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SWR3 Gedanken


Wenn Jugendliche zu Gewalttätern werden,
dann spielt eines bei allen immer eine große Rolle:
und das ist: die Scham.
Kinder und Jugendliche schämen sich. Sie schämen sich, weil sie immer wieder Ablehnung erfahren.
Weil sie einfach nicht angenommen werden, wie sie sind- weder in der Familie noch im Kindergarten, weder unter Gleichaltrigen noch von Seite der Erwachsenen, von allen Seiten wird ihnen deutlich gemacht
„Du bist ein Versager“, Kannst weder richtig sprechen noch richtig schreiben
kennst dich nicht aus in der Welt.
Und so schämen sie sich. Immer wieder gibt es da Demütigungen.
Da sagt eines der anderen Kinder
Den brauchst du nicht fragen, bei dem gibt’s eh kein Geld, die fahren gar nicht in Urlaub.
Oder ein Lehrer fragt jede Woche neu nach fehlenden Schulsachen
ohne zu merken, dass da kein Geld ist, um sie zu kaufen.
Kinder sagen zuhause nicht was ihnen fehlt, wenn die Mutter schon weint, weil nicht genug für Essen da ist.
Eher klaun’ sie das Geld, und werden dann dabei erwischt und so schämen sie sich.

Und es ist genau diese Scham, die irgendwann in Wut umschlägt.
Dann suchen die Beschämten andere, die noch schwächer sind.
Dann Wehren sie sich bei der kleinsten so empfundenen Demütigung
mit Gewalt.
Die Beißhemmung gegenüber dem der bereits am Boden liegt fehlt denen, die innerlich längst am Boden liegen.
Nichts entschuldigen will ich, aber hinschauen.
Damit die, die jetzt schon innerlich am Boden liegen, gesehen werden, bevor es zu spät ist.
Damit sie auf die Füße kommen
Und irgendwann wieder aufrecht stehn’ und gehen’ die Welt wieder aus einer anderen Perspektive sehen. Darauf kommt es an und das hängt ab von Zuwendung und Freundlichkeit von Aufmerksamkeit und Unterstützung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6878
Dass die Mauer am 9. November fallen konnte, hatte eine Vorgeschichte.
Ein Teil dieser Vorgeschichte fand in Leipzig statt, heute, am 9. Oktober vor 20 Jahren.

Es war ein Montag und wie an so vielen Montagen zuvor waren Menschen in der Nicolaikirche zusammen gekommen, die im Anschluss an das Friedensgebet auf die Straßen hinausgingen.
Kurz zuvor war in der ganzen DDR die Gewalt eskaliert.
Und in China war die friedliche Demonstration auf dem Platz des Friedens blutig niedergeschlagen worden.
Jeden Montag waren mehr Menschen in die Kirche und zur anschließenden Demo gekommen.
Immer ging es darum die Menschen zu schützen und Gewalt zu vermeiden und zugleich darauf zu bestehen, dass die Bürger Freiheit wollten: Reisefreiheit, Denkfreiheit, Glaubensfreiheit.
Der Ruf WIR SIND DAS VOLK und KEINE GEWALT einigten Gläubige und Ungläubige in der Hoffnung auf ein anderes Leben.

70.000 Menschen gingen an diesem 9. Oktober 1989 in Leipzig auf die Straßevoll Angst und Sorge und voller Mut und Hoffnung.
Das Wunder war, dass nichts geschah, dass die Sicherheitskräfte nicht eingriffen.
Bestimmt ist das dem besonnen Vorgehen der Pfarrer an der Nicolaikirche zu verdanken.
Aber auch dem Aufruf, den sechs Leipziger Prominente um Kurt Masur verfassten und veröffentlichten.
Alle Beteiligten riefen sie auf:
Wir bitten sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.

