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SWR3 Gedanken

Heute Morgen stecken sie wieder im Briefkasten: die Prospekte mit den Sonderangeboten. Schnäppchensuchen erweckt ja selbst bei uns Stadtmenschen den Jagdinstinkt wieder zum Leben. Dass vermeintliche Superschnäppchen oft einhergehen mit miesen Löhnen und Arbeitsbedingungen ahnen wir zwar auch, verdrängen es aber ganz gerne. Wer will sich schon das Jagdglück durch ein schlechtes Gewissen vermiesen lassen? Doch Fairplay hat seinen Preis.
Seit Jahren schon trinken wir fair gehandelten Kaffee. Zwei Tassen gutes Gewissen schon am frühen Morgen. Doch mein Kaffee, der mehr als doppelt so teuer ist, wie jener aus dem Discounter ist eigentlich immer noch zu billig. Den Kleinbauern in Südamerika, so war vor kurzem zu lesen, ist damit zwar geholfen. Zum Leben reicht aber auch der deutlich höhere Preis kaum. Echte Fairness kann offenbar ganz schön teuer sein. Also Hand aufs Herz: Wie viel wäre ich tatsächlich bereit, für faire Verhältnisse zu bezahlen? 
Zu Recht regen wir uns beim Fußball über Fouls auf, die vom Schiedsrichter nicht gesehen oder geahndet worden sind. Bei Handel und Wandel nehmen wir es nicht immer so genau. Fairness im Fußball heißt ja, das gestreckte Bein auch dann nicht stehenzulassen, wenn der Schiedsrichter gerade nicht hinschaut. Also aus eigenem Antrieb die Regeln einzuhalten, damit jeder was vom Spiel hat. Auch der Gegner. Im weltweiten Handel ist natürlich alles viel komplizierter und undurchsichtiger. Doch auch hier müsste gelten: Wo konsequent unfair gespielt wird, droht die rote Karte. Die Schiedsrichter sind letzten Endes wir, die Kunden.

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Urlaub. Keine Gedanken an den Job, an Projekte, Termine, unerledigte Aufgaben. Einfach mal abschalten. Wirklich einfach so? Bei manchen sieht der Urlaub eher wie harte Arbeit aus. Vielleicht gehören sie ja auch zu denen, die das Handy auch im Urlaub ständig eingeschaltet lassen. Könnte ja sein, dass der Chef anruft, weil doch noch irgendwas Wichtiges zu klären ist. Oder sie verbinden Urlaub mit ambitionierten Höchstleistungen: Halb Italien in zwei Wochen zum Beispiel oder eine Mammut-Radtour, die der Tour de France Konkurrenz machen könnte. Vor allem sind die vermeintlich kostbarsten Wochen des Jahres ja ideal dazu, all das abzuarbeiten, was man bis dahin nicht geschafft hat: Der Beziehung zum Partner mal eben wieder neuen Schwung zu geben. Oder den Bücherstapel endlich zu lesen, der sich neben dem Schreibtisch angesammelt hat.
Doch im Ernst, vielleicht ist so etwas für sie ja tatsächlich die reine Erholung. Schließlich entspannt jeder auf seine eigene Weise. Wie auch immer sie Urlaub machen, Eines sollten sie dabei aber nicht verpassen: Sich selbst mal wieder zu begegnen. Die Seele baumeln zu lassen! Der wunderbare Ausdruck setzt ja voraus, dass ich meine Seele überhaupt spüre. Mal wieder wahrnehme, wo sie traurig ist oder verletzt. Überreizt und müde, aber auch glücklich und voller Freude. Ob sie noch im Einklang mit ihrer Umwelt ist oder nicht. Sich sorgen um die Seele. Ein Anliegen aller Religionen. Den erste Schritt dazu kann jeder selbst tun, und nicht nur im Urlaub. Allen, die den jetzt noch vor sich haben, wünsche ich jedenfalls eine gute Erholung.

