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SWR2 Wort zum Tag

06FEB2021
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Wir sitzen alle im selben Boot –  es hilft, sagte ein Lebensberater im Radio vorletzte Woche: Es hilft, wenn die Menschen sich klarmachen, dass es mit Corona gerade eigentlich allen irgendwie schlecht geht. Solidarität im Unglück, sozusagen.  Und die würde helfen, die Einschränkungen und das Alleinsein leichter zu ertragen, als wenn jede und jeder meint, allein betroffen zu sein. Wir sitzen alle im selben Boot…

Mir fällt bei diesem Wort immer ein, wie das mal in der Trierer Windstraße an eine Hauswand gesprüht stand. Die Windstraße ist eine enge Gasse direkt neben dem Dom  und macht ihrem Namen alle Ehre; da geht tatsächlich immer ein Wind, selbst wenn rundherum alles windstill und heiß ist. Und da stand also: Wir sitzen alle im selben Boot. Eine Einladung zur Solidarität –  und natürlich auch zum gemeinsamen Handeln, eigentlich. Die Krise nur gemeinsam auszuhalten, wäre ja vielleicht ein bisschen zu wenig.

Das hatte wohl auch ein zweiter Sprayer so gesehen. Der oder die hatte das erste Grafitto ergänzt. Wir sitzen alle im selben Boot –  warum rudert bloß keiner!? Ausrufezeichen Fragezeichen

Ja, das wäre wichtig:  dass alle im gemeinsamen Boot das alles mit Corona gemeinsam durchhalten  unddass möglichst viele auch Hand anlegen. Mit Abstand und Maske und Aufmerksamkeit für die anderen  kann schon jede und jeder das Schiff mit kräftigen Ruder-Schlägen  umsteuern helfen und vorwärtsbringen. Am liebsten ausdauernd natürlich –  es braucht mehr als nur ein paar Handgriffe;  und geduldig, weil es immer mal wieder Rückschläge geben wird oder Gegenwind und heftige Wellen.

Es gibt im Evangelium eine Szene im Fischer-Boot auf dem See; bei hohen Wellen und Gegenwind haben die Freunde alle Hände voll zu tun und fühlen sich knapp vor dem Untergang.  Und Jesus: schlummert selig auf einem Kissen, bis sie ihn wecken: Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen? Und er steht auf – droht dem Wind und stillt den See und fragt: Wo ist denn euer Vertrauen?

Das ist mir als drittes sehr wichtig: Ja, wir sitzen alle im selben Boot. Ja, jede und jeder soll auch anpacken  und für die gute Richtung mitmachen und auf so viel verzichten;  wenig genug und doch so anstrengend. Und schließlich:  alle dürfen darauf vertrauen, dass Gott selbst mit im Boot ist. Gott liebt das Leben und will das Beste für die Menschen; gut, diesen Gott um uns zu wissen…

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05FEB2021
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Es ist eine grausliche Vorstellung: du surfst auf der Internet-Seite deines Vertrauens und schaust dir plötzlich selbst ins Gesicht. Na gut – bisschen älteres Foto, du siehst also jünger aus als du bist. Aber der Text daneben – tatsächlich: das ist ein Nachruf – auf dich selbst. Ernsthaft; erster April  ist ja auch erst in knapp zwei Monaten. Grauslich, wie gesagt.

Ein sehr peinlicher Fehler war das –  ausgelöst durch einen falschen Knopfdruck am Redaktionscomputer. Jedenfalls hatte ein französischer Radiosender plötzlich  fast hundert Nachrufe online –  als wären die englische Queen und Pelé und Brigitte Bardot und viele andere mehr oder weniger Prominente gestorben. Das ist Alltagsgeschäft in jeder Redaktion: damit sie schnell über jemand Verstorbenes berichten können, liegen wichtige Nachrufe sozusagen auf Halde,  werden gelegentlich aktualisiert. Aber eben auf Halde.

Immerhin war der Sender schnell und hat die Panne behoben –  und konnte  auch mal gute Nachrichten verbreiten:  Elizabeth the Second und die Bardot waren noch am Leben –  ebenso wie Stürmerstar und Weltmeister Pelé. Und von Majestätsbeleidigung oder ähnlichem war auch keine Rede. Zumal solche Nachrufe ja normalerweise  eher über die guten Eigenschaften der Verblichenen zu berichten pflegen und über die guten und nachhaltigen Taten und Werke.

