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SWR3 Gedanken

Die Strecke von der Autobahn bis zu uns nach Hause dauert lange. Und weil es keine Möglichkeit zum Überholen gibt, hängt man unter Umständen ewig hinter demselben Auto. Anfang Dezember war es mal wieder soweit. Ich habe also viel Zeit, um die Landschaft zu studieren, als mir plötzlich auffällt, was auf dem Auto steht, das vor mir fährt: „Gerade Du brauchst Jesus.“

Ich hab den Satz zwei-, dreimal gelesen und mich dann geärgert. Der Satz provoziert mich. Woher weiß denn der Fahrer, dass ich Jesus wirklich brauche? Und wieso brauche gerade ich ihn? Ich meine, der vor mir hatte ja Glück, dass ich hinter ihm her gefahren bin, Jesus ist mir wirklich wichtig. Aber das konnte der ja nicht wissen.

 

Mit solchen Sätzen habe ich meine Probleme. Weil dann ganz ausgeschaltet wird, dass es Menschen auch ohne Jesus gut gehen kann. Viele Leute glauben nicht oder können nicht glauben. Das will ich nicht ausblenden.

Dieser Satz passt auch nicht zu meinem Bild vom Menschen. Ich könnte den Spruch ja so verstehen, dass ich so schlecht bin, dass nur noch Jesus helfen kann.

Ich glaube aber, dass wir Menschen grundsätzlich ganz gute Menschen sind, dass wir als Gottes Geschöpfe auch etwas von unserem Schöpfer in uns tragen. Natürlich läuft es auch mal schief im Leben. Das ist möglich, weil wir frei entscheiden können. Und weil das so ist, muss auch jeder für sich selbst entscheiden, ob er sein Leben mit Gott gestalten will, oder nicht. Diese Freiheit haben wir nun mal und die will ich ernst nehmen, gerade wenn es um den Glauben geht.

Mein Glaube ist mir wichtig, aber es stört mich, das anderen überzustülpen. Wenn ich gefragt werde, gebe ich selbstverständlich Antwort. Dann erzähle ich von mir und meinem Glauben und sage eher sowas wie: „Jesus hat damals richtig viel bewegt. Und das tut er in meinem Leben auch.“

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Ich bin zum Gespräch bei einer alten Dame eingeladen. Sie ist 86 und erzählt mir von ihrem Leben. Ich kriege mit, was sie erlebt hat. Sie und ihr Mann haben mehrere Kinder. Eine Tochter war behindert und ist mit Anfang zwanzig gestorben. „Das war das Schlimmste“, erklärt sie. Dann hat ihr Herz nicht mehr mitgemacht, sie musste zurückschrauben - für eine Bäuerin ist das hart.

Jetzt bereitet sich die alte Dame darauf vor, zu sterben. „Es muss nicht sofort sein“, sagt sie, „kann es aber“. Sie ist bereit.

Kann man irgendwann bereit sein für den Tod?

Zum Schluss sagt sie: „Ich habe zehn Jahre gebraucht, um mein Leben zu verschaffen. Die letzten zehn Jahre habe ich jeden Tag hart daran gearbeitet. Aber ich hab´s geschafft und jetzt habe ich einen klaren Blick auf mein Leben. Ich bin bereit zu gehen.“

Szenenwechsel - 2000 Jahre früher:

Acht Tage nach der Geburt gehen Maria und Josef mit ihrem neugeborenen Sohn Jesus in den Tempel. Dort passiert etwas Unerwartetes: ein alter Mann geht auf sie zu und nimmt den Säugling in seine Arme. Er beginnt laut zu beten und sagt: „Meine Augen haben das Heil gesehen. Jetzt kann ich in Frieden sterben.“

Der alte Mann heißt Simeon und er weiß schon lange, dass er nicht früher stirbt, bis er den neugeborenen König, den Retter sehen kann. Jetzt ist es soweit.

