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SWR3 Gedanken

Sechs Tage lang war er schöpferisch tätig. Was er sich da ausgedacht hat, war erhellend und hatte am Ende sogar noch Hand und Fuß. Erzählt die Bibel ganz am Anfang. 6 Tage war Gott kreativ tätig und dann hat er gesagt: jetzt ist gut, jetzt ist Pause.
Ich weiß nicht, ob Sie auch kreativ sind. Ob Sie sich auch manchmal was Neues ausdenken müssen. Einen Text schreiben, ein Fest planen oder ein Konzept erstellen. Also bei mir sind das immer Geburten, Presswehen inklusive. Einmal hat mir ein Glaskünstler erzählt, wie er das macht. Wenn er zum Beispiel einer altehrwürdigen Kirche neue Fenster verpassen soll.
Da setzt er sich erst mal in den Kirchenraum. Stundenlang. Betrachtet das Spiel von Licht und Schatten, fühlt die Weite des Raums, atmet den Geruch von Holz und Staub, tastet über die Bänke.
Dann, wieder zu Hause, setzt er sich vor ein Blatt Papier. Den ersten Entwurf zerreißt er immer. Den zweiten und den dritten auch. Irgendwann hat er die Idee. Und die überarbeitet er dann. Immer und immer wieder. In der Zeit ist er kaum zu genießen, läuft tags wie ein Tiger durch die Wohnung und wirft sich nachts im Bett hin und her. Manchmal träumt er die Lösung, stürzt sich auf dem Block auf dem Nachttisch, um es festzuhalten, so flüchtig ist das.
Und wann ist es gut? habe ich ihn gefragt. „Wenn alles Geschmäcklerische weg ist, sagt er, wenn nur noch die klare, einfache Form übrig bleibt."
So ist das mit der Kreativität. Am Ende bleibt nur die klare, einfache Form, bleibt nur noch ein einfacher Satz übrig. Aus der Masse der Versuche bleibt nur eine Lösung übrig. Und die kriegt man nicht nur durch Nachdenken, da braucht man auch Träume und Offenbarungen.
6 Tage lang war Gott schöpferisch tätig, erzählt die Bibel. Aber am Sonntag, also morgen, hat er es gut sein lassen. Das können wir auch. Dieser unglaublichen Kreativität nachspüren und der göttlichen Ruhe danach.

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Alfred Jussuf steht auf seinem Schild. Er arbeitet in einem Telefonladen und jetzt soll er mir meine Telefonrechnung erklären, warum die so hoch ist. Wie Alfred Jussuf hab ich mir immer einen Prinzen aus Tausendundeine Nacht vorgestellt: dunkle Augen, dunkle Locken, schmale lange Nase.
„Sie sind von der Evangelischen Kirche?" fragt er, als er meine Papiere liest. „Ja, warum?" Er schaut hoch und lächelt: „Hab ich gute Erfahrung mit gemacht. Wir waren ja eine Flüchtlingsfamilie, haben zuerst gegenüber der evangelischen Kirche gewohnt. Mein Bruder und ich, wir waren oft in der Jugendgruppe. Kumbaja my lord und so Sachen singen. Echt schön! Eigentlich haben wir in der Gemeinde deutsch gelernt."
Ich bin ganz gerührt. „Ja, und an Weihnachten, sagt er und nimmt Haltung an, da war ich der Titus und mein Bruder war der Thomas."
„Ah, Krippenspiel an Heiligabend! Da haben Sie mitgemacht? Sind Sie nicht Muslim?"- „Na klar bin ich Muslim. Bin ich immer noch. Aber die Weihnachtsgeschichte, die war gut. Ist auch mit Flüchtlingen."
Und dann nimmt er ein Formular, tippt etwas in seinen Rechner und sagt: „Ich kümmer mich um Ihre Rechnung. Ist nicht in Ordnung. Können sich auf mich verlassen. Haben wir doch nur einen Gott, oder?"
Ja, wir haben nur einen Gott. Auch wenn wir aus verschiedenen Kulturen und Religionen stammen. Alfred Jussuf und ich. Islam und Christentum. Aber vor vielen Jahren, da haben meine Glaubensgeschwister den kleinen Jussuf und seine Familie in ihre Gemeinde aufgenommen. Haben den Muslimbuben beim Krippenspiel mitmachen lassen, ohne ihn bekehren zu wollen. Einfach so.
Und jetzt ist er für mich da. Einfach so.
So ist das mit dem Weltfrieden. Der wächst aus unseren guten Taten. Und oft kriegen wir das gar nicht mit. Wie zum Beispiel aus einem kleinen Flüchtlingsjungen ein prima Kommunikationswirt mit Namen Alfred Jussuf wird.

