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SWR3 Gedanken

Das Internet ist schon auch eine tolle Erfindung! Da gibt es die Geschichte der 19jährigen Kaileigh aus Australien. Eine attraktive lebenslustige Frau, die noch viel vor hatte. Sie hatte sogar eine Liste geschrieben mit den Dingen, die sie bis an ihr Lebensende getan haben wollte. Ein so schönes wie beeindruckendes Dokument jugendlicher Lebensfreude. Aber auch der Menschenfreundlichkeit, denn bei ihrer Liste ging es nicht nur um sie. Leider kam es nicht mehr dazu. Kalileigh ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihre Liste wurde erst nach ihrem Tod entdeckt. Ihre Eltern haben Kopien davon bei ihrer Beisetzung verteilt. Und die Trauergäste gebeten all das zu tun, was Kaileigh noch in ihrem Leben vor hatte. Daraus ist eine Art Internetgemeinde entstanden, deren Mitglieder genau das tun: Kaileighs Wünsche erfüllen. Für sich selbst und für Kaileigh. Der eine steht eine Woche lang bei Sonnenaufgang auf und fotografiert die erwachende Natur. Die andere hat einen Baum gepflanzt. Ein frisch verliebtes Paar aus Köln schlief unter freiem Himmel miteinander. Jemand aus Spanien hat sich aufgemacht um das Polarlicht zu sehen und ein Mädchen aus Holland ist mit Delfinen geschwommen. Das größte Projekt läuft in Australien: Fünf Mädchen sammeln für ein Waisenhaus in Südafrika. Darin sollen Kinder leben, deren Eltern an Aids gestorben sind. Alles Dinge, die Kaileigh in ihrem Leben noch tun wollte. Jetzt tun es andere für sie auf der ganzen Welt.

Aber einen ihrer Lebenswünsche hat sie sich trotz ihrem Tod bereits  selbst erfüllt: Sie wollte eine Person inspirieren. Das ist ihr mehr als gelungen. Denn sie hat nicht nur eine Person inspiriert etwas Schönes und Gutes zu tun, sondern weltweit über 7000! Bisher…

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„Ein Urteil lässt sich widerlegen, ein Vorurteil aber nie.“ Ein guter Spruch von Marie von Ebner-Eschenbach. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob sich wirklich jedes Urteil widerlegen lässt - sei es vor Gericht oder zwischen Menschen. Wo sie aber recht hat, die Dichterin, ist bei den Vorurteilen. Weil sie meistens so im Stillen vor sich hingesagt werden. „Typisch“, ist ein klassisches Vorteils-Wort. Oder Sätze wie „die sind doch alle faul“ oder „die wollen mich doch eh nur abzocken“. Diese Art Vorurteile gibt es zur Genüge. Und sie sind weiß Gott schwer zu widerlegen. Weil sie eben nicht zu greifen sind oder weil die, die sie haben, sich meistens auf keine Debatte einlassen. Ich habe eine Geschichte entdeckt die es aber doch schafft. Auf ganz zauberhafte Weise widerlegt sie ein gängiges Vorurteil. Sie heißt der „Teller Suppe“, ist von Manfred Zacher und geht so:

 „Eine ältere Dame kauft sich einen Teller Suppe. Behutsam trägt sie die dampfende Köstlichkeit an einen Stehtisch und hängt ihre Handtasche darunter. Dann geht sie noch einmal zur Theke. Sie hat den Löffel vergessen. Als sie zum Tisch zurückkehrt, steht dort ein Afrikaner – schwarz, kraushaar, bunt wie ein Paradiesvogel – und löffelt die Suppe. Zuerst schaut die Frau ganz verduzt. Dann aber besinnt sie sich, lächelt den Mann an und beginnt ihren Löffel zu dem seinen in den Teller zu tauchen. Sie essen gemeinsam. Nach der Mahlzeit – unterhalten können sie sich kaum – spendiert der junge Mann ihr noch einen Kaffee und verabschiedet sich höflich. Als die Frau gehen will und unter den Tisch zur Handtasche greift, findet sie nichts. Alles weg.

Also doch, ein gemeiner, hinterhältiger Spitzbube! Enttäuscht, mit rotem Gesicht schaut sie sich um. Er ist spurlos verschwunden. Aber am Nachbartisch erblickt sie einen Teller Suppe, inzwischen ist er kalt geworden. Darunter hängt ihre Handtasche.“

