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SWR3 Gedanken

Was für ein Fest:
25 Jahre sind sie verheiratet! Die Kinder sind dreiviertels groß.
Und jetzt feiern sie mit Freundinnen und Freunden und der Großfamilie Silberhochzeit!
Ich darf den Gottesdienst halten.
Viele sind da, die sie in diesen 25 Jahren erlebt und begleitet haben,
seit sie sich zusammengefunden haben.
Die ganz große wahre Liebe.
So sehen sie es heute eigentlich immer noch.
Und ihre Kinder finden das richtig cool.
‚Hört sich kitschig an oder ein bisschen sehr romantisch,
aber ich finde sie immer noch bezaubernd. Und es war nie blöd,
auch wenn es mal schwer war und oft schwierig‘, meint er.

Sie feiern, dass das Projekt Liebe sich in ihrer Ehe irgendwie bestätigt findet.

‚Wenn das mit uns beiden nicht geklappt hätte,
dann hätte ich einfach gedacht, dass mit der Liebe insgesamt
etwas nicht stimmen kann,‘ sagt sie.
‚Dass es gelingt, das liegt vor allem daran, dass sie mich immer ausgehalten hat.
So wie ich eben bin. Und mich zugleich mehr hat sein lassen als ich geahnt hätte.‘
Aber es ist nicht selbstverständlich, dass wir hier heute noch so zusammen sind.
Es ist vor allem geschenktes Glück,‘
sagt er.
Psychologen, die Langzeitstudien machen, haben herausgefunden,
dass es einen Charakterzug gibt, der entscheidend dazu beiträgt,
dass Paare zusammenbleiben.
Und das nicht nur wegen der Kinder oder der Steuer.
Sondern, weil sie sich weiterlieben, auch wenn sie sich gegenseitig verletzt haben.
Auch nach Streit und Stress und Untreue und Rumbrüllen,
Türenschmeißen, Momenten der Enttäuschung und der Wut.

Diesen Charakterzug, der hilft trotzdem wieder zusammenzukommen,
nennen die Psychologen:
FORGIVENESS
– also Vergeben-können.
Aber auch das ist wohl ein Geschenk wie die Liebe selbst. Heute jedenfalls ist sie wieder ein Fest.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18298

Zwei Männer wurden ermordet.
Westliche Journalisten, die nach Syrien gereist sind, um die Welt darauf aufmerksam
zu machen was dort geschieht. Um dem Vergessen ein Ende zu setzen.
Um Namen und Geschichten hinauszutragen.
Es ist ihnen nicht gelungen.
Die westliche Welt hat den Krieg in Syrien soweit es irgend möglich war ignoriert.
Das Leid von Millionen, die flüchten.
Menschen denen alles entzogen wird, was es ihnen möglich machen würde zu leben:
Lebensmittel, medizinische Versorgung.
Ärzte gehen davon aus, dass allein 100.000 Menschen in den vergangenen drei Jahren gestorben sind, weil sie keine Medikamente bekamen,
weil sie an Diabetes oder Bluthochdruck oder Krebs leiden…
Zigtausende Kinder und ältere Menschen sind verhungert.
Aber jetzt ist dieser Krieg wieder im Blick, weil die IS-Milizen zwingen
dorthin zu sehen, indem sie westliche Journalisten ermorden.
Immer wieder aber wurden auch syrische Journalisten ermordet.
Vor wenigen Wochen der Fotojournalist Bassam  Rais.
Auch er von den Henkern der IS-Miliz.
Aber wer interessiert sich im Westen für Bassam Rais?
James Foley und Steven Sotloff haben ihr Leben riskiert, um den Menschen in Syrien
ihre Stimme zu leihen.
Aber nun hört und sieht der Westen wiederum nur auf das was diesen Männern passiert ist.
Das hätten sie wohl so nicht gewollt.
Dennoch, ihre Namen werden wir nicht vergessen.
Gott aber vergisst auch die Namen all der anderen Ermordeten,
Verhungerten und Verzweifelten nicht.
‚Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen
du bist mein‘, so heißt es in der Bibel.
Gott kennt alle Namen.
Und auch wir sollen auf die Geschichten und Namen all der namenlos Leidenden schauen.

