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SWR2 Wort zum Tag

„Der Weg wächst unter Deinen Füßen“ – das stand auf einer Karte, die mir ein Mitpilger vor einer gemeinsamen Pilgerreise überreicht hat. Der Gruß hat mich angesprochen.
Normalerweise folge ich im Leben bereits gebahnten Wegen. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, verlasse ich mich auf ein Netz bereits geebneter und in der Regel asphaltierter Straßen. Nicht anders beim Wandern: Fußwege sind zum Glück vorgezeichnet und tragen Markierungen. Und selbst manch selten begangener Fußpfad ist durch eine schmale Trampelspur ausgewiesen.
Anders ist es bei Pionierwegen. Sie werden von denen, die sie gehen, überhaupt erst gefunden und eingerichtet. Heute gibt es kaum noch Pionierstrecken. Selbst die unwegsamsten Regionen dieser Erde sind inzwischen auf mehr oder weniger gut begehbaren Wegen erschlossen.
Doch im übertragenen Sinn gibt es im Leben mehr noch nicht bereitete als schon angelegte Wege. Wenn es um unsere Lebenswege geht, dann sind wir selbst die Pioniere – jeder und jede auf eigener Strecke. Wenn es um die eigene Zukunft geht, dann muss der Lebensweg von mir erst noch gebahnt werden. Da ist vielleicht manche große Vorentscheidung bereits gefallen – zum Beispiel im Blick auf den Beruf oder die Familie. Da liegt vielleicht auch ein Großteil der Lebenswegstrecke bereits hinter mir... Aber, wo ich auch stehe auf meinem Lebensweg, das unbetretene Land der Zukunft bleibt stets offen.
Und zugleich muss ich meinen Weg gehen – das ist die schwere Pionierarbeit, die mir Tag für Tag abverlangt wird: weiterzugehen in einen Tag, dessen Abend ich nicht kenne, in eine Woche, ein Jahr, dessen Ende nicht abzusehen ist.
Ohne Vertrauen wird das nicht zu machen sein. Damit ich meinen Lebensweg gehen kann, benötige ich Vertrauen. Vertrauen, dass es einen Weg geben wird – auch dann, wenn ich heute noch nicht sehe, wo er mich hinführen wird.
„Der Weg wächst unter deinen Füßen.“ – Zu solchem Vertrauen will mich dieser Satz ermutigen, und dabei wird mein Blick weitergeleitet auf den, der um meine Wege weiß von klein auf und der auch das Ziel und Ende meines Weges kennt. Einer, der mich begleitet auf meinem Weg durchs Leben, der achtgibt auf meine Schritte – und der den Weg unter meinen Füßen wachsen lässt.

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Der Jahresbericht 2013 der Menschenrechtsorganisation „amnesty international“ nennt 112 Staaten, in denen Gefangene misshandelt oder gefoltert wurden. In 21 Staaten wurden Todesstrafen vollstreckt, und lediglich ein Drittel aller Staaten hat bislang die Todesstrafe per Gesetz oder praktisch abgeschafft.
Bisweilen erreichen mich Petitionen von Menschen- oder Bürgerrechtsorganisationen, die um Gnadengesuche für zum Tode Verurteilte bitten. Eine Unterschrift unter eine solche Petition ist eine einfache Sache. Was sie bewegen kann, steht auf einem anderen Blatt.
Und dann trifft mich das Bibelwort des Herrnhuter Losungskalenders für heute: „Befreie, die zum Tod geschleppt werden, und rette, die zur Hinrichtung wanken! Wenn du sagst: Sieh, wir haben das nicht gewusst! – wird er, der die Herzen prüft, es nicht durchschauen?“ (Buch der Sprüche Salomos, Kapitel 24, Vers 11 und 12)
Das Herrnhuter Losungsbuch enthält für jeden Tag eines Jahres eine per Los ausgewählte Bibelstelle. Die Worte aus der Bibel werden nicht bewusst ausgewählt; da wirkt keine theologische oder publizistische Regie im Hintergrund.
Erstaunlich, wie zeitgemäß dieses Wort aus dem Buch der Sprüche Salomos wirkt. Todgeweihte gab es auch schon vor mehr als 2000 Jahren – offenbar aber auch eine Menschlichkeit, die an der Unmenschlichkeit von Todesstrafen und Hinrichtungen Anstoß nahm. Genau genommen steckt aber noch mehr als bloße Humanität hinter diesem Protest. Die Todesstrafe ist endgültig. Sie durchkreuzt alle Zukunftswege eines Menschen, mag er unschuldig oder schuldig sein. Sie schneidet die entscheidende Perspektive möglicher Reue und Umkehr ab. Genau deshalb ist sie unmenschlich und maßt sich ein göttliches Urteil über Menschen an.
Gegen diese Anmaßung steht der Einspruch aus dem Buch der Sprüche Salomos. Und der Vers ist mehr als ein bloßes Gnadengesuch, mehr als ein juristisches Plädoyer. Er fordert zur Befreiung der von der Hinrichtung Bedrohten auf. Das ist Widerstand, Widerstand gegen die Unmenschlichkeit der Todesstrafe, die in der Mehrzahl aller Länder dieser Erde immer noch grausame Wirklichkeit ist.
„Befreie, die zum Tod geschleppt werden, und rette, die zur Hinrichtung wanken! Wenn du sagst: Sieh, wir haben das nicht gewusst! – wird er, der die Herzen prüft, es nicht durchschauen?“