Das, finde ich, wäre vielleicht sogar reizvoll und hilfreich, wenn mir mein eigener Nachruf begegnen würde –  also ein Nachruf auf mich, noch am Leben. Denn das wäre doch interessant: Wie die anderen mich erleben, was sie an mir schätzen – oder auch nur so la la finden. Fremdwahrnehmung nennen die Lebenshilfe-Tipps das: schau mal, wie die anderen dich wohl wahrnehmen.

Und das ist keineswegs narzistisch,  also egoistisch und selbstsüchtig oder selbstbezogen und verwerflich. Jesus hat die Freunde ja auch mal gefragt:  wofür halten mich die Leute eigentlich?  Die antworten mit Klischees und vorgeprägten Bildern: du bist der wiedergekommene Elija oder ein anderer Prophet.  Und wofür haltet ihr mich?, fragt Jesus weiter.

Wie gesagt: mal fragen oder einfach gesagt bekommen, was andere an mir gut finden – das wäre interessant und vermutlich hilfreich. Und was ich an mir weniger gut finde, das weiß ich schon selbst. Und auch, wo mal eine Korrektur fällig wäre. Für mich braucht es noch keinen Nachruf – ich lebe und arbeite weiter; dankbar, natürlich, für jedes feed back!

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04FEB2021
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Die Bibel schweigt über sie – oder vielleicht doch nicht ganz. Könnte sein, dass  Veronika eine von den Frauen ist, die am Straßenrand stehen, als Jesus mit dem Kreuzbalken auf der Schulter vorbeigeht, von Soldaten geprügelt, vom Pöbel angespuckt. Viele Leute stehen am Rand, heißt es im Lukas-Evangelium. Und natürlich auch viele Frauen – es ist schließlich heller Mittag. Und statt zu spotten und zu pöbeln, so weiß es das Evangelium, sollen sie geklagt und geweint haben. Die Frauen wussten,  was für ein Mensch da zur Hinrichtung unterwegs war: einer, der alles gut gemacht hat, der Menschen geheilt hat und ihnen Gottes Reich nahegebracht hat.

Könnte sein, wie gesagt, dass Veronika eine von diesen Frauen war. Was wir außerdem von ihr wissen,  ist vielleicht auch historisch wahr. Aber auch als Legende eine gute Geschichte. Da stellt sich diese mutige Frau den Soldaten und ihrem Opfer in den Weg und hält den Zug zum Galgen auf. Sie schaut Jesus tief in die Augen und sieht, wie er schon gelitten hat unter Folter und Schlägen und dass dieses Leiden weitergehen wird. Da reißt sie sich das UmhangTuch von der Schulter und hält es Jesus hin,  damit er sich Blut Schweiß und Tränen aus dem Gesicht wischen kann. Jesus nimmt diese kurze Erfrischung gern an und hinterläßt auf dem Tuch ein blutiges Abbild seines gequälten Gesichts.

Veronika – schon der Name ist ein Wort-Spiel mit dem Namen der Frau, die Jesus in seiner härtesten Stunde zur Seite gestanden hat. Übersetzt würde „Vera Eikon“ wohl heißen: „das wahre Bild“. Und der Name Veronika würde also sagen:  sie hat Gottes wahres Gesicht gesehen und auf dem Tuch behalten. Wer sich einem anderen Menschen zuwendet und das Leid mit ihr oder ihm teilt oder es sogar ein wenig lindert, sieht Gottes wahres Gesicht.

Historisch oder Legende: die Szene beschreibt ziemlich genau, was Jesus selbst für das Ende der Welt angekündigt hat, wenn der Messias als Richter kommt und Menschen in den Himmel aufnimmt.  Warum, fragen sie; was haben wir denn Gutes getan? Und da sagt der Richter: was ihr einem leidenden Menschen getan habt, das habt ihr mir getan –  ihr seid gesegnet und werdet das wahre Leben haben bei Gott.

Veronika – die Frau, die Jesus beisteht und Gottes wahres Gesicht sehen darf… Glückwünsche zum Namenstag allen Vronis und Veronikas  von altfried rempe.

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03FEB2021
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Früher war alles besser. Es kommt vor, dass ich in das Klagelied über die moderne Welt einstimme.

