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SWR3 Gedanken

„Save the date“ – immer öfter bekomme ich eine Postkarte oder eine E-mail mit dieser Aufforderung mir ein Datum vorzumerken. Die Vorinformation über eine Hochzeit, einen runden Geburtstag oder eine Verabschiedung kommt lange vor der eigentlichen Einladung, damit der Termin schon frühzeitig im Kalender vermerkt wird. „Save the date“ – diesen Satz finde ich so sinnvoll wie schillernd. Klar, bei einem Termin, der mir wichtig ist will ich sicherstellen, dass auch möglichst viele der Leute kommen, die mir wichtig sind. Dafür steht das „save“, das Sichern. Das ist aber auch das Schillernde daran für mich. Ein Datum, einen Termin, einen Tag im Leben sichern zu wollen. Im Voraus festhalten zu wollen, wo doch nur eines sicher ist: dass nichts sicher ist. Zwar ist vieles planbar, aber oft kommt es dann eben doch anders, gerade, wenn der Termin weit weg ist. Darum löst dieser Terminsicherungssatz bei mir auch noch was anderes aus, so eine Art Alltagsmahnung. Save the date – sichere dir immer wieder einen Termin, an dem du dir was Gutes tust. Oder wo du was mit deiner Frau machst, einen Menschen anrufst, der es brauchen kann oder einen Krankenbesuch machst. Save the date – für einen schon lang anstehenden Gesundheitscheck oder dafür, dich mal wieder ganz zwecklos Gott zu öffnen. Und ein letztes sagt mir dieses „save the date“ auch:

Verliere bei aller Planung, Sicherung und Voraussicht eines nicht aus den Augen: Dass nur der Tag sicher ist, an dem alle Daten ein Ende haben.

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„Die Nacht hat sich ausgeweint und einem blauen Himmel Platz gemacht, das ist ein Tag, der nach Aufbruch riecht.“ Das ist einer meiner Lieblingstexte, weil ich ihn in einer ganz besonderen Situation meines Lebens von einem ganz besonderem Menschen geschenkt bekommen habe. Weil er – so kurz er auch ist – auf verschiedenen Ebenen gelesen werden kann. Zuallererst auf der wörtlichen. Wer kennt ihn nicht, den blauen Himmel nach einer durchregneten Nacht, blankgeputzt mit einem Blau, das einen geradezu in die Ferne zieht. Der blaue Himmel kann aber auch für ein neues Leben stehen, und zwar für den Moment, an dem die Lebenskraft, der Lebenswille wieder erwacht. Nach langer Zeit der Trauer, zahllosen Tränen und bleierner Schwere. Und plötzlich, unberechenbar und nicht zu erzwingen ist er da, der neue Tag, der wieder nach Leben schmeckt. Er kann kommen mit einem Blick, mit einem Augenblick. Er kann kommen mit einem Geruch, nach Gras, Wasser oder Feuer. Er kann kommen mit einer Erinnerung, einer Erinnerung an vergangene Stunden, die noch da sind, im Herzen sind. Und der neue Tag, der Tag, der nach Aufbruch riecht kann kommen, in einem Menschen, in einem Menschen, der ganz unverhofft in mein Leben tritt, der mich fordert, der mich rein fordert ins Leben oder ganz einfach braucht. Und schließlich ist der Text von Brigitte Hildebrand einer meiner Hoffnungstexte für das Leben nach diesem Leben. Wenn der letzte Kampf gekämpft ist, die schön-schweren Fesseln gelöst sind und die Seele sich auf die letzte Reise macht, dann möchte ich genau das sagen können: „Die Nacht hat sich ausgeweint und einem blauen Himmel Platz gemacht, das ist ein Tag, der nach Aufbruch riecht.“