Der Bann war gebrochen im ganzen Land waren fortan mehr Mut und weniger Angst.
Und es gab die erste friedliche Revolution auf deutschem Boden.
Gott sei Dank!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6877
Es gibt Leute die brauchen morgens mehr Mut zum Aufstehn als andere.
Deren Bettdecke ist schwerer und selbst der leuchtendste Herbsttag ist für sie grau.
Ihren Mut und ihre Tapferkeit bewundern jeden Tag neu die Engel im Himmel. Ich sehe sie vor mir, die Engel, wie sie diesen Leuten applaudieren. Standing ovations.
Einen Engel denen allen auf den Weg durch diesen Tag:
Ein Engel für das kleine dicke Mädchen,
das in der Schule gemobbt und gehänselt wird;
einen für die Frau die Angst hat ihren Job zu verlieren,
sie fehlt so oft, weil die Kinder immer wieder krank sind
und ihr Mann sich um nichts kümmert;
und für die Mitarbeiterin, die nicht schlafen kann
wegen der Abrechnung, die immer noch nicht fertig ist;
einen Engel für die Frau die jeden Tag Bewerbungen schreibt
und für den Mann der seit bald zwei Jahren eine neue Arbeit sucht und einfach nichts findet;
einen Engel für den Mann, der seine Kinder nicht mehr sehen darf; und für den, der seine Frau pflegt, die jeden Tag etwas mehr davon vergisst, wer sie ist und war und wer der, der sie streichelt und wäscht;
die alte Frau die ganz allein lebt
einen Engel für den Chef, der weiß er muss wieder jemand entlassen;
und für die Frau, deren Mann sie wieder geschlagen hat
die Angst zu groß zum Gehen und zum Bleiben;
einen Engel für das junge Mädchen vom Vater missbraucht und von der Mutter verleugnet
Einen Engel für den kleinen Jungen der seinen Vater so vermisst
....
Applaus im Himmel für Tapferkeit und Mut und für jeden Tag aufstehn
und sich auf den Weg machen, obwohl das Herz so schwer ist.
Applaus und einen Engel auf den Weg!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6876
Was für ein Mut! Denke ich immer, wenn ich ihn sehe.
Vor einem Jahr hat er gesagt bekommen
dass er reorganisiert wird – zu deutsch: entlassen, nach vielen Jahren in der gleichen Firma.
Wenige Tage bevor bei Lehman Brothers und anderswo die Finanzkrise eskalierte.

Einige Wochen hat er sich nur damit beschäftigt, zu verstehen was ihm da passiert ist.
Einige Monate hat ihn die Firma noch hingehalten mit Programmen in coachings zum Einstieg anderswo.
Verletzt und irritiert kam er ins neue Jahr.
Verwandte und Freunde sorgen sich, die Freunde aus der Firma melden sich nicht mehr nur die, die inzwischen auch entlassen wurden.

Der Mann bewirbt sich, aber jüngere sind viel billiger als er.
Die Firmen schalten auf Kurzarbeit, die Krise rollt über das Landund auf einmal gibt es eigentlich keine offenen Stellen mehr.
Er bewirbt sich dennoch ohne je etwas anderes als Absagen zu bekommen.
Ihm geht’s ja noch gut, sagt er, er hat eine Abfindung, bekommt Arbeitslosengeld I.

Was ich nun wirklich an ihm bewundere, ist, dass er nur manchmal verzweifelt und dass er seine Zeit – die viele, die er jetzt hat gerne und oft für andere einsetzt.
Er hilft der alten Dame, deren Mann gestorben ist, dessen Sachen auszumisten und er nimmt sich Zeit mit ihr zu plaudern.
Er hört gut und gerne zu.
Er hilft anderen wo er kann.
Er macht Sport, tanzt und träumt, er geht auf Feste und lädt selbst ein.

Vielleicht ist das ein Weg, nicht abzustürzen:
die zu suchen und zu sehen
die einen brauchen, für die einer da sein kann
wenn die Arbeit dem Leben keinen Sinn mehr gibt.

Vielleicht ist es das was Jesus meint wenn er sagt:
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das seine sorgen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6875
Er könnte Kevin heißen oder Dennis.
Er ist neun Jahre alt und ich kenne ihn aus der Schule.
Er ist eines von zehn Geschwistern, seine älteste Schwester ist 16 und hat bereits ein Kind, auch sie lebt mit den Eltern und den Geschwistern zusammen.
Kevin oder Dennis lebt in einer Dreizimmer-Wohnung.
Es gibt keine Tapete an den Wänden.
Es gibt einen Fernseher und ein paar Betten für die dreizehn Personen.
Es gibt keinen Stuhl und keinen Tisch und kein Buch.
Im Hausflur riecht es streng die Wände sind verschmiert.
Wenn Kevin oder Dennis in die Schule geht, kann er oft nicht ruhig sitzen.
Er schläft nicht gut und er ist oft hungrig.
Ab der Mitte des Monats ist das Geld knapp in der Familie „dann kriegen erst die Kleinen“ sagt er, das findet er richtig.
Neben ihm sitzt Giulio oder Tony, er hat immer Ameisen in seiner Brotbüchse, ganz kleine, aber dieses Brot kann er nicht anbieten zum Teilen...
Kevin oder Dennis ist ein kluger Junge mit einem Hang zu philosophischem Denken.
Kevin oder Dennis lebt in Mannheim er ist eines von 8.778 Kindern, die hier von Hartz IV leben.
Mindestens 21 % der Kinder in der Stadt leben ähnlich wie er wahrscheinlich sind es doppelt so viele denn auch in den Familien mit geringem Einkommen sieht es ähnlich aus:
die Kinder haben kaum eine Chance auf Bildung.
Viele lernen nie richtig lesen und schreiben manche können kaum deutsch.
Sie machen nie Urlaub und gehen nicht in den Sport, das Equipment ist zu teuer.
Sie haben im Winter keine warme Jacke, sie sind oft krank und fehlen häufig in der Schule.
Sie erzählen nicht gerne von zuhause und lieben ihre Familie.