Simeon sagt: „Meine Augen haben das Heil gesehen.“

Ich glaube, mit der alten Dame, bei der ich zu Besuch war, ist etwas Ähnliches passiert. Bei ihr ist in den vergangenen Jahren auch viel heil geworden. Sie musste viel verkraften und verarbeiten. Das war bestimmt ein harter Weg.

Aber ich glaube wirklich, dass sie ihr Heil jetzt sieht- und, dass sie eines Tages in Frieden sterben kann.

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„Ich hab das Gefühl, dieses Jahr wird gut.“

Ich laufe nach meinem Unterricht durch die Schule. Vor mir zwei Schülerinnen aus der zehnten Klasse. Dabei sagt die eine genau diesen Satz. „Ich hab das Gefühl, dieses Jahr wird gut.“ Es geht noch weiter: „Ich hab jetzt begriffen, dass es um was geht. Wenn ich jetzt nichts tue, kann ich das mit dem höheren Dienst bei der Polizei vergessen.“

Stark!, denke ich. Die Schülerin hat ihr Ziel klar vor Augen. Und der Weg, der ist ihr jetzt auch klar: sie muss was dafür tun.

Das ist doch eine wichtige Erkenntnis zum richtigen Zeitpunkt in ihrem Leben.

Für mich ist in solchen Momenten der Heilige Geist im Spiel. Wenn mir plötzlich etwas klar wird oder wenn ich eine gute Idee habe - einen Geistesblitz. Das ist mir zum Beispiel vor ein paar Tagen im Auto passiert: ich höre eine CD und plötzlich denke ich: das ist genau das Lied, das ich für den nächsten Jugendgottesdienst brauche. Dabei habe ich das schon so oft gehört und nie daran gedacht, dass ich es irgendwie mal einsetzen könnte.

Das ist für mich das Schöne am Heiligen Geist. Er wirkt oft völlig unbemerkt oder ich verstehe erst später, dass da etwas ist, was auch Einfluss auf mein Leben hat. Ich finde den Heiligen Geist gut und es gibt immer mehr Situationen in denen ich ihn wirklich brauche und auf ihn baue.

Für mich ist er wie eine kreative und sprudelnde Kraft.

Und er ist die Kraft, mit der ich sagen kann: „Ich hab das Gefühl, dieses Jahr wird gut.“

In diesem Sinne: ein gutes neues Jahr!

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Silvester feiere ich schon immer mit meiner Familie. Weil das mit der Zeit langweilig wurde, muss seit einigen Jahren jeder einen Beitrag für alle bringen, vom Improtheater bis zur Großgruppengaudi. Das hat sich eingebürgert und bringt richtig Stimmung.

Das ist auch gut so, denn für mich ist wichtig, dass es ein fröhlicher Abend ist. Klar, das kann ich nicht erzwingen. Aber ich finde es gut, froh in das neue Jahr zu starten, unabhängig davon, was im Alten war.

Gott gehört für mich genauso zu Silvester wie die vielen Beiträge oder das Feuerwerk. Ich will das neue Jahr nicht ohne Gott beginnen. An Silvester habe ich immer das gleiche Gefühl: ganz egal, wie es wird, ich muss den Weg durch das neue Jahr nicht alleine gehen. Ich weiß, wenn es ganz hart kommt, wenn mir kein Mensch mehr helfen kann, dann kann ich Dinge an Gott abgeben. Mir hilft das. Ich gehe dann einigermaßen gelassen und sogar mutig auf das zu, was mich im neuen Jahr erwarten wird.

Bei unseren Silvesterabenden hat sich der Brauch eingebürgert, ein altes Kirchenlied zu singen. Pünktlich zum 12 Uhr Schlag und zum Start des Feuerwerks stimmt immer jemand „Großer Gott, wir loben Dich“ an. Wir brauchen das gar nicht abzusprechen, das klappt einfach so. Es wäre komisch, wenn wir das Lied nicht singen würden.

