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SWR3 Gedanken

Ganz langsam reißt sie eine Seite aus dem Buch und liest dabei vor: „Du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Diese Worte sollen in deinem Herzen sein." (und die folgenden Zitate: 5. Mose 6,5-8) Dann hält sie inne, heftet die herausgerissene Seite mit einer Sicherheitsnadel einer Frau auf den Pullover vor die Brust.
„Du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden." Und noch eine Seite reißt sie aus und drückt sie einem jungen Mann in die Hand. „Sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen den Augen sein." Dann faltet sie den rausgerissenen Zettel und steckt ihn einem anderen  Mann hinter die Brille.
So geht es weiter. Alle Anwesenden sind entsetzt. Denn das Buch ist die Bibel und die da Seiten davon rausreißt, ist eine Pfarrerin. Ja, darf man das denn?
Die Pfarrerin starrt zurück mit blitzenden Augen: „Die Bibel ist heilig?" fragt sie herausfordernd - und gibt im gleichen Atemzug die Antwort: „Natürlich ist die Bibel heilig. Sie ist das lebendige Wort Gottes. Aber wenn es lebendig ist, dann hat es Teil am Leben. Dann hat es mir etwas zu sagen."
Und dann sind Gottes Worte in meinem Herzen, dann sind sie auf meine Hand gebunden und Richtlinie meines Handelns, dann sind sie zwischen meinen Augen und ich betrachte die Welt und meine Mitmenschen anders: Als Mitgeschöpfe, denen Respekt und Liebe gebührt.
Mich hat die Pfarrerin fasziniert. Weil sie das so handfest und sinnlich umsetzt. „Die Bibel ist lebendiges Wort Gottes, wenn sie in mir ein offenes Ohr findet. Ein offenes Ohr zu hören, was es mir zu sagen hat. Wir müssen uns nur ansprechen lassen. Das ist alles."

Isabelle GERBER, Pfarrerin und Leiterin der Jugendarbeit „Dynamique Jeunesse" der elsässischen evangelischen Kirchen

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Die Ehebrecherin (Joh 8, 2-11)

„Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!"
Die Männer halten inne. Dabei hatte es doch so schön angefangen: Eine richtige Verbrecherin hatten sie da, eine Ehebrecherin, so etwas muss doch bestraft werden, gesteinigt. Und dann sagt Jesus so was.
„Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein."
Na super. Denn: Wer ist schon fehlerfrei? Wer hat noch nie ‚gesündigt'? Wer kann sich über die Verfehlungen der Frau stellen?
Einer nach dem anderen lassen sie ihre Steine fallen.
Aber Jesus ist noch nicht fertig. Wäre ja auch ein bisschen einfach. So nach dem Motto: „Tja, wir sind halt alle kleine Sünder; lasst es gut sein und geht nach Hause."
Nein, Jesus wendet sich der Frau zu und fragt sie: „Wo sind sie hin? Hat dich niemand verdammt und gesteinigt?" Sie schüttelt den Kopf. Und Jesus sagt zu ihr: „So verdamme ich dich auch nicht; geh, aber sündige nicht mehr."
Jesus findet nicht gut, was sie getan hat. Aber er verdammt sie nicht.
Genial, dieser Jesus! Er bringt die Ankläger dazu, umzudenken. Er bringt sie dazu, Mitleid für diese Frau zu empfinden, sich also in ihre Situation hineinzuversetzen, was ja ganz Wichtig ist, wenn man jemanden beurteilen will.
Und er lässt die Frau sein, wie sie ist und traut ihr zu, neu anzufangen.
Wie oft urteilen wir über Andere und wissen nichts von ihnen. Und können deshalb auch nicht mitempfinden, wenn jemand etwas Unrechtes tut. Und mal ehrlich: wer wünscht sich das nicht - dass jemand kommt und einem eine zweite Chance, einen Neuanfang schenkt