Mir ist Vieles zu hektisch, ich komme oft mit den vielen Reizen um mich herum nicht zurecht und lasse mich ab und an dazu verleiten zu sagen, dass alles immer schlimmer wird. Damit bin ich nicht alleine. Es gibt viele, die sich schwer tun Schritt zu halten. Sogar in der Popmusik ist daraus ein eigenes Genre entstanden. Der Heimatrock. Einer der bekanntesten Vertreter ist der Sänger Andreas Gabalier aus der Steiermark. Er singt viel über die Heimat und die gute alte Zeit. Beides ist für ihn Ausdruck einer besseren Welt. Und die gute alte Zeit hat für ihn oft etwas mit Glaube und Christentum zu tun. In seinem Lied „Kleine steile heile Welt“ singt er: „...in einem christlichen Land hängt ein Kreuz an der Wand …“ und später dann  „...Vater unser beten, Holzscheitel knien…“.

Hier protestiere ich.

Hier stelle ich fest: Diese gute alte Zeit gibt es nicht. Wenn ein Mann in krachledernen Hosen das Bedürfnis hat auf der Bühne von der Vergangenheit zu singen, kann er das meinetwegen tun. Aber wenn er sich dabei so etwas wie das „Holzscheitelknien“ zurückwünscht, muss ich mich als Katholik im Jahr 2021 dagegen verwahren. „Holzscheitelknien“ war eine Methode, um unartige Kinder zu bestrafen. Sie mussten dabei auf der spitzen Kante eines Holzscheites knien und beten. Das sollte Buße sein, ihnen Demut beibringen und sie erziehen. Wer sich das zurückwünscht hat etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Die katholische Kirche ist noch lange nicht durch die Durststrecke, in der sie sich gerade befindet hindurch. Aber vieles ist angesprochen und in Bewegung. Diese Kirche hat einen furchtbaren Missbrauchsskandal zu verantworten, dessen Aufarbeitung noch zu wünschen übrig lässt. In ihrem Namen werden zum Teil bis heute Frauen ausgesperrt, Homosexuelle und andere Menschen, die nicht ins Bild passen ausgegrenzt. Dies alles sind Erbstücke aus der sogenannten „guten alten Zeit“. Genauso wie das Holzscheitelknien. Und wer sich das zurückwünscht, auch unter dem scheinbar harmlosen Deckmäntelchen der Popmusik, der riskiert, dass Kirche und Gesellschaft wieder hinter all diese Dinge zurückfallen. Der nimmt in Kauf, dass all die Prozesse, die ohnehin viel zu langsam in Gang gekommen sind im Sande verlaufen. Der streut Salz in all die aufgerissenen Wunden, die erst begonnen haben zu heilen. Es war früher eben nicht alles besser. Wir bemühen uns es besser zu machen.

In dieser Hinsicht würde es sich lohnen mal ein Lied über die Chancen der guten neuen Zeit zu singen. Gerne auch in krachledernen Hosen.

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02FEB2021
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Eines Tages ist Frau Bauer auf unsere Station gekommen. Ich war damals als Krankenpfleger für sie zuständig. Sie hatte ein Leben im Glauben geführt. Hatte sich zeitlebens in ihrer Gemeinde engagiert, sich um die Menschen gekümmert, ist ein Vorbild gewesen. Eben so jemand, den alle Gemeinschaften brauchen. Dann ist sie krank geworden. Und sehr schnell ist klar geworden, dass sie bald sterben würde. Und sie ist stinksauer auf Gott gewesen.

Wir hatten einen guten Draht zueinander und haben sehr viel gesprochen. Wenn ich aber auf Gott oder den Glauben gekommen bin, hat sie immer wieder gesagt: „Bleib mir weg mit Gott.“ Ihre Verwandten wollten für sie noch eine Krankensalbung. Aber sie hat abgeblockt. „Das brauch ich nicht“, ist ihre einzige Antwort gewesen. Sie ist dann ohne kirchliche Begleitung gestorben. Das hat ihre Familie recht mitgenommen. Neben dem Verlust hat sie belastet, dass Frau Bauer sich von Gott abgekehrt hatte.