Jesus sagt:
Lasst keinen von diesen Kleinen verloren gehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6874
Wenn der Sommer vorbei ist ... ruht alles.
Die Natur hält den Atem an.
Nun ist alles vorüber.
Im Augenblick steht das Räderwerk still.
Es ruht.
So beschreibt Kurt Tucholsky den Herbst -
Unsere Regelwerke aber laufen genau gegensätzlich zu denen der Natur. Viele kehren aus dem Urlaub zurück und ziehen schon die Schultern ein um sich wegzuducken vor der Arbeitslawine
die da anrollt- jedenfalls auf die die Arbeit haben.
Weihnachten scheint morgen zu sein.
Was muss alles bis dahin getan werden.
Kreative Freiräume verschwinden. Jeder, der jetzt noch was extra will, stört.
Bei vielen ist es genau andersrum als in der Natur:
alles läuft jetzt auf Hochtouren.

Und daneben stehen, liegen, sitzen die, die jetzt keine Arbeit haben.
Noch jung, jahrelang in der Verantwortung wohlmöglich in leitender Position mit hervorragenden Kompetenzen oder eben schon älter oder gerade von der UNI, mit der Ausbildung fertig.
Noch Arbeitslosengeld I oder wegen Selbständigkeit direkt in Hartz IV.
Wenn die jemand anrufen werden sie abgewimmelt.
Wenn die um Kontakte bitten werden sie nicht einmal mehr abgewiesen.
Keiner antwortet. Weil: wer in Arbeit ist hat keine Zeit mit denen zu reden, die keine Arbeit haben.
„Als wäre man nie da gewesen“ sagte mir eine.
Arbeit und Arbeitslosigkeit sind inkompatible Systeme.
Bei den einen läuft alles auf Hochtouren.
Bei den anderen ist nur Schweigen und Abwarten. Die einen sehnen sich nach Momenten der Ruhe.
Die anderen sehnen sich nach Kontakt.

In all dem ruht die Natur und hält den Atem an.
Vielleicht könnten die mitten in der Arbeit doch auch einen Moment den Atem anhalten und darüber nachdenken wie die Arbeit zu teilen wäre mit denen ohne...

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6873
Alles was Gott geschaffen hat ist gut, und nichts ist verwerflich was mit Danksagung empfangen wird.

Das schreibt der Apostel Paulus in einem Brief an einen Freund.
Alles ist gut? alles? gut?
Ich könnte so vieles aufzählen, was nicht gut ist.
wie viele leben heute in Armut, in Kriegen, in Trauer, Krankheit und Verzweiflung und nicht inmitten eines „alles ist gut“...
Und doch glaube ich: Gott schenkt uns die Welt.
In all ihrer Schönheit.
Wir dürfen all das genießen.
Es dankbar annehmen als Geschenk.
Und immer wenn ich stolpere über die Ungerechtigkeit in der all das Gute und Köstliche verteilt ist, denke ich:
Hoffentlich schenken viele es weiter, was ihnen an Gutem begegnet.

Denn davon bin ich überzeugt: Gott schenkt sich uns in allem wunderbaren dieser Welt.
In den hunderten von Geschmacksrichtungen, von Schokolade über Parmesan bis zum kühlen Weißwein in einer lauen Sommernacht. Gott schenkt sich uns im Gesang der Vögel und den Klängen von Orgeln und Didgeridoos.
Gott schenkt sich uns im Duft von Rosen und modrigen Blättern im regnerischen Herbstwald, von frischem Obst und einer warmen Suppe.
Gott schenkt sich uns in der Wahrnehmung unserer Haut: in der zarten Berührung durch eine Kinderhand.
Wind und Regen im Gesicht, in der Sonne, die uns durch und durch wärmt.

Es ist als bräuchte Gott unsere Sinne um diese Schönheit zu entfalten, als wären wir selbst Gottes Auge und Ohr.
An diesem Erntedankfest danken wir Gott und bitten ihn uns beizustehen.
Damit er seine Erde sehen und spüren kann.
Gott sieht, hört und spürt in uns und durch uns die Schönheit und die Bedrohung dieser Schöpfung – seiner Welt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6872