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Haben Tiere eine Seele?
Albert Schweitzer, der Urwalddoktor und Tierfreund ist diese Frage sehr intelligent angegangen. Er meint: „Die Frage, ob Tiere eine Seele haben, ist schwer zu beantworten. Aber eines ist dabei sicher: Um das herauszufinden, muss man selber eine Seele haben!"
Albert Schweitzer war zwar Menschendoktor, aber er hat sich auch für den Tierschutz eingesetzt. Wenn er von „Ehrfurcht vor dem Leben" geredet hat, hat er auch die Tierwelt mit gemeint. Bei Experimenten an Tieren sei genau zu prüfen, ob sie unbedingt notwendig seien und Schmerzen seien unbedingt zu verhindern.
Albert Schweitzer hat gegen Tierschaukämpfe und Tierjagden aus reinem Vergnügen protestiert. Er hat sich aufgeregt über die Zustände bei Tiertransporten und in den Schlachthöfen. Das war damals zu seiner Zeit überhaupt nicht üblich.
Nicht nur Menschen hat er in seinem Hospital in Lambarene beherbergt, auch Hunde, Katzen, Schimpansen, Enten, Hühner, Ziegen, Schafe, Papageien und Pelikane. Das einzige unfreundliche Tier war ein cholerischer Truthahn.
Aber Schweitzer entschuldigte ihn: „Er ist eben so, und mir ist er seit langem lieb", sagte er, „weil er in dem gleichen Wahn lebt wie ich: Er meint auch, er sei der Herr vom ganzen Spital."
Bei allem Humor wusste Schweitzer doch, dass Menschen die Tierwelt millionenfach missbrauchen. Das war damals so, zu Schweitzers Zeiten. Das ist leider heute auch noch so.
Haben Tiere eine Seele? Ja, sie haben eine. Und daraus Konsequenzen zu ziehen, könnte viel bewegen. Doch um diese Frage zu bejahen, muss man wohl selber eine Seele haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10387

„Hochmut kommt vor dem Fall", so sagt es der Volksmund, so steht es in der Bibel.
Andrea hat geglaubt, alles zu haben: den perfekten Ehemann, zwei super Kinder, Eigenheim auf Raten, zufriedenstellenden Halbtagsjob... und sie hat es jeden spüren lassen.
Vermutlich kennt jeder so eine Andrea: ein Superweib, das dann auch noch jedem freundliche Hinweise gibt, wie man mit Leichtigkeit seine perfekte Kleinfamilie managt.
Ach, wie hat mich Andreas arrogante Art, ihr Hochmut aufgeregt, wenn sie mir mal wieder Lektionen erteilt hat nach dem Motto: Honey, guck doch einfach mal, wie ich es mache.
Und dann kam er, der Fall. Fast schon peinlich klischeehaft: ihrem Mann halt eine andere besser gefallen und weg war er.
So einen Fall, so eine Krise wünscht man niemanden - und doch, zumindest für Andrea hatte es etwas Gutes: sie wurde ‚normal', bescheidener.
Für die Bibel ist Hochmut die nerv tötende Meinung, so perfekt zu sein als wäre man Gott selbst. Aber es bekommt Menschen nicht so gut, wenn sich jemand an Gottes Stelle setzt. Hochmut kommt vor dem Fall. Und der Fall kann schmerzlich und tief sein.
Aber für manche, wie für Andrea kann es auch ein Neuanfang sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10386

„Du bist wirklich ein Engel! Danke." seufzt sie. Michael stellt sacht den schrecklich schmeckenden Erkältungstee aufs Nachtschränkchen und fragt vorsichtig nach, ob sie noch eine fünfte Decke brauche oder ob ihr nun etwas wärmer sei.
In der Bibel steht: Engel tragen einen auf Händen. Und das tut Michael. Als der Schnupfen seiner Liebsten dezent übergeht in eine handfeste Erkältung, macht er Hühnerbrühe und kalte Umschläge und bemüht sich überhaupt herzallerliebst um sie.
Es ist mal sicher: Man braucht nicht jeden Tag einen Engel, der einen auf Händen trägt. Hin und wieder ein wenig selbst gehen, sich ausprobieren, selber Fehler machen, Erfolge haben, das gehört zum Leben dazu und macht es reicher. Selbstständig sein. Erfahrungen sammeln. Wachsen.
Aber ich hab die Erfahrung gemacht: immer, wenn man einen Engel braucht, wenn man jemanden an seiner Seite braucht, jemanden, der einen notfalls auch auf Händen trägt, wenn's einem schlecht geht, dann ist doch meistens genau so ein Engel da. Erstaunlich!
Man sieht ihn leider häufig nicht - vor lauter Wut, Verzweiflung, Einsamkeit oder Traurigkeit. Hinzu kommt: diese Engel haben auch einen ganz eigenen Kopf und tun nicht immer das, was man von ihm oder ihr erwartet.
Aber so bald so ein Engel auf der Matte steht, geht ein Licht auf und es wird hell und warm.
Es gibt sie, Engel, die einen auf Händen tragen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10385

