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SWR2 Wort zum Tag

Ich kenne ein altes Ehepaar, das sich wunderbar ergänzt. Heiner ist noch körperlich fit. Er macht lange Spaziergänge und arbeitet gerne in seiner alten Schreinerwerkstatt. Leider ist er aber sehr vergesslich und manchmal schon etwas verwirrt. Bei Theresa ist es genau andersrum. Sie ist geistig noch voll da. Füllt Kreuzworträtsel und Sudokus aus, und sie diskutiert gerne mit ihrer Nachbarin über alles Mögliche, was sie in Zeitschriften liest. Aber sie kann sich nur noch mit ihrem Rollstuhl fortbewegen. Und das schränkt sie einfach wahnsinnig ein. 

Aber zusammen sind die beiden ein eingespieltes Team. Theresa macht die Kopfarbeit: sie organisiert die Einkaufsliste, ruft Behörden an , lädt Freunde ein, und sie denkt an alle wichtigen Geburtstage. Heiner erledigt die Fußarbeit: er geht mit Theresas Liste einkaufen, er deckt den Tisch und holt ihr Sachen aus dem Keller rauf. Die Nachbarn sagen immer: „Die Theresa ist der Kopf, und der Heiner der Fuß.“ 

Ich weiß nicht, ob´s die Nachbarn wissen. Aber der Vergleich mit Kopf und Fuß ist ein uraltes Bild aus der Bibel. Der Apostel Paulus hat es gebraucht. Er hat seine frisch gegründete Gemeinde in Korinth dazu ermahnt, dass sie eine Einheit bleiben, dass sie zusammenhalten sollen. Dort waren nämlich Streitigkeiten ausgebrochen. Die einen hatten das Geld, die anderen hatten das Sagen. Die einen stammten aus Israel, die anderen aus Griechenland. Und jeder meinte, was Besseres zu sein. Paulus schreibt darum: „Der menschliche Leib besteht aus vielen Gliedern. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächeren Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Gott hat den Leib so zusammengefügt, dass alle Glieder füreinander sorgen.“ 

Ich muss immer wieder staunen, wie anschaulich Paulus schreibt. Klar, jeder soll das einbringen, was er gut kann. Und das in aller Bescheidenheit, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen. Denn bei ganz vielen Dingen ist man wieder auf andere angewiesen. 

Paulus hatte mit seinem Tipp die christliche Urgemeinde in Korinth im Blick. Aber ich finde, dieses Prinzip lässt sich genauso gut anwenden auf Schulklassen, Nachbarschaften, oder ganze Staatengemeinschaften: Die Stärken einbringen, und die Schwächen gemeinsam meistern. Und das Prinzip funktioniert natürlich auch im ganz Kleinen. So wie bei Theresa und Heiner: Sie der Kopf, er der Fuß.

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Wenn eine Thermoskanne eine Weile rumsteht, dann kann es vorkommen, dass sie zu zischen oder zu quietschen beginnt. Schuld daran ist die Luft in der Kanne, die sich aufheizt und damit auch ausdehnt. Wenn die Deckeldichtung nicht 100 Prozent dicht ist, dann dringt die Luft nach draußen. Und dabei entsteht dann dieses leise aber nervende Geräusch. 

Bisher habe ich mir immer damit geholfen, dass ich den Deckel kräftig zugedreht habe. Manchmal muss ich ganz schön drehen, um die Kanne zum Schweigen zu bringen. Und meistens hilft es nur für kurze Zeit. Denn irgendwann baut sich der Druck wieder auf und muss natürlich auch wieder raus. 

Vor einiger Zeit habe ich eine Freundin dabei beobachtet, wie sie das Problem der zischenden Thermoskanne ganz anders angegangen ist. In meinen Augen viel eleganter: sie hat den Deckel einfach ein bisschen aufgedreht. Die heiße Luft konnte raus, und schon war Ruhe am Kaffeetisch. Und zwar dauerhaft. 

