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SWR2 Wort zum Tag

Zum ersten Mal nahm ich am Gottesdienst in einem Karmelitinnenkloster teil. Und ich muss gestehen, am Anfang war es ziemlich ungewohnt.
In der Klosterkirche saßen die Ordensfrauen getrennt von den anderen Gottesdienstbesuchern hinter einem Gitter. Aber von jedem Sitzplatz aus, konnte man durch das durchsichtige  Kirchendach direkt in den blauen Himmel sehen.
Auch wenn andere Karmelitinnen mitten unter den Menschen wirken, haben die Schwestern in Speyer die Einsamkeit und die Beschauung als wichtigsten Teil ihres geistlichen Lebens gewählt.
„Gott allein genügt". Diesen Satz hat die Ordensgründerin der Karmelitinnen geprägt: Theresa von Avila. Sie war Mystikerin und Kirchenlehrerin und lebte im 16. Jahrhundert.
„Gott allein genügt." In seiner ganzen Radikalität hat sie diesen Satz gelebt und sich ganz dem  kontemplativen Leben gewidmet. Ohne dabei die tätige Liebe nach außen zu vergessen. Ich habe während des Gottesdienstes bei den Karmelitinnen gelesen: „Es gilt, das Leben in all seinen Dimensionen und Bereichen mit allen Sinnen und Fähigkeiten ganzheitlich auf Gott hin auszurichten. Erst die lebendige Freundschaft mit Gott führt zu einem wirklich fruchtbaren Engagement für die Menschen."
Nach dem Gottesdienst saß ich noch lange in der Kirche. Dieser Satz hat mich sehr nachdenklich gemacht und auch die vielen jungen Schwestern, die ich in diesem Gottesdienst gesehen habe und die sich für das Leben in einem Kloster, ganz für Gott und für die Menschen, entschieden haben.
Es ist schön zu wissen, dass es solche Gemeinschaften gibt. Ich bin dankbar, dass es solche „Tankstelle des Glaubens" gibt, für mich und für andere. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die für die Anliegen der Menschen und der Kirche beten. Tag und Nacht. Und ich bin überzeugt, dass es solche Orte des Gebets braucht. Für mich ist so ein Ort wie ein Schatz der Kirche, aus dem ich eingeladen bin, Kraft zu tanken für den Alltag draußen. Mit Schwung und neuer Lebenskraft bin ich aus der Klosterkirche hinausgegangen - ganz anders, als ich hineingegangen bin. 

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Jeden Tag nimmt er sich eine Stunde Zeit dafür. Eine Stunde, um „in die Augen Jesu zu schauen". Er ist ein Mönch und er ist Ikonenmaler. Ikonen sind religiöse Bilder der orthodoxen Kirche.
 Das letzte halbe Jahr hat er nicht gemalt, hat er mir erzählt. Er hat sich ausgebrannt gefühlt. Fast so etwas wie ein Burnout. Die Aufgaben im Kloster sind ihm zu viel geworden. Was ihm geholfen hat?
Er hat diese innere Leere zugelassen, sie vor Gott hingetragen und er hat gelernt, „in die Augen Jesu zu schauen". So beschreibt er seine tägliche Meditation.
Er stellt dazu eine Ikone auf eine Vorrichtung, die aussieht wie ein kleiner Altar, zündet sich eine Kerze an und setzt sich vor das Bild. Und so kann er ruhig werden, ruhig vor Gott.
Seine Lieblingsikone zeigt eines der ältesten Ikonenmotive: „Christus pantokrator", Christus, der Allerhalter. Typisch für diese Darstellung Christi sind die Augen, die den Betrachter direkt anschauen, egal, wo man sich im Raum befindet. Und die segnende rechte Hand sowie das aufgeschlagene Evangelienbuch in der linken Hand. „Ich könnte ewig in diese Augen schauen. Ich habe das Gefühl, Gott schaut mich durch diese Augen hindurch an", sagt der Mönch. 
Jeden Tag widmet er sich dieser Ikone bevor er nach einem kurzen Gebet beginnt zu malen. Er hat mir erzählt, dass er oft das Gefühl habe, nicht er male die Ikone, sondern Christus male sie für ihn. „Der Blick Christi begleitet mich den ganzen Tag hindurch."
Nach diesem Gespräch habe ich mir überlegt, dass ich mir gerne auch jeden Tag eine feste Zeit für die Meditation einräumen möchte. Was tut mir gut? Gibt es auch ein Bild für mich, in das ich mich gerne versenken würde, um daraus innere Kraft zu schöpfen für das, was ich den Tag über vorhabe?
Einen Platz im Alltag für dieses Ritual, einen festen Ort in den eigenen vier Wänden, wo ich mir Zeit nehme für mich, für Gott, jeden Tag - das wäre schön. Vielleicht schaffe ich es nicht gleich täglich, aber es wäre schön, wenn es mir gelingt, mir Zeit genug zu nehmen, um Jesus in die Augen schauen zu können und um dann zu spüren: Sein Blick begleitet mein Leben.