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Es gibt viele Perspektiven auf die Wahrheit und manches lässt sich erst erkennen, wenn wir unterschiedliche Perspektiven nebeneinander gelten lassen. Ein Gleichnis des libanesischen Schriftstellers Khalil Gibran bringt diese Einsicht anschaulich auf den Punkt:
Das Auge sieht sich um und sagt: „Hinter den Tälern und Hügeln, über den Nebelbänken sehe ich weit draußen einen erhabenen Berg. Ist es nicht wunderschön, wie majestätisch er über der Landschaft aufragt?“ Das Ohr reckt sich, lauscht eine Weile angestrengt und fragt dann enttäuscht: „Wo ist hier ein Berg? Ich kann keinen hören.“ Darauf die Hand: „Ich versuche schon vergeblich, nach ihm zu greifen. Aber ich kann keinen Berg finden.“ Auch die Nase mischt sich ein, rümpft sich und erwidert kurz und knapp: „Ich rieche nichts. Da ist kein Berg.“ Da wendet sich das Auge ab und schaut in eine andere Richtung. Ohr, Hand und Nase aber diskutieren weiter über diese merkwürdige Täuschung, der das Auge offenbar unterlegen war – und kommen zu dem Schluss: „Mit dem Auge stimmt was nicht.“
Ein Gleichnis über die menschlichen Sinne. Doch zugleich ist es mehr als das, denn in dieser Geschichte geht es auch um Vielfalt und Toleranz, um unterschiedliche Lebenserfahrungen und darum, sie ernst zu nehmen, gerade in ihrer Unterschiedlichkeit.
Für mich zeigt Gibrans Gleichniserzählung auf anschauliche Weise, wie begrenzt Menschen in dem sind, was sie wahrnehmen. Jedes der geschilderten Sinnesorgane hat nur seine eigene, vergleichsweise eng bemessene Reichweite. Und jedes nimmt andere Qualitäten der Wirklichkeit wahr. Wer will bestimmen, was wirklich ist und wahr?
Die Unterschiedlichkeit von Erfahrungen und Sichtweisen ist anstrengend. Auch unterschiedliche Glaubensperspektiven fordern heraus. Doch wenn Gibrans Gleichnis zutrifft, dann ist Wahrheit in der Tat vielschichtig – auch und vor allem religiöse Wahrheit. Im Gegeneinander oder in der Ausgrenzung wird nichts erreicht.
Die Pointe in der Geschichte ist ja, dass alle Sinne zusammengehören. Sie sind Teil eines Leibes und sie passen auch zusammen – vorausgesetzt, sie werden in ihrer jeweiligen Stärke erkannt; ihnen wird ein Beitrag auf dem Weg zu einer gemeinsam zu entdeckenden Wahrheit zugetraut. Und das ist dringend notwendig, denn gegen die selbstgenügsame Meinung von Nase, Hand und Ohr hat das Auge eine echte Chance verdient.
 