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Fast 40 Jahre ist meine Großmutter jetzt schon tot. Und sie wirkt noch immer in mir nach. In vielem Schönen, dass ich von ihr gelernt habe. Und auch in dem, dass ich immer Vorräte haben muss: Brot, Füllerpatronen, Dosenmilch, Zucker oder Zahnpasta. Dass etwas ausgeht, dass etwas, das ich regelmäßig brauche, auf einmal fehlt – geht gar nicht. Das liegt wohl an der Kriegserfahrung meiner Großmutter, die in beiden Weltkriegen erlebt hat, wie es ist, Dinge entbehren zu müssen, ja sogar hungern zu müssen. Das ist mir als Kriegsenkel auch in Fleisch und Blut übergegangen. Das hat mich meine Oma gelehrt ohne viel darüber reden zu müssen. Vorräte also. Vorräte gibt es aber nicht nur bei Dingen oder den Grundbedürfnissen des Lebens. Man kann auch seelische Vorräte anlegen. Ich glaube, die sind ähnlich wichtig wie Brot, Zucker oder Zahnpasta. Es gibt glaube ich auch so etwas wie eine seelische Vorratskammer. Mit Regalen für gute und schöne Erlebnisse, auf die man dann zurückgreifen kann an Tagen, in denen es einem nicht so gut geht. Oben im Fach könnten zum Beispiel die Erinnerungen an schöne Sommerurlaube am Meer liegen oder an herrliche Skitouren in den Bergen. In der Mitte könnten Erinnerungen an schöne Stunden mit der Familie oder mit Freunden sein. Und unten, tief und sicher eingelagert die Bilder schöner Kindertage, die Liebe zum Partner, den Kindern. Und das Vertrauen ins Leben oder zu Gott. Es kann sich glücklich schätzen, bei wem die Regale seiner seelischen Vorratskammer gut gefüllt sind. Weiß Gott gibt es aber auch Menschen, die dieses Glück nicht haben. Diese Menschen haben ein Recht darauf etwas von den Menschen mit den gefüllten Vorratskammern abzubekommen: Wärme, Zeit, ein Lächeln, eine helfende Hand, eine stille Gabe, Dasein, Geborgenheit – ohne viel Gedöns, einfach so – von Vorratskammer zu Vorratskammer, einer nimmt, einer gibt. Und beide werden satt.

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Müsste, könnte, sollte, diese Worte mag ich nicht.“ Das sagt Harald Höppner, der in gut zwei Wochen was ziemlich Einmaliges macht:  Er kreuzt mit einem Schiff zwischen Libyen und Lampedusa um in Seenot geratenen Flüchtlingen zu helfen.

Weil er es nicht mehr hören konnte, dass Europa endlich was gegen die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer machen sollte. Weil er die Fernsehberichte über ertrunkene Flüchtlinge nicht mehr sehen konnte. Darum wollte er einfach was tun. Und so hat er, die Landratte aus Brandenburg, die von Schifffahrt und Nautik keine Ahnung hat, einen Kutter gekauft. Mit ihm will er ab diesem Mai in genau der Gegend Schiffe orten, in der sich die meisten Flüchtlinge über das Mittelmeer wagen. Flüchtlinge in sein Schiff aufnehmen darf er nicht, weil er dann als Schlepper gilt. Er will aber helfen: Rettungswesten, Trinkwasser und Medizin verteilen. Vor allem aber will er andere Schiffe anfunken. Sie müssen dann helfen. Denn Rettung aus Seenot ist humanitäre Pflicht.  200 Leute machen bislang in 2 Wochenschichten mit: Schiffskapitäne, Ingenieure, Ärztinnen und Journalisten. Letztere sollen die Aktion öffentlich halten, als eine Art ziviler Seewache. Und so heißt die Aktion auch: „Sea Watch“ – Seewache. Die ersten 3 Monate ist ihre Finanzierung gesichert. Danach ist sie auf Spenden angewiesen. Natürlich gibt es wieder Leute, die Harald Höppner fragen, was denn eine solche Einzelaktion bringen würde. Ihnen antwortet er: „ Sie hat sich schon gelohnt, wenn wir nur 1 Menschenleben retten.“…

