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SWR3 Gedanken

03SEP2011
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Dass in Kirchen ein Kreuz hängt ist üblich. Aber in der Lingenfelder Kirche bei Speyer sind es gleich ein paar dutzend Kreuze, kleine Holzkreuze. Auf jedem steht der Name eines Verstorbenen. In Lingenfeld endet die Trauer nicht mit der Beerdigung auf dem Friedhof. Die Kreuze sollen zeigen, dass es weitergeht, dass die Trauer bleibt, dass der Tote immer noch unter uns ist. Dass er nicht einfach auf dem Friedhof verschwindet, sondern immer noch in der Gemeinde Platz hat. Nach einer Beerdigung wird ein kleines Holzkreuz mit dem Namen des Toten aufgehängt. So bleibt der Verstorbene im Bewusstsein der Gemeinde. Und dann: Wenn ein Jahr vorbei ist, dann hängt jemand das Kreuz ab und besucht den Trauernden damit. Nimmt sich Zeit, spricht mit ihm noch einmal über den Toten, erzählt Geschichten, hört zu. Dann wird vielleicht gemeinsam das Fotoalbum ausgepackt und sich erinnert. Es wird gemeinsam gelacht oder auch geweint. Ich finde die Idee richtig gut. Der Trauer auch symbolisch Zeit und Raum geben. Ihr in der Kirche eine eigene Wand widmen. So wird die Trauer nicht weggepackt, sondern sie wird ernst genommen - ein ganzes Jahr lang und sicher auch darüber hinaus.

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02SEP2011
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Normalerweise zeigen Kirchen mit ihren Türmen nach oben. Oft sind sie die höchsten Gebäude im Ort. Damit prägen sie einen Ort, stechen hervor. Aber was, wenn die Kirche direkt neben einem Hochhaus gebaut werden soll? Der Wiener Architekt Heinz Tesar stand genau vor dieser Herausforderung. Vor einigen Jahren entstand in Wien der Stadtteil Donau-City. Mit einigen gigantischen Hochhäusern für die UNO. Der Stadtteil sollte auch eine Kirche bekommen. Heinz Tesar sagte dazu: „Eine Kirche zu bauen, die höher ist als das Hochhaus daneben ist irgendwie sinnlos. Und jeder Turm wird nur unter dem bleiben was um ihn herum ist. Aber", so der Architekt, „man kann auch in die Tiefe gehen. Ich wollte die Kirche eingraben, nach unten senken, um damit Bodenfühlung zu bekommen." So entstand ein kleiner würfelförmiger Bau, der nicht nach oben zeigt, sondern in die Erde hineinragt. Die Außenhaut der Kirche ist aus Stahl. So als müsse die Kirche die betenden Menschen wie mit einem Panzer beschützen. Wenn man die Kirche betritt, wird man dann mit einer angenehmen Wärme überrascht. Denn die Wände sind nicht kalt, sondern bestehen aus sehr freundlichem Birkensperrholz. Mir hat diese Idee ziemlich gut gefallen. Die Kirche als Ort, wo ich vor der Außenwelt geschützt bin und wieder Bodenfühlung bekomme. Alles um mich herum strebt nach oben, will Karriere machen, größer, reicher, mächtiger. Aber nicht in der Kirche. Nicht bei Gott. Da geht es nicht um Größe. Da geht es um Bodenfühlung. Darum - bei allem Streben nach oben - nicht abzuheben, sondern mich bei Gott verwurzelt und tief geborgen fühlen zu dürfen.  