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„Wer war ich, bevor ich mich kannte?“ Der flapsige Graffiti-Spruch hat was, finde ich. Wie weit zurück reicht mein Empfinden und Erinnern? Was gehört von Anfang an zu meiner Person? Welche Erfahrungen prägen mich? Wer bin ich, bevor ich sagen konnte, wer ich bin? Darüber lässt sich nicht nur philosophieren, sondern darüber wird auch in der aktuellen Traumaforschung viel diskutiert.
Es wird gefragt: Gibt es so etwas wie vorgeburtliche und geburtliche Traumata, die man als erwachsener Mensch erinnern kann und so lernt, sich selbst besser zu verstehen? Traumata, die sich ins frühkindliche Bewusstsein eingenistet haben, wenn beispielsweise die Schwangerschaft ungewollt und das Kind nicht gewünscht war. Oder wenn es körperliche Stress-Situationen für Mutter und Kind in der Schwangerschaft gegeben hat und das Ums-Leben-Kämpfen-Müssen schon im Mutterleib begonnen hat. Oder wenn Eltern zum Beispiel lieber einen Jungen gehabt hätten statt dem Mädchen, das geboren wurde.
Viele Menschen suchen nach einem Zugang, wie sie sich selbst verstehen und ihr Verhalten in Beziehungen besser erklären können. Sie gehen immer weiter ins Unbewusste hinein. Sie versuchen, sich einen Weg durch ihre seelischen Wirrungen und Empfindungen zu bahnen. Der Weg führt sie zu Empfängnis und Geburt zurück. Ein Blick in die Fachliteratur dazu zeigt: Die Liste möglicher Verletzungen und Krisen, die sich vor und bei der Geburt traumatisch auswirken können, ist lang. Kann man ihnen überhaupt entgehen? Man könnte angesichts der möglichen Schrecken fast daran zweifeln, ob es ein gefahrloses, glückliches Geborenwerden und In-die-Welt-Hineinkommen geben kann.
Geborenwerden ist also riskant, nicht nur als biologischer Prozess, sondern auch als psychischer Weg. Diese Erkenntnis der Traumaforschung geht davon aus, dass der Mensch ein Wesen ist, das nicht einfach als Solitär in die Welt hineingeworfen wird. Er ist abhängig von anderen und von den Verhältnissen, in denen er lebt. Damit ist er nicht nur von Beziehungen gehalten, sondern eben auch gefährdet, wenn diese bedrohlich sind.
Anscheinend ist sich schon der Psalmbeter im 139. Psalm der Bibel der Anfänge des Geborenwerdens bewusst. Er staunt darüber, wie unglaublich wunderbar er geschaffen ist: „Ich hatte noch keine Gestalt gewonnen, da sahen deine Augen schon mein Wesen.“ (Ps.139,16). Ich finde, das ist ein tröstlicher Gedanke. Dass der Mensch nicht im All verloren und nicht an die menschlichen Bedingungen ausgeliefert ist, sondern dass Gott da ist, auch schon vor und im Geborenwerden.
Wer war ich, bevor ich mich kannte? Die Antwort der Bibel heißt: Fürchte dich nicht. Du warst Gottes Kind, von Anfang an.