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Sarajevo. Vor zwei Wochen war ich mit dem Rottenburger Bischof Gebhard Fürst in der Hauptstadt der Republik Bosnien-Herzegowina. Der muslimische Großmufti von Sarajevo, Mustafa Ceriċ, hatte den Bischof eingeladen. Vor drei Jahren war er selber zu Gast in Rottenburg. Im Mittelpunkt der Gespräche stand der Dialog zwischen den Religionen.
Sarajevo ist eine lebensfrohe Stadt mit südlichem Flair. Sehr viele junge Menschen prägen das Straßenbild. An das alte muslimische Viertel mit seinen Moscheen und Basaren schließt sich der Stadtbezirk aus der Habsburger Zeit an - mit schönen Häusern aus der Gründerzeit, mit Jugendstilfassaden und modernen Geschäften. Mitten drin die Kathedrale der katholischen Erzdiözese. Diese Stadt galt lange als Ort, an dem Katholiken und Orthodoxe, Muslime und Juden im Frieden miteinander lebten. Sarajevo als Modell einer neuen europäischen Gesellschaft. Heute allerdings sind an vielen Stellen noch zerstörte Häuser, Einschusslöcher an den Fassaden und viele kleine Friedhöfe mitten in der Stadt zu sehen. Sie zeugen von einem mörderischen, hasserfüllten Krieg, der in den Jahren 1991 bis 1995 das Ringen der Bevölkerung von Bosnien und Herzegowina um Selbständigkeit begleitete. Der Kampf der Völker um Macht und Einfluss riss auch tiefe Gräben zwischen den Religionen auf.
Und heute? Der Krieg liegt 15 Jahre zurück. Aber die Toten sind nicht vergessen. Die Wunden sind noch nicht verheilt, die meisten Vertriebenen nicht mehr zurückgekehrt. Waren früher die Religionen in etwa gleichmäßig verteilt, so lebt heute eine Minderheit von Katholiken unter einer Mehrheit von Muslimen. Zahlreiche neue Moscheen geben davon Zeugnis. Die Orthodoxen haben sich in einer eigenen Provinz abgegrenzt; die jüdische Gemeinde, schon im Zweiten Weltkrieg fast völlig ausgelöscht, zählt heute nur noch wenige Mitglieder.
Der Dialog sei schwieriger geworden, so hören wir. Aber es gibt keine Alternative zum Dialog. Gerade dann, wenn das Zusammenleben zerbrechlich ist, wenn sich Minderheiten benachteiligt fühlen und Mehrheiten sich überheblich verhalten. Dialog ist ein modernes Wort für Frieden. Woher soll der Friede kommen, wenn es keinen Dialog unter den Religionen gibt?
Die Verantwortlichen der Religionen in Sarajevo bemühen sich um einen neuen gemeinsamen Weg. So haben sie etwa einen Interreligiösen Rat gebildet, der das gegenseitige Verstehen fördert und die Rechte der Minderheiten stärkt. Sie haben genug unter dem Fluch des Krieges gelitten und sehnen sich danach, dass der immer noch zerbrechliche Friede Bestand hat. „Segnen Sie unseren Frieden", bittet der muslimische Großmufti den katholischen Bischof zum Abschied.

