
Den Tag begrüßen und den blauen Himmel sehen. Meine Tochter kitzeln, bis sie quietscht. Zusehen, wie der Hund eine Motte jagt. Sich mit anderen gemeinsam an einer Idee begeistern. Mit Freunden gemeinsam lachen. Zufrieden mit der Nase in einem Buch einschlafen.
Das Leben ist nicht ohne Schattenseiten, aber es ist und bleibt ein Geschenk. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, würde ich deshalb gerne sagen: „Es darf.“

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Dieser Jesus. Der war ja immer im Dienst. Hat mit seinen Freunden kluge Gespräche geführt oder Tausenden von Menschen erklärt, was Seligkeit ist. Und wenn er damit nicht beschäftigt war, dann hat er am Rand noch ein paar Menschen geheilt oder Kinder gesegnet.
Ist ja auch klar. So ein Messias hat keine gewerkschaftlich festgelegten Arbeitszeiten oder tariflich ausgehandelten Urlaubsanspruch. Wenn einer was will, steht er parat. Mit Rat und Tat. Mit nimmermüder Kraft und Energie. So ist das. Ist das so?
Am Rande erzählt die Bibel etwas Anderes. Da steigt Jesus mit seinen Freunden in ein Boot und fährt hinaus auf den See. „Geht allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig“, ist sein Kommentar dazu. Und weil ihm offensichtlich auch nach ein wenig Ruhe ist, steigt er mit in das Boot. Kurzurlaub auf dem See Genezareth. Verschnaufpause für den Messias.
„Geht allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig.“ Worte eines Messias, der eben auch ein Mensch ist. Und Menschen sind irgendwann erschöpft. Menschen können nicht rund um die Uhr funktionieren. Deswegen gibt es Urlaub. Oder Sonntage. Oder Pausen. Damit wir verschnaufen können. Damit der Leib bei Kräften bleibt und die Seele durchatmen kann. Gut so.
Selbst der Messias war also nicht immer im Dienst, sondern auch mal Off-time. Auf dem See fand er Stille und für kurze Zeit Unerreichbarkeit. Kein e-Mail-Checken, kein Whats-App, kein Facebook. Sondern nur eine einsame Stätte und viel Ruhe. Mann, klingt das gut.
„Geht allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig.“ Funktioniert auf Mallorca oder im eigenen Garten, beim Spaziergang im Wald oder mit einem guten Buch auf dem Sofa. Versuchen Sie’s doch einfach.

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Eigentlich habe ich es gar nicht besonders eilig. Besuch bei Freunden, es kommt nicht auf die Minute an. Auf der Landstraße fahre ich hinter einem Mercedes älteren Baujahrs. Der Fahrer trägt einen Hut, auf der Rückbank wackelt ein Dackel. Erwartungsgemäß fährt das Fahrzeug vor mir deutlich langsamer, als die Schilder am Wegesrand vorschreiben. Typischer Sonntagsfahrer eben.
Innerhalb von Ortschaften stört mich das nicht besonders. Aber auf freier Strecke spüre ich meine Ungeduld. Sechzig Stundenkilometer. Wir könnten locker ein wenig mehr Gas geben. Überholen geht aber leider auch nicht. Und so wackelt der Dackel irgendwie spöttisch vor mir her. Mit konstant sechzig.
Es ist Sonntag. Eigentlich habe ich es nicht besonders eilig. Und da ich wegen der konstant sechzig ein wenig Muße habe, komme ich ins Nachdenken. Nichts und niemand hetzt oder treibt mich. Und dennoch habe ich das Gefühl, dass mein Leben von einem Fahrzeug mit Wackeldackel rüde ausgebremst wird.
Aber was ist eigentlich so erstrebenswert daran, möglichst schnell von A nach B zu kommen, wenn man eigentlich jede Menge Zeit hat? Auf der Strecke von A nach B blühen Lupinen am Wegesrand, leuchten gelbe Rapsfelder, drehen Windräder gemächlich ihre Flügel.
Die Strecke von A nach B hat ihren eigenen Wert, den ich gar nicht wahrnehme, wenn ich nur möglichst schnell nach B kommen will. Mag manchmal unumgänglich sein. Aber wenigstens am Sonntag auf dem Weg zu Freunden, wo es nicht auf die Minute ankommt, tut ein bisschen Entschleunigung sogar ganz gut.
Der Dackel wackelt noch immer. Ich nicke ihm zu, nehme meinen Fuß vom Gaspedal und würdige die Lupinen am Straßenrand. Auch mal schön, ein Sonntagsfahrer zu sein.

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