Das was bleibt von Foley und Sotloff und Rais ist der Blick
auf die Verzweiflung der Vielen.
Das Entsetzen über den Tod der westlichen Journalisten darf uns nicht neuerlich die Augen verschließen lassen vor dem Leid von Millionen Syrern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18297

Ich muss sagen, ich bin dankbar dafür, dass die US-Armee Erbil freigeschossen hat.
Den jesidischen Flüchtlingen einen Weg eröffnet und insgesamt der Stadt
eine Möglichkeit gegeben hat, Rückzugsraum zu sein für so viele, die fliehen:
Für syrische Kurden, für Christen aus dem ganzen Irak, für Schiiten;
für Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion.
Zusammenleben war in den letzten Jahrhunderten in dieser Region eine Selbstverständlichkeit.
Und die Jesiden, die bis nach Mannheim geflüchtet sind,
berichten noch heute  fassungslos darüber wie sich ihre Nachbarn plötzlich
von Freunden zu Feinden verwandelten.
In Erbil gibt es noch ein deutsches Konsulat, zum Glück.
Denn hier können VISA-Anträge gestellt werden,
hier können Menschen versuchen, auszureisen, ohne sich Schlepperbanden
anzuvertrauen oder zu riskieren in Gummibötchen auf dem Mittelmeer,
ihre Kinder und sich selbst in Gefahr zu bringen.
Ein Glück also, dass die US-Armee hier zu Waffen gegriffen hat.
Oder?
Ich bin fest davon überzeugt, dass es Situationen gibt, in denen ich auch als Christin
sagen muss: Es gibt keinen anderen Weg als den der Gewalt.
Der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt:
‚Man muss dem Rad in die Speichen fallen.
Und kann sich nicht nur um die Verletzten oder Getöteten kümmern.‘
Und ja, das bedeutet schuldig zu werden.
Denn Menschen zu töten, selbst wenn sie zur IS gehören ist keine Kleinigkeit.
Auch wenn sie gottlos sind, in ihrer fanatischen Überheblichkeit und gnadenlosen Brutalität.
Aber die Freiheit und die Verantwortung eines Christen bedeutet auch,
dass wir hier die Augen nicht verschließen dürfen vor der Not der Menschen.
Auch im Nichtstun und Schweigen, im Wegsehen von dem Morden,
liegt genau soviel Schuld wie im Griff zu den Waffen.
Und das gilt nicht nur für die IS. Das gilt auch für das Morden in Syrien.
Für den Diktator, der seine Bevölkerung gezielt aushungert und
Menschenschlangen vor Bäckereien beschießen lässt.
Es gibt keinen gerechten Krieg.
Und Gewalt produziert Gewalt.
Aber Wegsehen und Schweigen das kann Gott nicht gefallen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18296

Die Liebe eines Menschen kannst du nicht begraben,
sie mit Erde zuschaufeln, wie Asche in den Wind zerstreuen.
Die Liebe eines Menschen vervielfältigt
sich mit seinem Tod unter den Lebenden tausendfach.
Die Liebe kannst du nicht begraben.
Es gibt Leute da spürst du das in besonderer Weise, dass ihr Leben auch über
den Tod hinaus andere berührt.
Dass ihre Liebe bleibt.
Weil, die da bleiben, neu zusammen finden.
Oder sich neu auseinandersetzen.
Weil neues Vertrauen wächst.
Und wenn der Schmerz nachlässt, neue Kraft entsteht.

Wer die Liebe wachsen spürt, auch über den Tod hinaus, verliert die Furcht.
In diesem Leben, vor diesem Leben. Steht aufrecht und wird frei.
Du kannst die Liebe nicht beerdigen.
Sie berührt dich sanft wie Engelsflügel, wie das Sirren einer Libelle,
wie ein Schmetterling.
Sie spricht zu dir in der Nacht.
Sie tröstet auch da wo Wut ist und Zorn auf den Tod.
Auf das Unfassbare und das Unbegreifliche.

Du kannst die Liebe nicht beerdigen.
Die Streitereien ja; das Misstrauen, die Verzweiflung.
Aber nicht die Liebe.

Die bringt noch über den Tod hinaus die Verzweifelten zum Singen.
Oder sei es nur leises Summen. Sie lässt die Erstarrten aufstehen und neu loslaufen

Wir haben es gespürt, haben es selbst erfahren.
Und bewahren es in unseren Herzen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18295

Vor wenigen Monaten wusste wohl kaum einer, wo Erbil ist.
Ahmad und Mahmood leben dort, seit fast einem Jahr.
Erst in einem Container, dann in einem Zimmer mit anderen.
Die beiden sind Syrer, syrische Kurden.
Geflüchtet, um nicht eingezogen zu werden, von Assads Armee.
Desertiert quasi. Ohne Papiere leben sie dort.
Ohne Geld, ohne Unterstützung von den Eltern.
Aber sie haben einen Bruder. Der lebt in Deutschland, studiert hier.
Und der tut alles, damit seine Brüder das auch können. Sammelt Geld,
besorgt Studienplätze, diskutiert mit Leuten von den Kirchen und der Ausländerbehörde.
Immer wieder tauchen neue Probleme auf:
Die fehlenden Papiere sind ein Problem. Das Geld natürlich auch.