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01SEP2011
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Ich war im Urlaub im Gottesdienst. Am Namenstag des heiligen Christophorus. Da Christophorus der Schutzpatron der Reisenden ist, wurden nach dem Gottesdienst alle Autos gesegnet, auch meins. Christophorus war ein unglaublich starker und großer Mann. Sein Wunsch: dem mächtigsten der ganzen Welt dienen. „Das muss der Kaiser sein", dachte er und bot diesem seine Dienste an. Aber als der Kaiser Angst vor dem Teufel zeigte, da wollte er lieber dem Teufel dienen. Doch dann bekam er mit, dass auch der Teufel nicht der mächtigste sein kann. Denn der Teufel fürchtete sich vor Christus. Da verließ Christophorus auch den Teufel. Enttäuscht ließ er sich an einem Fluss nieder und trug Reisende hinüber. Eines Tages wollte ein Kind über den Fluss. Christophorus nahm es auf seine Schulter und lief los. Das erschien ihm recht leicht. Aber je tiefer er in den Fluss stieg, desto schwerer wurde ihm das Kind. Nur mühsam erreichte er keuchend das andere Ufer. „Kind", sagte er. „Du bist so schwer als hätte ich die Last der ganzen Welt getragen." Da antwortete das Kind: „Das hast Du, denn ich bin Jesus. Ich habe den Menschen das Heil gebracht, indem ich ihre Last mittrage." Wegen dieser Legende wurde Christophorus Patron der Reisenden. Jetzt ist mein Auto also gesegnet. Aber deshalb bin ich noch lange nicht automatisch vor Unfällen geschützt. Ich stelle mir das eher so vor: Christophorus trägt meine Last mit der Fahrerei mit. Ich fahre nämlich nicht gerne Auto. Und wenn ich mit Kindern unterwegs bin, fährt immer auch ein bisschen die Angst mit: was ist, wenn ein Unfall passiert. Das darf ich Christophorus und Christus, den er getragen hat, sagen: ich habe Angst. Und indem ich die Angst teile, fahre ich befreiter. Ein Autosegen, der mir tatsächlich hilft.

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31AUG2011
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Erlebnisbad. Rutsche runter sausen, auf dem Piratenschiff toben und sich mit der Kanone nass spritzen. Den Papa untertauchen. Und dann zur Abwechslung mal ins warme Außenbecken. Unsere Pflegetochter ist 4 Jahre und hat richtig viel Spaß. Zwar regnet es im Außenbecken, aber ihr ist das egal. Im Gegenteil: Mit lauter Stimme fängt sie an zu singen: „Preiset den Herrn, Halleluja." Im Kindergarten hat sie das gelernt. Es ist ein Kanon. Immer wieder wiederholt sie diesen einen Satz, singt ihn aus vollem Hals: „Preiset den Herrn, halleluja." Ich kann mich nur wundern. Sie kennt zig Lieder. Aber in dieser Situation singt sie ein Loblied auf Gott. Über uns der graue, wolkenverhangene Himmel, mit leichten Regentropfen, um uns herum ganz angenehm das warme Wasser. Ganz viel Spaß. Und sie drückt ihre Freude völlig unbefangen aus. In diesem Moment habe ich es bedauert, dass ich nicht so spontan bin. Dass ich viel zu oft versuche ganz bewusst zu beten, dass ich extra in die Kirche gehe um Gott zu loben und um zu singen, dass ich mir dafür aber im ganz normalen Alltag kaum Zeit nehme. Ich bin in diesem Moment sehr froh, dass die Kleine das kann. Ich schaffe es zwar nicht mitzusingen, aber ich kann ihr innerlich zustimmen: „Du hast recht. Für diesen schönen Ausflug sollten wir Gott loben und preisen."

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Fanfaren ertönen. Pferde galoppieren auf den Platz. Ritter in prächtigen Rüstungen. Wir waren mit den Kindern im Urlaub bei einer Ritterstuntshow. Eine mittelalterliche Minne-Sängerin stellt die Helden vor: rechts die Guten, angeführt vom edlen Ritter Georg. Und links die Bösen. Ihr Anführer: Ein grimmiger Kerl mit einem Helm, der aussieht wie ein Totenschädel. Und dann teilt die Minnesängerin auch uns, das Publikum ein - rein zufällig. So wie man sitzt: rechts gute Seite - links böse Seite. Alle sollen ihre Kämpfer mit lautem Schlachtgebrüll anfeuern. Den Kindern gefällt das unheimlich gut: die eigenen anfeuern, die gegnerischen Ritter ausbuhen. Kind müsste man sein: da ist die Welt irgendwie übersichtlicher, da existieren noch Gute und Böse. Ich dagegen weiß ganz oft nicht mehr wo die Grenze verläuft. Sind unsere Politiker die Guten? Und Banker die Bösen? Oder umgekehrt? Oder beides. Oft kann ich es gar nicht eindeutig festlegen. Bin ich selbst gut? Oder gehöre ich zu den Bösen? Wenn ich die Kinder ins Bett schicke scheine ich für sie immer der Böse zu sein. Wenn ich mit Ihnen einen Ausflug mache der Gute. Während ich noch darüber nachdenke kämpfen die Ritter weiter. Mal triumphiert die gute, mal die böse Seite, aber zum Ende - klar: gewinnen die Guten! Das Turnier ist vorbei. Da verkündet die Minnesängerin, dass mit dem Ende des Turniers auch das Ende von guter und böser Seite gekommen ist. Alle sollen feiern und fröhlich sein. Mir schießt ein ziemlich religiöser Gedanke durch den Kopf: Das Ende des Turniers - Das Ende des Lebens. Alle sollen fröhlich sein. Alle? Gute und Böse? Auch die Bösen sollen feiern? Dürfen in den Himmel?  Vielleicht ist Gott ja wirklich genauso großzügig wie die Minnesängerin. (Das Turnier hat mir deutlich gemacht, dass es nicht immer an mir liegt auf welcher Seite ich lande. Nur zufällig gehörte ich diesmal zu den Guten.) Darüber will ich noch ein bisschen nachdenken.