„Du dusselige Kuh" - das ist wohl das Lieblingsschimpfwort von Alfred, auch genannt ‚Ekel Alfred'. Es gibt nicht viele Fernsehserien, die man auch nach der 110 Wiederholung immer noch gerne sieht. „Ein Herz und eine Seele" - wobei, eigentlich sind die vier, also Alfred und seine Frau, seine Tochter und sein Schwiegersohn alles andere als das.
Denn ein Herz und eine Seele ist ja eigentlich eine eingeschworene Gemeinschaft, ein Liebespaar, eine harmonische Familie. Da ist man ja weit von entfernt, der dauernd rumnörgelnde Alfred, die dusselige Kuh von Ehefrau, die dezent naive Tochter und der kleine Möchtegernkommunist von Schwiegersohn stehen diesem trauten Familienglück, in der man ‚ein Herz und eine Seele' ist entgegen. Und doch... sind sie es ja dann irgendwie schon, ein Herz und eine Seele. Der eine kann ohne den anderen nicht leben. Man hängt aneinander. Gut, man streitet andauernd, aber irgendwie ist da doch auch eine Vertrautheit untereinander.
Diese Bezeichnung, ‚ein Herz und eine Seele' stammt übrigens aus der Bibel. Die Apostelgeschichte erzählt von dem, was nachher passiert ist, also nachdem Jesus Christus gestorben, begraben und auferstanden ist. Und da steht nun also, dass die Urgemeinde, also die allererste christliche Gemeinde ‚ein Herz und eine Seele' (Apg 4, 32-35) gewesen seien. Sie haben versucht, so zu leben, wie Jesus es ihnen vorgemacht hat: einander lieben und achten, teilen, was man hat. Ich stelle mir das ein bisschen vor wie bei Ekel Alfred und seiner dusseligen Kuh: man ist sich nicht in allem einig, man streitet, was das Zeug hält, aber man bleibt zusammen, man hält zusammen.
Wäre doch schön, wenn auch wir in unserem Leben mehr Seele und mehr Herz hätten, um dann tatsächlich ‚ein Herz und eine Seele' zu sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10384

Hannah heißt meine kleine Nichte und vor ein paar Tagen sind wir für eine Woche in die Berge gefahren. Ich wollte Hannah das Skifahren beibringen.
Am ersten Morgen auf dem Idiotenhügel haben wir also schön Skifahren und vor allen Dingen bremsen geübt. Aber bereits am Nachmittag schaute Hannah sehnsüchtig zu den großen Bergen. Also sind wir hoch und losgefahren. Hannah immer brav ihrer Tante, also mir hinterher.
Am zweiten Tag wollte sie gerne Schuss fahren, meinte aber, sie sei viel langsamer als ich. Also habe ich ihr das Ende meines Skistocks gereicht und wir sind blitzschnell die Pisten zu zweit runter.

Am dritten Tag haben wir dann die rote Piste gewagt. Ganz langsam und in hundert Kurven sind wir da runter. Hannah hat gelernt, Eis von Schnee zu unterscheiden; Skier zu sortieren und wieder aufzustehen, wenn sie hingefallen ist; sie hat gelernt, Raser und Snowboarder zu ignorieren. Irgendwann nach dem zehnten Mal hinfallen, liefen Klein-Hannah dann die Tränen. Als wir unten ankamen, hatte ich das Gefühl, ich müsste sie aufmuntern. Also sagte ich, sie sei doch schon eine super Skifahrerin. Aber als ich fertig war, guckte mich Hannah an und meinte: „Tante, können wir die rote Piste nicht noch mal fahren?"
Am Sonntag darauf habe ich in der Kirche einen Gottesdienst gehalten. Ich habe erzählt vom Vertrauen in Gott. Und dabei hatte ich ständig Hannah vor Augen. Hannah auf ihren Skiern. Wie sie voller Vertrauen in ihre Tante das Abenteuer Skifahren gewagt hat. Wie sie immer besser geworden ist. Und wir ihr Vertrauen in mich sich langsam in ein properes Selbstvertrauen gewandelt hat.
Ein wunderbares Gleichnis dafür, wie das ist mit dem Vertrauen in Gott.
Und manchmal denke ich: mit wie viel Mut und Selbstvertrauen könnten wir alle unterwegs sein, wenn das mit dem Gottvertrauen so wäre wie mit dem Vertrauen von Hannah in ihre Tante.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10383