Aber hat sie das wirklich? Ist das nicht zu schwarz – weiß gedacht? Wenn ich sauer bin oder gekränkt von jemandem und Abstand brauche, heißt das gleich, dass ich überhaupt nichts mehr mit ihm zu tun haben will? Ich kann und will Frau Bauers Gottesbeziehung nicht auf ihre letzten Tage reduzieren. Ihr Leben ist doch viel länger, ihre Gottesbeziehung viel mehr gewesen. Es ist doch in allen Beziehungen so, dass wir uns mal näher, mal ferner sind. Es ist in Ordnung auch mal sauer aufeinander zu sein. Und es ist auch in Ordnung mal sauer auf Gott zu sein. Manchmal ist das Leben eben: beschissen. Und in Frau Bauers Situation ganz besonders. Eigentlich hat sie ziemlich gesund reagiert. Und sie hatte ja ihr Leben lang eine intensive Beziehung zu Gott, sie wird schon gewusst haben wie stabil diese ist. Sie hat nicht nach dem „Warum“ für ihre Krankheit gefragt, nicht darüber gegrübelt, womit sie das verdient hat. Sie war einfach nur sauer darüber, dass es so ist wie es ist. Dass sie todkrank ist.

Ich glaube, sie hat es richtig gemacht. Ich glaube, dass es Situationen gibt, in denen darf man auf Gott schimpfen. Da tut es gut zu fluchen. Dabei wird er nicht gleich abgelehnt. Im Gegenteil, es ist Ausdruck eines wirklichen Ringens und Bemühens.

Ich stelle mir vor, dass sie da dann im Himmel angekommen ist und der ganzen versammelten Gemeinschaft der Heiligen so richtig die Meinung gegeigt hat.

Und der Herrgott hat die Arme ausgebreitet und gesagt: Ein ehrlicher Mensch. Herzlich willkommen!

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01FEB2021
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Nach dem Abitur habe ich fast 20 Kilo abgenommen. Ich bin in eine andere Stadt gezogen, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Und in diesem wollte ich schlank sein. So viele Leute haben Witze über dicke Menschen gemacht. Davor habe ich Angst gehabt, ich wollte nicht dick sein. Ich wollte normal sein und dazugehören. Und schlank zu sein wurde für mich das Symbol dafür.

Ich hab mich auf Diät gesetzt und mit dem Joggen angefangen. Ich bin jeden Tag ein Stück weiter gelaufen. Und auch als ich rank und schlank war, bin ich weiter gelaufen. Immer weiter. Wenn ich mal nicht laufen konnte, habe ich mich sofort wieder dick gefühlt. Und dann entsprechend wenig gegessen. Ich habe ein ziemlich gestörtes Verhältnis zum Essen entwickelt.

Essen ist zum Feind geworden.

Heute habe ich das weitgehend im Griff. Aber ich habe das Gefühl, dass es sehr viele Menschen gibt, die ähnlich empfinden. Vor allem Jugendliche. Denn Schlankheit und Schönheit werden in einer Welt, in der Bilder so wichtig sind, beinahe gleichgesetzt. Schlank zu sein heißt schön und richtig zu sein. Über Dicke macht man immer noch Witze.

Alle gut gemeinten Sätze wie: „Du bist schön, so wie du bist“, oder „Gott liebt dich wie du bist“, haben mir damals nichts gebracht. Das war mir zu theoretisch und zu banal. Die Wirklichkeit hat sich anders angefühlt.

Erst ganz allmählich ist mir etwas aufgefallen: Ich war zwar gertenschlank, aber deshalb nicht normaler oder gar beliebter. Eigentlich waren mir die Gespräche über meinen schlanken Körper unangenehm. Über anderes hatte ich aber wenig zu sagen, weil ich mich ja hauptsächlich damit beschäftigt habe schlank zu sein.

Ein Freund hat mir die Augen geöffnet. Und zwar indem er einfach nur so gewesen ist, wie er ist. Er war ein bisschen pummelig, außerdem unglaublich herzlich, witzig, klug, sympathisch und vor allem glaubwürdig. Er hat immer viele Freunde gehabt, auch eine tolle Freundin, in die ich eigentlich verliebt gewesen bin. Er hat das gehabt, was ich mit meiner Schlankheit erreichen wollte: Er hat dazu gehört. War angenommen.

Durch ihn habe ich begriffen, dass zum Dazugehören etwas anderes gehört als irgendwelche Äußerlichkeiten. Etwas, das ich mir nicht durch Laufen oder Fasten aneignen kann. Ich kann es mir gar nicht aneignen, es ist immer da. Mein Wesen, meine Persönlichkeit. Das, was Gott in mir angelegt hat. Das versuche ich anzunehmen. Darauf möchte ich vertrauen. Und das darf so dick sein wie es will.

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