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  „Ich habe meine Gefühle begraben“, das hat mir vor kurzem jemand über sich gesagt. Welch’ ein Satz! Dieser Mensch hat das, was dem Leben Höhen und Tiefen gibt, in eine Kiste gepackt und einsachtzig tief in die Erde versenkt, um in seinem Bild zu bleiben. Und er hatte, wie jeder, der seine Gefühle wegpacken muss, gute Gründe dafür. Gute Gründe sind zum Beispiel sich selbst zu schützen, damit einen die Gefühle nicht überschwemmen. Gute Gründe sind auch, alte Wunden nicht aufzureißen. So verständlich und wirksam es auch ist Gefühle wegzupacken, zu unterdrücken oder zu begraben, so belastend ist es auch. Denn das Leben wird eben gefühlloser ohne Höhen und Tiefen. Irgendwie stumpf. Oder die Gefühle suchen sich andere Wege um aus ihrem Grab zu kommen. Unvermittelte Wut, unerklärliche Traurigkeit oder körperliche Beschwerden. Das Bild vom Grab und Begraben finde ich ganz passend dafür wenn gefühllose Zustände geheilt werden sollen. Wenn Gefühle begraben werden mussten, dann war etwas so schmerzhaft, dass es weggepackt werden musste. Um beides zu lösen, das Wegpacken und seine Folgen, müssen die Gefühle exhumiert werden, ausgegraben, ausgepackt, hoch gelassen. Aber ganz vorsichtig, ganz behutsam, am besten mit einer Freundin, einem Seelsorger oder einer Therapeutin. Im Wort „Exhumieren“ – das Tote ausgraben, steckt das Wort Humus. Humus ist der Stoff, der Kompost, der scheinbar tot, aber so fruchtbar ist. Und so können die scheinbar toten Gefühle, wenn sie aus ihrem Grab geholt werden, auch zum Humus, zum Stoff für ein anderes, neues Leben werden. Ein Leben, versöhnt mit sich selbst, versöhnt mit den Fehlern und Schwächen, die jeder Mensch in sich trägt. Und wenn es gelingt, diese Gefühle behutsam freizulegen, dann kann das Harte weich werden, das Dunkle hell und das Tote lebendig.

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Wer wünscht sich das nicht, eine Partnerschaft, in der die Liebe lebendig bleibt. Eine Beziehung die hält, auf Augenhöhe, in der beide geben und nehmen. Mit echter Toleranz, nicht Gleichgültigkeit. Mit Geduld und Kraft für die Durststrecken, die es in jeder längeren Beziehung gibt. Im Idealfall ergänzt man sich oder wechselt sich ab. Beim einander Tragen und Ertragen. Wenn es Zeiten der Verschlossenheit gibt oder wenn man nur wenig und nicht alles geben kann. Wenn man manchmal zu Zweit allein sein muss. Das gehört dazu. Nicht immer, aber immer mal wieder. Da hilft es die lange Strecke zu sehen. Den Weg mit und für den Partner. Da hilft auch der Wunsch, dass es dem Partner gut gehen möge, an Leib und Seele. Dass ich ihm eine Entwicklung wünsche. Seine ganz eigene Entwicklung, hin zu dem der er ist, hin zu der die sie ist. Dazu muss ich immer wieder geduldig sein, liebevoll, wohlwollend geduldig. Und immer mal wieder auch aushalten können. Aushalten, daß wir so verschieden sind, aber mich auch daran freuen, dass wir so unterschiedliche Menschen sind. Die Dichterin Eva Strittmatter hat das einmal sehr schön knapp in Worte gefasst. In ihrem Gedicht „Widmung“ dankt ein Partner dem anderen für dessen Geduld und Hilfe, die es ihm ermöglicht haben er selbst sein zu sein.

Sie schreibt:

„Ich würde gerne etwas sagen, was dir gerecht wird und genügt. 

Du hast mich, wie ich bin ertragen, und mir was fehlte, zugefügt. 

Es ist nicht leicht mit mir zu leben. Und oft war ich dir ungerecht. 

Und nie hab ich mich ganz ergeben. Du hattest auf ein Ganzes Recht. 

Doch ich hab viel für mich behalten und dich ließ ich mit dir allein.

Und du halfst mir, mich zu gestalten Und: gegen dich mir treu zu sein.“

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Was eine WM! Tolle Spiele, viele Tore, und Deutschland endlich mal wieder Weltmeister! 4 Wochen Fußball total mit Euphorie pur am Ende. Es war die 12. WM die ich bewusst miterlebt habe. Aber zum 1. Mal konnte ich sie nicht so richtig genießen. Trotz dem Titel für unsere Jungs. Die greisen reichen Herren vom Weltfußballverband, bekannt unter dem Kürzel FIFA, haben mir die volle Freude an dieser WM verdorben. Wenn die Begeisterung verflogen ist kann man sich ansehen was sie sich alle vier Jahre erlauben: Sie stürzen ein Land in immens hohe Kosten, bestimmen alles was die WM betrifft, holen gigantisch viel Kohle raus, zahlen keinen Cent Steuer, machen sich danach aus dem Staub und kümmern sich einen feuchten Kehricht um die Folgen für Land und Leute. Bei der letzten Fußball WM in Südafrika ließen sie ein Stadion für 100 Millionen Euro in die Pampa setzen. Es steht heute so leer wie nutzlos in der Nähe des „Krüger-Nationalparks“ herum. Das Geld für dieses Stadion wurde vom Budget für Krankenhäuser und Schulen abgezwackt. Problem der Südafrikaner könnte man sagen, Problem der Brasilianer ist es sicher nicht, wenn die FIFA vorgeschrieben hat, dass 10.000 Parkplätze für das Maracana Stadion in Rio gebaut werden mussten. Und dafür Häuser im daneben liegenden Armenviertel platt gemacht wurden. Ein Problem der Brasilianer wird es bleiben, dass es für 4 der 12 WM Stadien ab heute so gut wie keine Verwendung mehr geben wird. Brasilien wird sie mit Millionenbeträgen unterhalten oder abreißen müssen. Der Kater nach dem Begeisterungsrausch wird ein sehr langer sein. Der FIFA ist das egal. Sie hat ca. 3 Milliarden Euro eingesackt und bereitet ihre nächste Fremdherrschaft vor: 2018 in Russland.

