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SWR2 Wort zum Tag

21AUG2021
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Gerade in den Pandemiezeiten ist viel davon die Rede: Dass alle nur noch an sich denken. An ihre Interessen und Bedürfnisse. Aber die großen Überflutungen in Deutschland in den letzten Wochen zeigen: Es gibt unglaublich viel Hilfsbereitschaft, unglaublich viel selbstlosen Einsatz für andere.

Da kommen direkt nach der Flut viele Menschen, jung und alt, stellen ohne zu zögern ihre Zeit und ihre Kraft zur Verfügung. Und wollen gar nichts dafür. Packen einfach an. Weil es nötig ist. Da liegen bis heute Trümmer in Gärten und Müll in den Straßen. Da sind Häuser unterspült und Asphalt aufgebrochen. Und überall kommen Helferinnen und Helfer, die einfach anpacken. Andere spenden Lebensmittel und alles, was sonst nötig ist. Manche haben gekocht und ihr Essen zu denen gebracht, die keine Küche mehr haben. Oder stellen ein Zimmer zur Verfügung. Spenden Geld.

Klar, davon wird kein Haus wieder aufgebaut und keine Bahnstrecke wieder instandgesetzt. Dafür braucht es staatliche Hilfe. Und zwar schnell und reichlich.

Aber davon unabhängig beeindruckt mich doch die große Hilfsbereitschaft so vieler Menschen. Sie zeigt: Gerade in Notzeiten stehen Menschen zusammen. Wissen, dass Solidarität nötig ist. Da kriegt das Wort Nächstenliebe plötzlich ein ganz konkretes Gesicht.

Wenn ich mich umsehe, dann kann ich das sogar überall entdecken: Dass Menschen sich für andere einsetzen. Wir renovieren ein bisschen – und kriegen ganz ungefragt Hilfe angeboten. Der eine hat eine Leiter, ein anderer eine Schubkarre. Und schon kommen wir besser weiter. Oder: Ich stehe an der Ampel. Ein Mann schiebt seinen Rollator langsam über die Straße. Schon wird es für Fahrräder und Autos grün. Da kommt eine Frau und begleitet den Mann. Und alle warten. Kein Gehupe, keine Ungeduld. Alle merken, dass es halt nicht schneller geht.

Solche Erfahrungen erfüllen mich mit Dankbarkeit. Lassen mich daran glauben, dass wir Menschen mehr als Egoisten sind. Sondern Wesen voller Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Das tut einfach gut – vor allem in schweren Situationen.

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20AUG2021
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Das ist eine ganz lebendige Erinnerung aus meiner Kindheit. Samstags waschen wir auf dem großen Parkplatz in der Nähe unserer Wohnung das Auto. Im Radio läuft die Sendung Sport und Musik mit den Reportagen der Fußballbundesliga. Ich sehe mich und meine Geschwister, wie wir Berge von Schaum produzieren. Am Schluss war dann das Auto sauber und wir klatschnass.

Heute geht das nicht mehr. Waschen auf öffentlichen Plätzen ist nicht erlaubt. Und mit Seife schon mal gar nicht. Was auch gut ist. So kommen Öl und Benzin nicht in die Kanalisation.

Geblieben aber ist diese Erinnerung: Dass wir das Nützliche, das Autowaschen, mit dem Spaß verbinden konnten; dem Einseifen, dem Sich-Bewerfen mit dem Schwamm, dem gegenseitigen Nassspritzen mit dem Wasserschlauch. Es war, gerade im Hochsommer, erfrischend. War keine Arbeit, sondern pures Vergnügen.

Wenn ich heute lästige aber notwendige Arbeiten zu erledigen habe, dann denke ich manchmal an dieses Bild zurück. Die Erfahrung, dass Arbeit und Spaß zusammen kommen können. Ich mache mir dann selbst Vorschläge, was ich mache, wenn die Arbeit vorbei ist, suche nach etwas, mit dem ich mich belohnen kann: Gutes Lakritz kaufen, eine Runde Spazieren, einen Film gucken, meinen Bruder anrufen. Lauter Dinge, die Spaß machen und die Arbeit ergänzen.

Letztlich geht es dabei um nichts anderes, als die Balance im Leben. Ich weiß, dass manche Arbeiten nötig sind, getan werden müssen. Und dass sie nicht unbedingt Vergnügen machen. Zugleich weiß ich aber auch, dass das Leben zum Glück nicht nur aus solchen Arbeiten besteht. Sicher, am besten wäre es, wenn alles auch noch Spaß machen würde. Das ist zwar nicht so. Aber ich kann mir überlegen, wie ich beides zusammenbringe. Die Arbeit und das Vergnügen. Und kann so Balance in mein Leben bringen.

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19AUG2021
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Am Bodensee in Bregenz wird in diesem Jahr die Oper Rigoletto von Giuseppe Verdi aufgeführt. Im Mittelpunkt steht eben Rigoletto. Der italienische Name bedeutet übersetzt: „Spaßmacherlein“. Und das ist Rigoletto in der Tat. Er ist Hofnarr beim Herzog von Mantua. Ein Hofnarr aus der Klischeekiste: Er ist kleinwüchsig, bösartig, macht sich über die Hofgesellschaft lustig – und zugleich vergöttert er seine wunderschöne Tochter Gilda.