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Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.
Hat Jesus gesagt und provoziert damit bis heute. Aber man muss sich doch wehren, wenn man angegriffen wird! Man darf doch nicht zusehen, wie Gewalt um sich greift.
Jesus hat nicht aus der Perspektive einer Regierung oder gar der Nato gesprochen. Sondern aus der Perspektive von einem, der selber willkürlicher Gewalt ausgesetzt ist. Er hat die römischen Besatzer vor Augen gehabt, die schon mal zugeschlagen haben, wenn ein Jude sich ihren Anweisungen widersetzt hat.
Für ihn und für seine Freunde hat er gesagt:
Wenn du willst, dass es weniger Gewalttäter gibt, dann verhalte dich anders als die.
Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.
Das ist eine Zumutung. Das kann man nur aushalten, wenn man die richtige Haltung dazu hat.
Was die Gewalt so gefährlich macht, ist ja nicht der Schmerz auf der Wange. Das Gefährliche ist der Schlag gegen die Ehre, die eigene Würde. Körperlich können wir ja alle eine Menge aushalten, wenn wir dabei in unserer Würde nicht angetastet werden. Und darum geht es Jesus. Die linke Wange hinhalten kann nur, wer seine Würde dabei nicht mit hinhält. Weil er weiß: meine Würde ist nicht verhandelbar. Die ist bei Gott gut aufgehoben. Und so lange sie dort aufgehoben ist, kann mir niemand meine Würde antasten.
Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte auch die linke Seite hin. Das ist ein ganz starkes Stück. Das ist überraschend. Ob es den Gewalttäter wirklich stoppt, weiß ich nicht. Aber wer immer das tut, der ist kein Opfer von Gewalt. Der ist Täter der Gewaltlosigkeit. Und wird vielleicht grade so Frieden stiften.

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Wie ein Häufchen Elend sitzt er da und kann es einfach nicht fassen. Nach 28 Jahren Ehe hat sich seine Frau in einen anderen verliebt und hat ihm das einfach so gesagt.
Jetzt schläft er im Gästezimmer, sie im Arbeitszimmer und beiden geht es schlecht. Er fühlt sich betrogen und hintergangen, liebt sie aber trotzdem noch. Sie ist glücklich mit dem Anderen, hat aber ein tierisch schlechtes Gewissen.
Eine schreckliche Situation. Und doch eine wichtige, eine entscheidende Zeit. Ein Zeitfenster, das sich irgendwann schließt und in dem vieles möglich ist.
Was tun? Zwei Dinge finde ich wichtig.
Zum einen: keine Entscheidungen für die Zukunft treffen. Diese Extremgefühle sagen viel über den, der sie hat. Aber sie taugen keinesfalls als Basis für eine Entscheidung: ich gehe oder ich- ich bleibe. Jetzt ist was anderes dran, nämlich:
Zweitens: Herausfinden, um was es eigentlich geht. Man kann das ein bisschen spielerisch machen. Stellen Sie sich einen Teller vor, auf den Sie zwei Frösche setzen. Frösche, weil die auch auf dem Sprung sind. Aber noch sitzen sie da. Einer guckt nach innen, der andere über den Tellerrand.
Was sieht der da draußen? Warum geht sein Blick fremd? Was fehlt ihm drinnen, auf dem Teller? Und kann es nicht sein, dass dem, der nur nach innen guckt, auch was fehlt? Er das nur nicht sehen will? Und wie war das ganz am Anfang? Da war doch mal alles da, oder? Wann ist es verloren gegangen?
Du sollst nicht ehebrechen. Dieses Gebot ist leider immer moralisch missverstanden worden. Beim Ehebruch geht es aber letztlich nicht um Moral. Es geht um Respekt und Achtsamkeit- gegenüber sich selber, gegenüber den Anderen und gegenüber Gott und dem eigenen Gewissen. Wenn man sich die miteinander zurückholt- den Respekt und die Achtsamkeit, dann hat vielleicht die Liebe auch wieder eine Chance.

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Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit.
Acht Frauen und drei Männer halten sich an den Händen und wiegen sich zum Takt von diesem Gedicht von Heinz Erhard. Man sieht, dass es ihnen Spaß macht und das passiert selten, weil sie alle unter Demenz leiden. Aber Lars Ruppel erreicht sie trotzdem.
Lars Ruppel, 26 Jahre alt, ist Poetryslammer. Das heißt, er schreibt Gedichte und inszeniert sie- sehr witzig auf der Bühne. Oder geht in Schulen, Betriebe, Altersheime- und dichtet mit den Leuten dort. Weil es Spaß macht und so schön klingt. Weil Gedichte wärmen, trösten und wach machen können. Ja wirklich. Es gibt Gedichte, die machen richtig lebendig.
Einmal habe ich einen alten Mann kennengelernt, der hat sich ständig im Altersheim verlaufen, ein bisschen dement halt. Sein ganzes Leben war auf Achse, als Flüchtling, als Monteur nach dem Krieg. Und jetzt sitzt er bei mir in einer Andacht. Als wir ein Lied singen, in dem es auch ums Unterwegssein geht, da wacht er plötzlich auf und singt mit:
„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann."
Nach der dritten Strophe hat er dann allein weitergesungen. Alle 12 Strophen. Auswendig. Dann hat er sich freudestrahlend aufgerichtet und alle waren hin und weg.
Seither weiß ich: Es gibt eine Sprache, in der ist ganz viel Gott. Weil sie wärmt und schützt und lebendig macht. Wie schön, wenn man davon was mit sich rumtragen kann. Weil man es irgendwann auswendig gelernt hat. Wer das nicht hat, kann ja mal mit Heinz Erhard anfangen: Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit.