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Geht’s noch schlimmer? Letzte Woche 400 und vorgestern wohl 700 Tote im Mittelmeer. Es ist nicht auszuhalten was sich da zwischen Europa und Afrika abspielt. Nein, genauer: die Politik der EU ist nicht auszuhalten angesichts dieser chronischen Flüchtlingstragödie. Statt Italien bei seinen Rettungsaktionen zu unterstützen setzt die EU mit ihrer Grenzschutzorganisation Frontex auf Abschottung und nimmt damit in Kauf, dass Menschen ertrinken. Zu Hunderten und im Wochenrhythmus. Das Mittelmeer als Massengrab. Natürlich wäre es das Beste die Menschen müssten nicht flüchten. Aber wer würde schon in seiner Heimat bleiben, wenn er nichts zu essen hat oder die IS-Barbaren im Nacken? Natürlich muss den Schleppern das Handwerk gelegt werden. Diesen Mördern, die den Flüchtlingen erst Tausende von Euro abzocken und sie dann mit maroden Booten in den Tod schicken. Aber wenn das schon nicht verhindert werden konnte, dann muss man doch den Menschen helfen, die in Lebensgefahr geraten sind. Und natürlich müssen wir Europäer helfen. Wir Europäer, das heißt Italien und Griechenland nicht allein lassen bei dieser Flüchtlingskatastrophe. Denn Flüchtlinge gibt es seit es Menschen gibt. Europa ist auch durch Flüchtlingsströme entstanden. Und sage bloß keiner wir hätten nicht genügend Platz oder Geld. Nach dem 2. Weltkrieg mussten Millionen Flüchtlinge in Deutschland untergebracht werden. Was haben wir nicht alles für schöne und große Gedenktage. An denen wir versuchen aus der Geschichte zu lernen und die Ereignisse zu verarbeiten, in denen wir schuldig geworden sind. Zurzeit ereignet sich Geschichte vor unseren Augen. Ein einmalig großer Strom an Flüchtlingen ergießt sich seit Jahren ins Mittelmeer. Und unsere Kinder werden uns zu Recht fragen wie wir Europäer es zulassen konnten, dass tausende Menschen, die bei uns Zuflucht suchen wollten, jämmerlich sterben mussten.

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Ich kann und will es nicht verstehen warum die Religionen nicht im Frieden miteinander leben können. Innerhalb der Religionen, zum Beispiel bei den Christen, wo sich Katholiken und Protestanten jahrhundertelang bekriegt haben. Oder bei den Muslimen wo sich heute Schiiten und Sunniten blutig bekämpfen. Und auch zwischen den verschiedenen Religionen herrscht kein Frieden. Da muss man nur nach Jerusalem schauen, an den Ort, den Juden, Christen und Muslime als ihr Zentrum reklamieren und von dem sie eigentlich gemeinsam Frieden in die Welt aussenden sollten. Kann ein Mensch, der Gott in seinem Herzen hat einen anderen, der ihn auch in seinem Herzen spürt tatsächlich bekämpfen? Ich finde das geht nicht. Wer Gott in seinem Herzen hat, hat Frieden in seinem Herzen. Ich weiß, das klingt zu schön um wahr zu sein. Es ist aber wahr. Davon zeugen Millionen friedliche religiöse Menschen quer durch die Geschichte. Ein Wesenszug  ist ihnen gemeinsam: Sie können den anders Gläubigen sein lassen. Haben Respekt vor seiner besonderen Art von Glauben. Der Kapuzinerpater Anton Rotzetter hat diesen Wesenszug sehr schön in ein Gebet gefasst. In einen Lobpreis Gottes, bei dem die Verschiedenheiten der Religionen so schön wie friedlich nebeneinanderstehen:

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, er führt durch unwegsames Gelände, er befreit aus Knechtschaft, er verheißt eine neue Welt.
Gepriesen sei der Herr, der Gott Mohammeds, er ist groß und erhaben, er ist unbegreiflich und unnahbar, er ist groß in seinen Propheten.
Gepriesen sei der Herr, der Gott Buddhas, er wohnt in der Tiefe der Welt, er lebt in jedem Menschen, er ist die Fülle des Schweigens.
Gepriesen sei der Herr, der Gott Afrikas, er ist das Leben in den Bäumen, er ist die Kraft in Vater und Mutter, er ist die Seele der Welt. Gepriesen sei der Herr, der Gott Jesu Christi, er verströmt sich in Liebe, er gibt sich hin in Güte, er überwindet den Tod“.

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