 

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Aktualisierter Text am "Weltmeistertag"

„Die Geduld ist der Schlüssel zur Freude“. Herrlich wie dieser arabische Spruch heute passt!
24 Jahre hat Fussballdeutschland auf diesen 4. WM-Titel gewartet. 2 mal hintereinander waren wir nah dran, sind „nur“ Dritter geworden, was für Viele kein wirklicher Erfolg war. Und jetzt wollten es genau die Jungs, die schon zwei Mal so nah dran waren wissen. Nochmal mussten sie geduldig sein, 7 Spiele lang und im 7. Und letzten auch noch 120 lange, bange Minuten. Und sie haben es richtig verdient Weltmeister zu werden. Was mich aber mindestens genauso freut wie dieser historische sportliche Erfolg, ist wie diese Mannschaft aufgetreten ist. Die Jungs haben nicht abgehoben als sie gleich am Anfang gegen die Portugiesen so beeindruckend wie deutlich gewonnen haben. Sie haben nicht gewackelt nachdem sie gegen Algerien erschreckend schwach gespielt haben. Und sie haben die Brasilianer nicht gedemütigt als diese im Halbfinale so fürchterlich eingebrochen sind. Die deutsche Mannschaft hat ein Spiel, in dem sie haushoch überlegen war, in Würde und mit Respekt für den Gegner zu Ende gebracht. Und heute Nacht haben sie fair gekämpft, sind bis an ihre Grenzen gegangen und wurden zurecht dafür belohnt. „Die Geduld ist der Schlüssel zur Freude“. Und jetzt ist Freude angesagt. Freude über eine Mannschaft, die der Welt sportlich und menschlich ein überaus sympathisches Bild Deutschlands gezeigt hat. Freude über einen warmherzigen Teamchef, der genau die Geduld und die Weitsicht hat, um auf einen Erfolg so lange hinzuarbeiten. Und Freude darüber, dass wir das mal wieder erleben können. Yeah!

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„Alles, was ich über Solidarität weiß, habe ich beim Fußball gelernt.“ Das hat Albert Camus gesagt. Albert Camus, der französische Schriftsteller und große Menschenfreund. Der Fußball hat ihn also geprägt in seiner Mitmenschlichkeit. Das klingt erst mal überraschend, aber ich glaub es gern, denn Fußball ist viel mehr als ewiger Ruhm oder Big Business. Natürlich geht es beim Fußball ums Gewinnen, heute Abend vor allem. Fußball ist aber auch eine Schule des Lebens, weil es in Mannschaftssportarten immer auch um Werte geht. Werte durch die man lernen kann wie wichtig und schön Gemeinschaft ist: Sich aufeinander verlassen können, ein gemeinsames Ziel haben, sich für die anderen einsetzen, fair sein. Es ist eine ganz besondere Erfahrung in ein Team eingebunden zu sein, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Gemeinsam gewinnen und noch viel wichtiger gemeinsam verlieren zu können - ohne Schuldzuweisungen danach, oder Streit. Genau das lernen brasilianische Kinder und Jugendliche bei einem Sozialprojekt der Salesianer Don Boscos. Mit Fußball holen die Salesianer die Ärmsten der Armen aus den Elendsvierteln oder von der Straße. Denn Fußball steht auch für den Traum der jungen Menschen aus dem Elend rauszukommen. Die Salesianer bieten aber mehr als nur Fußball. Sie bieten auch Bildung. Denn durch Bildung schaffen es viel mehr aus dem Elend auszubrechen als die paar ganz wenigen die tatsächlich Fußballprofi werden.  „1000 Bälle für Brasilien“ heißt die Aktion, mit der dieses Bildungsprojekt unterstützt werden kann. Für 100 Euro können Fangruppen, Freizeitmannschaften oder auch Einzelpersonen einen Ball kaufen. 70 Euro davon gehen in das Fußballprojekt für arme Kinder und Jugendliche. Das auch morgen noch weiterläuft, wenn die WM in Brasilien vorbei ist. 

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