Seitdem beobachte ich gerne Menschen, wie sie das Problem mit der zischenden Kanne lösen. Und ich habe rausgekriegt: Es gibt tatsächlich zwei Fraktionen: Einmal die „Zudreher“, also diejenigen, die versuchen dicht zu machen. Ich kann mich auch täuschen, aber ich glaube, wir Männer gehören eher zu dieser Gruppe, die meint mit gutem Willen und viel Kraft die Lösung herbeiführen zu können. Und dann die „Aufdreher“, also diejenigen, die quasi „den Dampf ablassen“, die deeskalierend wirken. Nach meiner Beobachtung eher die Frauen. 

Für mich war der Lösungsansatz meiner Freundin ein echtes Aha-Erlebnis. Sofort habe ich die Fraktion gewechselt. Aufdrehen ist irgendwie viel eleganter, gewaltfreier und vor allem nachhaltiger. 

Ich hab noch ein bisschen weiter nachgedacht. Dampf ablassen statt Druck aufbauen. Das ist auf der großen Bühne der Politik fast immer die bessere Lösung. Aber auch im privaten Umfeld gilt das: Mich öffnen, durchlässig werden, das ist meistens wirksamer und nachhaltiger als dicht machen und verkrampfen. Genau wie bei der Thermoskanne.

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Wenn ich in Rom bin gehören immer einige feste Punkte zu meinem Besuchsprogramm. Vor dem Grab des 1963 gestorbenen Papstes Johannes XXII zu stehen gehört unbedingt dazu. Er gehört zu den Christen, die mich einfach faszinieren, auch wenn ich ihn nie persönlich erlebt habe. Die jüdische Soziologin Hannah Arendt erzählt, ein römisches Zimmermädchen hätte damals, als Papst Johannes im Sterben lag, zu ihr gesagt: “Gnädige Frau, dieser Papst war wirklich ein Christ. Wie ist das möglich? Und wie konnte ein wirklicher Christ auf den heiligen Stuhl kommen? Hatte denn keiner eine Ahnung, wer er war?” Unser jetziger Papst Franziskus erinnert mich oft an ihn. Sie hätten Brüder sein können oder zumindest enge Freude. Menschlichkeit, und Barmherzigkeit - das waren auch  wichtige Themen von Johannes. Davon redete er, so lebte er, das sah man ihm an und glaubte ihm. „Worte bewegen, Beispiele reißen mit“, hat er immer wieder betont. Zum Beispiel weigerte er sich Besucher aus anderen Konfessionen auf dem damals noch prunkvollen päpstlichen Thron zu empfangen, sondern er ließ sich einen Stuhl bringen und setzte sich einfach zu ihnen. Diese kleinen Zeichen ließen immer- bei aller Würde des Amtes- den Menschen Johannes erkennen. Das erfuhren zum Beispiel die Arbeiter, die seinen Umzug von Venedig nach Rom durchführten. Während des Einzugs in seine Wohnung ging er umher, ohne Begleitung, um die Räume zu besichtigen, die er noch nicht kannte. In einem waren Arbeiter damit beschäftigt, Kisten herauszutragen. Einer von ihnen arbeitete gebückt und verdeckt durch eine dieser Kisten, als der Papst sagte: „‚Ich störe doch nicht?“ Der Arbeiter, der hinter der Kiste stand, glaubte die Stimme eines seiner Kollegen zu erkennen und gab zurück: ’Hör auf mit dem Blödsinn und hilf mir lieber.’ Da trat der Papst schmunzelnd hinzu und fing an zu räumen. Man kann sich das Gesicht des Arbeiters vorstellen, als er ihn dann erkannt hat. Respekt vor der Würde jedes einzeln Menschen, egal welche Position er hat  -  das verbinde ich mit Johannes XXIII. Seinem Bruder Giuseppe schrieb er einmal: “Bemühen wir uns, die Überzeugung zu gewinnen, dass nicht alles, was andere tun, schlecht, und alles, was wir tun, gut ist. Je mehr wir in jedem Fall Demut und Respekt beweisen, wirklich zu schweigen und die anderen gelten zu lassen, Geduld zu haben, um so mehr wird uns der Herr segnen.” Gut gemeint Papst Johannes. Das wird nicht immer klappen. Aber darum bemühen kann ich mich. Gelegenheiten dafür gibt es genug.