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Alternativlos - manchmal liegt es nah, eine Entscheidung als Alternativlos zu präsentieren. Weil man wirklich keine Alternative sieht. Und trotzdem spricht kein Politiker mehr das Wort aus. Schließlich hat es Karriere gemacht. Unwort des Jahres 2012. Damals haben einige Politiker ihre Entscheidungen als „alternativlos" bezeichnet, vor allem in Sachen Finanzkrise.
Nun versteht zwar sowieso kaum einer, was da richtig und falsch ist, aber das Wort- so die Jury, geht gar nicht. Weil es nahe legt: wir Politiker haben schon alles zu Ende gedacht. Ihr braucht nicht mehr denken, nur noch machen, was wir sagen. Das mag bei Kindern manchmal angehen, gegenüber erwachsenen Staatsbürgern geht das gar nicht.
Wenn man erwachsen ist, gibt es nämlich immer eine Alternative. Auch wenn man mit dem Denken und der Logik an seinen Grenzen stößt.
Jesus ist mal gefragt worden: Kann ein Reicher in den Himmel kommen? Ist einer, dem die Armut der Anderen sonst wo vorbeigeht, nicht ein verlorener Mensch? Und Jesus hat gesagt: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass so ein Reicher in den Himmel kommt. Also: Menschlich und logisch gesehen ist der Reiche verloren. In den Himmel zu kommen, ist logisch gesehen menschenunmöglich. Aber vor Gott sieht das anders aus. Bei Gott, sagt Jesus, ist alles möglich. Was meint er damit?
Wenn man zum Beispiel seinen Arbeitsplatz verliert, dann ist das eine Katastrophe. Menschlich gesehen. Aber von Gott her gesehen könnte es der Anfang einer anderen Berufslaufbahn sein, vielleicht der Anfang einer wirklichen Berufung.
Oder wenn man wegen einer Krankheit alle Pläne über den Haufen werfen muss, dann ist das eine Katastrophe. Menschlich gesehen. Aber von Gott her gesehen könnte es der Anfang einer anderen, besseren Lebensplanung sein.
Egal was passiert: alternativlos- das gibt's nicht. Vor Gott gibt es immer Alternativen. Wenn man fragt: Wofür soll das gut sein? Was will mir das sagen? Was hat Gott wohl noch mir vor?

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„Nur noch eine Frage." Ich seh ihn noch vor mir, den Kopf zur Seite, halb geschlossenes Auge, Zeigefinger am Mund. Nur noch eine Frage- damit hat er die Bösen immer zur Strecke gebracht. Colombo, dieser verdaddelte Inspektor in seinem schäbigen Trenchcoat und dem verbeulten Auto. 36 Jahre hat er die verzwicktesten Fälle gelöst. Heute wäre er 84 Jahre alt geworden.
Nur noch eine Frage. Eigentlich war das Verbrechen nicht mehr lösbar, die Schurken haben sich schon sicher gefühlt. Weil Colombo auch immer ein bisschen schusselig war, und stets freundlich- für die Schurken nur ein dummer, naiver Gutmensch. Und gerade diese Fehleinschätzung ist ihnen zum Verhängnis geworden. Weil Colombo hinter seiner verpeilten Erscheinung ganz anders war: hellwach nämlich und nicht zu beeindrucken durch Schmeicheleien oder Drohungen. Grandios, wie er durch ein winziges Detail einen mächtigen Verbrecher zur Strecke gebracht hat. So einfach kann das sein. Martin Luther hat einmal gedichtet:
 „Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Und warum? Weil der böse Feind, wie er sagt, gar nicht so mächtig ist.
Ein Wörtlein kann ihn fällen. Ein Wörtlein. Ein Satz. Nur eine Frage noch.
Manchmal fällt ein Lügengebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Wenn man mit offenen Augen und Ohren durch die Welt läuft, wenn man sich nicht verführen oder einschüchtern lässt, wenn man nicht auf das Große, sondern auf die kleinen Details achtet. Ein hingeworfener Satz, der nicht stimmt. Eine Drohung, die hohl ist, Freundlichkeit, die nur Fassade ist. Dann braucht man - wie Luther sagt- Gottvertrauen- und Geduld. Bis die Zeit reif ist. Und man das eine Wörtlein weiß, den einen Satz. Nur eine Frage noch.
Colombo, dieser scheinbar verpeilte Typ von Gutmensch- ich fand ihn immer großartig!

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