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Was für ein Sommer. Draußen sitzen, die Sonne und die Wärme genießen. Ein kühles Getränk vor mir auf dem Tisch. Doch war da nicht was? Klimakatastrophe, von uns allen mit verursacht. Und sind der Tropensommer des letzten Monats, das Hitzechaos in Russland nicht ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg zur ganz großen Katastrophe? Vielleicht. Manchmal ist es aber ganz gut, dass so ein Sommer auch Zeit und Ruhe bietet, zum Beispiel zum Lesen. Ein Buch über die Klimageschichte unserer Erde etwa. Die Entwicklung des Klimas, soviel ist mir als Laien jedenfalls klar geworden, ist unendlich viel komplexer als die simple Gleichung: Energiesparlampen schonen das Klima. Viele komplizierte Faktoren spielen da mit, nicht zuletzt kosmische. Auf etliche davon haben wir Menschen nicht mal den geringsten Einfluss. Und manches versteht auch die Wissenschaft bis heute nur zum Teil.
Das alles ist keine Entschuldigung. Keine Aufforderung, die Atmosphäre ruhig weiter zu verpesten und die Hände in den Schoß zu legen. Aber es erinnert mich an eine alte Tugend. Bei allem aufgeregten Gerede um Glühlampenverbote und anderes ist sie etwas außer Mode gekommen: Die Demut. Demut vor einer Schöpfung, die wir eben doch nur zu einem Teil beeinflussen können. Der wir noch immer in weiten Bereichen ausgeliefert sind. Mit der wir uns im besten Falle arrangieren können. Von wegen „Wir können alles". Aber Demut und Mut haben sich noch nie ausgeschlossen. Demut vor einer Schöpfung, die ungleich mächtiger ist und bleibt als wir. Und den Mut, all die Probleme, die wir uns selber einbrocken, auch energisch anzupacken.

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Nach mehr als vierzig Berufsjahren ist mein Vater vor ein paar Jahren in den Ruhestand gegangen. Ich bin froh, nicht mehr arbeiten zu müssen, sagte er einmal. Es hat keine Freude mehr gemacht. Den Betrieb kannte er am Ende kaum noch wieder. Junge, ehrgeizige Chefs hatten nun das Sagen. Der Ton war rauer, der Druck höher geworden. Maximale Effizienz hieß das Zauberwort - bei Arbeitsabläufen und Mitarbeitern. Fast um jeden Preis.
Doch irgendwann wird der Preis immer fällig. So wie jeder Motor den Dienst quittiert, wenn er ständig überlastet wird, ist es im Prinzip ja auch bei uns. Nur noch viel schlimmer. In unseren modernen Arbeitswelten funktionieren wir ja erst mal weiter. Früher, da waren die Körper von harter Arbeit kaputt, regelrecht verschlissen. Doch körperliche Beschwerden sind heute seltener geworden. Dafür rebelliert die Seele. Wer heute nicht mehr kann, der ist oft seelisch beschädigt. Ausgebrannt. An unserer Universität etwa sind die Anfragen nach psychologischer Beratung dramatisch gestiegen. An anderen Hochschulen ist es nicht anders. Schon meine dreizehnjährige Nichte ächzt unter ihrer verkürzten Schulzeit. Ihre Arbeitstage sind oft länger als meine. Optimierte Kindheit mit maximaler Effizienz eben.
Der Sabbat, der in der Bibel vorgeschriebene Ruhetag, sei für den Menschen da, nicht umgekehrt, hat Jesus einmal gesagt. Er meinte damit: Der Mensch und sein Wohlergehen sind das entscheidende Maß für alles andere, sogar für religiöse Gebote. Warum eigentlich sollte das in der Arbeitswelt, diesem wichtigen Teil unseres Lebens, genau andersherum sein?

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Seine Wohnung ist klein und schmutzig, als ob dort nie gereinigt würde. Er selber ein schmächtiger, stiller Mann in abgetragenen Klamotten, der heimlich trinkt und einen grässlichen Atem verströmt. Ein freundlicher, liebenswerter Verlierer. So schildert der norwegische Autor Ketil Bjørnstad in einem seiner Romane den alten Klavierlehrer Synnestvedt. Sein hochbegabter Schüler, der Held des Romans, begegnet ihm mit einer seltsamen Mischung aus Mitleid, Verachtung und doch auch Zuneigung. Er ist sich sicher, nie einen nutzloseren Lehrer gehabt zu haben. Ihm, dem ehrgeizigen Hochbegabten, kann Synnestvedt nichts Neues, ihn Forderndes mehr beibringen. Darum verlässt er ihn auch eines Tages. Dennoch wird der herunter gekommene und mittelmäßige Klavierlehrer, der es nie zu etwas Großem gebracht hat, für ihn zum Wegbegleiter. Er hat nämlich eine Gabe, die nicht selbstverständlich ist. Er kann genau zuhören und applaudiert an den richtigen Stellen. So unterstützt er die Stärken und Fortschritte, lässt dem hochbegabten Schüler freilich auch allen Raum, den er braucht. Raum zur Entfaltung, für seine Vorstellungen, seine Träume, seinen eigenen Weg.
Bei aller geschwätzigen Besserwisserei, bei allem aufgeblasenen Wichtigtun, das heute medial oft vorherrscht kann es so wohltuend sein, wenn jemand mal nur aufmerksam zuhört. Nicht sofort mit klugen Ratschlägen und ultimativen Lösungen um sich wirft. Dabei sind es oft nicht die vermeintlichen Lichtgestalten, sondern die stillen, zurückgezogenen, die selten im Scheinwerferlicht stehen. Solche, wie der alte Synnestvedt. Menschen, die einfach zuhören können und uns allein dadurch die Augen öffnen für unseren Weg.