In einem wilden und manchmal schwer zu durchschauenden Verwirrspiel geht es in Rigoletto um diesen Narren und seine Tochter, um Verführung und Entführung, um Spott und Rache, um Liebe und Tod. Am Ende fällt Gilda, Rigolettos Tochter, einer Intrige zum Opfer. Und der zu Tode betrübte Narr bleibt allein zurück.

Rigoletto wurde vor 170 Jahren geschrieben. Das erklärt sich auch, wie klischeehaft die Titelfigur erscheint. Kleinwüchsig und bösartig, verspottend und alles Lächerliche machend – um dann am Schluss der größte Narr von allen zu sein.

Doch bis heute funktionieren solche Klischees. Aber sie funktionieren nur, weil es eine Vorstellung davon gibt, was normal ist. Und so existieren in unserer Gesellschaft immer noch Klischees, wie eine normale Partnerschaft aussieht, eine normale Biographie, ein normales Leben. Oder auch, was eine normale Körpergröße sein soll. Wenn dann Erwachsene nur so groß wie Kinder sind, dann gelten sie den meisten als klein.

Doch Normalität ist immer relativ. Wer heute durch die niedrigen Türen einer mittelalterlichen Burg geht, kann feststellen: damals waren die meisten Menschen deutlich kleiner als heute, war eine andere Körpergröße normal. Normal ist relativ. Und hat schon gar nichts damit zu tun, wie einer tickt und sich verhält.

Deswegen sehe ich Rigoletto heute als Chiffre einer Zeit. Einer Zeit, die zeigt, wie unmenschlich und sogar tödlich Klischees sein können. Wie falsch es ist, wenn Menschen auf Normalitäten reduziert werden. Das Stück ermahnt mich, nicht einfach auf pure Klischees hereinzufallen.

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18AUG2021
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„Einfach da sein.“ So beschreibt ein Seelsorger seine Aufgabe in einem Zeitungsartikel. Es geht darum, wie die Folgen der Flut im Westen Deutschlands bewältigt werden. Tausende helfen, spenden und bauen wieder auf. Und dann gibt’s auch noch Menschen, die einfach nur da sind. Wie eben der Seelsorger. Klar, der packt auch mit an. Aber wenn Menschen nicht mehr können, wenn sie andere Menschen verloren haben, wenn sie ohne alles da stehen, dann braucht es nicht nur die Macherinnen und Macher. Es braucht auch Menschen, die einfach nur da sind. Die in den Arm nehmen. Die der Angst, der Wut, der Trauer Raum geben.

Einfach da sein. Das klingt nach wenig. Aber ich erlebe das auch in viel weniger existentiellen Situationen: dass es gut tut, wenn jemand da ist. Ohne Aufgabe, ohne Zweck, einfach nur da ist. Jemand, der keine Lösungen an der Hand hat, jemand, der nicht schnelle Antworten auf Fragen sucht. Sondern jemand, der begleitet, all das mit aushält, was man im Moment durchmacht.

Da geht es um Seelsorge im Sinn des Wortes. Um die Sorge für die Seele, für das Herz, für die Mitte des Menschen. Das kommt oft zu kurz. Gerade dann, wenn konkret was zu tun ist. Aber ist genauso wichtig. Damit Menschen leben und weiterleben können.

Einfach da sein, das heißt vor allem: Zuhören. Denn wir Menschen können Erfahrungen am besten erfassen, vielleicht sogar bewältigen, wenn wir erzählen dürfen. Den Schock in Worte fassen und so langsam begreifen, was passiert ist. Das ist gerade dann wichtig, wenn gar nichts mehr zu retten ist.

Wenn mir Schlimmes passiert ist, dann hilft das Erzählen und Zuhören, wieder nach vorne zu schauen. Eine Perspektive zu gewinnen. Dabei helfen Menschen, die einfach nur das sind und sich Zeit nehmen. Zeit für mich und meine Not.

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17AUG2021
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Ich bin beruflich und persönlich mit den Land Äthiopien verbunden und jetzt, wenn dieser Beitrag gesendet wird, bin ich auch gerade wieder hier in diesem Land am Horn von Afrika. Leider muss man sich dieser Tage große Sorgen um Äthiopien und seine Menschen machen. Die Gefahr ist groß, dass es den gleichen Weg geht wie einst der Vielvölkerstaat Jugoslawien. Dass auch hier Identitäten sehr viel höher gehängt werden, als der Wille, friedlich zusammen zu leben und dem nachzugehen, was man Gemeinwohl nennt. Im Norden Äthiopien hat diese ethnische Abgrenzung schon zu einem schrecklichen Krieg geführt. Er wächst sich gerade zu einem Bürgerkrieg aus, der immer mehr Milizen-Gruppen hineinzieht und immer mehr dazu führt, dass Menschen sich voneinander abgrenzen, sich gegenseitig hassen.