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oder: gelebter Glaube, ganz praktisch

Von ihr handelt kein Kirchenlied. Martha gehört nicht zu den populären Gestalten des Evangeliums. Sie ist die Schwester des Lazarus und einer Frau namens Maria. Nicht die Mutter Jesu ist gemeint, Maria ist ein geläufiger Name zur damaligen Zeit. Im Lukasevangelium steht die Szene, die das Bild von Martha geprägt hat. Jesus besucht die beiden Schwestern, und während Maria sich zu Jesu Füssen setzt und ihm zuhört, wirbelt Martha umher. Sie kocht, serviert und kümmert sich um die Gäste. Jesus ist nicht alleine, einige seiner Jünger begleiten ihn. Martha hat also alle Hände voll zu tun. Und ihre Schwester rührt keinen Finger. Irgendwann platzt Martha der Kragen, sie protestiert und verlangt von Jesus eine Ansage an ihre Schwester. Doch was passiert? Jesus erwidert ihr: “Martha, Martha, du machst dir Sorge und Mühe um viele Dinge aber Maria hat das gute Teil erwählt, und das soll ihr nicht weggenommen werden.“ Na bravo, wird sich Martha gedacht haben. Jetzt wird ihre Schwester noch dafür gelobt nichts zu tun. Die hörende Maria und die schuftende Martha, diese Schwarz-Weiß-Folie hat das Bild der beiden Schwestern geprägt. Im Gegensatz zu ihrer populäreren Schwester ist Martha das Symbol für die geschäftige Hausfrau, die immer was zu hat und die sich sorgt und abmüht und dabei anscheinend Wichtigeres vergisst. Hausfrauen aller Zeiten hat es mit Recht geärgert wenn sie abgewertet wurden, nur weil der Bibeltext einseitig verstanden wurde. So als sei das alles nur nebensächlich, was sie Tag für Tag leisten. Die dumme Rede davon „nur“ Hausfrau zu sein zeugt bis heute davon. Der Theologe Meister Eckhard hat allerdings schon im 14. Jhdt eine Lanze für die verkannte Martha gebrochen. Sie ist für Eckhard viel vollkommener als Maria. Meister Eckhard sagt: Martha hat das schon hinter sich was Maria gerade erfährt. Martha hat schon viel vom Wort Gottes gehört und verstanden, ihr Glaube ist stark und gefestigt, und das beweist sie jetzt auf ihre Art. Durch ihre Gastfreundschaft. So lebt sie ganz praktisch ihren Glauben. Mitten im Alltag. So gesehen ist Martha der reifere Mensch. Sie arbeitet nicht bloß, ihr Wirken kommt von innen, motiviert durch ihren Glauben. Martha hat so eigentlich nur einen Fehler: sie ist zu ungeduldig mit ihrer Schwester, die noch nicht soweit ist vom Hören zum Tun zu kommen. Martha ermuntert mich einfach das zu leben was ich glaube. Da wo ich bin, da wo arbeite, da wo ich mich erhole. Auf meine Weise.

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Sie starb an einem Januartag 1983 am Bahnhof Termini in Rom. Mit 71 Jahren. Ihr Name Modesta Valenti. Sie wird nicht die einzige gewesen sein, die in diesem Alter und dieser Stadt gestorben ist. Aber wie sie gestorben ist, das ist erschreckend. Modesta Valenti war eine der vielen Obdachlosen in den Straßen Roms. Sie war krank, und an diesem Januartag brach sie am Bahnhof zusammen. Man rief einen Rettungswagen. Aber die Sanitäter weigerten sich Modesta mitzunehmen, da sie ihnen zu schmutzig war. Sie ließen sie liegen und fuhren davon. Wenig später riefen Leute erneut die Notrufzentrale an, und eine zweite Ambulanz traf am Bahnhof ein, und das Gleiche geschah. Man weigerte sich die Frau zu transportieren, weil sie auch diesen Rettungsassistenten zu schmutzig war. Modesta blieb liegen und starb. Auf der Straße vor dem Bahnhof.