Die Kirche in Mannheim hilft: Sammelt für die beiden jungen Männer.
Und dann das:
Auf einmal wissen alle wo Erbil ist. Im Kurdengebiet des Irak.
Die IS-Terrorgruppe kommt immer näher.
Wird jetzt das Konsulat geschlossen?
Die Amerikaner schießen den Weg frei für jesidische Flüchtlinge.
Hilfsgüter werden in die Stadt gebracht.
Und im Bundestag werden Waffenlieferungen verabschiedet.
Alle wissen jetzt wo Erbil ist: Dort wo Ahmad und Mahmood sich verstecken.
Seit über einem Jahr auf der Flucht. Inzwischen 19 und 20 Jahre alt.
Aber jetzt; jetzt endlich sind die VISA-Anträge gestellt.
Der Bruder wartet auf sie und all wir anderen, die geholfen haben.
Wir hoffen und beten, dass zumindest diese beiden jungen Männer bald gerettet sind.
Dass sie dann hier studieren können.
Denn jedes einzelne Leben, das gerettet ist, ist eine ganze Welt. Ist eine Hoffnung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18294

Es gibt Leute deren Sommer war nicht Freiheit und Party,
nicht Meer oder Berge, nicht Sport und Spielen und Freunde treffen.
Es gibt Kinder und Jugendliche, die gehen heute das erste Mal wieder in die Schule.
Und machen Witze und grinsen. Und versuchen sich zu konzentrieren.
Und schaun‘ sich die neuen Lehrer an,
vielleicht auf einer neuen Schule mit lauter Unbekannten.

Aber der Sommer war anders:
Vielleicht die Diagnose der Mutter, vielleicht der Unfall des Vaters.
Einer verletzt, eine den Freund verloren.
Kommen und verstecken den Schmerz.
Oder haben immer noch nicht richtig begriffen was eigentlich passiert ist.
Und jetzt sollen sie wieder funktionieren.

Binomische Formeln; Vokabeln, Grammatik, Sport;
ethische Reflexionen, politische Überlegungen:
Zwischen Mathe, Reli und Politik weint keiner; weder in den Pausen
noch im Unterricht.
Und doch; was passiert ist verhängt die Seele und den Verstand wie mit einer Wolke.

Auf keinen Fall wollen sie Mitleid:
Nicht diese Blicke, weil jemand etwas erzählt hat oder etwas in der Zeitung stand.
Wollen eigentlich nicht darüber reden, sondern nur, dass alles wäre wie vorher.
Und doch brauchen sie Aufmerksamkeit und Trost,
und mutige Freunde und Freundinnen.
Und Lehrerinnen und Lehrer, mit denen man reden kann.
Und die auch verstehen, dass nichts so groß ist wie die Sehnsucht nach Normalität.
Und die Wut darauf, dass nichts mehr ist wie es war.

‚Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht  auf meinem Weg‘.
so betet einer in der Bibel.
Das gilt vor allem dann, wenn ein Weg verdammt finster ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18293

Kein unbeschwerter Sommer, keine Erholung,
und trotzdem ein Sommer, Gott.
Keine Leichtigkeit in diesem Sommer,
und trotzdem ein Sommer, Gott.
Viel Schmerz und Trauer, und trotzdem ein Sommer, Gott!

Trotzdem Rosen die duften,
trotzdem die Wiese am See mit den Wolken, die darüber ziehen.
Und den Mauerseglern die trotzig ihren Lebenswillen ins Blau pfeifen.
Trotzdem die Leute in der Stadt, die am Abend herumstreifen und draußen sitzen
- wenngleich mit Jacken- aber draußen, unter deinem Himmel.
Und reden bis spät, und trotzdem lachen, manchmal unter Tränen

November im August, kalt und grau waren die Tage.
Nicht leicht, nicht fröhlich, nicht heiter.

Aber du bist da. Gehst mit uns, auch in diesem Sommer.
Schenkst uns jeden Augenblick.
Du bist die Umarmung in der Trauer, bist mein Trost im Schmerz.

Schenkst Worte und Schweigen, wo ich sprachlos bin.

Und sanft und immer neu, nimmst du mich mit in die Zeit,
auch über diesen Sommer hinaus.
Durchbrichst das Grau und die Kälte -vielleicht nicht mit Sonnenstrahlen-

aber voll zärtlicher Freundschaft und deiner Liebe.

Trotzdem dein Sommer, Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18292