Ich erinnere mich an meine Besuche in der alten Königsstadt Aksum in der letzten Zeit. Nach alter Überlieferung ist dort die Bundeslade Israels aufbewahrt. Die Kronen der äthiopischen Kaiser habe ich dort bewundert und Stelen, die von ungeheurer kultureller Fertigkeit und einem großen geschichtlichen Erbe zeugen. Und nun musste ich erfahren, dass dort im Zuge einer brutalen Eroberung die Straßen voller Leichen lagen.
Wie ist das zu erklären innerhalb so kurzer Zeit? Die Suche nach Identität zeigt sich einmal mehr als vergiftete Suche. Nicht als tröstende Heimat, sondern als Grund „die Anderen“ entweder nicht als Menschen oder als minderwertige Menschen zu betrachten. Im Äthiopien ist dies gerade zu beobachten, aber es gibt so viele andere Beispiele auf allen Kontinenten, die zeigen, wie daraus unglaubliche Brutalität werden kann und jede Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.

Ist der Glaube eine Hilfe, diese Raserei aufzuhalten? Sollten Christen nicht aufgrund der Lehre ihrer Religion weniger geneigt sein, zu hassen und zu töten? Leider scheint die Geschichte nicht dafür zu sprechen, dass dem so wäre….

In Äthiopien, in Ex-Jugoslawien und überall gilt: Wenn Christsein nichts dazu beizutragen hat, wie das friedliche Zusammenleben gelingen kann, dann kann man diese Religiosität vergessen! Mein Glaube hat etwas damit zu tun, dass unsere erste und wichtigste Identität das Menschsein ist. Daraus erwächst, dass jeder andere Mensch ebenso wie ich ein Geschöpf Gottes ist. Es kann nicht sein, dass das Christsein an den Haken gehängt und die Kampfmontur angezogen wird. Ich denke, dass es Jesus darum ging, genau diese Logik zu durchbrechen, die uns hassen und eskalieren lässt. Er sagte das in einem eigentlich naiv und töricht wirkendenden Satz, aber er sagte es sehr bewusst: „Liebt eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen.“

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16AUG2021
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Kürzlich bin ich 50 geworden und wie das dann so ist: ich kam ins Nachdenken über das, was in dem halben Jahrhundert so alles mit mir passiert ist. Und natürlich auch, was da wohl noch kommen mag.

Da ist zunächst einmal ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für das schöne und gute, interessante und spannende, das mir in diesen fünf Jahrzehnten widerfahren ist. Und ich frage mich das, was viele andere gläubige Menschen auch umtreibt: wieviel davon habe ich Gott zu verdanken und was ist mein eigener Beitrag dazu, wenn es gut geworden ist?

Umgekehrt geht es genauso, also bei den belastenden und schmerzhaften Dingen. Meine Eltern sind beide in den letzten Jahren viel zu jung verstorben. Das war schwer und oft auch sehr tragisch. Hätte Gott das verhindern können und habe ich vielleicht nicht genug dafür gebetet, dass es gut wird?

Ich wohne ganz in der Nähe der Ahr und der Erft und auch dort gibt es viele, die durch die Flutkatastrophe einen geliebten Menschen verloren haben, zumindest aber Hab und Gut haben wegschwimmen sehen. Sie werden sich diese Frage vielleicht auch stellen? Ich frage mich: wenn ich an ihrer Stelle wäre, wie würde ich dann Gottes Rolle in meinem Leben sehen?

Wenn ich meinen Glauben behalten und an diesen Fragen nicht irrewerden möchte, bleibt mir nur, diese Ungewissheit anzunehmen: Gott ist da in meinem Leben, aber ich weiß nicht genau wie und an welchen Stellen, weder in den leidvollen Momenten noch in Zeiten, an denen es gut läuft. Glauben heißt für mich dankbar sein zu können, zu beten und zu bitten, trotz der offenen Fragen und des offenen Ausgangs. Und wenn es nötig ist, heißt es auch mit Gott zu hadern und ihm mein Leid zu klagen.

In diesem Sinn wird er für mich immer mehr und vornehmlich zu einer Haltung, die wichtiger ist als einzelne Inhalte. Es ist eine Haltung des Beschenktwerdens und des Verneigens davor, dass ich nicht alles machen und herstellen kann. Ich bin nicht alleine Herr über mein Schicksal, meine Erfolge und Rückschläge. Ob das vielleicht nicht ein bisschen ungenau ist? Ist das zu wenig, um wirklich zu begründen, warum ich als gläubiger Mensch durchs Leben gehe?

Kann schon sein, aber da spielen dann wieder meine fünf durchlebten Jahrzehnte mit hinein. Ich muss nicht mehr krampfhaft genau wissen, wie Glauben und Leben geht. Ich kann jetzt eher Widersprüche integrieren und mit Unsicherheiten leben. Der Glaube ist mir dabei ein Geschenk und das darf gerne noch viele Jahre so bleiben.

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