Heute erinnert eine Bronzetafel an Modesta in der Via Dandolo in Rom. Die Gemeinschaft San Egidio hat dort ein Haus und kümmert sich um Obdachlose. Zur Gemeinschaft gehören Christen, die ganz normalen Berufen nachgehen, Familie haben und sich darüber hinaus sozial engagieren. Einmal im Jahr wird an Modesta Valenti erinnert. Mit einem Gottesdienst und einem anschließenden festlichen Essen. Dabei werden alle im letzten Jahr verstorbenen Obdachlosen mit Namen genannt, und es wird für sie gebetet. Einer, der seit Jahren auf der Straße lebt, hat gesagt: „Gut zu wissen, dass nach meinem Tod doch noch jemand an mich denken wird.“

Ich selbst finde es großartig wie die Christen von San Egidio mit den Obdachlosen umgehen. Nicht von oben herab, nicht mit einer gnädigen Mitleidsnummer, sondern sie begegnen ihnen auf Augenhöhe, geben ihnen etwas von ihrer Würde zurück, nennen sie „amici“, also Freunde. An Weihnachten räumen sie ihre Kirchen leer und feiern mit den amici an festlichen Tafeln. Einladungskarten werden verteilt, es gibt eine Menükarte und ein weihnachtliches Festessen. Oder sie packen einen kleinen Weihnachtsbaum, kleine Geschenke und etwas zu essen ein und nutzen den Heiligen Abend um Obdachlose in den Bahnhöfen zu besuchen - um mit ihnen zu singen, zu beten, zu essen und zu lachen. Vor einigen Jahren habe ich bei solch einem anderen Feiern einmal mithelfen dürfen. Es war ein unvergessliches Weihnachtserlebnis. Und es war ein Beweis, dass es möglich ist, nach dem Evangelium leben zu können.

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oder Jesus und Klischees

Auch Jesus war nicht frei von Klischees und Vorurteilen. Einmal begegnet er einer Frau, die einer fremden, nichtjüdischen Religion angehörte. Sie hat von Jesus gehört und bittet ihn inständig ihre kranke Tochter zu heilen. Jesus reagiert mit bemerkenswerter Arroganz. Zuerst überhört er sie einfach, so als würde ihn das überhaupt nicht interessieren. Seine Jünger bitten ihn daraufhin ihr doch den Gefallen zu tun, nicht weil sie mit ihr sympathisieren, sondern weil ihnen das Klagen der Frau schlicht auf die Nerven geht, und sie sie los werden wollen. Jesus erwidert knapp: die Leute dieser Religion gehören -modern ausgedrückt- nicht zu meiner Zielgruppe. Die Frau aber lässt nicht locker, fällt sogar vor Jesus auf die Knie, um dann von ihm gesagt zu bekommen - so wörtlich: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen“. Heißt also: die Frau und ihr Volk gehört zu den Hunden, und mit den Kindern meint er sein eigenes. Überheblicher geht’s wohl kaum. Die Frau gibt trotzdem nicht auf, kämpft für ihr Kind wie eine Löwin und erwidert schlagfertig: Da habe er wohl recht, aber selbst die Hunde bekämen zumindest etwas von den Brotresten. Da muss es bei Jesus „Klick gemacht“ haben, denn er revidiert seine Haltung, lobt sogar den starken Glauben der Frau und kümmert sich um die kranke Tochter.

Diese Stelle ist für mich einer der stärksten Hinweise, dass Gott es mit dem Mensch-Sein Jesu wirklich ernst gemeint hat. Der Gottessohn Jesus spielt nicht nur die Rolle Mensch, sondern lebt sie mit allem Drum und Dran. Er wächst heran wie ein normaler Jugendlicher seiner Zeit mit guten und mit schlechten Tagen und bekommt auch die Klischees und Vorurteile seiner Umwelt mit. Und dazu gehört wohl auch, dass man mit „denen von der fremden Religion“, (hier sind sie Kanaanäer gemeint) nichts zu tun haben will. Und so reagiert Jesus zuerst auf die Bitte wie es in seinem Umfeld üblich war: abweisend. Er macht was alle machen. Nur mit einem Unterschied und zwar mit einem gewaltigen: er bleibt nicht im Vorurteil gefangen, sondern ändert seine Meinung und heilt das kranke Kind. Er gibt de facto seinen Fehler zu, und das fällt vielen bis heute sehr schwer. Aber Jesus ermutigt mich, es beim nächsten Fehler vielleicht auch so zu versuchen. Denn der nächste Fehler kommt bestimmt.

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