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Wie du mir – so ich dir: In politischen Konflikten wie auch in persönlichen Auseinandersetzungen. Muss das so sein? Soll das so bleiben? Paulus schreibt im Brief an die Gemeinde in Rom (Röm.12,17f): „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“
Beide Positionen sind biblisch begründet: Die eine heißt: „Wie du mir – so ich dir“. Dieser Grundsatz sorgt dafür, dass man bei einem Konflikt auf Ausgleich bedacht ist, dass auf Steigerungen verzichtet wird und kein: „Wie du mir, so ich dir noch viel mehr“ daraus wird.
Auf dieser Basis wird in der Bibel die Frage des Schadensersatzes geregelt: Wie du mir, so ich dir - „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (2.Moses 21,24) – und eben nicht: Auge um Leben. Der Rechtsgrundsatz der Vergleichbarkeit wird in der Frage eingeführt, wie man einen Schaden regelt, den jemand an seinem Besitz oder an seinem Körper erlitten hat. „Auge um Auge, Zahn und Zahn“ bedeutet: Fordere nicht mehr Ausgleich, als dir tatsächlich an Schaden entstanden ist.
Der Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wird leider gerne außerhalb seines Zusammenhanges zitiert, meist in großer Empörung darüber, wie man so denken oder sich so verhalten könne. Dann ist die Rede vom angeblich rein alttestamentlichen Rachedenken und ähnlichem. Aber zum einen steht dieser Satz in einem besonderen Zusammenhang: Es geht um einen juristischen Sachverhalt: Eine Schadensregelung muss gefunden werden. Sie dient dazu, sich steigernde Gewalt zu verhindern und der Spirale des immer Aggressiver-Antwortens Einhalt zu gebieten. Das war für das damalige Rechtssystem der Durchbruch zu einem neuen Denken. Und zum anderen ist der Gedanke, der dahinter steckt, genau derselbe, der in der Regel auch unser Zusammenleben bestimmt: Wie du mir, so ich dir.
Auf diese Regel nimmt Jesus in der Bergpredigt Bezug. Er zitiert den Grundsatz „Auge um Auge“, also „Gleiches um Gleiches“ – und weist ihn zurück. Er fordert: Man soll nicht nur auf den Ausgleich und den Schadensersatz verzichten, sondern, mehr noch, man soll auch noch die andere Wange hinhalten. Man soll dem, der einen angreift und Böses will, mit offenem Visier begegnen, ohne die Absicht, zurückzuschlagen. Nur so lässt sich ein Kreislauf oder gar eine Spirale von Bösem durchbrechen.
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“ Böses kann man nicht mit Bösem überwinden. Sondern mit Vertrauensvorschuss und damit, dass man anfängt, miteinander zu reden. Böses hat da keinen Platz, wo Menschen einander Gutes zutrauen – im Kleinen wie im Großen.

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In der jüdischen Tradition heißt ein Altersheim: „Elternheim“. Weil es ein Zuhause sein soll, in dem auch die eigenen Eltern gut aufgehoben wären, wenn sie nicht mehr allein leben können. Allein schon die Bezeichnung ändert etwas in meiner Wahrnehmung: Wenn ich von Altersheimen rede, dann tue ich das mit Distanz und sehr sachlich. Wenn ich ein „Elternheim“ beschreibe, schwingen schon im Begriff Gefühle und Beziehungen mit, es rückt mir nahe, es geht mich etwas an. „Eltern“ ist ein Beziehungswort.
Das Gebot, die Älteren zu ehren, ist in den zehn Geboten festgehalten. Da wird eine Beziehung beschrieben, die in einen Generationenvertrag mündet: „Du  sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“ (2. Moses 20,12) Das ist kein Text für Jugendliche in der Pubertät, denen man Folgsamkeit verordnen will. Sondern ein Aufruf an die Generation, die Verantwortung für die Älteren in einer Gesellschaft übernimmt. Die Generationen sorgen füreinander: Auf diesem Vertrag bauen Gesellschaften auf. Nicht nur im europäischen Sozialstaat, in allen Kulturen ist das so.
Heute – und ganz sicher auch in früheren Jahrhunderten – sind viele Familien überfordert, wenn sie diesen Generationenvertrag allein in ihren privaten Lebensumständen einlösen sollen: Die Wohnungen sind zu klein, die Familien wohnen nicht mehr zusammen, die ältere Generation ist mobil und selbständig und erreicht viel später als früher den Punkt, an dem sie auf Hilfe angewiesen ist.
Aber auch in der gesellschaftlich organisierten Umsetzung des Generationenvertrages bleibt es aus religiöser Sicht eine Aufgabe, die Älteren und Hilfebedürftigen zu besuchen. Diese Besuche heiligen das Leben – nicht nur das Leben derer, die sie empfangen, sondern auch derer, die den Besuch machen.
Dieses Verständnis drückt sich in der jüdischen Tradition in einem religiösen Brauch aus: Der Besuch bei Älteren und Hilfebedürftigen ist allein durch das Tun an sich heilig. Allen anderen Taten, mit denen man Gutes tut und Gott die Ehre gibt, wird ein Segensgebet vorausgestellt. Beim Besuch von Älteren und Hilfebedürftigen ist das im religiösen Ritual nicht vorgesehen, es ist nicht notwendig. Denn die Tat an sich ist unverwechselbar und etwas Heiliges.
Ein heiliger Moment: Wer besucht wird erfährt: Ich bin noch nicht vergessen. Ich bin es wert, Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Ich habe Anteil an dem, was um mich herum ist. Und wer besucht spürt: All das kommt zu mir zurück, wie ein Echo, jetzt oder später.

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