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Sie haben einen gemeinsamen Parkplatz und dennoch trennen sie Welten. Auf der einen Seite der Discounter, der mit einem grellbunten „billig" wirbt. Auf der anderen Seite der Bio-Supermarkt. Das Sortiment aus ökologischem Anbau und deutlich hochpreisiger als beim Nachbarn. Doch nicht nur die Sortimente unterscheiden sich, sondern auffällig auch die Menschen, die dort einkaufen. Im einen Markt viele Kunden, denen man ansieht, dass sie nicht gerade auf der Speckseite unserer Gesellschaft gelandet sind. Im anderen oft gut gekleidete und offenkundig wohlhabendere Menschen. Menschen, die es sich leisten können und wollen, auch mal hundert Euro und mehr für hochwertige Lebensmittel auszugeben. Einkaufswelten spiegeln eben auch Lebenswelten.
Eigentlich nichts Neues könnte man sagen. Es war schon immer so: Da sind die, die Geld und Möglichkeiten haben, und die anderen, die schauen müssen, wie sie durchkommen. Alles ganz normal. Eigentlich. Doch es geht ja hier nicht um Ramschware gegenüber Nobelmarken. Es geht auch um Chancen und Wahlmöglichkeiten im Leben. Der Parkplatz trennt eben nicht nur zwei Geschäfte. Durch ihn geht ein unsichtbarer Riss. Er geht mitten durch unsere Gesellschaft. Er trennt Menschen, die es sich aussuchen können, ob sie nach rechts oder links gehen von jenen, die diese Chance aus verschiedenen Gründen nicht haben. Auch wenn es schon immer so gewesen sein mag. Einen Grund, sich daran zu gewöhnen gab es noch nie. Mindestens seit zweieinhalb Jahrtausenden nicht. Da nämlich protestierten bereits die Propheten der Bibel gegen Unrecht und gesellschaftliche Schieflagen. Traurig eigentlich, dass ihr Protest bis heute aktuell ist.

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Das Auto war nur noch Schrott, Totalschaden. Unsere Bekannte, die bei dem schweren Unfall auf der Urlaubsfahrt am Steuer saß, muss einen Moment unachtsam gewesen sein. Wie durch ein Wunder ist ihr und ihrem Mann fast nichts passiert. Ein paar Prellungen, mehr nicht. Beide konnten das Fahrzeug unversehrt verlassen. Sie schwankte zwischen Entsetzen und Erleichterung, er aber platzte fast vor Wut. Voller Ärger über den Fehler seiner Frau, das zerstörte Auto, den vermasselten Urlaub, den ganzen Aufwand mit Versicherung, Rechtsanwalt und so weiter. Sicher, so kann man es sehen, aber eben auch ganz anders. Statt mit Wut zum Beispiel mit Dankbarkeit. Ja, Dankbarkeit! Für einen mächtigen Schutzengel zum Beispiel, der die beiden auf der Autobahn begleitet haben muss. Dankbarkeit dafür, gesund und am Leben zu sein. Doch es gibt eben Menschen, deren Glas ist fast immer halb leer. Immer sind sie die Angeschmierten und Betrogenen. Immer wird ihnen übel mitgespielt. Misstrauen gegen alles und jeden ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Sie können wahrscheinlich nicht anders und machen doch sich und anderen das Leben zur Qual. Wer stattdessen auch Dankbarkeit empfinden kann, lebt einfach glücklicher.
Lasst uns danken, dem Herrn, unserem Gott. So betet der Priester in jedem Gottesdienst. Danken für alles, was uns unverdient in den Schoß fällt, geschenkt sozusagen. Das ist genau betrachtet gar nicht so wenig. Es ist eine Einladung, immer wieder auch mal einen anderen Blick aufs eigene Leben zu riskieren. Mancher muss das vielleicht erst wieder lernen. Doch es lohnt sich, wenn das Glas immer öfter auch mal halb voll ist.

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