Egal, wie das alte Jahr war und das neue sein wird: ohne diesen schönen Abend und ohne den „großen Gott“ kann und will ich 2014 nicht beginnen.

Bei allem, was Sie heute Abend tun: kommen Sie gut ins neue Jahr!

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Michael ist ein Freund von mir. Genau an seinem 30. Geburtstag ist seine Mutter gestorben. Das muss doch furchtbar sein: gerade am Geburtstag, wo man doch eigentlich in Feierlaune ist.

Umso erstaunter bin ich als Michael mir am Telefon erzählt: „Mein Geburtstag hätte nicht erfüllter sein können.“ Ich frage ihn: „Woran liegt das? Er berichtet, dass die Pfarrerin in den letzten Stunden bei ihnen war. Sie hat gefragt, ob es einen Text gibt, der in der Familie eine Rolle spielt oder für die Mama wichtig war. Und es gab tatsächlich eine Bibelstelle, die immer gelesen wurde, wenn die Familie versammelt war, genau wie jetzt.

Die Familie steht um das Bett und der Vater liest die Weihnachtgeschichte vor - mitten im Oktober.

Die Geschichte von der Geburt eines kleinen Kindes, das die Welt verändert hat. Die Geschichte von einem Neuanfang, von einer neuen Zeitrechnung - und gerade liegt die Mama im Sterben.

Als Michael das erzählt, hab ich Tränen in den Augen. Ich finde das so stark von der Familie: im Tod diese Geschichte vom Leben zu lesen.

Aber so ist es ja: Leben und Tod gehören zusammen. Ob wir wollen, oder nicht.

Das ist in diesem Jahr meine Weihnachtsgeschichte. Sie ist mir in den letzten Tagen immer durch den Kopf gegangen. Und Michael und seine Familie machen mir Mut. Selbst im dunkelsten Moment, gibt es manchmal einen Hoffnungsschimmer, dass es weitergeht.

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Meine Mutter ist Holzbildhauerin. Deshalb war schon immer klar, dass ich mal eine eigene Weihnachtskrippe haben soll. Maria, Josef, Jesus, Ochs, Esel, die Hirten und was sich sonst noch so in Miniformat um den Stall tummelt.

Seit einigen Jahren bekomme ich immer an Weihnachten eine Figur dazu. Es fing an mit dem Jesuskind, als nächstes kam der Esel und dann Josef. So entstand ein Jahr lang die interessante Konstellation „Jesus, Josef und der Esel“. Da spielt Josef plötzlich eine ganz andere Rolle. Er muss im wahrsten Sinne des Wortes „seinen Mann stehen“. In meiner Krippe musste er ein Jahr lang alles alleine machen: er musste da sein, musste das schreiende Kind versorgen und er musste die Gäste an der Krippe empfangen.

Dadurch habe ich eine ganz besondere Beziehung zu Josef.

Ein Zimmermann soll er gewesen sein. Ein ganzes Stück älter als Maria. Und dann die Sache mit dem Kind, das nicht von ihm war.

Was damals auch immer passiert ist, Josefs Stärke ist, dass er bei Maria geblieben ist. Alle hätten verstanden, wenn er sich aus dem Staub gemacht hätte. Verärgert und enttäuscht. Zudem das ganze Gerede. Ein fremdes Kind versorgen und großziehen und sich zum Gespött der Leute machen? Josef hat es auf sich genommen. In meiner Krippe hatte er sowieso keine andere Wahl.

Aber vor 2000 Jahren, da hätte er die Wahl gehabt. Warum ist Josef bei Maria geblieben? Die Bibel überliefert, dass Josef einen Traum hatte, in dem ihm ein Engel verspricht, dass er keine Angst haben muss, denn das Kind sei Gottes Sohn.

Vielleicht ist das der Grund, warum Josef geblieben ist. Josef mag erkannt haben, dass das Leben ihn braucht, dass er gebraucht wird. Und dass es einen größeren Plan gibt, dem er sich anvertrauen kann.

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