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Heute schon Selbstgespräche geführt? Selbstverständlich, ständig laufen die inneren Dialoge: „Ach, den kennst du doch? Sollte ich nicht den Besuch machen?" Unablässig läuft das innere Gespräch - über Kleinigkeiten, aber auch im Grundsätzlichen. „Hätte ich mich doch damals anders verhalten! Soll ich mich auf diese Beziehung einlassen? Sollte ich nicht mehr für mich tun?" Nicht erst Goethes Faust klagt über die zwei Seelen in seiner Brust!. Und wenn es nur zwei wären! Ich spiele viele Rollen auf der Bühne meines Lebens, aber wer ist der Regisseur, wer gibt den Ton an und ist Dirigent? Und wer schreibt das Drehbuch, die Partitur? Der Mensch erlebt sich wie ein kleines Welttheater auf der inneren Lebensbühne, der Seele. Genau deshalb ist das spirituelle Lebenswerk von Marguerite Porete so aktuell. Diese flämische Mystikerin, vor 700 Jahren in Paris tragischerweise verbrannt, beschreibt das geistliche Wachstum wie einen ständigen dramatischen Dialog. Hauptfiguren sind „die Liebe" und „die Vernunft". Verrückt ist die eine, nüchtern die andere - wie könnte es anders sein. Ergriffen von Gottes Liebe, sieht die Seele - also der ganze Mensch - sich innerlich angesprochen: Natürlich ist es verrückt, Jesus zu lieben und ihm nachzufolgen. Im Sinne der Bibel sich von Gott lieben zu lassen und ihn wieder zu lieben, wie das Jesus tat und uns empfiehlt - eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Die ganze Bibel erzählt davon, Marguerite in ihrem Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen" nicht minder. Immer wieder ist es die Vernunft, die der Liebe ins Wort fällt: Sich ganz auf Gott verlassen, das ist doch viel zu riskant, sagt sie z.B.. Lieber die Fäden selbst in der Hand behalten Lieber das Ego in der Hand als die geistliche Taube auf dem Dach. Gott lieben und seinen Willen tun - warum eigentlich? Für Marguerite ist klar: Wer sich von Gott lieben lässt und ihn so liebt, wie Jesus von Nazaret, der wird frei und authentisch und kreativ. Sein Herz hängt an nichts in der Welt und gerade deshalb ist es allem und allen zugewandt. Aber die Vernunft ist skeptisch: sich von Gott lieben lassen? Betend mit ihm im Gespräch sein? Viel zu gewagt, viel zu verrückt. Aber schließlich lässt Marguerite die Vernunft sterben. Denn die kommt spürbar an ihre Grenzen. Das, worum es wirklich geht, ist nicht zu fassen, wortwörtlich. Es ist auch nicht zu beschreiben, man muss es leben - und Marguerite tut es, als Frau in der Männerwelt, als Laie in der Kleruskirche. Ihr Fazit im Buch lautet: Gott da ist - und wer sich auf ihn verlässt, ist letztendlich nie verlassen. Er ist im Frieden.

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„Es war einmal eine bedürftige Kreatur, die lange Zeit überall in der Welt Gott suchte..." Das klingt fast wie im Märchen, und ist doch Realität „als wär's ein Stück von mir". Der Mensch, der da von sich erzählt, wurde vor 700 Jahren tragischer Weise in Paris verbrannt - eine aufregende Christin, die in einem Buch ihren Pilgerweg zu Gott beschreibt - und zu sich selbst. Marguerite Porete heißt sie und stammt aus dem flämischen Nordfrankreich. Nicht ihr Ego steht im Mittelpunkt, deshalb spricht sie ganz scheu in der dritten Person von einer bedürftigen Kreatur, von einer „mit sich selbst beladenen Bettlerin". Sie hat nur eins im Sinn, sie sucht Gott. Denn ohne ihn ist in allem etwas zu wenig. Wahrhaft er selbst wird der Mensch nur, wenn er seiner Gottbedürftigkeit folgt und solange sucht, bis er fündig wird. Davon ist sie als Christin überzeugt.
„Der Spiegel der einfachen vernichtigten Seelen" heißt ihr Buch, das Dokument einer wahnsinnigen Liebesgeschichte. „Fern-nah" ist der geliebte Gott. Je mehr der Mensch sich von seinem Lockruf aber umtreiben und bewegen lässt, desto mehr bekommt er genau das zu spüren: Kostbare tröstende Nähe in manchen Augenblicken schon jetzt, aber eben auch noch schmerzhafte, unendliche Ferne. Marguerite schreibt aus eigener Erfahrung. Sie hat Menschen im Blick, die anständig leben, das Gute wollen und auch rechte Christen sind. Aber sie nennt sie trotzdem traurig. Sie spüren nämlich, dass der wirkliche Friede noch nicht da ist. Sie kennen die Traurigkeit, noch kein Heiliger zu sein. Wie viel wird in Christenkreisen von Liebe und Frieden gesprochen! Aber wo wird er erlebt und gelebt? Für Marguerite ist klar: Wer sich nicht, wortwörtlich, ganz auf Gott verlässt, findet den Frieden nicht. Nichts in der Welt kann letztlich Erfüllung schenken, wenn nicht Gottes Liebe darin ist. Wenn aber nicht mehr das Ego regiert, sondern Gottes Liebe, dann ist alles gut, schon jetzt - selbst wenn es schlimm bleibt und schwer ist. . Das macht diese Frau so frei, so mutig und demütig, das gibt ihr eine unverwechselbare Stimme in der christlichen Freiheitssymphonie des Evangeliums. 200 Jahre später wird Martin Luther von der Freiheit eines Christenmenschen schreiben: Niemandem untertan, weil allein in Gott gegründet und allen untertan, weil es keine Gottesliebe gibt ohne Nächsten- und Selbstliebe. Das macht diese Glaubenslehrerin so aktuell.