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29AUG2011
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Gerade ist der Weltjugendtag zu Ende gegangen. Viele Jugendliche aus der ganzen Welt waren in Madrid, um gemeinsam mit dem Papst zu beten und ihren Glauben zu vertiefen. Über 10.000 von ihnen aus Deutschland. Jetzt kehren Sie zurück. Einige Jugendliche werden als Andenken eine sogenannte Prayerbox mit nach Hause bringen. Ein  Gebets-Schächtelchen. Klein, blau, aus Blech. Darin: ein Kreuz, ein Weihwasserfläschchen, ein kleiner Rosenkranz und ein Gebetbuch im Miniformat. Kitsch, werden einige sagen. Schnickschnack. Unbrauchbar. Beten kann ich auch ohne Box. Das sehe ich ein bisschen anders: es geht ja nicht darum, dass man ohne Box nicht beten kann, sondern dass etwas Gebetszubehör das Beten erleichtern kann. Wer betet schon an seinem Arbeitsplatz einfach so? Aber wenn man in der Hosentasche die Box spürt, sagt man sich vielleicht: „Ich könnte ja mal wieder mit Gott sprechen." Und ein Kreuz vor sich liegen zu haben oder in der Hand zu halten, Jesus am Kreuz quasi als Ansprechpartner, macht es einem vielleicht leichter. Wenn ich den Rosenkranz in der Hand halte und bete, dann helfen mir die Kugeln des Kranzes mit meinen Gedanken nicht so leicht abzuschweifen, weil ich sie spüren kann. Die Gebetsbox erinnert unterwegs ans Beten. Das könnte auch ein Knoten im Taschentuch oder eine Notiz in meinem Outlook. Wichtig für mich ist, dass ich mich daran erinnern lasse.

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28AUG2011
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Sabina

von

Heute ist der Namenstag der heiligen Sabina. (Also: Sabine). Eine gebildete, wohlhabende Römerin. Um 150 nach Christus hat sie gelebt. Zu ihrem Haushalt gehörten, wie damals für adelige Leute üblich, eine ganze Reihe Sklaven und Sklavinnen. Weil sie so reich war musste sie sich um nichts kümmern. Sabina hätte sich also ein schönes, laues Leben machen können: weite Reisen, teure Wellnessprogramme, den einen oder anderen Liebhaber, aber: Das war ihr alles zu banal. Sie stellte lieber Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Wem verdanke ich mein Leben? Was geschieht nach dem Tod? Mit einer ihrer Sklavinnen geriet sie ins Diskutieren. Die Sklavin war Christin. Obwohl es im damaligen Rom verboten war, Christ zu sein, erzählte sie ihrer Herrin Sabina von Jesus. Wie er gelebt hatte, wie er Wunder gewirkt und den Menschen geholfen hatte. Sabina hörte zu, war begeistert von dem was sie hörte: Ein Gott, der die Menschen so sehr liebt, dass er sogar seinen Sohn zu ihnen auf die Erde schickt. Ein Gottessohn, der bereit ist, für diese Liebe in den Tod zu gehen und Kreuz zu sterben. Als die Sklavin zu einem geheimen Christentreffen wollte, kam Sabina mit. Sie ließ sich dort taufen und wurde selbst Christin. Leider wurden sie entdeckt. Sabina und ihre Sklavin wurden verhaftet, die Sklavin zu Tode geprügelt, Sabina enthauptet. Was mich an dieser Heiligenlegende besonders beeindruckt: Die Sklavin stand in der damaligen Hierarchie ganz unten. Leider ist nicht einmal ihr Name überliefert. Trotzdem war Sabina bereit von ihr, der „Geringeren" zu lernen, ließ alle Standesunterschiede beiseite und fand darin ihr Glück. Davon möchte ich mich an ihrem Namenstag anstecken lassen: keine Standesunterschiede zu machen, sondern bereit zu sein von jedem Menschen zu lernen.

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