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Eine hinreißende Frau, ein trauriger Anlass. Vor fast genau 700 Jahren, am 1. Juni 1310, wurde Marguerite Porete in Paris verbrannt. Die ganze Stadt war erschüttert. Vor allem zwei Punkte wollte die erfahrene Christin nicht widerrufen. Wer sich innigst mit Gott verbunden weiß und dem Geist Jesu folgt, braucht letztlich die kirchlichen Lehren und Sakramente nicht unbedingt. Das war der eine Schmerzpunkt, auf dem sie beharrte. Der andere: Wer sich radikal auf Gott verlässt, wächst auch über alle moralischen Tugenden und Vorschriften hinaus. Entscheidend war für diese fromme Frau: „Lass dich wirklich von Gott lieben und liebe ihn - und was du dann tun willst, das tu." Darüber steht kein Gebot und kein Dogma, kein Sakrament und keine ethische Vorschrift. Marguerite lebte im flämischen Nordfrankreich, sie war eine Begine, gehörte also in jene spirituelle Aufbruchsbewegung, in der damals gerade Frauen einen eigenen authentischen Weg der Christwerdung wagten, in der bestehenden Männerkirche und ihr gegenüber. Wäre das Werk dieser Frau nicht wiederentdeckt worden, bliebe ihr tragischer Tod nur eine traurige Episode. Aber ihr Buch ist hochaktuell. Sein Titel klingt fremd, hat es aber in sich: „Der Spiegel der einfachen vernichtigten Seelen". Da spricht eine mutige Frau aus ureigener Erfahrung. Sie hat Menschen im Blick, die anständig leben und Christen sind, so gut es eben geht. Sie halten die Gebote, sie beten, sie gehen zur Kirche - aber sie sind mit ihrem Ist-Zustand nicht zufrieden. Tief drinnen spüren sie: wer nicht ganz bei Gott ist und in Kommunion mit ihm, ist auch nicht wirklich bei sich und nicht ganz in der Welt. Genau darum aber geht es in diesem Dokument eines spirituellen Abenteuers. Ziel ist die heilige Kommunion zwischen Gott und Mensch. Erst wo der Mensch sich ganz auf Gott verlässt und sein Ego verabschiedet, wird er wahrhaft er selbst. »Vernichtigung« nennt das Marguerite: Das eigene Ego loswerden und selbstvergessen da sein. Wir könnten ganz schlicht mit dem Vater-unser sagen: „Dein Wille geschehe, nicht meiner." Das ist die Logik der Liebe. Marguerite Porete war eine in Liebe verrückte Frau. „Fern-nah" nennt sie ihren geliebten Gott, alles andere steht da zurück. Alle Moral hat nur den Sinn, zu dieser unmittelbaren Selbst- und Gotteserfahrung zu verhelfen. Auch das kirchliche Tun in Lehre und Liturgie bleibt ihr wichtig, aber nie darf es Endzweck sein. Marguerite war ein Mensch, der sich in allem ganz auf Gott verlässt und dadurch er selbst wird.

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